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Full text of "Jahrbuch der Königlich Preussischen Geologischen Landesanstalt und Bergakademie zu Berlin für das Jahr .."

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Jahrbuch 


der 

Königlich  Preussischen  geologischen 
Landesanstalt  und  Bergakademie 


Berlin 


für  das  Jahr 


1889. 


Berlin. 


ln  Commission  bei  der  Simon  ScHROPP’schen  Hof-Landkartenhandlung 

(J.  H.  Neumann). 


Inhalt 


I. 

Mittlieiliingen  aus  der  Anstalt. 

Seile 

1.  Bericht  aber  die  Thätigkeit  der  Königi.  geologischen  Landesanstalt 

im  Jahre  1889  ix 

"2.  Arbeitsplan  für  die  geologische  Landesaufnahme  im  Jahre  1890  . . xx 
3.  Mittheilungen  der  Mitarbeiter  der  Königlichen  geologischen  Landes- 
anstalt über  Ei’gebnisse  der  Aufnahmen  im  Jahre  1889  xxvi 

K.  A.  Lossen:  Ueber  geologische  Aufnahmen  auf  dem  Blatte  Harz- 
burg   XXVI 

M.  Koch:  Ueber  Aufnahmen  im  Oberharz,  am  Osteröder -Polster- 
berger Grünsteinzug  und  am  Bruch-  und  Ackerberg  . . xxxiii 

W.  Dambs:  Ueber  die  Aufnahme  des  Blattes  Wegeleben  ....  xxxv 
A.  VON  Koenbn:  Ueber  die  Aufnahmen  -westlich  und  südwestlich 

vom  Harz xxxv 

H.  Loeetz:  Ueber  Aufnahmen  auf  den  Blättern  Schwarzburg, 

Königsee  und  Ilmenau xxxvii 

Scheibe  und  Zimmeemann:  Ueber  die  wissenschaftlichen  Ergebnisse 

der  Aufnahmen  auf  dem  Blatte  Ilmenau XLi 

R.  Scheibe:  Ueber  die  wissenschaftlichen  Ergebnisse  der  Auf- 
nahmen auf  Blatt  Friedrichsroda XLVU 

E.  Zimmeemann:  Ueber  Aufnahmen  auf  den  Blättern  Stadtilm  und 

Plaue XLViii 

H.  Proeschoedt:  Ueber  Aufnahmen  und  Revisionen  im  Bereich 
der  Blätter  Römhild,  Rentwertshausen,  Ostheim  und  Sond- 

heim Liv 

K.  Oebbeke:  Ueber  den  Abschluss  der  Aufnahme  auf  den  Blättern 

Niederaula  und  Neukirchen LVii 

A.  Dbnckmann:  Ueber  Aufnahmen  im  Gebiete  des  Blattes  Waldeck- 

Kassel  (1  : 80000) LViii 

A.  LErvLA:  Ueber  Aufnahmen  im  Gebiet  des  Blattes  Waldeck- 

Kassel  (1  : 80000) Lxv 

F.  BEyscHLAa : Ueber  Aufnahmen  im  Gebiete  des  Blattes  Waldeck- 

Kassel  (1  : 80000) Lxx 

a* 


Seite 


E.  Kayser:  lieber  Aufnahmen  in  der  Gegend  von  Dillenburg  und 

Marburg Lxxvn 

Holzapfel:  Heber  die  Aufnahmen  auf  Blatt  St.  Goarshausen  . Lxxix 

E.  Dathe:  Heber  die  geologischen  Aufnahmen  der  Blätter  Rudolfs- 
waldau, Friedland  und  Reichenbach Lxxx 

G.  Bekendt:  Heber  wissenschaftlich  neue  Ergebnisse  bei  der  Auf- 
nahme des  Blattes  Stettin Lxxxv 

G.  Lattermann:  Heber  Aufnahmearbeiten  auf  den  Blättern  Ringen- 

walde und  Colbitzow Lxxxviii 

M.  Scholz:  Heber  die  Aufnahmen  auf  der  Insel  Rügen  ....  xc 

H.  Grüner:  Heber  die  Aufnahme  des  Blattes  Glöwen  ....  xcv 

4.  Personal- Nachrichten c 

II. 

Abhandlungen  von  Mitarbeitern  der  Königl.  geologischen 
Landesanstalt. 

Heber  Thalbildung  im  oberen  Werragebiet.  Von  Herrn  H.  Proescholdt 

in  Meiningen.  (Tafel  I.) 1 

Heber  einige  Carbonfarne.  Von  Herrn  H.  Potonie  in  Berlin.  (Tafel  II — V.)  21 

Das  Grundgebirge  des  Spessarts.  Von  Herrn  H.  Bücking  in  Strassburg  i/E. 

(Tafel  XIV.)  28 

Heber  Tertiär -Vorkommen  zu  beiden  Seiten  des  Rheines  zwischen  Bingen 
und  Lahnstein  und  Weiteres  über  Thalbildung  am  Rhein,  an  der  Saar 
und  Mosel.  Von  Herrn  H.  Grebe  in  Trier.  (Tafel  XV — XVII.)  . . 99 

Beiträge  zur  Beurtheilung  der  Frage  nach  einer  einstigen  Vergletscherung 
des  Brocken-Gebietes.  Von  den  Herren  K.  A.  Lossen  und  F.  Wahn- 
schaffe in  Berlin 124 

Die  Rudisten  der  Oberen  Kreide  am  nördlichen  Harzrande.  Von  Herrn 

G.  Müller  in  Berlin.  ( Tafel  XVIII.) 137 

Der  baltische  Höhenrücken  in  Hinterpommern  und  Westpreussen.  Von 

Herrn  K.  Keilhack  in  Berlin.  (Tafel  XXVI.) 149 

Prestwichia  (Euproops)  Scheeleana  n.  sp.  Von  Herrn  Th.  Ebert  in  Berlin  215 
Der  Zechstein  in  der  Gegend  von  Blankenburg  und  Königsee  am  Thüringer 

Walde.  Von  Herrn  H.  Loretz  in  Berlin 221 

Der  im  Lichthof  der  Königl.  geologischen  Landesanstalt  und  Bergakademie 
aufgestellte  Baumstumpf  mit  Wurzeln  aus  dem  Carbon  des  Piesberges. 

Von  Herrn  H.  Potonie  in  Berlin.  (Tafel  XIX— XXII.) 246 

Vergleichende  Studien  über  die  Gesteine  des  Spiemonts  und  des  Bosen- 
bergs bei  St.  Wendel  und  verwandte  benachbarte  Eruptivtypen  aus 
der  Zeit  des  Rothliegenden.  Von  Herrn  K.  A.  Lossen  in  Berlin  . . 258 

Ein  neuer  Nautilus  aus  dem  Grenzdolomit  des  thüringischen  Keupers 
(Trematodiscus  jugatonodosus).  Von  Herrn  Ernst  Zimmermann  in  Berlin. 

(Tafel  XXVII.) ' 322 


Seite 

Beitrag  zur  Lössfrage.  Von  Herrn  F.  Wahnsciiaffe  in  Berlin  ....  328 

Die  Soolbohrungen  im  Weiclibilde  der  Stadt  Berlin.  Von  Herrn  G.  Bekendt 

in  Berlin  (Tafel  XXVIII.) 347 

Abhaudlnngen  von  ausserhalb  der  Königl.  geologisclien 
Landesanstalt  stellenden  Personen. 

Die  Tiefenverliältnisse  der  Masurisehen  Seen.  Von  Herrn  W.  Ule  in 

Halle  a.  S.  (Tafel  VI  — X.) 3 

Die  Grenzschichten  zwischen  Hilsthon  und  Wealden  bei  Barsinghausen 

am  Deister.  Von  Herrn  C.  Struckmann  in  Hannover.  (Tafel  XI  — XIII.)  55 
Beitrag  zur  Kenntniss  der  in  westpreussischen  Silurgeschieben  gefundenen 

Ostracoden.  Von  Herrn  J.  Kiesow  in  Danzig.  (Tafel  XXIII  u.  XXIV.)  80 
Beiträge  zur  geologischen  Kenntniss  des  nordwestlichen  Oberharzes,  ins- 
besondere in  der  Umgebung  von  Lautenthal  und  im  Innerstethal.  Von 

Herrn  Wilhelm  Langsdorfp  in  Clausthal 104 

Ueber  das  Gebiss  von  Lepidotus  Koeneni  Br.  und  Hauchecornei  Br.  Von 

Herrn  W.  Branco  in  Königsberg  i.  Pr 124 

Untersuchungen  eines  Olivingabbros  aus  der  Gegend  von  Harzburg.  Von 

Herrn  A.  Martin  in  Bonn.  (Tafel  XXV.) 129 


I. 

Mittheilungen  aus  der  Anstalt. 


1. 

Bericht  über  die  Tliätigkeit 
der  Königlichen  geologischen  Landesanstalt 
im  Jahre  1889. 


I.  Die  Aufnahmen  im  Gebirgslande. 

Im  Gebiete  des  Blattes  Harzburg  (G.  A.  56;  s)  wurde  von  i.  Der  iiarz. 
dem  Landesgeologeu  Professor  Dr.  Lossen  die  Gliederung  und 
Kartirung  der  Granit-,  Gabbro-  und  »Ecker- Gneiss« -Massen 
zwischen  dem  Ilse-  und  Radau  - Tliale  fortgesetzt.  In  Blatt 
Blankenburg  (G.  A.  56;  le)  wurden  einige  topographische  und 
geologische  Revisionen  und  Ergänzungen  ausgeführt,  welche  durch 
die  Neueinzeichnung  oder  Vervollständigung  des  Wegenetzes  ver- 
anlasst waren. 

Im  Ob  er  harz  setzte  Bezirksgeologe  Di\  Koch  die  Revision 
der  Aufnahmen  des  verstorbenen  Bergraths  Dr.  von  Groddeck 
im  Bereich  der  Blätter  Osterode , Zellerfeld  und  Riefensbeek 
(G.  A.  55;  18.  56;  7,  is)  fort  und  richtete  seine  Bemühungen  be- 
sonders darauf,  die  Altersfolge  und  die  Lagerungsverhältnisse  der 
Schichten  am  Bruchberg- Acker  und  am  Osteröder -Polsterberger 
Grünstein  - Zuge  klai’zustelleu. 

Am  Nordrande  des  Harzes  wurde  von  Professor  Dr. 

Dames  die  im  Vorjahre  begonnene  Aufnahme  des  Blattes  Wege- 
leben (G.  A.  56;  12)  bis  auf  einen  kleinen  Theil  in  der  Nordost- 
ecke und  einige  Revisionen  zu  Ende  geführt.  Auch  kartirte  der- 
selbe auf  Blatt  Wernigerode  die  Zechsteinformation  von  Nausen 


X 


2.  Thüringen. 


zvir  Herbeifülirimg  der  Uebereinstimmimg  mit  dem  beuaclibarten 
Blatte  Derenburg  (G.  A.  56;  9,  lo). 

Westlich  des  Harzes  beendete  Bezirksgeologe  Dr.  Ebert 
die  Aufnahme  des  Blattes  Gelliehausen  (G.  A.  55;  35)  fast  voll- 
ständig. 

Professor  Dr.  von  Koenen  brachte  das  Blatt  Göttinnen 

o 

(G.  A.  55;  28)  durch  eine  letzte  Revision  zum  Abschluss  und  be- 
gann die  Aufnahme  des  Blattes  Reinhausen  (G.  A.  55;  34).  In  den 
Blättern  Gandersheim,  Seesen,  Westerhof  und  Osterode  (G.  A,. 
55;  11,  12,  17,  18)  fügte  derselbe  die  Ergebnisse  einiger  neuer  Auf- 
schlüsse hinzu  und  setzte  ferner  durch  eine  Anzahl  von  Orien- 
tiruugsbegehiiugeu  die  erste  Untersuchung  der  Blätter  Freden, 
Eimbeck,  Moringen  und  Nörten  (G.  A.  55;  4,  10,  I6,  22)  fort. 

Nördlich  des  Thüringer  Waldes  wurde  von  dem  Berg- 
ingenieur Frantzen  im  Bereiche  des  Blattes  Creuzburg  (G.  A. 
(G.  A.  55 ; 60)  eine  Revision  des  Muschelkalkgebietes  nördlich  von 
der  Creuzburg -Iftaer  Strasse  ausgeführt  und  die  Aufnahme  des 
durch  Verwerfungen  sehr  zerschnittenen  Terrains  südlich  jener 
Strasse  dem  Abschluss  nahe  gebracht. 

Im  Thüringer  Walde  wurde  von  dem  Hülfsgeologen 
Dr.  Scheibe  im  Gebiet  der  Blätter  Brotterode  und  Friedrichsrode 
(G.  A.  70;  7,  8)  im  Rothliegenden  die  Abtrennung  der  TuflFe  von 
den  übrigen  Sedimenten  bewirkt.  Von  demselben  wurde  sodann 
innerhalb  des  Blattes  Ilmenau  ((G.  A.  70;  22)  in  Gemeinschaft  mit 
dem  Hülfsgeologen  Dr.  Zimmermann  die  Aufnahme  im  westlichen 
Theil  des  Blattes  fortgesetzt,  während  im  Anschluss  au  diese 
Arbeiten  Laudesgeologe  Dr.  Loretz  die  Untersuchung  des  öst- 
lichen Theils  des  Blattes  weiterführte. 

Die  Kartiruug  und  Revision  der  Blätter  Königssee  und 
Schwarzburg  (G.  A.  70;  23,  24)  wurde  von  Dr.  Loretz  in  den 
durch  den  Zechsteiu  und  den  Buntsandstein  eingenommenen 
Theilen  dieser  Blätter  fertig  gestellt. 

Professor  Dr.  von  Fritsch  vollendete  die  Aufnahme  des 
Blattes  Remda  (G.  A.  70;  I8)  und  führte  eine  Anzahl  von  Revisionen 
innerhalb  der  von  ihm  bearbeiteten  Blätter  Tambach,  Schwarza, 
Suhl  und  Schleusingeu  (G.  A.  70;  14,  20,  21,  27)  aus. 


Das  au  Remda  westlich  augrenzende  Blatt  Stadt  Ilm  ((G.  A. 
70;  7),  zu  welchem  eine  erste  Aufnahme  von  E.  E.  Schmid  vor- 
lag, wurde  durch  Dr.  Zimmermann  einer  vollständigen  Revision 
unterzogen  und  druckfertig  bearbeitet,  so  dass  nunmehr  eine  aus 
den  Blättern  Stadt  Ilm,  Remda,  Königssee,  Schwarzburg,  Breiten- 
bach und  Gräfeuthal  zusammengesetzte  Lieferung  (G.  A.  70;  17, 18, 
23,  24,  29,  3o)  zur  V eröffeutlichuiig  fertig  gestellt  ist. 

Behufs  der  Vorbereitung  des  Abschlusses  und  der  Veröffent- 
lichung der  Arbeiten  über  das  westlich  von  hier  liegende  Gebiet 
des  inneren  Thüringer  Waldes  wurden  von  Dr.  Beyschlag,  Dr. 
Zimmermann  und  Dr.  Scheibe  gemeinschaftliche  vergleichende 
Begehungen  innerhalb  der  Blätter  Ilmenau,  Masserberg,  Schleu- 
siugen  und  Suhl  ausgeführt. 

Im  südlichen  Thüringen  nahm  Bezirksgeologe  Dr.  Bey- 
SCHLAG  zur  Herbeiführung  einer  gleich mässigen  Behandlung  der 
Schichten  des  mittleren  Keupers  mit  den  angrenzenden  Bayerischen 
Aufnahmen  eine  Revision  auf  den  zur  Veröffentlichung  bestimmten 
Blättern  Römhild,  Rodach,  Rieth,  Heldburg  und  Coburg  (G.  A. 
70;  38,  39,  44,  45,  46)  vor. 

Dr.  Proescholdt  bewirkte  eine  letzte  Revision  des  Blattes 
Rentwertshausen  (G.  A.  70;  31)  zur  Anschliessung  an  das  ver- 
öffentlichte, nördlich  angrenzende  Blatt  Meiningen,  sowie  des 
Blattes  Römhild  (G.  A.  70;  38)  und  führte  demnächst  die  Aufnahme 
der  Blätter  Sondheim  und  Ostheim  weiter  (G.  A.  69 ; 35,  36). 

In  Ost-Thüringen  brachte  Hofrath  Professor  Dr.  Liebe 
die  Aufnahme  des  Blattes  W altersdorf  (G.  A.  7 1 ; is)  unter  Hülfe- 
leistuug  des  Dr.  Zimmeemann  zum  Abschluss,  wodurch  eine  aus 
diesem  und  den  Blättern  Weida,  Naitschau  und  Greiz  (G.  A.  71; 
17,23,  24)  zusammenzusetzende  Lieferung  zur  Veröffentlichung  fertig 
gestellt  worden  ist.  Ausserdem  setzte  derselbe  in  Gemeinschaft 
mit  Dr.  Zimmermann  die  Untersuchung  des  Gebietes  der  Blätter 
Lobenstein,  Mielesdorf  und  Gefell  (G.  A.  7 1 ; 32,  28,  34)  fort. 

Im  Regierungsbezirk  Cassel  wurden  von  Professor  Dr. 
Kayser  die  Aufnahmen  in  der  Gegend  von  Marburg  fortgeführt 
und  insbesondere  der  auf  die  Blätter  Wetter,  Freisbach- Caldern 
und  Marburg  (G.  A.  68;  3,  8,  9)  fallende  Wollenberg  mit  seiner 
Umgebung  kartirt. 


3.  Die  Provinz 
Hessen-Nassau, 
a)  der  Regie- 
rungsbezirk 
Cassel. 


XII 


b)  der  Regie- 
rungsbezirk 
Wiesbaden. 


4.  Die  Rhein- 
provinz. 


Von  Professor  Dr.  Bücking  wurden  die  im  vorigen  Jahre 
nicht  revidirten  Theile  der  bereits  in  den  Jahren  1873  bis  1876 
aufgenommenen  Blätter  Langenselbold,  Bieber  und  Lohrhaupten 
(G.  A.  68;  53,  54.  69  ; 49)  behufs  der  Veröffentlichung  einer  Revision 
unterworfen.  Demnächst  wurde  von  demselben  die  für  die  früher 
begonnene  Bearbeitung  der  geognostischen  und  bergbaulichen  Ver- 
hältnisse von  Bieber  und  die  zugehörige  Specialkarte  erforder- 
lichen Untersuchungen  ausg-eführt. 

Professor  Dr.  Oebbeke  beendete  die  Aufnahme  der  Blätter 
Neukirchen  und  Niederaula  (G.  A.  69;  7,  s). 

Ausser  diesen  Arbeiten  für  die  Specialkarte  wurden  im  Re- 
gierungsbezirk Cassel  unter  Leitung  von  Professor  Dr.  Kayser 
durch  Dr.  Leppla  und  Dr.  Denckmann  die  Untersuchungen  für 
das  im  vorigen  Jahre  in  Angriff  genommene  Blatt  Waldeck-Cassel 
der  geologischen  Uebersichtskarte  von  Rheinland -Westphalen  im 
Maassstabe  1 : 80000  weitergeführt  und  unter  Hülfeleistung  des 
Bezirksgeologen  Dr.  Beyschlag,  welcher  die  Umgegend  von 
Cassel  bearbeitete,  zum  Abschluss  gebracht. 

Im  Regierungsbezirk  Wiesbaden  führte  Professor  Dr. 
Kayser  die  Aufnahme  der  Gegend  von  Dillenburg  fort  und  voll- 
endete die  östliche  Hälfte  des  Blattes  Dillenburg  nebst  Theilen 
des  angrenzenden  Blattes  Tringenstein  (G.  A.  67;  18.  68;  13). 

Professor  Dr.  Holzapfel  setzte  die  Aufnahme  des  Blattes 
St.  Goarshausen  (G.  A.  67 ; 5i)  fort  und  brachte  sie  dem  Abschluss 
nahe.  Derselbe  begann  zugleich  die  Bearbeitung  des  Blattes 
Algenroth  (G.  A.  67;  52). 

In  dem  linksrheinischen  Theile  der  Rheinprovinz  wurde  von 
dem  Landesgeologen  Grebe  die  Revision  der  früher  auf  der  topo- 
graphischen Unterlage  älterer  Messtischblätter  bearbeiteten  Auf- 
nahmen zur  Uebertragung  auf  die  Grundlage  neuer  Messtisch- 
blätter der  Landesaufnahme  fortgesetzt.  Sie  betreffen  die  Blätter 
Mettendorf  (G.  A.  79;  2),  Oberweiss,  Bitburg,  Landscheid,  Wittlich, 
Bernkastel,  Neumagen,  Morbach  und  Hottenbach  (G.  A.  80;  1,  2, 
3,  4,  5,  10,  11,  12).  Die  Revisionen  dieses  Gebietes  wurden  so  weit 
abgeschlossen,  dass  die  Veröffentlichung  von  11  Blättern  der 
Gegend  von  Trier  hat  in  Angriff  genommen  werden  können. 


XIII 


Ausserdem  brachte  Landesgeologe  Grebe  noch  Revisionen 
in  den  an  dieses  Gebiet  nördlich  angrenzenden  Blättern  Hillburg, 
Hasborn  und  Alf  (G.  A.  66 ; 56,  58,  59),  sowie  in  dem  Nahegebiete 
und  bei  Saarbrücken  zur  Ausführung. 

In  der  Provinz  Schlesien  vollendete  Landesgeologe  Dr. 
Dathe  die  Aufnahme  des  Blattes  Rudolfswaldau  (G.  A.  76;  19). 
Derselbe  führte  die  Aufnahme  des  Blattes  Reichenbach  (G.  A. 
76;  14)  weiter  und  begann  die  Kartirung  des  Blattes  Friedland 
(G.  A.  75;  2i),  sowie  die  Untersuchung  der  Lagerungsverhältnisse 
der  Eruptivgesteine  und  Tuffe  in  dem  Blatte  Waldenburg  (G.  A. 
75;  18). 

Bergrath  Schütze  begann  die  Untersuchungen  in  den  Blättern 
Kupferberg,  Ruhbank,  Schmiedeberg  und  Tschöpsdorf  (G.  A.  75; 

10,  11,  16,  19). 


II.  Die  Aufnahmen  im  Flachlande 

unter  besonderer  Berücksichtigung  der  agronomischen 

Verhältnisse. 

In  dem  Vorpommern’schen  Arbeitsgebiet  führte  Landes- 6 
geologe  Professor  Dr.  Berendt  in  der  durch  Revisionsarbeiten  nicht 
beanspruchten  Zeit  unter  Hülfeleistiing  des  Ciiltiirtechnikers  Hü- 
BINGER  und  zeitweise  auch  des  Kulturtechnikers  Wölfer  die  Kar- 
tirung des  Blattes  Gr.  Christiiienberg  ganz  und  des  Blattes  Stettin 
zum  grösseren  Theile  aus  (G.  A.  29;  33,  32). 

Landesgeologe  Dr.  Wahnschaffe  bewirkte  mit  Hülfe  der 
Cultiirtechniker  Toellner  und  Gossner  die  Aufnahme  der  Blätter 
Podejiich  und  Alt-Damm  (G.  A.  29;  38,  39). 

Dr.  Lattfrmann  nahm  die  Kartirung  des  Blattes  Colbitzow 
(G.  A.  29;  37)  in  Angriff’. 

Dr.  Müller  begann  und  beendete  die  Aufnahme  des  Blattes 
Kreckow  (G.  A.  29;  3i). 

Im  Hinterpommern’schen  Arbeitsgebiet  brachte  Bezirks- 
geologe Dr.  Keilhack  unter  Hülfeleistiing  der  Cultiirtechniker 
Pohlitz,  Baldcs  und  Burck  die  Blätter  Bublitz,  Gramenz, 


>.  Die  Provinz 
Schlesien. 


. Vorpommern. 


7.  Hinter 
pommern. 


XIV 


8.-  Uckermark. 


9.  Havelland. 


10.  Priegnitz. 


11.  West- 
preussen. 


12.  Ost- 
preussen. 


Wurchow  und  Kasiinirshof  (Gr.  A.  31;  2,  7,  8,  9)  zum  Abscliluss 
und  begann  sodann  die  Aufnahme  der  Blätter  Bärwalde,  Per- 
sanzig  und  Neu -Stettin  (G.  A.  31;  13,  14,  15),  von  welchen  die 
beiden  letzteren  gleichfalls  fertig  gestellt  wurden. 

Im  ückermärkischen  Arbeitsgebiete  brachte  Landes- 
geologe Dr.  Wahnschaffe  mit  Beihülfe  des  Culturtechnikers 
Toellner  die  Aufnahme  des  Blattes  Hindenbiu’g  (G.  A.  28 ; 45) 
zum  Abschluss. 

Dr.  SCHROEDER  vollendete  die  Kartirung  des  Blattes  Wallmow 
(G.  A.  28;  41). 

Dr.  Beushausen  führte  die  Aufnahme  des  Blattes  Gramzow 
zu  Ende  und  begann  diejenige  des  Blattes  Pencun  (G.  A.  28 ; 47,  48). 

Dr.  Lattermann  brachte  das  Blatt  Ringenwalde  (G.  A. 
28 ; 57)  durch  Aufnahme  des  östlichen  Theiles  desselben  zum  Ab- 
schluss. 

Im  H avelländischen  Arbeitsgebiete  führte  Dr.  Keil- 
hack eine  Schlussrevision  des  durch  den  Landesgeologen  Dr. 
Läufer  aufgenommeuen  Blattes  Lehnin  (G.  A.  44;  39)  unter  be- 
sonderer Berücksichtigung  neuer  wichtiger  Aufschlüsse  in  den 
Thongruben  bei  Lehnin  und  Michelsdorf  aus. 

Dr.  Beushausen  stellte  durch  Bereisung  eines  seiner  nassen 
Lage  wegen  bisher  nicht  zugänglich  gewesenen  Theiles  der  Blätter 
Gross -Kreutz  und  Brandenburg  (G.  A.  44;  33,  32)  während  der 
trockensten  Jahreszeit  diese  Blätter  druckfertig. 

Im  Arbeitsgebiet  der  Priegnitz  brachte  Professor  Dr. 
Grüner  zunächst  das  Blatt  Wilsnack  (G.  A.  43;  4)  zum  Abschluss 
und  begann  sodann  die  Aufnahme  des  Blattes  Glöwen  (G.  A.  43;  5). 

Dr.  Klockmann  beendete  die  Aufnahme  des  Blattes  Tram- 
nitz (G.  A.  44 ; 2). 

Im  Westpreussischen  Arbeitsgebiet  führte  Professor 
Dr.  Jentzsch  die  Bearbeitung  des  Blattes  Riesenburg  (G.  A. 
33;  18)  zu  Ende  und  ging  sodann  auf  Blatt  Gross -Rohdaii  über 
(G.  A.  33;  12). 

Im  Ostpreussischen  Arbeitsgebiet  begann  und  voll- 
endete Dr.  Klees  die  Aufnahme  des  Blattes  Gross -Schwansfeld 
und  begann  diejenige  des  Blattes  Laugheim  (G.  A.  18;  52,  53). 

Dr.  Schröder  führte  die  Ueberarbeitung  des  Blattes  Bischof- 


XV 


stein  (G.  A.  18;  58)  so  weit,  dass  zur  Fertigstellung  nur  noch  eine 
Schlussrevision  erforderlich  bleibt. 

Iin  Arbeitsgebiet  der  Insel  Ilügen  führte  Professor  13,  Rügen. 
Dr.  Scholz  Nachträge  zu  den  Blättern  Bergen,  Lubkow,  Vilm- 
nitz, Middelhagen,  Zickersches  Ilöwt  und  Gross -Zicker  (G.  A. 

11 ; 5,  6,  8,  9,  11,  12)  aus  und  brachte  dadurch  diese  Blätter  mit  Aus- 
nahme von  Bergen,  zum  Abschluss. 


Im  Laufe  des  Jahres  sind  zur  Publikation  gelaugt;  stand  der 

Publikationen. 

A.  Karten. 

1.  Lieferung  XXXIII,  enthaltend  die  Blätter 
Schillingen,  Hermeskeil,  Losheim,  Wadern, 

Lebach  . , 6 Blätter. 

2.  Lieferung  XXXVII,  enthaltend  die  Blätter 

Altenbreitungen,  Oberkatz,  Wasungen,  Hel- 
mershausen, Meiningen 5 » 

3.  Lieferung  XXXIX,  enthaltend  die  Blätter 

Gotha,  Neu- Dietendorf,  Ohrdruf,  Arnstadt  4 » 

4.  Lieferung  XL,  enthaltend  die  Blätter  Saal- 
feld, Probstzella,  Ziegenrück,  Liebengrüu  . 4 » 

5.  Lieferung  XLH , enthaltend  die  Blätter 
Tangermünde,  Jerichow,  Vieritz,  Scherne- 

beck,  Weissewarthe,  Genthin,  Schlagenthin  7 » 

zusammen  26  Blätter. 

Es  waren  früher  publicirt 206  » 

Mithin  sind  im  Ganzen  publicirt  • . . 232  Blätter. 


Was  den  Stand  der  noch  nicht  publicirten  Kartenarbeiten 
betrifft,  so  ist  derselbe  gegenwärtig  folgender: 

1.  In  der  lithographischen  Ausführung  sind  noch  beendet: 
Lief.  XLI,  Westerwaldlieferung  ....  8 Blätter. 

Lief.  XLHI,  Gegend  von  Marienwerder  4 » 

Lief.  XLV,  Gegend  von  Melsungen  . . 6 » 

zusammen  18  Blätter. 

Die  Veröffentlichung  dieser  Blätter  wird 
binnen  Kurzem  erfolgen. 


XVI 


Transport  18  Blätter. 

2.  In  der  lithographischen  Ausführung  begriffen 
sind  : 

Lief.  XLIV,  Gegend  von  Ems  ....  5 » 

Lief.  XLVI,  Gegend  von  Birkenfeld  . . 6 » 

Lief.  XL VII,  Gegend  von  Heilsberg  . . 4 » 

Lief.  XL VIII,  Gegend  von  Genthin  . . 6 » 

Lief.  XLIX,  Gegend  von  Bieber  ...  4 » 

Lief.  L,  Gegend  von  Trier 6 » 

Lief.  LI,  Gegend  von  Gemünd  ....  5 » 

Lief.  LII,  Gegend  von  Halle  a/S.  ...  7 » 

Lief.  LV,  Gegend  von  Remda  ....  6 » 

Lief.  LVI,  Gegend  von  Hildburghausen  . 8 » 

3.  In  der  geologischen  Aufnahme  fertig,  jedoch 

noch  nicht  zur  Publikation  in  Lieferungen 
abgeschlossen 122  » 


4.  In  der  geologischen  Bearbeitung  begriffen  . 115  » 

Summa  312  Blätter. 

Einschliesslich  der  publicirten  Blätter  in  der 

Anzahl  von 232  » 

sind  demnach  im  Ganzen  bisher  zur  Unter- 
suchung gelangt 544  Blätter. 

Ferner  ist  die  1.  Harzlieferung,  Gegend  von  Nordhausen,  in 
2.  Auflage  begriffen;  eine  geologische  Uebersichtskarte  und  eine 
Höhenschichtenkarte  vom  Thüriuo;er  Wald  im  Maassstabe  1 : 100000 
befinden  sich  in  der  Vorbereitung. 

B.  Abhandlungen  und  Jahrbuch. 

1.  Baud  VIII,  Heft  4.  Anthozoen  des  rheinischen  Mittel-Devon 

von  Dr.  Clemens  Schlüter.  Mit  16 
lithographirteu  Tafeln. 

2.  Band  IX,  Heft  1.  Die  Echiuiden  des  Nord-  und  Mittel- 

deutschen Oligocäns  von  Dr.  Theodor 
Ebert.  Hierzu  1 Atlas  mit  10  Tafeln 
und  eine  Texttafel. 


XVII 


3.  Band  IX,  Heft  2.  R.  Caspary:  Einige  fossile  Hölzer  Prenssens. 

Nach  dein  handschriftlichen  Nachlasse  des 
Verfassers  bearbeitet  von  R.  Friebel.  Hier- 
zu ein  Atlas  mit  15  Tafeln. 

4.  Band  X,  Heft  1.  Das  norddeutsche  Uuteroligocän  und  seine 

Mollusken-Fauna  von  Dr.  A.  von  Koenen. 
Lief.  I : Stroinbidae  — Muricidae  — Buc- 
cinidae  nebst  Vorwort  und  23  Tafeln. 

2.  Jahrbuch  der  Köuigl.  Prenss.  geol.  Landesanstalt  und  Berg- 
akademie für  1888.  CXLl  und  519  Seiten  Text  und  15  Tafeln. 


Nach  dem  Berichte  für  das  Jahr  1888  betrug  die  Gesammt- 


zahl  der  im  Handel  debitirteu  Karteublätter 
Im  Jahre  1889  wurden  verkauft: 


20  628  Blätter. 


von 

Lief.  I,  Gegend  von 

Nordhauseu 

48  Bl. 

» 

11, 

» 

Jena  .... 

11 

y> 

HI,  . 

Bleicherode 

13 

» 

» 

» 

IV, 

» 

Erfurt  .... 

12 

>) 

» 

» 

V,  » 

» 

Zörbig  .... 

15 

» 

» 

VI,  » 

» 

Saarbrücken 

I.  Theil  . . 

2 

» 

» 

» 

VII, 

» 

11.  * 

2 

» 

» 

» 

VIII,  » 

» 

Riechelsdorf  . 

21 

» 

» 

» 

IX,  » 

des  Kyffhänsers 

55 

» 

» 

» 

X,  » 

von 

Saarburg 

6 

» 

» 

» 

XI,  » 

» 

Berlin  Nordwesten 

18 

» 

» 

» 

XII,  » 

» 

Naumburg  a.  S.  . 

18 

» 

» 

» 

XIII,  » 

» 

Gera 

36 

» 

» 

» 

XIV,  » 

» 

Berlin  Nordwesten 

20 

» 

» 

» 

XV,  » 

» 

Wiesbaden 

63 

» 

» 

» 

XVI,  » 

» 

Mansfeld  . 

32 

» 

» 

» 

XVII,  » 

» 

Triptis  .... 

14 

» 

» 

» 

XVIII,  » 

» 

Eisleben 

23 

» 

Jahrbuch  188y. 


409  Blätter. 

Latus  21  037  Blätter, 
b 


Debit  der 
Publicatioiieu. 


XVIII 


Transport  21  037  Blätter. 


von 

Lief.  XIX,  Ge 

gend  von  Querfnrt  . . . 

29 

Bl 

» 

» 

XX, 

» 

» Berlin  Süden 

65 

» 

» 

» 

XXI, 

» 

» Frankfurt  a.  M.  . 

14 

» 

» 

» 

XXII, 

» 

» Berlin  Südwesteu 

55 

» 

» 

» 

XXIII, 

» 

» Ermschwerd  . . 

27 

» 

» 

» 

XXIV, 

» 

» Tennstedt  . 

3 

» 

» 

» 

XXVI, 

» 

» Berlin  Südosteu  . 

70 

» 

» 

» 

XXVII, 

» 

» Lauterberga.  Har? 

32 

» 

» 

» 

XXVIII, 

» 

» Bndolstadt 

19 

» 

» 

» 

XXIX, 

» 

» Berlin  Nordosten 

51 

» 

» 

» 

XXX, 

» 

» Eisfeld  in  Thür. 

36 

» 

» 

» 

XXXI, 

» 

» Limburg  . 

71 

» 

» 

» 

XXXII, 

» 

» Gardelegen  . 

30 

» 

» 

» 

XXXIV, 

» 

» Liudow 

6 

» 

» 

» 

XXXV, 

» Bathenow 

10 

» 

» 

» 

XXXVI, 

» 

» Hersfeld  . . . 

27 

» 

» 

» 

XXXVII, 

» 

» Meiuiuoreu 

263 

» 

» 

» 

XXXVIII 

?» 

» Stendal 

31 

» 

» 

» 

XXXIX, 

,» 

» Gotha  .... 

204 

» 

» 

» 

XL, 

» 

» Saalfeld  in  Thür. 

254 

» 

» 

» 

XLII, 

» 

» Taugermüiide 

231 

» 

1528 

so  dass  im  Ganzen  durch  den  Verkauf  deliitirt  sind:  22  565  Blätter. 
Von  den  sonstigen  Pnblicationen  sind  verkauft  worden: 


A b b a n d 1 n n g e n. 

Baud  I,  Heft  (Eck,  Bttdersdorf) 2 Exempl. 

» » » 2.  (Schmidt,  Kenper  des  östlichen 

Thüringens) 1 » 

» » » 4:.  (Meyn,  Insel  Sylt) 3 » 

» II,  » 3.  (Berendt,  Umgegend  von  Berlin)  9 » 

» » » 4.  (Kayser,  Devon- Ablagerungen)  . 1 » 

» III,  » 2.  (Läufer  u.  Wai-inschaffe,  Boden- 

uutersucbungeu) 1 » 


xrx 


\ 


Band  III,  Heft  3.  (Meyn,  Schleswig -Holstein)  ...  9 Exempl. 

» IV,  » 2.  (Koch,  Honialonotus- Arten)  ...  1 » 

» V,  » 2.  (Weiss,  Steinkohlen-Calainarien)  . 4 » 

» » » 3.  (Läufer,  die  Werder’sclien  Wein- 
berge)   .2  » 

» » » 4.  (Liebe,  Schichtenanfban  Ost-Thü- 
ringens)   1 » 

» VI,  » 1.  (Beushausex,  Oberharzer  Si)iriferen- 

sandstein) 2 » 

» » » 3.  (Noetling,  Fauna  des  sainländ. 

Tertiärs) 1 » 

f » VII,  » 2.  (Berendt,  Märkisch -Ponunersches 

Tertiär) 1 » 

» VII,  » 3.  (Felix,  Weiss,  Potonie,  Carbon- 
pflanzen)   3 » 

» » » 4.  (Branco,  Lepidoten) 2 » 

» VIII,  » 1.  ( Oeologische  Karte  von  Berlin  und 

Umgegend) 18  » 

» » » 2.  (Denckmann,  Umgegend  V.  Dörnten)  2 » 

» v>  » 3.  (Frech,  Umgegend  von  Haiger)  . 3 » 

» » » 4.  (Schlüter,  Anthozoen)  ....  45  » 

» IX,  » 1.  (Ebert,  Echiniden) 45  » 

» » » 2.  (Caspary',  Fossile  Hölzer)  ...  45  » 

» X,  » 1.  (von  Koenen,  Unter-Oligocän)  . . 31  » 

F erner : 

Jahrbuch  für  1884  2 Exempl. 

» » 1887  3 » 

» » 1888  30  » 

Weiss,  Flora  der  Steinkohleuformation 27  » 

Lossen,  Geognostische  Uebersichtskarte  des  Harzes  18  » 

» Höhenschichtenkarte  des  Harzes  ....  4 » 


h* 


XX 


2. 

Arbeitsplan 

für  die  geologische  Laiidesanfiiahine 
ini  Jahre  1890. 

I.  Der  Harz  und  seine  Umgebung. 

Professor  Dr.  Lossen  wird  die  Aufnahme  des  Blattes  riarzl)urg 
(G.  A.  56;s)  und  die  petrographisch- geologische  Untersuchung 
des  Brockeiigebietes  fortsetzen. 

Bezirksgeologe  Dr.  Koch  wird  zunächst  die  Untersuchung 
des  Bruch-  und  Ackerberges  und  des  südöstlich  augreuzeudeu 
Gebietes  und  nach  deren  Abschliessuug  die  Revision  der  Blätter 
Seesen,  Osterode,  Zellerfeld  und  Riefensbeek  weiterführen  (G.  A. 
55;  12,  18.  56;  7,  13). 

Westlich  des  Harzes  wird  Professor  Dr.  Kloos  die  Auf- 
nahme des  Blattes  Lamspringe  und  des  nicht  hercynischen  Theiles 
des  Blattes  Hahausen  in  Angriff  nehmen  (G.  A.  55;  5,  g). 

Professor  Dr.  von  Koenen  wird  die  Untersuchung  des 
Gebietes  der  Blätter  Eimbeck,  Gandersheim,  Moringen,  Westerhof 
und  Nörten,  sowie  des  westlichen  Theils  des  Blattes  Lindau 
(G.  A.  55;  10,  11,  IG,  17,  22,  23)  fortsetzen. 

Bezirksgeoloo-e  Dr.  Ebert  wird  die  Kartirnuo:  des  Blattes 

00  O 

Gelliehausen  (G.  A.  55;  35),  welche  fast  vollendet  ist,  abschliesseii 


XXI 


und  diejenige  des  östlichen  Theils  des  Blattes  Lindau  (G.  A.  55;  2s) 
in  Angrifi'  nehmen. 

Zur  Untersuchung  des  Zusammenhanges  zwischen  dem  geo- 
logischen Bau  des  Harzes  und  den  in  demselben  wahrgenommeneu 
besonderen  erdmagnetischen  Erscheinungen  wird  Dr.  Eschenhagen 
an  einer  Anzahl  in  Gemeinschaft  mit  dem  Landesueologen  Professor 

ö O 

Dr.  Lossen  auszuwählender  Punkte  Beobachtungen  zur  weiteren 
Erforschung  jener  Erscheinungen  austeilen. 

II.  Thüringen. 

Bergingenieur  Frantzen  wird  die  Arbeiten  zur  Revision  des 
Jflattes  Creuzburg  (G.  A.  55;  60)  und  des  nördlichen  Theils  des 
Blattes  Eisenach  (G.  A.  69;  6)  weiterführeii. 

Bezirksgeologe  Dr.  Beyschlag  wird  die  im  Vorjahre  nicht 
zur  Ausführung  gelaugte  Schhissrevision  des  Blattes  Eisenach  in 
dessen  mittlerem  und  südlichem  Theile  fertig  zu  stellen  suchen. 

Dr.  Leppla  wird,  soweit  ihm  übertragene  anderweitige  Auf- 
gaben ihm  Zeit  lassen  werden,  die  älteren  Aufnahmen  der  Blätter 
Langula,  Langensalza  und  Henningsleben  zu  revidiren  beginnen 
(G.  A.  56;  49,  50,  56). 

Im  inneren  Thüringer  Walde  werden  Landesgeologe  Dr. 
Loretz,  Dr.  Scheibe  und  Dr.  Zimmermann  au  der  Untersuchung 
des  Blattes  Ilmenau  (G.  A.  70;  22)  Weiterarbeiten.  Zur  Ver- 
gleichung der  hier  erlangten  Ergebnisse  mit  den  Verhältnissen 
insbesondere  des  Rothliegenden  und  seiner  Eruptivgesteine  und 
Tuffe  in  den  benachliarten  Blättern  werden  die  Genannten  in 
Gemeinschaft  mit  dem  Bezirksgeologen  Dr.  Beyschlag  Begehungen 
der  Gegend  von  Tambach,  Schwarza,  Suhl  und  Schleusingen  vor- 
nehmen (G.  A.  70;  14,  20,  21,  27). 

Dr.  Zimmermann  wird  ausserdem  noch  in  den  Blättern  Cra- 
winkel und  Plaue  (G.  A.  70;  15,  le)  und  Dr.  Scheibe  in  dem 
nordöstlichen  Theil  des  Blattes  Tambach  (G.  A.  70;  14)  eine  ge- 
naue Revision  ausführen. 

Professor  Dr.  von  Fritsch  wird  den  von  ihm  bearbeiteten 
südöstlichen  Theil  des  Blattes  Tambach,  sowie  die  Blätter  Schwarza, 


XXII 


Suhl  und  Schleiisiiigou  iiuter  Beihülfe  des  Bezirksgeologen  Dr. 
Beysciilag  mit  Rücksicht  auf  die  Zusaminenfiissuna:  mit  den 
übrigeu  Blätteru  des  Thüringer  Waldes  zu  einer  üebersichtskarte 
im  Maassstabe  1 : 100000  einer  Schlussredaction  unterziehen. 

Im  östlichen  Thüringen  wird  Ilofrath  Professor  Dr.  Liebe 
die  Aufnahme  der  Blätter  Schleiz,  Mielesdorf,  Schönbach  und 
Lobenstein  weiterführen  (G.  A.  71;  27,  28,  29,  32).  Ausserdem  wird 
derselbe  unter  ITülfeleistnng  des  Dr.  Zimmermann  eine  specielle 
Untersuchung  des  oberen  Rothliegenden  und  des  unteren  Zech- 
steins, sowie  gewisser  cambrischer  Schiefer  innerhalb  der  Blätter 
Weida,  Waltersdorf  und  Naitschau  (G.  A.  71  ; 17,  18,  23)  vornehmen. 

Dr.  Proesciioldt  wird  die  Untersnchnng  der  Blätter  Sond- 
heim  und  Ostheim  (G.  A.  69;  35,  3g)  fortsetzen. 

III.  Provinz  Hessen -Nassau. 

a)  Regierungsbezirk  Cassel. 

Im  Regierungsbezirk  Cassel  wird  Professor  Dr.  Kayser 
die  Aufnahmen  in  den  Blättern  der  Umgebung  von  Marburg 
weiterführen. 

Dr.  Denckmann  wird  die  Bearbeitung  der  Blätter  Fritzlar, 
Frankenau,  Kellerwald,  Borken,  Felsberg  und  Homberg  (G.  A.  54; 
54,  58,  59,  GO.  55;  49,  öö)  im  Maassstabe  1 : 25000,  unter  Zugrunde- 
leenng;  der  für  die  Section  W aldeck  - Cassel  bewirkten  Aufnahme 

O O 

im  Alaassstabe  1 : 80000,  in  Angrifi'  nehmen. 

Professor  Dr.  Bücking  wird  die  Untersuchung  des  Gebietes 
der  Blätter  Neuswarts,  Kleinsassen  und  Hilders  fortsetzen  (G.  A. 
69;  22,  28,  29). 

b)  Regierungsbezirk  Wiesbaden. 

Im  Reofiernnfisbezirk  Wiesbaden  wird  Professor  Dr. 

Ö O 

Kayser  die  Aufnahme  der  Blätter  der  Umgegend  von  Dillenburg 
lind  Herborn  weiterführen. 

Professor  Dr.  Holzapfel  wird  die  Aufnahme  des  Blattes 
St.  Goarshansen  (G.  A.  67 ; 5i)  zum  Abschluss  bringen  uud  die- 
jenige des  Blattes  Algenroth  fortsetzen  (G.  A.  67 ; 52). 


XXIII 


IV.  Rheinprovinz. 

In  der  lllieinproviuz  wird  Laudesgeologe  Grebe  die  Ar- 
beiten für  die  Uebertragung  seiner  Aufnahmen  in  der  Gegend 
nordöstlich  und  östlich  von  Trier  auf  die  von  der  Königlichen 
Landesaufnahme  hergestellten  neuen  Messtischblätter  zu  beenden 
suchen. 

In  dem  Nahegebiet  wird  Dr.  Leppla  die  bisher  vorliegenden 
Untersuchungen  der  Eruptivgesteine  und  Tutfbildungen  des  Ivoth- 
lieixendeu  einer  vera;leicheuden  Revision  unter  Zimrundele^uun;' 
der  bei  der  Landesanstalt  neuerdings  nach  den  Vorschlägen  Prof. 
Dr.  Lossen’s  eingeführten  Classification  unterziehen  und  dabei 
von  dem  Landesgeologeu  Grebe  unterstützt  werden. 

Professor  Dr.  Lossen  wird  sich  zeitweilig  bei  dieser  Revision 
betheiligen. 


V.  Provinz  Schlesien. 

Landesgeologe  Dr.  Datiie  wird  die  Aufnahme  der  Blätter 
Freiburg,  Waldenburg,  Friedlaud  und  Reichenbach  (G.  A.  75;  12, 
18,  21.  76;  u)  weiterführen  und  insbesondere  die  Verhältnisse  der 
Conglomeratporphyre  auf  den  Blättern  Waldenlmrg  und  Char- 
lottenbrunu,  sowie  die  specielle  Gliederung  des  Cuhn  zu  Gegen- 
ständen seiner  Untersuchungen  machen. 

Bezirksgeologe  Halpar  wird  die  Aufnahmen  des  Blattes 
Ruhbank  (G.  A.  75;  11)  beginnen. 

VI.  Das  Aufnahmegebiet  des  Flachlandes. 

a)  Uckermärkisch-Vorpoinmersches  Arbeitsgebiet. 

Landesgeologe  Professor  Dr.  Berendt  wird  in  der  durch 
Revisionen  nicht  in  Anspruch  genommenen  Zeit  unter  zeitweiser 
Zuziehung  des  Culturtechnikers  Wölfer  das  Blatt  Stettin  (G.  A. 
29;  32)  zum  Abschluss  bringen  und  demnächst  das  Blatt  Schwedt 
(G.  A.  28;  60)  in  Angriff  nehmen,  bei  dessen  Bearbeitung  Cultur- 
techniker  BaldüS  Hülfe  leisten  wird. 


XXIV 


Lanclessreolofie  Dr.  Watinschaffe  wird  mit  Hülfe  des  Cultur- 
technikers  Gossner  und  in  der  ersten  Hälfte  des  Sommers  auch 
des  Culturtechnikers  Baldus  die  Blätter  Podejuch  und  Alt-Damm 
(G.  A.  29;  38,  39)  abschliessen.  Daneben  wird  derselbe  die  Aus- 
bildung des  neu  eingetretenen  Culturtechnikers  Reimann  über- 
nehmen. 

Dr.  Müller  wird  nach  einer  Scblnssbejrehuna:  des  Blattes 
Kreckow  (G.  A.  29;  3i)  die  Anfnahme  des  Blattes  Löcknitz  (G.  A. 
28;  36)  bewirken  und  demnächst  eventuell  auf  Blatt  Polssen 
(G.  A.  28 ; 52)  übergehen. 

Dr.  Lattermann  wird  die  Anfnahme  des  Blattes  Colliitzow 
(G.  A.  29;  37)  zu  Ende  führen  und  demnächst  Blatt  Hohenholz 
(G.  A.  28 ; 42)  bearbeiten. 

Dr.  Beushausen  wird  Blatt  Greifenhagen  (G.  A.  29;  43)  auf- 
nehmen nnd  nach  Beendigung  dieses  und  des  Blattes  Pencun 
(G.  A.  28 ; 48)  die  Bearbeitung  der  Blätter  Passow  und  Cunow 
beginnen  (G.  A.  28;  53,  54). 

Dr.  Schröder  wird  nach  Fertigstellung  der  von  ihm  be- 

o O 

arbeiteten  ostprenssischen  Blätter  (s.  unten)  die  Anfnahme  der 
Blätter  Greitfenberg  i.  Uck.,  Angermünde  (G.  A.  28;  58,  59),  Gross- 
Ziethen  und  Stolpe  (G.  A.  45;  4,  5)  in  Angrilf  nehmen. 

b)  Arbeitsgebiet  der  Insel  Rügen. 

Professor  Dr.  Scholz  wird  zunächst  das  Blatt  Bergen  (G.  A. 
1 1 ; ö)  vollenden  nnd  alsdann  durch  Bearbeitung  der  Blätter 
Altenkircheu,  Rappin  und  Zudar  (G.  A.  11;  1,  2,  lo)  die  Aufnahme 
der  östlichen  Hälfte  der  Insel  zum  Abschluss  zu  bringen  suchen. 

c)  Hinterpommersches  Arbeitsgebiet. 

Bezirksgeologe  Dr.  Keilhack  wird  mit  Plülfe  der  Cultur- 
techiiiker  Pohlitz  und  Bürck  die  Blätter  Gr. -Voldekow  und 
Bärwalde  (G.  A.  31  ; 1,  1.3)  fertig  stellen  nnd  demnächst  auf  die 
nördlich  an  die  bisher  dort  bearbeiteten  Blätter  angrenzenden 
Blätter  Kösternitz,  Alt-Zowen,  Pollnow,  Klanin,  Knrow,  Sydow 
(G.  A.  14;  28,  29,  30,  34,  35,  3g)  übergehen. 


XXV 


tl)  Westpreussisches  A rlj  e i tsg eb iet. 

Professor  Dr.  Jentzsch  wird  zunächst  das  Blatt  Gr.-Rhodau 
(G.  A.  33;  12)  zum  Abschluss  bringen  und  sodann  die  Aufnahme 
der  Blätter  Niederzehren  und  Freistadt  beginnen  (G.  A.  33 ; 2:5,  24). 

e)  O s t p r e u s s i s c h e s Arbeitsgebiet. 

I)r.  Klebs  wird  die  Aufnahme  des  Blattes  Langheim  (G.  A. 
18;  f)H)  vollenden  und  alsdann  die  Blätter  Dönhofstädt  und  Lam- 
garben  bearbeiten  (G.  A.  18;  48,  54). 

Dr.  SciiKÖDER  wird  das  Blatt  Bischofstein  fertigstellen  und 
demnächst  die  Blätter  Rössel  und  Ileiligelinde  durch  Begehung 
auf  Grund  der  neuen  topographischen  Grundlage  zum  Al)schluss 
bringen  (G.  A.  18;  58,  59,  60). 

f)  Arbeitsgebiet  der  Priegnitz. 

Professor  Dr.  Grüner  wird  nach  Fertigstellung  des  Blattes 
Glöwen  (G.  A.  43;  5)  die  Bearbeitung  des  Blattes  Demertin 
(G.  A.  43;  6)  ausführen. 

Dr.  Klockmann  wird  das  von  dem  Landeso-eologen  a.  D. 
Dr.  Läufer  seiner  Zeit  zu  einem  Theile  aufgenommene  Blatt 
Kyritz  (G.  A.  44;  1)  fertig  stellen  und  sodann  auf  Blatt  Lohm 
(G.  A.  43;  12)  übergehen. 

g)  Mittelmärkisches  Arbeitsgebiet. 

Landes<2:eoloo:e  Dr.  Wahnsciiaffe  wird  nach  Abschluss  der 

O O 

Arbeiten  in  den  Blättern  Podfyuch  und  Alt-Damm  die  Aufnahme 
der  Blätter  Prötzel,  Möglin,  Trebbin,  Straussberg,  Müncheberg 
und  Trebnitz  beginnen  (G.  A.  45;  22,  23,  24,  28,  29,  30). 


XXVI 


3. 

Mittheilungen 

der  Mitarbeiter  der  Königlielieii  geologisclieu 
Laiidesaiistalt  über  Ergebnisse  der  Aiifiialiuieii  iin 

Jahre  1889. 


Mittheiliing  des  Ilerru  K.  A.  Lossen  über  geologische 
Aufiialiineu  auf  dem  Blatte  Harzburg. 

Der  vorjährige  Bericht  hat  eingehendere  Bemerkungen  über 
die  Gliederungsfähigkeit  desEckergneisses  nach  petrographischen 
und  geologischen  Gesichtspunkten  gebracht.  Es  wurde  diese 
Gneiss-Eormation  als  eine  besonders  deutlich  krystalliuische  Um- 
waudlungspoteuz  der  Oberharzer  Culm- Schichten  innerhalb  der 
Contactzone  um  Granitit  und  Gabbro  erkannt.  Als  ein  zumal 
beweiskräftio;er  Umstand  für  diese  Deutuno;  wurde  unter  Anderem 
hervorgehoben,  dass  mitten  zwischen  den  Gneiss- Gesteinen  echte 
Schiefer-  nnd  Grauwackenhornfelse  als  Glieder  ein  und  derselben 
geschichteten  Formation  im  allerengsten  Verband  Vorkommen. 
Nach  den  fortgesetzten  Untersuchungen  kann  hinzugefügt  werden, 
dass  in  dem  Forstfahrwege,  der  sich  in  halber  Höhe  des  west- 
lichen Ecker -Ufers  durch  den  Diebesstieg  zieht,  zwischen  den 
schieferigen  Eckergneissen  (Thon-  und  Grau wackenschiefer- 
Aequivalenten)  auch  Fleck-  oder  Knoteuschiefer  beobachtet 
wurden,  welche  morphologisch  durch  den  Gegensatz  zwischen  den 
Knoten  und  der  lichter  gefärbten  Schiefermasse  an  die  ei’ste  Um- 


XXVII 


Wiindlungspoteiiz  der  Tlioiiscliiefer  in  den  Contactzoneu  der 
Enirranite  erinnern  und  auch  mineralisch  durch  das  Vorwalten 

o 

von  lichtem  Glimmer  vor  Biotit  neben  Chlorit  sich  dieser  Potenz 
annähern,  während  ihre  krystalliuische  Ausbildung  doch  die  des 
gewöhnlichen  Knotenschiefers  übertritft. 

Die  körnigen  Eckergneisse  (Granwaeken- Aeqnivalente) 
längs  desselben  Forstweges  lassen  örtlich  deutlich  erkennen,  dass 
echter  Granit,  der  znm  Theil  Turmalin  führt,  in  ganz  schmalen 
Trümchen  oder  Aederchen  innig  mit  ihrer  Gesteiusmasse,  schein- 
bar zu  einer  einheitlichen  Bildung,  verwachsen  ist. 

Neu  nachgewiesen  wurden  sehr  stark  veränderte  und  da- 
her bisher  übersehene  Grauwacken  mitten  im  Gabbro,  die  ober- 
halb der  Sennhütte  am  Mittelberg  über  dem  Touristeuweg  nach 
dem  Molkeuhaus  austelien  und  als  Fortsetzung  der  Culmgrau- 
wacken  des  Sachsenberges  anzuseheu  sind.  Weiter  gegen  SW. 
mögen  demselben  Cirauwacken-Zuge  die  gneissähnlieheu  Gesteine 
angehören,  welche  zwischen  der  Ettersklij)pe  und  dem  Wintei*- 
berg,  in  SO.  von  der  genannten  Klippe,  ebenfalls  mitten  im  Gabbro 
scholleuförmig  i)  Vorkommen. 

Ueberhaupt  mehren  sich  mit  der  fortschreitenden  Detail- 
kartirung  die  Schollen  metamorphosirter  Sedimente, 
welche  sozusagen  im  Gabbro  oder  in  dem  Theile  des  Brocken- 
granits, der  von  Jasciie  bereits  als  zum  Gabbro  gehörig  lietrachtet 
wurde,  schwimmen.  Unter  diesen  hat  ein  besonderes  Interesse 
diejenige,  welche  am  weitesten  vorgeschoben  gegen  den  Brocken- 
Gipfel  unterhalb  des  Schneeloches  am  Kellbeeke  und 
dem  von  der  Buchhorst-Klippe  demselben  zurinneuden 
Wässerchen  angetrotfen  wurde.  Bereits  früher  hatte  ich,  wie 
im  vorigjährigeu  Berichte  erwähnt  ist,  im  Gerinne  des  Kelllieek’s 
Cordierit,  Granat  und  Spinell  führende  gneissige  Ilorufelse  lose 
gefunden  bei  gelegentlichem  Vorübergehen.  Eine  erneute  Be- 
gehung dieser  Gegend  ergab,  dass  bei  der  Brücke,  mit  der  die 


')  Zahlreiche  kleinere  Fragmente,  ähnlich  dem  Vorkommen  im  Gabbro- 
bruche  im  Riefenbachthale  oder  in  dem  Bruche  oberhalb  des  Bärensle'ns  im 
Radauthale. 


XXVIII 


zur  Bucbhorstklippe  ansteigende  Forststrasse  den  Keilbeek  über- 
sebreitet,  eine  solche  Menge  von  Hornfels- Gerollen  im  Bacbbette 
liegt,  dass  das  Anstehende  der  veränderten  Sedimente  in  unmittel- 
barer Nähe  zu  erwarten  ist.  Die  Region  des  Kellbeek’s  unter- 
halb des  Schneeloches  blieb  zunächst  ununtersucht.  Dagegen  ge- 
lang es  an  der  zur  genannten  Klippe  aufsteigenden  Fahrstrasse 
im  Seitengerinne  des  Hauptwassers  dieses  Anstehende  ganz  deut- 
lich zwischen  Granitit  zu  beobachten: 

Hat  man  beim  Aufstieg  die  Stelle  passirt,  wo  der  llsenburger 
Brockenpfod  abzweigt,  so  folgen  nach  48  Schritt  Granitit  23  Horn- 
fels, dann  nach  einer  Unterbrechung  von  17  Schritt  Granitit 
4 Hornfels,  alsdann  stets  Granitit.  Der  Gesteinsart  nach  treten 
nicht  nur  jene  demKinzigit  verwandten  gneissigen  Horn- 
fels e auf,  sondern  auch  solche  Hornfelse,  welche  keinen  Granat 
erkennen  lassen  und  nicht  so  deutlich  krystallinisch  sind,  sowie 
ein  Hornblende-  Gestein,  dessen  verhältnissmässig  grobstrahliger 
Strahlsteintilz  ausser  der  grünlichgelb  oder  bräunlichgelb  pleo- 
chroitischen  Hornblende  und  einem  dem  Diabas-Chlorit  gleichenden 
chloritischen  Mineral  sehr  wohlerhaltene  Reste  von  primär  aus- 
geschiedenem Augit,  mit  Kaliglimmer  erfüllte  Pseudomorphosen, 
titan haltiges  Eisenerz  und  Titanit  u.  s.  w.  enthält. 

Betrachtet  man,  gestützt  auf  die  seither  aus  den  Contacthöfeu 
um  die  Harz -Granite  gesammelten  Erfahrungen,  diesen  Amphi - 
bolit,  dessen  Strahlstein  zum  Theil  noch  deutlich  als  Uralit 
nach  Augit  auftritt,  als  einen  metamorphosirten  Diabas- 
Lagergang,  so  bietet  nach  dieser  Hinsicht  die  Hornfels-Scholle 
am  N o r d o s t a b h a n g der  Wo  1 f s k 1 i p p e n südlich  von  der 
Plessenburg  (Bl.  Wernigerode)  und  diejenige  an  der 
Bauerngleie  (ebendaselbst),  welche  beide  Hornblende -Gesteine 
als  Einlagerungen  zeigen  (die  erstere  zugleich  biotitreiche  Plagio- 
klasporphyre des  Diabas)  die  meisten  Vergleichspunkte;  denn 
auch  cordieritreiche  Gueiss- Horufelse  kommen  in  nächster  Um- 
gebung der  Bauerngleie  auf  der  südlichen  Fortsetzung  des  Hippelu- 
Kammes,  wie  auch  weiter  unten  neben  dem  Amphibolit  vor. 

Eine  gründliche  Untersuchung  des  Kellbeek’s  und  seiner  Um- 
gebung lässt  weitere  Aufschlüsse  erhoffen.  Vorläufig  sei  noch 


XXIX 


bemerkt,  dass  unter  den  ITornfels  - Geschieben  des  Kellbeek’s 
auch  solche  nicht  fehlen,  die  lagenweise  reich  an  Malakolith 
sind  und  überdies  Körner  eines  lebhaft  roth  und  gelb  pleo.chroi- 
tischen,  stark  lichtbrechenden  Minerals  zeigen,  die  nach  der  hier 
und  da  deutlicheren  Krystallform  auf  Titauit  hiuweisen,  wie  er 
auch  in  Kalksilicathornfelsen  am  Bocksberg  bei  Friedrichsbrunn 
im  Contacthof  um  den  Rammberg-Granit  beobachtet  worden  ist. 

Die  Gesammtheit  der  in  der  Gegend  unter  dem  Schneeloche 
bisher  beobachteten  Hornfelse  erinnert  demnach  auch  recht 
sehr  an  die  im  vorjährigen  Berichte  eingehender  geschilderten 
schieferioren  Eckergneisse  und  Cordierit  - Hornfelse  des  Culm- 
Schiefer- Horizonts  und  der  darin  vorkommenden  Einlagerungen 
zwischen  Ecker  und  Ocker.  Es  ist  aber  nicht  gestattet,  aus  dieser 
petrographischen  Aehulichkeit  deu  Beweis  der  Gleichalterigkeit 
abzuleiten.  Vielmehr  ist  aus  der  grossen  Uebereinstimmung  der 
verschiedenalterigen  Schiefersysteme  des  Harzes  mit  kalkigen  oder 
kiesel-  bis  wetzschiefer-  oder  adinolartigen  Einlagerungen  und  mit 
Einschaltungen  eruptiver  Diabas -Massen  zunächst  zu  schliesseu 
und  auch  thatsächlich  zu  erkennen,  dass  dieselben  trotz  ihrer  ver- 
schiedenzeitlichen ursprünglichen  Bildung  unter  nachher  gleich- 
artig darauf  eiuwirkendeu  metamorphosirenden  Bedingungen  zu 
wesentlich  gleich  oder  ähnlich  ausgeprägten  Umwandlungsproducten 
auskrystallisirt  oder  umkrystallisirt  sind.  Gerade  unter  diesem 
Gesichtspunkte  ist  vorher  auf  die  Umgebung  der  Bauerngleie  im 
Westufer  des  Dumkidileiithales  auf  Blatt  Wernigerode  hingre- 
wiesen  worden,  weil  die  Zugehörigkeit  der  metamorphosirten  Dia- 
base und  der  zu  Cordieritgneiss  umgewandelten  Schiefer  der  dort 
anstehenden,  ringsum  von  den  Eugraniten  der  Granit- Gabbro-Zone 
umgebenen  Schollen  zum  Unteren  Wieder  Schiefer  in  Anbetracht 
der  in  nächster  Nähe  am  Dumkidilenkopf  geschlossen  auftreten- 
den veränderten  und  unveränderten  Formationsglieder  dieser  Stufe 
eine  augeuscheiuliche  ist. 

Der  Cordierit-Gehalt  der  im  Contact  mit  deu  Eugraniten 
des  Harzes  metamorphosirten  Massen  ist  nach  unserer  heutigen 
Erfahrung  wesentlich  beschränkt  auf  die  von  Ocker  her  über 
das  Radau-,  Ecker-,  Ilse-,  Holtemme-Thal  Ins  zum  Dumkuhleu- 


XXX 


köpf  oberhalb  Hasserode  auf  Blatt  Wernigerode  streichende  Zone, 
d.  h.  auf  die  Coutactmetain orphose u au  den  Eugraniten 
der  Gabbro-Granit-Zoiie,  und  tritt  besonders  in  den  Schollen 
in  diesen  Eugraniten  oder  in  den  von  zahlreichen  Eiuzelvorkommen 
dieser  letzteren  gangförmig  oder  gangstockförinig  durchbrochenen 
norufelsgebieteu  auf. 

Der  E ckergneiss  ist  sichtlich  die  grösste  und  am 
intensivsten  umgewaudelte  Scholle,  die  z wischen  Granit 
und  Gabbro  eingesunken  und  davon  durchbrochen  ist. 
Der  Cordierit-Gehalt  erscheint  demnach  nicht  so  sehr  als  eine 
Folge  der  ursprünglich  abweichenden  chemischen  Durchschnitts- 
zusammeusetzuug  der  Culm-Schiefer,  als  vielmehr  als  eine  Folge 
einer  besonders  intensiven  Metamorphose  in  den  Um- 
waudluugsproducten  der  verschiedenalterigen  Schiefer, 
die  von  den  Eruptivgesteinen  der  Gabbro- Granit- Zone  durch- 
brochen worden  oder  eingehüllt  worden  sind. 

Fasst  man  die  räumliche  Vertheiluug  der  verschie- 
denen Schollen  iu’s  Auge,  so  findet  man  zwischen  den  culmischen 
Eckergneissen  und  den  durch  Amphibolit-  (bezw.  Diabas) -Ein- 
lagerungen ausgezeichneten,  hochkrystalliuischen,  Cordierit,  Granat 
und  Kalksilicate  haltigen  Flornfels-Schollen  des  Kellbeek-Wasser-_ 
gebietes  und  der  nordöstlichen  Wolfsklippen- Abdachung  die  Quarzit- 
Massen  des  Pesekenhäu’s  am  Wege  vom  Scharfeusteiuer  Viehhofe  zur 
Ecker,  sowie  diejenigen  des  Ferdinandgartens  und  des  Unteren 
Meiueckeuberges  in  Berührung  mit  dem  Grauitit  oder  den 
basischeren  Eugraniten  jener  Zone.  Diese  Anordnung:  im  NW. 
Culm,  im  SO.  Unterer  Wieder  Schiefer,  dazwischen  Bruchberg- 
Quarzit,  entspricht  dem  Querprofil  über  den  Brnchberg  zwischen 
Altenau  und  Schlnft  bei  St.  Audreasberg  in  so  befriedigender 
Weise,  dass  die  Zurechnung  der  Keilbeek- Scholle  zu  den  ITorn- 
felsen  der  Unteren  Wieder  Schiefer  auf  Blatt  Wernigerode  dar- 
nach gerechtfertigt  erscheint.  Die  Schollen  der  Wolfsklippen  und 
der  Banerngleie  deuten  nach  dieser  östlichen  Richtung  hin  sicht- 
lich den  einstigen  Zusammenhang  an,  während  nach  dem  Brnch- 
berg-Profil  im  W.  hin  der  Mangel  au  Schollen  im  Hochgipfel- 


XXXI 


Granitit  des  engeren  Brocken-Gebietes  einen  Nachweis  dieses  Zu- 
sammenhanges nicht  gestattet. 

Das  neu  entdeckte  Vorkommen  von  Granat-K  rystallen 
bei  Harzburg,  über  welches  schon  kurz  in  der  Zeitschr.  der 
Deutsch,  geol.  Ges.  (Bd.  XLI , S.  380)  berichtet  wurde:  Wohl- 
ausgebildete  honigbraune  Dodecaeder,  zuweilen  mit  abgestumpften 
Kanten,  aufgewachsen  auf  Pr  eh  ui  t über  Amethyst  oder 
Quarz,  oder  auch  den  Quarzvarietäten  direct  aufgewachsen,  ent- 
stammt dem  fiscalischen  Gabbro-Steinbruche  oberhalb  des 
Bärensteins  im  lladauthale  und  zwar  einem  hoch  olieu  im 
Bruche,  nur  wenige  Meter  unter  dessen  Oberkante,  abgebauten, 
relativ  umfangreichen  Einschlüsse  (Fragmente  umgewandelten 
Kalksteins?).  Blaulichweisser  Kalkspath,  der  au  das  Vorkommen 
von  Cziklova  im  Banat  erinnert,  Wollastouit,  derber  rother  Granat, 
Epidot  u.  a.  setzen  einen  Theil  der  Scholle  zusammen  und  kommen 
mit  den  vorher  genannten  Ki’ystallen  und  Mineralien  an  ein  und 
demselben  Blocke  vor. 

Marmorartige  Kalksteine  in  geringer  Ausdehnung  sind 
unter  den  Contactproducten  der  Harzburger  Gegend  überhaupt 
nicht  selten:  Sie  kommen  z.  B.  vor  auf  dem  Schmalenberg  in 
der  Nachbarschaft  des  Wilhelmsblick’s,  weisslich,  grob- 
späthig,  ohne  auffällige  Silicatbeimeugung;  am  Promenadenweg  in 
der  halben  Höhe  des  Winterbergs  zwischen  Hessenthal 
und  Kunstmauusthal,  feiuköniig  mit  rotliem  Granat;  ähnlich 
auf  dem  Gläsekenberge  und  im  Gl  äse  kenthale  südwestlich 
von  Bündheim,  zuerst  durch  E.  Kay.ser  entdeckt  und  auch  von 
M.  Koch  in  seinem  vorjährigen  Berichte  erwähnt. 

Derben  Granat  führt  ferner  ein  Kalksilicatgestein, 
welches  am  Fusse  des  Harzburger  Burgberges  hinter  der 
Restauration  unter  den  Eichen  ansteht.  Ihn  führen  auch  in  aus- 
gezeichneter Weise,  wie  E.  Kayser  meines  Wissens  ebenfalls  zu- 
erst beobachtet  hat,  die  metamorphosirteu  Eruptivgesteius- 
massen  aus  der  Umgebung  des  Wilhelmsblick’s  und  im 
Riefenbachthale;  daselbst  ist  er  tief  braunroth  von  Farbe. 
Kleine  zierliche  gelbgrüne  bis  -graue  Dodecaederchen  kommen 


XXXII 


dagegen  auf  dem  Pap en berge  in  einem  relativ  wenig  meta- 
morpliosirten  Diabas  vor,  der  am  Fass  desselben  Berges  auch 
grossblätterigen  Kalkspath  mit  zeisiggrünem  Epidot  führt. 

Durch  die  Contactmetamorphose,  welche  diese  ante- 
grauitischeu  Eruptivgesteine  (Diabas,  Orthophyr,  Kera- 
tophyr?)  zwischen  Ocker  und  Radau  erfahren  haben,  erscheinen 
dieselben  äusserlich  bald  als  massige,  dichte,  schwere  Diabas- 
horufelse,  bald  als  Amphibolite,  bald  als  glim  me  r reiche 
Gesteine,  die  im  Extrem  scheinbar  quarzlosen  Biotit-Glimmer- 
schiefer  mit  Granat-Gehalt  darstellen.  Die  Sonderung:  in  die  ur- 
sprünglich  nach  Structur  und  Substanz  verschiedenen  Typen  ist 
sehr  erschwert.  Geht  man  dabei  indessen  von  solchen  Vor- 
kommen aus,  bei  welchen  die  primäre  Structur  zum 
wenigsten,  oft  aber  auch  noch  ein  Theil  der  primären 
Substanz  erhalten  geblieben  ist,  so  wird  mau  gleichwohl 
hoffen  dürfen,  annähernd  die  Aufgabe  zu  lösen.  So  z.  B.  lässt 
der  D i a b a s - H 0 r n f e 1 s von  dem  trigonometrischen  Punkte 
auf  der  Stiefmutter  im  Ockergranit  die  Umbildung  des 
Diabas-All gits  in  braune  Hornblende  unter  Erhaltung  der 
divergentstrahlig  - körnigen  Diabasstructur  und  die  Neubildung 
eines  lichtgelblicheu  mikrolithischen  Aimits  innerhalb  der  in  die 
Hornblende  eiugezapften  Plagioklas -Leisten  auf  das  Klarste  er- 
kennen. Ebenso  wohl  erhalten  ist,  besonders  auf  dem  B reiten - 
berg,  jene  Variolitstructur  der  Oberharzer  Diabase,  die  für 
den  Hangenden  Theil  des  Osteroder  Diabaszuges  und  überhaupt 
für  die  Diabase  vom  Goslarer  Schiefer  bis  an  die  Basis  des 
Culms  als  charakteristisch  seiner  Zeit  von  mir  bezeichnet  und 
dementsprechend  auch  in  der  Gegend  von  Wildlingen  wieder  auf- 
gefundeu  worden  ist.  Endlich  geben  porphy  risch  aus  ge- 
schiedene primäre  Orthoklase  und  deren  P seu  do- 
rn orphoseu  aus  neugebildetem  Orthoklas  mit  Augit,  Biotit  und 
Turmalin  in  biotit-  und  augitreichen  durchaus  umkrystallisirten 
Grundmassen  erwünschten  Anhalt  zur  Wiedererkennung  der 
Augit-Orthophyre,  so  besonders  auf  dem  Schmalenberge  (SO.- 
Seite  und  nahe  beim  Wilhelmsblick). 


XXXIII 


Mittlieilung  des  Heira  M.  Kocii  über  Aufnahmen  im 
Oberliarz,  am  Osteröder-Polsterberger  Grüusteinzug 
u u d a m B r n c h - und  A c k e r b e r g. 

Die  Revision  der  Anfnalunen  Herrn  v.  Groddeck’s  in  dem 
erstgenannten  Gebiet  bat  zu  Ergebnissen  geführt,  welche  die  bis- 
herigen Beobachtungen  und  Auffassungen  sowohl  hinsichtlich  der 
Zusaiumensetzuug  wie  der  Lagernngsverhältuisse  der  am  Grüu- 
steinzug anftreteuden  Schichten  nicht  unwesentlich  ergänzen.  Da 
eine  ausführlichere  Darstellung  der  letztjährigeu  Beobachtungen 
in  einer  besonderen  Mittheihing  beabsichtigt  wird,  sollen  an  dieser 
Stelle  nur  einige  der  wichtigeren  Ergebnisse  kurz  Erwähnung 
finden.  Zu  diesen  gehört  vor  Allem  der  Nachweis  von  sedimen- 
tär ('  m O b e r d e V o n in  der  hangenden  Zone  der  körnigen 
Diabase  V.  Groddeck’s^)  und  zwar  von  Cypridinenschieferu 
im  Liegenden  der  Diabase,  ferner  von  veränderten  adinolartigen  Ge- 
steinen, in  denen  sich  neben  spärlichen  Brachiopoden  und  Trilobiten 
als  Iiezeichneudster  Rest  Posidonomya  venusta  gefunden  hat,  im 
Hangenden  derselben.  Die  ersteren  treten  sowohl  im  Hauptdiabas- 
zim  wie  in  dem  kleineren  Nebenzime  auf,  in  dessen  Endifrnufr  am 
Schönenberg  sie  besonders  günstig  aufgeschlossen  sind,  die  letzteren 
bilden  dauegeii  ein  nur  schmales  aber  weithin  fortsetzeudes 
Schichtenband  zwischen  Bärenbrucher  Teich  und  Polsterberg  im 
Hanptzng.  Die  durch  v.  Groddeck  gegebene  und  auch  nach 
der  Auffindung  der  Homalouoten  in  den  Wisseubacher  Schiefern 
A.  ROmer’s  noch  aufrecht  erhaltene  Deutung  des  Grüusteiuzngs 
als  eines  aus  Culmschichten  hervortreteudeu  Sattels  devonischer 
Schichten  mit  parallel  einfallenden  Flügeln,  wobei  der  hangenden 
Zone  der  körnigen  Dialiase  die  Rolle  des  Gegenflügels  zu  der 
liegenden  Zone  mit  den  Wisseubacher  Schiefern  A.  Römer’s 
■znfiel,  muss  nunmehr  nach  Auffindung  von  Oberdevou  in  der 
ersteren  fallen  gelassen  werden.  Es  liegt  nicht  ein  vollständiger 
Sattel  mit  Flügel  und  Gegenflügel  sondern  nur  ein  halber  Sattel 

')  Abriss  d.  Geognosie  des  Harzes  1883,  S.  104. 

A.  Halfae  u.  E.  BEYKieii,  Zeitsclir.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  Bd.  XXXTfl, 
1881,  p.  502  u.  518. 


Jahrbuch  1889. 


C 


XXXIV 


vor,  entsprecliencl  einem  einseitigen  Profil  vom  Oberdevon  bis  zum 
Unterdevon.  Die  Verschiedenheit  der  liegenden  nnd  hangenden 
Zone  spricht  sich  auch  abgesehen  von  den  Sedimenten  in  der 
sehr  von  einander  abweichenden  Beschaffenheit  ihrer  Diahas- 
einschaltungen  aus;  während  die  Gesteine  der  ersteren  nämlich 
mittel-  bis  grobkörnig  divergentstrahlig  oder  als  Labradorporphyre 
entwickelt  sind  und  demnach  den  unterdevonischen  Diabasen  des 
Ostharzes  nahe  stehen,  zeigen  diejenigen  der  hangenden  Zone 
ganz  vorherrschend  variolitische  Structur,  eine  Ausbildungsform, 
die  man  im  Harz  nach  den  bisherigen  Beobachtungen  nur  an 
Diabasen  jüngerer  Ablagerungen,  vom  oberen  Mitteldevon  an 
aufwäi’ts,  kennt. 

In  den  vollständigsten  Pi'ofilen  grenzen  die  Schichten  der 
hangenden  Zone  folgerecht  an  Culmkieselschiefer,  während  die 
Glieder  der  liegenden  Zone,  körnige  Diabase  und  Wissenbacher 
Schiefer  A.  Römer’s,  welche  nach  Auffindung  der  ITomalonoten 
in  der  Huhthaler  Widerwage  allein  mit  den  gleichen  Schichten 
Nassaus  in  Parallele  zu  stellen  sind,  überall  anormal  auf  Cuhn- 
grauwacken  auflageru.  Es  kann  dies,  wie  schon  v.  Groddeck 
als  wahrscheinlich  hinstellt,  nur  als  eine  Folge  von  am  Liegenden 
des  Zuo-es  auftretenden  Faltenverwerfuno-en  gedeutet  werden. 

O O 

Ausser  diesen  für  die  Auffassung  der  Lagei’ungsverhältuisse  am 
Grünsteinznge  wichtigsten  Störungen  und  vereinzelt  auch  vor- 
handenen streichenden  Spaltenverwerfungen,  welche  ein  Absinken 
der  Schichten  am  Hangenden  bewirkten,  werden  Haupt-  wie 
Nebenzug  noch  durch  eine  Reihe  von  Querverwerfungen  gestört 
und  in  einzelne  oft  sehr  erheblich  gegen  einander  verschobene 
Abschnitte  zerlegt.  Ein  Theil  dieser  in  Bezug  auf  Fallen  und 
Streichen  sich  den  Oberharzer  Gängen  anschliessenden  Querspalten 
fällt  mit  Störungslinien  zusammen,  die  sich  in  der  von  Herrn 
Baurath  Dr.  Langsdorff  veröffentlichten  geologischen  Karte  jenes 
Gebietes  eingetraofen  finden,  wenn  auch  im  Einzelnen  sehr  vielfach 
Abweichungen  von  dem  dort  angegebenen  gradlinigen  Verlauf  der 
Spalten  zu  verzeichnen  waren. 

Die  Revisionen  am  Bruch-  und  Ackerberg  konnten  in 
diesem  Jahre  noch  nicht  zum  Alischluss  gebracht  werden.  Obgleich 


XXXV 


bisher  eine  vollständig  befriedigende  Lösung  der  Fragen,  welche 
in  diesem  schwierigen  Gebiete  eine  Rolle  spielen,  noch  nicht 
erzielt  wurde,  haben  sich  doch  einige  nicht  unwichtige  Beob- 
achtungen ergeben,  von  denen  hier  nur  die  Auffindung  von 
Schichten  mit  typischer  Haupt<|uarzitfauna  an  der  Südostseite 
der  Quarzitmassen  des  Ackerbergs,  am  Lonauer  Jagdhaus  unweit 
der  Ackerchaussee,  Erwähnung  finden  möge. 

Mittheilung  des  Herrn  W.  Dames  über  die  Aufnahme  des 
Blattes  Wegeleben. 

Die  nahezu  abgeschlossene  Begehung  und  geologische  Kartirung 
des  Blattes  Wegeleben  hat  zwei  neue  Ergel>uisse  gehabt.  Einmal 
wurde  südlich  von  Gatersleben,  auf  der  Spitze  eines  Hügels  an- 
stehend, Arieten-Lias,  der  kuppenförmig  aus  dem  umgebenden  Di- 
luviallehm hervorragt,  aufgefunden,  in  Gestalt  eines  gelben  oder 
bräunlichen,  etwas  oolithischen  Kalkes  mit  kleinen  Belemniten, 
genau  so  entwickelt,  wie  östlich  von  Quedlinburg.  Der  Punkt 
lieo't  g-enau  in  der  Streichlinie  des  auf  der  EwALD’schen  Karte 
südlich  von  Halberstadt  angegebenen  Vorkommens  von  Arieten- 
Lias.  — Ferner  wurde  als  Liegendes  des  Diluvialschotters  westlich 
und  nordwestlich  von  Friedrichsaue  (am  Ostrand  des  Blattes  ge- 
legen) glaukonitischer  Sand  mit  grösseren  weissen  Q.uarzgeröllen 
beobachtet,  der  unbedenklich  der  Tertiärformation  zuzurechnen  ist. 
Hiernach  dehnt  sich  dieselbe  weiter  nördlich  aus,  als  bisher  be- 
kannt war. 

Mittheilung  des  Herrn  A.  von  Koenen  über  die  Aufnahmen 
westlich  und  südwestlich  vom  Harz. 

Die  Aufnahmen  der  Blätter  Reiuhausen,  Göttingen,  Nörten  etc. 
ergaben  eine  Reihe  neuer  Lias -Vorkommen,  wenn  auch  meist  nur 
in  kleinen  Schollen,  aber  zugleich  von  Stufen  des  Lias,  die  zum 
Theil  nicht  so  weit  südlich  bei  uns  bekannt  waren. 

Auf  Blatt  Reiuhausen  wurden  die  Schichten  mit  Ammonites 
angulatus  nördlich  von  Sieboldshauseu  und  zwischen  Mariengarteu 
und  Elkershausen  gefunden,  ausserdem  Tertiärgebirge  westsüd- 
westlich von  Molleufelde,  am  Rande  des  Blattes. 


c 


XXXVI 


Auf  Blatt  Göttiugeu  sind  jetzt  nacligewiesen: 

die  Schichten  mit  Ammonites  Jolmstoni“^  als  dunkle,  braun 
verwitternde  Kalke  mit  Ostrea^  ca.  400  Meter  nördlich  von  der 
Irrenanstalt  und  an  der  Strasse  von  Göttingen  nach  Holtensen, 
etwa  1000  Meter  von  diesem  Ort; 

die  Schichten  mit  Amm.  angulatus  treten  in  grösserer  Aus- 
dehnung zu  Tage  rings  um  die  Irrenanstalt,  südöstlich  vom 
Ceutralkirchhof  von  Göttingen  und  unter  den  Häusern  der  »Herz- 
herger  Chaussee«,  vor  dem  Albanithore  von  Göttingeu; 

die  Schichten  mit  Amm.  Bucklandi  sind  anscheinend  südlich 
von  der  Irrenanstalt  voidiauden , sowie  nordöstlich  vom  Lohberg 
bei  Boveudeu; 

die  Schichten  mit  Amm.  -cjeametricus  waren  zeitweise  in  einer 
Thougrube,  ca.  300  Meter  südlich  von  den  Gebäuden  der  Irren- 
anstalt, aufgeschlossen. 

Amm.  plwriicosta  findet  sich  zwischen  Leuglern  und  Emmeir- 
hausen,  am  Nordwest-Fusse  des  Ilolteuser  Berges  und,  nebst  Amm. 
ziphus,  in  kleinen  Eisensteiuuieren  auf  den  Feldern  nordöstlich  vom 
Lohberg,  bei  Boveuden. 

Die  Schichten  des  Amm.  Jamesoni  sind  vertreten  durch  ülier 
3,.ö  Meter  mächtige  grüne,  braun  verwitternde,  oolithische  Eisen- 
steine, welche  nordwestlich  von  Holtensen  und  bei  Elliehausen 
zu  Taffe  treten;  ähnliche  Gesteine  finden  sich  auch  südöstlich  von 
Göttingeu. 

Die  Schichten  des  Amm.  ihex  (u.  A.  centmcrus)  und  des 
A.  Davoei  (A.  ccrpricornus')  sind  auch  jetzt  nur  östlich  und  süd- 
östlich von  Göttingen  bekannt,  ebenso  die  Schichten  des  A,  spG 
natus  und  des  A.  m,ar g ar itatus. 

Auf  Blatt  Nörten  ist  der  untere  und  mittlere  Lias  vermuth- 
lich  in  allen  Zonen  zwischen  Mariaspring  und  dem  Maiberge  bei 
Angerstein  vorhanden. 

Gefunden  habe  ich  dort  bis  jetzt  Amm.  angulatus , Gry- 
phaea  arcuata.,  Amm.  planico sta.^  Amm.  centaurics A.  spi- 
natus  u.  a.  m.  Amm.  angulatus  findet  sich  aber  auch  westlich  von 
Parensen  und  südöstlich  von  Schnedinghausen,  an  ersterem  Orte 
auch  Amm.  geometricus  etc. 


XXXVII 


Bei  Northeim  findet  sich  da,  wo  auf  älteren  Karten  Lias  an- 
gegeben ist,  grösstentheils  Thon  und  Saud  resp.  Sandstein  von 
jung -tertiärem  Alter  mit  Braunkohle -Resten  etc.  Zum  Theil  ist 
al)er  auch  Lias  vorhandeu  zunächst  dem  »Wieter«,  und  dieser 
Lias  erstreckt  sich  über  4 Kilometer  weit  nach  Süden.  Darin 
finden  sich  namentlich  auch  die  Eisensteine  der  Amm.  Jamesoni- 
Schicliten  und  andere  Zonen  des  mittleren  Lias,  ferner  Posidouien- 
Schiefer  mit  Amm.  horealis.,  Beloiieltis  ampidlaris  etc.  und  die 
Schichten  des  Amm.  jurensis  mit  A.  jurensis.^  A.  Germaini.,  A. 
dispansiis  etc. 

Mittheilung  des  Herrn  Loretz  über  Aufnahmen  auf  den 
Blättern  Schwarzburg,  Köuigsee  und  Ilmenau. 

Von  den  Blättern  Schwarzburg  und  Königsee  wurden  die 
nördlichen,  vor  dem  cambrischeu  Schiefergebirge  gelegenen  Theile, 
welche  vorzugsweise  von  Zechsteiu  und  Buntsaudsteiu  eingenommen 
werden,  revidirt,  und  ihre  Aufnahme  zum  Abschluss  gebracht. 
Was  die  diesbezüglichen  Ergebnisse  betrifit,  so  kann  hier  auf  das 
im  vorigen  Bande  p.  LXXIII  tt‘.  Gesagte  und  auf  die  Beschrei- 
bung des  Zechsteius  in  vorliegendem  Baude  S.  221  fi:’.  verwiesen 
AVer den. 

Auf  Blatt  Ilmenau  wurden  die  Aufnahmearbeiteii  im  östlichen 
Theile  des  Blattes  weitergeführt  und  die  Verbindung  mit  den  von 
den  Herren  ScilEiRE  und  ZiMMERMztNN  im  westlichen  Theile  be- 
Avirkteu  Aufnahmen  zunächst  südlich  von  der  Stadt  Ilmenau,  im 
Gabelbachthal  u.  s.  w.  hergestellt.  Es  hat  sich  hierbei  gezeigt, 
dass  das  vorwiegend  aus  porphyrischem,  nur  untergeordnet  auch 
aus  Schiefergebirgs-AIaterial  gebildete  Trümmergestein  (Trünimer- 
tufi‘,  Breccie),  welches  im  östlichen  Theile  des  Blattes  eine  so  be- 
trächtliche Ausdelmuug  erlangt,  am  Lindenberg  bei  Ilmenau  von 
einem  dünner  geschichteten  Complex  von  deutlich  sedimentärer 
Natur  überlagert  wird;  derselbe  besteht  aus  vorherrschenden 
gröberen  und  feineren  Tuffen,  mit  untergeordneten  Schieferthonen 
(mit  Ptlauzeuspuren)  und  auch  sandigen  und  kalkigsaudigeu 
Schichten.  Besonders  charakteristisch  für  diese  Schichtengruppe 
sind  dichte,  plattige  Lagen  von  streifigem  oder  gebändertem  Aus- 


XXXVIII 


sehen  des  Querliruchs,  indem  die  hellfarbige  Hauptmasse  mit 
äusserst  dünnen,  dunklen  Zwischenlagen  wechselt.  Diese  Schichten- 
folge mag  vorläufig  als  »Tufte  von  Kefersteinsruhe«  bezeichnet 
werden.  Dieselben  werden  nun  ihrerseits  am  Lindeubercr  von 
Glimmerporphyrit  überlagert,  der  dort  das  hängendste  Lager  bildet. 
Die  drei  genannten  Glieder,  nämlich  Trümmertuff'  oder  Breccie, 
Tuff'e  von  Kefersteinsruhe  und  Glimmerporphyrit  setzen  sich  auch 
westlich  über  das  Gabelbachthal  fort  und  lassen  sich  in  die  für 
die  dortige  Gegend  von  den  genannten  Geologen  aufgestellte  Lager- 
folge einordneu. 

Gehen  wir  nun  aus  jenem  Trümmertuff'  iu  der  Lagerfolge 
abwärts,  so  treff’eu  wir  bereits  an  der  östlichen  Seite  des  Lindeu- 
bergs  unter  demselben  au  verschiedenen  Stellen  wieder  Glimmer- 
porphyrit, der  mithin  ein  älteres  Lager  darstellt  als  der  oben  an- 
geführte. Mit  diesem  älteren  Glimmerporphyritlager  dürfte  wenig- 
stens ein  Theil  der  Gliinmerporphyritmasseu  gleichstehen,  welche 
zunächst  östlich  vom  Lindenberg  und  Schortethal,  dann  aber  auch 
weiterhin  über  den  östlichen  Theil  des  Blattes  zerstreut  auftreteu. 
Die  Aufuahmearbeiten  müssen  iudess  dort  noch  weiter  fortgesetzt 
werden,  um  iu  dieser  Beziehung  mehr  Klarheit  zu  schaff'en,  wie 
auch  darüber,  iu  welchem  Lageruugsverbande  der  dort  in  erheb- 
licher Verbreitung  vorkommeude  Felsitporphyr  zu  den  genannten 
beiden  Gliedern  steht;  vorläufig  muss  es  dahingestellt  bleiben,  ob 
sich  jedes  einzelne  Vorkommen  dieser  drei  Gesteine  mit  Sichei’- 
heit  auf  ein  bestimmtes  Glied  einer  gewissen  Lagerfolge  wird  be- 
ziehen lassen,  und  ob  diese  letztere  sich  mit  der  jenseits  des 
Gabelbachs  bis  jetzt  angenommenen  Folge  decken  wird.  So  viel 
haben  die  bisherigen  Begehungen  gezeigt,  dass  das  porphyrische 
Trümmergesteiu,  der  Trümmertuff’,  nach  Verbreitung  und  Mächtig- 
keit im  östlichen  Theile  des  Blattes  eine  entschieden  bedeutendere 
Rolle  spielt  als  im  westlichen;  und  als  weiteres  Ergebniss  darf 
wohl  auch  ausgesprochen  v erden,  dass  dieser  Trümmertuff’  nicht 
überall  die  genannten  porphyrischeu  und  porphyritischeu  Erguss- 
masseu  überlagert  und  durch  solche  von  den  ältesten  Schichten  ge- 
trennt wird,  sondern,  dass  er  dort,  wo  jene  fehlen,  beziehuugs- 


XXXIX 


weise  nicht  hingelangt  sind,  unmittelbar  auf  den  ältesten  Schichten 
lagern,  wenn  nicht  sogar  in  Wechsellagernng  mit  solchen  treten 
kann.  Diese  letzteren  Schichten  nun  sind  die  in  der  entsprechenden 
voijährigeu  Mittheilnug  bereits  erwähnten  Sedimente,  nändich  Sand- 
steine, Kalksandsteine,  Schieferthone  und  Couglomerate,  welche 
besonders  bei  Gehren  und  Möhrenbach  aufgeschlossen  sind  und 
unseres  Erachtens  für  identisch  gehalten  werden  dürfen  mit  ent- 
sprechenden, früher  bereits  auf  Blatt  Eisfeld  und  Blatt  Masserberg 
gefundenen  Schichten,  die  dort  zunächst  auf  dem  alten  Schiefer- 
gebirge liegen,  als  unterster  Theil  der  gesammteu,  diesem  Grund- 
gebirge ungleichförmig  anfgelagerteu  klastischen  Bildungen  und 
Massengesteiusergüsse.  Wir  haben  diese  untersten  Schichten  bis- 
her als  Unteres  liothliegeudes  betrachtet,  iudess  mag  ihre  Alters- 
stelluug,  wie  auch  ihr  Verhältuiss  zu  den  im  westlichen  Theile 
von  Blatt  Bmenan  vorkommenden,  bisher  für  carbonisch  ange- 
sehenen, znm  Theil  ähnlichen  Schichten,  zunächst  noch  uuerörtert 
bleiben.  Auch  bei  Gehren  und  Möhrenbach  ist  als  Unterlage  der 
genannten  Sedimente  das  cambrische  Schiefergebirge  auznnehmen, 
welches  im  äussersten  südöstlichen  Winkel  des  Blattes  Ilmenau, 
im  Langen  Berge,  ohne  Bedeckung  durch  jüngere  Schichten  heraus- 
tritt. 

Dagegen  tritt  an  der  Ilm,  abwärts  von  Ilmenau,  Granit  als 
Untei’lage  hervor,  aber  es  lässt  sich  hier,  wegen  Unterbrechung 
durch  Diluvium,  nicht  wie  im  oberen  Ilmthal  die  Auflagerung  des 
Kothliegenden  (bezw.  Carbon)  auf  den  Granit  wahruehmeu.  Weiter 
südlich  wurde  auch  im  Wildthal  bei  Oehrenstock  das  Vorkommen 
von  Granit,  und  obendrein  in  der  Nachbarschaft  desselben,  das 
Vorkommen  der  quarzigen  Arkose  beobachtet,  welche  im  oberen 
Ilmthal  zunächst  den  Granit  bedeckt;  leider  kommen  im  Wildthal 
diese  Gesteine  nicht  anstehend,  sondern  nur  lose,  doch  in  Menge 
vor,  und  so  mögen  sie  immerhin  auf  ein  örtliches  Hervortreteu  der 
granitischen  Unterlage  zu  beziehen  sein.  Dass  diese  hier  in  einer 
ganz  anderen  Höhenlage  erscheint  als  bei  Ilmenau,  kann  nicht  be- 
fremden, denn  abgesehen  von  Verwerfungen  kann  man  sich  auch 
nach  anderen  Beobachtungen  den  Boden  des  gesammten  Roth- 


XL 


liegenden  (bezw.  Carbon)  nur  als  eine  sehr  um'egelniässig  gestaltete 
Fläche  vorstellen  1). 

Zwischen  Langewiesen,  Oehrenstock  und  dem  Schortethal  und 
in  dem  letzteren  auch  noch  weiter  aufwärts,  an  den  Gehängen  des 
Lindeubergs  und  Mittelbergs,  kommen  in  beträchtlicher  Verbrei- 
tung besondere  trüininex’tufiartige  Gesteine  von  wechselndem  Aus- 
sehen vor,  welche  jedoch  kaum  von  einander  zu  trennen  sind; 
während  sie  einerseits  in  flaserige  Abänderungen  verlaufen,  wird 
eine  andere  Varietät  einem  Glimmerporphyrit  auf  den  ersteu  Blick 
so  ähnlich,  dass  Täuschungen  Vorkommen  können.  Die  nähere 
Untersuchung,  besonders  auch  die  mikroskopische,  zeigt  jedoch 
stets,  dass  man  es  hier  nicht  mit  Ergussgesteinen,  sondern  mit 
trümmertntfartigen , verschiedenartige  Einschlüsse  enthaltenden 
Massen  zu  thun  hat.  Wir  fassen  diese  kleine  Gesteiusgruppe, 
welche  als  »Tuftgesteine  von  Oehrenstock  und  Langewiesen«  be- 
zeichnet  werden  mag,  als  Zwischenlager  in  unserem  weiter  ver- 
breiteten Trümmertuft'  oder  der  jDorphyrischen  Breccie  auf,  zu 
welchen  auch  petrographische  Uebergänge  stattfinden,  so  dass  die 
Abgrenzung  etwas  erschwert  wird.  Auch  an  anderen  Stellen  finden 
sich  Andeutungen  dieser  eigenthümlichen  Tujffgesteine. 

Ö o o 

In  petrographischer  Hinsicht  sei  schliesslich  noch  bemerkt, 
dass  wir  mehrere  Vorkommnisse  von  Eruptivgesteinen,  die  weder 
als  Porphyr,  noch  als  Porphyrit,  noch  als  Kersantit  bezeichnet 
werden  können,  vorläufig  als  »Alelaphyr«  kartirt  haben,  ohne  da- 
mit einer  richtigeren,  nur  durch  genauere  mikroskopische  und 
chemische  Untersuchung  zu  gewinnenden  Bezeichnung  vorgreifeu 
zu  wollen.  Es  gehören  dahin  besonders  die  Gesteine  vom  Trag- 
berg und  einigen  anderen  Stellen  bei  Langewieseu,  und  vom  Gottes- 
kopf, unweit  Gehren,  in  welchen  auch  ein  Theil  des  von  E.  E.  Sciimid 
aufgestellteu  »Paramelaphyr«  enthalten  ist. 


’)  Nock  wurde  am  reckten  Ilmtkalrande,  eine  Viertelstunde  okerkalb  Lange- 
wiesen, gegenüber  dem  Ebrenberg,  ein  Vorkommen  von  Gi-anit  kartirt,  der  liier 
zwiseken  stark  verändertem,  anscheinend  zu  Knoteusckiefer  und  Hornfels  um- 
gewandeltem cambrischem  Schiefer  auftritt. 


XLI 


Mittheilimg  der  Herren  R.  Scheibe  und  E.  Zimmermann  über 
die  wi  SS  e u scli  aftli  eil  en  Ergebnisse  der  Aufnahmen  auf 
dem  Blatte  Ilmenau  unter  Ber ücksiebtigung  angren- 
zender Gebiete. 

Die  Untersucliuugen  des  Jahres  1889  umfossten  den  Ostbaug 
des  Kickelliabns  bis  zum  Gabelbach  und  erstreckten  sieh  naeh 
Süden  bis  zu  einer  in  Ostwestriehtung  durch  Stützerbach  gezogenen, 
dann  im  Schortethal  nordwärts  verlaufenden  Linie. 

Das  im  Vorjahre  von  uns  festgestellte  Profil  vom  Porpliyr 
des  Kiekelhahns,  Hirschkopfes  u.  s.  w.  abwärts  bis  zum  Glimmer- 
porphyrit  (vgl.  in  unserem  Bericht  in  diesem  Jahrbuche  für  1888, 
S.  Lxvii  die  No.  4 — 7)  findet  sich  auch  an  der  nordöstlichen  und 
östlichen  Seite  des  Kiekelhahns  wieder.  Wir  haben  dasselbe 
ferner  auf  Blatt  Suhl  am  Eisen-  und  Döllberg  nachweisen  können. 

In  dem  genannten  Glimmerporphyrit  tritt  ein  Sediment- 
zwischeulager  auf,  welches  vorwiegend  aus  einfarbigen  oder  ge- 
bänderten Thonsteinen  und  aus  Breccien  (oberer  Gabelbach)  besteht. 
Letztere  bilden  immer  den  liegenden  Theil  des  Lao-ers.  Unter- 
geordnet  finden  sich  in  den  Thonsteinen  dichte  Sandsteine 
(Langebachs-Kopf)  und  graue  Schieferthone  (Ascherofeu).  Dieses 
Zwischenlager  wird,  wie  die  Untersuchungen  des  Herrn  Dr. 
Loretz  ergeben  haben,  nach  Südosten  hin  rocht  mächtig,  während 
unsere  Aufnahmen  eine  allmähliche,  zum  Verschwinden  führende 
Auflösung  desselben  nach  AA'esteu  hin  nachgeMÜesen  haben.  Kleine 
isolirte  Partien  von  Breccie,  die  wir  an  der  Wilhelmsleite  und 
Kammerberger  Alühle  gefunden  hatten,  haben  sich  nun  als  die 
letzten  Ausläufer  der  Gabelbachbreccie  ergeben.  In  dieser  Breccie 
finden  sich  neben  den  vorheri-scheuden  Porjihyr-  und  Porphyrit- 
brocken  auch  Schiefer-,  sowie  bis  über  kopfgrosse  qiiarzreiche 
Arkose-  und  Granitgeröll e. 

Am  Ascherofen  wurde  in  den  Schieferthonen  der  Thonstein- 
zone ein  Rest  von  Walchia  2yi>iiformis  gefunden. 

Wird  nun  durch  dieses  Sedimentzwischenlager  der  Glimmer- 
porphyrit schon  in  zwei  Lager  zertheilt,  so  wird  das  untere  der- 


XLII 


selben  nochmals  zerlegt  clnrcli  eine  Decke  von  Porphyr,  welcher 
auch  petrographisch  eine  besondere  Art  bildet.  Durch  seine  weiss 
verwitternde  Grundinasse,  durch  Auftreten  von  kleinen  Feldspäthei) 
und  rothverwitterndeu  Glimmertafeln  und  durch  Mangel  an  Quarz- 
einspreugliugen  gleicht  dieser  Porphyr  dem  des  Kickeihahns, 
unterscheidet  sich  a1)er  von  demselben  durch  Fehlen  von  Sphäro- 
litlieu  und  Lithophysen  und  öfters  eintretende  Häufung  von  Würfeln 
zersetzten  Schwefelkieses.  Mit  Ausnahme  einiger  kleiner  afana'för- 
miger  Vorkommen  gehören  hierher  alle  Porphyre  der  nächsten  Um- 
gebung von  Stützerbach,  der  Flohen  Tanne,  des  Erbskopfes  (Stützer- 
bacher Porphyr). 

Die  drei  zu  unterscheidenden  Glimmerporphyritergüsse  sind 
petrographisch  nicht  unterscheidbar,  lassen  sich  also  bei  Aussetzeu 
der  Zwischenlager  nicht  getrennt  darstellen. 

Unter  No.  3 a)  unseres  vorjährigen  Idealprofiles  führten  wir 
an  der  Basis  des  Glimmerporphyrits  das  Schueidemüllersko])f- 
gestein  (Enstatitporphyrit)  auf.  Wir  haben  dieses  charakteristische, 
bisher  nur  von  wenigen  Orten  bekannte  Gestein  au  zwei  neuen 
Stellen  aufgefuuden  (Hohe  Tanne,  Schortethal  am  Erbskopf). 

Zu  beiden  Seiten  des  Taubachgruudes  westlich  von  Stützer- 
bach taucht  unter  dem  Glimmerporphyrit  und  neben  Granit  ein 
Sedimentgestein  in  geringer  Ausdehnung  empor,  welches  als 
Gliminerfels  zu  bezeichnen  uud  als  diirch  Granit  stark  umge- 
wandelter alter  Thouschiefer  zu  betrachten  sein  dürfte. 

Im  Jahre  1888  hatten  wir  auf  Grund  des  nördlichen  Einfalleus 
des  an  der  Kammerberg-Stützerbacher  Strasse  am  Goldhelm 
anstehenden  Porphyrcouglomerates  mit  den  darüber  liegenden 
grauen,  plattigen  Sandsteinen,  Sandschiefern  und  conglomeratischen 
Sandsteinen  (No.  8a  des  vorjährigen  Berichtes)  aniiehmen  müssen, 
dass  diese  Schichten  an  der  Basis  des  eigentlichen  Manebacher 
flötzführeuden  Carbons  liegen.  1889  am  Schluss  der  Aufnahmezeit 
dicht  über  der  Strasse  am  Goldhelm  gemachte  Funde  von  Wulcliia 
piniformis  (häufig),  Odontopteris  obtusa  (spärlich),  Cardiocarpus  und 
anderen  Resten  werden  aber  die  Zurechnung  der  vorgenannten 
Schichten  uud  damit  auch  eines  Theils  unserer  über  den  Flötzen  auf- 
tretenden  conglomeratischen  Sandsteine  uud  des  Porphyritmandel- 


XLIII 


feteincongloinerates  (No.  8/  des  voijährigeu  Berichtes)  zum  Unter- 
rothlieireudeu  nothwendiff  machen.  Die  vorgerückte  Jahreszeit 
schloss  die  Möglichkeit  aus,  die  pflaiizeuführende  Schicht  durch- 
seheuds  zu  verfoDen  uud  die  Abgrenzung  der  Abtheilungen  im  ein- 
zelnen  genau  durchzuführen.  Im  oberen  Gartenthal  am  Foi’stmeisters- 
weg  sind  auch  Wcdcliien  gefunden  worden.  Daneljen  kommen  aber 
auch  in  sandigen  Schieferthonen  folgende  Reste  vor:  Aateroiiliyllites 
equisetiformis , Taenioptens  midtinervia , Pecopteris  cf.  Pliickeneti^ 
P.  cf.  pteroideSi  P.  cf.  Miltoni,  P.  arborescens  und  eine  Odontopteris, 
deren  Aussehen  an  0.  Reichiana  erinnert.  Ein  sicherer  Entscheid, 
ob  man  hier  Carbon,  oder  Rothliegendes,  oder  beides  vor  sich 
hat,  lässt  sich  auf  Grund  dieser  Reste,  insbesondere  wegen  ihrer 
noch  nicht  unzweideutig  durchführbaren  Bestimmung  zur  Zeit 
nicht  fällen.  Es  ist  aber,  soweit  es  bis  jetzt  übersehbar  ist,  an- 
zunehmen, dass  die  Conglomerate  und  Sandsteine  mit  Pflanzen 
am  Goldhelm  (8  o des  vorjährigen  Berichtes)  mit  den  über  den 
Flötzen  des  Mauebacher  Carbons  folgenden  grauen  couglomeratischen 
Sandsteinen  und  Conglomeraten  (8/  des  vorjährigen  Berichtes) 
identisch  sein  werden.  Nur  liegen  dann  diese  gleichmässig 
und  ungestört  auf  dem  flötzführendeu  Carbon,  jene  befinden 
sich  in  gestörter  Lagerung,  sind  durch  Verwerfung  tiefer,  schein- 
bar ins  Liegende  des  flötzführendeu  Carbons  gerückt.  Die  ge- 
naue Erkenntniss  der  schwierigen  Lagerungsverhältnisse  muss 
von  den  im  Jahre  1890  vorzunehmenden  Untersuchungen  erwartet 
werden. 

Das  ideale  Gesammtprofil  nun,  welches  wir  im  vorjährigen 
Berichte  (d.  Jahrb.  1888,  S.  Lxvii  u.  f.)  aufgeführt  haben,  wird 
durch  die  diesjährigen  Aufnahmen  in  nachstehender  Weise  ergänzt 
und  erweitert: 

Theil  I.  No.  1)  Granit.  Dieser  ist  neben  den  im  Contact 
mit  ihm  veränderten  alten  Thonschiefern  das  älteste  Gebirge. 
Dasselbe  wird  überlagert  von  Sedimenten,  die  bald  aus 

No.  2 a)  conglomeratischer  Arkose  mit  Geröllen  von  Granit, 
Quarz,  cambrischem  Quarzit,  Kieselschiefer,  Feldspath  in  der  oft 
kieseligen  Grundmasse,  daneben  aus  rothen,  grauen  und  schwarzen 
Schieferthonen  und  Sandsteinen  bestehen,  bald  durch  eine 


XLIV 


No.  2 b)  Breccie  von  Porpbyrit,  Porphyr,  Schiefer  repräseutirt 
sind.  — Hierauf  folgen  in  örtlich  beschränkten  Ergüssen 

No.  3 a)  Quarzporphyr  des  Meyersgrundes. 

No.  3b)  Schneidemüllerskopfgestein,  dann  aber  drei  ausge- 
dehnte, durch  Zwischenlager  theilweis  getrennte,  mächtige  Ergüsse 
von  Glimmerporphyrit,  und  zwar 

No.  4 a)  Unterster  Glimmerporphyrit. 

No.  4 b)  Stützerbacher  Porphyr. 

No.  4 c)  Mittlerer  Glimmerporphyrit. 

No.  4d)  Breccie  und  Thonstein  des  Gabelbachs. 

No.  4e)  Oberster  Glimmerporphyrit. 

In  Uebei’einstimmuug  mit  den  Ergebnissen  des  Vorjahres 
bildet  das  Hangende  des  Glimmerporphyrits  eine  Eolge  von 

No.  5)  Thonsteinen,  welche  von 

No.  6)  Eeldspathporphyrit  und 

No.  7)  Porphyren  und  Tuffen  (des  Kickeihahns,  Hirschkopfes, 
der  Hohen  Schlaufe  u.  a.,  überlagert  werden. 

Hier  bricht  das  Profil  zunächst  ab.  Ob  nun  eine  Lücke 
folgt,  welche  bisher  von  uns  als  wahrscheinlich  angenommen  wurde, 
haben  wir  noch  nicht  entscheiden  können.  Weiter  unten  ist  des 
Lagernugsverhältnisses  gedacht,  in  welchem  die  Schichteuglieder 
No.  1 — 7,  also  des  vorzugsweise  aus  Eruptivgesteinen  bestehenden 
Theils  I des  Profils  zu  dem  nun  anzuführenden , die  Glieder 
No.  8 — 1 1 umfassenden  hauptsächlich  sedimentären  Theil  II  stehen, 
und  sind  Bedenken  geäussert,  welche  gegen  die  von  uns  im  Vor- 
jahre angenommene,  auf  das  Karteubild  begründete  Altersfolge 
sprechen.  Trotz  dieser  Bedenken  sind  wir  noch  geneigt  anzn- 
nehmen,  dass  als  uächstjüugeres  Glied  auf  die  Schichtenfolge 
No.  1 — 7 das  allerdings  stets  durch  Verwerfung  von  dieser  ab- 
"etrenute 

O 

Theil  II,  No.  8)  Obere  Mauebacher  Carbon  folgt.  Dassdbe 
schliesst  die  Plötze  ein  (im  vorjährigen  Bericht  No.  8 ß).  — Von 
ihm  trennen  wir  aber  gegenüber  der  im  Vorjahre  angenommenen 
Auffassiiug  auf  Grund  der  oben  erwähnten  Pflauzenfunde  am 
Goldhelm  ab,  zunächst  als  Rothliegendes  : 


XLV 


No.  9 a)  Das  Porphyrcoiiglomerat  an  der  Kainmerberg-Stützer- 
bacher  Strasse. 

No.  9 ß)  die  Walchia  fübrenden  Plaltensandsteine  am  CToldbelm 

No.  9y)  die  couglomeratiscbeu , buutzusammeugesetzten , be- 
sonders quarzfübrenden  Sandsteine  des  oberen  Gartentbals  (im 
vorjährigen  Bericht  unter  8 a)  znsammengefasst).  — Als  identisch 
mit  No.  97  sind  die  über  den  Flötzen  liegenden  polygenen  con- 
glomeratischen  Sandsteine  (im  vorjährigen  Bericht  87  znm  Theil) 
zn  betrachten,  auf  welche 

No.  9 6)  das  Glimmerporpliyritmandelsteinconglomerat  (im  vor- 
jährigen Bericht  87  znm  Theil)  folgt. 

Wir  bezeichnen  als 

No.  10a)  die  rotheu  Sandsteine  und  als 

No.  10  b)  die  Couglomerate  des  Bundsehildskopfes  (im  vor- 
jährigen Bericht  No.  9 lind  10),  welche  gleichmässig  auf  den  vor- 
hergehenden Schicliteu  lagern. 

In  jüngere)!  Gliedern  als  dem 

No.  11)  Quarzporphyr  des  Bundsehildskopfes  haben  wir  1889 
keine  neuen  Begehungen  gemacht,  sodass  auch  unser  bishei’iges 
Profil  von  da  ab  unverändert  bleibt. 

Was  mm  die  Frage  anlangt,  ob  es  zweifellos  ist,  dass  der 
die  Glieder  No.  8 — 11  umfassende  Theil  II  des  Gesammtprofils 
jünger  ist  als  der  die  Glieder  No.  2 — 7 umfassende  Theil  I,  so 
muss  zugestandeu  werden,  dass  dies  nicht  ganz  der  Fall  ist.  Bei 
den  Begehungen,  welche  zum  Theil  in  Gemeinschaft  mit  dem 
Bezirksgeologeu  Herrn  I)r.  Beyschlag  auf  den  Blättern  Ilmenau, 
Schleusingen  und  Suhl  stattfanden,  ist  noch  nii’gends  eine  directe 
Ueberlagernng  der  Gesteine  des  Theils  I durch  solche  des  Theils  II 
des  Profils  beobachtet  worden.  Wo  beide  Theile  sich  berühren, 
sind  die  Treunungsliuien  fast  immer  als  z.  Th.  recht  Iredeutsame 
Bruchlinieu  und  Verwerfuno-eu  erkannt. 

O 

Es  sprechen  aber  folgende  Giainde  für  die  Aunabme,  es  sei, 
entgegen  unserer  bisherigen  Meinung,  der  Theil  I des  Profils 
jünger  als  der  Theil  II,  und  da  letzterer  die  regelmässige  Schichten- 
folge  von  den  oberen  Ottweiler  Schichten  (M:i!iebacher  Carbon) 


XLVI 


zum  Rothliegeudeu  darstellt,  demnach  ersterer  jünger  als  das 
unterste  Rothliegende  : 

a)  In  den  schwarzen  Schieferthouen  (vgl.  2 a),  welche  über 
der  Arkose  und  unter  dem  Schueidemüllerskopfgestein  auftreten, 
sind  im  Melmthal  (Bl.  Suhl)  und  au  der  Wilhelmsleite  (Bl.  Ilme- 
nau) Brauchiosaurusreste  gefunden  worden. 

b)  In  den  grauen  Sandsteinen,  welche  am  Teuschlesberg 
(Bl.  Schleusingeu)  gleichfalls  zwischen  Arkose,  rotheu  Schiefer- 
thoueu  und  Glimmerporphyrit  liegen,  also  in  einem  Profil,  welches 
dem  unteren  Theil  desjenigen  am  Dachskopf  und  Schueidemüllers- 
kopf  (Bl.  Ilmenau)  entspricht  (vgl.  No.  2 a),  wurde  Calamites  gigas 
gefunden. 

c)  In  den  Thonsteineu  des  Gabelbaches  (No.  4d)  fand  sich 
am  Ascherofen  eine  Walchia  'piniformis  neben  anderen  unbe- 
stimmbaren Resten. 

Dagegen  lässt  sich  für  die  Annahme,  dass  Theil  I (die 
Glieder  No.  2 — 7)  im  Profil  älter  sei  als  Theil  II  (Glieder  No.  8 — 11), 
also  jener  carbouisch  sei,  ausser  dem  Kartenbilde  folgendes 
geltend  machen  : 

a)  Nur  die  Arkose  (No.  2 a),  die  Breccie  (No.  2 b),  der  Meyers- 
grundporphyr (No.  3a)  und  der  Glimmerporphyrit  (No.  4)  liegen 
nachweislich  auf  Granit,  dem  ältesten  der  als  Unterlage  des  Car- 
bonrothliegendeu  hier  in  Betracht  kommenden  Gebirgsglieder, 
auf.  Von  jüngeren  Gesteinen  ist  es  erst  wieder  der  Zechstein, 
welcher  am  Ehrenberg  (Bl.  Ilmenau)  auf  Granit  liegt. 

b)  Wenn  der  Profiltheil  I nicht  carbonisch,  sondern  Roth- 
liegend  ist,  so  müsste  mau  doch  bei  der  im  übrigen  grossen  räum- 
lichen Ausdehnung  der  Gesteine  desselben  mit  ziemlich  grosser 
Wahrscheinlichkeit  erwarten,  diesen  Gesteinen  in  dem  weiten 
Gebiete  rothliegender  Schichten,  welches  sich  von  Ilmenau  über 
die  Blätter  Suhl,  Crawinkel,  Tambach  hin  erstreckt,  wiederum  zu 
begegnen;  das  ist  bis  jetzt  aber  nicht  der  Pall. 

c)  Endlich  müsste  sich,  wenn  Theil  II  älter  als  Theil  I wäre, 
bereits  auf  dem  kurzen  Raum  von  kaum  800  Schritt,  um  welche 
der  Granit  des  Dachskopfes  (Bl.  Ilmenau)  südlich  liegt  von  der 
das  Mauebacher  flötzführeude  Carbon  abschneidenden,  quer  durch 


XLVII 


das  Ilmtlial  setzenden  Verwerfung  das  gesaminte  Manebach- 
Kammerberger  Carbon  sich  ansgekeilt  haben,  oder  es  müssten 
ausserordentlich  tiefe  Einkesselungen  in  der  Granitoberfläche  an- 
genommen wei’den,  deren  Tiefstes  mit  Carbon  erfüllt  wurde, 
während  die  benachbarten  Ifänder  unbedeckt  blieben. 

Muss  also  der  sichere  Entscheid  von  weiteren  Untersuchungen 
erwartet  werden,  so  haben  sich  dieselben  eiuestheils  auf  Aufsucheu 
leitender  Versteiuernugen  in  den  Sedimenten,  anderutheils  auf 
Auffindung  von  Stellen  ungestörten  Lagerungsverbandes  der 
Theile  I und  II  des  Profils  zu  richten. 

Mittheiluug  des  Herrn  R.  Scheibe  über  die  wissenschaft- 
lichen Ergebnisse  der  Aufnahmen  auf  Blatt  Friedrich- 
rod a. 

Die  Untersuchungen  bezweckten  im  Wesentlichen  die  Aus- 
scheidung von  Tuffen  innerhalb  der  von  dem  Laudesgeologeu 
Professor  Dr.  Weiss  gegebenen  Darstellung  der  rothliegendeu 
Schichten.  Diese  Tuffe  besitzen  sehr  wechselndes  Aussehen.  Von 
ganz  dichten,  z.Th.  pisolithischeu  Arten  (Thonsteiueu)  an,  finden  sich 
Uebergäuge  bis  zu  recht  grobstückigen,  breccienhaften  Trümmer- 
gesteinen. Sie  sind  fast  sämmtlich  Quarzporphyrtnffe.  Hierbei 
mag  noch  bemerkt  werden,  dass  diese  Gesteine  im  Gegensatz  zu 
den  auf  Blatt  Ohrdruff,  Crawinkel,  Ilmenau,  Suhl  verbreiteten, 
meist  massig  und  nngeschichtet  anftretendeu  Tuffen,  immer  deut- 
lich, z.  Th.  in  dünnen  Lagen  geschichtet  sind  und  dass  deshalb 
auch  ihre  Abgrenzung  gegenüber  anderen  Sedimenten  (Sandsteine, 
Schieferthou,  Couglomerate)  mehrfach  schwierig  und  nur  annähernd 
ansführbar  war. 

Von  besonderem  Interesse  dürfte  aber  ein  Fund  sein,  welcher 
in  der  mittleren  Abtheilnug  der  von  Seebach  und  Weiss  als 
Oberrothliegeud  anfgefassteu  Schichtengruppe  gemacht  worden  ist. 
Gemeinhin  ist  diese  Gruppe  in  1)  ein  liegendes  Porphyr-Conglo- 
merat  (klotzig),  2)  eine  Folge  von  Schieferthouen.  und  besonders 
Sandsteinen  und  3)  ein  mehr  polygeues  hangendes  Conglomerat 
getheilt  worden.  Dass  sie  oberrothliegeud  sei,  wurde  dadurch 
gestützt,  dass  sie  die  hängendsten  Partien  des  dortigen  Roth- 


XLVIII 

liegenden  umfasst  und  als  frei  sowohl  von  Ernptivgesteineu  und 
Tuffen,  wie  von  Fossilien  befunden  worden  war. 

In  den  Sandsteinen  südlich  von  Georgenthal  am  Vitzerod 
wurden  nun  mehrere  Pflanzenreste  gefunden,  die  als  schlecht  er- 
haltene, kräftige  Zweige  von  Walcliia  inniformis  angesehen  werden. 
Aus  einem  Steinbruch,  welcher  weiter  südlich.,  an  der  Seeberger 
Fahrt,  in  den  gleichen  Schichten  angelegt  ist,  stammt  eine  Platte 
mit  Fusstapfen  eines  Thieres,  dessen  fünfzehiger  Fuss  etwa  lOCenti- 
meter  lang  war.  Diese  Platte  befindet  sich  im  Museum  in  Gotha. 

Wenn  mehrfach  betont  worden  ist,  dass  als  Charakteristikum 
für  das  Oberrothliegende  Freiheit  von  Eruptivgesteinen  und  Mangel 
an  organischen  Resten  festzuhalten  sei,  so  muss  nunmehr  im 
Auge  behalten  werden,  dass  hier  eine  Ausnahme  statt  hat. 

Mittheilung  des  Herrn  E.  Zimmermann  über  Aufnahmen 
auf  den  Blättern  Stadtilm  und  Plaue. 

Gemäss  seiner  fast  am  weitesten  gegen  Frankeji  (Meiningen) 
hin  vorgeschobenen  Lage  hat  von  den  thüringischen  Muschel- 
kalkblättern  das  Blatt  Stadtilm  nebst  dem  Nachbarblatt  Plaue 
eine  Reihe  von  bemerkenswerthen  Anklängen  an  die  meiningische 
Buntsandstein  - Muschelkalk  - Entwicklung  aufzuweisen. 

Da  ist  zunächst  schon  früher  mehrfach  auf  die  petrographische 
und  paläoutologische  Uebereiustimmung  der  obersten  »Röth- 
kalke  mit  Modiola  hinidiniformis<<.  von  Meiningen  mit  den  »unter- 
sten ebenen  Kalkschiefern  oder  Cölestinschichten«  E.  E. 
Schmid’s  bei  Jena  hingewiesen  worden.  Auf  den  beiden  hier  in 
Rede  stehenden  Blättern  ist  die  Uebereinstimmung  ganz  die 
gleiche,  und  wenn  sich  durch  grössere  Seltenheit  der  Modiola 
und  grössere  Häufigkeit  der  Beneckeia  Buchi  das  östlicher  gelegene 
Stadtilm  mehr  an  Jena  anschliesst,  so  thut  es  durch  das  umge- 
kehrte Verhalten  das  westlicher  gelegene  Plaue  mehr  an  Meiningen. 
Den  schönsten  Aufschluss  dieser  (und  der  zunächst  hangenden 
und  liegenden)  Schichten  bietet  der  Wasserriss  neben  dem  Fuss- 
weg  von  Oberilm  nach  Hainmersfeld;  kaum  weniger  schön  sind  die 
Aufschlüsse  in  den  zahlreichen  Wasserrissen,  die  vom  Muschelkalk- 
plateau herab  in  allen  Richtungen  nach  dem  merkwürdigen  Thal- 


XLIX 


kessel  von  Döllstedt  führen.  Nicht  ganz  so  schön  sind  die  Auf- 
schlüsse auf  dem  Blatte  Plane.  — Im  erstgenannten  Anfschlnss 
beträgt  die  Mächtigkeit  der  hellen,  eben-  und  dünnschiefrigen 
Alergel  und  darin  eingelagerten  harten  Kalkplatten  8,5 — 9 Meter. 
Zuunterst  liegen  etwa  2,5  Meter  Mergel  mit  nur  einer  oder  zwei 
Kalkplatteu;  dann  folgen  4,5  Meter  einer  vielfachen  Wechsel- 
lagerung von  Alergelschiefern  und  versteinerungsreichen,  2 bis 
8 Clentimeter  starken  Kalkplatten,  dann  folgen  wieder  Alergel- 
schiefer  in  1,5  — 2 Meter  Mächtigkeit,  ohne  Kalkplatten.  Das 
Liegende  dieser  ganzen  Zone  bildet  eine  feste,  dichte,  nicht  zellige 
gelbe  Kalkbank  von  75  Centimeter  Stärke.  Darunter  lagern  etwa 
7,5  Meter  graue  dünnblättrige,  in  Letten  übergehende  Thonmergel 
mit  vielen  kleinen  nnd  dünnen,  durch  Faserkalk  ausgefüllten  Quer- 
rissen und  endlich  folgen  die  gewöhnlichen  rothen  Letten  des 
Böth.  Das  Hang  ende  der  »eltenen  Kalk-  und  Mei'gelschiefer« 
bilden  graue,  sich  leicht  zersetzende,  meist  zellige  Thonmergel 
von  etwa  6 Metern  Alächtigkeit,  deren  weisslicher,  mehlig-sandiger 
Verwitterungsboden  demjenigen  mancher  Mergel  des  Mittleren 
Muschelkalks  gleicht.  Etwa  ^/4  Meter  über  ihrer  Basis  haben 
diese  Thonmergel  eine  röthliche  Farbe,  und  man  kann  aus  ein- 
zelnen »Zellen«  auch  ganz  rothe  Letten  hei'auslösen:  wir  haben 
hier  den  letzten,  aber  sehr  deutlichen  Anklang  an  die  bei  Mei- 
ningen mächtigere  (bis  5 Meter)  und  intensiver  rothe  Schicht, 
welche  dort  z.  B.  am  Jahnsberge  aufgeschlossen  ist,  wo  sie  das 
Profil  schliesst.  Höher  oben  folgen  in  den  zelligen  Thonmergeln 
eingelagei’t  noch  einige  härtere  zellige  Ockerkalke,  und  den  Ab- 
schluss nach  oben  bildet  eine  ebensolche  zellige  Ockerkalkschicht 
von  75  Centimeter  Mächtigkeit,  welche  ganz  der  »gelben  Kalk- 
bank« entspricht,  die  von  Aleiningen  so  oft  erwähnt  wird.  lieber 
ihr  folgen  mit  scharfer  Grenze  die  gewöhnlichen,  bekannten  grauen 
Wellenkalke.  Die  Mächtigkeiten  der  einzelnen  Schichten  stimmen 
hier  — von  der  röthlichen  Schicht,  bezw.  den  obersten  rothen 
Thonen  abgesehen  — in  recht  guter  Weise  mit  denen  bei  Mei- 
ningen überein.  Da  sich  die  letztgenannte  gelbe,  (nicht  immer) 
zellige  Kalkbank  meist  recht  gut  verfolgen  lässt  (besonders  auf 
dem  Blatte  Plaue),  so  wird  auch  auf  den  zu  veröffentlichenden 

d 


Jahrbuch  1S89. 


L 


Karten  von  Plaue  und  Stadtilm,  um  die  Analogie  mit  den  Mei- 
ninger Verhältnissen  anzudeuteu,  die  ganze  darunter  lagernde, 
24  — 25  Meter  mächtige  Zone  bis  zu  den  normalen  Röthletten 
kenntlich  gemacht  werden,  und  es  wird  nur  der  Unterschied  be- 
stehen, dass  diese  Zone  nordöstlich  vom  Thüringerwald  zum 
Muschelkalk,  — südwestlich  davon  zum  Röth  gerechnet  wird. 

Auch  in  höheren  Schichten  des  Unteren  Wellenkalks  finden 
sich  auf  unseren  beiden  Blattgebieten  lebhaftere  Ankläuge  au  die 
fränkis(;he  Ausbildung  als  sonst  in  Thüringen.  So  zeigte  sich  auf 
Blatt  Plaue  die  » O olithbank  ß « besonders  gut  entwickelt  und 
auf  den  Kämmen  fast  aller  Muschelkalk -Berge  der  Osthälfte  des 
Blattes  vortrefflich  verfolgbar;  sie  ist  etwa  ^/4  Meter  mächtig  und 
zeichnet  sich  petrographisch  vor  der  oft  recht  ähnlichen  »Tere- 
öratula-liiiuk  (Du 2t«  durch  ihre  meist  auffällig  dünn-  und  flasrig- 
schiefrige  Beschaffeuheit  aus;  kleine  Bruchstücke  von  Terebratel- 
schalen haben  sich,  wenngleich  sehr  selten,  darin  gefunden.  — 

Nur  in  Spuren  auf  der  Osthälfte  von  Blatt  Plaue,  dagegen 
ausgezeichnet  schön  auf  Blatt  Stadtilm,  besonders  in  der  Umgebung 
der  gleichnamigen  Stadt,  ist  die  zweite  besonders  auffällige  und 
zuerst  von  Meiningen  besonders  beschriebene  Bank  entwickelt: 
die  Spiriferina-Jian]<..  Die  von  Fuantzen  in  der  »Uebersicht 
der  sxeolooischen  Verhältnisse  bei  Meiningen«  geo-ebene  Beschrei- 
billig  Hesse  sich  für  Blatt  Stadtilm  Wort  für  Wort  wiederholen; 
die  Mächtigkeit,  conglomeratische  Beschaffenheit,  der  Reichthum 
an  Sjnriferina  fragilis  (die  Exemplare  sind  immer  kleiner  als  im 
Oberen  Vluschelkalk)  und  an  Criiioidenstielgliedern,  sowie  an 
schön  erhaltenen  Hinnites  comtus  finden  sich  hier  wie  dort;  zu 
erwähnen  ist  noch,  dass  einzelne  der  conglonieratisch  eingebackenen 
Kalkgerölle  reichlich  mit  Ostrea  sessilis  besetzt  sind. 

Aus  höheren  Triasschichten  ist  hier  nur  der  Fund  einer 
neuen  Nautilusart  im  Grenzdolomit  (ku2)  bei  Görbitzhausen 
zu  erwähnen,  die  ich  unter  dem  Namen  Trematodiscus  jugatono- 
doms  lieschreiben  werde. 

Benierkenswerther  Weise  hat  auch  das  Oligocän  auf  den 
beiden  Blättern  seine  Spuren  hinterlassen  in  Gestalt  meist  von 
Braunkohlenquarzitblöcken  (der  grösste  Block  hat  über  1 '/3  Meter 


LI 


grössten,  Meter  kleinsten  Dnrchinesser,  noch  grössere  sollen 
vergraben  sein),  zuweilen  auch  von  miss-  bis  über  fanst- 
grossen  Qnarzgeröllen.  Am  Hohen  Kreuz  liegen  solche  Blöcke, 
von  allerdings  mir  geringer  Grösse  , auf  dem  Mnschelkalk- 
platean  in  über  1075  Fnss  Höhe,  wenig  südlich  von  dieser 
Stelle,  jetzt  durch  die  Wasserscheide  getrennt,  findet  mau 
ebensolche  (kleine)  Blöcke  noch  reichlicher  und  zusammen 
mit  Qnarzgeröllen  in  etwa  gleicher  Höhe.  Die  grossen  Blöcke 
finden  sich  besonders  zwischen  Willingen,  Roda  und  Brauche- 
winde in  Höhen  bis  zu  975  Fuss,  auch  in  der  Umgebung 
des  oben  ausführlich  beschriebenen  Profils  des  untersten  Muschel- 
kalks bei  Oberilm ; sehr  spärlich  liegen  Blöcke  zwischen  Gross- 
liebringen und  Döllstedt  in  etwa  11 50  Fuss  und  bei  Kleiuliebringen 
in  1100  Fuss,  wieder  reichlich  zwischen  Nahwinden  und  Ehren- 
steiu  an  der  Ostgrenze  des  Blattes  Stadtilm  in  1150  — 11 75  Fnss 
Höhe,  einige  auch  nordwestlich  unweit  Grafenau  in  1125  Fuss 
Höhe.  Ich  halte  es  für  nöthig,  diese  Angaben  zusammen  zu 
tragen,  im  Interesse  einer  etwaigen  späteren  Constrnction  der  alten 
Flussläufe.  Es  wird  sich  anderswo  Gelegenheit  bieten,  meine 
Ansicht  über  die  auffällige  Thatsache  zu  entwickeln,  dass  in  geo- 
logisch verschiedenst  zusammengesetzten  und  weit  auseinander 
liegenden  Gebieten  sich  Reste  alter,  auf  die  Oligoeänzeit  zu  be- 
ziehender Flussablagerungeu  finden , die  mir  ans  Qnarzgeröllen 
oder  (losem  oder  zu  Quarzit  verkittetem)  Quarzsand  bestehen. 

Das  Dilnvinm  (vielleicht  z.  Th.  mit  Plioeän)  zeigt  auf  dem 
Blatte  Stadtilm  und  in  der  äussersteu  Nordostecke  von  Blatt 
Plane  (sowie  den  austosseuden  Theileu  der  Blätter  Arnstadt  und 
Osthauseu)  in  seinen  Flnssschotteru  sehr  bemerkenswerthe  Ver- 
hältnisse, deren  Untersnclmng  aber  noch  nicht  ganz  abgeschlossen 
werden  konnte  und  deren  genaue  Beschreibung  für  später  auf- 
geschoben  werden  muss.  Die  genannten  vier  Blätter  gehören  in 
den  hier  in  Betracht  kommenden  Theilen  zu  den  Flnssgebieteu 
der  Ihn,  der  Gera  und  der  mit  der  letzteren  sich  vereinigenden 
Wipfra.  Nur  die  Hm  und  die  (aus  der  Wilden  und  Zahmen  ver- 
einigte) Gera  entströmen  dem  Thüringer  Walde,  das  Flussgebiet 
der  Wipfra  liegt  ganz  innerhalb  der  Triaslandschaft.  Danach 

d* 


LII 


müssten  sich  die  Flnssschotter  in  folgender  Weise  ziisammen- 
setzen:  die  Ilmschotter  müssen  aus  dem  Oberilm-,  dem  Schorte- 
nnd  Schobsethal  stammende  Glimmerporphyrite  und  quarzfreie 
Porphyre  (es  finden  sich  im  Quellgebiet  fast  keine  quarzhaltigen), 
sowie  seltener  (wegen  spärlicheren  Vorkommens  oder  leichterer 
Zerstörbarkeit)  Melaphyre,  Tafte,  Granite,  metamorphische  Thon- 
schiefer  und  Amphibolite  enthalten,  aus  dem  Wohlrosethal  Glimmer- 
porphyrite und  die  charakteristischen  conglomeratisch- körnigen 
Quarzite  des  Laugen  Berges,  aus  späteren  Zuflüssen  nur  Trias- 
gesteine; — im  Quellgebiet  der  Wilden  Gera  hat  die  Kartirnng 
ergeben  ganz  vorwaltend  quarzführende,  ja  meist  quarzreiche  Por- 
phyre und  zwar  sowohl  dichte  und  fluidale  mit  kleinen  Krystallen 
(oft  bloss  von  Quarz),  als  auch  solche  mit  reichlichen  mittel- 
grossen Krystallen  von  Quarz  und  Feldspath  (darunter  besonders 
die  Mühlsteinporphyre  des  Lütschegrundes),  ferner  Conglomerate 
ans  Porphyren,  Porphyriteu  und  grünen  quarzitischeu  (cambrischen) 
Schiefern,  endlich  verkieselte  Zechsteine;  im  Gebiet  der  Zahmen 
Gera  treten  auf  Porphyre,  häufiger  quarzführend  als  quarzfrei, 
Conglomerate  aus  meist  quarzführenden  Porphyren,  Porphyrite 
u.  a.  m.,  in  beiden  Gerageljieten  natürlich  auch  Triasgesteiue;  — 
die  Wipfra  endlich  kann  nach  ihrem  heutigen  Verlauf  nur  Trias- 
gesteine führen.  Es  hat  nun  die  Untersuchung  der  alluvialen 
Schotter  in  Bezug  auf  Art  und  relative  Menge  der  einzelnen 
Geschiebe  die  aus  obigen  Beobachtnugeu  zu  machenden  Ver- 
muthungen als  richtig  bestätigt:  es  finden  sich  also  in  der  Ihn 
vorherrschend  Glimmerporphyrite,  quarzfreie  Porphyre  und  conglo- 
meratische  cambrische  Quarzite,  in  der  Gera  qnarzführende  Por- 
phyre und  nicht  selten  verkieselter  Zechstein,  in  der  Wipfra  nur 
Triasgesteiue.  Ebenso  stimmen  zu  jenen  Vermuthuugeu  die 
z.  Th.  hoch  über  dem  jetzigen  Flussniveau  gelegenen  Dihivial- 
schotter  jeweils  im  Gebiet  der  Gera  und  Ilm.  Dagegen  findet 
mau  im  jetzigen  Fluss-  und  Znflussgebiet  der  Wipfra  dilu- 
viale Schotterlager,  welche  nicht  nur  Triasgesteine,  sondern 
stets  auch  noch,  und  z.  Th.  fast  ausschliesslich,  Thüringerwald- 
gesteine enthalten.  Diese  letzteren  weisen  nach  meinen  bisherigen 
Beobachtungen  sammt  und  sonders  auf  das  Quellgebiet  der  Gera 


LIII 


liiu;  es  sind  ganz  vorwiegend  Qaarzporphyre,  spärlicher  verkieselte 
Zechsteine,  sehr  selten  quarzfreie  Porphyre  und  Gliininerporphyrite, 
nie  cand:)rische  cougloineratische  Quarzite  ^).  Die  hierher  ge- 
hörigen Schotterlager  bilden  einen  von  NW.  nach  SO.  verlaufenden 
Zug  von  Oberndorf  bei  Arnstadt  (Käfernburg  und  Gipfel  des 
Hains,  am  letzteren  Orte  auf  der  verötFentlichten  geologischen 
Karte  von  Blatt  Arnstadt  nicht  angegeben)  über  Dannheiin  und 
Branchewinde  nach  Willingen,  in  Höhen  von  950 — 1050  Fuss 
und  lassen  hier  den  südwestlichen  Uferrand  des  ehemaligen 
Flusses  deutlich  erkennen ; nördlich  vom  Tännreisig  bei  Nieder- 
will Ingen  kommen  diese  alten  Geraschotter,  wie  ich  sie  ohne  Zögern 
benenne,  örtlich  den  diluvialen  Ilinschottern  nahe,  und  das  alte 
Gerathai  tritt  in  Verbinduno-  mit  einer  seitlichen  Ausbreitunjx 
des  heutigen  Ilmthales.  Aber  auffälliger  Weise  lässt  sich  unter- 
halb dieser  Stelle  iin  diluvialen  Ilmschotter  keine  bemerkenswerthe 
Beimischung  von  Geraschotter  nachweisen,  so  dass  man  wohl  an- 
zunehmen hat,  der  Abfluss  der  alten  Gera  habe  durch  das  heutige 
mittlere  und  untere  Wipfrathal  stattgefunden,  denn  es  finden  sich 
dem  Lehm  auf  der  linken  Thalseite  überall  eingfcstreut  kleine  Por- 
phyrbröckchen,  und  zwischen  Elxleben  und  Kirchheim  (Bl.  Ost- 
hausen) bilden  Quarzporphyrgerölle  ziisammen  mit  Buntsandstein- 
und  Muschelkalkbrocken  unter  dem  Lehm  ein  zusammenhängendes 
Schotterlager,  in  etwa  50  Fuss  Höhe  über  dem  heutigen  Fluss- 
niveau. 

Die  Lagerungs  Verhältnisse  der  Trias  auf  dem  Blatte 
Stadtilm  sind  recht  interessant,  bemerken  will  ich  hier  aber  doch 
nur  weniges.  Während  die  Nordost-  und  die  Südwesthälfte  fast 
völlig  ungestörte  Lagerung  zeigen,  also  wenig  geneigte  Schichtung 
und  wenige  Verwerfungen,  zieht  sich  in  der  Diagonale  des  Blattes 
von  Südost  nach  Nordwest  ein  2 — 3 Kilometer  breiter  Streifen 
mit  verhältnissmässig  enger  Faltung,  oft  steiler  Schichtenneigung 
und  zahlreichen  Verwerfungen  hin.  Innei’halb  dieses  Streifens  ist 


*)  Zwei  ebenfalls  gefundene  Stück  Feuerstein  gleichen  denen  aus  der  Kreide 
recht  sehr,  aber  doch  noch  nicht  so,  dass  ich  sie  als  zweifellos  nordisch  be- 
zeichnen möchte. 


LIV 


ein  Sattel  beinerkenswerth,  der  unter  den  nianclierlei  Formen 
seiner  Ausbildung  auch  eine  solche  zeigt,  wo  in  der  Axe  des 
Sattels  als  ältestes  Glied  Mittlerer  Muschelkalk  hiuzieht  und  mitten 
daraus  eine  nur  ganz  kleine  (800  und  200  Schritt  Durchmesser 
zeigende)  linsenförmig  umgrenzte  Stelle  zu  Tage  tritt,  gebildet 
vorwiegend  von  Mittlerem  und  daneben  von  etwas  Oberem  Buut- 
saudstein:  kartographisch  ist  das  Bild  dieses  Auftretens  eines 
tiefei'en  Gesteins  zwischen  höher  gelegenen,  im  Kern  eines  Sattels, 
mehr  ähnlich  dem  eines  Eruptivstockes,  als  dem  eines  Horstes!  — 
Ich  kann  hier  zugleich  noch  kurz  hervorheben,  dass  ich  in  der 
Fortsetzuna:  derselben  Störungszone  noch  au  mehreren  Stellen 
liöth  in  einer  Weise  habe  auftreteud  gefunden,  dass  das  Karten- 
bild ganz  au  das  eines  Eruptivgesteiusganges  erinnert,  welcher 
bald  eine  mit  Verwerfung  verbundene  Spalte  benutzt,  bald  eine 
Spalte,  neben  welcher  keine  Verwerfung  nachweisbar  ist.  Wegen 
der  Sonderbarkeit  dieser  Vorkommen  muss  ich  dieselben  noch- 
mals, zugleich  in  Verbindung  mit  den  gleichen  Erscheinungen 
auf  Blatt  Plaue,  untersuchen  und  werde  im  nächsten  Jahrbuche 
darüber  berichten. 

Endlich  möchte  ich  nur  noch  kiu’z  das  Vorkommen  von 
Faltungen  in  O. — W. -Richtung  neben  der  weitaus  vor- 
herrschenden NW.  — SO. -Richtung  erwähnen.  Ein  verhältniss- 
mässig  langer  Sattel  dieser  Art  findet  sich  zwischen  Stadtilm  und 
Geilsdorf,  — eine  Alulde  zieht  sich  von  Dauuheim  westlich  gegen 
Siegelbach  hin. 


Mittheilung  des  Herrn  H.  Peoescholdt  über  Aufnahmen 
und  Revisionen  im  Bereich  der  Blätter  Römhild,  Reut- 
wertshauseu,  Ostheim  und  Soudheim. 

Bei  der  Revision  und  Fertigstellung  des  Blattes  Römhild 

ö O 

konnte  unter  Berücksichtigung  der  angrenzenden  Blätter  Dings- 
leben,  Rentwertshausen  und  Mendhausen  folgende  Gliederung  des 
Gypskeupers  bis  zum  Schilfsandstein  zur  kartographischen  Dar- 
stellung gebracht  werden: 


LV 


1. 


2. 

3. 

4. 

5. 

6. 

7. 

8. 


9. 

10. 

11. 


Schilfsandstein  als  Hangendes, 
liothe  Letten  und  Thone,  darin  bei  Köinhild, 

a)  eine  obere  und 

b)  eine  untere  Zone  von  grauen  Letten  mit  Gyps 
in  Wechsellageruug, 

Estherieuschichteu, 

Gi-aue  Letten  mit  Gypsresiduen, 

Vorherrschend  rothe  Letten, 

Corbulabank, 

Steiumergelbauk,  dicht  unter  5., 

llothe  Thone  mit  Quarzbreccien  in  sehr  schwankender 
Mächtigkeit, 

Graue  und  gelbe  Letten  mit  Gypsresiduen  und  Gyps- 
lagern;  nördlich  von  liömhild  in  mächtiger  Entwicklung, 
bis  gegen  30  Meter  mächtig,  verliert  sich  nach  Süden 
hin  vollständig,  darunter  rothe  Thone  mit  Quarzknauern 
und  einzelnen  Sandsteiubäukchen,  zuunterst  mit  massen- 
haften Quarzbreccien, 

Bleiglauzbauk  mit  Mijophoria  Raihliana^  dicht  darunter 
Steiumergelbauk  mit  Lingula, 

Rothe  Thone  mit  Quarzbreccien,  10 — 12  Meter  mächtig. 


Greuzdolomit  als  Liegendes. 

Am  grossen  Gleichberg  und  in  seiner  Umgebung  wurde  eine 
Anzahl  schmaler  Basalta;änge  in  dem  für  das  Grabfeld  charakte- 
ristischeu  Streichen  in  h.  2 aufgefunden,  deren  Gesteine  verschieden 
unter  einander  sind,  aber  immer  eine  andere  mineralogische  Zu- 
sammensetzung zeigen  als  der  Basauit,  der  die  Kuppe  des  Berges 
bedeckt.  Dieser  gleicht  durchaus  dem  der  nördlich  vorliegenden 
Steiusburg. 

Tufi'bilduugeu  konnten  am  grossen  Gleichberg  nicht  uach- 
gewieseu  werden. 

Besonderes  Interesse  beanspruchten  bei  der  Weiterführung 
der  geologischen  Aufnahme  der  Blätter  Ostheim  und  Soudheim 


LVI 


die  LageruDgsverhältuisse  der  Hohen  Rliöii  in  der  Uingebimg  der 
Ulsterqnelle. 

Die  Triasschichten  daselbst  sind  infolge  nordöstlich  nnd  nord- 
westlich streichender  Bruche  vielfach  gegen  einander  verworfen, 
stellen  aber  trotzdem  oberflächlich  ein  nur  wenig  welliges  Plateau 
dar,  so  dass  die  Tertiärbildungen,  Tufle,  Braunkohlen  und  Basalt- 
decken in  nahezu  gleicher  Meereshöhe  auf  mittlerem  Buntsandstein, 
liötli,  Anhydrit,  Nodosenschichten  lagern.  Eine  derartige  Aus- 
ebnung stark  verworfener  Schichten  setzt,  da  in  dem  vorliegenden 
Fall  an  Abrasion  nicht  zu  denken  ist,  eine  sehr  lange  Denudations- 
wirkung voraus.  Daraus  geht  unzweifelhaft  hervor,  dass  die  Ver- 
werfungfen  bedeutend  älter  sind  als  die  Basaltausbrüche  und  Tei  tiär- 

O 

Sedimente. 

An  der  Zusammensetzung  des  Plateaus  nimmt  auch  in  grösserer 
Ausdehnung  Phonolith  Theil,  der  in  gleicher  Höhe  wie  der  Bnnt- 
sandstein  und  die  anderen  Triasschichten  von  Basalttufleu,  Braun- 
kohlen und  Basaltdecken  überlagert  wird. 

Das  Gestein,  das  im  oberen  Theil  des  Heuwiesenwassergrabens 
gut  aufgeschlossen  ist,  ist  im  frischen  Zustand  dunkel  grünlich 
grau;  bei  beginnender  Verwitterung  wird  es  sehr  licht  bis  fast 
weiss.  U.  d.  M.  zeigt  es  sich  zusammengesetzt  aus  Sanidin, 
Nephelin,  Augit  und  spärlichem  Magueteisen.  Nosean  konnte 
weder  chemisch  noch  mikroskopisch  uachgewiesen  werden.  Unter 
aenau  analog;en  Verhältnissen  wie  hier  wurde  ein  Gang  von  ganz 
gleichem  Phonolith  auf  Blatt  Gersfeld  am  Steiuküppel  südlich 
vom  Rothen  Moor  beobachtet. 

Der  schmale,  ungefähr  westlich  streichende  Gang  verliert  sich 
unter  der  hier  deutlich  aufgeschlossenen  Basaltdecke,  die  er  nicht 
durchsetzt.  Darin  liegt  ein  unzweifelhafter  Beweis  des  höheren 
Alters  des  Phonoliths. 

Ausser  den  erwähnten  nordwestlichen  und  nordöstlichen  Ver- 
werfungen treten  nordsüdliche  auf,  von  denen  bereits  in  den  Mit- 
theilungen des  Jahrlinches  für  1888  die  Rede  war.  Ueber  die 
Altersverhältnisse  der  verschiedenen  Dislocationen  lässt  sich  in 
der  Umgebung  des  obersten  Ulsterthals  nichts  Bestimmtes  nach- 
weisen;  nach  mir  gewordenen  Mittheilungen  sollen  thalabwärts  in 


LVII 


der  Uinofpceud  von  Balten  und  Hilders  auf  den  Thalflanken  mehr- 
fach  Tertiärverrutschnngen  Vorkommen,  die  sich  vielleicht  als  durch 
Störungen  hervorgernfeu  erweisen  werden.  Falls  sich  dies  be- 
stätigt,  so  würde  den  nordsüdlichen  Verwerfungen  ein  weit  jüngeres 
Alter  zuzuschreiben  sein  als  den  anderen,  und  eine  solche  Alters- 
ditferenz  würde  recht  gut  mit  den  bis  jetzt  bekannten  Lagerungs- 
Verhältnissen  der  Tertiärsedimente  am  Ostrand  der  Hohen  Rhön 
übereinstimmen. 

Ueber  die  Altersfolge  der  verscliiedenen  Basalte,  die  das 
Plateau  der  Hohen  Rhön  zusammensetzen,  hat  sich  bis  jetzt  ein 
sicherer  Anhaltspunkt  nicht  ergeben.  Am  Ostrand  wird  nördlich 
vom  Gaugolfsberg  Feldspatlibasalt  von  Nephelinbasalt  überlagert. 
Am  Westrand  dagegen  au  den  Hängen  des  Stirnbergs  konnte 
eine  solche  Reihenfolge  bisher  nicht  coiistatirt  werden,  vielmehr 
lagert  hier  ein  Feldspath  führender  Nephelinbasalt  zwischen  Feld- 
spath -freien.  Der  Nephelinbasalt  besitzt  eine  sehr  grosse  Ver- 
l)reitung  auf  der  Hohen  Rhön;  durch  ihn  hindurch  ragen  an 
manchen  Stellen  Kuppen  von  Feldspatlibasalt,  so  der  merkwiirdige 
Stellberg.  Der  höchste  Punkt  der  Hohen  Rhön,  der  Heidelsteiu, 
besteht  aus  Nepheliubasalt.  Es  ist  nicht  nnwahrscheiulich,  dass 
die  Verlireitung  mancher  Basaltströme  auf  der  Hohen  Rhön  in  Zu- 
sammenhang mit  vor  der  Eruption  erfolgten  Erosiouswirkungeu  steht. 

Mittheilung  des  Herrn  K.  Oebbeke  über  den  Abschluss 
der  Aufnahmen  auf  den  Blättern  Niederaula  und  Neu- 
kirche u. 

In  der  zweiten  Hälfte  des  August  wurde  mit  Herrn  Dr.  Leppi.a 
eine  gemeinsame  Begehung  in  dem  ganzen  Bereiche  der  Blätter 
Niederaula  und  Neukirchen  ausgeführt,  um  zunächst  die  Frage 
der  Trennung  des  unteren  und  mittleren  Buutsandsteins  für  unser 
Gebiet  endgültig  zu  entscheiden.  Das  Resultat  dieser  Untersuchung 
war,  dass  nur  ein  verhältnissmässig  kleiner  Theil  des  Buntsand- 
steius  im  Norden  des  Blattes  Niederaula  als  dem  unteren  Bimt- 
saudsteiu  angehörig  zu  betrachten  ist,  während  der  übrige  Theil, 
gemäss  der  Auffassung  wie  sie  auf  dem  im  Osten  anstossenden 
Blatte  Uersfeld  zum  Ausdruck  gebracht  worden  ist,  dem  mittleren 


LVIII 


Buntsandstein  zugerechnet  werden  muss.  Dank  günstigerer  Auf- 
schlüsse iin  NW.  des  Blattes  Niederaula  wurde  sodann  der  Ver- 
lauf der  Störung  Raboldshausen  — Salzberg  — Oberaula  genauer 
festgestellt  und  ergaben  sich  dabei  einige  Abweichungen  von  der 
früher  angenommenen  Darstellung.  Im  September  wurde  sodann 
die  Revision  des  Blattes  Neukirchen  zu  Ende  geführt.  Bezüglich 
der  Untersuchung  der  basaltischen  Gesteine  konnte  für  das  ganze 
Gebiet  festgestellt  werden,  dass  Tnfi'hildnngen  im  Allgemeinen 
selten  und  dass  im  Grossen  nnd  Ganzen  die  jnngernptiven  Gesteine 
in  der  in  diesem  Jahrbuch  für  1888,  S.  390 — 416  angegebenen 
Weise  zu  unterscheiden  sind.  Genauer  Ijestimmt  und  abgegrenzt 
wurden  die  Basaltvorkoinmen  SW.  Salzberg,  welche  znm  Eisen- 
berg— Teufelskanzel  — Frauenhaus  - Massiv  gehören,  jene  SW. 
II  auptschwenda  und  NW.  Neukirchen. 

Zwischen  dem  Sieberts-Berg  SW.  Hauptschwenda  und  dem 
nördlichen  Theil  der  sogenannten  Hütte  NW.  Christerode  liegt 
ein  selbstständiges  Feldspathbasaltvorkommen,  welches  wegen  seiner 
schönen,  plattigen  Absonderung  in  jüngster  Zeit  durch  Steinbruch- 
betrieb aufgeschlossen  worden  ist  nnd  besonders  zu  Bausteinen 
eine  ansgedehnte  Verwendung  findet.  Im  Steinwald  NO.  Neu- 
kirchen  treten  nur  zwei  deutlich  von  einander  getrennte  EVldspath- 
basaltmassen  auf.  Die  eine,  grössere  bildet  das  Plateau  und  eine 
kleinere,  mehr  gangförmige  liegt  SW.  von  ihr.  Die  Basaltkuppe  W. 
der  Thonkuppe,  im  N.  von  Neukirchen  zieht  sich  auf  das  Blatt 
Schrecksbach  hinüber  und  ei’reicht  dort  ihre  Hauptverbreitung. 

Dem  Diluvium  zuzurechuende  Bildungen  erreichen  eine 
grössere  Ausdehnung  auf  Blatt  Niederaula  im  Fuldathal  und 
auf  der  NW.  Hälfte  des  Blattes  Neukirchen.  Ausser  den  bereits 
früher  angeführten  Störungen  konnten  noch  eine  ganze  Reihe 
kleinerer  festgestellt  werden,  welche  im  Allgemeinen  aber  eben- 
falls, wie  die  grösseren,  SW.  — NO.  oder  SO.  — NW.  verlanfen 
und  zum  Theil  mit  denselben  in  nachweisbarer  Verbindung  stehen. 

Mittheilung  des  Herrn  A . Denckmann  über  A u f n a h m e n 
im  Gebiete  des  Blattes  Wal  deck -Cassel  (1:80000). 

In  die  Untersuchungen  des  Sommers  1889  wurden  noch  die 
Nordhälften  der  Blätter  Rosenthal,  Gilserberg  und  Ziegenhain 


LIX 


hiiieingezogen.  Es  geschah  dies,  damit  durch  das  Schlussblatt 
des  VON  DECHEN’scheu  Kartenwerkes  das  Rheinische  Schiefer- 
ffehirg-e  ohne  Rest  abo-eschlossen  würde. 

Die  Zeit,  welche  für  die  Untersuchungen  im  älteren 
Gebirge  und  für  die  Vervollständigung  der  vorjährigen  Auf- 
nahmen aufgewendet  werden  konnte,  war  äusserst  knapp.  Trotz- 
dem ist  es  Dank  einigen  glücklichen  Versteinerungsfnnden  ge- 
lungen, die  Hauptfrage  in  diesem  Gelnete,  die  nach  dem  Alter 
des  Kellerwaldquarzites  ihrer  Lösung  erheblich  näher  zu  bringen. 

In  diesem  Jahrbuche  für  1888,  S.  xciii  hal)e  ich  unter  3. 
eine  Reihe  von  quarzitischen  Grauwacken,  Thonschiefern  etc., 
welche  im  Hangenden  des  Kellerwaldquarzites  auftreten, 
für  möglicher  Weise  unterdevonisch  erklärt,  weil  sie  den  Ober- 
col)lenz-Gesteinen  bei  Dillenburg,  Biedenkopf  und  Gladenbach  zum 
Theil  sehr  ähnlich  waren.  Es  ist  nun  gelungen,  in  diesen  Gesteinen 
Bänke  mit  Ol)  er  c ob  lenz -F  au  na  bei  Oberurfund  Jesberg  nachzu- 
weisen. Am  Oberurfer  Mühll)ach,  wo  diese  Petrefaktenbänke 
durch  mitteldevonische  Thonschiefer  überlagert  werden,  hat  sich 
zwischen  beiden  Gesteinen  ein  Horizont  von  phyllitisch  glänzenden 
Thonschiefern  mit  Kieselgallen  voll  Versteinerungen  gefunden,  ein 
Horizont,  der  in  der  Gegend  von  Dillenburg,  Gladenbach  und 
Biedenkopf  für  die  Grenze  des  Obercoblenz  gegen  die  mittel- 
devonischen  Thonschiefer  typisch  ist.  Auf  ein  derart  leicht  kennt- 
liches Gestein  musste  Gewicht  gelegt  werden,  weil  dasselbe  das 
natürliche  Uebergangsstadium  von  den  quarzitisch-grauwackigen 
Sedimenten  des  Obercoblenz  zu  den  Kalkknollen-führenden  Thon- 
schiefern des  tieferen  Mitteldevon  zu  bezeichnen  scheint. 

Die  Kieselgallen  sind  meist  unregelmässig  linsenförmige  Körper 
von  nicht  über  50  Millimeter  grösstem  Durchmesser,  vom  Aus- 
sehen eines  schwarzen  Kalkes.  In  Salzsäui’e  brausen  sie  nicht. 
Sie  finden  sich  in  grosser  Zahl  den  phyllitisch-glänzenden  Thon- 
schiefern eingesprengt. 

Auf  der  Südostseite  des  Kellerwaldes,  wo  vielfach  Mittel- 
devonschiefer den  Obercoblenz- Gesteinen  eingemuldet  sind,  fand 
ich  die  Kieselgallen  an  folgenden  Stellen : am  Oberurfer  Midil- 
bach,  in  den  Wasserrissen  obex’halb  Densberg,  am  rechten  Gilsa- 


LX 


Ufer  Densberg  gegenüber  und  an  dem  Fusswege,  welcher  von 
der  Oberförsterei  Densberg  über  den  Schlossberg  nach  Schönau 
führt. 

Das  Hanptresultat  der  diesjähi'igen  Aufnahmen  ist  demnach, 
dass  der  Kellerwaldquarzit  älter  ist,  als  die  obersten 
Schichten  des  Unter  de  von.  Welchem  speciellen  Horizonte 
der  Kellerwaldquarzit  angehört,  muss  vorläufig  unentschieden 
bleiben.  Ich  halte  es  für  bedenklich,  die  petrographisch  so  ausser- 
ordentlich von  ihm  verschiedenen  Gesteine,  welche  sich  in  seinem 
Hangenden  noch  unter  dem  Obercoblenz  befinden,  ohne  zwingenden 
Grund  mit  ihm  zu  identificireu,  um  so  mehr,  da  bei  Densberg 
(an  der  Kirche,  am  Wege  nach  Schönstein  und  am  Rückling) 
Gesteine  auftreten,  welche  sich  ihrem  petrographischen  Charakter 
nach  auf  gewisse  ältere  Gesteine  der  Gegend  von  Siegen  beziehen 
lassen. 

Für  die  im  vorigen  Jahresberichte  S.  xciii  unter  2.  be- 
sprochenen quarzitischen  Grauwacken  des  Halmberges  etc.  hat 
sich  der  Beweis  nicht  finden  lassen,  dass  sie  dem  Unterdevon 
augehören.  Sie  sind  daher  auf  der  Karte  als  quarzitische  Ein- 
lagerungen im  Mitteldevon  bezeichnet. 

Im  Mittel-  und  Oberdevon  hat  sich  immer  deutlicher  die 
auffallende  Thatsache  herausgestellt,  dass  da,  wo  geschlossene, 
zusammenhängende  Kalklager  des  Ober-  und  Mitteldevon  vor- 
banden  sind,  dieselben  zwar  von  Cypridinenschieferu,  Quarziten, 
“ Diabasen  und  Culmkieselschiefern  überlagert  werden,  dass  diese 
letzteren  Gesteine  jedoch  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  direct  auf 
mitteldevonischeu  Schiefern  liegen.  Es  lassen  sich  ferner  (z.  B. 
am  Gershäuserhofe  bei  Wildlingen)  an  der  Basis  der  Kalke  mittel- 
devonische Thonschiefer  uachweiseu.  Es  ist  drittens  eine  Eigeu- 
thümlichkeit  der  auf  dem  Blatte  W aldeck- Cassel  beobachteten 
Kalke,  dass  es  nicht  leicht  fällt,  petrographisch  die  mitteldevonischeu 
von  den  oberdevouischen  zu  trennen.  Eine  sichere  Deutung  der- 
artiger Verhältnisse  kann  nur  durch  eingehende  Specialkartirung 
gewonnen  werden. 

Immerhin  scheint  es  gewagt,  lediglich  durch  tektonische  Ur- 
sachen erklären  zu  wollen,  dass  an  der  Ense  bei  Wildlingen 


LXI 


mächtige  Mittel-  und  Oherdevoukalke  von  Cypridinenschieferii, 
Diabasen  und  Quarziten  überlagert  werden,  dass  2 Kilometer  west- 
lich davon  bei  Odersbausen  in  einem  ausserordentlich  klaren  Profil 
Cypridinenscbiefer,  mit  Diabasen  wechselnd,  den  Mitteldevon- 
schiefern auflagern. 

Dass  die  als  Quarzite  und  Arkosen  der  Aschkuppen  zu- 
sammengefassten Gesteine  oberdevonischen  Alters  sind,  wie  im 
vorigen  Jahresberichte  als  wahrscheinlich  aimenommen  wurde, 
hat  sich  durch  die  Kartiruug  weiterhin  bestätigt.  Der  sicherste 
Beweis  für  das  Alter  dieser  Gesteine  hat  sich  in  dem  von  Herrn 
Professor  Kayser  untersuchten  Gebiete  am  Wollenberge  gefunden, 
wo  sie  direct  den  Iberger  Kalk  überlagern.  — Im  Lohrgrunde 
am  Hohelohr  und  westlich  des  Klapperberges  finden  sich  unter 
den  Culmkieselschiefern,  mit  zum  Theil  variolitischen  Diabasen 
vergesellschaftet,  schwarze,  glasige  Quarzite,  welche  gleichfalls 
zum  Oberdevon  zu  stellen  sind. 

Der  Culm  der  Südostseite  des  Kellerwaldes  bietet  ähnliche 
Schwierigkeiten  wie  das  Ober-  und  Mitteldevon  auf  der  Nord- 
westseite. Auch  hier  findet  man  einerseits  im  Hangenden  Diabase, 
Kieselschiefer,  Grauwackenschiefer,  Grauwacken,  andererseits  im 
Liegenden  unterdevonische  Grauwackensaudsteine  oder  seltener 
mitteldevonische  Thonschiefer,  die  ersteren  überlagernd.  Man  könnte 
streichende  Verwerfungen  als  Ursachen  derartiger  Ungleichmässig- 
keiteu  betrachten;  gegen  diese  Deutung  dürfte  jedoch  die  Regel- 
mässigkeit sprechen,  mit  der  die  beschriebene  Lageruugsform 
auftrltt.  Die  Specialkartiruug  muss  feststellen,  ob  sich  nicht  eine 
andere  Erklärung  für  derartige  Erscheinungen  finden  lässt.  Die 
Kieselschiefer  und  die  sie  überlagernden  Graiiwackenschiefer,  Grau- 
wacken und  groben  (Granit  und  Quarzporphyr  führenden)  Couglo- 
merate  habe  ich  wegen  ihrer  petrographischeu  Uebereiustimmung 
mit  dem  Culm  der  Nordwestseite  des  Kellerwaldes  dem  Culm 
zugerechnet,  obgleich  ich  Posidonomya  Becheri  in  ihnen  nicht  uach- 
gewiesen  habe.  Sollte  letztere  so  selten  sein,  dass  es  nicht  gelingt, 
sie  aufzufiudeu,  so  bleibt  immer  noch  die  Hoffnung,  das  Alter 
der  fraglichen  Schichten  iudirect  nachzuweisen.  Es  finden  sich 
nämlich  in  den  groben  Conglomerateu,  welche  in  den  Grau- 


LXII 


wackeii  vom  Kahleberge  bei  Hundsbausen  auftreten,  zablreicbe 
Kalkgerölle,  in  denen  namentlicb  Korallen  und  Bracbiopoden  nicbt 
selten  sind.  Vielleicbt  gelingt  es,  in  ibnen  leitende  Versteinerungen 
zu  finden,  durcb  die  man  beweist,  dass  das  Conglomerat  zersfiirte 
Ober-  und  Mitteldevonkalke  entbält,  mitbin  jünger  ist  als  diese 
Kalke. 

Im  Buntsandstein  des  kartirten  Gebietes  ist  es  aucb  weiter- 
bin ohne  Sebwierigkeiteii  gelungen,  die  untere  Grenze  des  mittleren 
Buntsandsteins  zu  verfoGeu.  Die  etwa  5 Meter  mäcbtio-e  Zone 

o o 

lockeren,  groben  Sandes  und  grobkörniger  Sandsteine,  welcbe 
unmittelbar  über  den  tbouigen,  feinkörnigen  Gesteinen  der  unteren 
Abtbeilung  dieser  b^ormation  auftritt,  ist  bei  einigermaassen  guten 
Aufscblüssen  unverkennbar  und  kennzeiebuet  sieb  sebou  von  Weitem 
durcb  bellere  Färbung.  Hierbei  ist  jedoeb  zu  berücksiebtigen, 
dass  über  der  grobkörnigen  Bank  zuuäcbst  noeb  30  Ins  40  Meter 
Gesteine  folgen,  welcbe  von  dem  typiseben  unteren  Buutsand- 
stein  nicbt  zu  nutersebeiden  sind.  Erst  über  diesen  feinkörnigen 
Sandsteinen  folgen  weitere  grobkörnige  Sebiebteu.  Das  beste 
Profil  zur  Erkennung  dieser  Lagerungsverbältnisse  findet  sieb  uörd- 
licb  oberbalb  des  Dorfes  Ijangendorf  auf  Blatt  lloseutbal.  Dem 
entspreebeud  wird  die  Grenze  beider  Formatiousabtbeiluugen  am 
leiebtesten  dadureb  gefunden,  dass  mau  von  der  unteren  aus  kar- 
tirt.  Gebt  man  umgekebrt  vom  mittleren  Buutsandstein  aus,  so 
entstehen  leicht  Zweifel  über  die  Zugebörigkeit  feinkörniger 
Sebiebteu  zur  unteren  oder  mittleren  Abtbeilung.  — An  ver- 
schiedenen Punkten  des  Blattes  Kosentbal,  so  namentlicb  au  den 
Hängen  westlich  Gemüuden  tritt  in  den  Grenzschichten  des 
unteren  Buutsandsteins  gegen  den  mittleren  Geroillia  Murchisoni 
Geinitz  auf. 

In  den  Tertiär-  und  Basalt -Gebieten  der  östlicbeu  Blätter 
wurden  noch  folgende  bemerkeuswertbe  Funde  gemacht:  Am 
linken  Ufer  der  Obe  (Blatt  Ziegeubain),  etwa  1 Kilometer  ober- 
balb Verna  treten  blaugraue  Tboue  mit  weissen  Kalkkuolleu  zu 
Tage,  welcbe  sandige  Sebiebteu  mit  verkohltem  Holz  überlagern. 
Frei  in  den  Tbouen  sowohl,  wie  in  den  Kalkkuolleu  fanden  sieb 
Bruchstücke  von  Leda  Deshayesiana  und  von  einer  Numla- K\'i. 


LXIII 


L.  Deshayesiana  habe  ich  ferner  an  der  Strasse  und  in  Draiii- 
gräbeu  zwischen  Phiflenhaiisen  und  Marienrode  in  ähnlichen 
Schichten,  wie  an  erstgenannter  Fundstelle  gefunden.  Derartige 
Thone  — entweder  mit  weissen  Kalkknollen,  oder  mit  Septarien  — 
bilden  anf  den  Blättern  Pelsberg,  Ilomljerg,  Borken  und  Ziegen- 
haiu  das  Liegende  der  Sande  und  Braunkohlenquarzite.  Bisher 
ist  es  mir  nicht  gelungen,  in  diesen  Thonen  die  marinen  Schichten 
von  den  Süsswasserablageruugen  nach  ihrer  petrographischen  Be- 
schatfenheit  zu  trennen.  Süsswasserfauna  in  Thonen  mit  weissen 
Kalkkuollen  wurde  an  folgenden  Punkten  nachgewiesen:  An  dem 
Feldwege  östlich  des  Dorfes  Dissen  (Melanienthon);  am  Südost- 
ende des  Dorfes  Neuenhain  (Melanienthon);  oberhalb  des  Dorfes 
Stolzenbach  an  der  Strasse  nach  Freudenthal  (Melanieuthon);  in 
den  Thongruben  der  Thonwaarenfäbrik  westlich  Frielendorf  (Thone 
mit  Kalkkuollen  voll  Dreysse?ia');  Kalke  mit  Laudschuecken  fanden 
sich  nördlich  der  Strasse  Frielendorf-Dillich,  an  dem  Wasserlanfe, 
welcher  nach  Dillich  zu  lliesst  und  in  einer  Ausschachtung  an 
der  Eisenbahn  nördlich  bei  Spieskappel.  — In  der  Sammlung  des 
Ilei’rn  Seminarlehrer  Willig  zu  Homberg  sah  ich  Fussknochen 
einer  Eqims- Art.  Nach  einer  gütigen  Mittheilung  des  genannten 
Herrn  stammen  dieselben  aus  den  gelben  und  weissen  Sandeu, 
welche  in  den  Sandgruben  ffCirenüber  der  Scharfsmühle  bei  Hom- 
berg  ausgebeutet  werden.  — Ein  sehr  merkwürdiges  Gestein  be- 
obachtete ich  au  dem  Wege  von  Verna  nach  Stolzenliach  an  dem 
isolirten,  bewaldeten  Hügel,  welcher  etwa  in  der  Mitte  zwischen 
beiden  Dörfern  liegt.  Dasselbe  liegt  über  tertiären  Thonen  etwa 
in  demselben  Niveau,  in  welchem  an  den  gegenüberliegenden 
Hängen  die  Sande  den  Thonen  auflagern.  Es  wird  von  den  das 
Gelände  bedeckenden  Braunkohlenqnarziten  überlagert.  Es  be- 
steht zum  grossen  Theil  aus  flach  elliptischen,  abgerollten  Blöcken 
von  Muschelkalk  jeglicher  Grösse  und  aus  den  verschiedensten 
Horizonten  stammend.  Daneben  finden  sich  Blöcke  eines  gelb- 
lichen Tertiärkalkes,  voll  von  Laudschuecken ; ferner  kleine  runde 
Kiesel,  wie  sie  häufig  den  tertiären  Sauden  eingelagert  sind. 
Abgerollte  Basaltstücke  haben  sich  nicht  gefunden. 
Das  Ganze  ist  durch  ein  lockeres,  sehr  kalkiges  Bindemittel  ver- 


LXIV 


kittet.  Spuren  von  älmliclien  Bildungen,  namentlich  grosse,  flach- 
elliptische  Muschelkalkgerölle  fand  ich  im  Quellgebiete  des  kleinen 
Wasserlaufes,  welcher  sich  westlich  bei  Obervorschütz  in  die  Ems 
ergiesst. 

Unter  den  mannigfachen  Einschlüssen,  welche  die  Basalt- 
conglomeratbilduugeu  des  Blattes  Felsberg  bieten,  ist  eine  grobe 
conglomeratische  Grauwacke  erwähnenswerth,  welche  im  Basalt- 
tuff  am  Südraude  des  Maderholzes  bei  Böddio-er  auftritt.  — 

O 

Das  schon  in  der  älteren  Literatur  erwähnte  Vorkommen  von 
in  Opal  versteinertem  Holze  asbestartigen  Aussehens  oberhalb 
des  Dorfes  Böddiger  ist  neuerdings  durch  Verkoppelungsarbeiten 
o-ut  aufo:eschlosseu  worden.  — Am  linken  Ufer  der  Ohe  oberhalb 
der  Thonwaarenfabrik  westlich  Frielendorf,  auf  der  Feldmark 
zwischen  Frielendorf,  Todenhausen  und  dem  Sendberge,  sowie 
o-auz  besonders  in  dem  Waldo-ebiete  zwischen  Neueuhain,  Michels- 
berg  und  Todenhausen  werden  sämmtliche  Basalte  von  massenhaft 
angehäuftem  Tachylit  überlagert.  Das  Gestein  selbst  ist  doleritisch 
schlackig.  Der  Tachylit  tritt  in  der  Weise  auf,  dass  er  die  Binde 
über  kopfgrosser,  nach  dem  Centrum  zu  unregelmässig  prismatisch 
abgesonderter  Basaltkugeln  bildet.  Zwischen  den  einzelnen  Kugeln 
findet  sich  gelber  Palagonit.  — In  dem  Wasserrisse  oberhalb 
Böddiger  an  der  Strasse  nach  Deute  zeie-t  die  Uuterkante  des  im 

o o 

voriweu  Jahresberichte  S.  Ci  erwähnten  Basaltla^ers  Palagonit  und 

Ö o O 

Tachylit. 

Ueber  die  allgemeinen  Lagerungsverhältnisse  des  nunmehr 
abgeschlossenen  Gebietes  ist  den  eingehenderen  Ausführungen  im 
vorigen  Jahresberichte  nur  wenig  hinzuzufügen.  Der  auf  das 
Blatt  Gilserberg  entfallende  südliche  Vorsprung  des  alten  Gebirges 
wird  im  Westen  dnrch  die  schon  auf  der  CiiELius’schen  Karte 
im  grossen  Ganzen  zu  erkennende  Südost-,  Nordwest-Verwerfung, 
im  Süden  durch  eine  Ost- Westliche  Linie  und  im  Osten  durch 
eine  Nord-Süd- Linie,  bezeichnet,  an  denen  das  jüngere  Gebirge 
im  Westen,  Süden  und  Osten  abgesuuken  ist.  ln  dem  östlich 
angrenzenden  Buutsandsteingebiete  des  Blattes  Ziegenhain  tritt 
bei  Schlierbach  ein  Nord-Süd-Graben  von  Röth  und  Muschelkalk 
auf.  Eine  in  gleicher  Bichtung  über  Dorheim  und  Michelsberg 


LXV 


verlaufende  Verwerfung  trennt  auf  dem  Blatte  Ziegenliain  das 
Buntsandsteiugebiet  von  der  östlich  davon  stossendeu  nieder- 
hessischen  Tertiärsenke. 

Mittheilung  des  Herrn  A.  Leppla  über  die  Aufnahmen 
im  Gebiet  des  Blattes  Wald e ck  - Cassel  (1:80000). 

Die  Untersuchungen  der  im  Sommer  1889  zum  Abschluss 
<iel)rachten  Uebersichtsaufuahme  des  1:80000  theilm-eii  Blattes 
Waldeck- Cassel  wurden  in  drei  verschiedenen,  aber  immerhin  be- 
nachbarten Gebieten  ausgeführt:  1.  am  Ost- Abhang  des  Habichts- 
waldes und  Laugeuberges  im  Basaltgebiet,  2.  im  Cidm-  und  Zech- 
steingebiet  zwischen  Stadtberge  an  der  Diemel  und  dem  Eder- 
thal,  3.  im  Basaltgebiet  am  Nord -Abhang  der  basaltischen  Hoch- 
fläche des  Knüll. 

Hinsichtlich  der  C u 1 m - Schichten  ergaben  die  Arbeiten  einige 
Ergänzungen  der  früher  mitgetheilten  Beobachtungen,  wenn  auch 
an  der  durchzuführenden  Gliederung  nichts  geändert  wurde.  So 
sind  zunächst  im  Kieselschiefer  am  Eisenberg  bei  Korbach  gelblich- 
graue,  feinkrystalline,  kalkige  Einlagerungen  bekannt  geworden. 
In  den  versteinerungsführenden  Schichten  an  der  Grenze  zwischen 
Kieselschiefer  und  Posidonienschiefer  wurden  in  schwarzen  dünn- 
plattigen  Kieselschiefern  Ijei  Kheua  und  Schweinsbühl  im  west- 
lichen Waldeck  noch  Orthoceras  scalare^  FhilUpsia^  Camarophoria 
fcipi/racea,  Goniatites  crenintria,  sowie  Crinoideuglieder  gefunden. 
In  den  untersten  Thonschiefern,  welche  unmittelbar  über  dem 
Kieselschiefer  folgen,  fand  sich  die  Fauna  des  letzteren  in  viel 
zahl  reicheren  Exemplaren  wieder:  Phillipsia,  Goniatites  crenistria, 
G.  mixolohus^  Orthoceras,  Myulina,  Camarophoria,  Chonetcs,  Zaph- 
rentis  u.  s.  w.  Die  den  untersten  grauen  Thonschiefern  einge- 
lagerten Bänke  grauen  kry  stallinen  Kalksteines  bestehen  stellen- 
weise, z.  B.  bei  Rhena,  fast  ganz  aus  Criuoiden  und  Bryozoeu. 
Die  Verbreitung  des  grauen  Kalkes  innerhalb  des  untersuchten 
Gebietes  ist  eine  sehr  geringe  und  beschränkt  sich  auf  die  vou 
Korbach  aus  nordwestlich  gelegenen  Culmfalten.  Wir  hätten  also 
wohl  in  den  Kalken  von  Rhena  die  östlichsten  Ausläufer  vou  ver- 
steiiierungsführenden  kalkigen  Ablagerungen  des  Uutercarbons  vor 

O O ö o 

Jahrbuch  1889.  q 


LXVI 


ims.  Ini  Culm  des  Ederthales  und  cegen  Wildunüen  zu  wurden 
Kalke  vom  Alter  des  vorgeuauuteu  Crinoidenkalkes  gar  uiclit  uud 
solclie  aus  höhereu  Schichten  nur  gauz  vereinzelt  und  nur  in 
Linsenform  gefunden.  Zahl  und  Arten  der  einzelnen  Thierformen 
nehmen  in  den  höheren  Schichten  des  Culm  gegen  die  an  Grau- 
wacken reichere  Region  sehr  ab.  Selbst  Posidonomya  Becli.eri, 
welche  in  den  oI)ersten  Kieselscbiefern  in  ausserordentlicher  Zahl 
auftritt  und  aiudi  in  den  untersten  Thonschiefern  noch  ziemlich 
reichlich  vorhanden  ist,  tritt  im  Bereich  der  Grauwacken  sehr  zu- 
rück. Immerhin  fehlen  in  diesen  Schichten  auch  Reste  von  Gonia- 
titen,  Orthoceras,  Camarojjhoria  und  vielleicht  auch  Area  nicht. 

In  der  unteren  Stufe  der  mittleren  Zech  stein  formation, 
in  dem  sogen.  Stinkkalke,  wurden  an  mehreren  Orten  Versteine- 
rungen gefunden,  z.  B.  bei  Alarienliagen : Nautilus  Freieslebeni^ 
Schizodus  obsmrus,  heda  S2)duncaria^  Pleurophorus  costatus,  Geroillia 
keratophaga.  Die  im  vorigen  Bericht  angeführten  Formen  von 
Alaricnhagen  gehören  ebenfalls  dem  sogen.  Stinkkalk  au,  nicht 
wie  dort  augegeljen  wurde,  dem  sogen.  Hauptdolomit.  Auch  in 
diesem  letzteren  wurden  westlich  Lengefeld  und  NordenI)eck  Reste 
von  Gastropoden  und  Brachiopoden  nachgewiesen.  Ilervorhel^en 
möchte  ich  in  Bezug  auf  die  petrographische  Ausbildung  der  olderen 
Stufe  der  mittleren  Zechsteinformation  die  Thatsache,  dass  in  einem 
alten  Tagebau  am  Eckefeld  bei  Giershageu  der  sogen.  Ilaupt- 
dolomit  am  Auflager  auf  Oberdevoii  sich  durch  starke  Geröll- 
führnug  auszeichnet  und  sogar  stellenweise  zu  einem  Conglomerat 
wird.  Von  der  Grenze  gegen  das  Innere  der  Ilauptdolomitver- 
breitung  nehmen  die  Gerölle  merklich  ab;  dafür  kommt  der  Kalk 
in’s  Ueberorewicht.  Nur  einzelne  di'iime  Gerölllacren  sind  auch 
noch  20  bis  30  Meter  von  der  Auflagerfläche  entfernt  vorhanden. 
1 Kilometer  westlich  Lengefeld  wurden  geringmächtige  Congloiue- 
rate  mit  kalkigem  Bindemittel  als  unmittelbare  Unterlage  des  sogen. 
Hauptdolomit  beobachtet. 

Zur  Ergänzung  der  im  vorigen  Bericht  gegebenen  Darstel- 
luno-  der  oberen  Zechsteinformation  möchte  ich  insbesondere 

O 

noch  auf  den  vielfachen  Wechsel  in  der  Ausbildung  dieser  Schichten- 
gruppe, besonders  des  tieferen  Theiles  derselben  hinweisen.  Ausser 


LXVII 


rotlien  Letten  mit  Gyps,  rothen  plattigen  Sandsteinen  mit  kalkigem 
Bindemittel,  rotlien  Conglomeraten  und  plumpen  Zellenkalken  be- 
theiligen  sich  noch  graue  und  weisse,  dichte  nud  poröse,  auch 
oolithische  Kalksteine  am  x4nfbau,  welche  den  Gesteinen  des  sogen. 
Hanptdolomites  oft  znm  Verwechseln  ähnlich  sind.  Fehlt  nun, 
wde  es  die  Regel  ist,  in  der  Lettenzoue  jeder  Aufschluss  oder 
sind  die  Letten  sehr  wenig  mächtig,  so  kann  diese  Aehnlichkeit 
der  stellenweise  10  Meter  mächtigen  Kalke  mit  Gesteinen  dos 
sogen.  Hauptdolomites  verwirrend  für  die  Altersliestimmnng  wirken, 
und  nicht  selten  scheinen  die  in  Rede  stehenden  Kalksteine  von 
älteren  Autoren  den  Schichten  der  mittleren  Zechsteintormation 
zugerechnet  worden  zu  sein.  Die  Schichtenfolgeu  östlich  Adorf, 
am  Wege  nach  Vasbek  und  nach  Herrmanushof,  zeigen  jedoch 
mit  Sicherheit,  dass  weisse  und  graue  Kalke  von  feinporöser  Be- 
schatfenheit  und  ähnlichem  Aussehen  wie  Hauptdolomit  den  Letten 
über-  bezw.  ihnen  eingelagert  sein  können. 

Es  hat  sich  im  weiteren  Verlauf  der  Kartirung  bei  Corbach 
und  nördlich  davon  gezeigt,  dass  die  Conglomerate  und  Sandsteine 
mit  kalkigem  Bindemittel,  welche,  die  oliere  Zechstcinformatiou 
iiberlagern,  nicht  immer  auf  den  dem  Plattendolomit  entsprechen- 
den ixelben  Dolomiten  aufruhen,  sondern  mit  ihrer  Aufhmerfläche 
bis  zn  den  grauen  und  weisseu  Kalksteinen  über  den  rothen  Letten 
herabgehen.  Es  fehlen  also  au  mehreren  Stellen  die  gelben  Dolo- 
mite zwischen  den  mehrerwähnteu  Kalken  und  den  Conglomeraten. 

Aus  dem  im  vorigen  Belicht  und  hier  Gesagten  geht  hervor, 
dass  in  allen  Schichtengruppen  der  Zechsteinformation,  insbesondere 
bei  Corbach,  zwischen  den  rein  kalkigen  Aldagernngen  auch  lim- 
nische  auftreten,  als  Mergel,  Letten,  Sandsteine  und  Conglomerate. 
Die  "röste  Abwechslnn"  zeigen  allerdiims  die  Gesteine  der  oberen 

o <T>  !r> 

Zechsteiuformation.  x\uch  die  stärkste  Nei"un"  zu  Uferbilduimen 
ist  ihnen  eigen. 

Das  die  Buntsandsteinformatiou  einleitende  Conglomerat 
erstreckt  sich  als  regelmässiges  Schichtenglied  zwischen  Zechstein- 
formation  und  unterem  Buntsandstein  liis  an  den  nördlichen  Karten- 
rand, bis  Gembeck  etwa.  Von  hier  ab  nach  N.,  gegen  Stadtberge 
zn,  treten  die  Conglomerate  nur  örtlich  und  mit  grossen  Unter- 


LXVIII 


brecliungen  auf,  und  iu  der  Breite  von  Stadtberge  selbst  ist  nichts 
mehr  von  ihneu  zu  sehen. 

An  der  Grenze  des  unteren  Buntsandsteins  gegen  den  mitt- 
leren, also  in  den  obersten  feinkörnigen  Sandsteinen  unter  der 
ersten  grobkörnigen  Sandsteinzone,  wurden  an  einigen  Stellen  (nörd- 
lich und  nordwestlich  Wellen  a.  d.  Eder)  zahlreiche  Abdrücke  von 
Geroillia  Murcliisoni  gefunden,  welche  bisher  aus  diesem  Horizont 
im  nördlichen  Hessen  unbekannt  war.  Die  im  vorigen  Bericht 
mitgetheilte  Schichtenfolge  vom  unteren  zum  mittleren  Bnntsand- 
stein  und  die  darauf  o-eo-ründete  Ansicht  über  die  Grenze  beider 

ö O 

Stufen  wurde  iu  diesem  Jahre  an  mehreren  Orten  bestätigt  ge- 
funden. Sie  gilt  auch,  wie  die  mit  Herrn  Professor  Oebbeke 
ausgeführten  Begehungen  gezeigt  haben,  für  den  Buntsaudstein 
der  nördlichen  und  östlichen  Umgebimo-  des  Knüll. 

Die  grossen  Basal  tmassen  westlich  des  Ilabichtswaldes 
scheinen  im  Alla;emeineu  deckeuförmio-e  Ergüsse  zu  sein.  Das- 
selbe  möchte  ich  auch  für  die  breiten  Rücken  auf  der  Nordseite 
des  Knüll  gegen  das  Tertiärgebiet,  gegen  Blomberg  und  Frielen- 
dorf, anuehmen.  Insbesondere  gilt  dies  für  die  auf  Tertiär  und 
Basalttuff  aufruheuden  Basalte.  Dagegen  dürfte  man  wohl  die 
kleinen,  kuppenartig  aus  dem  Buntsandsteiu,  Röth  oder  auch  Tertiär 
hervortreteuden  Basaltvorkommeu,  soweit  sie  keine  Längserstreckuug 
besitzen,  als  ausgefüllte  Eruptionskanäle,  Stiele  der  Oberflächen- 
ergüsse, ansehen.  Am  Lammsberg  westlich  Volkmarsen  ist  ein 
solcher  Eruptionskaual  durch  den  Steinbruchsbetrieb  aufgeschlossen. 
Er  wird  allerseits  von  mittlerem  Buntsaudstein  umgeben  und  hat 
etwa  50  bis  70  Aleter  Durchmesser.  Eine  Seite  der  Begrenzung 
zeigt  sich  deutlich,  als  Verwerfungsspalte. 

In  vielen  Fällen  sind  unter  den  deckenförmigen  Ergüssen 
Tuffe  iu  guter  Schichtung  vorhanden.  Neben  diesen  Tuffen  triffl 
man  häufig  um  die  kleineren,  isolirten  Basaltvorkommnisse  (z.  B. 
am  Ofenberg,  westlich  Wolfshagen)  lockere,  scheinbar  ungeschichtete, 
sehr  grobe  Anhäufungen  von  Basaltblöcken,  Olivineinschlüssen, 
Bruchstücken  des  Nebengesteines  und  Mineralausscheidungen 
(Glimmer,  Blornbleude  u.  s.  w.).  Das  äussere  Ansehen,  der  Mangel 
an  Schichtung,  die  ungleiche  Grösse  der  einzelnen  Gesteinsbrocken 


LXIX 


iintersclieideu  diese  tiifiartigen  Gesteine  von  den  mit  Hülfe  des 
Wassers  abgelagerten  geschieliteten  Tnflen.  Im  Kern  dieser  An- 
liänfiingen  steckt  in  der  Kegel  das  eigentliche  Eruptivgestein.  An 
einigen  anderen  Stellen  (Wallenstein  am  Knüll,  Züschen  in  Waldeck 
n.  s.  w.)  bemerkt  man  kleine,  zum  Theil  gangartige,  d.  h.  eine  vor- 
waltende Länü:serstrecknng  besitzende  Vorkommen  von  wenig  ver- 
kitteten,  ungleich  grossen  Basaltbrocken  und  Kruchstücken  des 
Nebengesteines,  also  im  Allgemeinen  Gesteine,  welche  den  vor- 
beschriebenen tuftartigen  Alassen  gleichstehen.  Als  Reste  von  zur 
Tertiärzeit  auf  horizontaler  Unterlage  abgesetzten  Tuffen  köunen 
diese  Anhäufungeu  nicht  angesehen  werden,  denn  ihr  heutiges 
Auftreten  steht  in  keiner  Beziehung  znm  Verbreitungsgebiet  der 
tertiären  Aldagerungen,  verdanken  sie  vielmehr  der  Erosion.  Auch 
die  Längsform  der  Vorkommen  spricht  dagegen.  Dasjenige  von 
Wallenstein  erhebt  sich  aus  der  Sohle  eines  nicht  eben  l>reiten, 
ziemlich  tiefen  Thaies  im  Bniitsandsteingebiet.  Ein  anderes,  das- 
jenige am  Waldrand  1200  Meter  westlich  Züschen,  fällt  unmittel- 
bar mit  einer  Verwerfungsspalte  zusammen.  jVIan  wird  daher  zu 
der  Annahme  gezwungen,  dass  diese  Trünnnerwerke  von  Basalt- 
material  Spalten  beziehungsweise  Eruptiouskauäle  ausfülleu.  Es 
ist  auch  nicht  ausgeschlossen,  dass  cs  sich  mit  den  unmittelbar 
vorher  beschriebenen  tnffartigeu  Massen  ähnlich  verhält. 

Einer  besonderen  Erwähnung  scheint  die  Thatsache  zn  be- 
dürfen, dass  manche  Basalte  au  den  Gebirgsstöruugeu  im  ein- 
schlägigen Gebiet  Theil  genommen  haben.  So  sind  die  Buutsaud- 
steinschichten  nördlich  Oberhülsa  (am  Knüll)  gegen  Basalt  ver- 
worfen; ähnlich  liegen  die  Verhältnisse  bei  Steindorf  (am  Knüll) 
sowie  bei  den  Basalttulfeu  westlich  Burffhasuno-en  bei  Wolfhao-en. 

Hinsichtlich  der  Lagerung  der  Schichten  in  dem  von 
mir  untersuchten  Gebiet  möchte  ich  auf  das  Auffällige  des  Mangels 
an  nachweisbaren  Störungen  am  W estrande  des  Hal)ichtswaldes 
hinweisen.  Der  Hasuuger  Graben  findet  dadurch,  dass  die  steil 
gestellten  Muschelkalk-  und  Keupei’schichteu  nach  SO.  bei  Burg- 
hasungen und  gegen  Ehlen  zu  eine  mehr  normale  Lagerung  au- 
nehmen,  eine  Art  Qnerabschluss.  Im  Gebiet  solcher  weicher 
Schichten,  wie  diejenigen  des  Köths  und  Tertiärs  es  sind,  macht 


LXX 


es  ohneliin  Schwierigkeiten,  Verwerfungen  zu  erkennen  und  fest- 
zulegen. Nur  zwischen  Niedenstein  und  Breitenbach  konnte  ein 
von  S.  nach  N.  gerichteter  Abluaich  des  Roths  und  Tertiärs  am 
mittleren  Buntsandstein  verfolgt  werden. 

Eine  für  die  heutige  Verbreitung  der  Zechsteinformation  wich- 
tige Verwerfung  fällt  mit  dem  Westrande  des  Blattes  Waldeck- 
Cassel  zusammen.  Das  Corbacher  Zechsteingebiet  bricht  nämlich 
längs  einer  N.-S. -Linie  von  Lelbach  über  Lengefeld,  Nordenbeck 
nach  Immighausen  an  den  Posidonien-  und  Kieselschiefern  des 
Culm  ab.  Nordöstlich  Lelbach  folgt  die  Grenze  der  Zechstein- 
forniation  gegen  den  Culm  dem  Streichen  des  letzteren  bis  Ilelm- 
scheidt,  und  von  hier  ab  wendet  sich  die  Grenze  wieder  nach  N., 
ohne  dass  indess  auch  hier  dieser  Umstand  unmittelbar  einer 
N.-S. -Störung  zuzuschreiben  wäre.  Wohl  aber  ist  der  Buntsand- 
stein östlich  der  zuletzt  bezeichneten  Grenze  gegen  die  nächst- 
ältere Formation  an  Verwerfungen  abgebrochen,  welche  die  Ver- 
längerungen derjenigen  von  Vöhl -Berndorf  darstellen  und  über 
Kanstein  und  Helmighausen  bis  zum  Thal  der  Diemel  verfolgt 
wurden.  Die  nördliche  Fortsetzung  der  Verwerfung  Niederwerbe- 
Sachseidiausen  liess  sich  über  Höringhausen  bis  Mengeringhausen 
nachweisen . Eine  dritte  Hauptstörung  verläuft  von  Afibltern  a.  d.  Eder 
über  Waldeck  nach  Freyenhagen  und  Landau  und  betheiligt  sich 
von  Külte  aus  nördlich  an  der  Grabensenkung  Volkmarsen -War- 
biirg -Willebadessen.  Alle  diese  S.-N. -Spalten  haben  ein  staflel- 
förmiges  Abbrechen  nach  Osten  zu  zur  Folge.  Zwischen  den  ein- 
zelnen S.-N. -Spalten  stellen  unter  spitzem  Winkel  laufende  Quer- 
spalten die  Verbindung  her. 

Mittheilung  des  Herrn  F.  Beysciilag  über  Aufnahmen 
im  Gebiete  des  Blattes  Waldcck-Cassel  (1:80000). 

Die  zur  Herstellung  des  letzten  Blattes  der  v.  DECiiEN’schen 
Karte  von  Rheinland -Westfalen  ausgeführten  Aufnahmen  fallen 
in  den  Bereich  der  Messtischblätter  Cassel,  Wilhelmshöhe,  Ober- 
kaufungen, Besse,  Melsungen  und  Altinorschcn. 

Die  tiefsten  Schichten  gehören  der  unteren  Abtheilung  des 
Buntsandsteins  an.  Dem  allgemeinen,  NW.  gerichteten  Schichten- 


LXXI 


fallen  entsprechend  verringern  sich  die  anfänglich  ausgedehnten 
Flächenräuine,  in  denen  dies  Gebirgsglied  auftritt,  von  SO.  gegen 
NW.  immer  mehr,  bis  gegen  das  Becken  von  Cassel,  wo  der 
Obere  Bnntsandstein  in  das  Erosiousniveau  der  Fidda  tritt.  Wenia; 
südlich  und  östlich  des  Gebietsrandes  treten  als  Ausläufer  des 
Bichelsdorfer  Gebirges  die  letzten  Zechsteinpartien  von  Obern- 
gude,  Seifertshausen  und  Connefeld  inselartig  aus  dem  Unteren 
Buntsandstein  hervor,  während  der  Mittlere  Buutsaudsteiu  nur  in 
langgezogeneii  Firsten  (Katzeustiru)  oder  runden  Kuppen  (Al- 
heimer)  die  Berge  krönt.  Weiter  Fulda  abwärts,  in  der  Gegend 
von  Melsungen , ist  die  01)erflächeuverbreitung  beider  Sandsteiu- 
stufeu  schon  ungefähr  gleich,  so  dass  in  der  Regel  die  Th.äler  im 
Unteren  Bunten  verlaufen,  der  auch  noch  die  unteren  vielfach 
feldbedeckten  Böschungen  bildet,  während  die  waldbedeckten 
höheren  Bergtheile  aus  Mittlerem  bestehen.  Schicliteutältuugen 
und  Grabenverseukungeu  erzeugen  mehrfach  Abweichungen  von 
diesem  Bilde.  — Vom  Zusammenfluss  der  Eder  und  Fidda  an 
tritt  der  Untere  Bnntsandstein  nur  noch  in  kleinen  Raudpartien 
längs  des  Flusses  hervor,  der  Mittlere  sinkt  iu’s  Flussuiveau,  um 
bei  Cassel  selbst  unter  demselben  zu  verschwinden  und  dem  Röth 
Platz  zu  machen.  Weiter  flussabwärts  hebt  sich  dann  von  Wolfs- 
anger au  als  NO. -Rand  des  Casseler  Beckens  der  Mittlere  Bunt- 
saudstein  wieder  heraus,  um  daun  bis  Münden  in  fast  horizontaler 
Lagerung  die  Fulda  zu  begleiten. 

Auf  die  Gestalt  des  Fuhlathal- Profiles  ist  der  Wechsel  der 
verschiedenen  Stufen  von  überaus  deutlichem  Einfluss.  Während 
im  Oberen  Theile  des  Laufes,  wo  Unterer  Buntsaudstein  das  Thal- 
gelände bildet,  die  Ufer  mässig  steil  austeigeu  und  das  Thal  von 
mittlerer  Weite,  die  Krümmungen  des  Laufes  mässig  stark  sind, 
werden  die  letzteren  im  Mittleren  überaus  stark,  während  sich 
der  Querschnitt  des  Thaies  verengt  und  die  Wände  steiler  wer- 
den. Sogleich  beim  Eintritt  in  den  Röth  erweitert  sich  dann  das 
Thalprotil  in  der  anffälligsteu  Weise  zum  Becken  von  Cassel,  in 
welchem  dann  auch  die  Gelände  den  schwächsten  Böschungs- 
winkel zeigen. 

Aus  der  Weite  des  Casseler  Beckens  erheben  sich  nun,  durch 


LXXII 


die  Fulda  vou  S.  her  benagt,  wallartig  steil  die  Seliicliten  des 
Muschelkalkes.  Auf  ihnen  ist  ein  c;rosser  Theil  der  Stadt  Cassel 
erbaut  und  verdankt  derselbe  ihrem  steilen  Ilervortreten  aus  der 
Casseler  Senke  seine  landschaftlich  schöne  und  gesnndheitlich  aus- 
gezeichnete Lage.  Einer  OW.  gerichteten  , stellenweise  zwei- 
flügeligen Gralienversenkuug  angehörend,  laufen  vom  Weinberg 
und  Kratzenberg  in  Cassel  schmale,  znr  Mitte  des  Bruches  ein- 
ander zugeneigte  Muschelkalkstreifen  bis  zum  O.-Fuss  des  Ilabichts- 
waldes,  wo  sie  im  M^ilhehnshöher  Park  unter  Tertiär  und  Basalt- 
bedecknng  verschwinden.  Obwohl  diese  Grabenrichtung  ihre 
directe  Fortsetzung  im  Bnrghasunger  Graben  hat,  ist  unmittelbar 
am  W.-Fuss  des  Habichtswaldes,  da,  wo  die  Triasscliichten  unter 
der  Tertiärbedeckung  wieder  hervortauchen,  keine  Schichtenstörung 
erkennbar.  — Von  Cassel  ans  gegen  O.  findet  der  Graben  seine 
Fortsetzung  über  das  Eichwählchen,  Niederkaufungen  nach  Gross- 
almerode. In  den  gegenwärtig  zugänglichen  Aufschlüssen  in  und 
bei  Cassel  ist  nur  der  Untere  Muschelkalk  vertreten.  Dagegen 
sind  bei  gelegentlichen  Aufgrabungen  in  der  Stadt  unfern  des 
Stände])latzes  in  der  kl.  Friedrichstrasse,  ferner  an  der  Ecke  der 
llohenzollern-  und  Annastrasse  Gesteine  zu  Tage  gefördert  worden, 
welche  beweisen,  dass  längs  der  Cassel  durchquerenden  Ilaupt- 
spalte  kleine , schmale  streifenförmige  Schollen  von  Oberem 
Muschelkalk,  Keuper  und  Lias  eingesunken  liegen. 

W^eitaus  das  grösseste  Interesse  aller  in  der  Gegend  von 
Cassel  verbreiteten  Eormationen  beansprucht  das  Tertiär.  Ihm 
entstammen  die  für  die  wirthschaftliche  Bedeutung  des  Bezirkes 
wichtigsten  Producte : die  Braunkohlen,  Thone,  Basalte  und 
Tufte;  an  sie  knüpft  sich  eine  für  die  Erkenntniss  der  Schichten- 
folge im  Tertiär  Mitteldeutschlands  nnd  für  das  Studium  seiner 
Meeres-  und  Süsswasser- Ablagerungen  grundlegende  Literatur.  — 
Die  Materialien,  aus  denen  sich  die  tertiären  Ablagerungen  des 
bezeichneten  Gebietes  zusammensetzen,  bestehen  vorwiegend  aus 
losen  Sanden  z.  Th.  mit  Geröllmasseu,  mehr  oder  minder  reinen 
Thonen,  Braunkohlen,  untergeordneten  Kalksteinen,  welch’  letztere 
meist  mir  in  Form  vou  Coucretiouen,  seltener  in  dünnen  Bänken 
auftreteu,  und  endlich  aus  wenig  jüngeren  vulkanischen  Gebirgs- 


Lxxm 


arten,  tlen  Basalten  und  Tiifl'en.  Keines  dieser  Gesteine  selieint 
einem  bestimmten  geognostisclien  Horizont  in  der  Niederhessiscben 
Tertiärformation  ausseddiesslich  anzimeliöreu  und  ist  in  FoGe 

O Ö 

dessen  keins  au  und  für  sich  geeignet  als  leitend  für  die  Er- 
kenntniss  des  a;er)-enseitia:en  Altersvcrhältnisses  der  Tertiärbildiumen 
augesproclien  zu  werden.  In  manniehfacliem  Wechsel  und  Wieder- 
holungen, die,  ohne  eine  Parallelisirung  von  Aufschluss  zu  Auf- 
schluss zu  gestatten,  doch  eine  gewisse  Kegelmässigkeit  der  Auf- 
einanderfolge im  Grossen  erkennen  lassen,  verbreiten  sich  diese 
Gesteine  ül)er  beträchtliche  Gebiete.  Nicht  allein  in  Folge  der 
Wirkungen  diluvialer  und  alluvialer  Erosion,  sondern  eben  so  sehr 
als  Er<irehniss  bereits  zur  Tertiärzeit  einofetreteuer  Zerstöruuijen 
und  Abtragungen,  stellen  die  Tertiärablagcrungen  heute  unzu- 
sam menhängende  Lappen  verschiedener  Grösse  dar,  welche  in 
ihrer  iiecenwärtiofeu  Verhreitunü;  und  Erhaltuim’  vorzimsweise  an 
Napf-  oder  Ilinnenförmige  Vertiefungen  in  der  unterlagernden 
Trias  geknüpft  sind.  Während  die  mittel-  und  oheroligocäneu 
Meeresahhmeruim'en  ihrer  Entstehung  gemäss  als  gleichmässig 
flächenhaft  auf  grösserem  llaume  ahgesetzte  Sedimente  gedacht 
werden  müssen,  deren  Zusammenhang  in  weiter  unten  näher  zu 
erörternder  Weise  bereits  zur  Tertiärzeit  verloren  gegangen  zu 
sein  scheint,  deutet  die  Art  der  Verbreitung  der  Braunkohlen- 
führenden  Süsswasserablagerungen,  die  bald  steilere,  bald  tlachere 
Lagerung,  das  Vorkommen  gleichartiger  und  wohl  auch  gleich- 
alteriger  Al)lagerungen  in  beträchtlich  verschiedenen  Meereshöhen 
auf  Aljsätze  innerhalb  praeexistirender  bald  engerer,  bald  weiterer 
Thäler,  welche  sieh  örtlich  zu  beckeuartigen  Kesseln  und  Senken 
erweitern.  Es  gilt  dies  in  besonderem  Maasse  für  den  östlichen 
und  nördlichen  Rand  unseres  Gebietes,  d.  h.  für  die  Gegend  von 
Kaufungen,  Grossahnerode,  Stauffenberg,  Landwehrhagen,  Gahreu- 
berg,  Hohenkirchen  etc.,  während  gegen  S.  die  Ablagerungen 
geschlossener  werden  und  sich  zu  der  grösseren  uiederhessischen 
Tertiärsenke  von  Felsberg,  Homberg  etc.  zusammenschliessen. 

Die  Eintlössung  zahlreicher  Gerolle  aus  dem  Schiefergebirge 
(Kieselschiefer,  Quarzit  etc.  des  Waldeck’schen,  sowie  von  Kreide- 
kalkgeschiebeu  mit  Inoceramus ^ RhynchoneHa  und  Feuersteinen 


LXXIV 


wahrscheinlich  aus  dem  westfälischen  oder  einem  an  das  Ohm- 
gebirge anschliessenden  Kreidegebiet)  in  die  zwischen  den  Braun- 
kohlenflötzen  liegenden  Sande,  sowie  in  die  jüngeren  Basalttufte, 
setzt  Wasserabflüsse  zur  Tertiärzeit  voraus,  welche  ebenfalls  nicht 
wohl  ohne  erodirende  Wirkungen  gedacht  werden  können,  und 
welche  das  Kelief  des  wahrscheinlich  mindestens  von  der  Zeit 
des  Oberen  Jura  bis  zur  Unteren  Kreide  als  Festland  liegenden 
Bodens  hier  durch  Anfüllung  eiuehneten,  dort  durch  Ausnagung 
vertieften. 

Auf  Erosionswirkungen  wahrscheinlich  in  der  jüngeren  Tertiär- 
zeit ist  es  daun  wohl  zurückzuführen,  dass  in  dem  zu  besprechenden 
Gebirgsabschnitt  nur  noch  vereinzelte  Schollen  und  Lappen  der 
marinen  mittel-  und  oberoligocänen  Ablageruncien  in  den  ver- 
schiedensten  Höhenlagen  erhalten  blieben.  Für  die  Erklärung 
des  letzteren  Verhältnisses  scheint  nicht  lediglich  die  Annahme 
einer  Wirkuus:  dislocireuder  Verwerfumjeu  zu  genügen,  vielmehr 
sind  wohl  neben  späteren  Niveauverschiebungen  auch  ursprüng- 
liche Tiefen  - Unterschiede  in  dem  verhältuissmässig  schmalen 
Meeresarme  im  Spiel.  Alacht  sich  doch  innerhalb  der  einzelnen 
Fnndpunkte  oberoligocäner  Versteinerungen  ein  gewisser  Unter- 
schied durch  das  Vorherrschen  dieser  oder  jener  Formen  geltend. 
Die  durch  den  Braunkohlenbergbau  des  Ilabichtswaldes  an  zahl- 
reichen  Orten  aufgeschlossenen , in  ihrer  Umgrenzung  oft  weithin 
verfolgten  sogenannten  Basaltrücken  sind  ihrer  Gestalt  und  An- 
Ordnung  nach  nichts  anderes  als  Erosionsrinneu  innerhalb  der 
tertiären  Süsswasserablagerungen,  welche  von  Basalttuften  und  zu- 
sammeugeflössten  Sand-  und  Geröllmassen  erfüllt  sind.  In  der 
Braunkohlengrube  Stellberg  bei  Wattenbach  fand  ich  vor  2 Jahren 
beim  Befahren  der  Grube  eine  deutliche  im  Kohlenflötz  einge- 
schnlttene  mit  Saud  und  Kies  erfüllte  Erosionsriuue,  welche  durch- 
aus den  Eindruck  eines  Bachbettes  machte. 

Ueber  das  Alter  der  tertiären  Süsswasseral)lagerungen  der 
Casseler  Gegend  kann  ein  endgültiges  Urtheil  heute  noch  nicht 
gefällt  werden.  Lediglich  die  deutliche  Lageruugsbeziehung  zu 

O o ö ö ö 

mitteloligocäuem  Septarienthon  oder  oberoligocäuem  Meeressaud 
ist  beweisend.  Danach  gehören  die  bereits  nahe  dem  östlichen 


LXXV 


Kartenramie  hef^innendeu  Brauiikohlenablagerungeii  von  Kaufungeu, 
sowie  diejenigen  des  Mönclieberges  ini  NO.  von  Cassel  dem  Unter- 
oligocän  an,  weil  sie  vom  mitteloligocänen  Septarienthon  über- 
lagert werden.  Für  die  Brannkohlenablagernngen  anf  der  Söhre 
lind  dem  Habiebtswald  fehlt  es  bisher  an  derartigen  sicheren 
Lagernngsbeziebnngeu  und  kann  m.  E.  weder  die  relative  Ilölien- 
lage  noch  auch  die  petrographische  Beschaffenheit  und  Schichten- 
folge Innerhalb  der  Süsswasserbildungen  als  entscheidendes  Merk- 
mal für  eine  Altersfeststellung  dienen.  — Die  Flora,  welche  in 
den  Brannkohleiithonen  und  Basalttntfen  des  Ilabichtswaldes  bei 
Gelegenheit  des  Abtenfens  des  fiscalischen  Maschinenschachtes  am 
»Grossen  Steinhaufen«  getrofien  wurde,  hätte  vielleicht  Anhalts- 
punkte zur  Bestimmung  des  relativen  Alters  dieser  Ablagerung 
liefern  können,  aber  die  seiner  Zeit  gewonnenen  Stücken  sind  im 
Privatbesitz  verstreut  und  der  Wissenschaft  grösstenthcils  ver- 
loren. Ueber  Tage  sind  gegenwärtig  keinerlei  Fundpunkte  pflanz- 
licher Versteinerun<ien  zimäimlich. 

Nach  den  bisher  im  Gebiete  der  Umgegend  Cassels  ge- 
machten Beobachtungen  neige  ich  zu  der  Vorstellung  hin,  dass  die 
sämmtlichen  in  dieser  Gegend  verlireiteten,  Braunkohle  führenden 
Süsswasserablafterunffen  gleichen  und  zwar  nnterolicrocäuen  Alters 
sind.  Die  z.  Th.  erheblich  geneigten  Schichten  liegen,  wie  be- 
reits oben  ausgeführt,  in  einzelnen  Kinnen  und  Kesseln,  welche 
sich  gegen  S.  mehr  znsammenschliesson  und  werden  bei  Ober- 
kaufinmen,  am  Möncheber«;  und  im  Eselsf^raben  bei  Niederzwehren 
von  marinen  Tertiärschichten  bedeckt.  Die  letzteren  sind  nur  in 
kleinen  Schollen  und  Lappen  erhalten,  welche  ebenso  häufig  auf 
tertiären  Süsswasserablag;eruno;en  als  unmittelliar  auf  triadischem 
Untergrund  aufzuruhen  scheinen.  Gegen  S.,  wo  die  vereinzelten 
Tertiärablagerungen  sich  mehr  nach  dem  Inneren  des  Ilanpt- 
lieckens  zusammengeschlossen  haben,  also  südlich  von  Gunters- 
hausen und  Besse,  scheint  das  marine  Oberoligocän  wiederum 
durch  Süsswasserbildungen,  denen  danach  wohl  miocäues  Alter 
znkommeu  würde,  bedeckt  zu  sein. 

Innerhalb  der  Süsswasserabbrneruimen  sind  die  an  Kalk- 

O O 

concretiouen  oft  reichen  Thone  mit  Melania  horrida  noch  an  einer 


LXXVI 


Reihe  neuer  Punkte  anf'gefnnclen  worden.  Namentlich  gegen 

Besse  und  Felsherg  hin  scheinen  dieselben  eine  beträchtlichere 

Verbreitung  zu  gewinnen.  — Von  besonderem  Interesse  ist  die 
Auffindung  einer  geschlossenen  Kalkbauk  in  diesen  Schichten, 
welche  mit  Steiukernen  von  Limnaeus  facUygmter  erfüllt  ist.  — 
Bei  Besse  fällt  eine  Ablagerung  auf,  welche  in  enger  räumlicher 
Verknüpfung  mit  diesen  tertiären  Schichten  zu  stehen  scheint. 

Es  sind  überaus  glatt  und  rund  geschlitfene  Muschelkalkgerölle, 
die  in  grosser  Meng'e  zusammeno-ehäuft  sind  und  von  Diluvium 

ö ö ö 

bedeckt  werden.  Die  Bestimmung  ihrer  Herkunft  ist  um  so 
schwieriger  als  am  Ostfuss  der  »Langen  Berge«,  von  denen  her 
die  Wasser  nach  Besse  fliessen,  nirgends  mehr  Muschelkalk  an- 
stehend aufzufinden  ist. 

Auf  den  tertiären  Gliedern  verschiedenen  Alters  breiten  sich 
abweichend  gelagert  und  vielfach  bis  auf  die  Trias  übergreifeud 
Basalttiffie  aus,  denen  sonach  wohl  ein  miocäues  Alter  zukommen 
würde.  Sie  werden  vielfach  von  mächtigen  Basaltergüsseu  be- 
deckt oder  von  Gängen  durchsetzt.  Zu  diesen  demnach  wohl 
ebenfalls  mioeäneu  Basalten  rechnen  die  meisten  Platten  und 
Kuppen  des  Habichtswaldes  und  der  »Langen  Berge«.  Nur  auf 
Blatt  Felsberg  ist  es  bisher  gelungen,  mit  Sicherheit  einen  inner- 
halb der  tertiären  Süsswasserbildunofen  liegenden  Basalterffuss 
auszuzeichnen.  Zu  letzterem  könnten  niöffiicher  Weise  ijewisse 
lagerförmige  Basalte  am  Nord-  und  Südfuss  des  Habichtswaldes 
zu  zählen  sein,  die  allerdings  bezw.  ihrer  petrographischen  Be- 
schaffenheit sich  weit  mehr  an  jene  jüngeren  Basalte  des  Habichts- 
waldes als  an  den  älteren  Erguss  von  Böddiger  bei  Felsberg  an- 
schliessen. 

Es  würde  hier  zu  weit  führen  nun  die  einzelnen  Tertiär- 
ablagerungen nach  Verbreitung,  Lagerung  und  Zusammensetzung 
zu  schildern.  Wenngleich  bereits  viel  Material  zu  solcher  Be- 
schreibung iiamentlich  der  durch  Bergbau  erschlossenen  Gebiete 
zusammengebracht  ist,  muss  dessen  Veröffentlichung  doch  für 
eine  geplante  zusamineufässende  Schilderung  und  für  die  Er- 
läuterungen der  geologischen  Specialkarte  zurückgelegt  werden. 
Nur  so  viel  sei  noch  ei’wähnt,  dass  mau  als  die  hauptsächlichsten 


LXXVII 


folo-eiule  ofetrennte  Bramikolileualjlaa-eriino-on  in  unserem  Gel)iete 
zu  unterscheiden  hat: 

1.  Das  Habichtswalder  Brauukohlengebiet  mit  seiner  süd- 
lichen Fortsetzung  über  Hoof.^  Elgershausen  zu  den  »Langen 
Bergen«,  und  über  Nordshansen  znm  Baunsberge.  Die  einzelnen 
Gruben  und  Reviere  bauen  auf  den  verscbiedeu  benannten  und 
durch  die  in  Erosionsrinnen  abgelagerten  Tnftinassen  (Basaltrücken) 
«xetreunten  Theilen  eines  und  desselben  Kohlenflötzes.  Nur  im 

O 

fiscalischen  Förderschacht  am  »Grossen  Steinhaufen«  ist  In’sher 
ein  zweites,  höheres  Flötz  (Busse)  getrofleu  und  auf  kurze  Er- 
streckung verfolgt  worden. 

2.  Die  Braunkohlenmnlde  von  Bningshauscn- Möncheberg. 

3.  Die  auf  der  Höhe  der  Söhre  lagernde  Braunkohlenmnlde 
des  Stellbergs  bei  Watteubach. 

4.  D ie  Mulde  von  Malsfeld -Dagobertshausen -Ostheim. 

Mittheilung  des  Herrn  E.  Kayser  über  Aufnahmen  in 
der  Gegend  von  Dilleuburg  und  Marburg. 

Die  im  Laufe  des  Herbstes  1889  in  der  Dillgegend  aus- 
geführten Aufnahmearbeiteu  haben  sich  auf  die  FTmgebnng  der 
Stadt  Dilleuburg,  auf  beiden  Seibm  der  Dill,  beschränkt.  An  der 
Znsammensetznuo;  dieses  Gebietes  nehmen  mitteldevonische  Thon- 
bezw.  Dachschiefer  mit  zahlreichen  darin  eingeschalteten  Lagern 
und  Lagergängen  von  Grüusteiu,  sodann  Schalstein,  Cypridinen- 
schiefer  mit  begleitenden  glimmerigeu  Plattensandsteinen  und  end- 
lich Culm-Kieselschiefer  Theil.  Das  Vorkommen  des  letzteren  ist 
auf  eine  kleine  zerrissene  Mulde  unmittelbar  westlich  von  Dilleu- 
biu’g  beschränkt.  Dagegen  besitzt  das  Olierdevon,  welchem  nach 
seinen  Versteinerungen  auch  der  Schalstein  angehört,  eine  ansehn- 
liche Verbreitung.  Das  Mitteldevon  endlich,  welches  etwas  weiter 
nördlich  den  bekannten  breiten  Thon-  und  Dachschieferzng  von 
Wissenbach  bildet,  tritt  bei  Dilleuburg  nur  in  ein  paar  schmalen 
Bändern  — stark  zusammeugepressteu  Sattelfalten  — ans  den 
umgebenden  jüngeren  Ablagerungen  hervor.  Ebenso  wie  die  er- 
wähnte kleine  Cuhnmulde  sind  diese  mitteldevonischeu  Schiefer 


LXXVIII 


bisher  ihrem  Alter  nach  verkannt  worden  und  daher  noch  anf 
keiner  geologischen  Karte  zur  Darstellung  gelangt. 

Eine  ganze  Reihe  horalO — 1 D/2  streichender  Querverwerfungen 
durchsetzen  die  zu  steilen  Falten  zusainineugeschobenen  Schichten. 
Die  bedeutendste,  mit  einer  ansehnlichen  Querverschiebung  der 
Schichten  verbundene,  läuft  mitten  durch  das  Dörfchen  Eibach 
hindurch. 

Als  eine  interessante  Erscheinung  sei  endlich  die  ausgezeich- 
nete, der  des  Basaltes  ähnliche  Säulenabsonderung  erwähnt,  welche 
an  einer  Stelle  (am  Wege  von  der  Ilauptkirche  nach  dem  Schloss) 
an  der  Diabasmasse  des  Dillenbur<rer  Schlossberores  zu  beob- 

O ö 

achten  ist. 

In  der  Marbura:er  Gebend  wurde  im  Anschluss  an  die 

ö O 

für  die  Herstellung  des  Ergänzungsblattes  Cassel -Waldeck  der 
v.  DECiiEx’schen  Karte  im  Kellerwalde  ansgeführten  Arbeiten  eine 
Aufnahme  des  Wollenberges  (unweit  Wetter)  und  seiner  Um- 
gebung ausgeführt.  Wenn  es  auch  bei  der  weitgehenden  petro- 
graphischen  Uebereinstimmung,  welche  der  Quarzit  dieses  ansehn- 
lichen Berges  mit  demjenigen  des  Kellerwald-Rückens  zeigt,  und 
Angesichts  der  Thatsache,  dass  der  Wollenberg  genau  in  der  ver- 
längerten Streichrichtnng  des  erstereu  liegt,  keinem  Zweifel  unter- 
liegen kann,  dass  auch  der  Wollenbergsquarzit  unterdevonischen 
Alters  ist,  so  gelang  es  hier  doch  nicht,  wie  am  Kellerwalde, 
hangende  Grauwacken  mit  der  Obercol)lenzfauna  nachzuweisen. 
Solche  scheinen,  ebenso  wie  das  Alitteldevou,  am  Wollenberge 
nirgends  zu  Tage  zu  treten;  vielmehr  werden  die  Abhänge  des 
Berges  ausschliesslich  von  abgesunkenen  Oberdevou-  und  Culin- 
schichten  zusammengesetzt,  die  beiderseits  mit  streichenden  Ver- 
werfungen unmittelbar  an  den  stehengebliebeneu,  die  Hauptmasse 
des  Berges  bildenden  Unterdevon-Quarzit  augrenzeu.  Dem  Obei- 
devon  gehört  als  ältestes  Glied  der  korallenreiche  (wesentlich 
dem  des  Iberges  im  Harze  gleichalterige)  Kalk  von  Aniönau- 
OI)erndorf  an.  Darüber  folgt  ein  von  grobkörnigen  Dia- 
I)asen  begleiteter  Quarzit,  über  welchem  endlich  Ciilm  liegt, 
welches  zu  unterst  aus  Adinolen  und  Kieselschiefern,  zu 
oberst  aus  mächtigen  Grauwacken  besteht,  welche  letztere  in 
jeder  Beziehnng  denen  von  Jesberg  im  Süden  des  Kcllerwaldes 


LXXIX 


ähnlich  sind.  Mit  diesem  und  der  Wildnnger  Gegend  hat  die 
Wollenber<''-Uino;ebun2:  ancli  den  eben  erwähnten,  von  Diabasen 
begleiteten  Oberdevon -Quarzit  gemein.  Während  mir  aber  das 
Alter  dieses  in  anderen  Theilen  des  rheinischen  Schiefergebirges 
nnbekannten  Gesteins  im  Wildunijer  Gebiete  lana;e  zweifelhaft 
war,  und  ich  somar  eine  Zeit  laug  e;euei<>:t  war  dasselbe  dem  Keller- 
waldqtiarzit  gleichznstellen , so  ergiebt  sich  bei  Amönau  aus  der 
Uuterlagerung  des  Quarzits  durch  Iberger  Kalk  sein  oberdevonisches 
Alter  mit  aller  Sicherheit.  Dieses  Ergebniss  könnte  auch  für  den 
Harz  wichtig  werden,  da  nach  meiner  Erinnerung  im  Norden  des 
Acker- Bruchberg -Rückens,  welcher  genau  aus  demselben  Quarzit 
wie  der  des  Kellerwaldes  und  Wollenberges  zusammengesetzt  ist, 
den  Wildnnger  und  Amöuauer  sehr  ähnliche,  ebenfalls  von  Dia- 
basen begleitete  und  daher  vielleicht  gleichfalls  dem  Oberdevon 
angehörige  Quarzite  entwickelt  sind. 

Wie  der  Kellerwald,  so  wird  auch  der  Wollenberg  von  grossen 
Querverwerfnugen  durchsetzt,  die  sich  in  auffälligen  Verschiebungen 
der  correspondirenden  Schicht  änssern  und  die  anch  das  dem  Berge 
im  Norden  vorgelanferte  Rothlieo-ende  in  d('utlichster  Weise  mit 

ö O O 

verwerfen.  An  einer  solchen,  bei  Caldern  und  Kernbach  unter 
sjutzem  Winkel  das  Lahnthal  kreuzenden  Verwerfung  hört  der 
Wollenbergsquarzit  in  voller,  bedeutender  Breite  auf.  Jenseits, 
d.  h.  im  Westen  der  Dislocation  findet,  sich  überhaupt  kein  Unter- 
devon mehr:  das  älteste  Gestein  Ijilden  hier  vielmehr  die  mittel- 
devonischen,  zum  Theil  als  Orthocerasschiefer  (mit  Goniatites  graeiUs 
und  latesrj.itatus,  Orthoceras  sp.,  Panenka,  Tentaculiten  u.  s.  w.)  ent- 
wickelten Schiefer  von  Kernbach  mit  ihren  mächtigen  Diabas- 
stöcken (Rimberg,  Feiselljerg  u.  a.).  Auch  weiter  nach  Süden 
und  Norden  zu  scheint  diese  bedentende  Verwerfung,  sich  noch 
auf  weite  Erstreckung  hin  verfolgen  zu  lassen. 


Mittheilung  des  Herrn  E.  Holzapff-L  über  die  Aufnahmen 
auf  Blatt  St.  Goarshausen. 

Der  südöstliche  Theil  des  Blattes  wird  von  IT  nnsrückschiefern 
eingenommen,  der  grössere  Rest  von  den  unteren  Coblenzschichten, 
durch  welche  hin  und  wieder  schmale  Sättel  von  nnnsrück- 
schieferu  durchstossen.  Im  nördlichen  Theile  sind  4,  z.  Th.  mehr- 


LXXX 


fach  zerrissene  Züge  von  Quarzit  vorhanden,  welche  im  Terrain 
als  hohe  , langgestreckte  Rücken  markirt  sind.  Die  Unter- 
Coblenzschichten  bestehen  vorwiegend  aus  Schiefern,  mit  eiime- 
lagerten,  verschieden  mächtigen  Granwacken,  welche  z.  Th.  qnar- 
zitisch  werden,  und  dann  in  den  tief  eingeschnittenen  Thälern 
schroffe,  vorspringende  Felspartien  bilden  (Schweizerthal  bei  St. 
Goarshansen,  Loreley).  Einlagerungen  von  Porphyrolden  sind  sehr 
zahlreich,  und  z.  Tli.  weit  verfolgbar.  Von  besonderem  Interesse 
ist  das  häutige  Vorkommen  von  Gesteinen,  die  dem  »Weissen 
Crebirge«  der  Werlauer  und  Holzappeler  Bergleute  vollkommen 
gleichen.  An  mehreren  Stellen  stehen  dieselben  in  Verbindung 

O ö 

mit  Quarzgängen  , welche  zuweilen  Erze  enthalten  , wie  bei 
Ehrenthal.  Im  Feuerbachthal  scheint  solches  typisches  »Weisses 
Gebirge«  in  ein  dunkel  gefärbtes,  diabasartiges  Gestein  überzugehen. 
Vielfach,  besonders  wenn  die  Aufschlüsse  schlecht  sind,  scheint 
das  genannte  Gestein  schmale,  gleichförmige  Einlagerungen  im 
Unter-Coblenz  zu  bilden.  Au  mehreren  Stellen  am  Gehänge  des 
Rheiuthales  tritt  indessen  die  gangartige  Natur  klar  zu  Tage, 
namentlich  zwischen  Ehreuthal  und  Kestert,  bei  Ehrenthal,  und 
bei  St.  Goarshausen.  Bei  Ehrenthal  enthält  das  Weisse  Ge- 
birge häutig  bis  zollgrosse  Krystalle  von  Apatit  porphyrisch 
eingeschlossen,  deren  Kauten  gerundet  zu  sein  pflegen.  Da- 
neben kommen  Knöllchen  eines  phosphoritartigen  Minerals  einge- 
schlossen vor.  Im  Urbachthal  wird  das  Weisse  Gebirge  wohl 
breccienartig,  die  scharfkantigen  Bruchstücke  sind  daun  durch 
Gaugquarz  verkittet.  Bisher  wurde  dieses  Gestein  au  etwa  25 
verschiedenen  Stellen  (auf  dem  rechten  Rheinufer)  beobachtet.  — 
Auf  den  Höhen  kommt  in  ziemlicher  Verbreitung  Tertiärkies  vor, 
doch  wird  derselbe  meistens  von  weit  ausgedehnten  Flächen  von 
Löss  bedeckt,  und  kommt  nur  an  den  Rändern  derselben  zum 
Vorschein. 

Mittheilung  des  Herrn  E.  Datiie  über  die  geologischen 
Aufnahmen  der  Blätter  Rudolfswaldau,  Friedland  und 
Reichenbach. 

Auf  dem  Blatte  Rudolfswaldau  wurde  bei  der  letztjährigen 
Aufnahme  der  westlichste  Theil  der  Gueissformatio  u , das 


LXXXI 


Carbon  und  Rothliegende  kartlrt.  Beide  letzteren  Formationen 
nehmen  den  westlichsten  Theil  des  Blattes  ein  und  finden  ihre  Fort- 
setzung auf  Blatt  Friedland,  mit  dessen  Aufnahme  begonnen  wurde. 
Der  aufgenommene  Theil  der  Gneissformation  wird  im  Osten 
durch  eine  Linie  bestimmt,  welche  in  nordsüdlicher  Richtung  vom 
Nordrande  der  Karte,  beim  Wolfsberg  beginnend,  über  den  Urlen- 
berg,  die  Säuferhöhen  nach  dem  Neumannsberg  bei  Rudolfswaldau 
verläuft;  die  Westgrenze  der  Formation  fällt  zugleich  mit  der  Carbon- 
grenze zusammen  und  zieht  sich  in  nordwestlicher  Richtung  von  Ru- 
dolfswaldau über  Kaltwasser,  Wüstegiersdorf  nach  Tannhausen  hin. 
In  diesem  Gebiete  ist  die  Abtheilung  der  Zweiglimmergneisse 
vorherrschend , und  nur  am  nördlichen  Blattrande  greift  ein 
schmaler  Streifen  von  Biotitgneissen  von  dem  Blatte  Charlotten- 
brunn her  auf  vorliegendes  Blatt  über;  er  reicht  vom  Wolfsberge 
bis  nach  Tannhausen.  Die  Gneisse  wurden  in  beiden  Abtheilungen 
wiederum  nach  ihrem  Gefüge  1.  in  feinkörnig-schuppige  und  fein- 
schiefrige (I),  2.  in  grob-  bis  breitflaserige  (II)  und  3.  in  flase- 
rige  (I/II),  welch’  letztere  die  Uebergänge  zwischen  I und  II  dar- 
stellen, unterschieden.  — Als  besondere  Structurvarietät  der  grob- 
flaserigen  Zweiglimmergneisse  wurden  die  Augeugneisse  ab- 
getrennt; sie  bilden  zwei  Zonen,  wovon  die  eine  die  Fortsetzung 
der  früher  schon  festgestellten  Zone  ist,  welche  von  den  Otten- 
steinen  bei  Glätzisch-Hausdorf  im  mittleren  Eulengebirge  über 
Schlesisch -Falkenberg  nach  den  Säuferhöhen  nachgewiesen  wurde, 
und  ihre  Fortsetzung  am  oberen  Nesselgrunde,  am  Ramenberge, 
an  der  Vereinigungsstelle  des  grossen  und  kleinen  Märzbaches 
und  am  Märzbache  findet. 

Die  zweite  Augengneisszone  im  Hangenden  wird  durch 
grobflaserige  Zweiglimmergneisse  von  der  ersteren  getrennt;  sie 
beginnt  am  Heller  Wasser,  geht  über  den  Langen  Berg  und  den 
vorderen  Ramenberg,  wo  sie  eine  rein  westliche  Richtung  annimmt, 
nach  Nieder-Wüstegiersdorf.  — Von  Einlagerungen  sind  in  den 
Gneissen  wenig  Amphibolitlager  angetrofien  worden.  Von  Gang- 
bildungen sind  Pegmatite,  Barytgänge  und  Felsitporphyr  zu  nennen. 

Bemerkenswerth  sind  zahlreiche  F elsitporphyrgänge,  welche 
die  Gneissformation  nach  Ablagerung  des  Carbons  in  der  Nähe  der 

f 


Jahrbuch  1889. 


LXXXII 


letzteren  Forinationsgrenze  durchbrochen  haben.  Für  diese  An- 
nahme spricht  das  Anftreten  eines  mächtigen  Felsitporphyrs  süd- 
lich von  Rudolfswaldau,  welcher  daselbst  aus  der  Gneissformation 
in  gleicher  Richtung  in  das  Obercarbon  übersetzt.  — Dieser  letztere, 
zwei  Kilometer  lange  Gang  gehört  einem  Gangsysteme  an,  das 
vorzugsweise  in  zwei  ziemlich  parallelen  Spalten  bis  zum  Ramen- 
berge  fortsetzt,  vielfach  durch  nordöstliche  Spalten  verworfen  ist 
und  eine  Länge  von  5 Kilometern  besitzt. 

Das  Carbon  gehört  in  seinen  liegendsten,  auf  den  Gneiss 
ungleichförmig  gelagerten  Schichten,  den  sogenannten  Schatzla’er 
Schichten  Stur’s  an;  nur  am  Silberwald  bei  Tannhausen  sind  noch 
Waldeuburger  Schichten  vorhanden;  über  erstere  folgen  röthlich  ge- 
färbte Couglomerate  und  Arkosesandsteiu ; sie  gleichen  petrographisch 
den  Schwadowitzer  und  Radowenzer  Schichten  des  böhmischen 
Flügels  und  müssen  denselben  bei  regelmässiger  Bildung  des  nieder- 
schlesisch - böhmischen  Beckens  entsprechen  ; nur  hat  man  aber 
deren  Vorhandensein  bis  jetzt  auf  der  schlesischen  Seite  nicht  an- 
genommen. Ist  meine  Annahme  idchtig,  was  die  Kartirung  bei 
Waldenburg  zu  entscheiden  haben  wird,  so  müsste  man  die  Grenze 
zwischen  Rothliegendem  und  Carbon  viel  höher  als  bisher  legen. 
Der  Versuch  hierzu  ist  bei  der  Kartirung  der  Blätter  Rudolfs- 
waldai;  und  Friedland  gemacht  worden,  und  würde  demnach  die 
untere  Congloiueratstufe  des  Rothliegeudeu  wahrscheinlich  dem 
Obercarbou  Zufällen;  die  Grenze  wäre  dorthin  zu  legen,  wo  die 
Couglomeratbilduug  auf  hört,  ferner  über  derselben  Sandsteine, 
Kalksteine  und  Röthelschiefer  lediglich  herrschen  und  in  gewissen 
Theileu  des  Beckens  ein  Uebergreifen  dieser  letzteren  Gesteine 
(unteres  Rothliegendes)  auf  ältere  Carbonschichten  stattfindet. 

Zur  unteren  Stufe  des  Rothliegeudeu  zählen  ausser  den 
genannten  Sandsteinen,  Kalksteinen,  Röthel  schiefem  (wozu  auch 
schwärzlich -graue  Schiefer,  Braudschiefer  oder  Walchienschiefer) 
hinzutreten,  noch  ausserdem  die  Eruptivstufe,  eine  Schichteureihe, 
welche  aus  deckeuförmigeu  Ergüssen  von  Melaphyr,  Porphyrit, 
Quarzporphyr,  blasigem  Quarzporphyr  und  Porphyrtufi’  besteht. 
Diese  Eruptivstufe  ist  namentlich  bei  Lomnitz  (am  Stubenberge) 
vollständig  entwickelt,  wo  zwei  Melaphyrdecken , die  durch  eine 


LXXXIII 


Decke  von  mittelköruigem  Quarzporphyr  getrennt  werden,  zu  beob- 
achten sind.  In  Lomnitz  wird  die  untere  Melaphyrdecke  von  einer 
ellipsoidischen  Partie  von  Quarzporphyr,  dessen  grösste  Durch- 
messer 225  Meter  und  175  Meter  betragen,  durchbrochen.  Die 
gleiche  Gesteinsbeschaffenheit,  die  Lage  wie  Form  der  Porphyr- 
partie lassen  es  kaum  zweifelhaft  erscheinen,  dass  man  in  ihr  den 
Rest  eines  Eruptivschlottes , von  dem  die  höher  gelegene  Decke 
des  Quarzporphyrs  aus  sich  ergoss,  zu  erblicken  habe,  lieber  den 
Melaphyrdecken  folgt  im  Hangenden  eine  Decke  von  blasigem 
Quarzporphyr,  die  augenscheinlich  aus  mehreren  Ergüssen  besteht 
und  eine  bedeutende  Mächtigkeit  aufweist;  das  Porphyrgestein  ist 
lichtröthlich-braun,  enthält  porphyrisch  Quarzkörner  und  Krystalle 
und  Feldspäthe,  zugleich  aber  vielorts  kleine  Einschlüsse  von  Milch- 
quarz, Melaphyr,  Thonschiefer  etc.  Die  Structur  des  Gesteins  ist 
zum  Theil  blasig,  zum  Theil  cavernös;  es  zieht  sich  in  1 — 2 Kilo- 
meter breitem  Streifen  von  Lomnitz  über  Wüstegiersdorf  bis  zu 
den  Vierhöfen  hin.  Porphyrtuffe  sind  ihm  an  mehreren  Stellen  in 
geringer  Mächtigkeit  eingeschaltet.  — Dasselbe  blasige  Porphyr- 
gestein ist  am  Königswalder  Spitzberge  entwickelt,  wo  es  von 
einem  Melaphyr,  der  in  Dach  und  Sohle  meist  Mandelsteinbildung 
zeigt,  unterteuft  wird.  Bei  Crainsdorf  schiebt  sich  ein  derartiger 
Porphyr  zwischen  die  untere  und  obere  Melaphyrdecke  ein,  und 
ein  ähnliches  Porphyrgestein  ist  bei  Kunzendorf  am  rechten  Ge- 
hänge der  Walditz  am  Scholzendorfer  Thälcheu  aufgefunden  worden. 

Die  Lagerungsverhältnisse  des  Carbons  — eine  specielle 
Gliederung  in  einzelnen  Stufen  im  Gebiete  der  Blätter  Rudolfs- 
waldau und  Friedland  muss  bis  zur  Durchführung  derselben  im 
Waldenburger  Becken  verschoben  werden  — und  des  Roth- 
liegenden  sind  im  nördlichen  Theile  der  Blätter  überaus  regel- 
mässige, bei  einem  Streichen  von  NW.  nach  SO.  und  einem  Fallen 
von  20  — 30  0 gegen  SW.  folgen  die  beiden  Foi’mationeu  gleich- 
förmig aufeinander.  In  der  südlichen  Hälfte  des  Blattes  sind  jedoch 
in  beiden  Formationen  Störungen  von  bedeutender  Länge  und  Grösse 
der  Sprunghöhe  vorhanden.  An  der  äussersten  Südostecke  des 
Blattes  bei  Kunzendorf  tritt  eine  grosse  Verwerfung  in  das 
Kartengebiet  ein,  welche  schon  vor  Jahren  von  mir  an  der 

f* 


LXXXIV 


Ostseite  des  Grabhrozuges  festgestellt  wurde  und  deren  Sprung- 
höhe mindestens  300  Meter  beträgt.  Carbon  und  Rothliegendes 
werden  längs  des  Walditzthales  bis  zum  Mölkener  Thale  in  ein 
tieferes  Niveau  gebracht;  Querverwerfungen  ermöglichen  das  Ab- 
sinken der  Gebirgscholleu.  Während  die  Hauptverwerfung  in 
diesem  Theile  nach  NW.  verläuft,  springt  südöstlich  der  Tinzen- 
koppe  eine  N.-S.  verlaufende  Verwerfung  nach  N.  ab,  welche  den 
westlichsten  Theil  des  Feldes  der  Wenzeslaus- Grube  dui’chsetzt 
und  die  Culmgrenze  bei  Col.  Städtisch -Eule  erreicht.  — Ein 
anderes  System  von  Sprüngen,  theils  nordsüdlich,  theils  nordwestlich 
streichend,  setzt  sich  am  Südraude  der  Karte  bis  zur  Col.  Schulzeu- 
dorf fort.  Die  grösste  und  längste  der  Verwerfungen  wurde  aber 
westlich  dieser,  von  Col.  Achthäuser,  über  Col.  Fichtig,  den  Königs- 
walder  Spitzberg,  Königswalde  bis  Col.  Goldwiese  festgelegt,  wo- 
durch ein  Carboustreifen  westlich  dieser  in  h.  10  verlaufenden  Ver- 
werfuugslinie  stehen  geblieben,  ein  anderer  Streifen  von  Rothliegen- 
dem  und  Carbon  dagegen  gesunken  ist;  nordöstliche  und  ostwest- 
liche Querverwerfungen  haben  bei  Goldwiese  und  Neu-Wüstegiers- 
dorf  das  Absiuken  dieser  Schollen  von  den  nördlichen  ungestörten 
Rothliegenden-  und  Carbon -Schichten  bewerkstelligt.  Zerstücke- 
lunajeu  innerhalb  der  Schollen  treten  namentlich  am  Könia^swalder 
Spitzberge  auf,  wo  die  Porphyr-  und  Melaphyrdecken  von  Quer- 
verwerfungen betroften  worden  sind.  Ebensolche  Verwerfungen 
wurden  in  der  Eruptivstufe  bei  den  Vierhöfen  und  Köuigswalde 
(Blatt  Rudolfswaldau)  sowie  zwischen  Lomnitz  und  Freuden- 
burg (Blatt  Friedland)  nachgewiesen. 

Auf  Blatt  Reichenbach  befasste  sich  die  Kartirung  mit  der 
Festlegung  Amn  den  inselartig  aus  dem  Diluvium  hervorragenden 
Gneisspartien  bei  Gärtz,  Faulbrück,  Neudorf  und  Dreissighuben. 
Die  Gneisse  sind  Biotitgneisse  und  stimmen  hinsichtlich  ihrer 
petrographischen  Beschaffenheit  sowie  ihrer  Einlagerungen  mit  den 
Gneissen  des  Eulengebirges  überein.  Bemerkenswerth  ist  die 
Auffindung  von  ächtein  Granulit,  der  eine  5 — 6 Meter  lange  und 
mehrere  Decimeter  starke  Linse  im  grobflaserigen,  stark  wellig  ge- 
bogenen Biotitgneisse  südlich  Dreissighuben  im  dortigen  Stein- 
bruche bildet  und  neben  zahlreichen  kleinen  Granaten  reichlich 


LXXXV 


blass -bläulichen  oder  farblosen  Cyanit  (Distlien)  führt;  letzteres 
Mineral  wurde  auch  in  manchen  Feldspathflasern  von  granat- 
führendem Gneiss  aufgefunden;  als  Gemengtheil  des  Gneisses  ist 
das  Vorkommen  von  Disthen  bei  Dreissighuben  das  erste  in 
Schlesien  zu  nennen. 

Mittheiluno;  des  Herrn  G.  Berendt  über  wissenschaftlich 
neue  Ergebnisse  bei  der  Aufnahme  des  Blattes  Stettin. 

So  wenig  sich  allerdings  erwarten  liess,  dass  wirklich  neue 
Ergebnisse  nach  den  namhaften  Erfolgen,  über  die  ich  in  Ver- 
bindung mit  dem  Voi’schreiten  der  geologischen  Kartenaufnahmen 
im  Flachlande  im  Vorjahre  berichten  durfte,  schon  jetzt  wieder 
' zu  verzeichnen  sein  würden,  um  so  erfreulicher  ist  es,  dass  dennoch 
wenigstens  für  die  genannten  Aufnahmen  neue  Beobachtungen 
vorliegen.  Es  ist  dies  die  Folge  davon,  dass  diese  Aufnahmen 
mit  dem  Beti’eteu  der  Stettiner  Umgegend  ein  Gebiet  erreicht 
haben,  in  welchem  das  Tertiär  vielfach  durch  die  diluviale  Decke 
hindurchleuchtet  oder  dieselbe  gänzlich  zerrissen  hat. 

Das  Hervortreten  des  Tertiärs,  das  mehr  oder  weniger 
als  eine  Emporpressung  desselben  bezeichnet  werden  kann,  und 
andererseits  die  Berührung  des  Tertiärs  m i t d e m D i 1 u v i u m 
sind  daher  auch  die  beiden  Punkte,  welche  — wenigstens  in  dem 
beobachteten  Umfange  — als  neu  bei  den  Kartenaufnahmen  im 
Flachlande  hierher  gehören  und  auf  kurze  vorläufige  Besprechung 
Anspruch  machen  dürfen,  ebenso  wie  drittens  das  Auftreten 
von  Schwarzerde  in  der  Stettiner  Gegend  als  für  diesen  Theil 
des  Flachlandes  neu  Erwähnung  verdient. 

Dennoch  sehe  ich  mich  vei'anlasst,  von  einem  näheren  Ein- 
gehen auf  die  im  ersten  Punkte  augedeuteten  Lagerungsverhält- 
nisse des  Tertiärs  jetzt  noch  abzusehen,  weil  ich  eine  Art  des 
Emportretens  älteren  Gebirges,  der  Kreide  und  des  Tertiärs,  aus 
der  Stettiner  Gegend  bereits  früher  beschrieben  habe  ^),  während 
die  betreflPeuden  neueren  Beobachtungen  noch  nicht  abgeschlossen. 


b Kreide  und  Tertiär  von  Finkenwalde  bei  Stettin  enth,  in  Zeitschr.  d. 
Deutsch.  Geol,  Ges.,  Jahrg,  1884,  S.  866, 


LXXXVI 


namentlich  noch  nicht  gleich  weit  gediehen  sind.  Soviel  aber 
muss  zum  Verständniss  des  zweitgenannten  Punktes,  der  Be- 
rührung zwischen  Tertiär  und  Diluvium,  auch  hiervon  schon  er- 
wähnt werden,  dass  das  Tertiär  innerhalb  des  Blattes  Stettin, 
wie  des  nach  Norden  austossenden  Blattes  Pölitz  in  einer  flach 
sattelförmigen  Aufpressung  des  mitteloligocänen  Septarienthones 
besteht,  welche  einen  Durchmesser  von  etwa  1 Meile  besitzt. 

Der  Umstand,  dass  eine  5 — 8 Meter  mächtige  Bank  des  be- 
kannten gelben  Stettiner  Sandes  unweit  des  Hangenden  des  Sep- 
tarienthones in  demselben  eingelagert  sich  findet,  gestattet  ein 
Urtheil  über  das  allmähliche  allseitige  Ansteigen  der  Schichten 
des  auf  den  ersten  Blick  fast  ungeschichtet  erscheinenden  Septarien- 
thones zur  Höhe  dieses  Warsow-Stolzenhagener  Tertiär -Plateau. 
Das  letztere  erhebt  sich  um  wenigstens  75  Meter  über  die  etwa 
25  Meter  betragende  durchschnittliche  Höhe  der  Gesammt-Hoch- 
fläche  und  erreicht  unweit  des  Teufelsbruches  nahe  dem  Nord- 
rande des  Kartenblattes  Stettin  mit  120,9  und  131,1  Meter  Meeres- 
höhe seine  grösste  Erhebung. 

Ueberall  an  den  Rändern  und  in  den  allseitig  in  diesen 
hiuabführenden  Schluchten  und  Wasserrissen  zu  Tage  tretend, 
bildet  der  Septarienthon  auf  der  eigentlichen  Hochfläche  auf  grosse 
Strecken  hin  ganz  oder  unter  nur  dünner  Decke  die  Oberfläche. 
Diese  dünne  Decke  des  Diluviums  ist  es,  welche  als  Berührungs- 
schicht beider  Bildungen,  des  Diluviums  und  des  Tertiärs, 
unsere  Aufmerksamkeit  erregt  und  bisher,  wenigstens  in  so  grosser 
Ausdehnung,  bei  den  Aufnahmen  im  Flachlande  noch  nicht  beob- 
achtet worden  ist. 

Von  einer  blossen  Bestreuung  mit  mehr  oder  weniger  dicht 
gesäeten  diluvialen  Geschieben  beginnend,  ist  nämlich  der  Septarien- 
thon, oft  auf  weite  Flächen  hin  in  seinen  obersten  2 oder  3 bis  selbst 
5 Decimetern  bald  mehr  bald  weniger  durchknetet  mit  diesen  Ge- 
schieben, zuweilen  auch  mit  Spath-Grand  und  Sand  innig  gemengt, 
so  dass  er  in  letzterem  Falle  schon  geradezu  als  ein  allerdings 
noch  immer  sehr  fetter  Geschiebemergel  bezeichnet  werden  darf. 
Dadurch  aber,  dass  man  auch  in  diesem  Falle  seinen  Haupt- 
bestandtheil  sofort  als  den  tertiären  Septarienthon  erkennt,  welcher 


LXXXVII 


in  seinem  Liegenden  dann  nnmittelbar  folgt,  charakterisirt  sich 
diese  Decke  sogleich  als  eine  durch  Aufarbeitung  und  Durch- 
knetung entstandene  Gi’enzbildung,  auf  welche  der  von  Herrn 
Wahnschaffe  s.  Z.  eingeführte  Namen  »Lokalmoräne«  auzu- 
wenden  sein  würde. 

Eine  solche  Lokalmoräne  bedeckt  mehr  oder  weniger  regel- 
mässig aber  auch  da  den  Septarieuthon,  wo  die  Kartenaufuahme 
echten  Geschiebemergel  als  Oberflächenbilduug  angeljen  musste, 
nur  dass  sie  hier  nicht  die  Oberfläche,  sondern  wirklich  die 
Zwischenschicht  beider  Formationen  bildet.  In  beiden  Fällen  ist 
das  Haupteigenthümliche , der  wie  gesagt  diese  Grenzbildung  als 
solche  kennzeichnende  innige,  ein  Uebergang  zu  ueuueude  Zu- 
sammenhang mit  dem  ungerührten  tertiären  Septarienthon  selbst. 
Dadurch  unterscheidet  sich  eine  solche  wirkliche  Grenzbildung 
eben  von  den  in  gewissem  Grade  ähnlichen  Uebergangsbildungen 
innerhalb  des  Diluviums,  welche  ihre  Entstehung  aus  zerstörten 
Schichten  älteren  Gebirges  mehr  oder  weniger  deutlich  erkennen 
lassen. 

Ich  erinnere  z.  B.  an  die  durch  beigemeusrte  Braunkohlen- 
theilchen  tiefbraun  gefärbte  Ausbildung  manchen  Unteren  Geschiebe- 
mergels, oder  auch  an  die  durch  beigemengte  Milchquarze  u.  dergl. 
des  zerstörten  Tertiärgebirges  in  ihrem  Bestand  und  Aussehen  völlig 
veränderten  Diluvialsaude  der  Lausitz  und  angrenzenden  Gebiete, 
welche  schon  Girard  Veranlassung  gaben,  dieselben  als  südliche 
Diluvialbilduugeu  zu  unterscheiden. 

Da  aber  nun  in  Folge  des  völlig  undurchlässigen  Thouunter- 
gruudes  der  Stettiner  Lokalmoräne,  welcher  einen  selbst  bei  der 
heutigen  fleissigeu  Beackerung  nicht  gänzlich  auszumerzeuden 
Rohrwuchs  hier  und  da  mitten  zwischen  der  Halmfrucht  zur  Folge 
hat,  von  jeher,  und  zwar  schon  in  der  Diluvialzeit  beginnend,  eine 
starke  Humusbilduug  vielfach  auf  derselben  stattfand,  so  begegnet 
die  Aufnahme  hier  zwischen  Elbe  und  Oder  zum  ersten  Male  auch 
der  aus  West-  und  Ostpreussen  und  andererseits  aus  der  Altmark 
westlich  der  Elbe  bekannten  Schwarzerde. 

Diese  Schwarzerde,  welche  durchaus  zu  trennen  ist  von 
dem  Vorkommen  einer  Moorerde  innerhalb  von  Senkungen,  wie 


LXXXVIII 


es  mehr  oder  weniger  jeder  undurchlässige  Boden  aufweist,  be- 
schränkt sich  aber  auch  hier,  gerade  wie  an  genannten  übrigen 
Stellen  ihres  Auftretens  keineswegs  nur  auf  den  Thonboden 
allein.  Eher  kann  man  einen  solchen  Zusammenhang  mit  dem 
Thon-Untergrund  nachweisen.  Denn  fast  überall,  wo  ausserhalb 
der  Oberflächenverbreitung  des  Septarienthons,  oder  seiner  Local- 
moräne, in  der  Nachbarschaft  auch  die  Rinde  des  Oberen  oder 
Unteren  Diluvialmergel  oder  gar  noch  sandigerer  Bildungen  des 
Diluviums  auf  2,  3 bis  5 Decimeter  zu  Schwarzerde  umgewandelt 
ist,  steckt  doch  — gerade  wie  in  Westpreussen  bei  Mewe  und 
Pelplin  der  Diluvialthon  — der  Septarienthon,  den  tieferen  Unter- 
grund bildend,  unter  jenen  Bildungen. 

Analysen  geeigneter  Bodenprofile,  wie  sie  sich  ebenso  auf  dem 
westlich  an  Stettin  anstossenden  Blatte  Kreckow  finden  und  von 
Herrn  G.  Müller  auch  dort  entnommen  wurden,  werden  das 
Gesagte  in  der  Folge  des  Weiteren  erläutern. 

Mittheilungen  des  Herrn  G.  L attermann  über  Aufnahme- 
arbeiten auf  den  Blättern  Ringenwalde  und  Colbitzow. 

Die  vor  mehreren  Jahren  von  Herrn  G.  Berendt  begonnenen 
Aufnahmearbeiten  auf  Blatt  Ringenwalde  wurden  in  diesem  Sommer 
zu  Ende  geführt. 

Wie  in  den  übrigen  Theilen  des  Blattes  ergab  sich  auch  in 
dem  östlichen  Drittel  ein  starkes  Ueberwiegen  der  oberdiluvialen 
und  alluvialen  Bildungen  gegenüber  dem  unteren  Diluvium.  Die 
zusammenhängende  Decke  oberen  Geschiebemergels,  der  mannigfach 
und  z.  Th.  auf  grösseren  Flächen  durch  oberen  Sand  verkleidet 
wird,  wird  nur  an  wenigen  Stellen  von  unterdiluvialen  Bildungen: 
Spathsand,  Mergelsand  und  Thonmergel,  unterbrochen.  Im  Süden 
liess  sich  das  Gebiet  des  alten  Grimnitzsees  über  die  Grenzen  des 
Blattes  Joachimsthal  hinaus  bis  in  die  Nähe  von  Glambeck  und 
Parlow  hin  verfolgen.  Der  jetzt  trocken  gelegte  Mellnsee  ist  eben- 
falls dem  Gebiet  des  ehemaligen  Stausees  zuzurechnen.  Eine  wall- 


*)  Dieses  Jahrbuch  für  1886,  S.  113  und  114, 


LXXXIX 


artige  Fortsetzung  der  Endmoräuebildungeu  auf  der  W.- Hälfte 
des  Blattes  findet  sich  in  dem  neu  aufgenommenen  Gebiete  nicht. 
Nur  ein  Feldestheil  N.  Forsthaus  Neuhaus  weist  eine  starke  Be- 
streuung  mit  mächtigen  Blöcken  auf. 

Blatt  Colbitzow  erwies  sich  reich  an  tertiären  Bildungen. 
Theils  liegen  diese  innerhalb  der  diluvialen  Hochfläche  natürlich  zu 
Tage,  theils  sind  sie  durch  die  erodirende  Thätigkeit  des  Wassers 
am  Odergehänge  blossgelegt.  Septarienthon  ist  namentlich  um 
Schmellenthin  und  weiter  nördlich  entwickelt,  sodann  am  Oder- 
gehänge bei  Vw.  Wilhelmshöhe  und  Nieder-Zahden.  Neben  dem 
gewöhnlichen  braunen , gelben  oder  grauen  Septarienthon  zeigt 
sich  au  letzterer  Stelle  auch  ein  chokoladefarbener,  gekennzeichnet 
durch  gelbe,  feinsandige  Ausscheidungen.  Diesem  kommt  wahr- 
scheinlich geologisch  eine  etwas  höhere  Stellung  — über  dem 
Stettiner  Sand  — zu.  Die  Analyse  ergab  D/2  pCt.  Kohle.  Mehr 
oder  weniger  thonige  Glimmersande  (oberoligocäne  Meeressande) 
sind  mit  dem  Auftreten  des  Septarienthons  örtlich  eng  verknüpft. 
Sie  sind  deutlich  geschichtet,  stellenweis  von  zahlreichen  feinen 
Thonbänkchen  durchzogen.  Bei  Vw.  Wilhelmshöhe  lagern  sie  sich 
in  saigerer  Stellung  an  Septarienthon  an , bei  Niederzahden 
liegen  beide  horizontal  und  werden  vom  Diluvium  (Geschiebe- 
mergel) concordant  überlagert.  Beim  Septarienthon  gehen  die 
Lagerungsstörungen,  begünstigt  durch  die  Plasticität  des  Materials, 
so  weit,  dass  man  ihn  wohl  auch  — so  bei  Nieder-Zahden  — 
auf  oberem  Geschiebemergel  findet.  Die  märkische  Braunkohlen- 
bildung ist  vertreten  durch  weisse  Quarzkiese , die  durch  Kaolin 
verkittet  sind,  oder  Nester  von  reinem  Kaolin  einschliessen.  Sie 
treten,  in  ihrer  räumlichen  Ausdehnung  unbedeutend,  in  der  Um- 
gegend von  Hohen- Zahden,  sodann  bei  Vw.  Klein -Reinkendorf 
zu  Tage. 

Das  untere  Diluvium  ist  schwach  entwickelt,  unterer  Geschiebe- 
mergel tritt  überhaupt  nicht  zu  Tage.  Spathsande,  in  den  hangenden 
Schichten  reich  au  Mergelsanden  und  Thonmergeln,  stören  nur  au 
wenigen  Stellen  den  Zusammenhang  der  ausgedehnten  Geschiebe- 
mergelfläche. Von  Interesse  sind  die  Erosionsbildungen  am  Oder- 
gehänge SO.  Schöningen:  Canonai'tige  Schluchten  in  einem  dick- 


Xü 


bäukigeu,  gleichköruigeu  Diluvialsaud,  welcher  von  oberem  Mergel 
horizontal  überlagert  wird.  — Grand-  und  Geröllbildungen  im 
unteren  Diluvium  erreichen  eine  aussergewöhnliche  Mächtigkeit 
(bis  über  15  Meter)  SO.  Hohen  - Zahdeu.  Die  dickbänkigen 
Schichten  sind  verkittet  durch  ein  eisenschüssiges,  aus  beigemengten 
Septarien  stammendes  Gement.  Au  ihrer  Basis,  theilweise  noch  in 
dem  imterlagernden  Septarienthon  eingebettet,  finden  sich  mächtige 
Kuollensteinblöcke , die  hier  jedoch  keine  zusammenhängende 
Schicht  bilden. 

Zwei  Grauddurchraguugszüge  durchziehen  in  SSW.-Richtuug 
die  Südhälfte  des  Blattes.  Von  dem  einen,  der  bei  Colbitzow  be- 
ginnt, entfallen  5 Kilometer  auf  das  Blatt,  von  dem  anderen,  der 
seinen  Anfang  bei  Nadrense  nimmt,  3.  Ersterer  ist  besonders 
schön  und  regelmässig  in  der  Nähe  von  Neu-Rosow  ausgebildet. 
An  dem  Aufbau  der  Dnrchragungszüge  sind  vorwiegend  geröll- 
reiche oberdiluviale  Bildungen  betheiligt.  Sie  umschliessen  mantel- 
förmig einen  Kern  uuterdiluvialer  steilgestellter  Schichten. 

Der  obere  Geschiebemergel  besitzt  die  normale  Ausbildung, 
stellenweise  jedoch  wird  er  durch  Aufnahme  von  Material  aus  dem 
Untergrund  thouig  oder  auch  mergelsaudartig.  Jede  ueuneuswerthe 
Steinbestreuuug  ist  an  das  Auftreten  der  Dnrchragungszüge  ge- 
bunden. Im  NO. -Winkel  des  Blattes  zeigen  sich,  unabhängig 
von  jeder  Höhenlage,  Bildungen  von  Schwarzerde  auf  dem  Ge- 
schiebemergel. Die  Analyse  lässt  es  ausser  allem  Zweifel,  dass 
sie  ohne  Umlageruug  aus  dem  Mergel  entstanden  sind. 

Was  die  Bildung  des  Oderthaies  betritft,  soweit  es  in  den 
Bereich  des  Blattes  fällt,  so  hat  man  dieselbe  wohl  hauptsächlich 
auf  Erosion  zurückzuführeu.  Davon  zeugt  die  Beschaffenheit  der 
Ufer.  Stellenweise  jedoch  scheint  der  Oderlauf  eine  Anlehnung 
an  vorhandene  Terraiuformen  gefunden  zu  haben,  z.  B.  um  Schillers- 
dorf und  Unter -Schöuingen,  wo  der  Geschiebemergel  sich  bis  iu’s 
Flussthal  hinabzieht. 

Mittheiluug  des  Herrn  M.  Scholz  über  die  Aufnahmen 
auf  der  Insel  Rügen. 

Die  Aufnahmen  erfolgten  im  Bereiche  der  Blätter  Vilmnitz 
östl.  Theil,  Middelhagen,  Gross -Zicker  mit  Gross -Zicker-Höwt, 


XCI 


Lubkow  und  Bergen  westl.  Theil.  Die  iin  südöstlichen  Theile 
von  Rügen  (Mönchgut),  aber  auch  am  ganzen  Ostrande  der  Insel 
stattgehabte  Vernichtung  des  Landes  durch  Abrasion  in  Folge 
der  Brandung  und  durch  Senkung  ergiebt  werthvolle  Aufschlüsse, 
welche  z.  Th.  schon  in  der  Abhandlung  im  Jahrb.  1886,  S.  203  IF. 
angedeutet  werden  konnten,  aber  durch  die  Aufnahmen  wesentlich 
und  vollständiger  ins  Licht  gesetzt  wurden. 

Im  Jahre  1889  handelte  es  sich  insbesondere  um  genauere 
Feststellung  des  Küstencharacters  von  Mönchgut  und  der  Granitz, 
sowie  der  letzteren  Fortsetzung  als  schmale  Heide  bis  in  den  süd- 
lichen Theil  des  Blattes  Sagard  hinein.  — 

Verfolgt  man  zunächst  die  Küstenländer  und  zwar  in  der 
Richtung  von  S.  nach  N.  an  dem  ganz  besonders  zerrissenen 
Mönchgut  bis  zur  Blattgrenze,  so  ergiebt  sich  Folgendes: 

Das  Thiessower  Höwt  oder  Süd-Perd  (nicht  zu  ver- 
wechseln mit  der  an  der  Ostseite  des  kleinen  Jasmunder  Bodden 
liegenden,  in  denselben  hineinragenden  Halbinsel  Thiessow)  ist 
dem  Göhren’schen  Höwt  (Nord-Perd)  ganz  ähnlich  gebaut  und 
bildet  nur  eine  Fortsetzung  derjenigen  Ablagerungen,  welche  von 
dem  zwischen  beiden  liegenden  Alluvium  unterbrochen  sind.  Aehn- 
lich  verhält  sich  die  Erhebung  von  Klein-Zicke r,  ferner  das 
sehr  hügelige  Terrain  zwischen  Gross -Zicker  und  Gager, 
endlich  die  sog.  Reddevitz,  eine  schmale  Zunge,  welche  sich 
vom  Dorf  Middelhagen  nach  SW.  zu  in  die  Ostsee  hineinerstreckt. 

An  dem  Höhenzuge  von  Lobbe,  südlich  von  und  ungefähr 
pai’allel  demjenigen  der  Reddevitz  kommen  Reste  von  Tertiär 
(mittleres  Oligocän)  vor.  Obwohl  sich  die  hier  von  mir  früher 
gefundenen  scheinbaren  Septarien  - Bruchstücke  nachträglich  als 
Bruchstücke  aus  einer  im  unteren  Diluvium  liegenden  Thoneisen- 
steinablagerung herausstellten,  so  können  doch  die  an  derselben  Stelle 
noch  auftretenden  Reste  eines  braunkohlenartigen  schwarzen  Thones 
nur  für  Tertiär,  und  zwar  für  Braunkohlenbildung,  gehalten  wer- 
den. Der  äussere  Habitus  dieser  Kohle,  welche  bereits  früher  von 
Plettner,  einem  bekannten  Brauukohlenkenner,  als  Knorpelkohle 
angesprochen  wurde,  spricht  noch  nicht  für  Lias-  oder  gar  W ealden- 
kohle,  für  welche  sie  von  Deecke  wegen  ihres  der  Bornholmer 
Kohle  ganz  gleichsehenden  Habitus  gehalten  wurde  (Deecke,  Mitth, 


XOII 


uaturw.  Verein  f.  Neuvorp.  ii.  Rügen  1888,  8.  3).  Ferner  spricht 
auch  das  Vorkommen  eines  Glaukonit-führenden  Quarzsandes  bei 
Lobbe  eher  für  Tertiär,  als  für  den  bisher  nirgends  in  der  Gegend, 
ausser  in  Geschieben,  gefundenen  Jura  bezw.  Wealden. 

Das  dem  Thiessower  ganz  ähnliche  Göhren’sche  Höwt 
lässt  kein  Tertiär  erkennen.  Während  in  einen  Brunnen  im 
Dorfe  Göhren  noch  bis  23  Meter  Tiefe  blaugrauer  Geschiebe- 
mergel verfolgt,  aber  nicht  durchteuft  wurde,  fanden  sich  am  Höwt 
(Ausser,  d.  h.  Ostseite)  selbst  von  unten  nach  oben  circa  30  Meter 
blaugrauer  Moränenmergel  des  unteren  Diluviums  und  über  dem- 
selben circa  10  Meter  aus  jenem  durch  Oxydation  entstandener  gelb 
gefärbter  Mei’gel  gleich  Lobbe.  Auf  diesem  liegt  kalkhaltiger  Spath- 
sand  und  erst  auf  letzterem  der  gelbe  Geschiebemergel  des  oberen 
Diluviums.  Für  letztere  Altersbestimmung  entschied  sich  die 
Versammlung  d.  Deutsch,  geol.  Ges.,  welche  das  Höwt  am 
13.  August  1889  besuchte. 

An  Thiessow  schliessen  sich  ihrer  Lage  nach  die  Erhebungen 
von  Klein-Zicker  und  dem  sehr  hügeligen  Gebiet  von  Gross- 
Zicker  und  Gross-Zicker-Höwt  an.  Klein-Zicker  besteht 
am  Steilrande  aus  Unter-Diluvium,  wie  Göhren,  nur  seine  Ober- 
fläche ist,  wie  dieses,  mit  Ober-Diluvium  bedeckt.  Dasselbe  ist 
der  Fall  bei  den  Hügeln  von  Gross-Zicker  mit  ihrem  west- 
lichen Steilrande,  den  durch  Abrasion  verkleinerten  Flächen  von 
Gross-Zicker-Höwt.  Auf  letzterem,  d.  h.  dem  Gebiete  von  Gross- 
Zicker  bis  Gager  ist  ein  Streichen  der  Höhen  bezw.  der  zwischen 
ihnen  liegenden  Thal -Einseukungen  in  der  Richtung  von  SO. 
nach  NW.  unverkennbar,  welche  Richtung  sich  auch  über  die 
Reddevitzzuuge  hin,  z.  B.  in  den  Höhen  und  der  Einsenkung 
westlich  von  dem  zu  Alt-Reddevitz  gehörigen  Coinetbauern-Hofe, 
ausspricht  und  selbst  noch  auf  dem  Halbinsel-Zipfel  am  Hof  Gobbin 
verfolgbar  ist.  — 

Auf  Blatt  Putbus  scheint  ein  Streichen  der  Höhen  ähnlich 
wde  auf  Gross-Zicker  stattzufinden,  erst  auf  Blatt  Bergen  ändert 
sich  dasselbe,  indem  die  Höhen  der  hier  entwickelten  Moränen- 
landschaft zwar  zwischen  der  Stadt  und  dem  Rugard  deutlich 
von  SW.  :NO.,  also  entgegengesetzt  demjenigen  von  Gross- 


XCIII 


Zicker  liegen,  sich  aber  fächerförmig  im  Knotenpunkte  des  Rugard 
auorduen  und  nach  SO.  zu  ebenfalls  wieder  entsprechend  dem 
Streichen  Gross  - Zicker/Gager  in  der  Richtung  SO.  : NW.  er- 
strecken. 

Die  Faltungen  des  ganzen  Gebietes  fanden  wahrscheinlich 
zugleich  mit  denen  der  Kreide  in  der  Glacialperiode  statt  und  die 
Oberflächen  wurden  erst  später  zur  Zeit  der  Abschmelze  von  den 
Schmelz-  und  den  späteren  Tagewässern  vertieft,  bezw.  auch  die 
den  Hauptstreichungsrichtungen  SO. : NW.  entgegengesetzt  in  der 
Richtung  streichenden  NO.  ; SW. -Thäler  ausgearbeitet.  — 

Au  der  Küste  der  Granitz  ist  fast  überall  dieselbe  Schichteu- 
folge  erkennbar  und  für  die  SO. -Küste,  nördlich  von  Sellin,  nur 
der  Umstand  zu  berücksichtigen,  dass  der  die  Granitz  bildende 
Decksand  die  Küstenprofile  vielfach  überrutscht  hat  und  noch 
überrutscht  und  diese  dadurch  nur  au  einzelnen  Stellen  hervor- 
treteu  lässt.  Der  Bau  dieses  Küsteutheils  entspricht,  wie  dies 
ja  auch  zu  erwarten  ist,  demjenigen  vom  Göhren’schen  Höwt. 

Die  schmale  Haide  ist  nur  wenige  Meter  über  den  Meeres- 
spiegel erhoben  und  trägt  au  ihrer  Aussenseite  (Ostseite)  Dünen 
von  circa  3 Meter  Höhe.  Ihre  Basis  besteht  aus  Flintablagerungen 
von  circa  3 Meter  Stäi-ke,  soweit  dies  die  in  ihnen  nur  schwierig 
durchzuführendeu  Bohrungen  und  einzelne,  zum  Gewinnen  von 
Flint  für  die  Glasfabrikation  gemachte  künstliche  Löcher  nach- 
zuweiseu  vermögen.  Indessen  ist  es  nicht  unmöglich,  dass  diese 
Flintlager  erheblich  mächtig  sind.  Dies  würde  um  so  wahrschein- 
licher sein,  wenn  man,  wie  ich  glaube,  diese  Lager  aus  der  senonen 
Kreide  entstanden  denkt,  so  jedoch,  dass  dieselben  nicht  etwa  aus 
letzterer  von  Jasmund  oder  von  Altenkamp  her  zur  Quartärzeit 
zusammengespült  sind,  sondern  lediglich  durch  Abrasion  der 
unter  Rügen  ursprünglich  eine  Ablagerung  bildenden  Kreide  nach 
erfolgter  Zerstörung  der  letzteren  liegen  blieben.  Zu  jüngerer  Zeit 
hat  sich  dieser  Kreidezug  wahrscheinlich  von  Jasmund  nach  S. 
bis  Haidehof  und  Prora  eistreckt.  Er  verschwindet  gegenwärtig 
hier  unter  Diluvialsanden,  legt  sich  aber  im  S.  des  Blattes  Lubkow 
nördlich  von  Hof  Tribberatz  sowie  in  einer  Grube  zwischen 
Tribberatz  und  Dorf  Carow  wieder  au.  Wie  weit  er  sich  bis 


xclv 


Altenkamp  fortsetzt,  ist  jetzt  nicht  zu  erkennen,  jedenfalls  reicht 
an  letzterem  Orte  die  Kreide  kaum  ’/2  Kilometer  in  das  Ufer  hinein 
(bis  Rosengarten?)  und  wird  dann  vom  Diluvium  bedeckt.  Die 
nordischen  Gerolle,  welche  sich  am  Ostrande  der  Haide  und 
zum  Theil  in  den  Flintlagern  derselben  finden,  sind  jedenfalls  im 
Laufe  der  Zeit  durch  die  Brandung  in  diese  Flintlager  hinein- 
gespült worden. 

Die  von  der  schmalen  Haide  in  den  kleinen  Jasraunder  Bodden 
sich  hineinerstreckenden  Halbinseln  Bülitz  im  S.  und  Thiessow 
im  N.  erheben  sich  jene  bis  zu  30,.3  Meter,  diese  bis  27,5  Meter 
und  bestehen  aus  Diluvium,  indem  sie  mit  Oberdiluvium  bedeckt 
sind  und  an  den  Steilrändern  durch  Abrasion  blossgelegtes  Unter- 
Diluvium  zeigen.  Desgl.  hat  der  in  seiner  westl.  Hälfte  schon 
zu  Blatt  Bergen  gehörige  Pulitz,  eine  kleine  geologisch  zwischen 
genannte  Halbinseln  gehörige  vom  Kl.  Jasmunder  Bodden  um- 
flossene Ganzinsel  oben  bis  28,5  Meter  Höhe  Decksand  mit  ober- 
diluvialen Geschiebemergelschollen,  während  die  Steilränder  unter- 
diluvial sind.  Erst  am  Südende  von  Jasmund,  am  Hülsen- 
kruge, tritt  an  der  Ausseuküste  die  unterdiluviale  Moräne  auf 
einer  kleinen  Kreidekuppe  hervor.  — 

Kehrt  man  jetzt  von  hier  noch  einmal  auf  das  Gebiet  des 
Blattes  Vilmnitz  zurück,  dessen  Osthälfte  1889  zur  Aufnahme 
kam,  so  ist  zunächst  aus  der  Aufnahme  der  schon  1888  kartirten 
Westhälfte  der  Umstand  wiederholt  zu  betonen,  dass  vor  dem 
sonst  auf  Rügen  ausser  bei  Lobbe  fehlenden  Tertiär  in  den 
Gruben  bei  Wobbanz  östlich  von  Putbus  eiu  fetter,  graublauer 
Thon  aufgeschlossen  ist,  welcher  sich  durch  die  in  der  Nähe  am 
Strande  vorkommenden  ächten  Septarienbruchstücke  mit  Gyps- 
krystallen  als  Septarienthon  erkennen  lässt.  Diese  Septarien- 
Bruchstücke  sind  nicht  zu  verwechseln  mit  solchen  Thoneisen- 
steinschalen (vergl.  das  oben  über  Lobbe  Gesagte),  welche  einer 
in  der  Nähe  am  Steilrande  liegenden  nur  wenige  Decimeter 
mächtigen  und,  wie  anzunehmen,  zum  Unterdiluvium  gehörigen 
sandigen  Schicht  angehören,  die  ebenfalls  Bruchstücke  au  den 
Strand  geliefert  hat. 

Die  in  den  Rügen’scheu  Bodden  nördlich  der  Having  hinein- 


xcv 


ragende  Gobbiner  Landzunge  lässt  zur  Zeit  kein  Tertiär  ent- 
decken. Am  Burg  wall  südöstlich  von  Gobbin  findet  man  auf  der 
nach  oben,  wie  am  Göhren’schen  Höwt  zu  gelben  Geschiebemergel 
oxydirten  blaugrauen  Moräne  des  Unter -Diluviums  eine  Schicht 
von  feinem  diluvialthonartigen  Fayencemergel,  welche  ihrerseits 
von  oberdiluvialem  Spathsand  bedeckt  wird. 

Auch  die  Steilküste  au  der  Having  von  Seedorf  bis  Moritz- 
dorf muss  noch  zum  Unterdiluvium  gerechnet  werden,  da  sie  zum 
Theil  aus  Fayencemergel  auf  blaugrauem  Geschiebemergel  besteht. 

Die  mehrerwähnte  Reddevitz-Zunge,  welche  im  SW.  in 
das  Reddevitz-Höwt  endet,  bildet  ihrerseits  die  Fortsetzung 
des  Göhren’scheu  Höheuzuges  und  ist  auf  ihrer  Höhe  mit  ober- 
diluvialem Geschiebemergel  bedeckt,  unter  welchem,  z.  B.  in  einer 
Grube  südwestlich  vom  genannten  Ausbau  von  Alt-Reddevitz, 
kalkiger  Sand  aufgeschlossen  ist.  Das  Steilufer  der  ganzen  Zunge 
besteht  aus  Unterdiluvium,  wie  Göhren-Höw't,  ebenso  ist  Redde- 
vitz-Höwt auch  selbst  gebaut.  — 

Die  Insel  Vilm  lässt  kein  Tertiär  erkennen,  nur  Qixartär. 
Die  di’ei  Theile  grosser,  mittlerer  und  kleiner  Vilm  erinnern 
an  ein  Streichen  von  SO.— NW. , wie  Gross-Zicker-Gager.  Die 
Steilufer,  z.  B.  das  südöstliche  Kochufer  bestehen  aus  Unter- 
diluvium. 

Die  neue  Bahn  Lauterbach-Putbus  endlich  schliesst 
südlich  von  Bahnhof  Putbus  Unterdiluvium  auf,  welches  in  dem 
Blatt  Putbus  allmählich  in  den  das  ganze  letztere  Blatt  bedeckenden 
oberdiluvialen  Geschiebemergel  übergeht.  — 

Das  1889  hauptsächlich  in  ihrem  westlichen  Theile  aufge- 
nommene Blatt  Bergen  ist  in  seinem  höheren  Theile  (Rugard- 
höhe  bis  Patzig)  Moränenlandschaft.  Der  flachhügelige  West- 
theil  ist,  wie  Blatt  Putbus,  aus  oberdiluvialem  Geschiebemergel 
gebildet.  — 

Mittheilung  des  Herrn  H.  Grüner  über  die  Aufnahmen 
des  Blattes  Glöwen. 

Von  den  auf  Blatt  Glöwen  vertretenen  Ablagerungen  bieten  nur 
die  tertiären  und  zum  Theil  die  diluvialen  einiges  Bemerkenswerthe. 


XCVI 


Das  oberflächliche  Vorkommen  der  ersteren  beschränkt  sich  zwar 
nur  auf  vereinzelte  kleine  Striche  zu  beiden  Seiten  der  Berlin-Ham- 
burger Chaussee  östlich  von  Kunow,  in  grösserem  Umfange  treten 
sie  aber  im  nordöstlichen  Theile  des  Blattes  in  den  Senken,  Rinnen 
oder  beckenförmigen  Vertiefungen,  1 bis  3,0  Meter  mächtig  von 
Diluvium  oder  Abrutschmassen  bedeckt,  auf;  und  da  sie  auch  auf 
dem  dortigen  Plateau  vielfältig  durch  Handbohrungen  unter  Resten 
von  Diluvialmergel  nachgewiesen  werden  konnten,  so  scheint  der 
gesammte  Kern  der  etwa  2 Quadratkilometer  grossen  Hochfläche 
aus  Tertiär  zu  bestehen.  Da  letzteres  ferner  auf  dem  anstossenden 
Blatte  Demertin  bei  Dölln  und  Gumtow  an  vielen  Punkten  un- 
mittelbar zu  Tage  tritt,  oder  durch  die  zahlreichen  Bohrungen  er- 
schlossen wurde,  welche  der  dortige  Bergbau  veranlasste,  so  dürfte 
die  Längenausdehnung  des  Tertiärs  auf  etwa  12  Kilometer  ver- 
anschlagt werden.  Ob  dasselbe  auf  die  nördlich  anstossenden 
Blätter  Lindenberg  und  Kolrep  übergreift,  lässt  sich  zur  Zeit 
noch  nicht  feststellen,  da  keine  Bohrungen  vorliegen,  es  ist  jedoch 
wegen  der  am  Kartenrande  an  den  Gehängen  bei  Beckenthin  und 
Dölln  auftretenden  Tertiärablagerungen  im  hohen  Grade  wahr- 
scheinlich. 

Wie  der  in  den  Jahren  1860  bis  1865  bei  Kunow  umgegangene 
Braunkohlenbergbau  ergab,  verbreitet  sich  aber  das  Tertiär  unter 
dem  Diluvium  nicht  gleichmässig,  sondern  lässt  sehr  gestörte 
Lagerungsverhältnisse  erkennen.  Die  Braunkohlenmulden  besitzen 
hier  nur  geringen  Umfang  und  enthalten  ein  bis  zwei,  seltener 
drei  mehr  oder  weniger  stark  einfallende,  in  einzelnen  Fällen  auch 
völlig  überkippte  Flötze.  Gleichen  Verhältnissen  begegnet  man 
bei  Dölln  und  Gumtow.  Hier  finden  sich  bisweilen  sogen.  Luft- 
sättel, deren  Entstehung  der  Wirkung  des  zur  Diluvialzeit  in 
Norddeutschland  vorrückenden  Gletschereises  zugeschrieben  werden 
dürfte.  Damit  im  Zusammenhänge  stehen  auch  die  abgeschliffenen 
Braunkohlenstücke,  welche  man  vielfach  im  Deckgebirge  — dem 
Diluvial -Mergel  und  -Sand  oder  -Grand  — in  jenen  Gegenden 
anzutreffen  pflegt. 

Die  Tertiärablagerungen  des  Blattes  bestehen  hauptsächlich 
aus  kalkfreiem,  äusserst  feinkörnigem,  schneeweissem,  fast  aus- 


XCVII 


schliesslich  aus  rundlichen  Quarzkörnern  zusammengesetztem  Sand 
(Formsand),  lettenstreifigem  Formsand,  feinerem  und  gröberem, 
mit  Kohlenstaub  und  -Stückchen  vermengtem  Sand  (Kohlensand), 
glimmerreichem  Quarzsand  (Glimmersand),  rothbrauner,  glimmer- 
haltiger  oder  durch  innige  Beimengung  von  Kohle  intensiv  schwarz 
gefärbter  Letten  (Kohlenletten),  sehr  sandiger  oder  sandstreifiger 
Letten,  Thon,  Braunkohlenthon,  lettiger  Kohle  (Schmierkohle)  und 
klein-  bis  grossstückiger  Braunkohle.  Hierdurch  ist  das  Tertiär 
als  zur  Märkischen  Braunkohlenbildung  gehörig  charakterisirt. 

Mit  dem  starken  Einfallen  dieser  Tertiärablagerungen  steht 
die  eigenthümliche  Erscheinung  im  Zusammenhänge,  dass  östlich 
von  Kunow  die  Bodenbeschaffenheit  ausserordentlichem  Wechsel 
unterliegt  und  ein  und  dieselbe  Bodenart  sich  nur  über  kleinere 
Striche  verbreitet.  Wie  gesagt,  finden  sich  gewöhnlich  nur  2 Brauu- 
kohlenflötze  und  nur  ausnahmsweise  .3  Flötze,  wie  z.  B.  am  Plateau- 
abhang, nahe  der  Karthane -Wiesen.  Hier  zeigte  sich  deutlich  das 
Ausgehende  von  2 übereinander  liegenden  Flötzen  mit  zwischen- 
gelagertem, 0,6  bis  0,9  Meter  mächtigem,  feinem,  weissem  Glimmer- 
sand. Das  Liegende  bildete  röthlichbrauner  Letten  (ohne  Formsand), 
die  wieder  ein  zwar  geringmächtiges  Braunkohlenflötz , aber  mit 
recht  guter,  grossstückiger  Kohle  einschloss.  Das  oberste  Flötz 
enthielt  sehr  feine,  sogen,  »knorpelige«  Kohle  — ähnlich  Kien- 
borke — , aber  mit  guter  Breuukraft  (gleiche  Kohle  wurde  auch 
an  der  Chaussee  in  dem  zunächst  dem  Kartenrande  liegenden 
Abbau  gefördert);  das  zweite  Flötz  besass  sehr  grossstückige  Kohle, 
und  wurde  die  Förderung  nur  aus  dem  Grunde  eingestellt,  weil 
die  Flötze  zu  stark  nach  den  Wiesen  hin  einfielen  und  das  Deck- 
gebirge in  stark  wasserführendem  Sand  bestand.  Ueberhaupt  ist 
im  Ganzen  auf  der  Kunower  Feldmark  verhältuissmässier  wenig: 
Kohle  gefördert  worden,  weil  diese  grösstentheils  zu  kleinstückig 
war  und  jenseits  der  Karthane  an  den  Steilgehängen  bei  Dölln 
und  weiterhin  bei  Gumtow  sich  solche  von  besserer  Qualität 
fand,  die  auch  des  geringen  Wasserflusses  wegen  eine  leichtere  und 
billigere  Förderung  gestattete. 

Soweit  die  vorjährigen  Untersuchungen  festzustellen  ver- 


Jahrbuch  1889, 


g 


XCVIII 


mochten,  gehört  die  Braunkohle  der  Kuuower  Feldmark  den  jüngsten, 
obersten  Bildungen,  diejenige  bei  Döllu  einer  tiefereu  Etage  an. 

Die  am  nordöstlichen  Kartenraude  in  der  Einsenkung-,  un- 
mittelbar  an  der  Chaussee  auftretende,  0,5  Kilometer  lange  Tertiär- 
ablageruug  bildet  das  Liegende  der  oberen  Brauukohlenbilduug ; 
sie  enthält  kein  Flötz,  sondern  nur  sogen.  Schmierkohle,  Kohlen- 
lette, Form-  und  Glimmersand. 

Auf  den  übrigen  Hochflächen  des  Blattes  war  Tertiär  nicht 
nachzuweisen  und  scheint  dasselbe  erst  in  mehr  als  30  Meter 
Tiefe  hier  anzustehen,  da  die  etwa  25  Meter  tiefen,  über  ein 
Kilometer  langen  Kiesgruben  bei  Bahnhof  Glöwen,  ein  über 
20  Meter  tiefer  Brunnen  im  Abbau  von  Alt-Schrepkow,  sowie 
die  Steilgehänge  zwischen  Gr.  Leppin  und  Kletzke  nur  Diluvial- 
ablagerungen erkennen  lassen. 

Das  Diluvium  ist  auf  dem  Blatte  in  allen  seinen  Haupt- 
gliedern vertreten.  Oberflächlich  am  meisten  Verbreitung  besitzt 
das  Untere  Diluvium  mit  seinem  blaugrauen  und  rothbraunen 
Thon-  bezw.  Thonmergel,  Mergelsand,  Fayencemergel,  Geschiebe- 
mergel, Sand  und  Grand,  die  sich  jedoch  von  denjenigen  auf  den 
bisher  aufgenommenen  Blättern  nicht  wesentlich  unterscheiden. 

Nur  wenige  Worte  mögen  über  die  Unteren  Grande  folgen. 

Der  Abtragung  durch  die  Gewässer  weniger  unterworfen, 
sind  ihre  Fundpunkte  gewöhnlich  schon  von  Weitem  an  den 
steileren,  vegetationslosen  Kuppen  sichtbar,  wie  z.  B.  der  Mühlen- 
berg bei  Gr.  Leppin,  die  1,5  Kilometer  westlich  von  Kunow  ge- 
legene Kieskuppe  und  vor  Allem  die  »Scharfen  Berge«  bei  Glöwen. 
Sie  alle  sind  durch  umfangreiche  Gruben  aufgeschlossen,  ins- 
besondere diejenigen  bei  Glöwen,  welche  die  Kiesmassen  zur  Auf- 
schüttung des  hohen  Eisenbahndammes  bis  Wittenberge  und  darüber 
hinaus  lieferten,  wodurch  über  20  Meter  tiefe  und  1 Kilometer 
lange  Grubenaufschlüsse  entstanden,  welche  treffliche  Einblicke  in 
den  mineralischen  Bestand,  die  Lagerung  und  Mächtigkeit  des 
Grandes  gewähren. 

In  gleicher  Richtung,  wie  die  »Scharfen  Berge«,  finden  sich 
auf  dem  anstossenden  Blatte  Demertiu  bei  Zichtau  64  bis  73  Meter 
hohe,  langgestreckte,  grandige,  stein-  und  geröllreiche  Rücken  und 


XCIX 


Kuppen,  die  sich  in  dieser  Weise  3,5  Kilometer  weit  verfolgen 
lassen  und  den  Asar  im  südlichen  Schweden  resp.  den  Durch- 
ragungszügen  in  der  Uckermark  in  Parallele  gestellt  werden 
müssen. 

In  Uebereinstimmung  damit  stehen  die  von  dem  zweiten, 
eben  erwähnten  Grandvorkommen  bei  Kunow  sich  nördlich  4 Kilo- 
meter weit  bis  Lindenberg  (Blatt  Lindenberg)  ausdehnenden  grand-, 
gerölle-  und  geschiebeführendeu  Durchragungszüge  bezw.  -Kämme, 
nämlich  der  Wolfshagener  Berg  mit  den  78,9  Meter  hohen  Well- 
schen  Bergen,  an  die  sich,  2,5  Kilometer  davon  entfernt,  alsdann 
der  »Steinberg«  auschliesst.  Aufiallig  ist  hierbei  die  Erscheinung, 
dass  die  zuletztgenannten  Grandberge  (Moränen)  in  nordsüdlicher, 
die  ersteren  in  nordost -südwestlicher  Richtung  verlaufen. 

Ein  grosser  Theil  der  erwähnten  Kieszüge  (Asarbildungen) 
dürfte  sich  unter  Decken  Oberen  und  Unteren  Diluvialmergels 
weiterhin  verbergen  bezw.  diese  streckenweise  oder  in  Kuppen 
durchragen. 


* 


c 


4. 

Personal  - Nachrichten. 


Am  15.  Februar  1889  verstarb  in  Bonn  das  Mitglied  des 
Kuratorium  der  Bergakademie,  der  Wirkliche  Geheime  Rath,  Ober- 
berghauptmann a.  D.  VON  Dechen. 

Vom  1.  April  1889  ab  ist  der  bisherige  Verwalter  des  Karten- 
archivs, wissenschaftliche  Secretär  Halfar  zum  Bezirksgeologen 
und  der  bisherige  Bureau -Hülfsarheiter  Bottmer  zum  Secretär 
ernannt  worden. 

Vom  1.  Octoher  1889  ab  ist  der  Docent  für  höhere  Mathe- 
matik, Professor  Dr.  Bertram,  ausgeschieden  und  an  seine  Stelle 
der  bisherige  Privatdocent  an  der  technischen  Hochschule  in 
Charlottenburg,  Dr.  P.  Kötter,  getreten. 

Die  Kulturtechniker  Toellner,  Hübinger  und  Blüthner 
sind  ausgeschieden  und  der  Landmesser  Reimann  neu  eingetreten. 

Der  zweite  Assistent  im  Laboratorium  für  Mineral  - Analyse 
Dr.  Bragard  ist  ausgeschieden  und  seine  Stelle  dem  bisherigen 
Chemiker  bei  der  chemisch  - technischen  Versuchsanstalt,  Dr. 
Schröder,  übertragen  worden. 

Bei  der  chemisch -technischen  Versuchsanstalt  schieden  die 
Chemiker  Schade  und  Dr.  Jungfer  aus  und  traten  dafür  die 
Chemiker  Dr.  Hampe  und  Otto  ein. 


II. 


AbhancIIungen 


von 


Mitarbeitern 

der  Königlichen  geologischen  Landesanstalt. 


lieber  Thalbildung  im  oberen  Werragebiet. 

Vou  Herrn  H.  ProeSCholdt  in  Meiningen. 

(Hierzu  Tafel  I.) 


Iin  Jahre  1830  veröftentlichte  K.  v.  Hoff  eine  Abhandlung  ') 
über  die  Bildung  des  Werrathaies,  der  er  allgemeine  Betrach- 
tungen über  Thalbildung  anschloss.  Der  hochbegabte  Forscher 
zeigt  auch  in  dieser  Arbeit,  wie  weit  seine  Anschauungen  denen 
seiner  Zeit  vorausgeeilt  waren;  und  sie  verdient  deshalb  der  Ver- 
gessenheit entzogen  zu  werden,  nicht  allein  aus  historischem, 
sondern  auch  aus  sachlichem  Interesse,  denn  manche  Theile  der- 
selben lesen  sich,  als  wären  sie  in  der  Gegenwart  geschrieben. 
K.  V.  Hoff  gründete  seine  Ansichten  über  Thalbildung  vornehm- 
lich auf  die  Beol)achtuugen,  die  er  am  sogenannten  Nadelöhr  bei 
dem  Dorfe  Heufstedt,  eine  Stunde  unterhallj  Themar  im  Werra- 
thal gemacht  hatte.  Er  sah  hier,  wie  ein  altes,  noch  deutlich 
sichtbares  und  mit  Gerollen  belegtes  Flussbett  in  grosser  Ser- 
pentine um  einen  von  der  linken  Thalwand  auslaufendeu  Sporn 
oder  Felsendamm  sich  herumwiudet  und  ein  neues  ohne  Krüm- 
mung gerade  auf  den  Felseudamm  losgeht  und  ihn  in  der 
Alitte  durchschneidet,  sodass  die  Werra  seiner  Angabe  nach 
ungefähr  80  bis  100  Schritt  weit  zwischen  senkrechten  Felswänden 
fliesst  und  so  auf  dem  kürzesten  Wege  das  jenseitige  alte  Fluss- 


')  Das  Nadelöhr  im  Thale  der  Werra  und  Einif^es  über  Thalbildungen. 
Jabrb.  f.  Mineral.,  Geol.  etc.  1830,  S.  4"-M~44'2. 


Jahrbuch  1889. 


1 


2 


H.  Proescholdt,  lieber  Thalbildung  im  oberen  Werragebiet. 


bett  wieder  erreicht,  v.  Hoff  vermochte  diesen  Durchbruch  aller- 
dings nicht  zu  erklären,  er  weist  aber  nach,  dass  derselbe  nicht 
durch  Menschenhand  geschallen  ist,  ebensowenig  durch  ein  Natur- 
ereigniss,  welches  nur  in  dem  Einsinken  des  betrofienen  Damm- 
theils  bestanden  haben  könnte,  da  zu  einer  solchen  Annahme  die 
Beschaffenheit  der  ringsum  horizontal  geschichteten  und  an  beiden 
Seiten  sich  correspondirend  gegenüber  stehenden  Kalksteinlager 
keinen  hinreichenden  Grund  geben  kann.  Er  weist  schliesslich 
auch  darauf  hin,  dass  die  Annahme,  »der  oberhalb  des  Burg- 
walles (des  Felsendammes)  gelegene  Theil  des  Werrathals  sei  in 
der  Urzeit  ein  durch  den  Felsendamm  geschlossener  Landsee 
gewesen,  und  der  jetzige  Kanal  durch  den  ersteren  sei  durch  den 
Fluss  eingeschnitten  worden«,  nicht  zur  Erklärung  hinreiche.  Denn 
die  Hauptschwierigkeit  der  letzteren  liege  in  dem  alten  Flussbette, 
das  neben  dem  Damme  besteht. 

Daran  schliesst  er  einen  sehr  interessanten  Ueberblick  über 
die  Wandlungen,  die  die  Ansichten  über  die  Ursachen  der  Thal- 
bildungen erfahren  haben.  Die  vornehmlich  von  Bourguet  ent- 
wickelte Erosionstheorie,  die  von  Hutton,  Playf’air,  Heim  u.  a. 
angenommen  worden  war,  wurde  verdrängt,  als  Saussure  auf  die 
Verhältnisse  der  grossen  Längsthäler  aufmerksam  machte.  Dieser 
suchte  die  Erklärung  in  einem  Phänomen , das  er  »la  graude 
debäcle«  (Sündfluth)  nannte,  und  das  in  einem  plötzlichen  Zurück- 
ziehen einer  allgemeinen  hohen  Wasserbedeckung  des  Erdballs 
von  den  höheren  Punkten  in  die  durch  Einsiukeu  der  Erdrinde 
entstandenen  Tiefen  bestand.  Plierdurch  sollten  die  Einfurchungen 
in  den  Boden  bewirkt  worden  sein,  in  welchen  die  Flüsse  ihren 
Lauf  nehmen.  Andere  glaubten,  dass  Ströme  im  Innern  des  die 
Erde  bedeckenden  Gewässers  selbst  den  Boden  tief  genug  hätten 
einfurchen  können,  um  ihm  die  Gestalt  zu  geben,  die  das  trockne 
Land  mit  seinen  Thälern  jetzt  zeigt.  La  grande  debäcle  von 
Saussure  nahm  dann  Buckland  auf  und  identificirte  sie  mit  der 
Sündfluth,  und  als  L.  von  Buch  die  Idee  von  der  Erhebung  der 
Gebirge  von  innen  heraus  entwickelt  hatte,  so  glaubte  mau  den 
Weg  gefunden  zu  haben,  auf  welchem  das  Zurückzieheu  grösserer 
Wasserbedeekuno-en  nach  tieferen  Stellen  erklärt  werden  konnte. 

O 


H.  Pkoescholdt,  Ueber  Thalbildung  im  oberen  Werragebiet.  3 

K.  VON  Hoff  schrieb  dem  von  ihm  angenommenen  Phänomen  von 
der  Erhebung  des  Gebirges,  ebenso  dem  Vulkanismus  allerdings 
p-rosse  Veränderungen  im  Laufe  der  Gewässer  zu,  aber  er  betont, 
dass  Ereignisse  dieser  Art,  welche  ihrer  Natur  nach  von  verhält- 
nissmässig  kurzer  Dauer  und  vorübergehend  gewesen  sein  müssen, 
schwerlich  allein  vermocht  hätten,  den  Charakter  und  das  Wesen 
unserer  heutigen  Flussthäler  und  der  ganzen  Stromsysteme  der 
Festländer  und  grossen  Inseln  und  die  gleichförmige  Coufiguratiou 
derselben  zu  bestimmen.  Seiner  VIeinuug  nach  werden  sorgfältige 
Beobachtungen  der  Eigeuthümlichkeiten  in  der  Gestalt  der  Thäler 
und  in  dem  Laufe  der  Flüsse,  von  mehreren  Gegenden  verglichen, 
unfehlbar  dahin  führen,  mit  einiger  Wahrscheinlichkeit  die  Grenzen 
der  verschiedenen  Wirkungen  zu  bestimmen,  welche  die  Thäler 
gebildet  haben.  Seiner  Auffassung  sucht  er  in  der  Darstellung  der 
Gestaltsverhältuisse  des  Werrathaies  Beweiskraft  zu  geben. 

Dort  um  die  Quellen  der  Werra  kann  nach  seiner  Meinung 
die  Erhebung  des  Gebirges  und  die  damit  verbundenen  Zer- 
reissungen  und  Vertiefungen  den  kleinen  Bächen  ihren  ersten 
Lauf  vorgezeichuet  haben.  Weiterhin  erklärt  er  es  für  möglich, 
dass  die  Scheiduugsliuie  zwischen  dem  Buutsandsteiu  und  dem 
Vluschelkalk,  welcher  der  Fluss  auf  eine  lauge  Strecke  folgt,  von 
oberhalb  Hildburghausen  bis  Themar,  eine  ursprüngliche  Depression 
gebildet  hat,  welche  der  Fluss  aufnahm.  Dagegen  ist  das  Thal 
von  Themar  bis  Meiningen,  und  wahrscheinlich  noch  viel  weiter 
hinab,  zweifellos  das  Werk  der  Erosion. 

Es  dürfte  überflüssig  sein,  noch  weiter  auf  seine  Schilderung 
des  Werrathals  eiuzugehen,  doch  kann  ich  mir  nicht  versagen, 
das  Resultat  seiner  Untersuchungen  auzuführeu.  »Mau  wird  sich 
durch  den  Augenschein  überzeugen,  dass  die  Erosion  durch 
fliesseudes  Wasser  diese  Thäler  nicht  blos  ausgefeilt  und  ab- 
geglättet, sondern  vom  oberen  Rande  bis  in  den  Boden  der  Flüsse 
ganz  hei’vorgebracht  hat,  und  dass  nur  einige  Läugenthäler,  die 
man  für  älter  annehmen  kann  als  ihre  Flüsse,  wie  auch  einige 
Depressionen  an  den  Flussquellen  im  höheren  Gebirge,  sowie  an 
einzelnen  zerstreuten  Stellen  des  Flusslaufes,  durch  andere  Kräfte 
entstanden  sind,  und  dass  diese  nur  mit  dazu  beigetragen  haben, 


1 


4 


H.  Pkoescholdt,  lieber  Thalbildung  im  oberen  Werragebiet. 


die  Richtung  des  Flusslaufes  au  eiuzelueu  Puukteu  zu  bestimmeu, 
nicht  aber  sein  ganzes  Thal  zu  bilden.« 

Das  ist  dasselbe  Programm,  nach  dem  mau  gegenwärtig  die 
Thalbilduug  zu  erklären  versucht,  das  namentlich  Supan  auf- 
gestellt hat. 

7 Jahre  später  als  von  Hoff  sprach  Engelhardt  infolge 
einer  Verwechselung  des  Buutsandsteius  mit  Keuper  die  Ver- 
muthung  aus,  dass  das  Werrathal  bei  Hildburghausen  von  einem 
Verwerfungsspalt  durchzogen  und  wohl  vorgebildet  sei.  Vorüber- 
gehend sei  hier  der  eigenthümlichen  Idee  Herbst’s  über  die 
Bildung  der  Muschelkalkthäler  der  Saale  und  Werra  gedacht. 
Nach  ihm  sollten  die  Risse,  welche  beim  Trocknen  und  nach- 
folgenden Erhärten  der  einst  weichen  Kalklageu  entstanden 
wären,  die  Thäler  vorgebildet  haben.  In  neuerer  Zeit  berührte 
Emmrich  infolge  seiner  eingehenden  geognostischen  Unter- 
suchungen am  Südraud  des  Thüringer  Waldes  die  Frage  der 
Thalbildung  der  Werra  und  ihrer  Nebenflüsse.  Er  erkannte 
richtig,  dass  die  Hauptthätigkeit  der  Gewässer  erst  nach  den 
Basaltergüssen  begann,  und  dass  ihr  letztes  Resultat  die  gegen- 
wärtige Gestaltung  von  Berg  und  Thal  ist.  »Dass  auch  unsere 
Thäler  nicht  als  weite,  klafieude  Spalten  entstanden  sind,  sondern 
durch  ihre  Gewässer  ausgehöhlt  wurden,  beweist  die  auffallend 
geringe  Tiefe,  in  der  man  bei  Legung  des  Fundaments  zu  den 
Eisenbahubrücken  und  zu  Gebäuden  auf  die  Unterlage  des  Schutt- 
landes trifft.  Damit  ist  aber  nicht  gesagt,  dass  nicht  Spalten, 
welche  eine  Folge  der  Erdbeben,  die  stets  vulkanische  Ausbrüche 
begleiten,  die  festen  Felsmassen  zerreissen  konnten,  dem  Wasser 
den  Weg  gewiesen  haben,  dem  sie  folgen  mussten.«  Emmrich 
kam  somit  in  der  Hauptsache  auf  die  Ansichten  von  Hoff’s 
zurück. 


b Studien  über  die  Thalbildung  im  östliclien  Graubünden  etc.,  Mittheilungen 
der  k.  k.  geograph.  Ges.  Wien  1877,  S.  295. 

b lieber  die  Formation,  in  welcher  die  Tatzenabdrücke  etc.  Jahrb.  für 
Mineral.,  Geologie  etc.,  1837,  S.  379 — 384. 

b Jahrb.  f.  Mineral.,  Geologie  etc.,  1842,  S.  426 — 427. 
b Programm  der  Realschule  zu  Meiningen,  1873,  S.  14. 


H.  Peobscholdt,  Ueber  Tbalbildung  im  oberen  Werragebiet. 


5 


Einer  anderen  Anffassiing  begegnen  wir  bei  Penck  ^).  Es 
konnte  diesem  Forscher  nicht  entgehen,  dass  zwischen  dem  heutigen 
Lauf  der  Werra  und  den  tektonischen  Verhältnissen  des  Fluss- 
gebietes Beziehungen  vorhanden  sein  müssen ; er  verrnuthete  sogar, 
dass  ehemals  die  Werra  gar  nicht  nach  Nordwesteu,  sondern  nach 
Süden  abfloss. 

Auch  Philippson  erwähnt  in  seinen  schönen  Untersuchungen 
über  Wasserscheiden  das  Werrathal,  geht  jedoch  nicht  näher  auf 
die  Entstehung  desselben  ein,  sondern  deutet  nur  an,  dass  die 
Werra  zu  den  Flusssystemen  gehöre,  deren  Hauptrichtung  vor- 
gezeichnet war,  ehe  die  heutigen  Belief-  und  Lagerungsverhält- 
nisse zur  Ausbildung  kamen. 

Da  zur  Zeit  die  geologische  Specialaufuahme  des  oberen 
Werragebietes  nahezu  vollständig  zu  Ende  gefühi’t  ist,  dürfte  die 
Untersuchung  von  Interesse  sein,  welche  Beziehungen  zwischen 
dem  Verlauf  des  Thaies  und  dem  geologischen  Bau  des  Landes 
erkennbar  sind.  Jedoch  möchte  ich  erst  einio;e  alUemeine  Be- 
merkungen  vorausschickeu.  Abgesehen  von  einigen  später  zu 
erwähnenden  Umständen  geht  aus  einer  Beobachtung  Emmrich’s 
hervor,  dass  das  gegenwärtige  Werrathal  sehr  jugendlichen  Alters 
ist.  Emmrich  fand  an  der  Vorderrhön  ül^er  Friedeishausen  und 
Sinnershausen  aus  dem  Thüriua;er  Wald  stammende  Geschiebe 
noch  zwischen  500  und  600  Meter  Meereshöhe.  Er  erklärte  das 
Vorkommen  durch  eine  Massenerhebung,  welche  mit  dem  Haupt- 
ausbruch des  Basaltes  zusammeufällt.  Es  bedarf  wohl  keiner 
weiteren  Erörterung  darüber,  dass  diese  Erklärung  heute  nicht 
mehr  für  berechtigt  erachtet  werden  kann.  Nach  der  jetzigen 
Anschauung  können  wir  mit  grosser  Wahrscheinlichkeit  aunehmen, 
dass  zu  einer  Zeit,  als  die  Berge  bei  Meiningen  z.  B.  um  die 
läimst  denudirteu  Formationswlieder  des  Oberen  Muschelkalks  und 

O O 

Keupers  und  vielleicht  auch  um  Basaltdecken  höher  waren,  Flüsse 
vom  Thüringer  Wald  nach  der  Rhön  hinüberliefeu,  dass  dieselben 
wie  die  heutigen  Abflüsse  des  Gebirges  einen  südwestlichen  Lauf 


*)  Länderkunde  des  Erdteils  Europa,  Lief.  11,  S.  329. 

Studien  über  Wasserscheiden,  S.  141  — 142. 

a.  a.  0.  S.  12.  Diese  Beobachtung  bedarf  übrigens  der  Bestätigung. 


6 


H.  Proesoholdt,  lieber  Thalbildung  im  oberen  Werragebiet. 


eiuhielten,  vielleicht  im  ursächlichen  Zusammenhang  mit  der  älteren, 
den  hercynischen  Brüchen  voransgegaugenen  Faltung  in  nordöst- 
lich-südwestlicher Richtung  1). 

Die  Quellbäche  der  Werra  verlassen  bei  Schirnrod  bei  Eis- 
feld das  alte  Schiefergebirge,  überschreiten  hier  die  grosse  Bruch- 
liuie  und  laufen  nach  ihrer  Vereinigung  in  südwestlicher  Richtung 
infolge  einer  Sattelbildung  erst  durch  Wellenkalk,  dann  durch 
Röth  und  schliesslich  wieder  durch  Welleukalk  nach  Eisfeld.  Hier 
stösst  die  Werra  auf  die  grosse  Ueberschiebuug,  welche  in  langer 
Erstreckung  die  Triasschichteu  am  Südrand  des  Thüringer  Waldes 
durchsetzt  und  durchbricht  fast  rechtwinklig  zum  Streichen  die 
steil  aufgerichteten  und  nordwestlich  streichenden  Schichten  des 
Mittleren  Buntsandsteius  und  biegt  dann  im  Röth  nordwestlich 
um,  und  zwar  gerade  an  der  Stelle,  au  der  sie  auf  dem  linken  Ufer 
einen  Bach  aufuimmt,  der  von  Südosten  kommt  und  von  der  zur 
Itz  laufenden  Lauter  durch  eine  ausgesprochene  Thalwasserscheide 
geschieden  ist.  Gegen  16  Kilometer  behält  die  Werra  die  nord- 
westliche und  westnordwestliche  Richtung  bei,  ein  breites  Thal 
bildend , an  dessen  beiden  Flanken  rechts  die  Buntsandstein-, 
links  die  Wellenkalkschichten  ein  gleichmässiges  Einfällen  nach 
Südwest  aufweisen.  Das  Thal  ist  asymmetrisch  gebaut  und  lässt 
im  Verein  mit  den  nahezu  parallelen  Thälern  der  Schleuse,  des 
Dambachs  und  der  Rodach  recht  deutlich  die  Ungleichheit  der 
Böschungen  erkennen , welche  Uilber  als  allgemein  verbreitet 

Fig.  1. 


')  Vergl.  Pboescholdt,  lieber  gewisse,  nicht  hercynische  Störnngen  am  Süd- 
westrand des  Thüringer  Waldes.  Dieses  Jahrb.  1887,  S.  332 — 348. 

Asymmetrische  Thäler.  Petermann’s  Mittheilungen  1886,  Heft  IV,  S.  171 
bis  177. 


H.  Pkoescholdt,  lieber  Thalbildung  im  oberen  Werragebiet. 


7 


und  ursächlich  bedingt  bei  parallel  verlaufenden  Thälern  mit 

ungleich  tiefer  Erosionsfurche  erkannt  hat. 

© 

Die  Asymmetrie  des  Werrathals  ist  aber  an  und  für  sich 
bedingt  durch  den  Umstand,  dass  die  Strömungsrichtung  des 
Flusses  dem  Streichen  der  Schichten  parallel  ist.  In  einem 
solchen  Terrain  erzeugt  dann  die  Erosion,  wie  von  Uichthofen 
darstellt,  ein  Thal,  das  zur  Linken  eine  steile  Wand  und  zur 
Rechten  ein  sanftes  Gehänge  hat. 

Bei  dem  Dorfe  Ebenharz  nordwestlich  Hildburghausen  tritt 
die  Werra  aus  dem  Röth  in  den  Mittleren  Buntsandstein,  den  sie 
bis  zum  Dorfe  Reurieth  in  sehr  schmaler,  seltsam  gewundener 
Furche  durchbricht.  Hier  wendet  sie  sich  scharf  nach  Norden; 
das  Thal  folgt  im  grossen  Ganzen  einer  Verwerfung,  infolge  deren 
bis  Trostadt  am  linken  Ufer  Wellenkalk,  am  rechten  Chirotherium- 
sandstein  scheinbar  horizontal  anstehen.  Nachdem  bei  Kloster 
Vessra  die  Schleuse  eiugeflossen  ist,  wendet  sich  die  Werra  nord- 
westlich, das  Thal  liegt  aber  noch  über  Themar  hinaus  bis  zum 
Dorfe  Henfstädt  auf  einer  Verwerfung,  sodass  die  beiden  Thal- 
flanken verschiedenes  Gestein  und  auch  sehr  verschiedene  Lage- 
ruugsverhältnisse  desselben  aufweisen. 

Auf  der  rechten  werden  die  Schichten  durch  zahlreiche  Bruch- 
linien 2)  so  zu  sagen  zerstückelt,  auf  der  linken  liegen  sie  in  un- 
gestörtem Zusammenhang.  Bei  Henfstädt  weicht  das  Werrathal, 
in  dem  die  am  weitesten  nach  Süden  vorgeschriebene  Bruchlinie 
verläuft,  auf  eine  kurze  Strecke  rein  westlich  ab  und  kommt  da- 
durch ausserhalb  des  Bereichs  der  Störungen.  Nachdem  der  Fluss 
eine  kurze  Zeit  im  Röth  geflossen,  tritt  er  in  Wellenkalk  ein, 
dessen  Bänke  in  scheinbar  horizontaler  Lagerung  an  den  steilen 
Felswänden  hinlaufen.  So  auch  an  dem  früher  erwähnten  Nadel- 
öhr, einer  interessanten  und  leicht  zu  erklärenden  Erosionserschei- 
nung. Es  sind  hier  4 Flussthäler  erkennbar,  von  denen  die  beiden 
jüngsten  am  meisten  Aufmerksamkeit  auf  sich  ziehen.  Die  Ent- 


')  Führer  für  Forschungsreisende,  S.  166. 

2)  Die  Marisfelder  Mulde  und  der  Feldstein  bei  Themar.  Dieses  Jahrb.  1882, 
S.  190-218. 


8 


H.  Pkoescholdt,  lieber  Thalbildung  im  oberen  Werragebiet. 


stelumg  des  gegenwärtigen  Zustandes  ergiebt  sich  leicht  ans 
folgenden  Zeichnungen  i) : 


Fig.  2. 


Der  Bau  der  Werrabahn,  die  durch  das  FelsrilF  läuft,  hat 
abermals  eine  Flussverlegung  veranlasst  und  dadurch  die  Schön- 
heit des  Nadelöhrs,  so  nennt  man  die  alte  Durchbruchstelle, 
wesentlich  beeinträchtigt.  Die  Werra  nimmt  nun  ihre  nordwest- 
liche Richtung  wieder  auf  und  tritt  bei  Vachdorf  aus  dem  Wellen- 
kalk wieder  in  Röth  über,  infolge  des  südöstlichen  Einfallens  der 
Schichten  und  bleibt  darin  bis  nach  Walldorf,  obwohl  die  Schichten 
der  Thalwände  in  nordöstlich  streichenden  Sätteln  und  Mulden 
auf-  und  absteigen.  Bis  Untermassfeld  nimmt  das  Thal  einen 
rein  westlichen,  von  hier  über  Meining;en  bis  geijen  Wasungen 
hin  nördlichen  Verlauf.  Von  Walldorf  an  tritt  die  Werra  in  den 
Mittleren  Buntsandstein  über,  der  sich  unter  dem  Röth  hervor- 
hebt und  bleibt  in  demselben  auf  sehr  lauge  Erstreckung. 

Um  einen  weiteren  Einblick  in  den  Charakter  des  oberen 
Werrathals  zu  gewinnen,  ist  es  zunächst  iiöthig,  Umschau  über 
vorhandene  Diluvialablageruugen  zu  halten.  Gleich  nach  dem 
Austritt  der  Werra  aus  dem  Schiefergebirge  begleiten  mächtige 
Schottermasseu  den  Lauf  des  Flusses.  Sie  gehören  den  jüngsten 
Diluvialsedimenteu  au  und  haben  weit  weniger  Bedeutung  als 
die  Schotterablageruug,  die  auf  der  Wasserscheide  der  Werra  und 
der  Itz  auf  der  Stelzuer  Höhe  lagert  und  sich  200  Decimalfuss 
über  den  Werraspiegel  erhebt  ^).  Sie  beweist,  dass  zur  Zeit  ihrer 


b Vergl.  Schneider,  Studien  über  Thalbildungen  der  Vordereifel,  S.  20. 
b Blatt  Eisfeld,  aufgenommen  von  Herrn  Loketz. 


H.  Proescholdt,  lieber  Thalbildung  im  oberen  Werragebiet. 


9 


Bildung  die  Wassei’scheide  zwischen  W erra  nnd  Itz  an  einer 
anderen  Stelle  gelegen  haben  muss,  wenn  überhaupt  eine  vor- 
handen war.  Geht  man  im  Werrathal  abwärts,  so  sind  untere 
Diluvialablagerungeu  überall  vorhanden ; eine  obere  Diluvial- 
terrasse , die  der  Schotterdecke  auf  der  Stelzner  Höhe  ent- 
spricht, fehlt  aber  vollständig  in  der  langen  Strecke  bis  lieurieth. 
Fast  3 Kilometer  südlich  vom  Werrathal  bei  diesem  Ort  liegen 
Diluvialdeckeu  gegen  200  Decimalfuss  über  dem  Werraspiegel; 
und  von  hier  fehlen  sie  thalabwärts  auf  beiden  Flanken  nicht, 
auf  dem  harten  Wellenkalkuntergrund  immer  schöner  und  cha- 
rakteristischer erhalten,  als  auf  dem  leicht  zerstörbaren  Untersatz 
von  Ivöthschichten.  Man  kann  nun  in  dem  Fehlen  der  oberen 
Diluvialablagerung  von  Eisfeld  und  Reurieth  eine  Zufälligkeit  er- 
blicken; es  ist  auch  nicht  ausgeschlossen,  dass  der  im  Schichten- 
fall des  Terrains  begründete  asymmetrische  Bau  des  Thaies  die 
Erhaltung  von  älteren  Diluvialstraten  unmöglich  macht;  immerhin 
ist  die  Thatsache  auffällig.  Bei  weiterer  Untersuchung  ergab  sich 
nun,  dass  die  Schotter  südlich  und  auch  westlich  von  Reurieth 
nicht  von  der  Werra,  sondern  von  der  Schleuse  stammen.  Es 
ergal)  sich  dies  zuerst  aus  den  zahlreichen  Sandsteinen  des 
Schotters,  die  vielfach  der  Gerölle- führenden  Zone  angehören. 
Die  heutige  Werra  durchbricht  allerdings  bei  Eisfeld  eine  schmale 
Zone  von  grobkörnigem  und  Gerölle-führendem  Sandstein,  trotz- 
dem finden  sich  Gesteine  aus  dem  Horizont  wegen  der  leichten 
Zerstörbarkeit  nur  ausserordentlich  selten  in  den  Unteren  Diluvial- 
ablagemngen  bei  Hildlmrghansen  und  El.)euharz,  vielmehr  herr- 
schen in  diesem  Quarze  und  Phyllite  derart  vor,  dass  durch  die- 
selben eiuzis:  und  allein  die  Ablasxerunafen  ffekennzeichuet  werden. 
Der  Durchbruch  der  Werra  durch  den  grobkörnigen  Sandstein 
bei  Reurieth,  der  hier  nur  in  seinen  obersten  Schichten  zu  Tage 
tritt  und  nahezu  horizontal  liegt,  ist  ohne  jede  Bedeutung  für  die 
betreffenden  Diluvialbildungen  südlich  und  westlich  von  Reurieth, 
da  zur  Zeit  ihrer  Entstehung  das  heutige  Werragebiet  doch  um 
mindestens  200  Fuss  höher  war  als  jetzt,  dasselbe  also  oberfläch- 
lich aus  Röth  und  Welleukalk  bestand  mit  Ausnahme  der  steil 
stehenden  Buntsandsteiuzone  bei  Eisfeld.  Ausser  o-i’obkörnio-eu 

O Ö 


10 


H.  ProeschoijDt,  Ueber  Tbalbildiing  im  oberen  Werragebiet. 


Sandsteiuen  und  solchen  aus  der  Gerölle-führeudeu  Zone,  welch’ 
letztere  unmöglich  aus  der  Gegend  von  Reurieth  stammen  können, 
enthält  der  fragliche  Schotter  wenige  Kiesel,  Phyllite  und  Erup- 
tivgesteine, Porphyrite,  Melaphyre  u.  s.  w.  Die  Heimath  derselben 
ist  meines  Wissens  nach  in  dem  oberen  Schleusegebiet  zu  suchen. 
Nach  vielen  sorgfältigen  Vergleichen  zwischen  Werra-  und 
Schleuseschotter  hege  ich  keinen  Zweifel  mehr , dass  die  be- 
treffenden Diluvialablagerungen  von  der  einstigen  Schleuse  ab- 
gesetzt worden. 

Es  geht  daraus  hervor,  dass  die  Schleuse  älter  ist  als  die 
Werra.  Damit  steht  wohl  im  Zusammenhang,  dass  mit  dem  Ab- 
wärtsfallen der  ersteren  anch  nahezu  parallel  die  Meereshöhe  des 
durchflossenen  Gebietes  fällt,  während  die  Werra  von  Eisfeld  an 
bis  gegen  Reurieth  hin  in  immer  höher  ansteigendes  Terrain 
hineinläuft.  Die  Schleuse  lief  damals,  wie  aus  Diluvialablage- 
rungen hervorgeht,  westlich  von  Ehrenberg  nach  Siegritz  und 
weiter  südlich  hin. 

Aus  der  Karte  (Taf.  I)  ist  leicht  ersichtlich,  dass  die  heutige 
Werra  z.  Th.  im  alten  Schleusebett  verläuft.  Sie  ist  ein  ehemaliger 
Nebenfluss  der  Schleuse  gewesen,  der  wahrscheinlich  das  gegen- 
wärtige Werrathal  in  der  Gegend  von  Hildburghausen  benutzte, 
aber  um  mindestens  200  Fuss  höher  lief  als  heute.  Auf  diese 
Wahrscheinlichkeit  deutet  der  Umstand,  dass  das  Werrathal  im 
geologischen  Bau  des  Terrains  vorgebildet  ist.  Zwar  erscheint 
dem,  der  das  Thal  durchwandert,  die  Lagerung  der  Schichten 
auf  beiden  Thalseiten  gleichmässig  geneigt,  wie  früher  erwähnt; 
bei  der  Aufnahme  des  Blattes  Hildburghausen  wurden  aber  auf 
dem  rechten  Ufer  Laijerunofsverhältnisse  des  Chirotherinmsand- 
Steins  beobachtet,  die  im  Verein  mit  der  scheinbaren,  auffällig 
grossen  Mächtigkeit  des  Röths  auf  dem  linken  kaum  eine  andere 
Deutung  zulassen,  als  dass  die  Thalrinne  z.  Th.  längs  einer  Mnlde 
läuft,  wie  die  beigegebene  Figur  3 schematisch  zeigt. 

Derartige  Faltungen  sind  in  geneigten  Schichten  eine  nicht 
seltene  Erscheinnng;  bei  Hildburghausen  scheint  nicht  einmal  eine 
örtliche  Falte  vorzuliegen,  sondern  die  Mulde  scheint  in  Verbin- 
dung zu  stehen  mit  einer  Verwerfung,  die  dicht  bei  Ebenharz  im 


H.  PuoESCHOLDT,  Uebei’  Tlialbildung  im  oberen  Werragebiet. 


11 


Bnntsandstein  bemerkbar  wird,  von  dem  Feldstein  bei  Themar 
herkommt  und  die  Richtunp;  in  das  Werrathal  einschläaft.  Es  ist 

O O 


Fig.  3. 


kaum  iiöthig  zu  erwähnen,  dass  die  Umbiegung  der  Röthschichten 
nicht  secundärer  Entstehung  ist,  d.  h.  durch  Unterwaschuug  des 
Flusses  erfolgt  ist,  welcher  Vorgang  ja  auch  in  Thalwäuden  häufig 
zu  beobachten  ist. 

Fragt  mau  nach  den  Factoren,  welche  den  ehemaligen  Zu- 
stand und  das  2:ea:enseitio:e  Verhältniss  der  Schleuse  und  Werra 
im  Laufe  der  Zeit  geradezu  umkehrteu,  deu  früheren  Hauptfluss 
zum  Nebenfluss  und  umgekehrt  deu  Nebenfluss  zum  Hauptfluss 
machten,  so  dürften  diese  unter  den  gegebenen  Verhältnissen  einzig 
und  allein  in  der  rückwärts  schreitenden  Erosion  der  einstigen 
Werra  zu  suchen  sein.  Der  Werth  der  rückwärts  schreitenden 
Erosion  als  Thalbildner  wird  sehr  verschieden  beurtheilt.  Neumayr^) 
lehnt  die  Anwendung  dieses  Processes  zur  Erklärung  von  Durch- 
bruchsthälern  entschieden  ab,  Penck  will  ihn  nur  unter  ganz 
bestimmten  Voraussetzungen  zulassen,  Philippson  dagegen  tritt 
als  Vertreter  desselben  auf,  und  neuerdings  vertheidigt  Hilber^) 
die  Theorie  der  rückwärts  schreitenden  Erosion  oder  die  Regres- 
sionstheorie gegen  die  von  Tietze  und  Neumayr  vorgebrachten 
Einwände.  Dass  die  Thäler  rückwärts  schreiten,  dürfte  zur  Zeit 
wohl  nahezu  allgemein  angenommen  werden,  und  ist  ja  auch  eine 

')  Erdgeschichte.  Bd.  I,  S.  438. 

Die  Bildung  der  Durchbruchthäler,  S.  42. 

Studien  über  Wasserscheiden,  S.  40.  Ein  Beitrag  zur  Erosionstheorie. 
Petermann’s  Mittheilungen  1886,  S.  67. 

b Die  Bildung  der  Durchgangsthäler.  Pbterjiann’s  Mittheilungen  1889, 
S.  13—16. 

Einige  Bemerkungen  über  die  Bildung  von  Querthälern.  Jahrb.  d.  k.  k. 
geolog.  Eeichsanstalt  1882,  S.  685. 

®)  a.  a,  0. 


12 


H.  Proescholdt,  Ueber  Tbalbildung  im  oberen  Werragebiet. 


Thatsache;  Hilber  hat  deswegen  Recht,  wenn  er  sagt,  dass  die 
Regressionstheorie  der  Dnrchgangsthäler  nicht  ansznschliessen  ist, 
da  sie  die  Konsequenz  der  ersteren  Theorie  ist. 

Die  Regression  der  ehemaligen  Werra  führte  nnn  nicht  zur 
Bildung  eines  Dnrchgangsthales,  sondern  zur  Anzapfung  der  ehe- 
maligen Itz,  die  ihr  mit  ihrem  Stromgebiet,  soweit  es  oberhalb 
des  Erreichnngspnnktes  lag,  tribntär  wni’dc.  Piiilippson  hat  in 
seinen  Studien  derartige  Flnssanzapfnngen  so  genau  geschildert, 
dass  ich  nichts  hinznznsetzen  vermag. 

Die  Wirknngen  der  rückwärts  schreitenden  Erosion  der  ehe- 
maligen Werra  sind  besonders  an  der  Beschaffenheit  nnd  dem 
Verlauf  der  jetzigen  Wasserscheide  zwischen  Werra  nnd  Itz  he- 
merkl)ar,  die  im  geologischen  Anfhan  des  Terrains  gar  keinen,  in 
der  Oherflächenbeschaffenheit  nur  theilweise  Ausdruck  findet.  Die 
Vlain-Weserwasserscheide  folgt,  von  der  Rhön  kommend,  auf  lange 
Erstreckung  einem  ost- südöstlich  streichenden  Sattel,  allerdings 
durch  Denudation  nnd  Erosion  vielfach  abgelenkt.  Nördlich  der 
beiden  Gleichberge  verflacht  sich  der  Sattel,  indem  gleichzeitig 
ans  der  Sattellinie  eine  Brnchlinie  sich  entwickelt,  die  in  eine 
nach  Nordost  o;erichtete  Ueberschiebnng  übergeht.  Dieser  folgt 
die  Wasserscheide  mir  kurze  Zeit,  sie  verliert  dann  den  tekto- 
nischen Charakter  vollständig  nnd  verläuft  ohne  Beziehung  auf 
Schichtenstellnng  und  Lagerung.  Sie  wendet  sich  zunächst  dem 
linken  Werranfer  zu  und  nähert  sich  au  manchem  Ort  dem  Elnsse 
l)is  auf  3 Kilometer.  Durch  Erosion  zngeschärft,  begleitet  sie 
denselben  im  zickzackförmigen  Verlauft)  bis  nach  Eisfeld  hin, 
biegt  südlich  von  der  Stadt  weit  vom  Thal  ab  nnd  zieht  in  ausser- 
ordentlich  grossen  Vor-  und  Zurückliiegnngeu  über  die  nordwest- 
lich streichenden  Schichten.  Dann  bildet  sie  in  einem  Läugsthal 
zwischen  einem  zur  Werra  fliessenden  Bach  nnd  der  in  die 
Itz  sich  ergiessenden  Lauter,  zwischen  Herbartswind  nnd  Rotten- 
bach, eine  ausgezeichnete  Thalwasserscheide.  Thalwasserscheiden 
entstehen  zumeist  durch  Auzapfnug  eines  Flusses  durch  einen 


’)  Studien  über  Wasserscheiden,  S.  55. 

Vergl.  Philippson,  Studien  über  Wasserscheiden,  S.  96. 


H.  Peoescholdt,  Ueber  Thalbildung  im  oberen  Werragebiet. 


13 


auderen ; von  den  anderen  Entstelmugsursaclien,  die  Philippson  i) 
und  VON  Richthofen  ‘^)  noch  anführen , kann  bei  dem  Bau 
unserer  oben  ervrähnten nicht 'eine  zur  Erklärung  herange- 
zogen -werden.  Man  kann  in  ihr  also  nichts  anders  erkennen 
als  die  Wirkung  der  zurückgreifenden  Erosion  der  Wei’ra  und 
der  erfolgten  Ablenkung  der  Itz.  Der  Vorgang  wird  um  so 
begreiflicher,  wenn  wir  auf  den  von  Loretz  aufgenommeueu 
Blättern  Eisfeld  und  Meeder  durch  alte  Diluvialablageruugen  einen 
alten  Flusslauf  angedeutet  finden,  der  nach  der  Thalwasserscheide 
zuführt  und  der  alte  Itzlauf  ist.  Die  diluviale  Itz  lief  bis  Eisfeld 
im  jetzigen  oberen  Werrathal  und  ging  dann  bei  Steudach  über 
die  jetzige  Wasserscheide  hinweg  nach  dem  Lauterthal  zu  und 
durch  dieses  in  das  heutige  Itzthai. 

Das  gegenwärtige  Itzthai  verräth  in  dem  Bau  seines  oberen 
Theiles  ein  sehr  geringes  Alter. 

Von  der  Thalwasserscheide  läuft  die  Main -Weserwasser- 
scheide daun  in  nördlicher  Richtung  der  früher  erwähnten  Ueber- 
schiebuugslinie  zu  und  über  die  aufgerichteteu  Schichten  hinweg 
in  nördlicher  Richtung  an  den  Thüringer  Wald  heran,  sodass  sie 
in  der  Nähe  des  Bruchrandes  desselben  vom  Werrafluss  kaum 
noch  1 Kilometer  entfernt  liegt. 

Es  geht  aus  den  dargestellten  Verhältnissen  mit  grosser 
Wahrscheinlichkeit  hervor,  dass  es  einer  diluvialen  Werra  infolge 
rückschreiteuder  Erosion  gelungen  ist,  eine  diluviale  Itz  seitlich 
auzLizapfeu  und  abzulenken,  wodurch  eine  Verschiebung  der  früheren 
Wasserscheide  und  Bildung  einer  Thalwasserscheide  eintreten 
musste.  Durch  das  Wasser  der  Itz  verstärkt,  konnte  die  Werra 
mit  grösserer  Energie  an  der  Herstellung  ihrer  Erosionstermiuaute 
arbeiten,  deren  Basis  durch  das  Niveau  des  Eintritts  in  die 
Schleuse  bestimmt  war.  Die  Herstellung  der  gesetzmässigen 
Gefällscurve  gelang  der  Werra  noch  vor  der  Absetzung  der 
unteren  Diluvialterrasse  und  nachdem  es  der  Schleuse  gelungen 
war,  auf  dem  kürzesten  Weg  zwischen  ihrer  Schlinge,  zwischen 


')  a.  a.  0.,  S.  93—96. 

Fülirei’  für  Forscbungsreisende  etc.,  S.  699. 
Vergl.  Blatt  Meeder,  aufgenommen  von  Loketz. 


14  H.  Proescholdt,  Ueber  Thalbildung  im  oberen  Werragebiet. 

Reurieth  und  Kloster  Vessra,  durchzubrecheu.  Das  geht  aus  der 
Existenz  von  uuteren  Diluvialablagerungen  im  Werrathal  bis  nach 
Kloster  Vessra  hervor. 

Es  fragt  sich  schliesslich  noch,  wo  die  Wasserscheide  zwischen 
der  diluvialen  Werra  und  diluvialen  Itz  lag,  ehe  noch  die  Regres- 
sionsthätigkeit  der  ersteren  die  Umgestaltung  hervorrief.  Es  ist 
unmöglich,  bei  der  stattgefundenen  grossen  Denudation  dieselbe 
zu  reconstruireu;  aber  es  ist  sehr  wahrscheinlich,  dass  dieselbe 
nicht  allzuweit  von  der  heutigen  entfernt  lag.  Denn  den  Wasser- 
scheiden  ist  eine  grosse  Konstanz  eigen,  und  die  erste  Anlage 
derselben  scheint  in  einer  älteren,  nordöstlich  gerichteten  Faltung 
der  Schichten,  sowohl  der  Trias  als  auch  der  Schiefer  des  Thü- 
ringer Waldes  gegeben  gewesen  zu  sein,  von  der  heute  noch 
Spuren  in  der  Umgebung  von  Eisfeld  sichtbar  sind.  Ich  komme 
auf  dieselben  noch  zurück. 

Durch  die  Anzapfung  der  diluvialen  Itz  ist  die  Werra  zum 
Hauptfluss  geworden  und  hat  die  Schleuse  zuin  Nebenflüsse 
degradirt.  Es  wäre  nunmehr  das  Thal  der  letzteren  auf  seine 
Entstehung  zu  untersuchen.  Allein  dasselbe  bietet  kein  günstiges 
Objekt,  da  es  hauptsächlich  im  Bimtsandstein  bis  zum  Eintritt  in 
den  Thüringer  Wald  verläuft.  Es  zeigt  überall  den  Charakter  eines 
Erosionsthaies,  weist  obere  und  untere  Diluvialablageruugen  auf 
und  überschreitet  spitzwinklig  eine  grosse  Anzahl  von  Verwer- 
fungen. Seine  Anlage  erklärt  sich  am  besten  durch  das  starke 
Ansteigen  der  Schichten  infolge  der  Annäherung  an  den  Thüringer 
Wald  und  das  dadurch  verursachte  stärkere  Geßille. 

Wenden  wir  uns  nun  zum  Werrathal  von  dem  Zusammen- 
tritt der  Schleuse  und  Weri’a  bei  Kloster  Vessra  abwärts.  Die 
früher  angestellten  Untersuchungen  hatten  das  Resultat  ergeben, 
dass  das  Thal  anfangs  eine  lange  Strecke  längs  einer  Verwer- 
fungskluft läuft,  also  als  ein  tektonisches  erscheint,  dann  aber  als 
Erosionsfurche  angesehen  werden  muss,  in  diesem  Abschnitt  aber 
durch  nordöstlich  streichende  Sättel  und  Mulden  hindurchläuft, 
also  ungefähr  in  folgender  Weise  (schematisch,  siehe  Fig.  4). 

Trotzdem  behält  der  Fluss  im  Allgemeinen  seine  nordwest- 
liche Richtung  bei.  Was  die  erste  Strecke  anbetrifi't,  so  lässt 


H.  Proescholdt,  Ueber  Tlialbildung  im  oberen  Werragebiet. 


15 


sich  bei  der  Beschaffenheit  der  Verwerfung  als  sicher  aiiuehnien, 
dass  das  Thal  hier  voro-ebildet  war  und  durch  die  Erosion  nur 

O 

Fig.  4. 


vertieft  worden  ist.  Denn  das  Querprofil  der  das  Thal  bildenden 
Schichten  giebt  an  und  für  sich  eine  Vertiefung  (Pig.  5). 


Fig.  5. 

Jltenberg  6.  Themar 


Dasselbe  Profil  beherrscht  auch  die  Strecke  von  Kloster 
Vessra  nach  Reurieth;  hier  steht  fast  in  der  Thalsohle  noch 
Wellenkalk  neben  unterem  Röth  an.  Verwerfuno;en  dieser  Art 
sind  sicherlich  als  Thalbilduer  auzuseheu,  obgleich  sie  nicht  als 
weite,  klaffende  Spalten  anftreteu.  Sie  rufen  an  und  für  sich 
längs  des  Streichens  Vertiefungen  hervor,  sie  gewähren  auch  der 
Erosiousthätigkeit  des  Wassers  leichte  Angriftspunkte,  und  sie 
befördern  die  Thalbildung,  wenn  sie  in  geneigtem  Terrain  ent- 
standen sind  und  mit  dem  Gehänge  laufen,  wesentlich  durch  die 
in  ihnen  aufsteigeudeu  Quellen,  deren  Wasser  au  der  Spalte  ent- 
lang der  Neigung  des  Bodens  abläuft.  Auch  Verwerfungen  von 
anderem  Charakter  können  unter  solchen  Umständen  wohl  als 
Thalbilduer  anftreteu.  Es  ist  bemerkenswerth,  dass  auch  die 
Schleuse  in  ihrem  diluvialen  Lauf  theilweise  der  Verwerfung 
zwischen  Kloster  Vessra  und  Reurieth,  die  nur  die  Fortsetzung 
der  nach  Themar  hinziehenden  ist,  folgt;  es  ist  ausserdem  wichtig 
hervorzidieben,  dass  diese  Verwerfungen  die  äussersteu,  d.  h.  die 
am  weitesten  entferutcu  vom  Thüringer  Wald,  sind  unter  den 


16  H.  Peoescholdt,  Ueber  Thalbildung  im  oberen  Werragebiet. 

zahlreichen  Störungen,  die  vom  grossen  Dollmar  über  die  Maris- 
felder Mulde  nach  dem  Feldstein  und  weiterhin  ziehen. 

Bei  Henfstädt,  kurz  vor  dem  Nadelöhr,  verlässt  die  Werra 
das  tektonische  Thal,  wie  schon  erwähnt,  und  läuft  nun,  wie  es 
scheint,  in  einem  reinen  Erosionskanal,  der  durch  prachtvolle 
Diluvialterrassen  ausgezeichnet  ist,  dahin.  Aber  nur  scheinbar,  denn 
wenn  wir  auf  beiden  Thalflanken  den  Verlauf  der  geologischen 
Horizonte  verfolgen  und  in  die  Karten  eintragen,  so  stellt  sich 
alsbald  als  ganz  unzweifelhaft  heraus,  dass  die  Wei’ra  inmitten 
einer  flachen,  weiten  Mulde  läuft,  deren  Schichten  gegen  die 
Tieflinie  um  35  Meter  einsinkeu.  Die  Mulde  ist  überaus  deut- 
lich zwischen  Henfstädt  und  Vachdorf  entwickelt  und  läuft  genau 
parallel  zu  den  Alarisfelder  Störungen,  mit  denen  sie  auch  in 
ursächlichem  Zusammenhang  steht.  Denn  die  Mulde  ist  ofleubar 
nichts  anderes  als  eine  Wirkung  des  Taugentialschubs,  der  auch 
die  tiefe  Depression  der  Marisfelder  Dislocation  hervorgerufen  hat. 

Es  läuft  also  die  Werra  bis  in  die  Gegend  von  Vachdorf 
auch  in  einem  tektonischen  Thal.  Weiter  abwärts  lassen  sich  die 
Verhältnisse  nicht  mehr  so  deutlich  erkennen.  Die  Werra  läuft 
eine  Strecke  rein  westlich,  dann  nahezu  reiu  nördlich.  Wohl  lassen 
sich  auch  nordwestlich  streichende  Falten,  Sättel  und  Mulden  er- 
kennen, aber  sie  treten  hier  hinter  den  schärfer  auftretenden  nord- 
östlichen Faltuna:en  zurück  und  kreuzen  sich  mit  denselben.  Es 
ist  schwierig  zu  entscheiden,  ob  die  aus  dem  Zusammenwirken 
dieser  beiden  Richtungen  resultirende  dritte  Richtiuig,  die  die 
Werra  grösstentheils  inuehält,  in  ursächlichem  Zusammenhang  mit 
der  Thalrichtung  steht,  da  diese  auch  durch  das  Einmünden 
grösserer  Nebenflüsse,  wie  der  Hasel,  bedingt  sein  kann. 

Versuchen  wir  nun  unter  Berücksichtigung  der  geologischen 
Verhältnisse  der  Gegend,  einen  Einblick  in  die  Geschichte  der  Ent- 
stehung des  oberen  Werrathals  zu  gewinnen.  Es  ist  im  Jahre  1888 
von  mir  i)  darauf  hiugewieseu  worden , dass  Nordostfrankeu 
von  2 tektonischen  Richtungen  beherrscht  wird.  Die  ältere,  in 


')  Ueber  gewisse  nicht  liercynische  Störungen  etc.  Dieses  Jahrb.  1887, 
S.  332  — 348. 


H.  Proesciioldt,  lieber  Thalbildung  im  oberen  Werragebiet. 


17 


nordöstlifheiri  Streichen  verlanfend,  äussert  sich  hauptsächlich  in 
Sattel-  nnd  Mnldenbildungen  und  entstand  iin  wesentlichen  zn 
einer  Zeit,  als  der  Thüringer  Wald  noch  nicht  als  Horst  einpor- 
rao-te.  Als  dann  Franken  sich  von  dem  Gelrirsfe  ablöste  nnd  in 
die  Tiefe  sank,  entstanden  gleichzeitig  in  dein  sinkenden  Gebiet 
jene  lang  ansgezogenen,  nordwestlich  streichenden  Dislocationen, 
Ueberschiebnngen,  Brüche,  Mulden  u.  s.  w.  Sie  erzielten  im  All- 
gemeinen das  Resultat,  dass  die  Schichten  nm  so  tiefer  sanken, 
je  weiter  sie  vom  Thüringer  Wald  entfernt  waren.  Dadurch  er- 
hielten die  von  dem  Gebiro-e  ablanfenden  Gewässer  die  Neig'nno;, 
sich  möglichst  weit  davon  zn  entfernen,  wurden  aller  in  ihrem 
Lauf  beeinflusst  durch  die  Niveauverschiedenheit  infolge  der  älteren 
Qnerfaltung  in  nordöstlicher  Richtung.  Die  Schichten  steigen, 
wie  früher  gezeigt  ^),  aus  der  Umgebung  von  Benshansen,  Meiningen 
u.  a.  O.  nach  Südosten  in  die  Höhe  nnd  erreichen  in  der  weiteren 
Umo-ebunij  von  Schiensingen  bei  ungestörter  Lagerung  eine  nuge- 
gewöhidiche  Meereshöhe,  senken  sich  aber  weiter  nach  Südosten 
wieder.  Es  liegt  also  in  dieser  Gegend  ein  alter  »Sattel  vor,  und 
es  entspricht  ganz  und  gar  der  überall  Vorgefundenen  CGnstanz  der 
Wasserscheiden,  wenn  wir  sehen,  dass  dieser  Sattel  in  der  Nähe 
der  heutigen  Wasserscheide  zwischen  Itz  nnd  Werra  liegt.  Denn 
es  ist  nicht  anznuehmeu,  dass  die  Denudation  bei  fast  horizontalem 
Schichtenbau  Niveaudilferenzen,  wie  sie  von  derselben  Schicht  bei 
Schleusingeu  und  Benshansen  vorliegen  (gegen  250  Meter),  voll- 
ständig vernichtet  oder  gar  umkehrt,  und  es  darf  dieser  Sattel  als 
alte  Wasserscheide  angesehen  werden.  Sie  gab  den  Gewässern 
die  Tendenz,  nach  Nordwesten  und  auf  der  anderen  Seite  nach 
Südosten  abznlaufen.  Dieser  doppelten  Neigung  des  Terrains, 
der  vom  Thüringer  Walde  her  nach  Südwest  und  der  von  der 
Wasserscheide  her  nach  Nordwest  gerichteten,  entsprachen  die 
Gewässer  am  eintachsten  dadurch,  dass  sie  die  äusserste,  d.  h.  die 
am  tiefsten  gelegene  natürliche  Rinne  znm  Ablauf  benutzten, 
welche  die  jüngeren  im  hercynischeu  Sinn  wirksamen  tektonischen 
Kräfte  geschaflen  haben.  Und  darin  finden  wir  auch  die  Werra 


b Ebenda,  S.  337. 


Jahrbuch  löo9. 


2 


18 


H.  PiiOEscHOLDT,  lieber  Thalbildung  im  oberen  Werragebiet. 


in  ihrem  Oberlauf.  Freilich  erhebt  sieh  sogleich  der  Einwurf, 
wieso  der  Fluss  die  auf-  und  absteigenden  Schichten  der  nord- 
östlichen Falten  durchlaufen  kann,  ohne  von  seinem  nordwest- 
lichen Wege  abzuweiehen.  Der  Vorgang  erinnert  au  die  Bildung 
der  epigeuetischen  Erosionsthäler  von  Richtiiofen’s  und  muss  in 
entsprechender  Weise  erklärt  werden.  Man  kann  sich  vorstellen, 
dass  die  nordöstlichen  Falten  durch  Abrasion  oder  durch  Denu- 
dation mehr  oder  minder  ausgeebnet  waren,  ehe  die  im  hercynischen 
Sinn  wirksamen  Kräfte  ihre  Thätigkeit  Ijeganuen. 

Es  wäre  von  Interesse,  noch  weitere  Untersuchungen  auzu- 
stellen,  ob  zwischen  dem  ferneren  Verlauf  des  Werrathaies  und 
dem  tektonischen  Bau  des  durchflossenen  Terrains  Beziehungen 
nachweisbar  sind.  Diese  Uutersnchungen  sind  indessen  hinaus- 
znschieben,  bis  die  einschlä<3fiofeu  o’eoa'uostischen  Blätter  veröffent- 
licht  sind;  vielleicht  ist  daun  auch  die  Zeit  gekommen,  sich  an 
die  Lösung  mancher  Fragen  betreffs  der  Thalbildung  der  Wrra 
zu  wagen,  die  sich  anfdrängen  und  noch  keine  genügende  Beant- 
wortung gefunden  haben. 

Hieran  möchte  ich  noch  eiuioe  Bemerkungen  über  die  Thal- 
bildnng  an  der  Main-Weserwasserscheide  knüpfen.  1882  besprach 
ich  2)  die  Thalbildung  des  Bibrabachs  bei  llentwertshansen,  der 
eigenthümliche  hydrographische  Verhältnisse  zeigt.  Damals  hatte 
ich  die  Vermuthnng,  dass  der  Bach  ehemals  umgekehrt  geflossen 
sei,  dass  aber  durch  Entstehung  eines  Sees  in  seinem  jetzigen 
Quellgebiet  die  Möglichkeit  gegeben  worden  sei,  seinen  Lauf  zu 
verändern.  Die  letztere  Ansicht  vermag  ich  heute  nicht  mehr  zu 
theilen.  Die  Wasserscheide  wird  von  mehreren  ausgezeichneten 
Durchbruchsthäleru  durchsetzt,  die  bis  auf  eine  Ausnahme  nach 
Süden,  also  dem  Main  zu,  ansmüuden.  Ich  erwähne  hier  nament- 
lich die  merkwürdige  Schlucht  am  Westabhaug  des  höchsten 
Punktes  der  Wasserscheide,  des  Grosskopfes,  deren  Ausgangs- 
punkt gegen  120  Meter  niedriger  liegt  als  die  Höhe  der  dnrch- 
brochenen  Felswände  beträgt.  Der  erstere  liegt  im  Buntsandsteiu, 


b Führer  etc.  S.  174. 

-)  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geolog.  Gesellschaft  1882,  S.  674. 


H.  PiiOEScHOLDT,  üeber  Tlialhilduug  im  oberen  Werragebiet. 


19 


die  letzteren  bestehen  ans  steil  anfgericliteten,  südlich  fallenden 
Mnschelkalkschichten;  das  Phänomen  erklärt  sich  in  überzeugender 
Weise  dadurch,  dass  das  Quellgebiet  der  Schlucht,  der  Buutsand- 
steiu,  in  weit  grösserem  Maasse  den  Einwirkungen  der  Denndation 
und  Erosion  unterliegt,  als  die  Muschelkalkschichten,  sodass  es 
erniedriot  wurde  scegenüber  den  letzteren.  Die  Einfurchun<x  der 
Schlucht  aber  hatte  begonnen,  als  der  Buntsandstein  infolge  der 
Sattelstelluncr  noch  über  den  Kalkschichten  hervorrao;te,  der  Zu<r 
der  Gewässer  ist  aber  l>is  heute  geblieben.  Auf  derartige  Bildung 
von  Durchbruchsthälern,  die  Penck  geologische  Gefällsthäler 
nennt,  hat  zuerst  Gümkel^)  aufmerksam  gemacht  (Hilber’s  Super- 
formationstheorie ^).  Sie  giebt  in  dem  gegebenen  Falle  die  ein- 
fachste und  natürlichste  Erklärung;  weder  die  Antecedenztheorie, 
noch  die  Spaltentheorie,  noch  die  rückschreitende  Erosion  RÜTi- 
äieyer’s  und  Löavl’s  genügen.  Anders  sind  die  Verhältnisse  des 
Bibrabaches.  Er  läuft  nicht  nach  Süden,  sondern  nach  Norden 
der  Werra  zu,  seine  Quelle  liegt  weder  auf  dem  First  des 
Muschelkalkrückens,  noch  in  der  Nähe  der  alten  Sattellinie,  sondern 
weit  draussen  in  der  Ebene  des  Grabfeldes.  Die  Verhältnisse  er- 
scheinen im  Profil  (Eig.  6)  folgendermaassen : 

Fig.  6. 


Einstiger 

Satte! 


Es  stellt  sich  dann  die  Bildung  des  Thaies  des  gegenwärtigen 
Bibrabaches  in  mehreren  Phasen  dar. 


*)  Die  Bildung  der  Durchbruchsthäler,  S.  50. 

2)  Bavaria,  IV.  Bd.,  XI.  Heft,  S.  11. 

Die  Bildung  der  Durcljgangsthäler.  Petekmann’s  Mitth.  1889,  Heft  I,  S.  12. 


20  H.  PiioESCHOLDT,  lieber  Thalbildung  im  oberen  Werragebiet. 

Erste  Phase:  Von  dem  First  des  ehemaligen  Sattels  lief  ein 
Gewässer  nach  dem  Grabfeld  zu  und  schnitt  sich  in  die  Muschel- 
kalkbänke au,  ein  zweites,  entgegengesetztes  lief  nach  der  Werra 
zu  und  wegen  der  grossen  Nähe  und  relativ  tiefen  Lage  der- 
selben mit  stärkerem  Gefäll. 

Zweite  Phase:  Durchbrechen  des  Sattels  und  der  Wasser- 
scheide infolge  rückschreitender  Erosion  des  nach  Norden  ab- 
laufenden Baches.  Der  Buntsandstein  wird  infolge  seiner  leichten 
Zerstörbai'keit  durch  Denudation  und  Erosion  weit  mehr  fort- 
gewaschen als  der  widerstandsfähige  Muschelkalk,  daher  Heraus- 
bildung eines  Muschelkalkrückens  und  Verlegung  der  Wasser- 
scheide auf  denselben. 

Dritte  Phase;  Angriff  des  nach  Norden  zur  Werra  gehenden 
Baches  auf  die  neue  Wasserscheide  infolge  rückschreitender  Ero- 
sion, Durchbruch  derselben  in  dem  in  der  ersten  Phase  gegrabenen 
Kanal  und  Einziehen  eines  Theiles  des  Grabfeldes  zum  Werra- 
gebiet. Es  kommt  hier  nicht  zur  Bildung  einer  Thalwasserscheide, 
sondern  zur  Entstehung  eines  Bachbettes,  das  in  seinem  Ober- 
lauf fast  gar  keine  Neigung  hat,  denn  der  Bibrabach  hat  in  den 
ersten  10  Kilometern  seines  Laufes  ein  Gefälle  von  1 : 666  und 
erst,  nachdem  er  die  Rentwertshäuser  Furche  passirt,  bekommt  er 
ein  für  den  Oberlauf  entsprechendes  Gefäll  von  1 : 94. 

Hierzu  ist  noch  zu  bemei'ken,  dass  der  Durchbruch  des 
Muschelkalkrückeus  bei  Rentwertshausen  vielleicht  gefordert  worden 
ist  durch  das  Zusammenfällen  mit  einer  Spalte,  die  sich  nicht  an 
Ort  und  Stelle,  sondern  nördlich  davon  nachweisen  lässt  und  in 
genetischem  Zusammenhang  mit  dem  tektonischen  Bau  des  Sattels 
steht,,  worüber  au  anderem  Ort  zu  berichten  sein  wird.  Zn  der 
Spalte  hat  aber  sicherlich  das  in  der  Furche  auftreteude  Orbel- 
loch  Beziehung.  Man  bezeichnet  damit  Löcher  i),  durch  welche 
bei  Ueberschwennnungen  das  Wasser  in  die  Tiefe  versinkt  und 
bei  dem  Schichtenfall  dem  Main  unterirdisch  zulaufen  muss. 


9 Emmrich,  Zur  Geologie  dei-  Umgegend  u.  s.  w.  Realscbulprogramm  1876, 
S.  15.  Bei  dem  Bau  der  bayrischen  Bahn  wurden  dieselben  möglichst  ausgefüllt. 


Uebei*  einige  Carboiifarne. 

Von  Herrn  H.  Potonie  in  Berlin. 

(Hierzu  Tafel  II — V). 

1.  Hymenotheca  Dathei  n.  gen.  et  sp. 

Taf.  II,  Fig.  1 a — c. 

Der  Habitus  der  Hijmenotheca  Dathei  ist  der  der  lebenden 
Hyinenophyllaceen.  Die  Blätter  machen  den  Eindruck,  als  wenn 
sie  sehr  zai’t  gewesen  sein  müssten,  so  dass  man  gern  glaubt, 
dass  das  Gewebe  der  Blattfläclie  nur  einzellscbicbtig  gewesen  ist; 
die  Nerven  hingegen  treten,  wie  das  bei  der  Festigkeit  und  Viel- 
zellschichtigkeit  derselben  bei  den  Hyinenophyllaceen  zn  erwarten 
ist,  scharf  und  erhaben  hervor.  Die  Blätter  sind  mebrfach-geliedert. 
Die  Läppchen  letzter  Ordnung  sind  breit-lineal  bis  länglich  oder 
etwas  lanzettlicb,  nach  ihrem  Gipfel  zn  meist  etwas  verbreitert 
nnd  stumpf  nnd  tragen  hier  einen  kugeligen,  stark  erhaben- ver- 
tretenden Sorns,  von  welchem  ein  Nerv  ansgeht,  der  sich  gabelig 
mit  dem  Nerven  des  Nebenläppchens  vereinigt. 

Die  ganzen  Fiedern  zweiter  Ordnung  zeigen  sich  überhaupt 
dichotom  gebaut,  denn  auch  der  etwas  llexnose  Hanptnerv  einer 
solchen  Fieder  macht  durchans  den  Findrnck  sympodialeu  Anf- 
baus.  Im  Uebrigen  giebt  unsere  Abbildung  am  besten  Anfschlnss 
über  den  Ban  nnd  das  Aussehen  der  IJymenotheca  Dathei.  Ich 
habe  die  beiden  zur  Verfügung  stehenden  Stücke  aid'  der  Tafel  H 
so  zusammengelegt,'  wie  die  beiden  grössten  Blattreste  auf  den- 
selben sich  zn  einem  vollkommenen  Blatt  ergänzen  können. 


22 


H.  PoTONiE,  lieber  einige  Carbonfarne. 


Die  für  die  Bestiuimung  unseres  Bestes  als  Hymenophyllacee 
ausschlaggebenden  Daten  — nämlich  der  Bau  der  Sori  und  Spo- 
rangieu  — lassen  sich  au  unseren  Besten  leider  ebenso  wenig 
constatiren  wie  nach  der  Meinung  F.  Heyer’s  (Botau.  Ceutral- 
blatt  XIX  (1884)  p.  394),  Solms-Laubach’s  (Einl.  in  die  Palaeo- 
phytologie  1887,  p.  157)  und  A.  Schenk’s  (die  fossilen  Pflanzen- 
reste 1888,  p.  37)  an  den  von  Sciiimper  untersuchten  Exem- 
plaren von  H ijmenophylhmi  Weissi  Sciiimper.  Da  aber  das,  was 
sich  constatiren  lässt,  alles  nur  für,  nichts  g§gen  eine  Hymeno- 
phyllacee spricht,  ja  der  Habitus  unserer  Pflanze  sogar  wahrhaft 
auffallend  dem  mancher  Hymeuophyllum-  und  Trichomanes- Arten 
gleicht,  so  dürfte  mau  wohl  berechtigt  sein,  die  neue  Art  vor- 
läufig zu  dieser  Gattung  zu  stellen. 

Auch  ich  habe  an  dem  aus  der  WEiSs’scheu  Sammlung  stam- 
menden Stück  von  Hymenophyllum  Weissi  aus  der  Steinkohlen- 
formation bei  Engeberg  bei  Saarbrücken  (legit  Jordan)  vergeb- 
lich den  Sorus-Bau  zu  ergründen  versucht.  (Tat*.  II,  Fig.  2a  u.  b.) 
Ich  finde  in  den  Enden  der  Blattläppchen  nur  lang  - elliptische 
Eindrücke,  die  feine  Querstreifung  zeigen,  während  das  übrige 
Blattpareuchym  eine  glatte  Oberfläche  aufweist.  Hier  und  da 
nimmt  man  in  der  Längsachse  der  Ellipse  als  Fortsetzung  des 
Nerven  einen  strichförmigen  — vielleicht  von  einer  Columella 
geschafieneu  — Eindruck  wahr.  Auch  hier  spricht  daher  alles 
nur  für  nichts  gegen  die  Bestimmung  als  Hymenojihyllacee. 
Um  aber  nicht  vorzutäuscheu,  als  habe  mau  die  für  die  Diagnose 
von  liyvienopliyllum  resp.  Trichomanes  schliesslich  doch  haupt- 
sächlich massgebenden  Dinge  auch  bei  den  beiden  in  Bede 
stehenden  Arten  gefunden,  schlage  ich  vor,  für  dieselben  die 
besondere  Gattung  llymenotheca  zu  bilden.  — Ausser  Hymenotheca 
Weissi  und  Dathei  würde  vielleicht  auch  llymenophyllites  Humbolti 
Göppert  (Die  Gatt,  der  foss.  Pflanzen  1841,  Fig.  1 der  Taf.  V 
der  Lief.  3 u.  4)  vorläufig  zu  Hymenotheca  zu  stellen  sein. 

Die  Stücke  mit  Hymenotheca  Dathei  gehören  dem  Museum 
der  Kgl.  geologischen  Landesanstalt  und  fanden  sich  unter  einer 
Sendung  mit  Besten  von  Steinkohlenpflanzen  von  Herrn  Bergrath 
Busse  in  Schwadowitz  aus  dem  Schwadowitzer- Bevier,  die  aut 


H.  PoTONiE,  Ueber  einige  Carbonfarne. 


23 


Veranlassung  des  Kgl-  Landesgeologeu  Herrn  Dr.  E.  Dathe  der 
Anstalt  1 889  frenndliclist  gespendet  worden  sind.  Die  Hiimeiiotheca 
Dathei  eutstainint  dem  Idastollener  Flötzziig. 

2.  Uynieuotheca  Beyschlagi  n.  gen.  et  sp. 

Taf.  III. 

Habituell  sehen  die  Rlatttheile  der  Lamina  von  Ihjmenotlieca 
Beyschlagi  solchen  von  Allostorus  crisjnis  Bep.niiardi  ungemein  ähn- 
lich; mit  der  Lupe  untersucht,  zeigt  sich  jedoch  bald,  dass  wir 
es  in  den  Blattendigungen  der  lIymenoth,eca  Beyschlagi  ofienbar 
mit  einzelnen,  allerdings  recht  grossen  Sori  zu  thun  haben.  Diese 
Sori  haben  dieselbe  Gestalt  und  zeigen  dasselbe  wie  die  Sori  der 
Ilymenotheca  Weissi^  nur  sind  sie,  wie  ein  Vergleich  unserer  Ab- 
bildungen lehrt,  viel  grösser.  Sie  sind  elliptisch,  zeigen  in  ihrer 
Ijäugsachse  eine  hei'vorragende  Linie  und  sind  der  Quere  nach 
fein  gestreift.  Sie  sitzen  an  ziemlich  dünnen  Stielen,  welche  ein- 
zeln oder  gabelig  zu  zweien  in  tiederiger  Anordnung  an  einer  ge- 
meinsamen Achse  sitzen,  welche  wiederum  fiederig  au  der  Haupt- 
achse des  grösseren  der  beiden  Abdrücke  auf  unserem  Stück  au- 
geordnet sind.  Das  ganze  Farnkraut  zeigt  nur  Sporaugien  und 
stengelförmige  Achsen ; tlächeuförmig  entwickeltes  Blattparenchym 
fehlt.  Bei  sterilen  Blättern  wird  dassell)e  wahrscheinlich  — in 
Analogie  mit  lebenden  Farnen,  deren  fertile  Wedel  ja  oftmals 
des  flächenförmig  entwickelten  Blattparenchyms  ihrer  sterilen 
Blätter  entbehren  — vorhanden  gewesen  sein. 

Das  Stück  mit  zwei  Abdrücken  der  Ilymenotheca  Beyschlagi^ 
der  vollständigere,  von  uns  abgebildete,  auf  der  einen,  der  kleinere 
auf  der  anderen  Seite,  entstammt  der  Steinkohlenformation  und 
gehört  dem  Kgl.  Bezirksgeologeu  Plerrn  Dr.  F.  Beyscheag,  der 
es  1882  auf  der  Kasberg  - Halde  der  Grube  von  der  Heydt  bei 
Saarbrücken  gefunden  hat. 

3.  Hymenopliyllites  (Sphenopteris)  gerniamca  u.  sp. 

Taf.  IV. 

In  ihrem  Habitus  steht  die  llymenophylUtes  germanica  der  Zeil- 
leria  clelicatula  (Sterne.)  Kidston  (in  Qiiarterly  Journal  of  the 


24 


H.  PoTONiE,  lieber  einige  Carbonfarne. 


Geological  Society  Bd.  XL  p.  592  und  Taf.  XXV,  London  1884) 
am  nächsten.  Wenn  die  abweichende  Fructification  nicht  da 
wäre,  müssten  beide  Arten  für  identisch  erklärt  werden.  Die 
vorliegenden  Blattreste  der  Hymenophyllites  germanica  sind  bis 
fünffach  gefiedert  und  zeigen  sehr  schmal -lineale  Endfiederchen. 
Die  Fiedern  aller  Ordnungen  stehen  zum  Theil  fast  senkrecht  ab 
oder  bilden  grosse,  sich  solchen  von  90 o nähernde  Winkel  mit 
ihren  Abgangsstellen,  so  dass  die  Blätter  ein  sparriges  Aussehen 
gewinnen.  Die  Sporangien,  die  kugelig -ellipsoidische  Gestalt  auf- 
weisen,  zeigen  eine  deutliche  Oberflächensculptur  in  Form  maschen- 
förmig  verlaufender  erhabener  Linien  (Zellwände?).  Sie  liegen  nicht 
auf  der  Blattfläche,  sondern  im  Gestein  neben  derselben  und 
zwar,  wie  dies  auch  li.  Zeiller  (Tafel  X seiner  in  den  '»An- 
nales  des  Sciences  natureilese-  6.  se'?’. , tome  XVI,  Faris  1883)  für 
UymenophylUtes  cpuadridactylites  (Gutbier)  Kidston  abbildet,  in 
der  Fortsetzung  der  letzten  Fiederchen,  also  vor  diesen.  Au 
vielen  Stellen  scheinen  die  Sporangien  dem  Gipfel  anzusitzen. 

Das  Stück  gehört  der  Sammlung  der  Königl.  Preuss.  geolog. 
Landesanstalt  und  stammt  aus  dem  Hangenden  des  Flötzes  Prinz 
August  der  Grube  Dechen  bei  Neuukirchen. 


4.  Oligocarpia  (Pecopteris)  Rliveri  n.  sp. 

Taf.  V,  Fig.  2 a — e. 

Oligocarpia  Kliveri  stellt  einfach  - gefiederte  Blattreste  mit 
doppelt -gekerbten,  länglichen,  stumpfen  Fiedern  dar,  welche  am 
Grunde  zwar  etwas  eingeschnürt  aber  doch  deutlich  Pecopteris- 
artig  ansitzen.  Durch  die  Fiedern  zieht  sich  ein  Mittelnerv,  der 
in  die  Plauptkerbeu  (Läppchen)  Seiteuuerven  absendet,  die  ihrer- 
seits in  die  Kerben  zweiter  Ordnung  Zweige  abgebeu.  Jeder  der 
letzteren  läuft  bis  in  das  Centrum  eines  kreisförmigen  Sorus, 
welcher  von  einer  Anzahl  Sporangien  gebildet  wird.  Die  Sporau- 
ffieu  haben  in  den  Sori  kreisförmige  Eindrücke  — meist  durch  einen 
noch  vorhandenen  kohligeu  liest  intensiv  schwarz  erscheinend  — 
hinterlasseu.  Hier  und  da  tritt  der  kohlige  Rest  in  der  Form 
scheibenförmiger  Körperchen  auf,  die  als  fossile  Sporangien  an- 
gesehen werden  müssen.  Einige  dei’selben  habe  ich  losgelöst  und 
— in  Aulehuimg  au  eine  besondei’s  von  C.  W.  v.  Gümbel  (»Bei- 


H.  PoTONiE,  lieber  einige  Carbonfarne. 


25 


träge  zur  Kenutuiss  der  Texturverhältnisse  der  Mineralkohlen« 
p.  in  den  Sitzungsberichten  der  niath.-physik.  Klasse  der 

Kgl.  I)ayerischeu  Akademie  der  Wiss.  Rd.  XIII,  München  1884) 
auf  paläontologischein  Gebiet  angeweudete  Methode  — in  Salpeter- 
säure gelegt,  zu  der  ich  einige  feste  Stücke  von  chlorsaurem  Kali 
hinzufügte.  Nach  einigen  Tagen  hatten  sich  die  Sporangien  gut 
aufgehellt,  sodass  eine  mikroskopische  Untersuchung  möglich 
wurde;  aber  die  verworrenen  Linien,  welche  die  Sjioraugien  zeigten, 
Hessen  sich  nicht  als  Zellwände  deuten;  auch  über  das  Vorhanden- 
sein oder  Fehlen  eines  Annulus  Hess  sich  leider  nichts  ausmachen. 
Nichtsdestoweniger  ist  es  wohl  praktisch,  die  in  Rede  stehende 
Art  bis  auf  Weiteres  zur  Gattung  Goppert  zu  stellen, 

weil  unser  Farn  von  den  bis  jetzt  bekannten  Sjiorangien- tragen- 
den Farnkräutern  den  Oligocarpieu,  namentlich  der  von  D.  Stur 
(»Zur  Alorphologie  und  Systematik  der  Culm-  und  Carbonfarne« 
in  den  Sitzungsber.  der  k.  k.  Akad.  d.  Wiss.  in  Wien,  Rd.  88, 
1883,  p.  56  (688))  abgebildeten  und  neu  beschrieltenen  OUgocarpia 
Brongniarti  besonders  hinsicbtlich  der  Sori  am  ähulichsten  ist. 

Das  obige,  dem  Aluseum  der  Kgl.  Preuss.  geolog.  Landes- 
anstalt gehörige  Stück  wurde  von  Herrn  Oberltergamtsmarkscheider 
Kliver  im  MelHnschacht  bei  Saarbrücken  gesammelt. 

5.  Reuaiiltia  ( Splieiiopteris)  iiiicrocarpa  (Lesquereux)  Zeiller. 

Taf.  44,  Fig.  3 a,  b. 

Der  vorliegende  Rlattrest  ist  dreimal  Hederteilig.  Die  Fie- 
derchen  letzter  Ordnung  sind  unregelmässig  - kreisförmig  - läng- 
lich und  tragen  an  ihrem  Rande,  oft  das  ganze  Fiedercheu  l)e- 
deckend,  elliptische  Eindrücke,  die  otfenbar  von  den  verloren  ge- 
gangenen Sporangien  heri'ühren.  An  ihrer  Rasis  sind  die  Fieder- 
chen  ßphenopteris  - -MiÄg  verschmälert;  sie  setzen  in  Zahl  von 
6 bis  gegen  1 1 längliche  Fiedern  zusammen,  die  an  ihrem  Grunde 
stark  eingesclmürt,  fast  gestielt  sind.  Sie  Ijildeii  in  ziemlich 
lockerer  und  abwechselnder  Stellung  die  Fiedern  erster  Ordnung 
des  vorliegenden  Restes. 

Das  Stück  gehört  dem  Museum  der  Königl.  Preuss.  geolo- 
gischen Landesanstalt  und  stammt  von  der  Zeche  Friedrich 
Ernestine  im  Revier  an  der  Ridir. 


26 


H.  PoTONiE,  lieber  einige  Carbonfarne. 


6.  Rliacopteris  (Sphenopteris)  snbpetiolata  n.  sp. 

Die  Sphenopteris  oder,  weun  man  lieber  will,  Rhacopteris  sub- 
p>etiolata  ist  am  nahesten  verwandt  mit  der  von  H.  R.  Göppert 
1852  anf  S.  143  seiner  Fossilen  Flora  des  Uebergangsgebirges 
(Verhandl.  der  kaiserl.  Leopold.  Carolin.  Akademie  der  Natnrf. 
Supplement  des  XIV.  Bandes.  Breslau  und  Bonn.)  besclu-iebenen 
und  Tafel  XLIV  Fig.  3 abgebildeten  Spheno2)teris  petiolata.  Die 
Unterscbiede  der  beiden  Arten  ergel)en  sich  aus  dem  Vergleich 
der  GöPPERT’schen  und  meiner  Abbildung,  sowie  aus  der  folgenden 
Gegenüberstellung  der  Diagnosen. 


Rliacopteris  snbpetiolata. 

Die  letzten  Blatt  zip  fei 
etwa  Y.s  Millimeter  breit,  sehr 
schmal-lineal,  in  eine  Spitze  aus- 
laufend. Sie  setzen  Fiederchen 
zusammen,  die  durchaus  dichotom 
getheilt  sind.  Die  erste  Dicho- 
tomie nächst  der  Achse,  welche 
die  Fiederchen  trägt,  ist  der 
zweiten  Dichotomie  meist  so 
nahe  gerückt,  dass  die  Fieder- 
chen — oberflächlich  gesehen  — 
oft  dreitheilig  erscheinen.  Je 
zwei  der  Fiederchen  stehen  sich 
an  ihrer  gemeinsamen  Achse  in 
der  Weise  gegenüber,  dass  das 
eine  derselben  etwas  tiefer  inse- 
rirt  ist  als  das  andere.  — Die 
parallele  Lage  der  beiden  ab- 
gebildeten vollständigeren  Fie- 
dern macht  es  wahrscheinlich, 
dass  sie  einer  gemeinsamen  — 
in  unserem  Rest  allerdings  nicht 
vorhandenen  — Achse  ihren 
Ursprung  verdanken. 


Sphenopteris  petiolata. 

Die  letzten  Blattzipfel 
nach  der  Figur  Göppert’s, 
welche  einer  Fieder  der  Rhacop- 
teris snbpetiolata  entspricht,  etwa 
1 Millimeter  breit,  lineal.  Nach 
der  Diagnose  Göppert’s: 

»Sphenopteris  fronde  pinnata 
(bi-vel  tripiunata?)primis  strictis, 
rhachi  plana,  pinnulis  petiolatis 
suboppositis  subpatentibus  bi-vel 
tritidis,  lacinis  apice  subdila- 
tatis  strictis  iutegris , nervis 
subsimplicibus?« 


H.  PoTONiK,  lieber  einige  Carbonfarne. 


27 


F luidort  der  R.  subpetiolnta:  Fürstlicher  Tiefhau  hei  Walden- 
hurg.  Feg.  J.  Breiter.  Das  Stück  gehört  dem  Museum  der 
König;].  Pretiss.  geologischen  Landesanstalt. 


D.  Stur  stellt  in  seiner  »Carhontlora  der  Schatzlarer-Schichten« 
S.  7 (Al)liandl.  der  kais.  königl.  geologischen  Keichsanstalt,  Bd.  XI, 
Ahtheilung  1,  Wien  1880)  tind  auch  s(;hon  fnilier  in  seiner  AI)- 
handlnng  »Zur  Morphologie  und  Systematik  der  Cnlm-  und  Carhon- 
farne« S.  643  (11)  (des  LXXXVm.  Bandes  der  Sitzungsherichte 
d.  kais.  Akad.  der  Wiss.  I.  Ahth.  Jnli-IIeft.  Wien  1883)  die 
Spl^enopteris  pefiolata  zur  Gattung  Rhucopterit^',  man  kann  dies 
thun,  da  diese  Art  und  die  Rhacopteris  subpetiolata  Zwischenglie- 
der zwischen  den  Gattungen  Sphenoj^teris  und  Rhacopteris  dar- 
stelleu,  die  daher  zunächst  ehenso  gut  hier  wie  da  untergehracht 
werden  können.  Stur  gieht  unter  dem  Namen  Rhacopteris  raco- 
nicensis  (1.  c.)  eine  Art  »mit  zweimal  fiederschnittigen  Blättern« 
(sonst  ohne  Diagnose)  hekaunt;  ich  mache  darauf  aufmerksam, 
weil  die  Rhacopteris  stibpetiohita.  — wie  schon  gesagt  — oftenhar 
ehenfalls  mehr  als  einmal  gefiedert  war. 


Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 

Von  Herrn  H.  BÜcking  in  Strassbnrg  i/E. 
(Hierzu  Tafel  XIV.) 


In  einer  brieflichen  Mittbeilnng  an  Herrn  Geheimrath  Beyrich, 
welche  im  XXXI.  Bande  der  Zeitsclir.  d.  Dentsch.  geol.  Ges.  1879, 
S.  415  etc.  zum  Abdruck  gelangt  ist,  habe  ich  angegeben,  dass 
aut  Grund  der  Streich-  und  Fällrichtungen  im  krystalliuischen 
Gebiet  des  Spessarts  mehrere  Zonen  unterschieden  werden  können, 
und  zwar,  von  Süden  nach  Norden  bezw.  von  unten  nach  oben, 
die  Zone  des  körnig -tlaserigen  Gneisses  (a.  a.  O.,  S.  418),  die 
Zone  des  glimmerreichen,  schieferigen  Gneisses  (S.  419),  die  Zone 
des  Quarzitschiefers  (S.  420  oben),  und  schliesslich  die  Zone  des 
körnig -tlaserigen  Gneisses  von  Grossenhausen- Alzenau  (S.  420 
unten).  Zugleich  machte  ich  darauf  aufmerksam,  dass  möglichei'- 
weise  in  Folge  einer  grossartigeu  Faltung  der  letzterwähnte  Gneiss 
demselben  System  angehöre,  wie  der  ältere  körnig -tlaserige  Gneiss, 
einem  System  also,  das  seine  Stelle  uuter  dem  glimmerreichen 
schieferigen  Gneisse  eiunähme  (S.  421). 

Es  lag  ursprünglich  in  meiner  Absicht,  die  petrographischen 
Eigenthümlichkeiten  dieser  Zonen  in  den  Erläuterungen  zu  den 
schon  vor  dem  Jahre  1877  im  Maassstab  ’/2ö000  aufgenommenen 
geologischen  Blättern  Bieber  und  Langenselbold  näher  zu  schildern. 
Indessen  hat  sich  die  Veröftentlichung  jener  Blätter  aus  äusseren 
Gründen  wiederholt  verzögert,  und  habe  ich  mich  deshalb  endlich 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  S|)essarts. 


29 


entschlossen,  schon  vorher  eine  Uebersicht  über  die  durch  meine 
mehrjährigen  geologischen  Aufnahmen  im  Spessart  gewonnenen 
Ergebnisse,  soweit  dieselben  den  Bau  des  krystalliuischen  Grund- 
gebirges betrefien,  zu  geben.  Gedrängt  wurde  ich  zu  diesem  Ent- 
schlüsse auch  durch  Bemerkungen  von  C.  Cheliüs  und  R.  Lepsius, 
welche  offenbar  meine  oben  erwähnte  Mittheilung  keiner  genauen 
Durchsicht  gewürdigt  oder  nicht  gekannt  haben,  wenn  sie  die  Be- 
hauptung aufwerfen,  die  von  mir  gemachten  Angaben  beruhten  nur 
auf  Annahmen’)  und  die  Lagerungsverhältnisse  im  Spessart  seien 
noch  nicht  genügend  klargelegt ^).  Ich  hoffe,  es  wird  Jedermann 
beim  Durchlesen  der  nachfoDenden  Blätter  sich  die  Ueberzeuffuim 
verschaffen  können,  dass  durch  die  bisherigen  Untersuchungen  der 
Bau  des  krystalliuischen  Spessarts  in  allen  seinen  wesentlichen 
Theilen  klar  und  durchsichtig  geworden  ist.  Jedenfalls  ist  er  ein- 
facher und  leichter  verständlich,  als  man  dies  bis  jetzt  von  dem  lie- 
nachbarten  krystallinischen  Odenwald  behaupten  kann,  mit  welchem 
gerade  bezüglich  des  Grundgebirges,  auch  von  C.  Cheliüs  und 
R.  Lepsius,  der  Spessart  so  oft  verglichen  worden  ist,  in  welchem  aber 
Störuno-en  von  noch  nicht  hinläng-lich  p-enau  bekannter  Beschaffenheit 
das  krystallinische  Gebirge  in  drei  Theile  zerlegt  haben,  deren 


')  C.  Cheliüs,  Neues  Jalirb.  für  Min.  1888,  II,  S.  69,  Mitte:  »B.  hält 

allgemein  ein  norcl westliches  fallen  der  Schichten  im  Spessart  für  wahr- 
scheinlich, glaubt  deshalb  die  südlicheren  Gesteine  für  die  ältesten  halten 
zu  müssen,  auf  die  dann  nördlich  der  Kahl  folgen  sollen«  etc. 

2)  R.  Lepsius,  Geologie  von  Deutschland.  1.  Bd.,  S.  375:  »Eine  genaue  Auf- 
nahme des  krystallinen  Grundgebirges  im  Spessart  fehlt  noch,  so  dass  über  das 
relative  Alter  der  verschiedenen  Gneisse  und  Glimmerschiefer 
kaum  eine  Vermuthung  ausgesprochen  werden  kann;  doch  glaubt 
Gümbel,  dass  die  südöstlich  vom  Aschaffthale  lagernden  » Körnelgneisse«  älter 
seien,  als  die  nördlich  dieses  Thaies  verbreiteten  Glimmergneisse.«  Gümbel  ver- 
tritt in  seiner  von  Lepsius  citirten,  übrigens  nach  meiner  oben  erwähnten  Mit- 
theilung erschienenen  Schrift  (Deutsche  geograpliische  Blätter,  Bremen,  1881,  IV, 
S.  5 etc.)  im  Wesentlichen  denselben  Standpunkt  wie  ich;  er  macht  auch 
a.  a.  0.  S.  9 ausdrücklich  auf  die  Ergebnisse  meiner  Untersuchungen  im  Spessart 
aufmerksam.  Wenn  hiernach  trotzdem  Lepsius  die  eben  erwähnte  Aeusserung 
thun  kann,  so  beweist  das,  dass  er  die  über  den  Spessart  vorhandene  Litteratur 
nicht  genügend  beachtet  hat.  Auch  seine  Bemerkungen  über  das  Rothliegende 
und  den  Zechstein  im  Main-  und  Kinzigthale  entsprechen,  wie  ich  bei  einer  anderen 
Gelegenheit  zeigen  werde,  nicht  ganz  den  thatsäehlichen  Verhältnissen. 


30 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


Stellung  zu  einauder,  weuigsteus  nach  den  liis  jetzt  vorliegenden 
Verötientliclmngen  zu  schliessen,  noch  nicht  hat  ergründet  werden 
können  ^). 

Die  folgenden  Reinerkungen  stützen  sich  wesentlich  auf  die 
Ergehnisse  der  geologischen  Specialaufnalune  des  Gebietes  nörd- 
lich von  der  Linie  Bieber- Schöllkrippen  - Mömbris  - Alzenau  und 
auf  Untersuchungen,  welche  ich  in  den  Jahren  1873  — 1876 
während  der  Aufnahme  des  nördlichen  Gebietes  in  dem  südlich 
angrenzenden  ausführen  konnte.  Weitere  Beobachtungen  habe 
ich  dann  den  früheren  hinzugefügt  in  den  letzten  Jahren,  als  ich 
die  Geo'end  südöstlich  von  AschaÖenburo-  häutlo-er  besuchte,  um 
meinen  Assistenten,  Herrn  Gollkr,  welchen  ich  dieses  Gebiet 
geologisch  bearbeiten  liess,  in  die  Aufnahme  einzuführen  und  zu 
controliren. 

Durch  die  späteren  Beobachtungen  und  insbesondere  auch 
durch  die  petrographische  Untersuchung  der  Gesteine  habe  ich 
mich  überzeugt,  dass  die  in  meiner  oben  erwähnten  letzten  Mit- 
theilung über  den  Spessart  als  möglich  hingestellte.  Faltung  der 
krystallinischen  Schiefer  im  grossen  Maassstabe  nicht  vorhanden 
ist 2).  In  einem  durch  uugestörtes  Gebiet  des  krystallinischen 
Spessarts  cpier  gegen  das  Streichen  gelegten  Normalprofil  — als 
ein  solches  ist  etwa  das  Profil  von  Besseubach  über  Hösbach, 
Schimborn,  Mömbris,  Bricken,  bis  zum  Hof  Trages  zu  betrachten 
(vergl.  Profil  1,  Taf.  XIV)  — lassen  sich  von  Süden  nach  Norden, 
und,  da  das  Einfallen  der  Schichten,  wie  ich  schon  früher  (a.  a.  O. 


')  R.  Lepsius  sagt  in  seinem  vorher  citirten  Werke  1889,  S.  374:  »Wie  sie 
(die  drei  Gneissgebiete)  sich  in  ihrem  relativen  Alter  gegen  einander  verhalten, 
ist  noch  nicht  bekannt.« 

Die  von  Gümbei.  in  seiner  erwähnten  letzten  Mittheilung  über  den  Spessart 
(1881)  gemachten  Angaben  enthalten,  insbesondere  bezüglich  der  geogra]dnschen 
Verbreitung  verschiedener  Gesteinszonen,  mehrfache  Unrichtigkeiten  und  Unge- 
nauigkeiten, welche  durch  Aufnahme  älterer  Litteraturangaben  ohne  wiederholte 
Prüfung  in  der  Natur,  veranlasst  sind  und,  soweit  sie  nicht  schon  durch  meine 
ältere  Arbeit  vom  Jahre  1879  ihre  Erledigung  gefunden  haben,  theils  durch  das 
Folgende,  theils  durch  die  seiner  Zeit  erscheinende  geologische  Karte  ihre  Be- 
richtigung erfahren  werden.  Auf  die  Einzelheiten  hier  aufmerksam  zu  machen, 
halte  ich  nicht  für  nöthig. 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


31 


S.  417  oben)  lietont  halte,  ein  vorwiegend  nordwestliches  ist,  somit 
von  unten  nach  oben,  unterscheiden : 

I.  Aelterer  Gneiss  des  Spessarts: 

A.  Grauitgneiss  von  Oberbessenbach, 

B.  Dioritgueiss  mit  Augengueiss, 

C.  Körui«:- llaserijrer  Gueiss. 

II.  Glimmerreicher  schieferiger  Gueiss: 

mit  Einlagerungen  von  Quarzitschiefer  und  Iloru- 
blendeschiefer. 

III.  Qu  arzreicher  Glimmerschiefer  oder  Quarzit- 

glimm e r s c h i e f e r. 

IV.  Jüngster  Gneiss  des  Spessarts: 

A.  Ilorubleiidegneiss  wechsellagernd  mit  Biotitgueiss, 

B.  Biotitgueiss  von  Lützelhausen -Hof  Trages. 

Wir  werden  diese  Zonen  im  Folgenden  etwas  näher  be- 
trachten. 


I.  Aelterer  Gneiss  des  Spessarts. 

Die  an  der  Basis  des  krystallinischen  Grundgebirgs  im  Spessart 
auftretenden  Gesteine  (Granitgneiss,  Dioritgueiss  und  unterste  Zone 
des  körnig- flaserigen  Gneisses)  hat  auf  meine  Veranlassung  hin 
Herr  E.  Goller  zum  Gegenstand  einer  eingehenden  Studie  ge- 
macht.  Die  Ergebnisse,  welche  in  einer  zum  Druck  im  Neuen 
Jahrb.  f.  Min.,  Beilageband  VI  bestimmten  Arbeit^)  niedergelegt 
wurden,  sind  im  Folgenden  mitberücksichtigt. 

A.  Granitgneiss  von  Oberbessenbach. 

Als  das  tiefste  und  somit  wohl  als  das  älteste  der  krystallinischen 
Gesteine  des  Spessarts  tritt  unter  der  weitverlireiteten  Buntsand- 
steiudecke  südöstlich  von  Aschafienburg  im  Hintergrund  des  Sodeuer, 


Die  Lampropbyrgäuge  des  südlichen  Vorspessart.  Blgb.  VI,  S.  485. 


32 


H.  Bücking,  Das  Gninclgebirge  des  Spessarts. 


Gaill  lacher  und  Bessenbacher  Thaies,  in  verhältnissmässifr  o-erino-er 
Ausdehmmg  nnd  deshalb  in  allen  seinen  Theilen  nicht  genau  zn 
verfülgen,  ein  hell-  bis  dnnkelrothes,  wesentlich  ans  Feldspath  nnd 
Qnarz  bestehendes,  körniges  Gestein  hervor.  Mit  Kncksicht  auf 
seine  einigerinassen  dentliche  Schieternng  iin  Sodener  Thal  will 
ich  es  als  Gneiss  nnd  zwar  als  den  Gran  itgne  iss  von  Oh  er- 
be sseuhach  bezeichnen. 

Der  vorwaltende  Orthoklas  nnd  der  Qnarz  bilden  ein  ziem- 
lich feines,  gleichmässig  körniges  Gemenge;  nicht  selten  sind  sie 
mikropegmatitisch  mit  einander  verwachsen.  Beide  Gemengtheile 
z(‘io-en  hänficr  Drnckerscheinnugen,  wie  nndnlöse  Anslöschunof  und 
zerfetzte  Ränder.  Neben  dem  Orthoklas  findet  sich  auch  Mikroklin, 
an  der  gegitterten  Zwillingsstreifung  leicht  kenntlich;  seltener  sind 
Kalknatronfeldspathe.  Biotit  ist  mir  in  vereinzelten  Blättchen  vor- 
handen. Zirkon  nnd  Apatit  werden  in  mikroskopisch  kleinen  Kry- 
ställchen  vielfach  beobachtet;  liesonders  reichlich  aber  ist  Magnetit. 
Die  Zersetznngsprodncte  des  letzteren  verleihen  dem  Gestein  seine 
röthliche  Farbe. 

Bezeichnend  für  den  Granitgneiss  von  Oberbessenbach  ist 
die  sehr  gleichmässig  körnige  Beschaffenheit  nnd  das  massige  Aus- 
sehen. Es  liegt  desha.ll)  die  Annahme  nahe,  ihn  für  einen  durch 
(f ebirofsdrnck  schieferio;  a;ewordenen  Granit  zn  halten.  Hierfür 
würde  namentlich  auch  das  Auftreten  des  gleichen  Gesteins  mitten 
im  Gebiet  des  ihn  überlagernden  Dioritgneisses  im  oberen  Theil 
des  Gailbacher  Thaies  sprechen. 


B.  Dioritg'iieiss. 

Der  Dioritgneiss  besitzt  die  weiteste  Verbreitung  in  den 
Thä.lern  von  Soden,  Gailliach  nnd  Bessenliach.  Gegen  den  Granit- 
gneiss von  Oberbessenbach  ist  er  durch  ein  etwa  10  bis  20  Meter 
mächtiges  Lager  von  Quarzit,  welches  nahe  der  änsserston  Gabelung 
des  Bessenliacbthales,  zwischen  Soden  nnd  Hessenthal,  beobachtet 
werden  kann,  abgegrenzt.  Ancb  Qnarzsekretionen  nnd  grobe 
pegmatitische  Ausscheidungen  sind  für  diese  Grenzregion  sehr 
bezeichnend. 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


33 


Der  Dioritgneiss  ist  vorwiegend  grob-  Ids  mittel -körnig  und 
im  Ganzen  von  einer  ziemlich  gleichmässigen  Beschaffenheit.  Eine 
ausgesprochene  Schieferung  besitzt  er  nur  da,  wo  dunkele,  basische 
Streifen  ihn  durchziehen;  immerhin  ist  dieselbe  doch  an  vielen 
Orten  wahrnehmbar  und  für  Kittel  bei  der  Wahl  der  Bezeich- 
nung »Syenit«  ausschlaggebend  gewesen  i).  Die  mit  blossem 
Auge  erkennbaren  Gemengtheile  sind  Oligoklas,  Orthoklas,  Quarz, 
Hornblende,  Biotit  und  Titanit. 

Die  beiden  Feldspäthe,  nicht  selten  8 — 10  Millimeter  gross, 
sind  die  vorherrschenden  Gemengtheile;  der  farblose  oder  matt 
bläulichweisse  Oligoklas  überwiegt  den  Orthoklas,  welcher  zu- 
weilen frischer  als  jener  und  durch  eine  lichtfleischrothe  oder 
milchweisse  Farbe  ausgezeichnet  ist.  Der  Quarz  erfüllt  in  Form 
einzelner  Körnchen  und  mosaikartiger  Haufwerke,  in  diesen  öfter 
hegleitet  von  kleinen  secundär  gebildeten  Albitkörnchen , die 
Zwischenräume  zwischen  den  weit  grösseren  Feldspäthen  und 
Spalten  in  denselben,  gleichsam  den  Kitt  zwischen  diesen  Ge- 
mengtheilen abgebend.  Die  Feldspäthe  und  auch  der  Quarz  lassen 
zumal  unter  dem  Mikroskop  zwischen  gekreuzten  Nicols  Biegungen, 
Knickunofen  und  Zerreissuno’en  in  der  mannia:ta.chsten  Weise  er- 
kennen,  ein  Beweis  dafür,  dass  das  ganze  Gestein  sehr  starken 
dynamischen  Einflüssen  ausgesetzt  war. 

Hornblende  und  Biotit  betheiligen  sich  in  etwa  gleichem 
Verhältniss  an  der  Zusammensetzung  des  Gesteins.  Sie  sind 
beide  ziemlich  frisch,  weisen  aber  vielfach  Spuren  mechanischer 
Umformung  auf.  In  i’ingsum  ausgebildeten , oft  1 Centimeter 
grossen  Krystallen  findet  sich  Titanit,  besonders  häufig  in  ein- 
zelnen Lagen,  für  welche  er  geradezu  als  ein  wesentlicher  Ge- 
mengtheil bezeichnet  werden  könnte.  Recht  reichlich  vorhanden 
ist  auch  Magneteisen,  oft  mit  blossem  Auge  erkennbar.  Mikro- 
skopisch klein  sind  Apatit  und  Zirkon. 

b Kittel,  Skizze  der  geognost.  Verhältnisse  der  nächsten  Umgegend  Aschaffen- 
burgs,  1840.  Der  Dioritgneiss  ist  dort  als  »Syenit«  (S.  26  — 28}  beschrieben. 
Kittel  versteht  unter  »Syenit«  (vgl.  a.  a.  0.  S.  40  unten)  ein  »regelmässig 
geschichtetes  Gestein«  und  fügt  hinzu:  »Die  Diorite  verhalten  sich  zum 
Syenite,  wie  der  Granit  zum  Gneisse.« 


Jahrbuch  1889. 


3 


34 


H.  Böckisg,  Das  Gruuclgebirge  des  Spessarts. 


VoD  secnudären  Mineralien  ist  Epidot  sehr  verbreitet.  Er 
hat  sich  in  gelblich-grünen  körnigen  und  wirrstengeligen  Massen 
vielfech  aut  Spalten  und  Rissen  augesiedelt. 

Verschiedenheiten  innerhalb  des  Dioritgneisses  entstehen  nur 
durch  den  im  Ganzen  unbedeutenden  Wechsel  des  Korns  und  da- 
durch, dass  der  Feldspath  über  die  basischen  Geinengtheile  und 
unter  diesen  bald  Biotit  bald  Hornblende  überwiegt.  Mau  könnte 
deshalb  hier  und  da  Laoten  von  Biotito-neiss  oder  Horn- 
blendegneiss  auszuscheideu  geneigt  sein,  würde  sich  aber  bald 
überzeugen,  dass  eine  scharfe  Grenze  anzugebeu  unmöglich  ist. 
Näher  au  dem  Granitgneiss  treten  einzelne  vollständig  hornblende- 
freie  und  oft  ziemlich  grobkörnige  Lagen  auf;  auch  diese  lassen 
sich  nicht  scharf  geofeu  den  normalen  Dioritffueiss  beo-renzen. 
Zuweilen  begegnet  man,  besonders  in  der  unteren  Grenzregion, 
auch  saueren  Ausscheidungen,  welche  hauptsächlich  aus  mehr 
oder  weniger  regelmässig  verwachsenem  Orthoklas  und  Quarz  be- 
stehen, und  in  der  Regel  die  Form  von  schmalen  Linsen,  Bändern 
und  Adern  besitzen.  Dieselben  wechsellageru  hin  und  wieder  mit 
dunkeleu  basischen  Gesteinen,  die  bei  vorwalteuder  Hornblende 
in  der  Reael  etwas  feinköruig-er  als  der  normale  Dioriterneiss  sind. 
Gueisse,  welche  dadurch  ein  deutlich  streifiges  Aussehen  erhalten, 
hudeu  sich  z.  B.  in  der  Nähe  des  grossen  Steinbruchs  am  Steugerts 
bei  Gailbach. 

Ferner  kommen  als  Einlagerungen  hier  und  da  in  dem 
Dioritgneiss  eigenthümlich  brecci euartig  aussehende  und  von 
glatten  oder  nach  einer  Richtung  gestreiften  AblösTingsflächen 
durchsetzte  Alassen  vor,  welche  rothen,  trüben  Orthoklas,  spärlicher 
wasserhellen,  frischen  Plagioklas,  beide  mit  dem  unbewaffneten  Auge 
deutlich  unterscheidbar,  und  unregelmässig  begrenzte  Qnarzbrocken 
in  einer  durch  Brauneisen  staidc  gefärbten,  äusserst  feinkörnigen, 
(piarzigen  Grundmasse  eingebettet  enthalten.  Diese,  offenbar  durch 
den  Gebirgsdruck  stark  veränderten  Gesteine  bezeichnen  keinen 

o 

bestimmten  Horizont.  Ziemlich  reichlich  liegen  sie  oberhalli  der 
Kirche  von  Oberbessenbach  und  an  dem  Weg  von  da  nach 
Dörrmorsbach. 

An  vielen  Stellen  wird  der  Dioritgneiss  durchsetzt  von  Gängen 


H.  Bückin’g  , Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


35 


und  Adern  eines  grosskörnig  ansgel)ildeten  Peginatits,  dessen 
Gehalt  an  Kaliglinnner  grossen  Scliwanknngen  unterliegt.  Zumal 
an  der  Grenze  gegen  den  Granitgneiss  häufen  sich,  wie  schon 
oheu  ano-edentet  wurde,  solche  gaugartige  Ansseheiduugen. 

In  der  Grenzzone  des  Dioritgueisses  gegen  den  körnig-flaserigen 
Gneiss  treten  in  Farbe  und  Korn  inauuigfach  wechselnde  Gneisse 
auf.  Besonders  charakteristisch  ist  ein  durch  grosse  Orthoklas- 
einsprenglinge ausgezeichneter  Angengueiss,  der  fast  in  seiner 
ganzen  Ansdehunng,  vom  westlichen  Abhang  des  Stengerts  (Grau- 
Irerg)  bei  Schweiuheim  bis  Strassbesseubach,  schon  im  Jahre  1840 
Kittel  bekannt  war^).  Er  bildet  linsenförmige,  räumlich  oft  sehr 
beschränkte  Einlagernugeu,  welche  in  der  Regel  in  den  normalen 
Dioritgneiss  allmählich  übergehen,  an  einzelnen  Stellen  aber  auch 
scharf  gegen  denselben  abgegreuzt  erscheinen. 

O ö O 

Der  Angengueiss  besitzt  gewöhnlich  durch  secnndäres  Eisen- 
oxyd eine  etwas  röthliche  Farbe  und  enthält  ausser  Orthoklas 
untergeordnet  Plagioklas,  dann  Quarz  in  kleinkörnigen  Hauf- 
werken zwischen  den  grösseren  Feldspäthen,  und  Biotit,  welcher 
in  dichten  schuppigen  Massen  die  augenartig  hervortretenden 
Feldspäthe  umgiebt.  Hornblende  und  Titanit  sind  im  Ganzen 
seltener  zu  beobachten. 

Auf  das  Gebiet  des  Dioritgueisses  durchaus  beschränkt  sind 
zahlreiche  Eruptivgesteinsgänge,  welche  Goller  neuerdings 
näher  untersucht  hat.  Von  Kittel  waren  die  Gesteine  (a.  a.  O., 
S.  29  und  30)  als  Grünsteiuporphyr  und  Granitporphyr 
beschrieben  worden,  Gümeel^)  hatte  sie  dann  mit  dem  Namen 
A schaffit  bezeichnet,  später  wurden  sie  als  augitführeude  Graulte 
und  Glinunerdiorite  gedeutet,  bis  sie  nun  ihre  Stellung  bei  den 
dioritischeu  Lamprophyreu  oder  Kersantiteu  gefunden  haben.  Aus 
der  oben  erwähnten  Abhandlung  Goller’s  geht  hervor,  dass  die  Ge- 
steine Kersantiteu  entsprechen,  welche  zum  Theil  in  beträchtlicher 
Aleuge  eigeuthümliche  Pseudomorphosen  enthalten,  die  den  früher 


b Kittel,  a.  a.  0.  S.  12. 

b Bavaria,  4.  Bd.,  I.  Abtb.  1886,  S.  23;  ferner  in  der  oben  angeführten 
Abhandlung,  S.  12. 


3 


36 


H.  Bückisg,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


von  Becke  mit  dem  Namen  Pili t belegten  nnd  neuerdings  von 
Doss  2)  näher  beschriebenen  Gebilden  sehr  ähnlich  sind,  von 
Goller  aber  nicht  auf  Olivin,  sondern  auf  eine  maguesiareiche 
Varietät  von  Angit  bezw.  Plornblende  ziirückgeführt  werden.  Auf 
einzelnen  Gängen  ist  der  normale  Kersantit  ersetzt  durch  einen 
Camptonit,  ein  Gestein,  welches  sich  durch  Führung  primärer 
Hornblende  nnd  Alangel  an  Angit  (nicht  aber  an  den  Pilit-ähn- 
lichen  Psendomorplmsen)  zwar  von  dem  Kersantit  unterscheidet, 
aber  doch  auch  durch  Uebergänge  mit  demselben  verbunden  ist. 

C.  Körnig’- flaseriger  Giieiss. 

Im  Hangenden  des  Dioritgneisses,  also  nördlich  von  demsel1)eu, 
dehnt  sich  in  grosser  Verbreitung  die  von  Gümbel  als  »Aschaffen- 
burger  Körnelgneiss«  bezeichnete  Zone  aus.  Sie  erfüllt  das 
Gebiet  zwischen  Aschaifeuburg,  Schweinheim,  Strassbessenbach, 
Keilberg,  Weiler  und  Frohnhofen  und  erstreckt  sich  jenseits  der 
Aschaff  bis  zu  einer  von  Kleinostheim  über  Steinbach  (hinter 
der  Sonne),  Afferbach  und  Wenighösbach  bis  nach  Eichenberg 
gezogenen  Ijiuie.  Auch  im  Kahlgrund,  zwischen  Blankenbach 
und  Grosskahl,  tritt  sie  mit  ihren  oberen  Lagen  sattelförmig  aus 
dem  sie  umgebenden  hangenden  Gneiss  hervor^). 

Sie  setzt  sich  zusammen  aus  körnig -flaserigen  Biotitgneissen 
und  zweiglimmerigen  Gueisseu,  aus  mehr  untergeordneten  schiefe- 
rigen Gneissen,  glimmerreichen  schuppigen  Gueisseu,  Ilornblende- 

*)  Tschermak’s  Mitth.  1883,  V,  S.  163  etc.  — Herr  Professor  Becke  in 
Czernowitz  hat  nach  freundlicher  Durchsicht  der  von  Goller  untersuchten  Dünn- 
schliffe sich  dahin  ausgesprochen,  dass  die  von  Goller  als  Pseudomorphosen  nach 
Angit  beschriebenen  Tremolitaggregato  als  Pilit  zu  deuten  und  demnach  die 
meisten  der  Aschaffenburger  Kersantite  als  Pilitkersantite  zu  bezeichnen  sind. 

Ebenda  1889,  X,  S.  51. 

Kittel  sagt  in  seiner,  für  den  Localkundigen  immer  noch  sehr  wichtigen, 
für  den  Fernerstehenden  aber  sehr  mit  Vorsicht  zu  benutzenden,  oben  erwähnten 
Schrift,  S.  13:  »Im  Gailbacher  Thale  bildet  er  — (der  Aschaffenburger  Gneiss)  — 
selbst  das  Dach  des  Syenits,  während  er  im  nördlichen  Gebirgszuge  ...  die 
Unterlage  des  Glimmerschiefers  wird«.  Berücksichtigt  man,  dass  der  »Glimmer- 
schiefer« Kittkl’s  dem  »glimmerreichen,  schieferigen  Gneiss«  entspricht  (vergl. 
Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1879,  S.  419),  so  wird  ersichtlich,  dass  Kittel 
im  Grossen  und  Ganzen  doch  eine  richtige  Vorstellung  von  dem  Bau  des  Grund- 
gebirges hatte,  wenn  er  sich  auch  sonst  nirgends  klar  darüber  ausgesprochen  hat. 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


37 


gneissen-  iiml  Schiefern,  Quarzfels  und  körnigem  Kalk.  Das 
Streichen  dieser  Gesteine,  ist  ein  westsüdwestliches,  das  Einfallen 
gewöhnlich  ein  nordwestliches.  Nur  an  der  Strasse  vom  Weudel- 
berg  nach  Gailbach  (Würzburger  Strasse)  und  in  dem  Gebiet 
zwischen  Haibach,  Keillierg  und  Goldbach  wird  öfter  ein  steiles 
südöstliches  Fallen  (70  — SO^*)  beoliachtet;  es  liegen  hier  vielfach 
kleine  Faltungen  und  fächerartige  Stellungen  vor^). 

Die  wichtigsten  Gesteine  dieser  Zone,  deren  Mächtigkeit  sich 
auf  mindestens  7000  Meter  bestimmt  (vgl.  unten),  sind  der  graue 
körnig-flaserige  Biotitgneiss,  wie  er  in  typischer  Ausbildung 
am  Wendelberg  und  Herniesbuckel  aufgeschlossen  ist  und  von  da 
bis  nach  Schmerlenbach  verfolgt  werden  kann,  und  der  häutig 
etwas  röthliche  körnig-flaserige  zweiglimmerige  Gneiss, 
welcher  für  die  obere  Abtheilung  charakteristisch,  sich  zwischen 
Gottelsberg  und  Frohnhofen  und  besonders  nördlich  von  dem 
Aschatfthale  in  einem  breiten  Zuge  von  den  Mainaschatfer  Wein- 
bergen bis  nach  Eichenberg  hin  erstreckt,  dann  auch  kuppelartig 
aus  dem  glimmerreichen  schieferigen  Gneiss  im  Kahlgruude  zwischen 
Blankenbach  und  Grosskahl  sich  eidiebt.  Beiden  Gneissen  gemein- 
sam ist  das  Zurücktreteu  der  Glimmerffemencftheile  o'esxeuüber  dem 
Feldspath  und  Quarz.  Ihre  Gneissstructur  ist  sowohl  durch  die 
parallele  Anordnung  der  Glimmerblättcheu  als  durch  den  regel- 
mässigen Wechsel  von  vorwalteud  Quarz  oder  Feldspath  ent- 
haltenden Lagen  bedingt;  Kittel  hat  sie  nur  in  dem  Gneiss  des 
Wendelberges  übersehen  und  diesen  allein  als  »Granit«  bezeichnet 
(a.  a.  O.  S.  8). 

Der  körnig-flaserige  Biotitgneiss,  wie  er  am  Wendelberg, 
am  Hermesbuckel  und  bei  Winzenhohl,  oft  in  grossen  woll- 
sackähulichen  Felsblöckeu  zu  Tage  geht,  besteht  hauptsächlich  aus 
Orthoklas  in  unregelmässig  begrenzten  Körnern  von  0,4  — 3 Milli- 
meter Durchmesser  und  aus  Quarz,  welcher,  ebenfalls  sehr  reich- 
lich vorhanden,  mit  dem  Orthoklas  nicht  selten  lagenweise  wechselt. 

*)  In  der  von  Kittel  a.  a.  0.  S.  36  u.  37  gegebenen  Uebersicht  herrscht  im 
Allgemeinen  keine  Uebereinstimmung  zwisclien  der  angegebenen  Streichrichtung 
und  dem  aus  der  angegebenen  Fallrichtung  hervorgehenden  Streichen.  Fast 
durchgängig  ist  das  Streichen  falsch  und  das  Fallen  richtig  angegeben. 


38 


H.  Bücking,  Das  Gniadgebirge  dos  Spessarts. 


Grössere  (bis  10  Millimeter  lauge)  Orthoklase  verleihen  dem  Ge- 
stein zuweilen  ein  angengueissartiges  Aussehen.  Plagioklas  tritt 
im  Ganzen  zurück  und  ist  meistens  zersetzt.  Nicht  allzu  reichlich, 
aber  ziemlich  gleichmässig  durch  das  ganze  Gestein  vertheilt,  ist 
der  Biotit.  Muskowit  ist  zwar  spärlich,  aber  doch  fast  stets  vor- 
handen. Da  er  als  secundärer  Gemengtheil  angesehen  werden 
kann  oder  muss,  ist  der  oben  gewählte  Namen  »Biotitgneiss« 
gerechtfertigt.  Magueteisen  in  Krystallen  und  Körnern  ist  in 
grosser  Menge  im  Gestein  vertheilt;  Titaneisen  kommt  nicht  selten 
in  mehrere  Millimeter  dicken,  der  Schieferung  parallel  verlaufen- 
den Lagen  besonders  in  dem  Gneiss  von  Haibach  vor. 

Erwälmenswerth  ist,  dass  am  Plermesbuckel  sowohl  an  den 
freistehenden  Felsen  als  in  den  Steinbrüchen  oft  mehrere  Quadrat- 
meter grosse,  gestreifte  oder  geglättete  Flächen,  offenbar  Drnck- 
oder  Quetschtlächeu,  gewöhnlich  den  Schieferungsflächen  parallel, 
beobachtet  werden  können.  Auch  die  mikroskopische  LTntersuchung 
lehrt,  dass  dieser  Gneiss  starken  mechanischen  Finflüssen  aus- 
gesetzt war.  Sie  haben  eine  Biegung  nicht  nur  der  Biotitblättchen 
sondern  auch  des  undulös  auslöschenden  Orthoklases  und  des 
zwillingsgestreiften  Kalknatronfeldspathes,  sowie  eine  oft  weit- 
gehende Zertrümmerung  der  fast  gar  nicht  mehr  einheitlich  erschei- 
nenden Quarzkörner  veranlasst.  Auch  mikrokliuartiger  Feldspath 
wurde  beobachtet,  und  von  mikroskopisch  kleinen  Einschlüssen, 
zumal  im  Feldspath  und  Biotit,  besonders  Zirkon  und  Apatit. 

Am  Gottelsberg,  am  Jägerhaus  und  in  der  Nähe  von  Schmerlen- 
bach geht  der  eben  erwähnte  Biotitgneiss  durch  Aufnahme  von 
mehr  Muskowit  in  den  körnig -flaserigeii  zweigliiiimerigeu  Glneiss 
über,  aber  so  allmählich,  dass  eine  scharfe  Trennung  der  beiden 
Gneisszonen  nicht  möglich  ist.  Der  zweiglimmerige  Gneiss  be- 
sitzt im  Allgemeinen  ein  - etwas  gröberes  Korn  und  ist  durch- 
schnittlich reicher  an  Glimmer  als  der  liegende  Biotit»;ueiss.  Bald 
enthält  er  Muskowit  und  Biotit,  beide  in  Blättchen  bis  zu  5 Milli- 
meter Durchmesser,  in  gleicher  Menge,  wie  z.  B.  an  der  Berg- 
mühle bei  Damm,  im  Staedtischen  Strütwald,  an  den  Weinbergen 
nördlich  von  Mainaschaff’  und  weiter  östlich  an  der  Ziegelhütte 


H.  BüoiaNG,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


39 


bei  Hösbach,  bald  waltet  der  Muskowlt  vor  oder  in  einzelnen 
auskeilenden  Lagen  der  Biotit  ’).  Auch  der  zweigliinmerige  Gneiss 
erhält  durch  einzelne  grössere  Feldspäthe  hier  und  da  eine  Augen- 
gneissstructur,  z.  E.  hei  Steinhacli  hinter  der  Sonne  am  Wege 
nach  Oberafierbach. 

Unter  den  Feldspäthen  ist  der  Orthoklas  der  herrschende. 
Er  ist  weiss  oder  roth  gefärbt  und  bedingt  zusainmen  mit  den 
Glimmergemengtheilen  die  Farbe  der  Gneisse.  Plagioklas  ist  im 
Ganzen  nicht  häufig;  nur  in  einzelnen  Lagen  hält  er  dem  Ortho- 
klas das  Gleichgewicht.  Der  Gehalt  an  Quarz  ist  im  Allgemeinen 
ein  grosser,  in  den  aufeinanderfolgenden  Lagen  aber  doch  zuweilen 
grossen  Schwankungen  unterworfen. 

Besonders  reich  an  Quarz  sind  gewisse  Lagen  an  der  Knie- 
breche , bezw.  am  Bommich  östlich  von  Glattbach.  In  diesen 
bildet  der  Quarz  äusserst  feinkörnige  Aggregate,  welche  von  den 
kleinen  Muskowitblättchen  in  wechselnder  Menge  unregelmässig 
durchzogen  werden  und  sowohl  die  Feldspäthe  als  einzelne  grössere 
Blättchen  oder  Nester  von  Biotit  wie  Einsprenglinge  umschliessen. 
Die  zum  Theil  sehr  widerstandsfähigen  Gesteine  treten  in  grösseren, 
wollsackartig  gerundeten  Felsen  an  dem  Bergabhang  hervor.  Un- 
hoher  Quarzgehält  verräth  sich  schon  äusserlich,  indem  bei  der 
Verwitterung  der  Blöcke  der  Quarz  scharf  hervorragende  zackige 
Rijipen  bildet,  die  um  so  dichter  gedrängt  bei  einander  stehen 
und  den  Felsen  eine  um  so  rauhere  Oberfläche  verleiheu,  je  reicher 
au  Quarz  die  Gesteine  sind. 

Der  körnig  - flaserige  Gneiss,  sowohl  der  graue  Biotitgneiss 
als  der  öfter  röthlich  - gefärbte , zweigliinmerige  Gneiss,  zeigt, 
wenigstens  gegenüber  dem  liegenden  Dioritgneiss,  eine  grössere 
Alaunigfältigkeit,  indem  gleich-  und  feiuköruige  mit  grobkörnigen 
oder  augeugueissartigeu,  glimmerärmere  mit  glimmerreicheren  Lagen 
wechseln.  Auch  Kittel  ist  der  oft  recht  beträchtliche  Unterschied 
des  Korns  in  den  aufeinanderfolgenden  Lagen  aufgefalleu;  die  fein- 

9 Vergl.  über  die  Ausbildung  dieses  Gneisses  in  dem  linksinainisclien  Gebiet 
(Abtswald  bei  Stockstadt)  auch  Chelius,  Notizen  aus  den  Aufnabmegebieten  des 
Sommers  1888,  Notizblatt  d.  Vereins  für  Erdkunde  zu  Darmsladt  1888,  Heft  Ö,  S.  38. 


40 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


körnigen,  bin  und  wieder  Turmalin  fülirenden  Gesteine  nennt  er 
Gueisse,  die  gröberen  bezeicbuet  er  als  »Granitlager«  (a.  a.  O. 
S.  13  n.).  Letztere  bilden  nacb  iliin  mebrere  »mit  dem  Gneisse 
abwechselnde  Scbicbteu  von  1 — 2 Fnss  Mächtigkeit«,  sowohl  bei 
Ajfterbach  als  auch  im  Gueiss  unterhalb  Stockstadt  (Abtswald)  und 
im  Glattbacber  Thal. 

Au  vielen  Stellen  gewinnt  der  Gneiss  bei  reichlicherem  Ein- 
tritt von  Biotit  oder  Mnskowit  und  einer  dadurch  bedingten 
dunkleren  oder  helleren  Färbung  eine  mehr  schieferige  Strnctnr, 
so  besonders  am  Jägerhaus,  an  der  Wildscheuer  zwischen  Aschaffen- 
burg  und  Schmerleubach  und  an  mehreren  Stellen  zwischen  Schöll- 
krippeu  und  Vormwald.  Seltener  ist  durch  Streckung  der  Gemeng- 
theile, zumal  der  Glimmer  und  Feldspäthe,  eine  gewisse  stengelige 
Structur  hervorgerufeu,  wie  bei  gewissen  mnskowitreichen  Gneissen 
von  Hösbach. 

Einzelne  grössere  linsenförmige  Einlagerungen,  in 
welchen  die  basischen  Gemengtheile  über  die  saueren,  Feld- 
spath  und  Quarz,  derart  überwiegeu,  dass  letztere  beinahe  nur 
noch  auf  dem  Qnerbrnch  sichtbar  werden,  kommen  überaus  häutig 
vor,  z.  B.  bei  Keilberg,  Weiler,  Schmerlenbach,  Winzenhohl, 
Fasanerie,  Schellemnühle  und  Jägerhaus  bei  Aschafienburg,  an 
der  Eisenbahn  bei  Hösbach  etc.  Kittel,  welcher  sie  mehrfach 
als  »Glimmerschiefer«  bezeichnet,  erwähnt  sie  aus  der  Gegend 
von  Schweiuheim,  vom  Eltergrund,  vom  Wiugertsberg  bei  Wald- 
aschaff,  also  aus  einem  ziemlich  tiefen  Niveau,  dann  von  dem 
Ostabhaug  des  Schmerlenbacher  Waldes,  und  von  dem  Galgen- 
berg und  der  Bergmühle  bei  Damm,  ferner  ans  dem  »Thale  der 
Steinbach,  des  llanenthals,  der  Glattbach  und  Goldbach«  (a.  a.  O. 
S.  18  und  12).  Letztere  liegen  nahe  an  der  oberen  Grenze  des 
körnig -flaserigeu  Gneisses  und  nähern  sich  in  ihrem  ganzen  Aus- 
sehen lind  auch  in  der  Art  der  accessorischen  Gemeugtheile  sehr 
dem  in  der  folgenden  Zone  herrschenden  gliminerreicheu  schiefe- 
rigen Gneiss. 

Mit  diesen  glimmerreichen  Einlagerungen  sind  sehr  gewöhnlich 
vergesellschaftet  gröbere  sauere  Ausscheidungen,  welche  we- 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  S]iessarts. 


41 


sentlich  aus  fleischrotliein  Orthoklas  und  zuweilen  regelmässig  eiu- 
gewaehseneiu  Quarz  bestehen,  auch  Muskowit,  seltener  Biotit  in 
oft  mehrere  Centimeter  grossen  Schuppen  und  Tafeln  enthalten 
können,  also  von  pegm  ati tar tige r Beschaffenheit  sind. 
Diese  Ausscheidungen  besitzen  eine  ganz  unregelmässige  Gestalt, 
treten  bald  mehr  uesterweise,  liald  mehr  gaugartig  auf,  können 
sich  verästeln  und  rasch  an  Mächtigkeit  zu-  oder  alniehmen. 
Mantelartia:  umschlossen  werden  sie  nicht  selten  von  sehr  o-limmer- 
reichen  Partien  des  Gesteins,  in  welchen  der  helle  muskowit- 
ähuliche  Glimmer  gern  über  den  dunkelen  Biotit  überwiegt. 
Kittel  nennt  diese  Ausscheidungen  Granit  (a.  a.  O.  S.  8). 

Sowohl  jene  glimmerreichen  Einlagerungen  als  die  zuletzt 
erwähnten  saueren  Ausscheidungen  sind  reich  an  zum  Theil  sehr 
schön  ausgebildeteu  accessorischeu  Gern  eno-thei  len,  auf 
welche  Kittel  ebenfalls  aufmerksam  gemacht  hat  (a.  a.  O.  S.  19  u.  9). 
In  den  ersteren  finden  sich,  von  Magneteisen  und  Titaneisen  ab- 
gesehen, besonders  häufig  Staurolith,  Granat  und  Turmalin,  in  den 
letzteren  Turmalin,  Granat  und  Cyauit. 

Einzelne  Lagen  im  glimmerreichen  schuppigen  Gneiss  von 
Damm,  z.  B.  an  der  Bergmühle  und  Aumühle,  enthalten  zoll- 
grosse, von  sehr  glatten,  uiigestreiften  Prismentlächeu  begrenzte 
Turmaliukrystalle  dichtgedrängt  neben  einander  und  auf  den 
Schieferflächen  grünlich  - und  röthlich  - graue  faserige  Alassen 
von  Fi br olith,  während  in  den  groben  pegmatitischeu  Ausschei- 
dungen bei  Haibach  und  an  der  Anmühle  über  4 Centimeter  lange 
gut  ausgelnldete  Turmalinprismen  und  faustgrosse,  aus  nur  wenigen 
Individuen  zusammeuofesetzte  derbe  Turmaliuap:gre2:ate  und  im 
Quarz  eiugewachsene  hreitstengelige,  zum  Theil  gebogene  Cyauite 
von  bläulicher  Farbe  Vorkommen.  Aus  der  Sammlung  des  Herrn 
Prof.  Benecke  liegen  mir  ferner  noch  vor  grosse  Grauatkrystalle, 
2 — 3 Centimeter  im  Durchmesser,  von  röthlich-brauner  Farbe, 
welche  vorherrschend  2 0 2 und  nutergeordnet  oo  O zeigen,  und  in 
den  60-er  Jahren  ans  dem  quarzreicheu  Pegmatit  von  Haibach  ge- 
sammelt wurden,  ln  diesem  finden  sich  auch  bis  3 Centimeter 
breite  Mnskowittafeln  und  bis  10  Millimeter  dicke,  breite  Lagen  von 
derbem  Titaneisen.  Ferner  sind  aus  der  ebengeuaunten  Sammhuig 


42 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


ganz  besonders  beinerkenswertb  zwei  gleichfalls  in  den  60-er  Jahren 
erworbene  Apatit krystalle  ans  dem  Peginatit  von  Sclnnerlenbach. 
Von  diesen  ist  der  eine,  mit  spiegelnden  Flächen  bedeckte,  ringsum 
ansgebildete  Krystall  4 Centimeter  lang  und  nahezu  3 Ceutimeter 
dick,  von  grünlich  - grauer  Farbe,  manchen  Snarnmer  Apatit- 
kry stallen  auch  in  der  Condjination  ooP.oP.P  nicht  unähnlich; 
der  andere,  besser  erhaltene  und  durchscheinende  Krystall  misst 
15  Millimeter  in  der  Höhe  und  17  Millimeter  in  der  Breite,  hat 
eine  hellgrnuliche  Farbe  und  zeigt  die  Combinatiou  go  P . o P mit 
P und  2 P 2.  Auch  Sandberger  hat  (Neues  Jahrb.  f.  Min.  1878, 
S.  842)  ebenso  grosse  Apatitkrystalle  ans  den  »Qnarznestern«  des 
Gneisses  der  Anmühle  bei  Damm  lieschrieben , sowie  Beryll, 
welcher  in  »grösseren  bündelförmig  znsanimeugehänften  Krystallen 
ooP.oP  zum  Theil  noch  frisch  und  von  blass  meergrüner  Farbe, 
zum  Theil  bereits  durch  Zersetzung  gebleicht,  mit  Orthoklas  und 
schwarzem  Turmalin«  in  den  gleichen  Quarzausscheiduugen  vor- 
kommt. 

Grössere  pegmatitische  Ausscheidungen,  welche  entweder  in 
Form  von  Linsen  oder  mehr  oder  weniger  mächtigen  Lagen,  ge- 
wissen sehr  (yrobköruio-en  Vluskowito-neissen  oder  - Graniten  ähn- 

o O ö 

lieh,  in  dem  Gneiss,  und  zumal  in  dem  glimmerreichen  schuppigen 
Gneiss,  eingeschaltet  sind,  werden  augetroffen  am  Gottelsberg,  iind 
in  derselben  Zone  an  der  Schellenmühle,  am  Garteuberg  und  im 
Schmerlenbacher  Wald,  ferner  in  der  Fasanerie  bei  Aschaffenburg 
und  an  der  Bergmühle  und  Schwalbenmühle  bei  Damm. 

In  recht  ansehnlichen  und  behufs  Feldspathgewinnung  früher 
auf  o-rössere  ErstreckuiiG:  aufgeschürften  Gäno-en,  deren  Streichen 
bald  dem  des  Gneisses  entspricht  (h.  3 — 4)  bald  auch  quer- 
gei'iehtet  ist  (h.  7),  tritt  der  Peginatit  nördlich  von  der  Aschaff 
in  der  Gemarkuncf  von  Mainaschaff'  am  soa;enaunteu  Dahlem’s 
Buckel  (»Afholder«  der  bayrischen  Generalstabskarte)  und  in  der 
Nähe  von  Glattbaeh  auf,  hier  sowohl  in  dem  Hohlweg  hinter  der 
Kirche  (2  Gänge,  von  welchen  der  eine  D/2  — 2 Meter,  der  andere 
etwa  12  — 15  Meter  mächtig  ist),  als  auch  an  dem  wegen  seiner 
schönen  Aussicht  vielfach  besuchten  » Grauen  Stein  « (»Bommich« 
der  Generalstabskarte).  Der  Peginatit  von  letzterem  Punkte  (und 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


43 


vom  Dahlem’s  Buckel)  steht  an  Scliönheit  dem  l)ekaimtcu  Schrift- 
granit  von  Bodeumais  in  nichts  nach.  Ausser  feiuköriiigeren  Ab- 
arten kommen  auch  solche  vor,  bei  •welchen  die  Feldspathindividuen 
über  einen  Fuss  im  Durchmesser  besitzen.  Muskowit,  der  im 
Pegmatit  des  Graiien  Steins  sehr  reichlich  vorhanden  ist,  fand 
sich  i.  J.  1875  in  ebenfalls  fussgrossen  Tafeln,  an  welchen  sehr 
deutlich  die  vom  Zinnwaldit  von  Zinnwald  so  bekannte  Fältelung 
nach  3 unter  etwa  60®  sich  schneidenden  llichtuno-en  zu  sehen 

O 

ist.  Besonders  häufig  waren  solche  grosse  Muskowitl)lätter  am  Sal- 
band des  Ganges  und  hier  so  orientirt,  dass  die  zn  blumenl)lätterigen 
Aggregaten  zusammentretenden  Glimmertafeln  mit  ihren  Spaltungs- 
tlächen  nahezu  senkrecht  zum  Salband  standen. 

Ausser  den  pegmatitischen  Ausscheidungen  finden  sich  auch 
noch  Quarzmassen  von  unregelmässiger  Gestalt,  theils  als 
linsenförmige  Einlagerungen  theils  als  Spaltenausfüllungen 
in  der  Gneisszone  zwischen  Aschaffenburg  und  Glattbach,  zumal 
am  Pfaffenberg,  nicht  selten.  Kittel  erwähnt  sie  (a.  a.^  O.  S.  14) 
auch  vom  Gottelsberg,  vom  Büchelberg,  vom  Sternlierg,  von  der 
Strüt  und  von  Kleinostheim,  und  giebt  an,  dass  besonders  gern  Rutil 
in  denselben  eingewachsen  vorkommt.  Auch  Einlagerungen  von 
Quarzit  bezw.  sehr  quarzreichem,  glimmerarmem  und  fast  feldspath- 
freiem  Gneiss  sind  mehrfach  beobachtet  worden,  so  im  Schmerlen- 
bacher Wald,  am  Zeughause  bei  Aschaffenburg,  au  der  Kliuger- 
mühle  bei  Strassbesseubach,  bei  Ilaibach,  am  Wendelberg,  ferner 
an  der  Aumühle  und  bei  Hösbach.  Ihre  Mächtigkeit  ist  zuweilen 
ziendich  beträchtlich. 

Lager  von  glimmerarmen  Gneissen,  welche  früher  als 
Grauulit  oder  Weissstein  beschrieben  wurden,  sind  elienfalls 
nicht  selten.  Sie  finden  sich,  oft  nur  10  Centimeter  oder  noch 
weniger  mächtig,  mit  grauem  Biotitgneiss  wechsellagernd,  und 
vergesellschaftet  mit  Pegmatitlinseu,  nahe  bei  Schmerlcubacli,  nach 
Kittel  (S.  10,  14  und  32)  auch  an  den  Gartenhöfen,  hinter  Gold- 
bach und  bei  Gailbach,  hier  oft  reich  au  kleinen  Granaten.  Ein 
derartiges  Gestein  von  der  Reisermühle  bei  Schweiuheim  enthält 


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H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


in  grosser  Menge  tlieilweise  zersetzten  Feldspath  von  mikropertlii- 
tiscliem  Aussehen  in  einer  feinkörnigen,  die  Feldspäthe  gleichsam 
mit  einander  verkittenden  Grnndmasse  von  Quarz  und  mikro- 
skopisch kleinen  Körnern  von  Granat.  Andere  hiotitarme  Gneiss- 
varietäten,  vrie  solche  an  der  Kniebreche  und  am  Bommich  hei 
Glattbach  Vorkommen,  erhalten  durch  ihr  gleichmässiges  feines 
Korn  ein  granulitartiges  Aussehen;  sie  sind  sehr  reich  an  Feld- 
spath, bisweilen  mit  Mikroklinstructur,  enthalten  Granat  in  runden 
Körnern,  und  in  der  Regel  auch  etwas  Muskowit. 

Von  nur  geringer  Verbreitung,  und  hauptsächlich  auf  die 
höheren  Lagen  des  körnig- flaserigcn  Gneisses  beschränkt,  sind 
Gt  ne  iss  schiefer,  welche  keinen  Biotit  enthalten,  dafür  aber  reich 
an  silberweissem  Muskowit  sind.  Ein  solcher  Muskowitgneiss- 
schiefer  steht  an  dem  We<re  von  Schimborn  nach  WeniMiösbach 

O O 

dicht  vor  dem  EinQ'ana;  in  das  letzta;enannte  Dorf  an.  Er  besteht 

O O O 

vorwaltend  ans  fleischrothem  Feldspath  und  aus  mehr  zurück- 
tretendem Quarz  und  enthält  viele,  verhältnissmässig  grosse  Magnet- 
eisenkryställchen.  Seine  Schieferungsflächen  sind  fast  ganz  mit 
dem  hellen  Glimmer  bedeckt.  Auch  der  Gneiss,  welcher  bei 
Eichenberg  am  Wege  nach  Mittelsailanf,  efwa  in  dem  gleichen 
Horizont  wie  das  obenerwähnte  Gestein  von  Wenighösbach  an- 
steht, ist  dem  letzterem  sehr  ähnlich ; nur  bedeckt  der  silberweisse 
Glimmer  die  Schieferflächeu  des  sehr  düunschieferigen  Gesteins 
nicht  vollständig,  sondern  erscheint  mehr  in  einzelnen  Blättchen 
von  durchschnittlich  1 Millimeter  Durchmesser,  die  durch  das 
Quarzfeldspathgewebe  von  einander  getrennt  sind. 

Ganz  besonders  mannigfaltig  sind  die  Gneisslagen  in  der  ver- 
hältnissmässig breiten  Grenzzone  gegen  den  liegenden  Dioritgneiss. 
Man  findet  in  dieser  mit  einander  und  mit  normalem  körnigem 
Biotitgneiss  wechsellagernd  glimmerreiche  und  glimmerarine  Lagen, 
scheinbar  fast  nur  aus  körnigem  Orthoklas  bestehende  Streifen 
und  röthliche  Qüarzbänder,  welche  in  mannigfachem  Wechsel 
auf  einander  folgend  dem  Gestein  ein  ausgesprochen  streifiges 
Aussehen  verleihen.  Mit  Rücksicht  hierauf  mao;  der  Gneiss  dieser 


TT  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


45 


Zone  als  körnig -streifiger  Gneiss,  also  mit  demselben  Namen  be- 
zeichnet werden,  welchen  TiiÜRACll  für  den  Gneiss  von  Haibacb, 
der  ebenfalls  nnmittelbar  anf  den  Dioritgneiss  folgt,  geAväldt  hat 

Der  körnig -streifige  Gneiss  ist  an  einzelnen  Stellen  durch 
den  Mangel  an  Hornlilende  dem  Dioritgneiss  gegenüber  gnt  ge- 
kennzeichnet; an  anderen  Stellen  aber,  wo  der  Dioritgneiss  an 
seiner  oberen  Grenze  hornblendefrei  wird  oder  biotitreiclie  Lagen 
in  grösserer  Menge  enthält,  gebt  er  ganz  allmählich  in  jenen 
über  (vgl.  auch  Kittel,  a.  a.  O.,  S.  38  nnd  S.  35  Mitte).  Dazu 
kommt  noch,  dass  in  dem  körnig-streitigen  Gneiss  hin  und  wieder 
hornblendereicbe  Einlagerungen  anftreten,  welche  manchen  Ge- 
steinen in  der  Dioritgneisszone  zum  Verwechseln  älndich  sind. 
Kittel  hat  sie  (a.  a.  O.,  S.  32  und  33)  als  »Syenitschiefer«,  » Grün- 
steiuschiefer « nnd  » Ilornblendeschiefer « beschrieben,  aber  etwas 
zu  tief  gesetzt,  wenn  er  sie  als  »Dach  des  Syenits«  (d.  i.  des 
Dioritgneisses)  von  Gailbach  bezeichnet. 

Besonders  beachtenswerth  sind  einige , zum  Theil  recht 
mächtio’e  Einlar>;erun<xen,  welche,  wenn  auch  an  einzelnen  Stellen 

O O ö 7 7 

auskeilend,  doch  ziemlich  constant  in  demselijen  Horizont  im 
körnig  - streitigen  Gneiss  an  verschiedenen  Orten  wiederkehren. 
Es  sind  folgende  : 

1 . Ein  etwa  20  bis  40  Meter  mächtiger  Zng  von  ziemlich  fein- 
körnigen II 0 r n b 1 e n d e g n e i s s e 11  bezw.  II  o r n b 1 e n d e s c h i e f e r n , 
welche  häufig  von  helleren,  saueren  Lagen  durchsetzt  sind.  Sie 
stehen  zwischen  der  Aninühle  bei  Schweinheim  nnd  dem  Fussberg, 
sowie  an  der  Strasse  nach  Gailbach  an  und  streichen  über  den 
Elterbof  bis  in  die  Gegend  des  Klingerbofs  und  nach  Weiler  bei 
Waldaschaff  hin. 

2.  Ein  Lager  von  weissem  körnigem  Kalk,  das  im  Lie- 
genden des  eben  unter  1.  erwähnten  Zuges  au  mehreren  Punkten 
zwischen  dem  Elterhof  und  Haibach  aufgeschlossen  ist  nnd  im 
gleichen  Horizont  am  Hammelsberg  südlich  vom  Klingerbof  beob- 
achtet werden  kann.  Am  Salband  ist  dieses  Ivager  reich  an  breit- 
stengellgem  Treinolit,  nach  Thürach  (a.  a.  O.,  S.  56)  auch  an 


0 lieber  das  Vorliommen  milirosliop.  Zirkone  etc.  Würzburg  1884,  S.  56. 


46 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


mikroskopisch  kleiaeu  Aiiatas-  und  Zirkoukryställclien ; gelbe  luid 
rothe  Granaten  werden  von  Kittel  erwähnt  (a.  a.  O.,  S.  32). 

3.  Ein  schmaler,  etwa  in  der  Mitte  zwischen  dem  körnigen 
Kalk  lind  dem  Dioritgneiss  (bezw.  Aiigengneiss)  gelegener  Zug,  in 
welchem  die  Gneisse,  und  zwar  sowohl  (n’obköruia:e,  o-raultisch 
oder  pegmatitartig  aiisgebildete,  als  glimmerreiche  und  glimmer- 
schieferartige Gesteine,  alle  reich  an  zuweilen  1 Ceutiineter  grossen 
Körnern  von  braunem  Granat  sind.  Auch  diese  Zone  lässt  sich 
vom  Graiiberg  bei  Schweinheim  bis  nach  Strassbessenbach  hin 
verfolgen  ^). 

AVährend  in  der  mächtitren  mittleren  Abtheiliins;  des  körnig;- 
flaserigeu  Gueisses  characteristische,  auf  bestimmte  Horizonte  be- 
schränkte Eiulag;erung;en  fehlen , wenn  man  wenig;stens  von  den 
oben  schon  erwähnten  saueren  Ausscheidungen  und  linsenförmigen 
Lagen  glimmerreicheu  schieferigen  Gueisses,  welche  durch  das 
ganze  Gebiet  des  körnig-tlaserigen  Gueisses  verbreitet  Vorkommen, 
absieht,  stellen  sich  in  der  oberen  Region,  also  nördlich 
vom  Asidiaffthale,  wieder  Horilbleildegueisszüge  in  ziemlich 
reffelmässig’er  Weise  ein.  ITornblendegneisslag-en  von  wechselnder 
Mächtigkeit  und  mehrfach  ganz  anssetzend,  sind  im  Glattbach- 
thale  aufgeschlossen  und  scheinen  sich  von  da  bis  zum  Dahlem’s 
Buckel  bei  Alaiuaschaff,  in  den  Städtischen  Strütwald,  nach  dem 
Rauenthal  und  Steiubach,  und  andererseits  bis  in  das  Goldbach- 
thal, bis  zum  Sternberg:  bei  Wenig'hösbach  und  bis  nach  Eichen- 
berg’,  wo  sich  das  Grundg:ebiro;e  unter  dem  Zechstein  und  Bunt- 
Sandstein  verbirgt,  fortzusetzen  (vgl.  z.  B.  Kittel,  a.  a.  O. , S.  35 
über  die  Profile  im  Glattbacher  Thal  und  au  der  Kuiebrech).  Merk- 
würdiger Weise  sind  sie  dagegen  in  dem  köruig-flaserigeu  Gneisse, 
welcher  im  Kahlthale  sattelartig  aus  dem  glimmerreichen  schieferigen 
Gneisse  hervorragt  und  sich  südwärts  bis  zum  Kupferbergwerk 
Wilhehuine  bei  Sommerkahl  erstreckt  (vgl.  Profil  3),  bis  jetzt  noch 
nicht  aufgefiiudeu  worden,  trotzdem  dieser  Gneiss  dem  normalen 

*)  R.  Ludwig,  Geognosie  und  Geogenie  der  Wettcrau,  Hanau,  1858,  S.  22 
und  23,  giebt  das  Streichen  richtig  an,  hält  aber  die  granitartigen  Gneisse  für 
Granit. 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


47 


zweigliinaierigeu  Gueiss  von  Maiiiaschaft',  Steiiibach,  Glattbach 
und  Goldbach  iin  Uebrigeu  durchaus  älnillch  ist. 

Kittel  erwähnt  von  den  Hornhleudegueisseinlageruugeu  in 
dieser  Zone  folgende:  1.  »sclnnächtige  Schichten«  von  »Syenit- 
gneiss«  iin  Gneisse  des  Eaueuthals,  in  der  Striet  und  hei  Glatt- 
hach  (a.  a.  O.,  S.  12);  2.  » Grün  stein  schiefer«  als  nuterge- 
ordnetes  Lager  im  Gueiss  in  der  Nähe  des  Basalthruches  hinter 
dem  Maiuaschatfer  Weinberge,  und  »etwa  10  Fass  mächtig  im 
Syenitgneisse  und  in  der  Nähe  des  L^rgrünsteins  hinter  Glatthach« 
(S.  32);  3.  » Hornhleud  es chi  efer  « in  grösserer  Mächtigkeit 
anstehend  hei  Steinhach  hinter  der  Sonne  (S.  33);  4.  »Grün- 
stein  (Diorit)«  hinter  Goldhach,  und  bei  Glatthach,  an  crsterem 
Orte  im  grobkörnigen  Gueiss  (ähnlich  soll  er  auch  in  der  Fasanerie 
auftreten),  au  letzterem  Orte  in  dem  Hohlweg  hinter  der  Kirche, 
hier  nach  Kittel  vergesellschaftet  mit  Granit  (d.  i.  Pegmatit), 
Syeuitgneiss,  llornhlendeschiefer  und  Glimmerschiefer  (d.  i.  Ein- 
lagerung von  glimmerreichem  schiefrigem  Gueiss)  mit  Stanrolitheu 
(a.  a.  O.  S.  29).  Endlich  ist  noch  hierher  zu  rechnen:  5.  »eine 
ziemlich  starke  Schicht  von  Epidotgneiss,  in  welchem  kleine 
hlassgrüne  Körnchen  von  Epidot  die  Stelle  des  Glimmers  ver- 
treten«, hinter  Goldhach  (a.  a.  O.,  S.  14):  6.  dann  »neben  diesem 
eine  andere  Schicht  von  Gueiss,  in  welchem  der  Glimmer  durch 
hlassgrüne,  graue  und  schwärzliche,  ziemlich  grosse  Hornhleude- 
krystalle  vertreten  wird«. 

Andere  zersetzte  Ilornhlendegneisse  und  -Schiefer  aus  dieser 
Zone  sind  von  Kittel  als  » Strahl  stein  gueiss  und  Proto- 
gine«  (S.  33)  und  sogar  als  »Gahhro«  (S.  34)  bezeichnet 
worden.  Die  erstereu  führt  er  von  den  schon  oben  genannten 
Orten,  ans  dem  stillen  Tliale  des  Strütwaldes , aus  dem  Glatt- 
hacher  Thale  vom  Fuss  der  Kuiehrecli,  ans  dem  Goldhacher  Thal 
gegen  Unterafterhach  hin,  »hier  überall  derselben  Schichte  auge- 
hörend«, an,  und  ferner  weiter  nördlich  ans  denselben  Thälern, 
ein  zweites  mächtigeres  Lager  bildend,  das  »am  kenntlichsten,  ob- 
wohl im  halhverwitterteu  Zustande,  hinter  der  Kirche  von  Glatt- 
bach ist«.  Sein  »Gahhro«  bildet  auf  dem  Rücken  des  »Bergzuges 
zwischen  Feldkahl  und  Wenighösbach  im  Glimmerschiefer«  — 

O 


48 


H.  Bückin’g,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


rielitio-ei'  an  dem  nach  Weniafliösbach  o'eneio’ten  Abhano:  an  der 

O ö o O Ö 

Grenze  des  körnicr-flasericren  Gneisses  sregen  den  2'linnnerreichen 
schieferigen  Gneiss  (vergl.  Profil  1)  — »ein  kleines  Lager  von  un- 
gefähr 6 Fnss  Mächtigkeit.  Die  Grnndinasse  ist  Schillerspath« 
— richtiger  faserige  Hornblende  — »mit  eingemengten  kleinen 
Körnern  von  Qnarz,  Feldspath  nnd  körnigem  Pistacit.  Die  Ab- 
sonderung geschieht  in  nnregelmässigen , fanst-  Ins  kopfgrossen, 
änsserst  harten«  — richtio-er  zähen  — »Stücken,  oder  in  inassii»en 
Blöcken,  wie  der  dortselbsten  gleichfalls  anftancheude 
G r ü n s t e i 11 « . 

Die  Beschreibungen  Kittel’s  habe  ich  hier  etwas  ausführ- 
licher wiedergegeben,  weil  ans  ihnen  selbst  am  besten  hervorgeht, 
dass  die  obeiigenanuten  von  ihm  mit  so  vielen  verschiedenen 
Namen  belegten  Gesteine  sämmtlich  mir  Horiibleudegneiss  (nnd 
ITornblendeschiefer)  von  wechselnder  Structnr  und  in  verschiedenem 
Zustande  der  Zersetzung  sind.  Ueber  einige  der  erwähnten  Vor- 
kommnisse will  ich  noch  FoDendes  hinznfüofen. 

ö Ö 

Der  Horiiblendeo-ueiss  von  Gold  hach  ist  in  einzelnen 

O 

Ijagen  ziemlich  grobkörnig,  dabei  aber  doch  ausgesprochen  schiefe- 
ria:  bis  feinflaseria:.  Durch  Eiuschaltuna:  dünner,  g:elea:entlich  auch 
wohl  5 Millimeter  starker  Streifen  von  körnigem  Feldspath,  Qnarz 
und  etwas  Biotit  zwischen  die  hornblendereichen  Lagen  erhält  er 
zuweilen  ein  streifiges  Aussehen.  Neben  der  etwas  zersetzten,  hell- 
grün gefärbten,  strahlsteinartigen  Hornblende  stellt  sich  oft  recht 
reichlich  gelbgrüner  Pistacit  ein,  in  körnigen  Aggregaten  durch 
das  Gesteinsgewebe  vertheilt;  in  einzelnen  Bänken  sind  die  ba- 
sischen Gemengtheile  sogar  vollständig  durch  den  secnndär  ge- 
bildeten  Epidot  ersetzt.  Andere  mit  typischem  Hornblendegneiss 
wechselnde  Bänke  führen  nelien  der  Hornblende  noch  ziemlich 
grosse,  etwas  gebleichte,  bräunliche  Biotitblättchen  in  grosser 
Alenge. 

Der  Hornblendegneiss,  welcher  in  dem  Hohlwege 
hinter  der  Kirche  von  Glattbach  etwa  100  Schritt  weit  auf- 
geschlossen ist,  ist  im  Allgemeinen  ziemlich  gleichmässig  feinkörnig 
nnd  zeigt  eine  nicht  gei’ade  sehr  in’s  Auge  fallende  feinstengelige 
Structnr.  Die  schwarzen,  durchschnittlich  2 Alillimeter  langen 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


49 


Hornblendenadeln  sind  parallel  gerichtet  und  umhüllen,  dichtge- 
dränst  uehen  einander  liegend  und  von  vereinzelten  Biotithlättchen 
begleitet,  die  ebenfalls  in  der  Längsrichtung  der  Iloriiblendenadeln 
gestreckten  Aggregate  der  saueren  Gemengtheile.  T3ie  letzteren 
stehen  den  basischen  an  Menge  nicht  nach.  Der  Quarz  tritt  dem 
Feldspath  gegenüber  entschieden  zurück.  Er  umschliesst  im  fein- 
körnigen Gewebe  die  iin  Allgemeinen  grösser  entwickelten  Feld- 
späthe.  Diese  sind  oft  noch  sehr  frisch,  und  erweisen  sich  theils 
als  Orthoklas,  theils  als  stark  verzwillingter  Plagioklas.  Recht 
reichlich  durch  das  ganze  Gestein  zerstreut  ist  Titauit  in  mikro- 
skopisch kleinen  Kryställcheu. 

Etwas  gröber  ausgebildet  sind  der  titanitreiche  Hornblende- 
gneiss  von  Eiclienberg  und  das  viel  frischere  Gestein  vom 
Sternberg  und  Löchl  es  graben  bei  Wenighösbach.  Beide 
entbehren  der  stengeligeu  Structur,  da  die  breit  säulenförmigen 
Hornblenden  in  ihnen  keine  parallele  Anordnung  besitzen.  Das 
etwas  stärker  zersetzte  Gestein  von  Eicheulierg  enthält  wenig  Quarz 
und  von  basischen  Gemeugtheilen  nur  Hornlileude.  Dagegen  ist  der 
Gneiss  von  Wenighösbach  reicher  an  Quarz  und  fuhrt  ebenso,  wie 
der  Hornblendegneiss  von  Glattbach,  auch  noch  Biotit  und  unter 
den  Feldspäthen,  die  vorwiegend  Orthoklas  und  nur  zum  kleineren 
Theil  zwillingsgestreifte  Plagioklase  sind,  auch  solche  mit  deut- 
licher Mikroklinstructur. 

Au  diesen  biotitführeuden  Hornblendegneissen  (oder  Glimmer- 
amphiboliteu)  der  oberen  Abtheilung  des  körnig-flaserigeu  Gneisses 
lässt  sich  übrigens  die  Beobachtung  machen,  dass  mit  zunehmendem 
Biotitgehalt  der  Plagioklas  gegenüber  dem  Orthoklas  ganz  ent- 
schieden zurücktritt.  Sowohl  dadurch  als  durch  Zunahme  des 
Biotits  auf  Kosten  der  Hornblende  entstehen  LTebergänge  in  den 
normalen  körnigen  Gneiss. 

Die  von  Kittel  als  »Gabbro«  beschriebenen  Massen  liegen 
bei  Wenighösbach  auf  den  Aeckern  umher  und  sind  als  Einlage- 
rungen in  einem  Zug  von  Plornldeudegueissen  zu  deuten,  welchem 
auch  der  zuletzt  erwähnte  glimmerführende  Hornblendegneiss 
vom  Sternberg  und  Löchlesgraben  angehört.  Es  sind  grobkörnig 
ausgebildete,  fast  nur  aus  Hornblende  in  verschiedenen  Zer- 


Jahrbuch  1'889. 


4 


50 


H.  B ücKiNo,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


setzungsstadien  bestehende,  äusserst  schwer  zerschlagbare  Blöcke, 
welche  eine  gewisse  Aehnlichkeit  mit  zersetztem  Gabbro  besitzen. 
Sie  haben  entweder  eine  gleichmässig:  schmutziir-olivengrüne  Farbe 
oder  dadurch,  dass  sich  in  dem  vorherrschend  branngrünen  Filz- 
gewebe hier  nnd  da  rothbraune,  nni’egelmässig  begrenzte  Flecken 
einstelleu,  ein  scheckiges  Aussehen.  Die  mikroskopische  Unter- 
suchung lehrt,  dass  das  Gestein  aus  einem  Aggregat  von  breiteren, 
farblosen  bis  schwach  grün  gefärbten,  faserigen  Hornblenden,  vielen 
dünnen  farldosen  Tremolitfasern  und  unregelmässig  vertheiltem 
Brauneisen  besteht.  Einzelne  grössere  Hornblenden,  und  unter 
diesen  Zwillinge  des  gewöhnlichen  Gesetzes,  scheinen  noch  die 
Form  der  primären  Hornblende  zu  besitzen;  sie  enthalten  aber 
viele  unregelmässia:  eiugelagerte  Tremolitfasern  und  werden  kranz- 
förmig  von  einem  Tremolitfilz  umgeben.  In  den  frischesten  Stücken, 
welche  zur  Untersuchung  gelangten,  ist  die  herrschende  Hornblende 
bereits  faserig,  von  grüner  Farbe  und  strahlsteinartigem  Aussehen. 
Eine  Bildung  von  serpentinartigen  Zersetzungsproducten  wurde  in 
den  von  mir  gesammelten  Handstücken  nicht  wahrgenommen. 

Die  Gneisse,  welche  im  Kahlthale  zwischen  Blanken- 
bach und  Grosskahl  einerseits,  und  zwischen  Sommerkahl 
und  Schöllkrippen  andererseits,  unter  dem  glimmerreichen 
schieferigen  Gneisse  hervortreten,  sind  den  normalen  zweiglimme- 
rigen  Gneissen,  wie  sie  für  die  obere  Abtheilung  der  Zone  der 
körnig -flaserigen  Gneisse  weiter  südlich  bezeichnend  sind,  durch- 
aus ähnlich. 

In  den  Gneissen,  welche  zwischen  Vormwald  und  Schöll- 
krippen (Profil  3)  und  besonders  in  den  Hohlwegen  östlich  und 
nördlich  von  Schöllkrippen  anstehen,  überwiegt  der  Biotit  den  Mus- 
kowlt.  Die  Structiir  ist  eine  feintlaserige  bis  schieferige,  die  Farbe 
eine  hell-  oder  röthlichgraue.  Unter  den  Gemengtheileu  herrscht 
der  hell-fleischrothe  Orthoklas  Amr.  Die  Glimmermiueralien  treten 
im  Allgemeinen  sehr  zurück;  wenigstens  bedecken  sie  nur  sehr 
selten  in  zxisammenhängenden  Massen  die  Schieferflächen  \mll- 
ständiar;  am  häufia:sfen  erscheinen  sie  entweder  in  von  einander 
getrennten  Blättchen  gleichmässig  über  die  ganze  Schieferfläche 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


51 


zerstreut  oder  in  einzelnen  Streifen  besonders  geliänft,  dadurch 
eine  Art  von  stengeliger  Structur  bedingend. 

Grobflaserig  und  augeugneissartig  entwickelte  Varietäten 
kommen  in  mehr  oder  weniger  mächtigen  Bänken  zwischeu- 
gelagert  zwischen  den  herrschenden,  feinflaserigen  und  schieferigen 
Gneissen  vor.  Auch  können  echte  Biotitgneisse  und  Biotit -freie 
hellglimmerige  Gneisse  neben  den  gewöhnlichen  zweiglimmerigen 
Gneissen,  ebenso  feldspathreiche  und  quarzarme  neben  feldspath- 
armen und  quarzreichen  Abarten  uuterschieden  werden.  Ueber- 
haupt  ist  die  Mannigfaltigkeit  der  verschiedenen  Gneissvarietäten 
in  dem  oben  abgegrenzten  Bezirk,  zumal  wenn  mau  noch  auf  die 
Zersetzungsstadien  der  einzelnen  Gemengtheile  und  auf  das  häufige 
Auftreten  einzelner  accessorischer  Mineralien  Rücksicht  nehmen 
wollte,  eine  so  grosse,  dass  es  nicht  möglich  ist,  alle  die  ver- 
schiedenen Abaideu  hier  ausführlicher  zu  beschreiben. 

Nur  das  sei  noch  erwähnt,  dass  sieh  auch  glimmerarme, 
granulitartige  Gesteine  in  wenig  mächtigen  Bänken  hier  und  da, 
z.  B.  in  der  Nähe  von  Vormwald,  einstellen,  bald  reicher  an 
Feldspath,  bald  reicher  an  Quarz,  gewöhnlich  recht  feinkörnig 
und  im  Querbruch  manchen  mürben  Sandsteinen  nicht  unähnlich. 
Der  Feldspath  dieser  Gneisse  ist  nicht  selten  Plagioklas,  der 
spärliche  Glimmer  in  der  Regel  Muskowit. 

Interessant  ist  das  Kupfererz  Vorkommen  in  den  eben  be- 
sprochenen Gneissen  auf  der  Grube  Wilhelmiue  (»Ober- 
mühle« der  bayr.  Generalstabskarte)  bei  Sommerkahl.  Der  durch 
die  bergbaulichen  Aufschlüsse  blosgelegte  Gueiss  ist  ziemlich 
grobkörnig  und  theils  flaserig,  tlieils  mehr  ebeuschieferig;  Quarz 
durchschwärmt  ihn  in  Schnüren  und  Linsen  von  grösserer  und 
geringerer  Ausdehnung.  Die  Mehrzahl  der  Gueissbänke  enthält 
nur  weisseu  Glimmer;  doch  ist  in  einigen  auch  dunkeier  vorhanden, 
mit  dem  hellem  verwachsen,  aber  au  Menge  ihm  gegenüber  zui’ück- 
tretend.  Es  hat  den  Anschein,  als  ob  der  weisse  Glimmer  zum 
grossen  Theil  secundär  ist  und  sich  erst  bei  den  Vorgängen,  welche 
die  Erzführuug  des  Gesteins  veranlasst  haben , gebildet  hat. 
Der  Feldspath  kommt  sowohl  in  grösseren,  ziendich  stark  zer- 


4 


52 


H.  Bückisg,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


setzten,  von  dem  ungleicliköniigeu  Quarzgewebe  umsclilosseneu 
ludividiieu  voi’,  welche  dem  Orthoklas  zugebören,  als  auch  in 
kleineren,  zwischen  den  Qiiarzkörnern  unregelmässig  zerstreut 
liegenden,  frischeren  Körnchen,  welche  sich  durch  ihre  Zwillings- 
streithng  als  Plagioklas  zu  erkennen  gehen.  Der  helle  Glimmer 
beherbergt  dunkle,  unter  etwa  60®  sich  schneidende  Säiilcheu, 
welche  als  Rutil  zn  deuten  sind  ^).  Aehnliche  nadelförmige  Mikro- 
lithen  finden  sich  auch  mitten  in  den  Zersetzungsproducten  des 
Feldspaths.  Titanit,  Zirkon  und  Apatit  sind  in  ziemlich  scharf 
ausgebildeten  Kryställchen  vorhanden.  Von  secundären  Mineralien 
ist  Calcit  zu  erwähnen;  derselbe  liegt  in  feinen  Körnchen  ziiweilen 
mitten  im  Quarz  - Plagioklas  - Grundgewebe. 

Von  den  Kupfererzen  der  Grube  Wilhelmine  finden  sich  die 
Schwefelverbinduu2:en  nur  auf  einzelnen  unrea:elmässioc  das  Gestein 
durchziehenden  Spalten  und  Klüften,  die  kohlensauren  Salze  hin- 
gegen allenthalben  in  dem  klüftigen  Gestein,  die  feinsten  Spalten 
desselben  erfüllend  und  die  Höhlungen  krustenförmig  überrindend. 
Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  dass  die  Erzführung  von  dem  im 
Hangenden  des  Gneisses  liegenden  Kupferlettenflötz  der  Zechstein- 
formatiou  ihren  Ausgang  nimmt.  Die  gangartigen  Spalten  im 
Gneiss  mögen  sich  zu  derselben  Zeit  mit  Schwefelerzen  gefüllt 
haben,  als  sich  anderwärts  im  Spessart  die  Kupfererzgänge  und 
Kobaltrückeu  der  Zechsteinformation  bildeten.  Von  den  Gängen 
und  dem  hangenden  Kupferlettenflötz  aus  haben  sich  dann  die 
unter  dem  Einfluss  des  Sickerwassers  und  der  Luft  entstandenen 
Zersetzungsproducte  allenthalben  durch  das  Gesteiu  verbreitet. 

Die  wichtigsten  auf  den  Gängen  auftretenden  Erze  sind  Fahl- 
erz, Buntkupfererz  und  Kupferkies  ; jüngerer  Entstehung  sind 
Malachit,  Kupferlasur,  Kieselkupfer,  Kupferglimmer  und  einige 
seltenere  Mineralien,  von  welchen  noch  das  von  Sandberger  mit 
dem  Namen  Leukochalcit  belegte  Mineral  ^),  ferner  der  bisher  von 


')  Der  Rutil  ist  überhaupt  im  Glimmer  der  Spessartgneisse  etwas  häufiger, 
als  dies  nach  Tuürach,  Vorkommen  mikroskop.  Zirkone  etc.,  Würzburg  1884 
S.  21  , der  Fall  sein  soll. 

N.  Jahrbuch  f.  Min.  1881,  I,  S.  259;  vgl.  auch  Th.  Petersen,  ebenda, 
S.  2G2 — 64;  ebenso  Cotta,  ebenda,  1876,  570,  Referat  über  seine  Abhandlung 
in  der  Berg-  u.  Hüttonmänn.  Zeitung,  1876,  No.  14. 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


53 


der  Grube  Wilbelmine  iiocli  nicht  bekannt  gewesene  Aragonit 
(in  kleinen  sjaiessigen  Krystallen)  und  der  von  Herrn  Gruben- 
verwalter Fischer  aufgefundene  Pharinakosiderit^)  erwähnt  seien. 

Analoge  Kupfererzvorkoininen  sind  in  der  Nähe  von  Sailauf, 
bei  Goldbacli,  zwischen  Hösbach  und  Wenighösliacb  (Kittel, 
a.  a.  O.,  S.  15)  und  an  der  Feldstufe  bei  Feldkahl  zeitweilig  in 
Bearlieituncr  gewesen. 

1 11  der  G r e n z z o n e g e g e n d e n g 1 i in  m e r r e i c h e n schiefe- 
rigen Gneiss  findet  sich  an  der  Feldstufe  östlich  von  Wenig- 
hösbacli  und  ebenso  weiter  östlich  bei  Eiclienberg,  am  Wege  nach 
Alittelsailauf,  und  im  Kabltbale  am  Fusspfad  von  Scliöllkrippen 
nach  Western,  allenthalben  demselben  Niveau  angehörig,  ein 
schieferig  ausgehildeter,  fein-  bis  mittelkörniger  Gneiss  von  heller 
Farbe,  der  vorwiegend  aus  Feldspath  und  Quarz  besteht  und  nur 
auf  den  Schieferflächen  kleine  dunkle  Biotitblättchen  enthält.  Der 
Feldspath,  vorwiegend  stark  zersetzter  Orthoklas,  bildet,  wie  an 
Schliffen  quer  durch  das  Gestein  sichtbar  wird,  körnige  Aggre- 
gate und  wird  durchsetzt  von  kleinen  flachen  Quarzlinsen,  die 
sich  aus  mehreren  Individuen  körnig  zusammensetzen.  Auch  secun- 
däre,  aus  dem  Feldspath  hervorgegangene  Muskowitblättchen, 
von  welchen  man  in  der  Kegel  mit  unbewaffnetem  Auge  nichts 
wahrnimmt , durchziehen  das  Quarz  - Feldspath  - Gewebe  , der 
Schieferung  ebenso  folgend,  wie  die  Quarzaugen. 

Alit  derartig  ausgebildeten  Gneissen  wechsellagern  an  der  oberen 
Grenze  des  körnig -flaserigen  Gneisses,  zumal  bei  Wenighösbach 
(Profil  1),  bei  Glattbach  (Profil  2)  und  bei  Kleiuostheim,  einzelne, 
zum  Theil  recht  mächtige  Einlagerungen  von  glimmerreichem, 
schieferigem  Gneiss,  welcher  von  dem  in  der  folgenden  Zone 
herrschenden  Gestein  petrographisch  nicht  unterschieden  werden 
kann.  Es  wird  dadurch  ein  Uebergang  in  die  folgende  Zone  ver- 
mittelt; derselbe  ist  an  vielen  Stellen  ein  ganz  allmählicher  und 
wird  um  so  weniger  auffällig,  je  zahlreicher  und  je  weniger 
mächtig  jene  Einlagerungen  sind. 

')  Der  schon  länger  bekannte  Pharmakosiderit  von  Schöllkrippen  kommt 
nicht  im  Gneiss,  sondern  im  Eisenstein  der  Zechsteinformation  am  Kalmus  bei 
Schöllkrippen  vor. 


54 


H.  Bücrisg,  Das  Gnmdgebirge  des  Spessarts. 


li.  Glimmerreicher  schieferiger  Gneiss. 

Der  gliimnerreiclie  schieferige  Gueiss  ist  ein  durch 
das  entschiedene  Vorwalten  der  Glinimergemengtheile  sehr  wenig 
widerstandsfähiges  Gestein.  Er  bildet  ein  von  zahlreichen,  wenig 
tiefen  Thäleru,  mannigfach  gekrümmten  Schluchten  und  tief  eiii- 
geschnitteueu  Hohlwegen  durchfurchtes,  flachwelliges  Bergland,  in 
welchem  fast  allenthalben  prachtvolle  Aufschlüsse  vorhanden  sind, 
die  ein  lehrreiches  Bild  von  dem  Gebirgsbau  und  der  Gesteius- 
beschaftenheit  geben.  Besonders  in  dem  von  der  Kahl  diirch- 
strömteu  Gebiet  zwischen  Oberafierbach- Rückersbach  und  Gross- 
kahl-Huckelheim,  welches  nur  noch  zum  kleinen  Theil  auf  der  von 
Kittel  entworfenen  geognostischen  Karte  der  Umgegend  von 
Aschafteuburg  zur  Darstellung  gelangt  ist,  kann  man  die  Aus- 
bilduuo;  des  g-limmerreichen  Gueisses  am  besten  studireu  und 
beobachten,  dass  sein  allgemeines  Streichen  von  SW.  nach  NO. 
o-erichtet  ist  und  das  Einfällen  durchschnittlich  30  bis  600  NW. 

O 

beträgt. 

Er  entspricht,  wie  ich  bereits  früher  (Zeitschr.  d.  Deutsch, 
geolog.  Gesellsch.  1879,  S.  419)  erwähnt  habe,  demjenigen  Theil 
der  von  Kittel  zum  Glimmerschiefer  gerechneten  Gesteine,  von 
dem  er  behauptet,  dass  der  Glimmer  drei  Viertheile  der  ganzen 
Masse  bilde  (a.  a.  O.,  S.  18—22).  Von  dem  eigentlichen  Glimmer- 
schiefer unterscheidet  er  sich  wesentlich  durch  das  Vorhandensein 
des  Feldspaths,  der,  in  der  Regel  schon  in  Kaolin  zersetzt,  nur 
auf  dem  Querbruch  leicht  erkannt  werden  kann,  bei  manchen  sehr 
glimmerreicheu  Varietäten,  wie  solche  z.  B.  zwischen  Schöllkrippen 
und  Western  auftreteu,  aber  nur  ganz  im  Innern  der  einzelnen 
von  dichten  Glimmerlagen  gebildeten  Linsen  enthalten  ist,  und  sich 
sehr  leicht  ganz  der  Beobachtung  entzieht.  Fast  durchgängig  ist 
es  der  dunkle  Maiiuesiumoi-limmer,  der  sich  in  so  vorwalteuder 
Weise  au  der  Zusammensetzung  des  Gesteins  betheiligt;  doch  ist 
er,  wenigstens  zum  Theil,  nicht  selten  stark  gebleicht  oder  in 
goldgelbe  und  lichtbräunliche  Blättchen  verwandelt.  Sehr  häufig 
ist  er  mit  Kaliglimmer  verwachsen.  Der  Quarz  pflegt  gern  in 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


55 


linseuförinigen  Knauern,  welche  in  seltenen  Fällen  eine  Dicke  von 
einem  Meter  erreichen  können,  ansgeschiecleu  zu  sein;  mau  sieht 
sie  vielfach  auf  den  Feldern  zusammena:etrao:eu  und  als  Chaussee- 
material  verwendet.  Auch  grobkörnige  Massen  von  rothem  Feld- 
spath  und  Quarz,  zuweilen  Chloritbntzen  enthaltend  oder  von 
radialstengeligem  Turmalin  begleitet,  kommen  hier  und  da  vor, 
z.  B.  bei  Mömbris. 

Gewöhnlich  wechseln  Gneisse,  welche  reich  au  dunkelbraunem 
oder  gebleichtem  und  goldglänzeudem  Biotit  sind  und  Muskowit 
in  verschiedener  Menge  enthalten,  mit  Gneissvarietäten,  welche 
weniger  Glimmer  führen  und  schon  auf  der  Schieferfläche  zwischen 
dem  immerhin  noch  vorwaltenden  Glimmer  etwas  Quarz  und  Kaolin 
erkennen  lassen  oder  auch  wohl  von  mehrere  Millimeter  dicken 
Quarzlageu  regelmässig  durchzogen  sind.  Die  letzteren  Gesteine 
sind  selbstverständlich  fester,  als  die  glimmerreichen;  sie  treten 
allenthalben,  auch  da,  wo  sie  in  nur  wenig  mächtigen  Bänken 
vorhanden  sind,  in  den  an  Mächtigkeit  weit  überwiegenden,  aber 
gewöhnlich  ganz  aufgelösten,  weichen,  glimmerreicheu  Schichten 
recht  deutlich  hervor.  Andere  Varietäten  des  glimmerreichen 
schieferirren  Gneisses  nähern  sich  dem  eia:entlichen  Glimmerschiefer 
dadurch,  dass  der  Quarz  auf  Kosten  des  Feldspaths  sich  reichlicher 
einstellt. 

Die  Gneissgesteine  dieser  Zone  sind  fast  durchaus  ziemlich 
ebenschieferig  oder  zeigen  eine  feine  Fältelung  und  Rippung  der 
Schieferfläche.  Letzteres  ist  besonders  bei  denjenigen  Gneissen 
zu  beobachten,  welche  hellen  Glimmer  ausschliesslich  oder  in  reich- 
licher Menge  neben  dem  Biotit  enthalten.  Der  helle  Glimmer 
ist  dann  nicht  selten  sericitisch  ansgebildet  und  schmiegt  sich  in 
dichtem  Gewebe  eng  an  die  Runzeln  und  Falten  auf  den  Schieter- 
flächen  au,  so  z.  B.  in  den  Gesteinen  in  der  Nähe  des  Buch- 
wäldchens zwischen  Überschneppenbach  und  Ilofstädten  und  au  den 
Weinbergen  von  Kleinostheim.  Andere  Gneisse  haben  eigenthüm- 
lich  unebene , von  vielen  beulenartigen  Erhebungen  bedeckte 
Schieferflächeu  und  auf  dem  Querbruch  eine  feine  Axigengueiss- 
structur,  bedingt  durch  das  porphyrartige  Auftreten  einzelner  Quarz- 
Feldspath- Körner  oder  grösserer  Feldsj^äthe  oder  Granaten. 


56 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


Der  gliinmerreiche  Giieiss  ist  iii  einzelnen  Bänken  ausser- 
ordentlicli  reich  an  accessorischen  Geinengtheilen.  Be- 
sonders häufig  ist  Granat,  der  sich  in  Krystallen  bis  zn 
Erbsen-  und  Haseluussgrösse  findet,  aber  nur  in  den  kleineren, 
zumal  in  den  mikroskopisch  kleinen  Kryställchen  noch  frisch  er- 
scheint. In  der  Regel  ist  er  in  Brauueiseu,  oder  in  ein  Gemenge 
von  Brauneisen  und  Chlorit  oder  Biotit  umgewaudelt.  Sehr  schön 
findet  er  sich,  sowohl  frisch  in  rid)inrotheu,  ebenflächig  begrenzten 
Rhombeudodekaederu,  als  in  den  ebeuerwähuten  Pseudomorphoseu, 
zusammen  mit  Staurolith  in  dem  Hohlweg  nördlich  von  Königs- 
hofeu,  in  einem  zweiglimmerigen  Gueisse,  welcher  neben  Orthoklas 
noch  Plagioklas,  allerdings  nur  in  kleinen  Kryställchen  mitten 
zwischen  den  Quarzköruern,  und  Zirkon  und  Apatit  ziemlich 
reichlich  enthält.  Ferner  kommt  Granat  sehr  schön  bei  Mömbris 
in  einem  muskowltreicheu  Gneiss  und  in  einem  in  der  Nähe  an- 
stehenden muskowitfreien , feldspatharmeu,  von  mehreren,  bis 
2 Millimeter  dicken  Quarzlagern  durchzogenen  Biotitgneiss  vor. 

Fast  ebenso  weit  verbreitet  als  der  Granat  ist  der  Staurolith. 
Seine  ebenflächig  begrenzten,  bis  zu  2 Ceutimeter  laugen  Krystalle 
werden  bei  starken  Regengüssen  aus  dem  lockeren  Gestein  aus- 
gespült und  können  daun  auf  den  Fahrwegen  und  in  den  Gräben 
an  den  Bergabhängen  in  Menge  gesammelt  werden.  Hauptfuud- 
stellen  für  den  Staurolith  sind  Königshofen,  wo  ich  ausser  ein- 
fachen  Krystallen  als  Seltenheit  auch  Zwillinge  nach  ge- 

funden habe,  die  Flöhe  südlich  bei  Schimborn,  der  Hohlweg  nörd- 
lich von  Feldkahl  und  der  Abhang  nördlich  bei  Mömbris.  In 
mikroskopisch  kleinen  Krystallen,  welche  ebenso,  wie  die  grösseren, 
Quarzköruer  in  grosser  Aleuge  umschliesseu  und  einen  starken 
Pleochroismus  zwischen  gelb-  und  röthlichbraun  zeigen,  kommt 
der  Staurolith  fast  in  allen  näher  untersuchten  glimmerreichen 
Gueissen  dieser  Zone  vor. 

Im  ganzen  seltener  als  Granat  und  Staurolith,  wenn  mau 
von  den  gewöhnlich  vorhandenen  mikroskopischen  Kryställchen 
absieht,  ist  der  Turmalin.  Er  findet  sich  namentlich  schön  in 
Form  von  mehrere  Millimeter  laugen  uadelförmigen  Kryställchen 
in  dem  dunkeleu  Burgberger  und  iiu  hellen  sericitischen  Gneiss 


H.  Bücking,  Das  Gnindgobirge  des  Spessarts. 


57 


aus  der  Nachbarschaft  der  Erzgänge  ini  Lochboi-ner  und  Köhriger 
Revier  bei  Bieber,  etwa  5 Kilometer  vom  oberen  Kabltbal  entfernt, 
wo  der  Glimmergneiss  auf  kurze  Erstreckung  noch  einmal  zu 
Tage  tritt,  sonst  aber  besonders  häufig  in  dmi  Quarzlinsen  in 
Form  radial-  oder  parallelstengeliger  Büschel  von  dunkler  Farbe. 
Den  von  Flurl  und  dann  von  KiTTEL  (a.  a.  O.,  S.  19  und  25) 
beschriebenen  » Schörlscbiefer «,  welcher  bei  Scböllkrippen  »eine 
Schichte  oder  ein  Lager  bildet,  was  tast  nur  aus  büscheligen 
Krystalleu  von  gemeinem  Turmalin  besteht«,  habe  ich  an  diesem 
Orte  bis  jetzt  noch  nicht  auffinden  können. 

Auch  das  Vorkommen  von  Glankophan,  welches  Thürach 
(a.  a.  O.,  S.  48)  als  grosse  Seltenheit  aus  dem  »Staurolith-Gneiss« 
von  Steinbach,  ohne  nähere  Angabe,  erwähnt,  ist  mir  nicht  ge- 
nauer bekannt. 

Dagegen  habe  ich  zwischen  Schöllkrippen  und  Unterschneppen- 
bach, in  einer  in  den  glimmerreichen  Gneiss  tief  eingeschnittenen 
Scbhicht,  ein  für  den  Spessart  neues  Mineral  gefunden,  nämlich 
Andalnsit.  Derselbe  bildet  1 bis  2 Centimeter  lange  Krystalle 
der  Combination  coP.oP,  von  kurz  gedrungenem  prismatischem 
Habitus.  Randlich  sind  die  Krystalle  bedeckt  mit  silberweissem 
Muskowit,  nur  im  Innern  sind  sie  noch  frisch  und  von  blass 
röthlicher  Farbe.  Eine  von  Herrn  Dr.  Linck  ansgeführte  Analyse 
des  frischeren  Materials  ergab  37,52  Si  0-2  und  59,07  AI2  O3  (da- 
neben noch  kleine  Mengen  von  Kalk,  Magnesia  und  Alkalien,  die 
von  dem  eingewachsenen  Mnskowit  herrührten),  was  mit  den  be- 
kannten Analysen  sehr  gut  übereinstimmt.  Vergesellschaftet  mit 
dem  Andalnsit  ist  Muskowit  in  etwa  2 Centimeter  grossen  Kry- 
stallen  mit  deutlicher  Fältelung  auf  den  Basisflächen  (vergl.  oben 
S.  43)  und  Quarz  in  linsenförmigen,  körnigen  Massen.  Die  ge- 
nannten Mineralien  bildeten  eine  nicht  sehr  ansehnliche  linsenför- 
mige Ausscheidung  mitten  im  glimmerreichen  schieferigen  Gneiss. 

Das  Magnet-  und  Titaueiseu  ist  in  allen  Varietäten  des 
glimmerreicheu  Gneisses  ein  sehr  o;ewöhulicher  Gemengtheil.  Nach 
starken  Regengüssen  sammeln  sich  die  kleinen  Kryställchen  und 
Körner  in  den  Wan'engeleiseu  der  austeio-enden  Fahrwee:e  und  in  den 
Wasserrisseu  an  einzelnen  Stellen  als  schwarzer,  metallisch  glänzen- 


58 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


der  Saud  in  grosser  Menge  an;  dieser  wird  vielfach  gewonnen 
und  als  Streusand  benutzt.  Mit  dem  Magnet-  und  Titaneisen 
zusammen  finden  sich  nicht  selten  kleine  Körner  von  Granat  und 
Staurolith,  auch  kleine  Turmaline,  ferner  Kutil-  und  Zirkon- 
kryställcheu. 

Als  Einlagerungen  im  glimmerreichen  schieferigen 
G ne  iss  sind  bemerkenswerth  Hornl)l  e n degueisse  und  Quarz  it- 
schiefer,  bezw.  quarzreiche  Glimmerschiefer. 

Die  Hornblendegneisse  sind  nur  wenig  mächtig,  und  im 
Ganzen  sehr  ähnlich  den  oben  erwähnten  Ilornblendeofueissen  von 
(ilattbach  und  Eichenberg.  Sie  sind  bekannt  durch  Kittel 
(a.  a.  O.,  S.  29  und  32)  von  Fcldkahl,  wo  sie  im  Hohlwege  nörd- 
lich vom  Dorf  mit  südlichem  Einfallen  ansteheu,  sowie  von  Erlen- 
liach  und  Kaltenberg.  Ich  kann  weiter  nennen  ein  etwa  2 Meter 
mächtiges  Lager,  welches  am  Wege  von  Wenighösbach  nach 
Schimborn  (Profil  Ib),  in  dem  gleichen  Horizont  liegt,  wie  das 
von  Erleubach,  ferner  ein  Vorkommen  von  der  Womburg  bei 
Schimborn  und  endlich  aus  dem  nördlichen  Theil  des  Gneiss- 
gebietes  ein  Vorkommen  von  Unterwestern,  wo  an  der  Kreuzung 
des  südlich  vom  Dorf  befindlichen,  bogenförmig  gekrümmten  Hohl- 
wegs mit  dem  vom  Dorf  aus  gerade  östlich  verlaufendem  Wege 
ein  wenig  mächtiges  Lager  beobachtet  wird. 

Weit  ansehnlicher  sind  die  (tu.Tl’zitsclliefereiulagerungen.  Sie 
finden  sich  besonders  in  der  mittleren  und  oberen  Abtheilung 
des  trlimmerreichen  schieferigen  Gneisses.  Am  tiefsten  liegt  die 
Quarzitschieferlinse,  welche  westlich  von  Grosslaudenbach,  zwischen 
diesem  Dorfe  und  der  Klotzenmühle,  auf  der  Höhe  des  Gans- 
berges ausstreicht.  Einem  höheren  Niveau  dürften  die  etwas  an- 
sehnlicheren und  länger  anhaltenden  Lager  südlich  von  Erlenbach 
(am  Wege  nach  Feldkahl)  und  südöstlich  von  Schimborn  (im 
Thale  der  Feldkahl,  etwa  20  bis  30  Meter  mächtig)  angehören. 

Der  Quarzit  von  Erlenbach  ist  von  grauer  bis  grünlich- 
grauer Farbe  und  zerfällt  durch  Klüfte  quer  und  parallel  der  Schiefe- 
rung in  mehr  oder  weniger  dünne,  parallelepipedisch  gestaltete, 
scharfkantige  Stücke.  Die  Schieferung  ist  bedingt  durch  lageuförmig 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


f)9 

angeordnete  grünlich-weisse  Gliinmerblättchen,  die  sich  in  einzelnen 
Zonen  sparsamer,  in  anderen  reichlicher  einstellen.  Unregelmässig 
in  dem  Gestein  vertheilt  sitzen  winzige  rothe  Granaten,  und  in 
Ilöhliingeu  kleine  dunkele  Eisenglanzblättchen.  Unter  dem  Mikro- 
skop erweist  sich  das  Gestein  als  ein  fein-  und  ungleichkörniges 
Quarzaggregat,  welches  wirr  durch  einander  liegende,  oft  hin  und 
her  ü;ebos:ene  Muskowitblättchen  in  ziemlich  jxrosser  Memre  enthält. 

Ö o O O 

Feldspath  scheint  sich  nicht  au  dem  Aufbau  des  Gesteins  zu  be- 
theiligen;  in  einzelnen  Lagen  sind  dagegen  Pseudomorphosen  von 
Brauneiseu  nach  einem  hexaedrisch  krystallisirenden  Mineral,  ver- 
muthlich  nach  Eisenkies,  ziemlich  häufig. 

Anscheinend  in  dem  gleichen  Niveau,  vielleicht  ein  wenig  höher 
liegt  das  durch  Steinbruchsbetrieb  blossgelegte  Quarzitlager 
vom  Kalmus  zwischen  Schöllkrippen  und  Unter-Krombach.  Der 
Quarzit  besitzt  eine  schon  mit  dem  blossen  Auge  deutlich  wahr- 
nehmbare körnige  Structur,  ist  also  viel  grobkörniger  als  der 
Quarzit  von  Erlenbach.  Dabei  ist  er  viel  ärmer  au  Muskowit, 
der  in  manchen  Lagen  sogar  ganz  zu  fehlen  scheint,  und  enthält 
in  seinen  durch  Eisenoxyd  etwas  röthlich  gefärbten  Varietäten 
zahlreiche  Kaolinkörucheu,  reihenförmig  parallel  den  Schieferflächen 
angeorduet.  Auch  mikroskopisch  kleine  Grauatkrystalle  in  Form 
des  Rhombeudodekaeders  wurden  im  Quarz  eingeschlossen  beob- 
achtet. 

Etwa  200 — 300  Meter  mächtig  und  über  8 Kilometer  anhaltend 
ist  der  Quarzitschieferzug,  welcher  bei  der  Heiligkreuz- 
Ziegelhütte  zwischen  Kahl  und  Iluckelheim  unter  dem  Buntsand- 
stein und  Zechstein  hervortritt  und  sich  von  da  in  südwestlicher 
Richtung  bis  nach  Niedersteinbach  im  Kahlthal  fortsetzt.  Er 
wird  von  den  Thälern  der  Westernkahl  und  des  Sclmeppeubachs 
durchquert  und  ist  in  diesen,  zumal  bei  Western,  vortreft'lich  auf- 
geschlossen. Bei  seiner  sehr  bedeutenden  Widerstandsfähigkeit 
gegen  die  Einflüsse  der  Atmosphärilien,  besonders  im  Vergleich  zu 
dem  ihn  umgebenden  glimmerreichen  Gneiss,  ragt  er  als  ein  beider- 
seits ziemlich  steil  abfallender  Grat  aus  diesem  emjior  und  bildet 
auf  seinen  unfruchtbaren  und  deshalb  nicht  vom  Ackerbau  lie- 
nutzteu  Höhen  hier  und  da  ansehnliche  Eelsmassen.  Er  erinnert 


60 


11.  B üciuNG,  Das  Graudgebirge  des  Spessarts. 


somit  iu  seinem  orographischen  Cliarakter  au  den  weit  gross- 
artigeren,  von  Gümbel  iu  seinem  schönen  Werk  über  das  ost- 
bayerische  Grenzgebirge  beschriebenen  und  durch  charakteristische 
Skizzen  veranschaulichten  Pfahl. 

In  dem  Steiubrnch  zwischen  Ober-  und  Unterwestern,  in 
welchem  der  Quarzit  als  Chausseematerial  gewonnen  wird,  wechseln 
quarzreiche,  durch  dünne  Glimmerlageu  schieferige  Quarzitbäuke 
von  durchschnittlich  10  — 30  Centimeter  Mächtigkeit  mit  düun- 
schiefei’igen  glimmerreicheu  Gesteinen.  Die  Quarzite  haireu  durch- 
gängig ein  feines  Korn,  viel  feiner  als  der  Quarzit  vom  Kalmus, 
und  besitzen  demgemäss  einen  ansgesprocheu  splittrigeu  Bruch. 
Der  Glimmer,  welcher  in  schuppigen  Aggregaten  die  meist  ebene 
Schieferfläche  nur  zum  Theil  bedeckt,  ist  bald  silberweiss,  bald 
wie  der  Chromglimmer  grün  gefärbt,  ohne  indessen  eine  deutliche 
Chromreactiou  zu  geben  ^).  Als  mikroskopisch  kleine  Einschlüsse 
finden  sich  Kryställchen  und  Körner  von  Magneteisen,  z.  Th.  um- 
gewaudelt  iu  Brauueiseu,  ferner  Sänlchen  eines  bräunlichen  und 
eines  grünlichen  bis  blänllchen  sfark  doppeltbrecheuden  Minerals. 
Die  gelbbraunen  Sänlchen  gehören  offenbar  dem  Rutil  an,  welcher 
auch  in  vereinzelten  herzförmio;en  Zwillingen  beobachtet  wurde: 
dagegen  dürften  die  schwach  grünlich  und  bläulich  gefärbten  Kry- 
stalle  wohl  Zirkon  sein.  Eine  eingehendere  Untersuchung  dieser 

O O 

kleinen  Gebilde  habe  ich  bis  jetzt  noch  nicht  vorgenommen. 

Die  glimmerreicheu  Zwischeulageu  des  Quarzitzuges  haben 
verschiedene  Mächtigkeit.  Sie  wechseln  in  ihrem  Aussehen  und 
in  ihrer  Festigkeit  je  nach  der  Menge  des  Glimmers,  der  au 
ihrer  Zusammensetzung  Theil  nimmt.  Zwischen  Varietäten,  welche 
den  Glimmer  nur  auf  den  Schichtungsflächen  in  noch  zusammen- 
hängenden Massen  zeigen  und  bei  seinem  weiteren  Znrücktreten 
geradezu  Uebeigänge  in  den  eben  besj^rochenen  Quarzit  bilden, 
lind  zwischen  Varietäten,  in  welchen  der  Quarz  ganz  untergeordnet, 
etwa  nur  noch  iu  Form  von  schmalen  Linsen  zwischen  dem  vor- 


')  Sandbergek  will  in  ähnlichem  Glimmer  von  Steinbach  im  Kahlthale  durch 
Löthrohrversuche  das  Chrom  nachgewiesen  haben,  vergl.  Neues  Jahrb.  für.  Min. 
1879,  S.  368. 


U.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


61 


waltenden  Glimmer  erscheint,  giebt  es  alle  nur  denkbaren  Zwi- 
schenstiifen.  Einzelne  der  letzteren  Arten  sehen  selbst  dem  glim- 
ineiTeichen  Gneisschiefer  nicht  unähnlich,  besitzen  aber  gewöhnlich 
einen  etwas  röthlichen  oder  bräunlichen  Farbenton  durch  reichlich 
vorhandenes  Roth-  oder  Brauneisenerz,  welches  hier  bei  der  durch- 
2’äno'ia'  lichteren  Farbe  des  Glimmergemengtheils  viel  intensiver 
färbt,  als  bei  den  dunkeieren  glimmerreichen  Gneissen.  Ausserdem 
ist  aber  ein  wesentlicher  Unterschied  darin  vorhanden,  dass  Feld- 
spath  an  dem  Aufbau  des  Quarzitschieferzuges  sich  gar  nicht, 
oder  höchstens  nur  in  ganz  untergeordneter  Weise,  betheiligt. 
Der  Glinunergemengtheil  der  Schieferlageu  ist  nach  seinem  mikro- 
skopischen Verhalten  als  Muskowit  zu  bezeichnen.  An  Ein- 
schlüssen finden  sich  in  den  glimmerreichen  Schiefern  einmal  die 
gleichen,  wie  in  den  quarzitischen  Lagen,  dann  aber  noch  ziem- 
lich häufig  Granat  in  zahlreichen  kleinen  Rhombeudodekaedern,  aber 
nicht  mehr  frisch,  sondern  umgewaudelt  in  ein  Gemenge  von  Braun- 
eisen, Quarz  und  hellem  Glimmer,  und  ferner  noch  Turmalin  in 
braunen,  bis  3 Millimeter  langen  Kryställchen. 

Spalten  innerhalb  des  Quarzitzuges  sind  mehrfach  mit  fein- 
körnigem Quarz  und  blättrigem  Schwerspath  erfidlt.  Am  Buch- 
wäldcheu  bei  Ilofstädten  betheiligt  sich  auch  Brauneisenstein  und 
am  Steincheuberg  bei  Western  brauner  Glaskopf  und  Sammet- 
bleude  an  der  Ausfüllung  dieser  Spalten. 

Erwähnt  sei  noch,  dass  in  der  Nähe  vou  Königshofen,  in  der 
unteren  Zone  des  glinunerreichen  schieferigen  Gneisses,  zwei  etwa 
1 Meter  mächtige,  nordwestlich  streichende  Gänge  eines  stark 
zersetzten  Eruptivgesteins  auftreten.  Das  Gestein  ist  weich, 
zerreiblich,  in  feuchtem  Zustande  thonig  - schmierig,  hat  eine 
bräunlich  - graue  Farbe,  ist  theils  compact,  theils  blasig  ausgebil- 
det, und  im  letzteren  Falle  manchen  zersetzten  Melaphyreu  nicht 
nnähnlich.  Das  Gestein  als  einen  Kersautit  aufzufassen,  erscheint 
nicht  gerechtfertigt;  die  an  einzelnen  Stellen  vorhandene  blasige 
Ausbildung  spricht  sogar  dagegen.  Am  meisten  Wahrscheinlichkeit 
hat  die  Deutung  dieser  Gesteine  als  Melaphyr,  umsomehr  als  im 
benachbarten  Gebiet  ja  mehrfach  Gänge  und  Decken  von  Mela- 
phyr auftreten,  z.  B.  im  Main  unterhalb  Offenbach,  und  in  der 


62 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


Nähe  von  Urberach  westlich  von  Babenhausen,  also  etwa  30  — 35 
Kilometer  von  Königshofen  entfernt. 

Die  mikroskopische  Untersuchung  des  vollständig  zersetzten 
Gesteins  gieljt  keinen  Aufschluss;  man  beobachtet  nur  Kaolin 
in  feinsten  Körnchen,  in  innigem  Gemenge  mit  Brauneisen. 

Die  bei  Obersailauf  auftretenden  Quarzporphyre  ent- 
sprechen, ebenso  wie  die  in  den  tieferen  Regionen  des  Grundge- 
birges an  mehreren  Orten  in  der  Nähe  von  Aschaftenl)urg  vor- 
kommendeu  Basalte  und  Phonolithe,  Eruptionsstielen  von 
Gesteinen,  welche  dem  Rothliegenden  bezw.  Tertiär  zugehören. 


III.  Quarzreicher  Glimmerschiefer  oder  Quarzitglimmer- 
schiefer. 

Die  auf  den  glimmerreichen  Gneiss  foUende  sehr  mächtisre 

ö o o 

Zone  des  Quarzitglimmersehiefers  beginnt  auf  der  Linie  Ober- 
western — Hofstädten  — Niedersteiubach  — Molkenberg  — Hohl- 
Häuserackerhof  und  lässt  sich  nach  Norden  bis  zu  einer  vom  Eicher 
Hof  bei  Gelnhausen  über  Grosseuhausen- Horbach  nach  Kälberau 
und  Hörstein  gezogenen  Linie  verfolgen.  Innerhalb  dieses  Gebietes 
kann  mau  ein  im  Allgemeinen  nordöstliches  Streichen,  und,  von 
ganz  wenigen  Stellen  abgesehen,  wo  kleinere  Störungen  vorliegeu, 
ein  Einfallen  von  30  — 80,  durchschnittlich  etwa  50®  in  nord- 
westlicher Richtung  beobachten. 

Die  Gesteine,  aus  welchen  sich  der  Quarzitglimmerschiefer 
zusammensetzt,  sind,  abgesehen  von  weiter  unten  zu  besprechen- 
den wenig  auffälligen  Einlagerungen,  ausserordentlich  ähnlich  den- 
jenigen, welche  in  dem  Quarzitschieferzug  von  Western -Nieder- 
steinbach Vorkommen,  sodass  sie  deshalb  etwas  kürzer  behandelt 
werden  können.  Auch  sei  gleich  hier  darauf  aufmerksam  gemacht, 
dass  der  Glimmergneisszug,  welcher  (in  Profil  3)  zwischen  Polster- 
hecke und  Dörsenbach  eine  Mächtigkeit  von  etwa  500  Meter  be- 
sitzt, zwischen  Dürrensteiubach  und  Niedersteiubach,  also  6 Kilo- 
meter weiter  nach  SW.  hin,  sich  auskeilt,  wodurch  der  an  dieser 


II.  Bückinq,  Das  Gruntlgebirge  des  Spessarts. 


63 


Stelle  ebenfalls  weit  weniger  mächtige  Quarzitzug  von  Western- 
Polsterliecke  sich  mit  dem  Quarzitglimmerschiefer  vereinigt.  Erst 
jenseits  der  Kahl  treten  zwischen  jenem  Quarzitzug  im  Liegenden 
und  dem  Quarzitglimmerschiefer  im  Hangenden  einige  Glimmer- 
gueissliusen  von  grösserer  Mächtigkeit  auf  (vergl.  Profil  2),  welche 
alter  auf  der  Höhe  des  Halmeukamms  wiederum  auszukeileu  scheinen. 
Man  könnte  bei  dieser  Laorerung  darüber  streiten,  ob  es  richtiger 
ist,  den  Quarzitzug  von  Western -Polsterhecke  als  Einlagerung 
im  glimmerreichen  Gneiss  zu  betrachten,  oder  den  hangenden 
Glimmergueiss  als  Einlagerung  im  Quarzitglimmerschiefer.  Ich 
habe  im  Jahre  1875  bei  der  geologischen  Kartiruug  des  Blattes 
Bieber,  als  mir  die  Lagerungsverhältnisse  weiter  im  Südwesten 
noch  nicht  bekannt  waren,  mich  für  die  erste  Annahme  entschie- 
den, lediglich  mit  Rücksicht  auf  die  viel  grössere  Mächtigkeit 
des  hangenden  Glimmergueisses  gegenüber  der  des  liegenden 
Quarzitzuges,  und  möchte  nun  nicht  ohne  genügenden  Grund  von 
meiner  früheren  Auffassung  abgeheu.  Jedenfalls  folgt  aus  den 
eben  erwähnten  und  zumal  ans  den  im  Profil  2 wiedergegebeuen 
Lagerungsverhältnissen  an  der  Grenze  vom  glimmerreichen  Gneiss 
und  Quarzitglimmerschiefer,  noch  mehr  aber  aus  der  Betrachtung 
einzelner  Profile  in  den  Greuzregioneu  selbst,  dass  auch  zwischen 
diesen  beiden  Zonen  keine  haarscharfe  Grenze  vorliegt,  sondern  viel- 
mehr ganz  ähnliche  Uebergänge  vorhanden  sind,  wie  an  der  Grenze 
des  glimmerreichen  Gneisses  gegen  den  körnig -flaserigen  Gneiss. 

Im  Gebiet  des  Quarzitglimmerschiefers  lassen  sich,  ähnlich 
wie  in  dem  Quai’zitschieferzug  von  Wesfern,  quarzreiche  und  quarz- 
ärmere,  glimmerreichere  Abarten  nnterscheideu.  Diese  treten  ge- 
wöhnlich zu  grösseren  Complexeu  zusammen,  so  dass  glimmer- 
reiche und  glimmerarme  Zonen  unterschieden  werden  können. 
Die  Mächtigkeit  dieser  Zonen  ist  eine  sehr  wechselnde,  auch  keilen 
sie  sich  öfter  aus;  zumal  bei  geringer  Mächtigkeit  halten  sie  nicht 
weit  an. 

Eine  besonders  quarzreiche  Zone,  in  welcher  Quarzitschiefer 
mit  wenig  Glimmer,  von  weisser,  röthlicher  oder  auch  grünlicher 
Farbe,  herrscht  und  hier  und  da  felsbildend  zu  Tage  tritt,  ver- 
läuft vom  Gleisberg;  und  Kreuzberfj  bei  Geiselbach  über  den 

O Ö 


64 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


Schaiizeiikopf,  dem  Tenfelsgrimd  entlang,  nach  dem  Hahnenkamm, 
liier  die  höchste  Erhebung  des  Spessarts  in  seinem  westlichen  Theile 
bildend.  Eine  andere  quarzreiche  Zone  ist  die  unmittelbar  über  dem 
glimmerreichen  Gneiss  lagernde,  welche  vom  Müllersteiu  zwischen 
Geiselbach  und  Iluckelheim  bis  zum  Stein  bei  Omersbach  und 
gegen  Niedersteinbach  hin  verfolgt  werden  kann.  Wieder  andere 
quarzreiche  Zonen,  z.  B.  am  Wiedermark  und  Hässlich  zwischen 
Geiselbach  und  Grossenhausen , und  nördlich  davon  am  Iveulstock 
und  Pflanzenrain,  sind  durch  eine  wellig-schieferige  und  theilweise 
stengelige  Structur,  auch  durch  feine  Längsfltlteu  und  Runzeln  anf 
den  Schieferflächeu,  den  vorher  erwähnten  mehr  ebenschieferigen 
Quarzitschiefern  gegenüber  also  durch  eine  auftalleude  Holzstructur 
ausgezeichnet. 

Glinunerreiche  Lagen  von  sehr  verschiedener  Mächtigkeit 
finden  sich,  gut  aufgeschlossen,  unmittelbar  im  Plaugenden  der 
obenerwähnten  Quarzitschiefer-Zone  des  Müllersteins,  sowohl  am 
Ziegelberg  als  auch  westlich  vom  Stein  bei  Omersbach,  dann  in 
dem  vom  Omersbach  bis  zum  Falkeubach  und  in  den  Tenfels- 
gruud  herabzieheuden  Thale,  sowie  im  Teufelsgrnnd  selbst.  Die 
Glimmerschiefer  dieses  Zuges  sind  bald  von  gelblich-  oder  grün- 
lich-grauer,  auch  dnukelgrauer  Farbe,  bald  durch  Eisenoxyde  roth 
oder  braun  gefärbt,  auch  gefleckt  und  gestreift.  Ganz  regelmässig 
wechseln  in  ihnen  Lagen  von  Glimmer  mit  solchen  von  Quarz. 

Aehnliche  glimmerreiche  Schiefer  liegen  zwischen  den  anderen 
obenerwähnten  Quarzitzügeu,  die  flachen  Einsenknngen,  Mulden  und 
Thalbildnugen  zwischen  jenen  meist  durch  steilere  Bergformen  aus- 
gezeichneten Zonen  erfüllend. 

Nahe  an  der  oberen  Grenze  des  Quarzitglimmerschiefers,  am 
Eicher  Hof,  bei  Grossenhausen,  Kälberau  und  Hörsteiu  kommen 
phyllltisch  aussehende  Glimmerschiefer  vor,  in  welchen 
die  einzelnen  Glimmerblättchen  nicht  mehr  mit  uubewafthetem 
Auge  unterschieden  werden  können.  Kittel  hat  (a.  a.  O.,  S.  23) 
zuerst  auf  diese  von  Hörsteiu  und  Alzenau  ihm  bekannt  gewordenen 
»Abänderungen  des  Glimmerschiefers,  die  zu  dem  Thonschiefer 
hinueigen«,  aufmerksam  gemacht,  und  Gümbel  hat  daun  später, 
zuletzt  1881,  a.  a.  O.,  S.  16,  die  Bedeutung  dieser  Beobachtung 


H.  Bücking,  Das  Gruiulgebirgo  des  Spessarts. 


65 


entsprechend  hervorgelioben.  Die  seidenartig  glänzenden  Gesteine 
sind  weiss,  oder  von  grauer,  gelblicher  und  brauner  Farbe,  sehr 
düunschieferig  und  gewissen  Taunusgesteineu  auf  das  täuschendste 
ähnlich. 

Ueber  die  Gemeiigtheile  des  Qiiarzitglimmerscliiefers  mögen 
hier  noch  einige  Bemerkungen  angereiht  wei’den. 

Der  Glimmer  ist  in  der  Regel  silberweiss.  ln  den  glimmer- 

c5  Ö 

reichen  Gesteinen  bildet  er  zusammenhängende  Lagen,  während 
in  den  quarzreichen  Schiefern  seine  Blättchen,  zu  feinen  Streifen 
aneiuandergereiht,  knapp  den  sechsten  Theil  der  Schiefer  fläche 
bedecken.  In  den  letzteren  ist  er  zuweilen  ganz  oder  theilweise 
intensiv  grün  gefärbt.  Derartige  von  Sanduerger  als  Chrom- 
glimmer  bezeichnete  Blättchen  finden  sich  besonders  in  sehr  harten 
Quarzitschiefern,  welche  in  einem  Steinbruch  südöstlich  von 
Grossenhausen  an  der  Strasse  nach  Huckelheim  und  an  ver- 
schiedenen Stellen  im  unteren  Kahlthal  als  Chausseematerial 
gewonnen  werden.  Das  specifische  Gewicht  eines  solchen  grünen 
Glimmers  von  Huckelheim  wurde  zu  etwas  höher  als  2,85  bestimmt. 
Reines,  mit  THOULEx’scher  Lösung  isolirtes  Material  ergab  eine 
nur  schwache  Chromreaction;  die  Phosphorsalzperle  wurde  nur 
ganz  hellgrünlich  gefärbt,  während  mit  der  Natronschmelze  gar 
keine  deutliche  Chromreaction  zu  erhalten  war.  Jedenfalls  ist  der 
Gehalt  an  Chrom,  von  welchem  zweifellos  die  grüne  Farbe  her- 
rührt, weit  geringer  als  in  den  bis  jetzt  analysirten  Chromglimmern 
vom  Zillerthal  und  von  Syssert.  Bei  der  Verwitterung  des  Ge- 
steins wird  der  Glimmer  gewöhnlich  gelblich,  braun  oder  roth 
gefärbt,  dadurch  dass  das  secundär  gebildete  Braun-  oder  Roth- 
eisen  auf  den  Spaltungsflächen  eindringt.  — Biotit  wurde  im 
normalen  Quarzitglimmerschiefer  niemals  beobachtet. 

Der  Quarz  bildet  in  den  Quarzitschiefern  entweder  ein 
regellos-  und  ungleichköruiges  Gewebe,  oder  tritt,  was  noch 
häufiger  der  Fall  zn  sein  scheint,  ausser  in  kleinen  Körnern  auch 
noch  in  grösseren  spindelförmig  gestalteten  Individuen  auf,  welche, 
bald  etwas  gebogen,  bald  gerade  und  parallel  gerichtet,  eine  erst 
unter  dem  Mikroskop  erkennbare  Flasei’-  und  Schieferstructur  des 
Gesteins  bedingen.  Die  erstere  Structur,  an  die  des  oben  er- 


Jahrbuch  188y. 


5 


66 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


wälmten  Quarzites  vom  Kalmus  erinnernd,  ist  den  Quarzitschiefern 
von  Huckelheim,  die  letztere  manchen  Gesteinen  von  Grossen- 
hausen  und  vom  Hahnenkamm  eigenthümlich.  Ein  scharfer  Unter- 
schied existirt  übrigens  zwischen  den  beiden  Structuren  nicht;  sie 
gehen  vollständig  in  einander  über. 

Die  einzelnen  Quarze  sind  gewöhnlich  sehr  unregelmässig 
begrenzt  und  bieten  im  Durchschnitt  recht  zackige  Umrisse  dar, 
sind  also  wie  in  einander  verzapft.  In  manchen  Gesteinen,  wie 
z.  B.  in  dem  körnig  struirten  Quarzit  von  Horbach,  hat  der  Quarz 
jedenfalls  in  Folge  mechanischer  Einflüsse,  auf  welche  auch  der 
sericitisch  ausgebildete  Glimmer  hinweist,  eine  striemige  Beschaffen- 
heit, oft  von  solcher  Regelmässigkeit,  dass  man  bei  Betrachtung 
im  polarisirten  Licht  eher  an  Plagioklas  als  an  Quarz  denken 
möchte.  Oefter  ist  er  auch  unregelmässig  verbogen. 

O O O 

Bemerkenswerth  ist  ferner,  dass  die  Quarze  einiger  Quarzit- 
schiefer (besonders  von  Horbach  und  von  Huckelheim)  reich  an 
Flüssigkeitseinschlüssen,  anscheinend  auch  au  solchen  mit  doppelter 
Libelle,  sind,  die,  zu  einzelnen  Reihen  augeordnet,  das  ganze 
körnige  Quarzgewebe  in  paralleler  Richtung  durchziehen,  ohne 
irgendwie  durch  die  Grenzen  der  einzelnen  Körner  in  ihrem 
Verlaufe  gestört  zu  werden.  Auch  an  dem  obenerwähnten  Quarzit- 
schiefer von  Western,  der  als  Einlagerung  im  glimmerreicheu 
schieferigen  Gueiss  vorkommt,  kann  man  die  gleiche  Erscheinung 
wahi’nehmen  ^). 

*)  Auch  Sauer  und  Cohen  haben  an  Quarzitschiefern  des  Erzgebirges  und 
der  Vogesen  dasselbe  Verhalten  beobachtet.  Sauer  hebt  hervor,  dass  zahllose 
.Flüssigkeitseinschlüsse  im  Sinne  der  Schichtung  zu  weit  fortlaufenden  Streifen 
angeordnet,  den  Quarzitschiefer  der  unteren  Stufe  des  Freibergor  Gneissterrains, 
aus  der  Gegend  südlich  von  Freibergsdorf,  durchziehen,  ohne  nur  im  gering- 
sten durch  die  gegenseitigen  Grenzen  und  Verwachsungsnähte  der 
Quarzkörner  in  ihrem  durchgehenden  Verlaufe  beeinflusst  zu  werden 
(Erläut.  zur  Section  Freiberg  - Langhennersdorf  der  sächs.  Specialkarte,  1887, 
S.  14).  — E.  Cohen  erwähnt  von  einem  Quarzitschiefer  aus  dem  Liegenden  der 
Weiler  Schiefer  in  der  Nähe  von  Urbeis  (Abhandl.  zur  geol.  Specialkarte  von 
Eisass -Lothringen,  111,  3,  1889,  S.  186),  dass  Reihen  von  zahlreichen  Poren, 
welche  mit  Flüssigkeit  erfüllt  sein  dürften,  auf  grosse  Erstreckung  ungestört 
aus  einem  Quarzkorn  in  die  benachbarten  fortsetzen,  und  im  ge- 
wöhnlichen Licht  in  Folge  dessen  der  ganze  Dünnschliff  aus  einem  Quarz- 
individuum  zu  bestehen  scheint. 


H.  Bückin’g,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


67 


Feldspath  fehlt  in  der  Hauptmasse  der  Quarzitglimmer- 
scliiefei’gesteine  vollständig.  Nnr  in  einem  im  Allgemeinen  wenig 
ansehulicdien  Gestein  an  der  Grenze  gegen  den  glimmerreichen 
schieferiofen  Gueiss  erscheint  Orthoklas  als  ein  wesentlicher  Ge- 
mengtheil  und  macht  es  dadurch  zu  einem  echten  Gneiss.  Derselbe 
ist  von  röthlicher  Farbe,  ist  nicht  sehr  reich  an  hellem  Glimmer, 
enthält  den  fleischrothen  Feldspath  und  grauen  Quarz  etwa  zu 
gleichen  Theilen  und  zeigt  hei  mürber  Beschatfenheit  eine  Neigung 
zur  stengelio-en  Absouderuno;.  Am  besten  ist  das  Gestein  aufffe- 
schlossen  in  der  Nähe  von  Niedersteinbach,  wo  es  mehrere  wenig 
mächtige  Bänke  bildet.  Ansserdem  kommt  Orthoklas  nur  hier  und 
da  in  einzelnen  gröberen,  linsenförmigen  oder  gangartigen,  wesent- 
lich aus  Quarz  bestehenden  Ansscheidnngen  innerhalb  der  glimmer- 
reichen Gesteine,  der  eigentlichen  Glimmerschiefer,  untergeordnet 
vor  lind  ist  dann  in  der  Regel  in  Kaolin  umgewandelt;  so  z.  B. 
zwischen  Rotheberg  und  Teufelsmühle.  Sonst  ist  der  Feldspath 
lieschränkt  auf  verhältnissmässig  schmale  Einlagerungen  eigenthüm- 
licher,  unten  noch  näher  zu  besprechender  Gesteine. 

Accessorisch  erscheint  in  dem  Qnarzitglimmerschiefer  ausser 
den  Eisenerzen,  welche  frisch  und  in  verschiedenen  Zuständen 
der  Zersetzung  allgemein  verbreitet  auftreten , besonders  häufig  der 
Granat.  Selten  findet  er  sich  noch  in  frischen  rothbraunen 
Körnern  und  kleinen  etwa  Stecknadelkopf- grossen  Kryställchen, 
wie  in  den  quarzitischen  Lagen  an  der  Strasse  zwischen  Huckelheim 
und  Oberwestern  unweit  des  ersten  Dorfes;  gewöhnlich  ist  er  zer- 
setzt und  umgewandelt  in  ein  glimmerartiges,  sehr  feinkörniges 
Mineral,  welches  von  Quarz-  und  Brauneisenadern  durchzogen 
wird.  Viele  solche  Pseudomorphosen  findet  man  in  glimmerreichen 
Lagen  in  der  Nähe  des  Ilüttengesässhofes  im  Kahlthale  und  am 
Rochusberg  und  Kreuzberg  bei  Geiselbach;  einzelne  Gesteine  be- 
stehen fast  zur  Hälfte  aus  ihnen. 

Auch  Turmalin  ist,  zumal  in  den  granatführeuden  Gesteinen 
vom  Hüttengesässhof,  recht  verlireitet.  In  grösseren  nicht  wohl 
zu  übersehenden  Massen,  und  zwar  in  radlalstänglichen  Aggre- 
gaten von  schwarzer  Farbe,  findet  er  sich  ziemlich  häufig  in  den 
grossen  Quarzausscheidungen  innerhalb  der  glimmerreichen  Lagen, 


G8 


H.  Bücicing,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


besonders  zwischen  Rotlieberg  und  Hüttengesässbof.  In  dem  Ge- 
steinsgewebe selbst  kommt  er  meist  nur  in  mikroskopischen 
Kryställchen  von  brauner  oder  dunkelgrüner  Farbe  ganz  allgemein 
verbreitet  vor,  aber  nur  an  einzelnen  Orten  in  etwas  ansehnlicher 
Menge.  Ziemlich  reichlich  findet  er  sich  z.  B.  in  den  rothen 
glimmerreichen  Zwischenlagen,  welche  an  der  Gelnhäuser  Strasse 
nordwestlich  oberhalb  des  Dorfes  Huckelheim  zwischen  quarz- 
reichen Schiefern  liegen  und  mit  diesen  von  einem  ehedem  ver- 
suchsweise aborebauten  Rotheiseustein2:aug  durchsetzt  werden.  Sie 
sind  durch  eine  sehr  deutliche  Fältelung  ausgezeichnet,  führen 
neben  röthlichen,  durch  beigemengtes  Eisenoxyd  gefärbten  Mus- 
kowitlagen  auch  weisse  sericitische  Massen  und  enthalten  verhält- 
nissmässig  nur  wenig  Quarz  in  einzelnen  von  dem  bei  weitem 
vorwiegenden  Glimmer  augenartig  umschlossenen  Körnern  und 
Linsen. 

In  einzelnen  Lagen  dieser  Gesteine  liegen  dicht  gedrängt 

O o o o 

neben  einander  oft  mehrere  Millimeter  grosse  Krystalle  von 
Granat,  die  in  der  Regel  nicht  mehr  frisch,  sondern  in  eine 
braune  erdige  Masse  zersetzt  sind.  Ferner  kommen  in  ihnen 
in  verhältnissmässig  grosser  Zahl  scharf  begrenzte  Pseudomor- 

O O ö 

phosen  von  einer  specksteinartigen  oder  sericitischen  Masse  nach 
einem  in  hexagonalen  Prismen  krystallisirenden  Mineral  vor. 
Nach  ihrer  Form,  welche  bei  der  vollständigen  Umwandlung  der 
Krystalle  allein  in  Betracht  kommen  kann,  möchte  ich  sie  für 
Pseudomor  phosen  nach  Beryll  halten.  Die  Prismen  er- 
reichen eine  Länge  von  etwa  10,  und  eine  Breite  von  2 — 3 Milli- 
meter. 

Ferner  ist  in  allen  näher  untersuchten  Gesteinen  der  Q.uarzit- 
glimmerschieferregion  Rutil  in  kleinen,  intensiv  gelbbraunen  Pris- 
men reichlich  vorhanden.  Ganz  besonders  häufig  ist  er  in  den 
grünen  Glimmer  führenden  Quarzitlagen  in  der  Nähe  des  Ilütten- 
gesässhofes.  Er  kommt  gewöhnlich  in  einfachen  Krystallen,  seltener 
auch  in  knie-  und  herzförmigen  Zwillingen  vor.  Sagenitgewebe 
wurden  in  den  untersuchten  Dünnschliffen  nicht  beobachtet. 

Weniger  sicher  bestimmt  ist  der  Zirkon.  Kleine  wasser- 
helle und  etwas  bläulich  oder  grünlich  gefärbte  Kryställchen, 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


69 


welche  im  Quarz  eingewaehseu  Vorkommen,  dürften,  wenn  sie 
sich  nicht  als  Apatit  erweisen,  als  Zirkon  aufznfassen  sein.  Als 
solche  sind  wohl  auch  die  in  den  Gesteinen  sehr  verbreitet  auf- 
tretenden kleinen  rundlichen  Körner  zn  betrachten,  die  eine  starke 
Doppelbrechung  zeigen  und  wasserhell  bis  schwach  bläulich  oder 
rrriinlich  erefärbt  sind.  ThÜrach  erwähnt  den  Zirkon  als  einen 

O O 

häutigen  Gemengtheil  der  Quarzitschiefer  und  Quarzitglimmer- 
schiefer (a.  a.  O.  S.  57)  und  giebt  an,  dass  auch  Brookit,  Auatas 
und  Staurolith,  hin  und  wieder  sogar  häufig,  sich  in  ihnen  ein- 
stellen. Von  den  letztgenannten  Mineralien  habe  ich  in  den  von 
mir  untersuchten  Gesteinen  keines  mit  Sicherheit  nachweisen 
können. 

Apatit  wurde  in  grösseren  hexagonalen  Prismen  und  noch 
frisch  nur  einmal  in  einem  an  grünem  Glimmer  reichen  Quarzit- 
schiefer, welcher  im  unteren  Kahlthal  zur  Chausseebeschotteruug 
verwendet  wird,  beobachtet.  Bemerkenswerth  war  an  diesen  Apatit- 
prismen, dass  sie  hin  und  wieder  ein  Kutilkryställchen  umschlossen. 
Im  Quarz  eingewachsen  kommt  Apatit  in  äusserst  winzigen  Kry- 
stallen  ziemlich  verbreitet  vor;  er  ist  dann  nicht  leicht  vom  Zirkon 
zu  unterscheiden. 

Ob  einzelne  in  Brauneisen  umgeAvandelte  Krystalle  von  qua- 
dratischem Querschnitt,  welche  sich  am  Kochusberg  liei  Geisel- 
bach ziemlich  häufig  auf  den  Schichtflächen  der  Gesteine  finden, 
auf  Eisenkies  zurückzuführen  sind  oder  auf  Granat,  lasse  ich 
dahingestellt. 

Besonders  bemerkenswerthe , von  den  oben  beschriebenen 
abweichende  (Jesteine,  welche  in  der  unteren  Abtheilung  der 
(tuarzitglimmerscliieferregion  auftreten,  sind  folgende : 

1.  Gneissgl  immerschiefer  von  Hörstein.  Derselbe 
gleicht  einem  biotitreichen,  muskowitarmen  Gneiss  aus  der  Region 
der  glimmerreichen  schieferigen  Gneisse,  ist  aber  dadurch  aus- 
gezeichnet, dass  er  in  grosser  Zahl  Aveisse,  erbsengrosse,  rundliche 
Körner  eingestreut  enthält,  welche  auf  dem  Querhruch  augenartig 
zwischen  den  umhüllenden  Glimmerlagen  hervortreteu  und  auf  der 
Schieferfläche  als  rundliche  Erhebungen  sich  bemerklich  machen. 


70 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


Diese  Körner  bestehen  vorwaltend  ans  Feldspath,  welcher  mit 
mehr  znrücktretendem  Quarz,  Biotit  und  Granat  unreffelmässifr 
verwachsen  ist.  Granat  ist  in  kleinen  bis  Stecknadelkopf- grossen 
Krystallen  von  der  Form  des  Ikositetraeders  2 0 2 durch  das 
ganze  Gestein  verbreitet,  ist  noch  vollkommen  frisch  und  zeigt 
einen  deutlichen  Zouenbau,  hervorgerufen  durch  zonar  eiusrelatrerte, 
kleine,  prismatisch  ausgebildete,  hellbräuulich  gefärbte  Rutilkry- 
ställchen. 

Ob  das  Gestein  von  Hörsteiu  genau  dem  oben  (S.  67)  von 
Niedersteiubach  erwähnten  in  seiner  Lagerung  entspricht,  hat  bis 
jetzt  noch  nicht  entschieden  werden  können.  Jedenfalls  gehört  es, 
ebenso  wie  jenes,  der  unteren  Greuzregion  des  Quarzitglimmer- 
schiefers au,  nähert  sich  aber  in  seinem  Aussehen,  insbesondere 
auch  durch  den  Gehalt  au  dunkelem  Glimmer  mehr  den  in  der 
liegenden  Region  herrschenden  Gesteinen,  während  jener  durch  vor- 
walteudeu  Feldspath  und  hellen  Glimmer  ausgezeichnete  Gueiss, 
eher  au  manche  Gesteine  aus  der  oberen  Abtheiluusr  der  körnio-- 
flaserigen  Gneisse  erinnert. 

2.  Gneisse  und  Schiefer  vom  Kirbig  bei  Iluckel- 
heim  und  aus  dem  gleichen  Niveau  von  anderen  Orten.  Au  dem 
Fussweg  von  Oberwestern  nach  Huckelheini  und  in  dem  letzt- 
genannten Dorfe  selbst  treten  an  der  Grenze  des  glimmerreicheu 
Gueisses  gegen  den  Quarzitglimmerschiefer,  — so  gelagert,  dass  sie 
am  besten  zu  dem  letzteren  gezogen  werden,  — mehrere  Züge  von 
Hornblende  und  Glinunergneiss  auf,  welche  in  ziemlich  regel- 
mässiger Weise  mit  Quarzitschiefer  und  Glimmerschiefer  wechsel- 
lageru,  und  wegen  ihrer  eigenthümlicheu  petrographischeu  Be- 
schaftenheit  eine  nähere  Betrachtung  verdienen. 

Die  im  Allgemeinen  leidlich  guten  Aufschlüsse  längs  des  ge- 
nannten Fussweges  und  in  Huckelheini  selbst,  sowohl  im  östlichen 
Theil  des  Dorfes  als  an  der  Gelnhäuser  Chaussee,  erlauben  fol- 
gendes Profil  festzulegeu.  Es  folgen  über  dem  glimmerreichen 
schieferigen  Gueiss  gegenüber  der  Grundmühle  nach  oben: 

1.  Hornbleudegueiss,  im  Ausstreicheu  etwa  20  Schritt 
breit. 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


71 


2.  Muskowitschiefer,  bestehend  aus  einzelnen  etwas  ge- 

krümmten und  linsenförmigen,  auskeilenden  Quarz- 
lagen, welche  durch  dünne  zusammenhängende 
Schichten  von  ziemlich  grossblätterigem  bis  schup- 
pigem, silberweissem  Muskowit  getrennt  sind,  etwa 
20  Schritt. 

3.  Hornblendegneiss,  etwa  20  Schritt. 

4.  Quarzitschiefer,  zumTheil  sehr  reich  au  ziemlich  grossen 

braunen  Pseudomorphoseu  nach  Granat;  etwa 
80  Schritt. 

5.  Glimmerreicher  schieferiger  Gneiss;  etwa  20  Schritt. 

6.  Hornblendegneiss,  etwa  100  Schritt. 

7.  Glimmeri-eicher  schieferiger  Gneiss,  zum  Theil  mit 

dunkelgrünem  Glimmer  und  einzelnen  bis  3 Milli- 
meter grossen  Magueteiseukrystalleu;  etwa  60  Schritt. 

8.  Hornblendeschiefer,  etwa  100  Schritt. 

9.  Glimmerschiefer,  etwa  100  Schritt. 

10.  Hornblendeschiefer,  etwa  300  Schritt. 

11.  Glimmerschiefer,  am  Eingang  in  die  östliche  Seite 

des  Dorfes,  etwa  100  Schritt. 

12.  Hornblendeschiefer  — auf  einem  nahe  dem  Strassen- 

kreuzuugspuukt  hervorspriugendeu  Felsen  steht  ein 
kleines  Kapellcheu  — , etwa  200  Schritt. 

13.  Quarzitschiefer. 

An  der  Strasse  nach  Gelnhausen,  auf  der  anderen  Seite  des 
Huckelheimer  Baches,  ist  trotz  der  hier  verhältuissmässig  guten 
Aufschlüsse  der  Glimmerschieferzug  11,  nicht  nachzuweisen.  Es 
liegt  hier  vielmehr  da,  wo  jener  Zug  zu  erwarten  wäre,  wenn  er 
in  gleicher  Mächtigkeit  über  den  Wiesengrund  hinüberstreichen 
würde,  an  derStrassengabeluug,  Horublendeschiefer,  etwa  150  Schritt 
weit  längs  der  Gelnhäuser  Strasse  blossgelegt. 

Dieser  entspricht  allem  Anschein  nach  dem  unter  12  erwähnten 
Zuge.  Darauf  folgt  im  Hangenden  eine  Lage  Glimmerschiefer, 


72 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


daun  Quarzitschiefer,  beide  zusammen  etwa  300  Schritt  lireit, 
und  jedenfalls  dem  unter  13  erwähnten  Quarzitschiefer  auf  der 
anderen  Thalseite  entsprechend.  Weiter  ist  daun  am  nordwest- 
lichen Ausgang  des  Dorfes  zu  beobachten: 

14.  Hornblendeschiefer,  etwa  150  Schritt. 

15.  Quarzitschiefer,  etwa  100  Schritt;  und  dann,  weniger 

gut  aufgeschlossen, 

16.  Glimmerschiefer  und  Quarzitschiefer  in  Wechsel- 

lageruug. 

Weit  anhaltend  sind  die  unter  3,  5,  6,  7,  8,  10,  12  und  14 
erwähnten  Einlagerungen  nicht,  da  weder  im  Thal  des  Hombaches 
noch  au  dem  nach  Iluckelheim  hin  gewendeten  Abhang  des  Müller- 
steins oder  au  der  Strasse  von  Oberwestern  nach  Iluckelheim 
Spuren  von  denselben  gefunden  werden  konnten.  Nur  am  Süd- 
westabhang des  Müllersteins  treten  an  zwei  Stellen,  am  Dörsen- 
bach  und  etwas  weiter  südwestlich,  kleine,  etwa  2 — 300  Schritt 
weit  verfolgbare,  linsenförmige  Lager  von  sehr  stark  zersetztem, 
geradezu  mulmigem,  zwischen  den  Fingern  zerreiblichem  Horn- 
blendegneiss  hervor.  Etwas  beträchtlicher  ist  das  Vorkommen 
von  Hornblende giieiss  südwestlich  von  Omersbach  und 
vom  Abts b erg  bei  Hörstein,  welches  etwa  dem  gleichen 
Horizont,  wie  die  Lager  am  Dörsenbach  und  in  Huckelheim, 
angehört.  Auch  bei  Niedersteinbach  im  Kahlthal  findet  sich  an 
der  untern  Grenze  des  Quarzitglimmerschiefers  sowohl  Horu- 
blendegneiss,  als  der  unter  2 erwähnte  Muskowitschiefer. 

Der  Feldspath  in  den  oben  genannten  Gneissen,  welche  am 
Kirbig  zwischen  Oberwestern  und  Huckelheim  austeheu,  ist  zum 
Theil  Plagioklas.  In  den  glimmerreichen  Gneissen  tritt  er,  ebenso 
wie  der  Quarz,  sehr  in  den  Hintergrund.  In  grosser  Menge  be- 
theiligt sich  an  dem  Aufbau  der  fast  durchgängig  mehr  oder 
wenLer  stark  gefältelten  Gneisse  noch  Magneteisen  mit  seinen 

o ö o 

Zersetzuugsprodukten  und  Granat  in  kleinen  Rhombendodekaedern, 
theils  noch  ganz  frisch,  theils  in  ein  braungefärbtes  Mineralaggregat 
umgewaudelt. 

Die  Hornbleudegneisse  des  Kirbig  haben  im  Allgemeinen 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Sjiessarts. 


73 


eine  graugiüue  Farbe  und  sind  nicbt  selten  etwas  stengelig  strnirt. 
Manche  besitzen  ein  gebändertes  Aussehen  dadurch,  dass  helle 
oder  fleischroth  gefärbte  Lagen  mit  diinkeleren,  horublendereicheren 
mehrfach  wechseln.  Die  duukelen  Lagen  enthalten  neben  der 
vorwalteuden,  stark  pleochroitischen  Hornblende  etwas  Titanit, 
Epidot  und  winzige  Itiitilkryställcheu ; die  helleren , zuweilen  bis 
20  Ceutimeter  mächtigen  Bänder  sehr  reichlich  Quarz  in  zapfen- 
artig  in  einander  gi-eifenden  Körnern  und  oft  von  schwach  röth- 
licher  Farbe,  verhältnissmässig  wenig  gestreiften  Feldspath,  etwas 
grüne  Hornblende  und  in  ziemlich  grosser  Menge  Epidot,  letzteren 
in  kurz  gedrungenen  prismatischen  Kryställchen,  die  sich  häutig 
als  Zwillincre  oder  als  von  Zwilliimslamellen  durchsetzte  einfache 

O Ö 

Individuen  darstellen. 

Mit  zunehmendem  Hornblendegehalt  tritt  der  Feldspathgemeng- 
theil  ganz  zurück  und  es  entstehen  eigentliche  Hornblende- 
schiefer, welche  vielfach  in  wiederholter  Wecliselhmei'uim  mit 
Quarzitschiefer  und  Glimmerschiefer  angetrofleu  werden.  Die 
dunkelgrüne  Hornblende  bildet  in  diesen  Schiefern  kleine,  erst  mit 
der  Loupe  erkennbare  prismatische  Kryställchen,  die  parallel  ge- 
richtet in  grösserer  Zahl  bündelförmig  neben  einander  liegen.  Der 
etwa  in  gleicher  Menge  vorhandene  Quarz  erfüllt  in  fein- 
körnia:en  Affcrreffaten  die  Zwischenräume  zwischen  den  Hornblende- 
prismeu.  Ausserdem  ist  noch  Rutil  in  verhältnissmässig  grossen 
gelbbraunen  Nadeln,  und  Magneteisen  reichlich  vorhanden.  Die 
parallele  Anordnung  der  feinen  Hornblendenadeln  verleiht  dem 
"rauerrünen  Gestein  eine  faserio^e  oder  feinsteimelia;e  Beschaftenheit. 
Hin  und  wieder  stellt  sich  Epidot  ein,  bald  nur  vereinzelt,  bald 
in  reichlicher  Menge;  es  entstehen  dadurch  Uebergänge  in  eigent- 
1 iche  E p i d o t s c h i e,  f e r. 

Auch  dunkelgrüner  Biotit  erscheint  in  manchen  Ilornblende- 
schiefern,  bald  in  einzelnen  das  Gestein  unregelmässig  durch- 
setzenden Schüppchen,  bald  in  mehr  zusammenhängenden  Massen, 
welche  die  Schichtflächen  bedecken.  Es  entstehen  dadurch  Ueber- 
gänge der  Horn  bl  ende  schiefer  in  die  Glimmerschiefer, 
welche  in  dem  oben  besprochenen  Profil  zwischen  Oberwestern 
und  Huckelheim  eine  ganz  gewöhnliche  Erscheinung  sind. 

00  O 


74 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spcssai’ts. 


Auf  stattgehahte  Beweguugsvorgänge  innerhalb  der  Quarzit- 
gliinmerschieferregiou  deuten  gewisse  Quarzitbreccien,  welche 
z.  B.  im  Steinbruch  am  Kreuzberg  bei  Geiselbach  und  in  der  Nähe  des 
Ilüttengesässhofes  und  der  Teufelsinühle  Vorkommen.  Die  Breccien 
führen  Brauneisen  als  Bindemittel  und  liegen  auf  Spalten,  welche 
vermuthlich  bei  der  Anfrichtnng  der  Schichten  entstanden  und  mit 
Brnchstückeu  zertrümmerten  Nebengesteins  gefüllt  wurden.  Auch 
die  stark  zerquetschten,  von  vielen  Ablösungsflächen  durchzogenen 
phyllitischen  Quarzitschiefer  am  Weinberg  bei  Michelbach  weisen 
auf  gewaltige  Druckkräfte  hin , welche  bei  der  Anfrichtnng  der 
Schichten  und  bei  der  Gebirgsbildung  überhaupt  zur  Wirkung  ge- 
langten. 


IV.  Jüngster  Gneiss  des  Spessarts. 

Ueber  dem  Quarzitglimmerschiefer  lagert  in  der  Gegend 
zwischen  Grossenhanseu,  Horbach,  Michelbach,  Alzenau,  Hof 
Trages  und  Lützelhausen,  an  einzelnen  Stellen  so,  dass  die  Auf- 
lagerung deutlich  beobachtet  werden  kann,  der  jüngste  Gneiss 
des  Spessarts.  Obwohl  vielfach  vom  Rothliegenden  und  Diluvium 
bedeckt,  tritt  er  doch,  wie  die  in  den  Jahren  1874  und  1875 
ausgeführte  Aufnahme  des  Gebietes  im  Maassstab  ^/25ooo  gezeigt 
hat,  zwischen  Grossenhausen,  Horbach  und  Lützelhausen  und 
ferner  zwischen  Albstadt,  Michelbach  und  Hof  Trages  in  genügend 
grossen  zusammenhängenden  Massen  zu  Tage,  um  durch  deren 
Untersuchung  ein  klares  Bild  von  dem  Bau  und  der  Entwicklung 
dieser  Zone  zu  erlangen.  Es  zeigt  sich,  dass  auch  in  ihr  nord- 
östliches Streichen  und  nordwestliches  Fallen  unter  30 — 500  durch- 
aus herrschen  und  dass  nirgends  LasTerungfSverhältnisse  vorliegfeu, 
welche  zu  meiner  früher  (a.  a.  O.  S.  421)  ausgesprochenen  An- 
nahme »einer  Faltung  der  krystallinischen  Schiefer  des  Spessarts 
in  grossem  Maassstabe«  oder  zur  Annahme  einer  Verwerfung  und 
anderer  Störungen  nöthigen.  Im  Gegentheil,  gewisse  sehr  wichtige 
Gesteinscomplexe  in  dieser  Zone  haben,  wie  die  nähere  petro- 


H.  BüciaxG , Das  Grundgebirge  des  S|)essarts. 


75 


graphische  Untersuchung  ergeben  hat,  eine  so  eigenartige  jietro- 
graphische  BeschaiFenheit,  dass  sie  sich  von  allen  übrigen  bis- 
her betrachteten  Spessartgesteinen  mit  Leichtigkeit  unterscheiden 
lassen. 

Der  jüngste  Gneiss  des  Spessarts  setzt  sich  vorzugsweise 
aus  Lagen  von  ziemlich  grobkörnigem,  flaserigem  bis  schieferigem 
Gneiss  zusammen,  welcher  im  iA.llgemeinen  durch  das  Vorwalten 
der  sauren  Gemengtheile  gegenüber  den  basischen  gekennzeichnet 
nnd  dem  älteren  Spessartgneisse,  zumal  dem  unteren  körnig- 
flaserigen  Gneisse  (vom  Wendelberg  etc.),  sehr  ähnlich  ist.  Am 
gi  obkörnigsten  sind  die  Gneisse  von  Grossenhauseir-  Horbach  und 
die  jüngeren  Gneisse  bei  Hof  Trages,  am  feinkörnigsten  nnd 
ziemlich  ebenschieferig  ausgebildet  die  Gneisse  von  Lützelhausen. 
Es  wechseln  sehr  gewöhnlich  glimmerarme  und  etwas  glimmer- 
reichere Lagen ; auch  tritt  in  der  unteren  dadurch  l)esonders 
chai-akterisirten  Abtheilunu;  Hornblende  sehr  häutio;  stellvertretend 
für  Glimmer  ein.  Nicht  selten  sind  ferner  granulitartige,  bezw. 
glimmerfreie  oder  glimmerarme  gncissartige  Einlagerungen, 
weniger  häutig  quarzitische  Bäidce.  Die  Mannigfaltigkeit  der 
Gneissgesteine  ist  demnach  auch  in  dieser  Kegion  eine  recht 
grosse. 

A.  Hornbleiidegiieiss,  wechsellagernd  mit  Biotitgneiss. 

Die  herrschenden  Gesteine  sind  Biotit-  und  Horubleudegneisse. 

Die  Biotitgueisse  sind  in  der  Kegel  körnig  - flaserig  und 
zuweilen  durch  etwas  grössere  Feldspatheinsprenglinge  augengueiss- 
artig  entwickelt.  Bei  sehr  zurücktreteudem  Biotit  nnd  regelloser 
Anordnung  der  kleinen  Biotitblättchen  erhalten  sie  eine  graui- 
tische  Beschaßenheit ; bei  etwas  reichlicherem  Auftreten  nnd 
paralleler  Anordnung  des  Biotits  werden  sie  auch  wohl  schieferig. 
Durch  Streckung  der  Gemengtheile  entsteht  eine  steuglige  Struc- 
tur;  indessen  kommt  diese  in  der  unteren  Abtheiluug  weit  seltener 
vor  als  in  der  oberen. 

Im  AlDemeinen  sind  die  Biotitgueisse  stark  zersetzt.  Stein- 
brüche,  in  welchen  frisches  Gestein  entblösst  war,  sind  mir  nur 
von  Horbach  und  Kälberau  bekannt  geworden.  Die  Gneisse 


76 


H.  BücKiNa,  Das  Grumlgebirge  des  Spessarts. 


haben  hier  eine  körnig -flaserige  oder  granitartige  Structnr,  sind 
von  mittlerem  Korn  und  enthalten  bei  Horbach  einzelne  grössere 
Orthoklase  von  eckigem  Durchschnitte,  deren  Grösse  durch- 
schnittlich 2 — 3 Millimeter  beträgt. 

Der  Biotit  ist  fast  durchweg  von  brauner,  nur  selten  von 
grüner  Farbe.  Zuweilen  gesellt  sich  zu  demselben,  z.  B.  bei 
JI  orbach  und  bei  Alzenau  gegenüber  dem  Schloss,  etwas  Muskowit, 
welcher  dann  oÖenbar  secundär,  bei  der  Zersetzung  des  reichlich 
vorhandenen  Orthoklas  entstanden  ist.  Reichlicher  erscheint 
Muskowit  neben  dem  Biotit,  in  einzelnen  Lagen  denselben  gerade- 
zu verdrängend,  nur  in  der  Nähe  von  Kälberau,  besonders  in 
den  Gesteinen,  welche  gegenüber  der  Mühle  gewonnen  werden.  Hier 
steht  ein  von  einzelnen  glatten  oder  längsgestreiften  Ablösungs- 
flächen durchsetztes,  massig  ausseheudes  Gestein  an,  welches  ei’st 
bei  näherer  Betrachtung  eine  durch  einzelne  dickere  Biotitlajxen  au- 
gedeutete  Schieferung  erkennen  lässt.  Es  ist  ein  glimmerarmer, 
körnig-flaserig  struirter  Biotitgneiss , welcher  hellen  Quarz  und 
röthlichen  Orthoklas  etwa  zu  gleichen  Theilen  führt  und  den  Mus- 
kowit auf  den  Ablösungsflächen  in  einzelnen  Schuppen  in  gröberen, 
gangartigen,  pegmatitischen  Ausscheidungen  al.)er  in  grösseren,  zu- 
sammenhängenden Massen  neben  gleichfalls  grösser  ausgebildeteu 
Feldspäthen  enthält.  Ausser  den  zum  Theil  undulös  auslöschenden 
einfachen  Orthoklaskrystallen  finden  sich  viele  mikroklinartig  ver- 
zwillingte  und  ausserdem  andere  von  einzelnen  Lamellen  durch- 
setzte Feldspäthe,  welche  als  Orthoklase  mit  Albiteinlagerungeu 
angesehen  werden  können,  sowie  polysynthetisch  aufgebaute  Plagio- 
klase. Verbogene,  geknickte  und  zerbrochene  Feldspäthe  und 
Quarze,  Wirkungen  des,  wie  schon  oben  erwähnt,  auch  in  anderer 
Weise  zur  Aeusseruug  gelangten  Druckes,  dem  die  Gesteine  aus- 
gesetzt gewesen  waren,  sind  in  dem  Gneiss  eine  sehr  häufige  Er- 
scheinung. Offenbar  steht  auch  das  Auftreten  des  Muskowits  und 
des  Mikroklins  im  engsten  Zusammenhang  mit  den  dynamometa- 
morphischen  Vorgängen,  welchen  die  Gesteine  von  Kälberau  unter- 
worfen waren. 

Der  Feldspath  in  den  herrschenden  Biotitgueissen  ist  zum 
Theil  Orthoklas,  zum  Theil,  nach  der  Streifung  auf  den  Spaltungs- 


II.  Bückinq,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


77 


fläclieu  und  nach  dem  lamellaren  Zwillingsbau  der  Durchschnitte 
im  Dünnschlift'  zu  schliesseu,  Plagioklas.  In  einzelnen  Bänken 
und  gewissen  Zonen  herrscht  der  Feldspath  gegenüber  dem  Quarz, 
dessen  ineinander  verzapfte  Körner  die  Zwischenräume  zwischen 
den  grösseren  Feldspäthen  erfüllen,  in  andei'ii  überwiegt  der  Quarz 
den  Feldspath.  Häutig  sind  auch  Gueisslagen,  in  welchen  die 
Quarz-  und  Feldspath-Körner  im  Allgemeinen  von  gleicher  Grösse 
sind,  wodurch  bei  zurücktreteuder  Schieferung,  bei  spärlichem 
Biotitgehalt,  ein  grauitisches  Aussehen  bedingt  wird.  Besonders 
gilt  dies  von  dem  Gneiss,  welcher  gegenüber  dem  Schloss  von 
Alzenau  austeht;  dieser  ist  durch  fein  vertheiltes  Eisenoxyd  röth- 
lich  gefärbt  und  enthält  in  grosser  Menge  neben  einheitlich  aus- 
löschendem Orthoklas  auch  mikrokliuartig  verzwilliugte  und  nur 
aus  einem  System  von  Zwillingslamellen  aufgebaute  Feldspäthe. 

Pegmatiti  sehe  Ausscheidungen  sind  in  den  Biotit- 
gneissen,  die  allerdings  in  der  Regel  nicht  sehr  gut  aufgeschlossen 
sind,  nicht  gerade  häufig.  Ausser  bei  Kälberau  wurden  sie  noch 
zwischen  Albstadt  und  Neuses  und  in  der  Nähe  von  Michelbach 
beobachtet;  an  letzterem  Orte  bildeten  sie  eine  etwa  1 Meter 
mächtige  linsenförmige  Einlagerung. 

o o o o 

Häufiger  kommen  feinkörnige,  glimmerfreie  oder  glimmerarme, 
früher  gewöhnlich  als  granulitartig  bezeichnete  Gesteine  in 

o o o 

Bänken  von  geringer  Mächtigkeit  (10 — 50  Centimeter)  eingelagert 
vor.  Sie  finden  sich  unter  Anderem  am  Weg  von  Grossenhausen  nach 
der  Birkenhaine!'  Strasse  (»Wüstenhausen«  der  Messtischkarte) 
und  in  der  Nähe  von  Horbach.  In  dem  ziendich  stark  zersetzten 
Gesteiu  sind  der  gewöhnliche  Kalifeldspath  sowie  der  Mikroklin 
und  der  spärliche  Plagioklas  mehr  oder  weniger  kaolinisirt  und 
haben  zur  Bildung  einzelner  silberweisser  Glimmerschüppcheu 
Anlass  gegeben.  Ausser  Varietäten,  in  welchen  der  Feldspath 
herrscht,  finden  sich  auch  solche,  in  welchen  der  Quarz  so  ent- 
schieden die  Oberhand  über  den  Feldspath,  der  dann  gewöhnlich 
als  Plagioklas  zu  deuten  ist,  gewinnt,  dass  man  sie  besser  als 
Quarzit  oder  Quarzitschiefer  bezeichnen  würde.  In  den  feldspath- 
reicheren  Lagen  befindet  sich  zwischen  den  einzelnen  grösseren 
Feldspäthen  zuweilen  ein  sehr  feinkörniges  Gewebe  von  Quarz  und 


II.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


Feldspatli,  iu  welchem  mau  hier  und  da  eine  ziemlich  regelmässige, 
geradezu  grauophyrische  oder  mikropegmatitische  Verwachsuug  von 
Quarz  und  Feldspath  zu  erblicken  glaubt. 

Die  HorilbIeil(leg'lieisse  treten  mit  den  Biotitgneissen  vielfach 
wechsellagernd  auf.  Sie  sind  bald  grob-,  bald  feinkörnig,  gewöhn- 
lich ebenschieferig,  häufig  auch  stengelig.  Im  Allgemeinen  von  sehr 
fester  Beschaffenheit,  werden  sie  gern  als  Chausseematerial  benutzt 
und  sind  daher  vielfach  in  Steinbrüchen  entblösst. 

Sehr  typisch  sind  die  Honiblendegneisse  südlich  von  Grossen- 
hausen,  auf  der  Ruhe  und  längs  der  Hirtenwiesen,  entwickelt. 
Zum  Theil  sehr  grob  von  Korn  enthalten  sie  1 — 2 Centimeter 
grosse  dunkelgraugrüne  Hornblenden  und  nahezu  ebenso  grosse 
weisse  bis  lichtfleischrothe  Orthoklase,  die  zum  Theil  schon  stark 
kaolinisirt  sind.  In  einzelnen  mehrere  Centimeter  mächtigen 
Lagen  kann  die  Hornblende,  in  anderen  der  Orthoklas  vorwiegen, 
und  entstehen  dadurch  sehr  charakteristisch  aussehende,  schwarz 
und  weiss  gebänderte  Gesteine.  Uebergänge  von  diesen  grob- 
streifigen Gneissen  in  massig  aasgebildete,  in  welchen  Hornblende 
und  Orthoklas  ein  regellos  körnio-es  Gemenge  bilden,  und  anderer- 
seits  in  feinkörnige  Varietäten,  welche  ebenfalls  sehr  oft  sauere 
und  basische  Lagen  oder  auch  wohl  gar  keine  Spur  von  Schieferung 
erkennen  lassen,  kommen  ausserordentlich  häufig  vor. 

Auffallend  ist  in  diesen  Ilornblendegneissen  das  starke  Zurück- 
treten des  Quarzes.  Er  fehlt  zwar  nicht  ganz,  spielt  aber  doch 
mehr  die  Rolle  eines  accessorischen  Gemengtheils.  Dafür  ist  der 
Gehalt  an  Orthoklas,  welcher  auch  den  im  Allgemeinen  etwas 
frischeren  Plagioklas  in  allen  näher  untersuchten  Gesteinen  über- 
wiegt,  ein  durchaus  constanter.  Der  alte  Namen  »Syenitgneiss« 
ist  demnach  für  die  jüngeren  Hornblendegneisse  des  Spessarts 
durchaus  gerechtfertigt. 

Auch  iu  den  früher  als  Diorit  bezeichueten  hornblendereicheu 
Schiefern,  welche  am  Schloss  in  Alzenau  austehen  und  ihre 
Schieferung  und  steugelige  Strnctur  hauptsächlich  den  parallel 
angeordneteu  dünnen  Horublendenadeln  verdanken,  waltet,  von 
ganz  vereinzelten  Lagen  abgesehen,  der  Feldspath,  welcher  auch 


II.  Büciving,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


79 


liier  vorwiegend  Orthoklas  und  nur  znni  Theil  Plagioklas  ist, 
gegenüber  dem  Quarz  vor.  Jedenfalls  fehlt  der  Feldspath  in  den 
Horubleiidegesteiuen  dieser  Zone  niemals,  während  die  oben- 
erwähnten Amphiboliteinlagerungeu  in  der  Qiiarzitschieferregion 
gewöhnlich  ganz  frei  von  Feldspath  sind.  Eine  gewisse  Aehu- 
lichkeit  haben  demnach  die  jüngeren  Hornblendegueisse  nur  mit 
den  älteren  im  körnigstreifigeu  Gneiss  (s.  oben  S.  45)  und  mit  den 
viel  höher  im  zweiglimmerigeu  Gneiss  gelegenen  (S.  46 — 48);  doch 
auch  von  diesen  unterscheiden  sie  sich  sowohl  durch  ihre  mehr 
wechselnde  Structur,  ihren  geringeren  Gehalt  an  Quarz  und  vor 
Allem  auch  durch  die  Verschiedenheit  der  mit  ihnen  weehsel- 
lageruden  Gueisse. 

Im  Ganzen  selten  stellt  sich  in  den  llorublendeoneissen  brauner 

O 

Biotit  in  vereinzelten  Blättchen  oder  gar  in  zusammenhängenden 
Lagen  auf  den  Schieferflächeu  ein,  wie  dies  bei  einigen  Gesteinen 
von  Grossenhausen  der  Fall  ist.  Chlorit  und  Epidot  kommen  als 
Zersetzungsproducte  imr  hin  und  wieder  vor.  Dagegen  ist  Titanit 
in  Form  von  kautengerundeten  Krystallen  und  Körnern  in  ein- 
zelnen Gesteinen  geradezu  massenhaft  vorhanden,  während  er 
wieder  in  anderen,  wenn  er  auch  nicht  gerade  gänzlich  fehlt,  so 
doch  nicht  häufig  zu  nennen  ist.  Apatit  wird  in  verhältniss- 
mässiof  ffrosseu  kurz  credrunffenen  Prismen,  an  einzelnen  Stellen 
sehr  reichlich , an  anderen  nur  spärlich  beobachtet.  Gleichmässig 
durch  das  Gesteinsgewebe  verbreitet  ist  das  Magneteisen ; besonders 
reichlich,  und  zuweilen  einzelne  schmale  Lagen  fast  ausschliesslich 
zusammensetzend,  findet  es  sich  in  den  schieferigen  Ilornblende- 
gneissen  von  Alzenau. 

Interessant  ist  noch  das  Vorkommen  von  Aragonit,  welcher 
in  feinfaserigen  Massen  die  Spalten  in  einem  ziemlich  stark  zer- 
setzten Horublendegueiss  an  der  Strasse  von  Michelbach  nach 
Albstadt  erfüllt. 

Eigenthümliche,  stark  zersetzte,  fast  nur  aus  Horn- 
blende bestehende  Massen,  welche  auf  der  Buhe  südwestlich 
von  Grossenhausen  und  bei  Horbach,  am  Ausgang  des  Dorfes  an  der 
Strasse  nach  Grossenhausen  augetrofieu  werden,  bedürfen  noch  der 
Erwähnung.  Die  ziemlich  weichen,  aber  wegen  ihrer  Zähigkeit 


80 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


nur  sehr  schwer  zertheilbaren  Massen  sind  von  schmutzifr-(rran- 

O O 

grüner  und  braunvioletter  Farbe.  Sie  bestehen  wesentlich  aus 
einem  filzigen,  von  Eisenerzen  und  Chloritschüppchen  durchsetzten 
Gewebe  kleiner  lichtgrünlicher  Hornblende-  bezw.  Strahlstein- 
Nadelu,  in  welchem  bis  zu  1 Ceutimeter  grosse  Krystalle  einer 
bräuulichgrüneu  schilfigen  Hornblende  und  zu  Nestern  ziisammeu- 
tretende  Chloritblättchen  gelegen  sind.  Auch  die  grösseren  Horn- 
blendekrystalle,  welche  aus  der  primären  Hornblende  mit  Bei- 
behaltung  der  krystallographischeu  Orieutirung  und  der  ungefähren 
Form  und  Grösse  hervorgegaugeu  sind,  enthalten,  zumal  auf  den 
Spaltungsdurchgäugeu,  Chloritblättchen,  Hämatittafelu  und  Brauu- 
eiseu,  letzteres  oft  in  beträchtlicher  Menge;  dadurch  wird  ihre 
lockere  Beschafteuheit  und  ihre  bräunliche  Farbe  bedingt.  Die 
Gesteine,  ofteubar  Zersetzuugsprodncte  mächtiger  basischer  Aus- 
scheidnugeu  oder  Lagen  im  grobkörnigen  Hornblendegueiss,  sind 
zum  Verwechseln  ähnlich  den  oben  erwähnten  Einlagerungen 
im  Gueiss  von  Wenighösbach,  welche  Kittel  früher  als  »Gabbro« 
beschrieben  hatte  (s.  oben  S.  49). 

Von  den  »granulitartigen«  Gesteinen  bezw.  Ausschei- 
ilungen,  welchen  man  hier  und  da  im  Gebiete  des  Horublende- 
g’ueisses  begegnet,  war  schon  bei  dem  Biotitgneiss  die  Rede. 

Au  der  unteren  Grenze  der  jüngeren  Gneisse  gegen  den 
Quarzitglimmerschiefer  liegen  in  dem  Aufschluss  bei  Grossen- 
hausen  ganz  aufgelöste,  mit  den  Fingern  zerreibliche  oder  wie 
Thon  knetbare  Gneisse,  an  welchen  zwar  noch  Streichen  und  Ein- 
fallen bestimmt  werden  kann,  von  denen  es  sich  aber  nicht  mit 
Sicherheit  angelien  lässt,  ob  sie  neben  den  Biotitgueisslagen  auch 
noch  Hornblendegueiss  enthalten.  Ebenso  lassen  bei  Horbach 
die  Aufschlüsse  au  der  unteren  Grenze  Zweifel  über  die  Aufein- 
anderfolge der  verschiedenen  Gueisslageu.  Weiter  nach  oben 
wechseln,  wie  mau  bei  Grosseuhausen,  Horbach  und  besonders 
schön  bei  Michelbach  beobachten  kann,  mehrfach  50  — 60  Meter 
mächtige  Zonen  von  Hornbleudegneiss  und  Biotitgneiss.  Erst 
näher  au  der  höheren  Abtheilung  treten  die  Hornblendegueisse 
mehr  und  mehr  zurück,  bis  sie  schliesslich  ganz  ausbleiben.  Die 


H.  Bücking,  Das  Gmntlgebirge  des  Spessarts.  81 

obere  Grenze  der  Zone  der  Horublendegneisse  ist  demnach  keine 
scharfe. 

Gerade  in  dieser  Grenzregion  befindet  sich  der  Steinbruch, 
welcher  westlich  von  dem  Dorfe  Neuses,  an  der  Strasse  nach 
Somborn,  in  einer  isolirten  Gneisskuppe  angelegt  ist,  die  unter 
dem  mächtigen  Ivothliegenden  und  dem  weitverbreiteten  Diluvium 
hervortritt.  Der  hier  aufgeschlossene  Gneiss  ist  ein  verhältuiss- 
mässig  glimmerreicher  Biotitgneiss , von  feinflaseriger  bis  gerad- 
schieferiger  Beschaffenheit.  Er  ist  ziemlich  stark  zersetzt,  auch 
von  zahlreichen,  gestreiften  Qnetschflächen  durchzogen.  Der 
Biotit  ist  braun  bis  dunkelgrün;  der  Feldspath,  welcher  auf  dem 
Querbrnch  augeuartig  hervortritt,  ist  stark  kaolinisirt;  Quarz  ist 
im  Ganzen  spärlich  vorhanden.  In  einzelnen,  lichten,  biotit- 
ärmeren Streifen  findet  sich  Granat  in  runden,  bis  erbsengrossen 
Körnern,  zum  Theil  noch  recht  frisch.  Serpentin  und  hellgrün- 
liche sericitische  Zersetzungsproducte  sind  auf  einzelne  schmale 
Klüfte  beschränkt. 

Einige  etwa  10  Ceutimeter  mächtige  glimmerarme  grauitische 
Lagen,  in  welchen  die  Quarz-  und  Feldspathindividnen  die  sehr 
beträchtliche  Grösse  von  mehreren  Ceutimeter  erreichen , sind 
den  oflimmerreichereu  Gueissen  concordant  einafeschaltet.  Sie  ent- 
halten  Granatkörner  und  hier  und  da  ziemlich  grosse,  bis  5 Milli- 
meter breite  Blättchen  von  Muskowit. 

Von  besonderem  Interesse  ist  eine  Bank  von  Horubleude- 
gneiss,  welche  im  Jahre  1875  in  diesem  Steinbruch  aufgeschlossen, 
im  Jahre  1889  aber  nicht  wieder  anfzutinden  war,  wahrscheinlich, 
weil  sie  hei  der  Ausdehnung  des  Steinbruchs  sich  auskeilte  oder 
verschüttet  wurde.  Dieser  llornblendegneiss  besitzt  ein  ziemlich 
gleichmässig  feines  Korn,  doch  so,  dass  man  Feldspath  und 
Hornblende  noch  mit  blossem  Auge  von  einander  unterscheiden 
kann.  Quarz  fehlt,  wie  die  mikroskopische  Untersuchung  lehrt, 
vollständig;  der  Feldspath,  fast  durchaus  stark  kaolinisirter 
Orthoklas,  herrscht  bei  weitem  vor.  In  ihm  liegen  die  durch 
eine  gedrungene  Gestalt  ausgezeichneten  Hornblenden,  häufig  um- 
sänmt  von  einem  schmalem  Kranze  von  hellrothem  Granat.  Die 
in  ihrer  Breite  etwas  wechselnde  Grauatzoue  umgiebt  nicht  nur 


Jahrbuch  1889. 


6 


82 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


die  Honiblendeeiusprengliuge,  sondern  hin  nnd  wieder  auch  ein- 
zelne Feldspatlikörner;  ancli  auf  den  bi’eitereu  Spaltungsklüften 
des  Feldspaths  hat  sich  Granat  augesiedelt;  au  einzelnen  Stellen 
bildet  er  zwischen  den  grossen  Feldspätheu  geradezu  ein  Mascheu- 
gewebe,  in  dessen  Knotenpunkten  sieh  die  Ilornblendekörner  be- 
huden.  Diese  eigenartige  Vertheiluug  des  Granats  deutet  auf  eine 
secundäre  Entstehung. 

B.  Biotitg'iieiss  von  Lützelhausen  nnd  Hof  Trages. 

Die  herrschenden  Gesteine  in  dieser  oberen  Abtheilung  sind 
Biotitgneisse,  welche  iin  Allgemeinen  den  zuletzt  erwähnten  von 
Neuses  tlnrchaus  ähnlich  sind.  Sowohl  in  den  tiefsten  Lagen, 
welche  am  Moncheweg  und  au  der  Birkenhaiuer  Strasse  bei  Bern- 
liach  aufgeschlossen  sind,  als  in  dem  höheren  Niveau  am  Zeilberg 
bei  Ijützelhausen  und  an  der  Strasse  östlich  vor  diesem  Dorfe, 
auch  an  der  Sauerwiese  nördlich  von  Grossenhauseu,  wechseln 
schmale,  biotitreichere  mit  festeren,  etwa  4 bis  20  Centimeter 
mächtigen,  glimmerarmen,  sog.  »granulitartigen«  Gneissen.  Der 
Iiiotitarme  Gneiss  ist  bald  ziemlich  grobkörnig  und  augeugneiss- 
artig  durch  einzelne  etwas  grössere  tleischrothe  Orthoklase,  bald 
feinkörniger  und  plattig  bis  ebenschieferig  bei  regelmässig  ab- 
wechselnden Streifen  von  körnigem  Quarz  und  Feldspath. 

Die  glimmeri-eichen  Zwischenlagen  werden  durchschnittlich 
^2  his  1 Meter  mächtig,  bestehen  aus  vorwalteudem  Biotit,  etwas 
Kaolin  und  wenig  Quarz,  sind  häutig  bei  dunkelvioletter  Färlning 
ganz  aufgelöst  und  in  feuchtem  Zustande  lettenartig.  Sie  sehen 
zum  Theil  dem  herrschenden  Gestein  in  der  Zone  der  glimmer- 
reichen schieferigen  Gneisse  nicht  unähnlich,  schliessen  auch,  in 
ähnlicher  Weise  wie  jene,  hier  und  da  bis  kopfgrosse  Quarz- 
liuseu  ein. 

Gesteine,  welche  eine  gewisse  Mittelstellung  zwischen  den 
letzterwähnten  und  den  glimmerarmeu  »gramditartigen«,  streitigen 
Gneissen  einuehmen,  sind  in  dem  tiefen  Einschnitt,  welchen  die 
Strasse  nach  Grossenhauseu  am  östlichen  Ausgang  des  Dorfes 
Jjützelhausen  besitzt,  und  an  der  Sauerwiese  nördlich  von 
Grossenhauseu  zu  beobachten.  Es  sind  vorherrschend  feinkörnige 


H.  Bücking  , Das  Griintlgobii'ge  des  Spessarts. 


83 


Biotitgueisse,  in  welchen  Orthoklas  und  Quarz  etwa  in  gleicher 
Menge  und  von  derselben  Korngrösse  über  den  gleichinässig  durch 
das  ganze  Gestein  vertheilten  braunen  Biotit  ganz  entschieden 
überwiegen.  Die  Schieferung  dieser  Gneisse  ist  bedingt  durch 
die  im  Allgemeinen  parallele  Anordnung  der  Biotitblättchen. 
Accessorisch  erscheint  zuweilen  Granat  in  kleinen  und  bis 
erbsengrossen  Körnern.  Einzelne  Bänke  sind  durch  Zersetzuno's- 
producte  des  Magueteiseus  sehr  intensiv  roth  gefärbt,  andere  durch 
Mauganverbindungeu  auch  wohl  schwarz.  Eine  Graphitführung, 
welche  Thüracii  (a.  a.  O.,  S.  58)  für  den  Gneiss  von  Eützelhausen 
angiebt , aus  welcher  er  auch  Apatit  und  Zirkon  als  häutige, 
Anatas  und  Rutil  als  seltene  Gemengtheile  erwähnt,  ist  mir  nicht 
aufgefallen. 

Verhältnissmässig  gut  sind  die  Aufschlüsse  in  dem  Thal,  welches 
von  Michelbach  nach  dem  »Oberen  Sand«  und  dem  Hof  Trabes  hin- 
aufzieht.  Hier  liegt  zunächst  über  den  obersten  stengeligen  Horn- 
blendegneissen  ein  etwa  30  Meter  mächtiger  granitartiger  Biotitgneiss, 
der  allerdings  liei  näherer  Betrachtung  eine  gewisse  Schieferung, 

r5  o O Ö 7 

durch  kleine  parallel  geordnete  Biotitblättchen  hervorgerufen,  zeigt, 
sonst  aber  massig  abgesondert  erscheint  und  in  scharfkantige  Stücke 
zerfällt.  Es  folgt  nach  oben  eine  etwa  10  Meter  mächtige  Zone 
von  Gneiss,  welcher  sehr  ähnlich  dem  von  Neuses  beschriebenen 
ist,  dann  wieder  ein,  dem  ersten  ähnlicher  granitartiger  Gneiss, 
der  auf  weite  Erstreckung  hin  in  gleicher  petrographischer  Aus- 
bildung anhält,  nur  hin  und  wieder  unterbrochen  von  einer  Bank 
biotitreicheu  oder  stengelig  abgesonderten  Gneisses.  Die  zuletzt 
erwähnten  im  Allgemeinen  biotitarmen  und  sehr  feldspathreichen, 
granitartigen  Gneisse  von  mittlerem  Korn  zerfallen  sehr  leicht  zu 
einem  lockeren,  sandigen  Kies.  Der  Biotit  auf  der  Oberfläche 
ist  häufig  gebleicht,  muskowitartig,  im  Innern  des  Gesteins  aber 
stets  von  dunkeier  Farbe. 

Die  Gneisse,  welche  in  der  Nähe  des  Hofes  Trages  anstehen 
und  mehrfach  durch  Steinbrüche  entblösst  sind,  sind  den  biotit- 
ärmeren Gneissen  von  Lützelhausen  und  Beruliach  recht  ähnlich. 
Durchgängig  überwiegt  in  ihnen  der  Orthoklas  den  Quarz  sehr 
beträchtlich.  Sie  enthalten  ferner  recht  häufig  einzelne  über  1 Meter 


84 


II.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


mächtige  Bäuke  tmd  Linsen  eines  nngeschichteten,  groben,  mus- 
kowitfreieu  peginatitischen  Gesteins,  in  dem  oft  bis  kopfgrosse 
Qnarzknauern  eiugesprengt  Vorkommen.  Eine  regelmässige  peg- 
matitiselie  Verwachsung  von  Feldspath  und  Quarz  wurde  in  den 
untersuchten  Blöcken  nicht  wahrgeuommen  Q. 

Das  höchste  Niveau  unter  den  im  Spessart  zu  Tage  treten- 
den krystallinischen  Schiefergesteiuen  nimmt  ein  Gneiss  ein,  wel- 
cher nördlich  vom  Hof  Trages,  am  Ende  des  Galgengrundes  ober- 
halb Somborn,  unter  den  mächtigen  Porphyrconglomeraten  des 
Ober-Kothliegenden  hervortritt  und  durch  einen  Steiubruch  auf- 
geschlossen ist.  Es  ist  im  Allgemeinen  ein  ziendich  grobkörniger, 
biotitarmer,  granitartiger  Gneiss,  welcher  nur  in  einzelnen  Bänken, 
insbesondere  in  einer  grossen,  4 Meter  langen  und  2 Meter  inäch- 
tig-en,  mitten  iin  Bruch  blossgelegteu  Linse  eines  slimmerreichen 
und  dabei  wenige  festen  Gneisses,  deutliche  Schieferuno-  zeis:t. 
Der  Feldspath  (Orthoklas)  überwiegt  auch  in  diesem  Gestein  den 
(^uarz;  beide  Gemeugtheile  erreichen  nicht  selten  die  Grösse  von 
2 Centimeter.  In  grosser  Menge  ist  Granat  in  kleineren,  höchstens 
ErbsengTösse  besitzenden  Körnern  vorhanden:  er  ist  theilweise 
zersetzt.  Winzige,  durch  die  ganze  Masse  vertheilte  Muskowit- 
blättcheu  sind  wohl  als  secundär,  bei  der  Zersetzung  des  Feld- 
spaths  entstanden,  anzusehen. 

Einlagerungen  abweichend  ausgebildeter  Gesteine  in  der 
oberen  Abtheilung  der  jüngeren  Gneisse  sind  im  Ganzen  sein- 
selten.  Zu  erwähnen  ist  nur  ein  durch  gänzliches  Zurücktreten 
des  Feldspaths  ausgezeichnetes  Gestein,  welches  bankweise  den 
normalen  l)iotitführeuden  Gneissen  im  Grüudchen  zwischen  Lützel- 
hausen und  Grossenhausen  eingeschaltet  ist.  Dieser  Quarzit- 
schiefer hat  eine  bräunliche  Färbung,  und  enthält  ausser  dem 
vorwaltenden  Quarz  und  dem  Biotit  noch  recht  viel  in  Braun- 
eisen umgewandelten  Granat,  sowie  Rutil  in  kleinen  Kryställchen. 

In  dem  stark  zersetzten  Biotitgneiss,  welcher  zwischen  Grossen- 
hausen, Horbach  und  Bernbach  an  der  Birkenhainer  Strasse  an- 

Die  Angaben  von  Ludwig  , geognost.  Beob.  in  der  Gegend  zwischen 
Giessen-Fulda  etc.,  Darmstadt  185-2,  S.  23,  ebenso  in  seiner  Geognosie  und  Geoge- 
nie  der  Wetterau,  Hanau,  1858,  S.  14  und  20,  sind  demnach  ungenau. 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


85 


steht  imd  in  der  sogenannten  »Bernbacher  Hohle«  sehr  gut  auf- 
geschlossen ist,  finden  sieh  einzelne  durchschnittlich  5 Centinieter 
mächtige,  concordant  den  Gneissschichten  eingeschaltete  Lagen 
von  stark  zersetztem  Bra  nnspath.  Auch  auf  den  Klüften  und  auf 
feinen  Sjialten  im  Gneiss  sind  solche  braune  Carbonate  augehäuft. 
DerFeldspath  im  Gesteinsgewebe  selbst  ist  sehr  häutig  kaolinisirt 
oder  in  Calcit  und  Branneisen  nmgewandelt,  während  der  Biotit 
weniger  stark  verändert  erscheint. 


V.  Mächtigkeit  des  krystallinischen  Grundgebirges  itn 

Spessart 

Nachdem  im  Vorhergehenden  das  Wichtigste  über  die  Ver- 
breitung, die  Lagerung  und  die  petrographische  Beschatteuheit 
der  Gesteine  des  Spessarter  Grundgebirges  erörtert  worden,  bleibt 
noch  übrig.  Einiges  über  die  Mächtigkeit  der  verschiedenen 
Zonen  in  ihrem  Verbreitungsgebiet  zwischen  Main-  und  Kiuzig- 
thal  hinzuznfügen. 

Nimmt  man  für  die  tiefste  ansgeschiedene  Zone,  den  Grauit- 
gneiss,  der  im  Sodener  Thal  ein  einigermaassen  deutliches  Ein- 
fällen unter  50*^  NW.  zeigt,  sonst  aber  im  Allgemeinen  richtnugslos 
körnie  ansffebildet  ist  und  nur  in  seiner  Verbreitnu'»:  und  in  seiner 
Abgrenzung  dem  allgemeinen  Streichen  der  Gneissschichteu  des 
Spessarts  folgt,  jenen  Fallwinkel  von  50*^  als  constant  au,  so 
würde  die  Mächtigkeit  des  Grauitgneisses  im  Besseubacher  Thal, 
wo  er  in  einer  Breite  von  400  Meter  aufgeschlossen  ist,  minde- 
stens 300  Meter  betragen. 

Der  Dioritgneiss  besitzt  im  Besseubacher  Thal  etwa  die 
gleiche  Breite  wie  zwischen  der  Grenze  gegen  den  Granitgueiss 
im  Sodener  Thal  und  der  Aunreimueisszone  bei  Gailbach  am  Grau- 
berg  (etwa  3500  Meter).  Er  lässt  da,  wo  er  eine  eiuigermassen 
deutliche  Parallelstructur  aufweist,  ein  steiles  Einfällen  nach  NW. 
erkennen;  nur  an  wenigen  Stellen  ist  auf  kurze  Erstreckung,  offen- 
bar in  Folge  kleiner  für  den  Bau  der  Gesammtmasse  kaum  in  Be- 


86 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


tracht  koinuiender  Störungen,  ein  «iklöstliches  Einfällen  vorhanden. 
So  erwähnt  Kittel  für  seinen  »Syenit«  von  Soden  NNW.,  von 
Gailbach  76®  NNW.  und  35®  S.,  von  Strassbessenbach  87®  N. 
lind  63®  SO.;  Goller  hat  an  den  meisten  Orten  ein  nach  NW. 
gerichtetes  Einfällen  oder  Saiger- Stellung  beobachtet;  ich  habe 
zwischen  Keilberg  und  Waldmichelbach  das  Einfällen  zu  65®  NW. 
bestimmt.  Legt  man  deshalb  bei  der  Berechnung  ein  durch- 
schnittliches Einfällen  von  50®  NW.  zu  Grunde,  so  ergiebt  sich 
für  den  Dioritgueiss  eine  ungefähre  Mächtigkeit  von  2700  Meter. 

Der  köruig-flaserige  Gueiss  streicht  auf  der  Linie  Strass- 
besseubach-Hösbach- Wenighösbach  (Profil  la),  welche  senkrecht 
zur  Streichrichtuug  verläuft,  in  einer  Breite  von  8300  Meter,  auf 
der  Linie  Granberg  bei  Gailbach  über  Aschatfenbnrg  bis  Stein- 
bach hinter  der  Sonne  in  einer  Breite  von  9000  Meter  zu  Tace 
aus,  was  bei  einem  durchschnittlichen  Einfällen  von  etwa  65®  eine 
Mächtigkeit  von  7500  bezw.  8100  Meter  bezeichnen  würde. 
Davon  käme  auf  die  Zone  der  körnig-streifigen  Gueisse,  welche 
im  Gailbacher  Thal  und  zwischen  Strassbessenbach  und  Winzen- 
hohl  gleich  mächtig  entwickelt  ist,  etwa  800  bis  900  Meter,  auf 
den  Biotitgneiss  des  Wendelberges  in  seinem  westlichen  Theile 
am  Wendelberg  und  Hermesbuckel  etwa  1500  bis  1600  Meter,  in 
seinem  östlichen  Theile  im  Schmerlenbacher  Thal  etwa  2500  bis 
2700  Meter,  und  für  den  zweiglimmerigen  Gneiss  nebst  seinen 
Einlag'ernns'en  der  Rest.  Die  letztere  Zone  würde  also  nach 
Westen,  nach  dem  Odenwald  hin,  ausserordentlich  stark  an- 
schwellen, zum  Theil  auf  Kosten  des  liegenden  Biotitgneisses. 

Die  Mächtigkeit  der  folgenden  Zone  ist,  wie  ein  Blick  auf 
die  Profile  1 b,  2 und  3 lehrt,  sehr  starken  Schwankungen  unter- 
worfen. Der  glimmerreiche  schieferige  Gneiss  hat  in 
dem  östlichen  Theil  seines  Verbreitungsgebietes  (Profil  3)  bei 
einem  durchschnittlichen  Einfallen  von  mindestens  35®  NW.  eine 
Mächtigkeit  von  etwa  1700  Meter,  weiter  westlich  zwischen  Schim- 
boru  und  Niedersteinbacli  (Profil  1 b)  bei  einem  durchschuittlichen 
Einfallen  von  etwa  50  ® die  bedeutende  Mächtigkeit  von  mehr  als 
5100  Meter,  und  noch  mehr  westlich  auf  der  Höhe  des  Hahuen- 
kamms  zwischen  Oberafierbach  und  Grosshemsbach  (Profil  2,  Ein- 
fallen durchschnittlich  40®)  die  Mächtigkeit  von  etwa  3500  Meter. 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


87 


Ilierltei  ist  zu  berücksiclitigcii,  dass  der  auf  dem  Profil  3 aiige- 
deutete  Sattel  Schöllkrippeii -Vormwald  sich  möglicherweise  uoch 
liis  iii  die  Gegend  zwischen  Schimborn  und  Wenighösbach 
(Profil  1 a)  fortsetzt  und  hier  eine  sattelförmige  Aufbiegung  der 
Gneissschichten  bedingt;  um  dies  nachzuweisen,  bedarf  es  aber 
noch  weiterer  Untersuchungen.  Immerhin  steht  es  fest,  dass  der 
glimmerreiche  schieferige  Gneiss  nach  Westen  hin  sehr  beträcht- 
lich anschwillt,  auch  selbst  dann  noch,  wenn  man  etwa  die 
zwischen  Angelsberg -Gunzenliach  und  Grosshemsbach  (Profil  2) 
zu  Tage  tretenden  Schiefer  der  folgenden  Zone,  zurechnen  wollte. 
J)  ie  Mächtigkeit  dieses  Schiefercomplexes  beträgt  etwa  600  Meter. 

Der  im  Profil  3 angegebene  Quarzitschieferzug  ist  etwa 
220  Meter,  die  nördlich  von  diesem  gelegene  Abfheilung  glimmer- 
reicher schieferiger  Gneisse  etwa  500  Meter  mächtig. 

Der  Qu  arzitglim mer schiefer  bildet  zwischen  Iluckelheim 
bezw.  Geiselbach  undGrossenhausen  (Profil  3)  einen  etwa  5000  Meter 
breiten  Ilöhenzug,  und  besitzt  demnach  bei  einem  durchschnitt- 
lichen Einfallen  von  ungefähr  35®  NW.  eine  IMächtigkeit  von  etwa 
2800  Meter.  Viel  geringer  ist  die  Breite  des  Quarzitglimmer- 
schiefers im  Kahlthale  zwischen  Niedersteiubach  und  Aliclielbach 
(Profil  Ib),  während  die  Mächtigkeit  desselben  bei  steilerem  Ein- 
fallen (durchschnittlich  65®  NW.)  ungefähr  die  gleiche  ist,  näm- 
lich etwas  über  3000  Meter.  Weiter  nach  Südwesten  hin  tritt 
aber  doch  ganz  entschieden  eine  Verschmälerung  der  Zone  ein, 
da  dieselbe  auf  der  Höhe  des  ITahuenkammes  zwischen  Gross- 
hemsbach und  Kälberau  (Profil  2,  durchschnittliches  Einfallen 
etwa  40®)  nur  uoch  etwa  1700  Meter  und  selbst,  wenn  man  die 
zwischen  Augelsberg,  Gunzenbach  und  Grosshemsbach  gelegenen, 
durch  glimmerreichen  schiefrigen  Gneiss  von  dem  Hauptzug  ge- 
trennten Schiefer  noch  nach  oben  ziehen  wollte,  nur  2300  Meter 
mächtig  ist.  Dabei  ist  aber  die  Vlächtigkeit  der  glimmerreichen 
schieferigen  Gneisse  (Zone  II ) und  der  Quarzitglimmerschiefer 
(Zone  III)  zusammengenommen  im  Osten  (Profil  3)  und  im 
W esteu  ( Profil  2 ) nicht  allzusehr  von  einander  verschieden 
(4500  bis  5200  Meter). 

Die  untere  Abtheilung  des  jüngeren  Gueisses  erlangt 
im  östlichen  Theil  des  krystallinischeu  Spessarts,  bei  Grossenhausen, 


88 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


eine  Mächtigkeit  von  etwa  300  Meter  (Profil  3),  verkümmert  daun 
nach  Horbach  zu,  um  schliesslich  weiter  nach  Westen  hin  wieder 
derart  anzuschwelleu,  dass  sie  zwischen  Michelbach  und  Albstadt 
(Profil  Ib)  sogar  bis  zu  960  Meter  mächtig  wird. 

Die  obere  Grenze  des  jüngeren  Gneisses  verbirgt  sich 
unter  dem  Ivothliegendeu  und  dem  Diluvium  der  Main-  und 
Kiuzigebene.  Es  lässt  sich  daher  nur  sagen,  dass  von  der  oberen 
Abtheiluug  bei  Grossenhauseu  (Profil  3)  etwa  640  Meter  aufge- 
schlossen sind,  während  sie  weiter  im  Westen  bei  Plof  Trages 
in  einer  Mächtigkeit  von  mindestens  1200  Meter  bekannt  ist. 

Die  G e sammtmächtigkeit  des  krystallinischen  Grund- 
gebirges, welches  im  Spessart  an  die  Erdoberfläche  tritt,  beträgt 
darnach  mindestens  17000  — 18000  Aleter. 


VI.  Vergleich  des  krystallinischen  Grundgebirges  im  Spessart 
mit  ähnlichen  krystallinischen  Gebieten. 

Vergleicht  man  das  Grundgehlrge  des  Spessarts  mit  ähn- 
lichen Bildungen  anderer  krystallinischer  Gebiete,  wie  das  Gümbel 
in  seiner  oben  erwähnten  Abhandlung  versucht  hat,  und  trägt 
mau  dabei  den  Mächtigkeiten  der  einzelnen  Zonen  gebührend 
lleehnung,  so  ergiebt  sich  zunächst,  dass  der  ältere  Gneiss 
des  Spessarts,  da  er  sowohl  körnige  Kalke  als  Horublende- 
gueisse  einschliesst,  am  besten  derjenigen  Gueissformatiou  zuzu- 
weiseu  ist,  welche  von  Gümbel^)  als  das  jüngere  oder  das 
h e r c y n i s c h e G u e i s s s y s t e m ( Uebergaugsgneisssystem  ) be- 
zeichnet würd. 

Von  den  auf  den  älteren  Spessartgneiss  folgenden  Zonen 
haben  die  beiden  nächsten  eine  sehr  grosse  Aehulichkeit  mit  der 
Glimmerschieferformation  des  Erzgebirges,  wie  solche  besonders 


0 Geognost.  Beschr.  d.  ostbayer.  Grenzgebirges.  Gotha  1868,  S.  480  etc.; 
ferner  Gümbel,  Grundzüge  der  Geologie.  Kassel  1888,  S.  506. 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


89 


iin  Gebiet  der  Blätter  Schwarzenberg,  Elterlein,  Wiesenthal,  Johann- 
georgenstadt  etc.  der  i25000  theiligen  Karte  zu  Tage  tritt.  Der 
glim  in  er  r eich  e sch  ieferige  G u eiss  e n tsp  rieh  t de  m Gn  eiss- 
glinimerschiefer  (z.  B.  von  der  Scction  Wiesenthal)  i),  der 
Qnarzitgllmmerschiefer  des  Spessarts  dein  Gliniiner- 
schiefer  und  -Qu  arzgl  ini  in  er  seine  fe  r des  Erzgebirges, 
anscheinend  auch  in  der  Mächtigkeit.  Ebenso  scheinen  die  liegen- 
den Gneissforinationeu  iin  Erzgebirge  und  Spessart  mancherlei 
Analogien  zu  besitzen. 

Der  gl  iniiner  reiche  schieferige  G ne  iss,  welcher,  wie 
oheu  erwähnt  wurde,  sehr  arm  an  Feldspath  ist  und  in  seiner 
mineralogischen  Zusammensetzung  und  in  seiner  ausgeprägten 
Schieferung  sich  weit  mehr  dem  Glimmerschiefer  als  dem  typischen, 
in  seiner  Miueralführuug  dem  Granit  am  meisten  vergleichbaren 
Gneiss  anschliesst,  auch  so  reich  au  oft  sehr  mächtigen  Einlage- 
rungen von  Quarzit  und  Quarzitglimmerschiefer  ist  und  nach  oben 
allmählich  in  den  Quarzitglimmerschiefer  übergeht,  wird  demnach 
am  besten  mit  dem  hangenden  Quarzitglimmerschiefer 
zusammengefasst  und  der  Glimmerschieferformation  zugerechnet. 
Der  erstere  ist  daun  als  eine  untere,  der  letztere  als  eine  obere 
Abtheiliiiig  der  hercyuischeu  Glim nierschieferformation 
Gümbel’s ‘^)  (identisch  mit  Uuterhiiron-  oder  Glimmerschiefer- 
system desselben  Autors)  ^)  anzusehen. 

Das  Vorkommen  phyllitähulicher  Gesteine  im  Gebiet  des 
Quarzitglimmerschiefers,  und  zumal  in  den  oberen  Lagen  des- 
selben, würde  auf  die  Nähe  der  Phyllitformation  hinweisen. 
Typische  Vertreter  derselben  sind  aber  im  Spessart  nicht  vor- 
handen. 

Gewisse  Schwierigkeiten  entstehen  bei  dem  Versuch,  den 
jüngsten  Spessartgneiss  mit  jüngeren  Gneissen  in  anderen 
Gebieten  zu  identiticiren.  ln  der  Phyllitformation  der  benach- 
barten Gebiete  kennt  mau  so  typisch  ausgeliildete,  feldspatbreiche, 

')  Vergl.  Sauer,  Erläuterungen  zu  dem  Blatt  Wiesenthal  der  sächs.  geolog. 
Karte  im  Maassstabe  V25000;  S.  21. 

Ostbayer.  Grenzgebirge,  S.  480  etc. 

Grundzüge  der  Geologie,  S.  514. 


90 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


griinit-  und  syenitälmliche  Gneisse  nicht;  auch  selbst  in  der  oberen 
Abtheilung  der  Gliininerschieferformation  sind  sie  in  dieser  Aus- 
bildung und  in  der  Mächtigkeit  von  etwa  2000  Meter  nicht  be- 
kannt. Leichter  verständlich  würde  das  Auftreten  solcher  Gesteine 
auch  an  der  ofieren  Grenze  der  Gliininerschieferformation  sein, 
wenn  mau  sie,  wenigstens  zum  grössten  Theil,  und  soweit 
ihre  petrographische  Ausbildung  es  znlässt,  als  durch  den  Ein- 
fluss gebirgsbildender  Druckkräfte  schieferig  gewor- 
dene Syenit-  und  Granitgestei  ne  anseheu  würde.  Mächtige, 
zwischen  Sedimente  eingepresste  lagerartige  Massen  von  Granit 
und  Syenit  sind  ja  von  vielen  Orten  bekannt;  es  würde  also  eine 
solche  Annahme  ininierhiu  zulässig  sein.  Dass  auch  der  ältere 
Spessartgneiss,  zumal  der  Granitgiieiss  und  der  Dioritgneiss,  so- 
wie die  Hauptmasse  des  körnig  - flaserigen  Gneisses  in  ähnlicher 
Weise  aufgefasst  werden  können,  ist  entweder  schon  oben  ausge- 
sprochen worden  oder  geht  aus  der  petrographischeu  Beschreibung 
der  Gesteine  zur  Genüge  hervor. 

Nach  diesen  Ausführungen  können  wir  die  oben  auf  Seite  31 
gegebene  Gliederung  des  Grundgebirges  im  Spessart  durch  die 
folgende  ersetzen: 


1. 

I.  Hercynische  i 2. 
Gneissformation  | 
des  Spessarts,  \ 3. 

über  10,000  Meter  j i 
mächtig.  I 


(Ti'aiiitgneiss  von  Oberhesseiibach, 

IMoritgiieiss  mit  Aiigengneiss,  etwa  2700  Meter, 

/ a)  Körnig-streifiger  Gneiss, 
Körnig-llaseriger  \ ca.  800  IMeter, 

Gneiss.  < b)  Biotitgueiss,  ca.  2000Meter, 
/ c)  2-glimmeriger  Gneiss,  ca. 
^ 5000  Meter. 


1. 

II.  Glimmerschiefer- 1 2 
formation  I 

des  Spessarts,  ( 

etwa  6000  Meter  1 
mächtig.  r 


Gliinmerreicliei*  schieferiger  Gneiss,  2 — 3000  Meter 
mächtig, 

Gnarzitglimnierschiefer,  2 — 3000  Meter  mächtig, 

Sa)  Syeuitgneiss,  wechsellagernd 
mit  Granitgiieiss,  etwa 
300  — 1000  Meter, 

I h)  Graiiitgueiss  , über  1000 
' Meter  mächtig. 

O 


H.  Bückimg,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


91 


VII.  Uebersicht  über  Streichen  und  Fallen  der  krystalli- 
nischen  Schiefer  im  Spessart. 


Streichen 

Fallen 

Graiiitgiipiss. 

Steinbruch  am  Steinets  am  oberen  Ende  des 
Sodener  Thals 

7-8h 

öO"  NNO. 

Dioi'itgiieiss. 

An  der  Kirche  bei  Soden  — nach  Kittei,  . . 

— 

Go"  NNW. 

Grauberg  bei  Gailbach  — nach  Goleek  . . 

5'> 

80"  NNW. 

Gailbach,  im  Dorfe  — nach  Kittei 

— 

7G"  NNW. 

» , südlicher  Fuss  des  Findbergs  — nach 

Kittel 

_ 

3o“  S. 

Oberbessenbach  an  der  Kirche  — nach  Gollek 

4h 

NW. 

Strassbessenbach  — nach  Kittel 

— 

G3"  SO. 

Wolfszahn  bei  Waldinichelbach 

4h 

65"  NW. 

Köi’nig- streitiger  Giieiss. 

Grauberg  bei  Gailbach  — nach  Goller  . . . 

5'’ 

80“  NNW. 

Fussberg  bei  Gailbach  — » » ... 

4h 

steil. 

Zwischen  dem  Fussberg  bei  Gailbach  und  der 
Aumühle  bei  Schweinheim  — nach  Goller 

4 ''2 

65"  SSO. 

Südwestlicher  Fass  des  Findbergs  — nach  Kh-i-el 

— 

69"  N. 

Einlagerung  des  körnigen  Kalkes  bei  Gailbach 
— nach  Kittel 

65“  N. 

An  der  Gailbacher  Strasse  im  Hangenden  des 
körnigen  Kalkes 

4h 

45"  NW. 

An  der  Würzburger  (=  Gailbacher)  Strasse  im 
Hangenden  des  körnigen  Kalkes  — nach  Kittel 

30"  N. 

An  der  Wüi-zburger  Strasse  im  Hangenden  des 
körnigen  Kalkes  am  Elterwald  — nach  Kittel 

_ 

50"  N. 

An  der  Gailbacher  Strasse  im  Hangenden  des 
körnigen  Kalkes  im  Hornblendegneiss  . . . 

3'’ 

50-60"  SO. 

An  der  Würzburger  Strasse  im  Hangenden  des 
körnigen  Kalkes  gegen  Aschaffenburg  — naeh 
Kittel 

55"  S. 

An  der  Gailbacher  Strasse  östlich  von  der 
Dimpelmühle  bei  Schweinheini  (im  Hangenden 
des  Hornblendegueisses) 

4h 

45"  NW. 

92 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


Streichen 

Fallen 

]ni  Elterliofgrund  — nach  Kittel  . . . . . 



41“  S. 

Südlich  von  Grünmorsbach  an  der  unteren  Grenze 
— nach  Goller 

5» 

80”  NNW. 

Grünraorsbach  — nach  Kittel  

— 

43“  SO. 

[ Am  Hirschbach,  Abhang  des  Hamraelsberges 
1 bei  Strassbossenbach 

4h 

- NW'. 

] Am  Hirsehbach,  am  Hammelshorn  (Hornblende- 
V gneiss)  — nach  Kittel . 

— 

87”  N. 

Körnig -flaseriger  Gneiss. 

a)  Südlich  von  der  Linie  Aschaffenburg- 

Hösbach. 

Fuchsmühle  bei  Schweinheim  — nach  Kittel 

— 

65”  NO. 

; Hensbach  (bei  Schweinheim),  Hohlweg  nach  den 
\ Bischberg  — nach  Kittel 



75“  NNW. 

\ Liebeles -Grube  — nach  Kittel 

— 

75”  NN  Wh 

l Hensbach,  Weg  nach  Obernau  — nach  Kittel 

— 

74”  N. 

( Am  Dörnbach,  gegenüber  dem  Elterhof  — nach 
' Goller  

4h 

60”  S. 

1 Am  Dörnberg,  südlicher  Abhang  — nach  Kittel 
^ Wendelberg,  Gipfel 

4h 

77—80“  SSO. 
( 60-80”  SO. 

( bis  80”  NW. 

’ Dörnberg,  Gipfel  — nach  Kittel 

— 

80”  NO. 

Dörnberg,  nördlicher  Abhang  — nach  Kittel  . 

— 

73“  NO. 

Hermesbuckel | 

4h 

bis  4‘/2^ 

80“  SO. 

80”  SO.  bis  80“  NW. 

Haibach  — nach  Kittel 

— 

60-65"  SO. 

Schindkante  — nach  Kittel  . 

— 

67”  N. 

Ratzelburg  . 

4h 

70“  SO. 

Fischerhecken  

4h 

-SO. 

Gegenspitze  des  Büchelberges  und  der  Fischer- 
hecke — nach  Kittel 



49”  SO. 

Gegenspitze  des  Büchelberges  und  der  Fischer- 
hecke Gipfel  — nach  Kittel 

— 

60”  SO. 

Büchelberg,  Kuppe  — nach  Kittki 

— 

67“  N. 

Büchelberg,  nördlicher  Abhang  — nach  Kittel  . 

— 

72“  N. 

Gottelsberg,  Gipfel  — nach  Kittei 

» , am  Zeughause  — nach  Kittel  . . 

Schellenmühle,  an  der  Strasse  nach  Aschaffon- 
burg 

20”  S. 

( 54”  SSO. 

( bis  70“  WSW. 

70”  SO. 

n.  Bückinq,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


93 


Streichen 

Fallen 

Schellenmüble  — nach  Kitteu 



65“  SSO. 

Sclimerlenbacher  Wald,  südlicher  Aldiang  — 
nach  Kittel 



70“  SW. 

Schmerlenbacher  Wald,  Jägerhaus 

4h 

30—40“  SO. 

» » , Wildscheuer  nördlich  voip 

Jägerhaus 

3" 

80“  SO. 

Schmerlenbacher  Wald,  Mitte  — nach  Kittel  . 

— 

SO“  n! 

» » , nördlicher  Abhang  — 

nach  Kittel 

67“  SSW. 

Schmerlenbach,  an  der  Strasse  nach  W inzenhohl 

4" 

SO"  SO. 

Winzenhohl 

4h 

70-80“  SO. 

Zwischen  Keilberg  und  Weiler 

4I1 

60“  SO. 

b)  Nördlich  von  der  Linie  Asch  affen- 

bürg  - Hösbach. 

Kapuzinergarten  — nach  Kittel 

— 

40“  NNW. 

Galgenberg  bei  Damm  — nach  Kittel  . . . 

— 

77“  N.  g.  W. 

Bergmühle  bei  Damm 

4h 

90" 

» » » — nach  Kittel  .... 

— 

75-85”  NW. 

Oelinöhle  bei  Damm  — nach  Kittel 

— 

75“  SO.  u.  75“  NW. 

Schwalbenmühle  bei  Damm 

3 ',2 -4h 

75“  SO 

Pfaffenberg  bei  Damm  — nach  Kittel  . . . 

— 

59“  NW. 

» gegen  Goldbach  — nach  Kittel 

— 

36“  NNO. 

Goldbach  im  Dorfe  — nach  Kittel 

— 

75“  NW. 

» am  Bache  — nach  Kittel  .... 

— 

75“  N.  g.  W. 

Goldbachgrund  gegen  Oberafferbach  — nach 
Kittel 

Goldbachgrund  gegen  Unterafferbach  — nach 
Kittel 

— 

1 75“  NNO. 

\ 59“  NNW. 

85-88“  SO 

Glattbacher  Weg  — nach  Kittel  . . . . . 

— 

70“  NW. 

» Thal  — » » • 

— 

70“NW.u.85“N.g.W. 

Glattbach,  Weg  nach  Schimborn  über  die  Knie- 
breche — nach  Kittel 

64“  NO.U.70"  NW. 

Glattbacher  Mühle  — nach  Kittei 

— 

75“  NW. 

» » 

4'* 

80—90“  SO 

Glattbach  an  der  Kirche  — nach  Kittel  . . . 

— 

72“  S. 

» hinter  der  Kirche  — nach  Kittel  . . 

— 

70“  NW. 

» nördlich  vom  Dorfe  — nach  Kittei,  . 

— 

43"  NNO. 

94 


H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


Streichen 


Fallen 


Glattbach  nördlich  vom  Dorfe 

» , über  der  Kniebreche  — nach  Kittel 

» » » » gegen  Oberaffer- 
bach — nach  Kittel 

Glattbach,  über  der  Kniebreche  am  Herraan- 
stein  — nach  Kittel 

Steinbach  hinter  der  Sonne  — nach  Kittel  . . 

» , Steinbruch  an  dem  Wege  nach  Ober- 
afferbach   

Zwischen  Steinbach  und  Oberafferbach,  am  Rad 

Kleinostheim  im  Feld  — nach  Kiti-ei 

» südöstlich  vom  Bahnhof  . . . . 

Stockstadt  — nach  Kittel 

» Grasbrück  an  der  Strasse  nach  Seligen- 
stadt   

Mittelsailauf  an  der  Kirche 

» kurz  vor  der  Brücke 

Obersailauf  . 


2— 


7-8>‘ 

9>‘ 

41. 


IOV2'' 

91/2'“ 

2V2" 


50—60°  NW. 
75°  NNW. 

74"  N.  g.  W. 


72“  N. 

84”  N. 

45“  NNO. 
25—30“  NO. 
70"  NW. 
70“  SO. 
85“  NNW. 

60“  NW. 
steil 

steil 
55“  NO. 
30"  0. 


c)  Im  Kahlgrund. 

Blankenbach 

Unter -Sommerkahl  am  Weg  nach  Eichenberg  . 

Zwischen  Unter- Soramerkahl  und  Ernstkirchen. 

» Unter-  und  Ober- Sommerkahl  . . . 

Grube  Wilhelmine  bei  Ober- Sommerkahl  . . . 

Schöllkrippen,  Weg  nach  dem  Röderhof  . . . 

)>  , » » » » , Aveiter 

nach  Osten  horizontal,  bis 

Schöllkrippen,  am  Nordende  des  Dorfes  . . . 

» , am  Fusspfad  nach  Westen  . . . 

» , » » » » an  der 

oberen  Grenze 

Grosslaudenbach,  im  Steinbruch  am  Südwest- 
Ende  des  Dorfes 

Zwischen  Grosslaudenbaeh  und  Grosskahl  . . . 

Westlich  von  Grosslaudenbach  an  der  oberen 
Grenze 


6>> 

4-5" 

3—4" 

7" 

1—2" 

lV‘2-2" 

1—2" 

H-12V2" 

1" 

1—3-4" 

2- 3" 

3- 6" 

1" 


steil  N. 
steil  S.  u.  N. 
steil  SO. 

60“  S. 

60“  WNW. 
15-20“  WNW. 

15-20“  OSO. 
60"  0. 
steil  0. 

10-20“  NW. 

20-30“  NW. 
20“  NNW. 

10—20“  NNW. 


[I.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


95 


Streichen 

Fallen 

GliniiHerreiclier  scliieferigev  Giieiss. 

Kleinostlieim,  am  Wege  nacli  Hörstein,  am  Treppen- 
graben   

12—1'“ 

35"  W. 

Kleinosthoiin,  östlich  vom  Bahnhof 

4-6'* 

75“  SSO. 

Kleinostheim,  in  den  Weinbergen  nördlicli  vom 
Bahnhof 

2" 

35“  NW. 

Oberafferbach,  an  der  unteren  Genze  .... 

4 — 5'' 

NNW. 

Johannesberg 

F‘ 

20-30“  0. 

» 

2V'2'‘ 

NW. 

Zwischen  Riickersbacli  und  Hohl 

2'/.j'' 

40“  NW. 

Feldkahl,  Weg  nach  Erlenbach 

7'“ 

S. 

Königshofen 

1)'' 

S. 

Klein-Blankenbach 

3-4'' 

s. 

Oestlich  von  Klein-Laudenbach 

3'* 

30-G0“  S. 

Am  Kalmus  bei  Schöll  krippen 

2-3" 

15—40"  NW. 

Quarziteinlagerung  zwischen  Klotzenmühle  und 
Laudenbach,  am  Gansberg 

1" 

40“  WNW. 

Waag  bei  Schöllkrippen 

4" 

40“  NW. 

Zwischen  Schöllkrippen  und  Klotzenmühle,  gegen- 
über Schneppenbach  . • 

horizontal 

Zwischen  Schöllkrippen  und  Klotzenmühle,  weiter 
südlich,  am  Keilrain 

4" 

10-20“  NW. 

Zwischen  Schöllkrippen  und  Klotzenmülile,  weiter 
nördlich  am  Nöll 

5" 

10-20"  SSO. 

Unterschneppenbach,  am  Hohen  Berg  .... 

3-4" 

10  und  mehr  NW. 

Gegenüber  der  Klotzcnmühle 

3" 

20  — 30“  NW. 

Zwischen  Klotzenmühle  und  Unter-Western  . . 

4" 

20"  NNW. 

Lnter-Western,  südliches  Ende  des  Dorfes 

3" 

30-60"  NW. 

» , im  Dorfe 

3" 

30-50“  NW. 

» , östlich 

2" 

20-40"  NW. 

Zwischen  Unter -Western  und  Obersclmeppenbach 

2 '/•_>" 

35"  NW. 

Ober-Krombach 

3—5" 

25-40"  NNW. 

Zwischen  Schimborn  und  Feldkahl 

3" 

NW. 

» Mensengesäss  u.  Schimborn,  am  Schloss- 
graben   

3V2" 

65"  NW. 

Zwischen  Mömbris  und  Obersteinbach,  Steinbruch 
gegenüber  der  Frohnhofer  Mühle  .... 

4I.  1 

1 

60"  NW. 

9ß 


H.  Bücking,  Das  Grunclgebirgo  des  Spessarts. 


Streichen 

Fallen 

Zwischen  Mömbris  und  Obersteinbacb,  Steinbruch 
gegenüber  Strötzbach 

3-4'‘ 

CO”  NW. 

Zwischen  Mömbris  und  Obersteinbach , zwdschen 
beiden  Steinbrüchen 

3— 4I' 

40- 50“  NW. 

Quarzitschieferzug  Weste i’n-Dürren  - 
Steinbach. 

Heiligkreuz-Ziegelhütte  zwischen  Gross-Kahl  und 
Huckelheim 

4 h 

GO“  NW. 

Zwischen  Unter-  und  Ober-Western,  Steinbruch 
an  der  Strasse 

2—3'' 

30-45“  NW. 

Buchwäldchen  zwischen  Schneppenbach  und  Hof- 
stätten   

21/3— 3i> 

45-50“  NW. 

Dürrensteinbach 

3'» 

50“  NW. 

Glimmerreicber  schieferiger  Gneiss  im 
Hangenden  des  Quarzitschieferzuges 
Western-Dürrensteinbach. 

Ober- Western,  südlicher  Theil  des  Dorfes  . . 

5'^ 

30“  NNW. 

» , nördlicher  » » » . . 

211 

30-40“  NW. 

Nördlich  vom  Polsterhof  bei  Western  .... 

Sti 

N. 

Eichenberg  westlich  von  Ober-Western,  Höhe  . 

l'> 

N. 

Hofstätten 

3'' 

40“  NW. 

Zwischen  Hofstätten  und  Dürrensteinbach  im 
Strüttgrund 

3-4'> 

50“  NW. 

Quarzitglimmerscliiefev. 

Hornblendeschiefer  am  Kirbig  bei  Huckelheim  . 

4-4 

40-70“  NW. 

Quarzit  an  der  Hombachmündung  bei  Huckelheim 

4'/2'' 

30-35“  NNW. 

Am  Südende  von  Huckelheim  am  Fusspfad  nach 
Western 

4‘/2'> 

20-30“  NNW. 

ln  Huckelheim  am  Kapellchen 

3-4I' 

45  —50“  NW. 

» » oben  an  der  Gelnhäuser  Strasse 

3" 

40“  NW. 

Am  Dörsenbach  westlich  von  Huckelheim  . . 

31' 

NW. 

Quarzitlinse  am  Müllerstein,  westlich  von  Fluckel- 
heim 

5-(ii> 

N. 

Quarzit  an  der  Haardt  bei  Huckelheim,  Geln- 
häuser Strasse 

3-^4'' 

70“  NW. 

Quarzitschiefer  im  Steinbruch,  nordwestlich  von 
Hofstätten 

3I' 

40“  NW. 

Quarzitschiefer  bei  Omersbach 

3" 

30“  NW. 

H.  Bücking,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


97 


Streichen 

Fallen 

Hornblendescliiefer  bei  Omersbach 

31' 

45"  NW. 

Südöstlich  von  der  oberen  Teufelsmühle,  süd- 
westlich von  Omersbach 

3" 

80“  NW. 

Niedersteinbach  im  Kahlthal 

3" 

75“  NW. 

Hüttengesüsshof  • 

12'' 

70—80“  W. 

Steiuberg  bei  Michelbach  an  der  Strasse  mach 
Hüttengesässhof 

31 

40-G0“  NW. 

Grosshemsbach  am  Hahnenkamm 

31' 

40 -.50“  NW. 

Waldsaum  an  den  Weinbergen  südöstlich  von 
Hörstein 

2‘‘ 

80-90“  NW. 

Eichelgarten  zwischen  Al!  stadt  und  Omersliach 

2— 4'“ 

50-G0“  NW. 

Helgefeld  westlich  von  Albstadt,  südlich  von  Neuses 

4 h 

20“  NW. 

Steinbruch  am  Kreuzberg  bei  Geiselbach  an  der 
Gelnhäuser  Strasse 

0—10 1/2'’ 

40—80"  NO. 

Geiselbach,  im  Lochgraben 

3— 4'> 

NW. 

» , am  hinteren  Gleisberg 

5'' 

80“  NNW. 

» , am  Rochusberg 

41. 

40“  NW. 

Horbach,  Südost-Ende  des  Dorfes 

21/2'“ 

NW. 

» , Nordost-Ende  » » 

3— 4i> 

20“  NW. 

Grossenhausen,  südöstlich  oberhalb  des  Dorfes  . 

2— G'> 

30-40“  NW. 

» , Steinbruch  am  Pfefferberg  an  der 

Strasse  Gelnhausen-Huckelheim 

4— 5i> 

50— GO"  NNW. 

Grossenhausen,  am  Träuktrog,  Graben  neben  dem 
Feld 

4 h 

50-80"  NW. 

Südöstlich  vom  Eicher  Hof,  Steinbruch  . . . 

41/2'' 

30-45“  NNAV. 

Jüngster  Gneiss. 

Grossenhausen,  südöstlich  oberhalb  des  Dorfes  . 

4I1 

25-30“  NW. 

» , auf  der  Ruhe 

3i> 

50 -GO“  NW. 

» , an  der  Hirten  wiese 

3''  ! 

NW. 

» , am  Birkenstück , nahe  an  der 

Strasse  nach  dem  Eicher  Hof 

81' 

25“  NO. 

Grossenhausen  an  der  Sauerwiese 

4h 

80“  SO. 

Zwischen  Grossenhausen  und  Lützelhausen  im 
Lochgraben 

711 

30"  N. 

Zwischen  Grossenhausen  und  Lützelhausen , 500 
Schritt  weiter  nördlich 

4V2’> 

50“  NNW. 

Zwischen  Grossenhausen  und  Lützelhausen , am 
Gründchen  

1 

N. 

Jahrbuch  1889. 


7 


98 


H.  Bückiing,  Das  Grundgebirge  des  Spessarts. 


Streichen 

Fallen 

Lützelhausen,  im  Einschnitt  der  Strasse  nach 

( 1» 

20°  W. 

Grossenhansen 

( 11" 

W. 

Lützelhausen,  Zeilberg 

1 9h 

80°  S. 

Bernbach,  am  rothen  Graben 

21' 

41°  NW. 

An  der  Birkenhainer  Strasse,  nördlich  von  Horbach 

51' 

30°  N. 

Horbach,  nördlich  vor  dem  Dorf 

5— 7 h 

12°  N. 

» » in  » » 

1 1/2— 2 h 

40°  WNW. 

Zwischen  Horbach  und  Altenmittlau  .... 

2V2h 

60°  NW. 

Weinberg  bei  Neuses 

5-7V2h 

30—40°  N. 

Albstadt,  am  Abtsberg 

4h 

30°  NW. 

Zwischen  Michelbach  und  Albstadt 

3-4h 

30°  NW. 

Nahe  bei  Michelbach,  nördlich  von  dem  Dorf  . 

4h 

40°  NW. 

Zwischen  Michelbach  und  Hof  Trages  am  Gold- 
berg, Südostseite 

3— 4h 

steil 

Zwischen  Michelbach  und  Hof  Trages  am  Gold- 
berg, Südseite  im  Thal 

fh  u.  6h 

60°  0.  u.  S. 

Zwischen  Michelbach  und  Hof  Trages  am  Gold- 
berg, Westseite  im  Thal 

3 h 

40°  SO. 

Steinbruch,  östlich  vom  Hof  Trages 

3h 

30°  NW. 

» , nördlich  » » » im  Galgen- 

i 7 bis 

45°  N. 

grund  bei  Somborn,  gestaucht  ..... 

( 2'/2h 

78°  NW. 

Strass  bürg  i.  E.,  im  December  1889. 


Lieber  Tertiär -Vorkommen  zu  beiden  Seiten 
des  Rheines  zwiscbeii  Bingen  und  Lalinstein  und 
Weiteres  über  Tlialbildiing  am  Rhein,  an  der  Saar 

lind  Mosel. 

Von  Herrn  H.  Grebe  in  Trier. 

(Hierzu  Tafel  XV— XVII.) 


Der  Bericlit  über  Thalbildnng  auf  der  linken  Rheinseite  in 
diesem  Jalirbncbe  für  1885  bat  auch  in  weiteren  Kreisen  einiges 
Interesse  gefunden  nnd  habe  ich  iin  letzten  Jahre  nicht  blos 
zwischen  Bingen  nnd  Coblenz  noch  eingehende  Studien  über 
Thalbildnng  nnternonnnen,  sondern  anch  hei  geologischen  Revi- 
sionsarheiten  an  der  Saar  nnd  Mosel  auf  frühere  Iflnsslänfe  mein 
Angenmerk  gerichtet.  Die  Resnltate  dieser  Beohaclitnngen  sollen 
mm  im  Nachstehenden  mitgetheilt  werden. 


Tertiär  zwischen  Bingen  nnd  Lalinstein. 

Bei  der  früheren  flüchtig-en  Beg-elmno-  eines  Theiles  der  Hoch- 
terrassen  zn  beiden  Seiten  des  Rheines  zwischen  Bingen  nnd 
Coblenz  wurden  über  den  höchsten  Dilnvialterrassen  hier  nnd  da 
Ablagerungen  getroffen,  die  älter  als  diluvial  zn  sein  schienen 
nnd  wurde  ich  in  der  Vermnthnng,  sie  seien  Tertiär,  dadurch 
bestärkt,  dass  mir  von  einer  Excnrsion  im  Jahre  1858  erinnerlich 
war,  dass  4 bis  5 Kilometer  östlich  von  St.  Goarshansen  in  der 


100  H.  Grebe,  Uebor  Tertiär -Vorkommen  zu  beiden  Seiten  des  Rheines 


Nähe  von  Reitzenhain  bei  etwa  300  Meter  über  dem  Rheine 
mächtige  Lager  von  weissem  und  granem  Thon  anftreten.  Es 
wurde  nun  diesen  Vorkommen  bei  der  Beffehnncc  des  letzten 
Jahres  eine  besondere  Aufmerksamkeit  geschenkt,  nm  festznstellen, 
ob  auf  der  ganzen  Strecke  zwischen  Bingen  nnd  Coblenz  solche 
nachweisl^ar  seien. 

Als  ich  bei  der  Studie  über  die  Bilduna;  des  unteren  Nahe- 
thales  nnd  des  Rheines  in  der  Biogener  Gegend,  die  fast  200  Meter 
über  demselben  gelegene  Fläche  von  Weiler  nnd  Waldalgesheim 
betrat,  fand  sich,  dass  hier  vielhxch  Tertiär  verbreitet  ist.  Die 
DEOHEN’sche  Section  Sinnnern  giebt  zwischen  Weiler  nnd  Wald- 
algesheim eine  kleine  Partie  Dihivinm  an,  ebenso  auch  mehrere 
Punkte  weiter  westlich  von  dem  Soonwald  nnd  zwischen  dem 
Qnarzitriicken  desselben.  Bei  näherer  Besichtio-nno'  hat  sich  er- 
geben,  dass  wohl  alle  dem  Tertiär  angehören  dürften.  Dasselbe 
dehnt  sich  auf  dem  Platean  von  Waldalgesheim  weit  ans,  nörd- 
lich über  das  Forsthans  Alorgenbach  bis  zn  den  Vorstufen  des 
breiten  Quarzitrückens  des  Bingener  Waldes,  südlich  bis  znm 
Büdesheimer  Walde,  nnd  umgiebt  den  schmalen  nnd  kurzen 
Qnarzitriicken  des  Galgenbergs  bei  Genheim,  setzt  auf  dem  Platean 
von  Walderixach,  Warmsroth  nach  Daxweiler  fort  bis  znm  hohen 
Qnarzitriicken  des  Kandrich  nnd  auch  westlich  von  Stromberg 
auf  dem  gleich  hohen  Platean  auf  der  rechten  Seite  des  Giildcn- 
bachs  bis  jenseits  Dörmbach  zwischen  den  Qnarzitriicken  vom 
Weissenfels  nnd  der  Oppeler  Höhe;  es  scheint  sich  noch  weiter 
westlich  zwischen  den  Soonwaldsqnarzit- Rücken  anf  grössere  Fr- 
sti-ecknng  zn  verbreiten.  Diese  Vorkommen  von  Tertiär  sind  an 
mehreren  Stellen  gut  aufgeschlossen,  namentlich  durch  Gruben- 
baue nnd  in  nenerer  Zeit  beim  Niederbringen  von  Schächten  nnd 
Bohrlöchern  in  der  Nähe  von  Waldalgesheim,  woselbst  tertiärer 
Braunstein  gewonnen  wird,  ln  dem  Schachte  nordöstlich  vom 
Orte  traf  man  zunächst  Lehm  mit  Qnarzitschottei'  3 bis  4 Meter 
mächtig,  dann  folgte  Sand  mit  Kies  4 bis  5 Meter,  darunter 
D/2  Meter  Letten  mit  mulmigem  Braunstein.  Das  Liegende 
besteht  ans  verwittertem  devonischen  Schiefer.  Im  Bohrloche 
zwischen  Waldalgesheim  nnd  Genheim  wurde  angeblich  von  Tag 


zwischen  Bingen  und  Laimstein  etc. 


101 


her  Kies  und  Saud,  daun  sandige,  lettige  Massen  olme  Braunstein 
in  der  Mächtio-keit  von  20  Meter  bis  zum  Thouschiefer  durch- 

O 

snukeii.  Südlich  vom  Galgenberg  bei  Geuheim  ist  eine  grössere 
Sand-  und  Kiesgrube;  das  3 Meter  mächtige  Lager  trägt  eine 
2 Meter  starke  Decke  von  Lehm;  in  der  Sohle  kommen  grobe 
Conglomerate  vor.  Hier,  wie  auch  in  der  Kiesgrube  von  Rümmels- 
heim, 2 Kilometer  in  östlicher  Richtung,  tinden  sich  viele  Tertiär- 
versteinernngen,  ebensoiu  dem  mächtigen  Conglomerate  D/2  Kilo- 
meter südöstlich  von  Waldalgesheim,  in  dem  vom  Andreasbanm 
und  an  der  Morgenbach,  welche  dem  unteren  Meeressande  ange- 
hören, am  häufigsten : 

Natica  crassatina  Lamk.  sp. 

Pectunculus  obovatus  Lamk. 

Cyiherea  splendida  Mek. 

Pecten  fictus  Goldf. 

» Höninghausi  Defr. 

Weiter  westlich  triflt  man  grosse  Aufschlüsse  im  Tertiär  durch  die 
Tageljaue  auf  Brauusteiu  xuid  Brauneisenstein  bei  Seibersbach  und 
Daxweiler.  Alit  dem  Eisenerz  daselbst  erscheint  ein  grobes 
Quarzconglomerat.  In  gleicher  Höhenlage  etwa  wie  die  Tertiär- 
schichten bei  Waldalgesheim  und  westlich  von  da  kommen  auch 
solche  rechtsrheinisch  anf  dem  Plateau  bei  Aulhausen  vor,  die 
ebenfalls  auf  der  Südseite  des  hohen  Quarzitrückens  liegen,  der 
vom  Bingener  Wald  nach  dem  Hauptquarzitrücken  des  Taunus 
fortsetzt.  Auf  der  Nordseite  dieses  über  600  Meter  über  d.  M. 
ansteigenden  Rückens  sind  mir  ausser  den  hochgelegenen  Quarz- 
geröllen  von  Kleinhahnenhof,  rechts  des  Rheines  und  nordöstlich 
von  Bacharach,  und  denen  weiter  nördlich  bei  Sauerbei’gerhof 
bei  Dörscheid  und  Bornich,  welche  vielleicht  tertiär  sind,  keine 
Tertiärvorkommeu  bekannt  geworden,  bis  zu  den  12 — 15  Kilo- 
meter von  da  entfernten  Thonablagerungen  der  Gegend  von 
Reitzenhain , die  aber  eine  grössere  Ausdehnung  zu  haben 
scheinen  (nordöstlich  vom  Ober  - Walmenach  bei  Miehlen  bis 
6 Meter  mächtig).  Gleichzeitig  damit  sind  weisse,  ganz  ab- 
gerundete Quarzgerölle,  weisser  Sand  und  sehr  feste  Quarzcon- 


J02  H-  Gkkbe,  lieber  Tertiär -Vorkommen  zu  beiden  Seiten  des  Rheines 


glonierate  verbreitet.  Ilierhiii  gehören  auch  ähnliche  Vorkommen 
bei  Casdorf,  Nochern,  Prath  und  Lykershausen.  Auch  die  Ab- 
lagerungen von  Quarzgerölleu,  Sand  und  Thon  auf  den  etwa 
250  Meter  hohen  Plateaus  ülier  dem  Rheine  auf  der  linken  Seite 
desselben,  zwischen  Urbar  und  Niederburg,  auf  den  gleich  hoch 
gelegenen  Flächen  von  Ilolzfeld  und  Rheinbay,  auf  dem  Müller- 
berg, südlich  von  Boppard,  auf  der  Höhe  westlich  von  Brey, 
daun  bei  Waldesch  sehe  ich  für  Tertiär  an.  Auf  die  mächtigen 
Ablagerungen  von  Thon,  Sand  und  Kies  der  Hochfläche,  wesilich 
von  Boppard,  zwischen  Buchholz  und  Oppenhausen  habe  ich  schon 
früher  hiugewieseu.  Es  scheint,  dass  vor  der  Bildung  des  Rhein- 
thales  eine  weit  ausgedehnte  Decke  von  Tertiär  vorhanden  war; 
eine  solche  dürfte  auch  längs  der  Mosel  weit  aufwärts  sich  erstreckt 
haben;  kommen  doch  auf  Hochflächen  in  der  Trier’schen  Gegend  noch 
stellenweise  ähnliche  Bildungen  in  grösserer  oder  geringerer  Aus- 
dehnung vor.  Wie  au  der  Mosel  sich  thalabwärts  nach  dem 
Neuwieder  Becken  hin  die  tertiären  Ablagerungen  auf  den  Pla- 
teaus mehr  und  mehr  ausdehneu,  ist  dies  in  ähnlicher  Weise  am 
Rheine  abwärts  vom  Hauptquarzitrücken  des  links-  und  rechts- 
rheinischen Taunus  der  Fall.  Wiederholten  Begehungen  der 
Plateaus  zu  beiden  Seiten  des  Rheines  muss  es  Vorbehalten 
bleiben,  ob  sich  auf  denselben  weitere  Tertiärvorkoinmeu  werden 
uachweiseu  lassen  und  ob  solche  auch  innerhalb  der  Parallel- 
rücken, welche  den  Hauptrücken  bilden,  vorhanden  sind,  Avie 
zwischen  den  parallel  verlaufenden  Höhen  im  Bingerwalde  und  im 
Soonwald.  Wenn  dies  der  Fall  ist,  daun  könnte  mau  auch  an- 
nehmeu,  dass  all’  die  tertiären  Reste  auf  den  Höhen  zwischen 
Bingen  und  Cobleuz  vor  der  Thalbilduug  des  Rheins  im  Zu- 
sammenhang  waren  und  dass  zur  Tertiärzeit  beide  Seen,  der  des 
Neuwieder  mit  dem  des  Mainzer  Beckens  in  Verbindung  standen. 
Dass  zu  jener  Zeit  eine  solche  zwischen  dem  Limburger  und  dem 
Mainzer  Becken  bestanden  hat,  ist  durch  C.  Kocii  nachgewiesen 
worden  ^). 


')  Beitrag  zur  Kenntniss  der  Ufer  des  Tertiärmeores  im  Mainzer  Becken. 


zwischen  Bingen  und  Lahnstein  etc. 


103 


Diluviale  Terrassen  des  Rheines  zwischen  Bingen 
und  Coblenz. 

Von  besonderem  Interesse  ist  es,  den  ältesten  Rheinlaiif 
zwischen  Bingen  und  Coblenz  zu  verfolgen,  lieber  die  ehemalige 
Itheingabelung  bei  Rüdesheim  und  die  frühere  Mündung  der 
ISIahe  in  den  südlichen  Rheinarm  habe  ich  in  dem  oben  erwähnten 
Aufsatze  ausführlich  berichtet  ^). 

Rheiuabwärts  von  Bingen  lassen  sich  eine  grosse  Anzahl 
Terrassen  in  gleichen  Niveaus  liegend,  und  oft  drei  und  vier  über 
einander  von  20  Meter  bis  zu  250  Meter  über  dem  Thale  erkennen. 
Meist  zeigen  die  tieferen  (jüngeren)  Terrassen  nur  geringe,  die 
höheren  eine  grössere  Ausdehnung;  die  höchsten  lehnen  sich  mit 
ihren  Sand-  und  Kiesdecken  an  mehreren  Stellen  au  tertiäre 
Schichten  an. 

Wenn  man  den  Rhein  zwischen  Coblenz  und  Bingen  begeht 
und  betrachtet  diese  oft  kaum  300  Meter  breite  Schlucht  mit  den 
steilen,  zuweilen  senkrechten  Thalwänden,  die  200  — 250  Meter 
über  den  Spiegel  des  Flusses  hinaufrageu,  so  ahnt  man  nicht,  dass 
von  den  oberen  Rändern  der  steilen  Felsen  sich  tafelförmige  Ebenen 
oft  weit  ausdehnen;  dieselben  sind  etwa  1 — 2 Kilometer  westlich 
und  östlich  vom  Rheine  von  Höheuzügeu,  nahe  parallel  mit  ihm 
verlaufend,  begrenzt,  die  die  ältesten  Ufer  gebildet  haben  zur  Zeit, 
als  seine  Gewässer  in  einem  200 — 250  Aleter  höheren  Niveau  wie 
heute  verliefen.  Zwischen  diesen  Ilöhenzügen  liegt  das  ehemalige 
Rheiuthal,  welches  eine  Breite  von  etwa  3 Kilometer  einnahm,  im 
Vergleich  dazu  erscheint  dem  Beobachter  das  heutige  Rheinthal 
nur  als  eine  grosse  Felseuschlucht.  Diese  Betrachtung  kann  man 
nur  von  einem  Höhepunkt  aus  machen.  Man  besteige  einmal 
etwa  von  Wellmich  die  250  Meter  über  dem  Thale  befindliche 
Höhe  am  alten  Schacht  über  dem  Sachsenhauser  Zechenhaus,  von 

*)  Lepsius  hat  in  einer  Anmerkung  seiner  Geologie  von  Deutschland  (S.  219) 
Zweifel  ausgesprochen  über  die  Richtigkeit  meiner  Beobachtung  in  Bezug  auf  die 
Bildung  des  unteren  Nahethaies,  denselben  aber  wieder  aufgegeben  nach  einer 
persönlichen  Besprechung. 


104  H.  Gkebe,  lieber  Tertiär -Vorkommen  zu  beiden  Seiten  des  Kheines 

da  hat  mau  eineu  weiten  Blick  iu  südlicher  Richtung  nach 
St.  Goar  hin;  zunächst  dehnen  sich  vom  Standpunkt  weite  tafel- 
förmige Tei’rassen  aus,  die  zu  beiden  Seiten  des  Rheines  über 
St.  Goar  fortsetzen  und  nur  durch  das  von  hier  ganz  eng  scheinende 
mit  steilen  Felswänden  begrenzte  Rheinthal  unterbrochen  sind,  das 
e:leichsam  eine  tiefe  Furche  in  den  hohen  und  breiten  Terrassen 
bildet;  westlich  nud  östlich  von  ihnen  gewahrt  man  recht  deutlich 
die  höher  ansteigenden  ehemalio;en  Rheinufer.  Noch  auffallender 
und  interessanter  ist  die  Ansicht  über  das  jetzige  enge  und  das 
alte  weite  Rheiuthal,  wenn  mau  seinen  Standpunkt  in  der  gleichen 
Höhe  von  250  Meter  über  dem  Thale  an  der  Kapelle  Langgäh, 
3 Kilometer  südwestlich  von  Rhens,  am  Wege  nach  dem  Nounen- 
heckhof,  wählt  und  seinen  Blick  in  südlicher  Richtung  über  Bop- 
pard  hinaus  richtet.  Dieser  allmählich  ansteigende  Weg  führt 
über  mehrere  Terrassen;  die  höchste  liegt  60  Meter,  die  folgende, 
mit  vielem  Kies  und  vulkanischem  Sand  bedeckte,  140  Meter  über 
Rhens;  daun  folgt  die  höchste  und  2 Kilometer  breite  Tafel,  mit 
weissen  ganz  abgerundeten  Quarzgeröllen  bedeckt,  die  vielleicht 
schon  dem  Tertiär  angehöreu.  — Das  westliche  alte  Rheinufer 
tritt,  von  der  Kapelle  aus  gesehen,  besonders  deutlich  hervor,  es 
ist  in  dem  Höheuzug  gekennzeichnet,  der  sich  nach  dem  Huns- 
rück hin  über  den  breiten  hohen  Flächen  erhebt  und  von  der 
Höhe  des  Calmuth  (westlich  von  Boppard)  über  den  Müllerberg 
(südlich  von  Boppard)  nach  der  Fleckertshölf,  nach  Rheinbach 
und  Holzfeld  weiter  erstreckt.  — In  bequemer  Weise  gelaugt 
man  auch  von  den  tieferen  bis  zu  den  höchsten  Rheinterrassen 
auf  dem  Wege  von  Filsen  (unterhalb  Boppard)  nach  Dalheim. 
Die  erste  erhebt  sich  ebenfalls  60  Meter  über  dem  Thale,  die 
zweite  140  Meter,  ansteigend  bis  zu  160  Meter  am  Camper- 
hausenhof. Die  Quarzgerölle  auf  der  250  — 300  Meter  hohen 
Fläche  von  Plaseukopf  über  Dreispitz  bis  Steiningerhof,  westlich 
von  Dalheim  und  Lyckershausen  hin,  sehe  ich  für  tertiär  an. 
Auf  dieser  Höhe  bemerkt  man  auch  vulkanischen  Sand,  wie  auf 
vielen  Hochflächen  und  Tei’rasseu  zwischen  Bingen  und  Coblenz, 
oft  auch  Bimsstein,  zumal  von  den  Höhen  westlich  von  Boppard, 
selbst  westlich  der  Fleckertshöhe,  bei  mehr  als  500  Meter  Meereshöhe. 


zwischen  Bingen  und  Lahnstein  etc. 


105 


Südwestlich  von  Bacharach  aufsteigend  nach  Winzberg,  lassen 
sich  vier  Terrassen  erkennen,  bei  60,  80,  100  und  120  Meter  über 
dem  Rhein  — 140  Meter  über  demselben  erstreckt  sich  östlich 
von  der  Lurley  eine  grössere  tafelförmige  Terrasse,  die  nur  spär- 
lich mit  Kies  bedeckt  ist,  weiter  östlich  von  der  Lurley  und 
20—  30  Meter  höher  ist  eine  zweite,  nur  von  geringer  Ausdehnung. 
Eine  etwa  230  Meter  über  dem  Rhein  gelegene,  mit  Fhissgeschieben 
bedeckte,  weite  Fläche  verbreitet  sich  von  Patersberg  (bei  St.  Goars- 
hausen) gegen  SO.  lieber  derselben,  in  einem  20  Meter  liöheren 
Niveau  beginnen  auf  Hauseck,  am  Wege  nach  Rettershain,  die 
tertiären  Thone. 

Das  Material  der  diluvialen  Ablagerungen  besteht  vorherrschend 
aus  Kies,  Saud  und  Lehm.  Bei  Ijierscheid  (3  Kilometer  nordöst- 
lich von  St.  Goarshausen)  ist  bei  160  Meter  über  dem  Rhein  eine 
grosse  Kies-  und  Sandgrube;  in  dem  Saud  sind  nicht  selten,  neben 
Geschieben  von  Quarz,  Buntsandstein,  auch  solche  von  Quarz- 
porphyr und  verwittertem  Melaphyr,  Porphyrit  und  man  erkennt 
sofort,  dass  diese  Eruptivgesteine  von  der  Nahe  stammen. 

Bei  dem  Laufe  des  Rheins  zwischen  Bingen  und  Cobleuz 
verdient  wohl  noch  die  Thalbildunfi  bei  Braubach  einer  Erwähnung. 
Au  der  Martinskirche  zeigt  sich  in  dem  schmalen  Rücken,  der 
von  der  Marxburg  in  SO.  nach  der  Höhe  »Neuweg«  verläuft, 
eine  tiefe  Eiuseukung,  die  sofort  beim  Vorübergeheu  auffällt  und 
die  30—  35  Meter  über  dem  Rhein  liegt.  Nordwestlich  davon  be- 
findet sich  in  etwa  10  Meter  höherem  Niveau  eine  kleine  mit  Kies 
bedeckte  Terrasse  und  eine  solche  auch  in  gleichem  Niveau  auf 
der  NO. -Seite  der  Marxburg.  Hier  ist  noch  eine  10  Meter  höhere 
kleine  Terrasse,  der  in  der  Höhenlage  eine  andere  auf  der  rechten 
Seite  des  Grossen  Bachs  entspricht.  Dieselben  dürften  einem 
früheren  Rheiulaufe  zuzuschreibeu  sein  und  mag  sich  der  Rhein 
ehemals  gleich  oberhalb  Braubach  gegabelt  und  der  östliche  Aian 
die  Marxburg  umspült  haben ; damals  ist  der  Grosse  Bach  an  der 
Martinsmühle  und  Zollbach  in  der  Nähe  der  Hammermühle  in 
denselben  verlaufen.  Nachdem  er  zurückgetreteu  und  die  Erosion 
des  Rheins  weiter  vorgeschritten,  haben  auch  beide  Bäche  ihr 
Bett  vertieft.  Beide  zeigen  enge  Schluchten,  die  aber  bei  30  Meter 


106  H.  Ghebp:,  TJeber  Tertiär -Vorkümmen  zu  beiden  Seiten  des  Rheines 

über  der  Thalsohle  besonders  beim  Grossen  Bach  in  der  Nähe  der 
Martinsiniihle  sich  merklich  erweitern.  Auf  dem  beigegebenen 
Uebersichtskärtchen  ist  der  ehemalige  Rheinarm  durch  eine  ge- 


Fig.  1. 


strichelte  Linie  anwedeutet  und  die  Dilnvialterrassen  durch  Kreuz- 

O 

Schraftür. 

Die  liheingabelnng  bei  Braubach  ist  das  dritte  Beispiel  einer 
ehemaligen  Flnsstheilnng  vom  Rheingan  ab,  die  bei  Rüdesheini 
und  bei  Salzig  sind  früher  näher  beschrieben  worden. 


Thalbildiiiig-  der  Saar. 

Eine  ehemalige  Bifurcation,  die  verdient,  eingehend  erörtert 
zu  werden,  wurde  au  der  oberen  Saar  beobachtet.  In  meinem 
ersten  Aufsätze  über  Thalbilduug  und  in  den  Erläuterungen  zu 
Blatt  Saarburg  ist  angeführt,  dass  ihr  unterer  Lauf  in  der  jüngeren 


zwischen  Bingen  und  Lalinstcin  etc. 


107 


Diluvialzeit  zwischen  Saarburg  und  Conz  ein  ganz  anderer  war 
wie  heute.  Bei  Excursionen  au  der  oberen  Saar,  in  der  Saar- 
brücker Gegend,  konnte  die  Wahrnehmung  gemacht  werden,  dass 
auch  in  der  älteren  Diluvialzeit  grosse  Abweichungen  vom  heutigen 
Saarlauf  bestanden,  auf  die  man  aber  erst  aid'merksam  wird  nach 
längeren  Studien  über  Thalbilduug,  nach  wiederholter  Begehung 
einer  Gegend  und  im  Besitze  guter  Karten,  wie  die  neuesten 
Generalstabsaid'nahmen.  Oberhalb  Saarbrücken  in  der  Gegend 
von  St.  Arnual  fand  zur  Zeit,  als  die  Saar  iu  einem  ca.  40  Meter 
höheren  Niveau  verlief,  eine  Theilung  derselben  statt.  Wenn 
mau  seine  Schritte  von  Saarbrücken  nach  den  Spicherer  Höhen 
lenkt  und  auf  die  Höhe  des  alten  Plxercierplatzes  gelangt,  so  fällt 
eine  grosse  Thalmulde  auf,  die  zwischen  dieser  Höhe  und  den 
Spicherer  Bergen  liegt , sie  ist  über  1 Kilometer  breit , dehnt 
sich  östlich  nach  St.  Arnual,  westlich  nach  Forbach  hin  aus.  Beim 
Ueberblicken  derselben  lässt  sich  vermutheu,  dass  in  dieser 
Niederung  ehemals  ein  grösserer  Wasserlauf  bestanden  habe. 
Begeht  mau  dieselbe,  so  finden  sich  auch  diluviale  Ablagerungen 
und  man  wird  in  seiner  Vermuthung  bestärkt.  Die  WEiss’schen 
Blätter  Saarbrücken  und  Dudweiler  geben  zwischen  dem  Galgen- 
berg  (südlich  vom  alten  Exercierplatz)  und  den  Spicherer  Höhen, 
dann  iu  der  Nähe  von  Ehrenthal  und  westlich  von  St.  Arnual 
Diluvium  an.  Dass  die  Diluvial -Tei’rassen  westlich  von  diesem 
Dorfe  einem  früheren  Saarlaufe  angehören,  ist  ofiPenbar  und  man 
könnte  glauben,  dass  der  Fluss  ehemals  zwischen  dem  St.  Arnualer 
Stiftswald  und  dem  Wiuterberg  nur  einen  nach  W.  gerichteten 
Bogen  gemacht  habe.  Verfolgt  mau  indess  die  von  St.  Arnual 
gen  W . fortsetzeude  Eiusenkuug  nach  der  Goldneu  Brenim  hin, 
so  findet  sich  diluvialer  Kies  zwar  in  geringerer  Verbreitung  als 
auf  den  vorerwähnten  Terrassen  von  Arnual,  al)er  überall  auf  den 
Feldern  sind  vereinzelte  Geschiebe  und  Sand,  der  aber  auch  als 
Verwitterungsproduct  des  Buntsaudsteius  von  den  Höhen  zu  beiden 
Seiten  der  Gebirgssenke  herabgeführt  sein  könnte.  Die  diluvialen 
Geschiebe  nehmen  indess  weiter  westlich  aid’  den  Terrassen  der 
Folster  Höhe  und  im  Stieringer  Waldstück  au  Menge  zu  über 
die  lothringsche  Grenze  hinaus.  Auch  die  Niederung  setzt  iu 


108  H.  Grebe,  Ueber  Tertiär -Vorkommen  za  beiden  Seiten  des  Rheines 


der  Richtung  nach  Forbach  und  weiter  fort  auf  der  südlichen 
Seite  von  dem  steil  abfallenden  ITöhenzuge'  begrenzt,  der  sich  vom 
Arnualer  Stiftswalde  über  die  Spicberer  Höben,  den  Forbacber- 
nnd  Kreuzberg,  Kleinwald,  Fabrberg,  Ilerapel  nach  dem  Mors- 
bacber  Walde  erstreckt. 

Wie  die  Terrainbildung  und  die  Verbreitung  diluvialer  Ab- 
lagerungen westlich  von  Arnual  über  Forbach  hinaus  auf  einen 
früheren  Fluss  binweist,  so  kann  auch  bei  genauer  Betrachtung 
der  Berge  und  Thäler  östlich  von  Arnual,  sowie  aus  der  Ver- 
breitung diluvialer  Vorkommen  auf  einen  alten  Wasserlauf  ge- 
schlossen werden,  der  den  kegelförmig  gestalteten  Plalberg  um- 
spülte. Schon  die  Breite  des  Thaies  zwischen  der  Haibergerhütte 
und  der  Scbaafbrücke,  in  dem  gegenwärtig  der  kleine  Scheidter- 
bacb  verläuft,  zumal  aber  die  auffallende  Weite  des  Thaies  zwischen 
dem  Haiberg  und  dem  Kaninebenberg,  das  kein  Bach  durchzieht, 
lassen  vermuthen,  dass  ehemals  zwischen  diesen  Bergen  ehedem 
ein  grösserer  Wasserlauf  sich  durchzog.  Die  mit  diluvialem 
Kies  bedeckten  kleinen  Terrassen  zu  beiden  Seiten  des  Sebeidter- 
baches  entsprechen  in  ihren  Höhenlagen  den  Terrassen  westlich 
von  Arnual.  Und  es  ist  mehr  wie  wahrscheinlich,  dass  in  der 
älteren  Dilnvialzeit  zwischen  Arnual  und  Güdingen  eine  Gabelung 
der  Saar  statt  hatte;  der  eine  und  wohl  breiteste  Arm  ging  von 
Arnual  in  westlicher  Richtung  über  Forbach  — der  andere  über 
Brebach,  zwischen  dem  Haiberg  und  der  Höhe  östlich  vom  Hal- 
berger  Weiher  in  der  Richtung  nach  der  Scbaafbrücke,  wo  er 
den  Scheidterbach  nnd  den  Grunffach  aufnahm,  er  machte  hier 
einen  scharfen  Bogen  und  setzte  seinen  Lauf  zwischen  dem  Hai- 
berg und  Kaninchenberg  in  westlicher  Richtung  weiter  fort.  In 
jener  Zeit  war  der  Haiberg  mit  dem  Winterberg  im  Zusammen- 
hang. Die  Barriere,  welche  beide  Höhen  verband,  verschmälerte 
sich  mehr  und  mehr  und  wurde  schliesslich  durchbrochen.  Die 
Wenwaschuns:  dieser  Barriere  zu  erklären,  könnte  in  der  Weise 
geschehen,  dass  man  annähme,  die  ehemalige  Theilung  des  Flusses 
habe  südlich  vom  Haiberg  stattgefunden.  Von  hier  aus  machte 
der  westliche  Arm  auf  der  Südseite  der  Barriere  allmählich  einen 
grösseren  nördlichen  Bogen,  wodurch  eine  stetige  weitere  Ab- 


zwischen  Bingen  und  Lahnstein  etc. 


109 


spülimg  derselben  erfolgte.  Eia  gleiches  Erodiren  wird  auf  der 
Nordseite  der  Barriere  bei  dem  zweiten  Saararm  stattgefnuden 
haben,  indem  dei’selbe  nach  Umspülung  des  Haibergs  in  einem 
südlichen,  sich  mehr  und  mehr  erweiternden  Bogen  an  der  Barriere 
biufloss,  die  schliesslich  sich  so  verschmälerte,  dass  wiederholte 
Ilochfluthen  der  Saar,  welche  sich  von  S.  her  nach  N.  fortwälzteu, 
dieselbe  durchbrachen.  Von  diesem  Zeitpunkte  an  und  bei  dem 
weiteren  ICinschneiden  der  Saar  sind  die  Gewässer  derselben  dem 
geraden  Weg  nach  NW.,  der  in  der  Barriere  gebahnt  war,  be- 
sonders bei  höheren  Wasserständeu,  gefolgt.  Die  Gewässer  ans 
dem  westlichen  und  nordöstlichen  Arm  traten  allmählich  zurück, 
der  Durchbruch  der  Barriere  erweiterte  sich  mehr  und  mehr  und 
es  entstand  mit  der  Zeit  das  jetzt  über  1 Kilometer  (zwischen  dem 
Ilalherg  und  Wiuterherg)  breite  Thal. 

Nachdem  der  Durchbruch  der  Saar  durcli  die  Barriere  unter- 
hall) Arnual  erfolgt  war  und  der  westliche  Arm  znrücktrat,  fand 
zwischen  dem  Wiuterherg  und  Halherg  ein  tieferes  Eiuschneiden 
des  von  da  ab  alleinigen  Saarlanfes  statt  und  bildeten  fiir  lange 
Zeit  die  etwa  210  Meter  über  dem  Meere  oder  14—20  Meter 
über  der  Saar  gelegene  und  mit  Kies  bedeckte  Terrasse  von  Bre- 
l)ach,  die  östlich  und  nördlich  von  St.  Johann  das  Saarhett.  Die 
breite  gleich  hohe  Fläche  des  Saarbrücker  Bahnhofs  ist  wohl 
grössteutheils  bei  Erweiterung  desselben  auf  künstlichem  Wege 
entstanden,  aber  eine  kleine  Terrasse  war  schon  vor  dem  Babn- 
ban  vorhanden;  sie  findet  westlich  ihre  Fortsetzung  in  der  mit 
einem  mächtigen  Kieslager  bedeckten  Terrasse  von  Malstadt,  in 
der  am  Bahnhof  Bürbach  und  längs  der  Bahn  bis  Louiseuthal. 

Der  Anlass  zur  Flnsstheilung  oberhalb  Saarbrückens  möchte 
wohl  darin  zu  suchen  sein,  dass  die  frühere  Saar  in  der  Nähe 
von  Güdingen , wo  sie  in  Schichten  des  Bnntsandsteius  eintrat, 
ein  durch  grosse  Gebirgsrisse  sehr  gestörtes  Terrain  erreichte; 
der  östliche  Arm  verlief  nach  dem  durch  zwei  Klüfte  um 
70 — 80  Meter  eingesunkenen  Gebirgstheil  bei  der  Schaafbrücke, 
von  da  in  NW.  auf  1 V-2  Kilometer  in  der  Vorgefundenen  graben- 
förmigen  Vertiefung,  der  westliche  wandte  sich  in  dem  um  50  l)is 
GO  Meter  eingesunkenen  Terrain  westlich  von  St.  Arnual  nach  der 


]]0  H.  Grebe,  lieber  Tertiär -Vorkommen  zu  beiden  Seiten  des  Eheines 


goldenen  Breinin,  über  Forbach  hinaus  immer  in  eingesunkenen 
Schichten,  wie  die  Uebersichtskarte  von  Gr.  Meyer  zeigt  ^).  Dass 
Gebirgsstöruugen  nicht  selten,  wenn  auch  nur  streckenweise,  den 
Lauf  der  Flüsse  bestimmen,  wurde  schon  früher  bei  der  Mosel 
und  in  neuester  Zeit  au  der  Sauer  beobachtet. 

Beigefügte  Karte  (Tafel  XVII  im  Maassstabe  1 : 30000)  bietet 
eine  nähere  Orientirung  über  diese  ehemalige  Saargabelung  ober- 
halb Saarbrücken,  auf  der  auch  die  gedachte  Barriere  und  der 
Lauf  der  beiden  Saararme  angedeutet  ist  ^). 

Es  ist  gewiss  von  Interesse,  nun  auch  den  weiteren  Vei’lauf 
beider  Arme  der  Saar  zur  Zeit  ihrer  Gabelung  oberhalb  Saar- 
brücken zu  verfolgen;  ihre  Wiedervereinigung,  nehme  ich  an,  hat 
ca.  40  Kilometer  thalabwärts  gleich  unterhalb  Saarlouis  stattge- 
funden  und  folgere  dies  aus  folgenden  Beobachtungen.  Beim  Be- 
gehen  der  Gegend  zwischen  Saarlouis  und  Saarbrücken,  zumal 
von  Ilöheupunkten  auf  der  rechten  Seite  der  Saar,  fällt  in  west- 
licher Richtung  sofort  ein  steil  gegen  O.  nach  dem  Saarthale 
hin  abfallender  Höhenzug  ins  Auge,  der  mit  dem  Limberg  bei 
Wallerfangen  beginnt  und  sich  von  da  auf  ‘2  — 3 Kilometer  zxi- 
nächst  nach  W.  erstreckt,  dann  aber  nach  S.  umlnegt  und 
etwa  parallel  mit  der  Saar  über  Felsberg  und  Berus  nach  Bisten 
verläuft. 

Derselbe  macht  so  recht  den  Eindruck  als  den  ehemaligen 
Rand  eines  grösseren  Flusses  und  bildet  den  Abfall  der  Hoch- 
fläche, der  Saargau  genannt,  zwischen  Geislingen  und  Felsberg 
nach  Osten  hin.  Zwischen  demselben  und  dem  heutigen  Saarthal 
dehnt  sich  eine  ca.  230  Meter  über  dem  Meere  oder  40  Meter  über 


b lieber  die  Lagerungsverhältnisse  der  Trias  am  Südrande  des  Saarbrücker 
Steinkoblengebirges. 

b In  ähnlicher  Weise,  nur  in  kleineren  Verhältnissen  hat  eine  allmähliche 
Wegwaschung  einer  früheren  Barriere  beim  Sauerlaufe,  da  wo  jetzt  Echternach 
liegt,  stattgefunden,  wie  in  dem  Aufsatz  über  Thalbildung  im  Jahrbuch  pro  1885, 
S.  145  gezeigt  worden  ist.  — Der  hakenförmige  Bogen , den  die  Sauer  zwisclien 
Ealingen  und  Wintersdorf  macht,  kann  nur  den  mächtigen  Klüften  zugesehrieben 
werden , die  zwischen  beiden  Dörfern  durchsetzen.  Die  Höhe  »Held  oder  Lay« 
östlich  von  Ealingen,  liegt  zwischen  zwei  grossen  Verwerfungen  und  ist  ein  um 
etwa  5ü  Meter  gesunkener  Gebirgstheil.  Zur  Zeit,  als  die  Sauer  in  einem  30  Meter 


zwischen  Bingen  und  Lahnstein  etc. 


111 


der  Saar  gelegene  Fläche  aus,  die  schon  von  Weitem  als  eine 
Hochterrasse  erscheint.  Man  findet  auf  ihr  an  manchen  Stellen, 
besonders  westlich  von  Lisdorf  viele  Plussgeschiebe  und  liegt  die- 

höheren  Niveau  iloss,  muss  auch  hier  eine  Gabelung  derselben  statt  gefunden 
haben.  Darauf  deutet  die  Gebirgssenke  südlich  vom  Bahnhof  Rosport,  in  der 
Flussgeschiebe  liegen , hin.  Es  ragte  damals  die  Held  als  Insel  zwischen  beiden 

Fig.  2. 


Armen  hervor.  lieber  die  Schwelle  südlich  von  Rosport  ging  der  südliche  Lauf 
des  Flusses,  der  bogenförmige  über  Ralingen ; in  den  gesunkenen  Gebirgsschichten 
vertiefte  er  sich  in  denselben  leichter,  so  dass  er  sich  zum  alleinigen  und  zum 
Hauptlauf  mit  der  Zeit  entwickelte. 


112  H.  Gkebe,  lieber  Tertiär -Vorkommen  zu  beiden  Seiten  des  Rheines 

selbe  in  gleichem  Niveau,  wie  die  diluvialen  Vorkommen  westlich  von 
St.  Arnual  nach  Forbach  hin.  Das  Dorf  Bisten  liegt  am  südöst- 
lichen Fusse  des  vorerwähnten  Höhenzuges,  an  denselben  lehnt 
sich  südlich  und  östlich  von  Bisten  eine  anso-edehnte  Niedernug 
in  Form  eines  Beckens,  das  den  Eindruck  eines  ehemaligen  kleinen 
Sees  macht,  lieber  seine  Entstehung  soll  weiter  unten  Näheres 
angeführt  werden.  Von  Bisten  aus  verläuft  mit  gleich  steilem 
Abfall  der  Hölienzno;  auf  4 Kilometer  in  westlicher  Richtung:  über 
Merten  hin,  biegt  dann  nochmals  nach  S.  um  und  ist  an  den 
Höhen,  westlich  der  Bist,  die  mit  dem  Grossen  Zoll  bei  Falk  be- 
ginnen lind  im  Hufwald  westlich  von  Kreuzwald  über  Varsberg  und 
westlich  von  Porcelette  fortsetzen,  wieder  zu  erkennen.  In  der 
Nähe  von  Porcelette  macht  der  Ilöhenzug  im  St.  Avolder  Walde 
einen  südwestlichen  Bogen  und  verläuft  über  Ob.  Homburg, 
Beniug:en- Merlenbach  und  Morsbach.  Die  Wendung:  des  alten 
Saararmes  vom  St.  Avolder  Walde  ans  in  nördlicher  Richtnug 
dürfte  Gebirgssenki;ngen  zuzuschreibeu  sein,  die  in  der  Wasser- 
scheide zwischen  den  Nied-  und  Saarzuflüssen  Vorkommen. 

Der  ehemalige  westliche  Saararm  durchzog  die  Niederung, 
die  sich  östlich  und  nördlich  der  eben  genannten  Berge  und  Orte 
ansdehnt.  In  derselben  kommen  an  vielen  Stellen  mit  Flnssge- 
schieben  bedeckte  Terrassen  vor,  die  in  gleichem  Niveau  wie  die 
zwischen  den  Spicherer  Höhen  und  dem  Winterberg,  sowie  die 
westlich  von  Arnual  liegen.  Mau  trifit  aber  auch  an  manchen 
Punkten  Kiesterrassen,  besonders  in  der  Nähe  von  Porcelette,  in 
höherem  Niveau  an,  also  ältere  Bette  des  alten  westlichen  Saar- 
laufes. Früher  wird  die  Bist  zwischen  Varsberg  und  Kreuzwald, 
der  Grosse  Bach  bei  Merten  in  denselben  gefallen  sein.  Von 
Krenzwald  ans  geht  die  Bist  in  nördlicher  und  gleicher  Richtung 
wie  der  ehemalige  Saararm.  Bei  Bisten  wird  schon  damals  in 
dem  weichen  und  leicht  zerstörbaren  Vogeseusandstein  eine  grosse 
Thalweite  bestanden  haben,  die  sich  etwa  bis  Friedrichweiler  ans- 
dehute.  Erst  nachdem  der  westliche  Saararm  zurückgetreten  war, 
haben  sich  die  von  Merten  und  Kreuzwald  kommenden  Gewässer 
in  der  Thalweite  von  Bisten  angesammelt  und  einen  kleinen  See 
gebildet,  ans  dem  sich  später  ein  Abfluss,  der  untere  Bistlauf, 


zwischen  Bingen  und  Lahnstein  etc. 


113 


über  Difierteii  nach  der  heutigen  Saar  entwickelte,  und  es  wurde 
bei  dem  weiteren  Einscbueiden  desselben  der  See  nach  und  nach 
entwässert.  Noch  bis  in  die  neuere  Zeit  muss  in  der  Thalweite 
von  Bisten  eine  grössere  Wasseransammlung,  nach  den  ausge- 
dehnten Torfvorkommen  zu  scbliessen,  bestanden  haben.  Ist  die- 
selbe doch  jetzt  noch  sehr  wasserreich  und  sumpfig. 

Der  zweite  Saararm  (vergl.  Taf.  XVII)  floss  nach  Umspülung 
des  Ilalberges  in  nordwestlicher  Bichtung  weiter,  etwa  in  gleicher 
Ivichtung  wie  die  heutige  Saar.  Es  lässt  sich  aimehmeu,  dass 
nordwestlich  der  Schaafbrücke  eine  nochmalige  Gabelung  dieses 
Armes  statt  hatte,  und  dass  der  Kaninchenberg  zwischen  dieser 
Gabelung  hervorragte.  Einmal  deutet  die  Alnnndung  dieses  Berges 
auf  seiner  nördlichen  Seite  darauf  hin,  dann  auch  die  Ablagerung 
diluvialer  Geschiebe  auf  der  hier  befindlichen,  kleinen  Fläche, 
gleichfalls  in  230  Meter  Meereshöhe,  wie  die  Terrassen  westlich 
von  Arnual  und  die  östlich  vom  Ilalberg.  Auch  die  230  Aleter 
hohe  mit  Kies  bedeckte,  kleine  Terrasse  unterhall)  Eschberg,  über 
welche  die  Strasse  nach  Saarbrücken  führt,  dürfte  diesem  Laufe 
angehören.  Die  Terrasse  in  gleicher  Höhenlage  1 — U/2  Kilometer 
östlich  und  nordöstlich  von  St.  Johann,  des  Vorlandes  des 
St.  Johauner  Stadtwaldes,  ist  das  Bett  des  nördlichen  bezw.  nord- 
westlichen Saararmes  gewesen,  ebenso  die  gleich  hoch  gelegene 
Fläche  nördlich  von  Saarbrücken  nach  dem  Neuen  Ilotheuhof  hin, 
sowie  die  nördlich  von  Malstadt  und  von  Burbach.  Weiter  ab- 
wärts waren  die  gleich  hohen  Flächen  zu  beiden  Seiten  der  Saar, 
westlich  von  Burbach,  südwestlich  von  Louisenthal,  dann  bei 
Fenne,  Völklingen,  Buss  bis  Saarlouis  hin  das  ehemalige  Bett 
dieses  Saararmes.  Derselbe  hat  sicherlich  seinen  Lauf  auch  in 
horizontaler  Richtung  vielfach  geändert,  so  dass  er  zwischen  Bur- 
bach und  Saarlouis  theils  nördlich,  theils  südlich  der  jetzigen  Saar 
ging.  Die  Breite  des  Saarthaies  hier  dürfte  zur  altdiluvialen  Zeit 
etwa  auf  4 — 5 Kilometer  zu  schätzen  sein.  Von  grosser  Aus- 
dehnung ist  die  230  Meter  über  dem  Meere  gelegene,  mit  Kies 
und  Lehm  bedeckte  Terrasse  von  Scbaffhausen.  Auf  der  Süd- 
seite derselben  steigt  das  Terrain  merklich  an  und  erreicht  am 
Hohen  Berg  284  Vleter  Meeresla'ihe.  Das  rasche  Ansteigen  des 


Jahrbuch  1S89. 


s 


114  H.  Grebe,  Ucber  Tertiär -Vorkommen  zu  beiden  Seiten  des  Rheines 

Terrains  fällt  gleich  beim  Begehen  der  Fläche  auf  und  dürfte  hier 
der  südliche  Uferrand  des  alten  Saarlanfes  zn  suchen  sein,  der 
am  Weiher  Berg  und  Rothen  Berg  in  nordwestlicher  Richtung 
und  jenseits  der  Bist  am  Buch-Holz  bei  Wadgassen  fortsetzt. 

Die  beiden  Saararme  umgaben  eine  grosse  Insel,  eine  Gebirgs- 
partie,  die  sich  von  Arnual  bis  Wallerfaugen  auf  eine  Länge, 
wie  olien  angeführt,  von  ca.  40  Kilometern  und  in  der  grössten 
Breite  auf  15  Kilometer  vom  St.  Avolder  Wald  bis  Wadgasseu 
ausdehnte.  Die  höchsten  Punkte  derselben  sind  der  Hofberg  bei 
Friedrichweiler  (235  Meter),  die  Halbe  Welt  bei  Ludweiler 
(260  Meter),  der  Hohe  Berg  bei  Schaffhausen  (284  Meter).  Sie  wurde 
von  der  jüngeren  Diluvial-  bis  zur  Alluvialzeit  vielfach  durch  quer- 
vcrlaufende  Gewässer,  wie  die  Rossel,  der  Lauterbach,  der  Wer- 
belenerbach, die  Bist  und  eine  Reihe  kleinerer  Bäche  durch- 
schnitten. 

Eine  zweite  Flusstheilnng  hei  der  Saar  wird  wohl  auch  ehe- 
dem, vergl.  Taf.  XVI,  etwa  5 Kilometer  unterhalb  Wallerfangeu  be- 
standen haben,  innthmaasslich  in  derselben  Zeitperiode,  als  die 
grosso  Gabelung  zwischen  Arnual  und  Wallerfangen  bestand. 
Wenn  mau  auf  dem  Woge  von  Dillingen  nach  Beckingen  seinen 
Blick  westwärts  wendet,  so  gewahrt  mau  eine  fast  1 Kilometer 
breite  Einbuchtung  zwischen  der  Siersburg  und  dem  Galgenberg. 
Die  230  Meter  über  dem  Meere  gelegene  Fläche  zwischen  beiden 
Bergen  ist  mit  Flussgeschieben  bedeckt.  In  gleicher  Höhe  ruht 
2 — 3 Kilometer  weiter  westlich  im  Eichertswald  bei  Büren 
wieder  eine  Kiesdecke  und  dann  nach  Gross-Hemmersdorf  hin 
eine  dritte.  Auch  die  kleine  Kiesterrasse  westlich  von  Siers- 
dorf und  die  auf  der  linken  und  rechten  Seite  der  Nied  unter- 
halb Eimersdorf  liegen  in  demselben  Niveau.  Es  könnten  die  di- 
luvialen Absätze  auf  diesen  Terrassen  auch  von  der  Nied  her- 
rühren, dann  müsste  man  annehmen,  dass  diese  sich  ehemals  unter- 
halb Gross-Hemmersdorf  gegabelt  habe  und  der  eine  Arm  fiber 
Büren  und  von  da  zwischen  der  Siersburg  und  dem  Galgenberg, 
der  andere  in  der  Richtung  der  heutigen  Nied  von  Siersdorf  über 
Eimersdorf  nach  der  Saar  verlaufen  sei.  Viel  wahrscheinlicher 
und  natürlicher  dürfte  es  sein,  schon  wegen  der  Breite  der  er- 


zwischen  BinMn  und  Lahnstein  etc. 


115 


wälmten  Gebirgsseiike,  die  auf  einen  grösseren  Fluss  scbliessen 
lässt,  dass  die  Saar  in  der  Nähe  von  Pachten  sich  nochmals 
gabelte,  der  östliche  Arm  in  der  Richtung  des  jetzigen  Saai’thals 
und  der  andere  (westliche)  zwischen  dem  Galgeuberg  und  der 
Siersburg  ging,  in  der  eingesunkenen  Gebirgspartie  von  Siers- 
dorf einen  Bogen  nach  Norden  machte,  und  dass  sieh  beide  Arme 
unterhall)  Rehlingen  bei  Beckingen  wieder  vereinigten.  Damals  wird 
die  Nied  nahe  unterhalb  Gross-IIenimersdorf  in  den  westliche)! 
Saararm  gemündet  sein,  wohl  da,  wo  sie  in  fast  rechtem  Winkel 
von  S.  nach  O.  umbiegt;  später  hat  sie,  nachdem  der  westliche 
Arm  der  Saar  zurücktiat,  d;is  von  demselben  vorgebildete  Thal 
zu  weiterem  Laufe  benutzt  und  ihren  Weg  über  Eimersdor-f  foi’t- 
gesetzt. 

Ein  sehr  alter  Saarlauf  lässt  sich  in  der  Gegend  von  Mei’zig 
ei'kennen.  Blickt  inaii  von  einem  höhei’en  Standpunkt  in  der 
Nähe  dieser  Stadt  gen  W.,  so  nimmt  man  wahi-,  dass  die  5 — 10  Kilo- 
meter entfernten  höchsten  Berge  in  einem  nach  W.  gerichteten, 
halbkreisf()rmigeu  Bogen  von  der  Saar  aus  verlaufen.  Am  Fusse 
dieses  Höhenzuges,  der  einen  auffallend  steilen  Abfall  gegen  das 
nach  N.  und  NO.  etwa  100  Meter  ülier  der  Saar  liegende  Vor- 
land zeigt,  während  das  westliche  Plateau  nahe  200  Meter  über 
derselben  sich  belindet,  sind  die  Orte  Büdingen,  Welliugen, 
Wehingen  und  Tünsdorf  gelegen.  Macht  schon  der  steile  Ab- 
hang des  südlich  und  westlich  von  diesen  Dörfern  verlaufenden 
Ilöhenzuges  den  Eindruck  eines  sehr  alten  Flussufen-andes,  so 
lieo-en  überdies  auf  den  terrassenformiscen  Flächen  nördlich  und 
östlich  derselben  an  vielen  Stellen,  wenn  auch  späidich,  Fluss- 
geschiebe; sie  sind  sicherlich  ehemals  in  grösserer  Menge  hier 
vorhanden  gewesen,  später  fortgespült,  und  durch  die  vom  Höhen- 
zuge der  Saar  zufallenden,  vielen  Bäche  weggeführt  worden.  Daher 
ist  auzimehmen,  dass  die  Saar,  zur  Zeit  als  sie  noch  in  einem 
etwa  100  Meter  höheren  Niveau  veidief,  ihren  Weg  von  Merzig 
zunächst  westlich  längs  des  erwähnten  PIöhenzTiges  nahm  und  in 
der  Gegend  von  Wellingen  nach  NW.  umbog  bis  Tünsdorf,  wo 
sie  den  Quarzitrücken  Schwarzbruch,  den  südwestlichen  Ausläufer 
des  linksi'heinischen  Taunus -Quai'zit,  erreichte.  Von  hier  aus 


116  H.  Grebe,  lieber  Tertiär -Vorkommen  zu  beiden  Seiten  des  Rheines 

verlief  die  alte  Saar  in  östlicher  llichtuug  über  die  Fläche  von 
Nohn.  Damals  wird  auch  die  100  Meter  über  dem  Thale  ffe- 
legene  Fläche  zwischen  Ponten  und  Mettlach,  auf  welcher  eben- 
falls Flnssgeschiebe  Vorkommen,  das  Saarbett  und  nachweisbar 
das  älteste  gewesen  sein.  In  gleicher  Höhe  liegen  auch  die  Kies- 
vorkommen auf  den  Flächen  oberhalb  Saarhölzl^ach  zu  beiden 
Seiten  der  Saar. 

Grosse  Aenderungen  im  Fhisslanfe,  von  der  älteren  Diluvial- 
bis  zur  Alluvial- Zeit,  lassen  sich  auch  au  der  unteren  Saar, 
zwischen  Saarburg  und  der  Mosel,  nachweisen.  Die  breiten  Thal- 
böden, welche  ringförmig  in  westlichen  und  östlichen  Bogen  von 
der  Saar  sich  hier  abziehen,  sind  fridier  in  den  Erläuterungen  zu 
Blatt  Saarl)urg  (1880)  und  in  dem  Jahrbuche  für  1885  näher  be- 
schrieben  worden,  lieber  den  fast  kreisförmigen  grossen  Thal- 
bogen,  südöstlich  von  Conz  folgt  imteu  M^eiteres. 

Neuerdings  wurde  noch  beobachtet,  dass  in  der  älteren  Di- 
luvialzeit ein  Arm  der  Saar  von  Ayll  aus  in  der  Richtung  über 
Tawern  und  von  da  in  dui'ch  Gebirgsstörungen  eingesunkenem 
Terrain  seinen  Lauf  gehabt  haben  dürfte,  und  dass  der  untere 
Albach,  der  gleich  oberhalb  Wasserliesch  in  die  Mosel  fällt,  in 
einem  von  diesem  Saararm  vorgebihleteu  Thale  von  Tawern  aus 
verläuft.  Das  zwischen  diesem  Orte  und  der  Alosel  ganz  enge 
Albachthal  zeigt  bei  50  — 60  Meter  über  dem  Bachbett  eine  grosse 
Breite  von  ca.  1 Kilometer,  und  man  findet  unterhalb  Tawern  auf 
der  an  der  Westseite  des  Rosenberg  sowie  gegenüber  bei  Fellerich 
an  den  Ilöhenzug  mit  steilem  östlichen  Abfixlleu  sich  anlehuendeu 
Fläche  viele  Flussgeschiebe,  die  sich  auf  gleich  hohen  Terrassen 
weiter  nach  der  Mosel  ebenfalls  zeigem  Diese  obere  bedeutende 
Thalweite  kann  nur  von  einem  grösseren  Flusse  herrühren  und 
nicht  von  den  beiden  kleinen  Wasserlänfen  des  Greulbachs  und 
des  Mannebachs  (Thalbachs)  die  nach  der  Vereinigung  bei  Tawern 
den  Albach  bilden.  Beide  haben  nur  einen  kurzen  Lauf  von 
3 und  5 Kilometer  in  engen  Thalschluchten  und  in  nordöstlicher 
Richtung  bis  Taweiai,  von  da  wendet  sich  der  Albach  in  NW., 
in  gleicher  Richtung  wie  der  mnthmaassliche  frühere  Saararm  von 
Ayll  her. 


zwischen  Bingen  und  Lahnstein  etc. 


117 


Der  Verlauf  desselben  ist  schon  in  der  Terrainbilduug  zu  er- 
kennen, einmal  an  der  Einbuchtung  im  Hardtwald  am  besten  von 
der  N. -Seite  her,  etwa  von  der  Höhe  Lück  bei  Tawern.  Diese 
Einbuchtung  liegt  225  Meter  über  d.  M.,  die  Saar  bei  Hamm 
130  Meter,  es  hat  also,  seitdem  der  westliche  Saararm  zurück- 
betreten,  ein  weiteres  Einschneiden  des  Flusses  um  95  Meter  statt- 
gefunden. 

Die  Gegend  der  unteren  Saar  bedarf  in  Bezug  auf  Thal- 
bildnng  die  eingehendsten  und  langjährigen  Studien;  dabei  kommen 
dem  Beobachter  die  Neuaufnahmen  des  Generalstaljes,  welche  die 
Terrainverhältuisse  ungemein  genauer  zur  Darstellung  bringen 
als  die  früheren,  zu  Statten.  Ausser  dem  a.  a.  O.  bereits  und  dem 
vorher  beschriebenen  alten  Lauf  der  unteren  Saar  muss  auch 
ehemals  ein  solcher  in  der  60  Meter  über  dem  Thale  gelegenen 
und  mit  Flussgeschiebeu  bedeckten  Gebirgssenke,  südlich  von 
Conz,  durch  die  der  Weg  von  da  nach  Wiltingen  führt,  bestanden 
haben;  eine  40  Meter  hoch  liegende  muldenförmige  Einbuchtung, 
südlich  von  Hamm,  deutet  ebenfalls  auf  einen  ehemaligen  Fluss- 
lauf hin.  Ferner  ist  es  gar  nicht  unwahrscheinlich,  dass  die  Strecke 
der  unteren  Saar  zwischen  Wiltingen  und  Conz  zur  Zeit  der 
Entstehung  des  Thaies  der  Mosel  von  dieser  vorgebildet  worden 
ist,  dass  ein  Ann  der  Saar  bei  Wiltingen  in  die  Mosel  mündete 
und  ein  zweiter  bei  Oberemmel,  nach  der  ca.  100  Meter  über  dem 
Thal  beLgenen  Einbuchtunb  auf  der  SO. -Seite  des  Scharzl)erbs 
zu  schliesseu.  Auf  dem  hier  heigefügten  Plaue  (Taf  XVJ)  bemerkt 
man,  dass  der  breite  Thalbodeu  östlich  von  Wiltingen  bei  NW.- 
Richtung  in  einen  spitzen  Winkel  von  ca.  60*^  nach  dem  Saar- 
thal hin  sich  ötinet.  Derselbe  wird  wohl  uiclit  von  einem  Saar- 
laufe, wie  früher  angenommen  wurde,  heiTiUireu.  Es  wäre  immer- 
hin denkbar,  dass  der  Fluss  auch  südlich  und  östlich  von  Wil- 
tingen seinen  Lauf  gehabt  und  die  20  und  40  Aleter  hohen 
Diluvialterrasseu  sein  ehemaliges  Bett  luldeteu,  und  dass  das  Eiu- 
schueiden  des  Oberemmeler  Baches,  der  bei  Wiltingen  mündet, 
die  weitere  Vertiefung  'des  alten  Thalbodeus  bewirkt  habe.  Viel 
wahrscheinlicher  will  es  mir  nach  neueren  Beobachtungen  Vor- 
kommen, dass  ein  von  NW.  gekommener  grosser  Wasserlauf  hier 


118  H.  Grede,  TJeber  Tertiär-Voi'koimuen  zu  beiden  Seiten  des  Rheines 

eroclirt  hat.  Dafür  sprecbeu  die  auf  Hochterrassen  südlich  vou 
Coiniuliugen  liegenden  Flussgeschiebe,  die  bis  170  Meter  über  das 
Thal  hiuaufreicheu , in  welcher  Höhe  beim  Saarlaufe  solche  nicht 
wahrnehmbar  sind,  wohl  aber  vielfach  zu  beiden  Seiten  der  Mosel 
und  dann  die  auffallend  grosse  Thalweite  des  Thalbodens  von 
Wiltingen  über  Oberemmel,  Crettnach  nach  Couz.  Es  dürfte  die 
Entstehung  desselben  der  Mosel  zuzuschreiben  sein.  Dieselbe  ver- 
läuft, soweit  sie  Grenzfluss  zwischen  preussischem  und  luxem- 
burgischem Gebiete  bildet,  von  SW.  nach  NO.  im  Streichen  von 
grossen  Klüften;  oberhalb 'Wasserbillig  auf  eine  Länge  von  8 Kilo- 
meter in  einer  grabenförmigen  Einsenkung,  durch  welche  hier  ihr 
Weg  vorgezeichnet  war.  ln  dem  sehr  gestörten  Terrain  zwischen 
AVasserbillio’  und  Conz  verlässt  sie  ihre  bisherige  Richtung:  von 
der  Sauermündung  ab  und  wendet  sich  anfangs  im  O.,  dann  im  SO. 

An  der  Grenze  von  Buntsandstein  und  Devon  in  der  Nähe 
vou  Couz  wird  ehemals  eine  Gabelung  des  Flusses  statt  gehabt 
haben,  der  nördliche  Arm  verlief  nördlich  von  Conz,  worauf  die 
hohen  Diluvial-Terrassen  in  der  Gegend  hindenten,  der  andere  in 
SO.,  zunächst  an  der  Grenze  vou  Buntsaudstein  und  Devon  bis 
Coeueu  und  machte  in  letzterem  den  grossen  fast  kreisförmigen 
Bogen  über  Kanzem,  AViltingen,  Oberemmel,  Crettnach  nach  Conz. 
Damals  wird  bei  Couz  das  nach  NAV.  etwas  vorspringeude  Devon 
in  dieser  Richtung  noch  weiter  fortgesetzt  und  hier  eine  Barriere 
bestanden  haben,  ähnlich  wie  sie  bei  der  Saar  oberhalb  Saai'- 
brücken  und  der  Sauer  bei  Echternach  gedacht  wurde,  die  beide 
Aloselarme  für  einen  grossen  Zeitraum  trennte,  bis  sie  schliesslich 
bei  stets  fortschreitender  Erosion  durchbrochen  worden  ist.  Auf 
dieselbe  weisen  die  verhältnismässig  geringe  Thalweite  bei  Conz 
und  auf  den  früheren  südlichen  Moselarm  die  Thalweite  bei  Coeneu 
hin.  Erst  nach  erfolgtem  Diu'chbruch  der  Barriere  bei  Couz  ent- 
wickelte sich  der  heutige  Mosellauf,  der  südliche  Arm  über  Coeueu, 
AViltingen  etc.  trat  zurück  und  es  hat  nun  die  Saar  den  von  dem- 

o 

selben  gebahnten  Weg  zu  ihrem  weiteren  Lauf  benutzt.  Dies 
fand  in  jener  Zeit  statt,  als  das  Moselbett  in  einem  etwa  90  bis 
100  Meter  höheren  Niveau  lag.  Die  höchste  Stelle  des  breiten 
Thalbodeus  bei  Crettnach  ist  225  Meter  über  dem  Meere,  die 


zwischen  Bingen  und  Lahnstein  etc. 


1 H) 

Mosel  ao  der  Saarmiiiuluiig  127  Meter.  Damals  wird  auch  der 
oben  erwähnte  frühere  Saarann  von  Ayll  über  Tawern  nach 
Wasserliesch  znrückgetreteii  sein;  die  Geltirgssenke  iin  Hardt- 
wald liegt  etwa  in  gleicher  Höhe  wie  der  Thalhoden  bei  Crettnach. 

Thalbilduiig  der  Mosel. 

Der  weitere  Verlauf  des  nördlichen  Moselarnies  lässt  sich 
nördlich  von  lliewer  (hei  Trier)  verfolgen.  Hier  ist  liei  ca. 
130  IVIeter  über  der  Mosel  zwischen  dem  Steigerberg  und  der 
Höhe  SW.  von  Ehraug  eine  Gebirgseinsenknng  mit  Fhissgeschic- 
hen  bedeckt,  die  man  von  einem  höheren  Standpunkt,  etwa  vom 
Grüueberg  bei  Trier,  oder  auch  von  der  Höhe,  östlich  von  Ruwer 
deutlich  wahrnimmt.  Dieselbe  setzt  durch  den  Schueesberg,  nord- 
westlich von  Ehrang,  wosellist  eine  starke  Kiesdecke  ist  und  nörd- 
lich der  Höhe,  durch  die  der  Qninter  Tunnel  geht,  gegen  O. 
weiter  fort.  Besonders  der  linke  Uferrand  des  nördlichen  Mosel- 
armes zeigt  nach  SO.  ein  steiles  Abfallen  vom  Steigerberg  an  in 
nordöstlicher  Richtung  durch  den  Ehrauger  Wald.  — Weiter  in 
NO.  dürfte  derselbe  sich  am  Burgberg  zwischen  Salmrohr  und 
Dreis  wiederum  gegabelt  haben,  so  dass  ein  Arm  den  Burgberg 
auf  der  Westseite  umspülte  und  daun  seine  Richtung  über  Dreis 
nach  Wittlich  nahm,  was  sich  sowohl  aus  der  Terrainbilduug  wie 
aus  diluvialen  Ablagerungen  ergielit;  nämlich  zwischen  BurgTerg 
und  Asberg  östlich  von  Dreis  und  dem  Bergrücken,  auf  dem  Ober- 
Bergweiler  liegt,  ist  eine  muldenförmige  Einsenkung,  die  sich  auf 
8 Kilometer  von  Dreis  nach  dem  Lieserthal  bei  Wittlich  ausdehnt 
und  die  an  vielen  Stellen  mit  Flnssgeschiebeu  bedeckt  ist.  Auch 
die  Geschiebeablagerimgen  in  der  Gebirgssenke  zwischen  dem 

o o o 

Burgberg  und  Asberg  lassen  hier  einen  früheren  grösseren  Wasser- 
lauf vermuthen. 

Alan  übersieht  diese  Einbuchtungen  in  den  Höhenzug,  der  vom 
Kauueckerberg,  westlich  von  Dreis,  nach  dem  Asiierg,  nordöstlich 
von  Salmrohr  verläuft,  am  deutlichsten  von  einem  erhöhten  Stand- 
punkt südlich  von  Salmrohr,  und  bietet  ein  Blick  vom  Thomas- 
lierg  bei  Clausen  nach  Dreis  hin  umstehendes  Bild.  (Eig.  3.) 


120  H.  Gkebe,  Ueber  Tertiär -Vorkonmien  zu  beiden  Seiten  des  Rheines 


zwischen  Bingen  und  Lahnstein  etc. 


121 


Ueber  einen  Theil  des  früheren  nördlichen  Mosellaiifes  und 
zwar  der  Stelle,  an  der  er  nach  dem  südlichen  Arm  der  hentisxen 
Mosel,  nmbog,  die  sich  auch  durch  eine  tiefe  Gebirgssenke  von 
Weitem  bemerklich  macht,  hat  man  eine  gute  Ansicht  von  einem 
höheren  Punkt  südlich  der  Mosel.  Nebenstehende  Skizze  (Fig.  4), 
von  dem  300  Meter  über  der  Mosel  gelegenen  Kasholz  östlich  von 
Nenmagen  ans  anfgenommeu,  lässt  nicht  mir  die  tiefe  Einlnichtnng 
zwischen  Platten  und  Osann  deutlich  erkennen,  sondern  auch 
hohe  Flnssterrassen,  westlich  und  östlich  von  Osann.  Die  spitzen 
Kuppen  im  Hintergründe  sind  die  alten  Vulkane  von  Vlauderscheid 
und  Daun. 

Aber  auch  nördlich  von  Platten,  schon  vom  Bahnhof  Wenge- 
rohr ans,  sieht  man  diese  Gebirgssenke  und  in  südöstlicher  Rich- 
tung eine  zweite  kleinere,  hinter  welcher  Ilöhenzüge  des  rechten 
Aloselufers,  der  Zeltinger  Gegend  hervortreten.  Weiter  östlich 
macht  sich  eine  dritte  recht  auffallende  Lücke  in  dem  Gebircs- 
rücken  bemerkbar.  Durch  dieselbe  führt  die  Strasse  von  Uerzig 
nach  Bausendorf  an  der  Alf.  Eine  vierte  muldenförmige  Ver- 
tiefung in  demselben  Kücken,  zwischen  dem  Mosel-  und  unteren 
Alfthal,  die  jedoch  vom  Bahnhof  Wengerohr  nicht  sichtbar,  ist  am 
Keiler  Hals  bei  Station  Pünderich.  (Fig.  5.) 

Letztere  drei  Senken  liegen  fast  in  gleichem  Niveau  von 
ca.  200  Aleter  Meereshöhe  und  sind  gewiss  gleichfalls  früheren 
Moselläufen  zuzuschreiben,  die  den  nördlichen  mit  dem  südlichen 
Moselarm  verbanden,  zur  Zeit,  als  der  Wasserstand  in  einem  un- 
gefähr 100  Meter  höheren  Niveau  lag,  wie  heute. 

Diese  Beobachtungen  führen  zu  der  Annahme,  dass  in  der 
älteren  Diluvialzeit  der  nördliche  Arm  nicht  blos  bis  in’s  Wittlicher- 
Thal,  zur  Dieser,  sondern  auch  in’s  untere  Alfthal  fortsetzte,  in 
der  grossen  Thalmulde  zwischen  dem  Kondelwald- Quarzitrücken 
und  den  Devonbergen  der  linken  Vloselseite,  an  die  sich  im  Alf- 
und  Lieser-Thal  Oberrothliegendes  anlehnt.  Dieselbe  dehnt  sich 
vom  unteren  Alfthal  in  SW.  bis  Schweich  hin  auf  eine  Länge 
von  nahezu  40  Kilometern  aus  und  war  für  die  Anlage  der  Mosel- 

O 

bahn  günstig. 

L4as  untere  Thal  der  Alf  wurde  von  dem  nördlichen  Mosel- 


]22  H.  Grebe,  Ueber  Tertiär-Vorkommen  zu  beiden  Seiten  des  Rheines 


arm  vorgebiklet,  sie  mag  ehemals  beim  heutigen  Dorfe  Olkenbach, 
an  der  Grenze  von  Devon  und  Oberrothliegendem  in  denselben 
gemündet  sein.  Von  Schalkenmehren  her,  wo  sie  durch  die  Ver- 
einigung mehrerer  Bäche  entsteht,  bis  Olkenbach  ist  der  Lauf  der 
Alf  von  NW.  nach  SO.,  dann  macht  sie  über  Bausendorf  bis 
Kinderbeuren  einen  südlichen  Bogen  und  tliesst  in  NO.  in  breitem 
Thalboden  weiter. 

Was  den  früheren  Moselarm  auf  der  Ostseite  vom  Schweicher 
Morgenstern  (Alehriuger  Berg)  anlangt,  so  will  ich  noch  bemerken, 
dass  bei  den  Revisionsarbeiten  auf  Blatt  Schweich  und  Neumagen 
Wahrnehmungen  gemacht  wurden,  die  vermuthen  lassen,  dass 
sich  der  südliche  alte  Vloselarm  südöstlich  vom  genannten  Berg 
mehrmals  getheilt  hat.  Darauf  deuten  wiederum  Gebirirssenken 
und  diluviale  Ablagerungen  hin.  Zwei  Arme  wandten  sich  nach 
dem  nördlichen  Alosellauf,  der  über  Schweich,  Hetzerath  und 
Sahnrohr  ging.  Es  befindet  sich  nämlich  auf  der  südöstlichen 
Seite  des  Mehrlnger  Bergs  eine  fast  ‘200  Meter  über  der  Mosel 
gelegene  1 Kilometer  breite  mit  einzelnen  Geschieben  und  Lehm 
bedeckte  Fläche,  die  eine  Gel)irgssenke  darstellt  zwischen  diesem 
Berge  und  der  Kuppe  nordwestlich  von  Mehring.  Diese  Fläche 
setzt  anf  der  östlichen  Seite  des  Alehringer  Bergs  nach  Becond 
fort  und  ist  hier  mit  vielen  Flussgeschieben  bedeckt,  welche  auf 
einen  früheren  Mosellauf  hinweisen.  Dicht  bei  Becond  macht  sich 
besonders  an  der  Terraiubildnng  derselbe  kenntlich.  Ein  zweiter 
Moselarm  in  der  Richtung  von  S.  nach  N.  dürfte  vom  heutigen 
Vlehrin"  aus  über  die  breite  hohe  Terrasse  zwischen  diesem  Dorfe 
und  Ensch  verlaufen  sein  und  daun  weiter  in  der  Richtung  des 
unteren  Salmbachs,  worauf  die  gleich  hohen  Diluvialterrassen  zu 
beiden  Seiten  der  Salm  deuten. 

Der  weitere  Verlauf  der  beiden  Hauptarme  der  Mosel  ist 
früher  näher  erörtert  worden. 

Penck  hat  eine  Uel)ersichtskarte  in  vergrössertem  Vlaass- 
stabe  von  diesen  beiden  Vloselarmen  gezeichnet.  Nach  seiner  An- 
gabe verliefe  der  nördliche  Arm  über  Clausen  nach  Osann;  dies 

o 


0 Länderkunde  Europas  von  Kirchiioff,  I.  Abtheilung,  S.  319. 


zwischen  ßingcii  und  Lalinstein  etc. 


123 


ist  falsch  aiifgefasst,  er  geht  ül)er  Scliweich,  Hetzerath,  Salinrohr 
iri’s  Wittlicher  Thal.  Auch  der  Verlauf  des  zweiten  Aloselannes 
hei  Duseiuoiid  — Burgen  — Mülheim  ist  nicht  richtig  angegeben,  von 
diesem  hat  Lepsius  eine  bessere  Zeichnung  entworfen. 

In  dem  Aufsatze  des  Jahrlmches  für  1885  erwähnte  ich 
(S.  138),  dass  zur  Zeit,  als  die  Bifiircation  der  Alosel  bei  Schweich 
bestand,  die  hohe  Kuppe  des  Schweicher  Alorgeustern  (Mehringer 
Berg)  als  Insel  zwischen  beiden  Aloselarmeii  hervortrat.  Dazu  be- 
merkt Lepsius^):  »Jedoch  kann  diese  Ku])pe  nicht  als  Insel  zwischen 
zwei  o'leichzeitio:  vorhandenen  Moselarmen  hervorijetreten  sein, 
denn  ein  Fluss  kann  zur  selben  Zeit  wohl  flache  Inseln  und  Felsen, 
aber  niemals  ganze  Berge  mit  seinen  Armen  umfassen.«  Wenn 
er  aber  langjährige  Studien  über  Thalbildungsverhältnisse  an  der 
Saar  und  Alosel  gemacht,  würde  er  Beispiele  gefunden  haben,  dass 
ein  Fluss  nicht  nur  ganze  Berge,  sondern  auch  ganze  Gebirgs- 
strecken  mit  seinen  Armen  einschliessen  kann;  ich  weise  nur 
auf  die  oben  näher  beschriebene  eliemalige  Theilung  der  Saar 
oberhalb  Saarbrücken  hin,  und  auf  die  Alittheilung,  wie  Ijeide  Arme 
den  ganzen  circa  40  Kilometer  langen  Gebirgstheil  zwischen 
St.  Arnual  und  ^Vado-assen  umo-aben.  — L^le  führt  in  seinem 

O O 

Werke '^)  (im  3.  Kapitel  »die  Flüsse«)  ein  Beispiel  vom  Khein 
an,  der  sich  ehemals  bei  Sarjxans  secrabelt  hat,  um  in  seinem 
Laufe  eine  grosse  Berg-  und  Felseninsel  zu  umfassen,  die  vom 
Wallensee,  dem  Züricher-  und  Bodensee  und  dem  heutigen  Zu- 
sammenfluss von  Aar  und  Rhein  umgrenzt  wird. 

')  Geologie  von  Deutschland,  1.  Band  (S.  233,  Plan  61). 

")  1.  c.  S.  218,  Anmei'knng  2. 

Unio,  Die  Erde  und  die  Erscheinungen  ihrer  Obertläclio.  I.  Theil. 


Beiträge  zur  ßeurtheiliiiig  der  Frage  iiaeli  einer 
einstigen  Vergletsclierniig  des  Brocken -Gebietes. 

Von  den  Herren  K.  A.  Lossetl  und  F.  WahnschafTe  in  Berlin. 


Die  bereits  mehrfach  erörterte  Frage,  oh  der  Harz  während 
der  Eiszeit  Gletscher  besessen  habe,  namentlich  aber  der  Umstand, 
dass  gewisse  Ablagerungen  im  Odertluil  von  E.  Kayser  seiner 
Zeit  mit  grosser  Bestimmtheit  als  diluviale  Moränen  angesprochen, 
gleichwohl  nicht  von  dem  sonstigen  Thalschutt  kartographisch  ah- 
gegrenzt  worden  sind,  veranlasste  die  Obengenannten  zu  mehreren 
gemeinsamen  Ausflüoeii  in  der  weiteren  Umo-ebun"  des  Brockens. 
Durch  diese  sollte  ein  Urtheil  gewonnen  werden,  oh  in  der  That 
jene  im  Oderthaie  als  Moränen  gedeuteten  oder  ähnliche  in 
anderen  Harzthälern  vorkommende  Ablagerungen  eine  derartige 
Ausbildung  zeigen,  dass  daraus  mit  Nothweudigkeit  eine  ehemalige 
Vergletscherung  des  Harzes  abgeleitet  werden  müsse.  Die  Ver- 
fasser haben  sich  in  den  Bericht  über  die  Ergebnisse  dieser 
Untersuchungen  derart  getheilt,  dass  der  erste  von  Waunsciiaffe 
verfasste  Abschnitt  die  gemeinsamen  Beobachtungen  im  Brocken- 
gel)iete  enthalten  soll,  während  Lossen  im  zweiten  Abschnitt  über 
einige  von  ihm  allein  im  Bodethal  und  anderen  Thälern  des 
Harzes  aimestellte  Forschuno;en  berichten  wird. 

O O 


K.  A.  Lossen  u.  F.  Wahnschapfe,  Beiträge  zur  Beurtheilung  etc.  125 


1.  Beobachtungen  ini  Rrockengebiete. 

(F.  Wahnschaffe.) 

Die  Fräse  nach  der  ehemalisen  Versletscherinis  des  Harzes 
wixrde  zuerst  von  Zimmekmann  aufgeworfen,  welcher  Spuren  der- 
selben in  der  Umgebung  des  Brockens  nacbweisen  zu  können 
glaubte.  Von  ihm  ist  bereits  die  Ansicht  ausgesprochen,  dass  in 
der  Diluvialzeit  ein  Gletscher  westwärts  über  das  Brockenfeld  bis 
weit  hinter  Oderbrück  sich  verbreitet  habe.  Die  Moränen  des- 
selben slanbte  er  in  der  Anhäufuns  ß-ewaltiger  Granitblöcke  zu 
erkennen,  welche  auf  dem  Brockenfelde  und  am  Wege  vom  Oder- 
teich nach  dem  Rehherger  Graben  zu  im  Walde  übereinander 
aufgethürmt  sind.  Ebenso  wurde  von  ihm  bereits  darauf  hin- 
gewieseu,  dass  wahrscheinlich  ein  Gletscher  von  der  im  Westen 
durch  den  Steilabsturz  des  Renneckeuberges  l)egrenzten  Hölle 
dui-eh  das  Thal  der  Steinernen  Renne  hinabgestiegen  sei,  sodass 
die  weiter  unterhalb  im  wenio-  geueig-ten  Thale  auftretenden  Bloc-k- 
wälle  als  Moränen  zu  deuten  seien. 

Nachdem  Schreiber^)  über  das  Vorkommen  alter  Harz- 
geschiebe bei  Wernigerode,  in’sbesondere  im  Flussbette  der  Holt- 
emme  und  Steinernen  Renne  eine  Mittheiluug  gegeben  hatte, 
worin  er  hervorhob,  dass  die  bis  zu  5 Meter  Höhe  über  dem 
heutigen  Flussbette  sich  erhebenden  Blockanhäufungen,  sowie 
namentlich  die  gewaltigen  Dimensionen  einzelner  Blöcke  auf  sehr 
bedeutende  Wassermasseu  schliessen  Hessen,  fühlte  sich  Zimmer- 
MANN  nochmals  veranlasst,  die  Moränennatur  dieser  Block- 
auhäufungeu  wahrscheinlich  zu  machen. 

Ein  erneutes  Interesse  gewann  diese  Angelegenheit,  als  man 
ausgehend  von  Torell’s  Inlandeistheorie,  die  Frage  anfwarf,  ob 
nicht  der  Harz,  abgesehen  von  der  nachweislichen  Wanderung 
nordischer  Blöcke  über  seine  Südostecke,  Spuren  einer  selbst- 


b K.  H.  Zimmermann,  TJeber  Gletscherspuren  irn  Harze.  (Neues  Jahrbuch 
für  Mineralogie  u.  s.  w.  1808,  S.  155  — 159.) 

b ScHREip.EK,  Giebei.’s  Zeitschi’.  f.  d.  ges.  Naturwissenschaft  1872. 
b Neues  Jahrbuch  für  Min.  u.  s.  w.  1873,  S.  297—299. 


126 


K.  A.  Lossen  u.  F.  Wahnschaffe,  Boilrägo  zur  Bciirllieiluag 


ständigen  Vergletscliernng  in  seinem  höchsten  Erhebnngsgebiete 
erkennen  lasse. 

Auf  einer  in  Folge  dessen  von  ihm  und  Lossen  verab- 
redeten Erockenbegehung,  au  der  sich  auf  Einladung  auch  die 
Iler  reu  W.  Dames  und  F.  Noetling  betheiligten,  glaubte  Torell 
im  Holtemmethal  zwei  mit  Granitblockwork  bedeckte  Gletscher- 
böden oberhalb  und  unterhalb  des  Wasserfalls  der  Steinernen 
Ivenne,  sowie  im  llsethal  oberhalb  und  unterhalb  der  llsefälle  als 
Moräuensclmtt  zu  erkennen,  während  ihm  die  amphitheatralischen 
Reliefformeu  am  Renneckenberge,  sowie  im  Schneeloche  hoch  oben 
am  Ilsenburger  Brockenstieg  als  die  Firnmulden  des  Holtemnie- 
und  llsegletschers  erschienen. 

Für  Lossen  und  für  die  grosse  Mehrzahl  der  deutschen 
Geologen  waren  jedoch  diese  Beobachtungen  noch  keineswegs  aus- 
reichend, um  daraus  mit  völliger  Sicherheit  auf  das  ehemalige 
Vorhandensein  von  Harzgletschern  zur  Diluvialzeit  schliessen  zu 
können.  Die  Frage  erhielt  erst  eine  andere  Bedeutung,  als 
F.  Kayser  2)  gewichtigere  Beweise  für  die  Vergletscherung  des 
II  arzes  beibringen  zu  können  glaubte  und  seine  Ansichten  mit 
o-rosser  Ueberzeng'ung  vortrug.  Es  handelte  sich  dabei  um  Block- 

O o O o 

anhäufungen  im  Oderthal  zwischen  dem  Andreaslxnger  Rinder- 
stalle und  dem  Oderteich,  die  von  Zimmermann  in  diesem  Gebiete 
seiner  Zeit  noch  nicht  beobachtet  worden  waren. 

x\ls  beweisend  für  die  Moränennatur  dieser  Ablagerungen 
werden  von  Kayser  hauptsächlich  folgende  Beobachtungen  hervor- 
gehoben. 

Während  die  Oder  zwischen  der  Forstcolonie  Oderhaus  und 
der  Stadt  Lauterberg  einen  vollkommen  ebenen  Thalboden  besitzt 
und  weiter  thalaufwärts  unterhalb  des  Andreasbero-er  Rinderstalles 

O 

nur  hier  und  da  kleinere  Blockanhänfungen  über  dem  Thalboden 
hervortreten,  so  beginnen  weiter  oberhalb  des  Andreaslierger 
Rindei’stalles  zahlreiche  Steinwälle,  die  dem  Thal  parallel  verlaufen 

')  Vergl.  den  Bericht  Lo.ssen's  in  der  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1881, 
S. 708  und  709. 

-)  E.  Kayser,  Ueber  Glctschererscheinungcn  im  Harz.  Verh.  d.  Ges.  für 
Erdkunde  zu  Berlin  1881. 


der  Frage  eacli  einer  einsligen  Vergletscliernng  des  Brocken-Gebietes.  1 27 


und  fast  die  ganze  Breite  desselben  einneliinen.  Diese  zuerst 
^delfacll  niiterbroclienen,  später  luelir  znsanunenliäugend  und  liölier 
auftretenden  Wälle  erreichen  olterlialb  der  Einmündung  des  Die- 
triclisthales  die  grösste  Erhebung  von  15 — 20  Meter  über  dem 
Oderspiegel.  Die  Wälle  l)ilden  hier  10 — 40  Meter  breite  Kücken, 
die  hier  und  da  zusammeulaufen  oder  sich  theilen  und  die,  ob- 
wohl sie  im  Einzelnen  mancherlei  Unree'elmässi'jkeiten  zeicren. 
dennoch  im  Grossen  und  Ganzen  einen  gewissen  Parallelismus 
erkennen  lassen.  Zwischen  den  M^ällen  liegen  flache  rinnen-  oder 
muldenförmige  abflusslose  Einseukungeu  von  10  oder  mehr  Meter 
Tiefe. 

Die  künstlichen  Entblössungen  an  der  Chaussee  zeigen,  dass 
diese  Wälle  aus  einem  Hanfwerk  von  Gesteinstrümmern  liesteheu, 
welche  in  einem  lehmigen,  feldspathreichen,  hauptsächlich  aus 
zerriebenem  Granit  bestellenden  Sande  regellos  eingebettet  sind. 
Die  Grösse  der  kleineren  Gesteinstrümmer  schwankt  zwischen 
Nuss-  und  Kopfgrösse  und  viele  der  wild  übereinander  gethürmten 
grossen  Blöcke  besitzen  sogar  2 — 5 Meter  im  Durchmesser. 

Das  Material  der  Gesteinstrünuner  besteht  aus  sämmtlichen 
Granit-  und  Hornfelsabänderungen , die  im  oberen  Thale  vor- 
kommeu.  Dabei  zeigt  sich  eine  Unabhängigkeit  des  Materials  von 
der  Beschaftenheit  der  Nachbargehänge,  wie  sich  dies  am  süd- 
lichen Theil  der  Hahnenklee-Steilwand  beoliachten  lässt,  die  aus- 
schliesslich aus  Hornfels  besteht,  während  die  Bloekwälle  znm 
o-rössten  Theile  Granit  enthalten.  Die  Eorm  der  Blöcke  ist  p;anz 
unregelmässig,  die  Hornfelstrümmer  sind  meist  eckig  und  kanten- 
gerundet lind  dabei  finden  sich,  wie  Kayser  hervorhebt,  nicht 
selten  sehr  charakteristische  geglättete  und  gekritzte  Geschiebe, 
von  denen  die  Sammlung  der  geologischen  Eandesanstalt  einige 
schöne  Stücke  enthält. 

Wenn  man  au  eine  Beurtheilung  der  von  Kayser  beschrie- 
benen Ablagerungen  des  Oderthaies,  sowie  der  ganz  analogen, 
doch  nicht  ganz  so  mächtigen  und  nicht  so  gut  ihrer  inneren 
Zusammensetzuno’  nach  anUeschlossenen  Bildun2;en  des  Hollemme- 
und  Ilsethales  herantritt,  so  muss  man  sich  von  vornherein  sagen, 
dass  unter  der  Annahme  einer  atlgemeinen  Inlandeisliedecknng  des 


128  K-  A.  Lossen  u.  F.  Wahnschaffe,  Beiträge  zur  Beurtheilung 


norddeiitsclieii  Flachlandes  zur  Diluvialzeit  eine  edeichzeitio-e  luelir 

O O 

oder  weniger  ausgedehnte  Vergletscherung  der  höchsten  Theile 
des  Harzes  als  eine  fast  natürliche  Folge  erscheint.  Es  fragt  sich 
nur,  ob  Spuren  davon  im  Harz  gegenwärtig  noch  zuverlässig  nach- 
weisbar sind  und  ob  das,  was  mau  dafür  gehalten,  ausreicht,  um 
daraus  unabhängio;  von  anderen  Erwägungen  die  Gletscherbedeckung 

O O O a!5 

gewisser  Theile  des  Harzes  ableiten  zu  können. 

Bei  Begehung  des  Oderthaies  beobachtete  die  Keisegesell- 
schaft,  der  sich  für  einen  Tag  die  Herren  Dr.  Schröder  und 
Dr.  Rauf  augeschlossen  hatten,  dass  die  auf  der  Thalsohle  liegenden 
Blöcke  thalabwärts  stetig  au  Grösse  abnehmen.  Besonders  dentlich 
zeigt  sich  dies  wenn  man  die  Blockauhäufuugen  nördlich  von  der  Ein- 
mündung  des  Dietrichsthaies  mit  denjenigen  unterhalb  des  Andreas- 
berger Riuderstalles  vergleicht.  Während  in  dem  erstgenannten 
Theile  des  Thaies  Blöcke  von  2 — 5 Meter  Durchmesser  sehr  häufig 
Vorkommen,  gehören  solche  von  1 Meter  Durchmesser  in  dem  anderen 
Theile  des  Thaies  bereits  zu  den  grössten  Seltenheiten  und  sie 
nehmen  hier  mehr  und  mehr  in  ihrer  Grösse  ab,  je  weiter  mau  in 
südlicher  Richtung  bis  zu  dem  fast  ebenen  Thalboden  fortschreitet, 
welcher  etwa  1,5  Kilometer  unterhalb  des  Andreasberger  Riuder- 
stalles beginnt.  Da  es  sich  in  betrefl:'  des  fraglichen  Moränen- 
Schuttes  bei  der  Enge  des  Thaies  wohl  zum  grössten  Theile  um 
Obermoränen  handeln  dürfte,  so  wäre  unter  der  Annahme,  dass  der 
Gletscher  etwa  bis  1,5  Kilometer  unterhalb  des  Andreasberger 
Rinderstalles  gereicht  hätte,  die  Grössenabuahme  der  Blöcke  mit 
dem  Transport  durch  Gletschereis  nicht  gut  vereinbar.  Dieser 
Einwand  gegen  die  Moränenuatur  der  Ablagerungen  wird  jedoch 
sofort  entkräftigt,  wenn  man  den  ehemaligen  Odergletscher  etwas 
oberhalb  des  Audreasberger  Rinderstalles  endigen  lässt  und  an- 
nimmt, dass  die  Gletscherschmelzwasser,  sowie  die  Wasser  der 
Postglacialzeit  den  Moränenschutt  von  hier  ab  thalabwärts  trans- 

O 

portirt  und  nach  der  Grösse  sortirt  haben. 

Autfallend  ist  es  immerhin,  dass  nirgends  das  Thal  quer 
durchschueidende,  halbkreisförmige  Eudmoränenwälle  die  ehemalige 
Endigung  des  Gletschers  bezeichnen,  jedoch  könnten  auch  diese 
der  späteren  Erosion  des  strömenden  Wassers  völlig  zum  Opfer 
gefallen  sein. 


der  Frage  nach  einer  einstigen  Vergletscherung  des  Brocken-Gebietes.  129 


Ein  zweiter  Punkt,  der  gegen  die  ehemalige  theilweise  Ans- 
füllnng  des  Oderthaies  mit  einem  Oletscher  zn  sprechen  scheint, 
wird  durch  die  Beschaflenheit  der  Thalgehänge  geliefert.  Nirgends 
beobachtet  man  an  den  zum  Theil  sehr  steil  aljgeböschten  Thal- 
rändern irgend  welche,  den  ehemaligen  Weg  des  Gletschers  be- 
zeichnende Abschleifnngsflächen  oder  Ahschleifnngsformeu  des 
Gesteins;  nirgends  sind  in  bestimmter  Höhe  über  dem  Thalboden 
an  den  Gehängen  erratische  Blöcke  oder  Schnttanhänfnugen  zn 
entdecken,  welche  die  obere  Grenze  des  Eises  augeben  würden. 
Allerdings  kann  man  auch  hiergegen  die  starke  Verwitterung  der 
Gesteine  im  Harze  anführen,  welche  in  diesem  Falle  so  schnell 
fortgeschritten  sein  müsste,  dass  die  Gehänge  in  postglacialer  Zeit 
vollständig  nmgestaltet  und  alle  Spuren  der  einstigen  Vergletsche- 
rung ganz  und  gar  verwischt  worden  wären. 

Auf  grössere  Veränderungen  der  Thalgehänge  deuten  aller- 
dings die  zahlreichen  Sturzblöcke  hin,  welche  man  unterhalb  der 
Steilwand  des  Hahnenklees  vielfach  über  den  fraglichen  Moränen 
findet. 

Was  die  Blockwälle  selbst  betrifft,  so  kann  allerdings  ihre 
grosse  Aehnlichkeit  mit  Gletschermoränen  nicht  in  Abrede  gestellt 
werden  und  es  scheinen  hierfür  auch  die  geschrammten  Blöcke 
zu  sprechen,  welche  von  Kayser  seiner  Zeit  gesammelt  worden 
sind  und  welche  aus  der  Grundmoräne  stammen  müssten.  Wenn 
von  dem  Verfasser  und  Herrn  Prof.  Eos.sen,  sowie  von  den  Herren 
Dr.  Schröder  und  Dr.  Rauf  keine  derartigen  geschrammten  Blöcke 
gefunden  worden  sind,  so  lässt  sich  dieser  Umstand  vom  Stand- 
punkte der  Vergletscherung  des  Oderthaies  aus  dadurch  erklären, 
dass,  wie  gesagt,  die  Blockanhäufuugen  der  Hauptsache  nach  aus 
Obermoräuen  bestehen,  und  dass  das  Grundmoränenmaterial,  in 
welchem  sich  nur  geschrammte  Geschiebe  hudeii  können,  zum 
grössten  Theile  bedeckt  sein  dürfte. 

Die  von  Kayser  hervorgehobene  Unregelmässigkeit  der  Ober- 
fläche dieser  Blockanhäufungen,  vor  allem  das  Vorkommen  von 
wanneuartigen  Vertiefungen  und  rinnenartigen  Einsenkungen 
scheint  der  Reisegesellschaft  nicht  als  Beweis  für  den  glacialen 
Ursprung  angeführt  werden  zu  dürfen.  In  einem  besonders  aus- 


Jahrbuch  1889. 


ü 


130 


K.  A.  Lossen  u.  F.  Wahnsohaffe,  Beiträge  zur  Beurtheilun; 


geprägten  Falle  liess  sich  eine  derartige  Rinne  ans  einer  anch 
von  E.  Kayser  erwähnten  see-  oder  kesselartia;en  Vertiefung; 
rückwärts  sehr  deutlich  bis  an  das  Steilgehänge  des  Hahnenklees 
verfolgen,  sodass  ihre  Bildnug  durch  herabstürzeudes , durch 
Regengüsse  und  Schneeschmelzen  geliefertes  Wasser  eine  aus- 
reichende Erklärung  findet.  Die  diu’ch  stark  strömendes  Wasser 
in  dem  Oberläufe  eines  engen  Thaies  zusainmeugehäuften  Schutt- 
masseu  werden  stets  unregelmässige  Oberflächenformen  zeigen  und 
ebenso  auch  der  Schichtung  entbehren,  die  immer  erst  dann  ein- 
tritt,  wenn  das  Material  bedeutend  an  Grösse  abgeuommen  hat 
und  der  Fluss  dasselbe  in  den  weiteren  Thalflächen  seines  Unter- 
laufes ausbreiten  kann. 

Die  Grösse  der  Blöcke  bietet  ebenfalls  kein  Hiuderniss,  um 
ihren  Transport  durch  die  Stosskraft  des  Wassers  zu  erklären. 
Allerdings  reichen  die  gegenwärtigen,  durchschnittlichen  Wasser- 
mengen der  Oder,  Ilse  und  Holtemme  nicht  aus,  um  die  grossen 
Blöcke  fortzuschaffeu.  Nimmt  mau  aber  an,  dass  zur  Diluvialzeit 
die  Menge  der  Niederschläge  auf  dem  Harz  bedeutender  war,  so 
wurden  dadurch  die  Wassermassen  geliefert,  welche  in  Thäleru 
mit  stark  geneigter  Sohle  eine  ebenso  grosse  Stosskraft  besassen, 
wie  sie  die  heutigen  Wildbäche  der  Alpen  zeigen. 

Das  Vorkommen  der  gekritzten  Geschiebe  allein  kann  nicht 
die  Moränennatur  der  Blockwälle  beweisen,  da  pseudoglaciale  ge- 
schrammte Steine,  wie  erst  Penck^)  vor  einiger  Zeit  wieder  hervor- 
gehobeu  hat,  auch  in  uichtglacialen  Ablagerungen  Vorkommen  und 
demnach  eine  andere  Entstehungsursache  haben  müssen.  Solange 
nicht  geschrammte  und  geglättete  Felsoberflächeu  im  Untergründe 
der  Schuttmassen  des  Oderthaies  nachgewieseu  sind,  kann  die 
Entstehung  derselben  ebenso  gut  durch  stark  strömende  Wasser 
eiklärt  werden.  Ganz  dasselbe  lässt  sich  aber  auch  von  den 
Blockanhäufuugen  der  anderen  Ilarzthäler,  namentlich  des  Holt- 
emme- und  llsethales  sagen.  Die  Möglichkeit,  dass  dieselben  alte 
Moränen  der  Eiszeit  darstellen,  muss  zugegeben  werden,  aber  ein 
Beweis  dafür  ist  solange  nicht  geführt,  als  derartige  Ablagerungen 


*)  A.  Pbnck,  Pseudoglaciale  Erscheinungen.  (Das  Ausland  18S4,  No.  33.) 


der  Frage  nach  einer  einstigen  Verglotscliorung  des  Brocken- Gebietes.  131 


sich  ebenso  ungezwungen  als  Aufschnttnngen  der  Flüsse  iin  stark- 
2'eueia'ten  Oberlaufe  ihrer  Tlnäler  auffassen  lassen. 


2.  Beobachtungen  ini  Bodetlial  vom  Dorfe  Thale  bis  znni 
Waldkater  nebst  einscblägigen  Beinerkiingen  ans  dem 
Aveiter  aufwärts  gelegenen  Thalgebiete  der  Bode  oder 
anderen  Harztliälern. 

(K.  A.  Lossen.) 

Die  von  E.  Kayser  seiner  Zeit  vertretene  Auftassnng  der 
mächtigen  Schnttanhäufungen  im  Oderthaie  oberhalb  des  Andreas- 
bero'er  Rinderstalles  und  in  dem  Oberlauf  anderer  Thäler  des 

Ö 

Brockenofebietes  innerhalb  und  wenirr  untei’hall)  des  anstehenden 
Granits  als  diluvialer  Aloränenwälle  eines  Brockenglet- 
schers gewinnt  nicht  an  Wahrscheinlichkeit,  wenn  man  die 
jetzigen  und  früheren  Thal schuttbil düngen  des  Bode- 
thales  vom  Dorf  Thale  aufwärts  bis  zum  Waldkater 
zum  Vergleich  herauzieht,  wie  ich  dies  Herbst  1888  gethan  habe. 

Hier  fehlt  der  Zusammeuhang  mit  dem  Brocken- 
gebiete gänzlich,  denn  das,  was  man  in  den  Thälern  der 
Warmen  Bode  bei  Braunlage  und  der  Kalten  Bode  bei  Schierke 
und  Elend  als  Brockeno-letscherschutt  im  Sinne  der  von  E.  Kayser 

O 

adoptirten  ToRELifschen  Deutung  aufzufassen  haben  würde,  hört 
ja  in  der  allernächsten  Umgebung  der  genannten  Orte  bereits 
anf;  dann  folgt  gewöhnlicher  Thalschotter,  sowohl  im  heutigen 
Niveau  des  Thalbodens,  als  auch  in  einzelnen  erhalten  gel)liebenen 
Terrassen -Resten  eines  früheren  höheren  Wasserstandes  wie  bei 
Rübeland  und  Treseburg;  erst  mit  dem  Eintritt  der  Bode  in  die 
Rammberg -Granit -Masse  oberhalb  der  Rosstrappe  beginnt  aiif’s 
Neue  Blockschutt  von  auffallend  grossen  Maassverhältnissen  vor- 
zuherrschen in  der  Thalrinne. 

Es  ist  nach  dieser  mehrere  Wegestnuden  langen  Unterbrechung 
zwischen  den  Blockanhäufungen  bei  Elend  und  Braunlage  und 
denen  bei  Thale,  gleichwie  nach  der  Uel:)ereinstimmung  der  Granit- 

9* 


132  K.  A.  Lossen  u.  F.  Wahnschapfe,  Beiträge  zur  Beurtlieilung 


blocke  im  Bodebette  bei  Thale  mit  dem  Kosstrappe-Granit,  nicht 
aber  mit  dem  Brocken -Granit,  ausser  Frage,  dass  man  es  bei 
Thale  nicht  mit  Brockenmoräneu  zu  tlmn  bat.  Die  Annahme 
von  Rammbergmoränen  liegt,  in  Anbetracht  der  geringen  Höhe 
des  Rammbergs,  ganz  fern;  der  ganze  Oberharz  und  ein  grosser 
Theil  des  Mittel harzes  müssten  ja  unter  dieser  Annahme  ver- 
gletschert gewesen  sein,  wofür  Beweise  nicht  vorliegen.  Es  bleibt 
also  hier  die  Auffassung  allein  übrig,  dass  die  Grösse  der  Block- 
anhäulüngen  und  der  einzelnen  Blöcke  einmal  durch  die  Natur 
des  in  den  Thalwänden  anstehenden  Granits,  das  andere  Mal  durch 
die  steilen  Wände  der  Thalrinne  bedingt  sind. 

Der  letztere  Umstand  giebt  noch  jetzt  Veranlassung  zu  Sturz- 
blöcken von  der  Höhe  in  die  Tiefe  des  Thaies,  welche  ja  ausser- 
ordentlich grosse  Alaassverhältnisse  besitzen  können.  Dass  aber 
diese  Erscheinung  allein  nicht  die  grossen  Blöcke  in  der  Thalrinne 
erklärt,  dass  überdies  vielmehr  zunächst  die  dem  Granit  aus  seiner 
ursprünglichen  Erstarrungsstructur  her  eigene  Neigung  zur  Ver- 
witterung in  abgerundet  grosswürfelige  Theilkörper  dabei  in  Be- 
tracht kommt,  leuchtet  ein.  Kleinstückige,  zerklüftete  Massen 
würden  nicht  oder  doch  nur  vei'einzelt  derartig;  grosse  Sturzblöcke 
liefern.  Alsdann  aber  bleibt  zu  bemerken,  dass  Blöcke  von  sehr 
namhaftem  Kubikinhalte  im  heutigen  Bodebett  axmh  da  noch  an- 
getroften  werden,  wohin  sie  durch  Absturz  garuicht  gelangen 
konnten,  d.  h.  fünf  oder  zehn  Minuten  unterhalb  der  Aussengrenze 
des  anstehenden  Granits.  Sie  müssen  also  thalabwärts  fortbewegt 
worden  sein  und  da  hier  nicht  an  Gletscher  gedacht  werden  kann, 
durch  das  Bode -Wasser  oder  die  Eisschollen,  welche  beim  Eis- 
gang thalabwärts  treiben. 

o Ö 

Ei  nige  Maasszahlen  sollen  das  erläutern:  Oberhalb  dos  Stau- 
wehrs im  ol)eren  Theile  des  Dorfes  Thale,  etwa  da,  wo  der 
Rogensteinlager -Zug  zunächst  unter  dem  Mittleren  Buntsandstein 
die  Bode  in  der  festen  Thalsohle  schneidet,  liegt  ein  Granit-Block 
von  1,625  Kubikmeter  Inhalt  im  Fluss.  Granit- Blöcke  von  1 Meter 
Längsdurchmesser  sind  in  diesem  Alischnitt  des  Flussbettes  über- 
haupt nicht  selten,  erreichen  dabei  niehrfach  auch  1 Meter  Breite 
und  0,7  Meter  Dicke.  Etwas  weiter  aufwärts  wurde  ein  Granit- 


der  Frage  nach  einer  einstigen  Vergletscherung  des  Brocken-Gebietes.  133 

Block  von  2,1  Kubikmeter  Inhalt  gemessen;  in  seiner  Nähe  liegt 
ein  Quarzit-Block  von  2,56  auf  1,08  Meter  Durchmesser,  also 
2,76  Quadratmeter  Oberfläche,  während  die  Höhe  sich  nicht  er- 
mitteln liess.  Weiter  aufwärts,  oberhalb  des  zweiten  Stauwehrs, 
etwa  in  der  Greuzregiou  zwischen  dem  Flötzgebirge  und  den  am 
Aussenrande  des  alten  Gebirgskernes  anstehenden  Unterdevon- 
Schichten,  folgen  Granitblöcke  im  Bodebette  von  2,657,  3,692, 
3,864  und  3,92,  ja  4,96  Kubikmeter  Inhalt.  Selbstverständlich 
fehlen  dazwischen  auch  nicht  kleinere  Blöcke,  so  z.  B.  ein  Granit- 
block von  2,929  Kubikmeter  und  daneben  ein  Gangquarzblock  von 
1,85  Kubikmeter.  Iin  Grossen  und  Ganzen  aber  ist  die  Zunahme 
der  Grösse  flussaufwärts  ganz  nnverkeuubar,  ganz  so  wie  dies  im 
Oderthal  oder  Iloltemmethal  der  Fall  ist,  wenn  man  die  als 
Moränenschutt  augesprocheuen  Blockhaufwerke  thaleinwärts  ver- 
folgt ').  Alle  diese  aufgezählten  Alaasszahleu  rühren  al)er  von 
Blöcken  her,  die  bei  günstigem  niedrigen  Wasserstand  im  Bode- 
bett selbst  gemessen  wurden  und  noch  ausserhalb  des  Gebirges 
liegen. 

Innerhalb  des  Gebirgs  liegt  vom  Felsen,  der  den  BiUows- 
Altan  beim  liosstrappe-Wirthshaus  trägt,  abwärts  bis  unter  der 
Wolfsbnrg  auf  der  linken  Thalseite  zwischen  Fluss  und  Thalhaug, 
dem  Hidiertusbade  und  der  Blechhütte  gegenüber,  ein  hügelig- 
ebener, grösstentheils  mit  Wald  bedeckter  Thalboden,  der  mit 
Spazierwegen  versehen  ist  und  daher  schwerlich  mehr  sein  ursprüng- 
liches Relief  zeigt.  Was  mau  aber  von  Unebenheiten  erkennt, 
erinnert  an  die  Blockauhäufungen  im  Holtemmethale,  die  ja  auch 
ihren  besonderen  Thalbodenwald  tragen,  ebenso  wie  die  anderen  dem 
Brockeugebiete  angehörigeu  Thäler;  die  Umgel)uug  der  Harzburger 

')  So  wurden,  um  einige  Zahlen  zum  Vergleich  anzufiihren,  im  Holtemme- 
thal  gemessen:  oberhalb  der  Abzweigung  der  Plessburg-Chaussee  aus  der  Ilolt- 
enimethal-Chaussee  ein  Granitblock  von  3,53  Kubikmeter  (circa  1300  Meter  unter- 
halb der  Grenze  des  anstehenden  Granits);  ferner  ein  Granitblock  von  5,4G  Kubik- 
meter einige  Schritte  oberhalb  des  Silbernen  Mann’s,  circa  450  Meter  unterhalb 
der  Granit- Grenze;  endlich  Granitblöcke  weniger  als  250  Meter  unterhalb  der 
Gi'anit- Grenze  im  Betrag  von  8,7G,  8,8  und  10,5  Kubikmeter  Inhalt.  Für  diese 
letzten  Maasszahlen  sind  die  weiter  unten  auf  S.  134  angegebenen  entsprechenden 
aus  dem  Bodethale  zu  vergleichen. 


134 


K.  Ä.  Lossen  ii.  F.  Wahnschaffe,  Beiträge  zur  ßeurtlieilung 


Eicheu  dient  vielleicht  am  besten  ziiin  Vergleich  für  diesen  waldbe- 
standenen Thalschutt  bei  Thale,  zunnd  dort  auch  die  Anlagen  das 
ursprüngliche  Oberflächenbild  vielfach  verwischt  haben;  dass  das 
Blockicht  in  dem  einen  Falle  aus  GabI)ro,  im  anderen  aus  Granit 
besteht,  hindert  den  Vergleich  nicht.  Trotzdem  dass  gewiss  schon 
viele  grosse  Blöcke  fortgeschafft,  als  Wege-  oder  Baumaterial  ver- 
nutzt  sein  mögen  (ein  7,44  Kubikmeter  grosser  Block  wurde 
gerade,  da  ich  beobachtete,  zum  Brückenbau  gesprengt),  lassen 
sich  doch  noch  zahlreiche  wahrnehmen,  darunter  solche,  welche, 
wie  bei  dem  die  Blechhütte  mit  dem  linken  Ufer  verbindenden 
Steeg  ^),  eine  Quadratoberfläche  von  9,58  Quadratmeter,  oder  einen 
Kubik-Inhalt  von  6,33  und  7,44  Kidjikmeter  aufweisen  und  noch 
unterhalb  der  Grenze  des  anstehenden  Granites  liegen.  Innerhalb 
dieser  Grenze,  d.  h.  flussaufwärts,  also  im  Bereich  der  Sturzblöcke, 
trifft  mau  noch  grössere  Maassverhältnisse,  so  z.  B.  wurde  unter- 
halb der  oberen,  vom  rechten  Thalufer  auf  die  Insel  des  ITubertus- 
bades  führenden  Brücke  ein  Block  von  12,83  Quadratmeter  Ober- 
fläche gemessen. 

Während  der  Thalboden  zwischen  der  Blechhütte  und  der 
zum  Kosstrappe -Wirthshaus  aufsteigeudeu  Thalwand  höchstens 
ca.  6 Meter  über  dem  Wasserspiegel  des  Flusses  (bei  anhaltend 
trockenem  Wetter)  erreicht,  steht  auf  der  rechten  Thalseite  zwischen 
der  Actienbrauerei  und  dem  Waldkater  Thalschutt  in  namhafterer 
Höhe  über  dem  Fahrwege  an,  der  sich  wohl  bis  15,5  Meter  über 
dem  durchschnittlichen  Wasserspiegel  (bei  niedrigem  Wasserstau d) 
erhebt,  also  bis  zu  einer  Höhe,  die  au  die  höchsten  Blockau- 
häufungeu  der  »Moränenwälle«  E.  Kayser’s  im  Oderthaie  erinnert, 
ohne  dass  jedoch  von  gleich  günstiger  Beobachtungsgelegenheit, 
als  die  im  Oderthaie  ist,  hier  die  Rede  sein  könnte.  Im  Gegen- 
theil  wird  mau  hier  am  Fuss  der  Homburg  in  der  Umgebung  der 
Hexentreppe  viel  eher  Sturzblockhaldeu  erwarten  als  Flussterrasseu, 
und  so  sind  auch  auf  der  1885  durch  W.  Dames  und  den  Bericlit- 
erstatter  bearbeiteten  Karte  der  Umgegend  von  Thale  diese  Sclmtt- 
inassen  dem  anstehenden  Granit  zugerechnet  worden.  Dass  gleich- 


')  Circa  150  Meter  nntcrhalb  der  Stelle,  wo  die  vom  Bülows- Altan  nioder- 
setzende  Granit- Grenze  den  Thalboden  erreicht. 


der  Frage  nach  einer  einstigen  Vergletscherung  des  Brocken-Gebietes.  135 


wohl  Thalsclmtt  vorhanden  ist,  ergiebt  ganz  nnzweidentig  der 
petrographisch  geinisclite  Charakter  des  Schutts:  Es  fehlen  darin 
nicht  die  grossen  Granit-Blöcke,  die  vor  Allem  anffallen  (gemessen 
z.  B.  die  Hälfte  eines  Blockes,  der  ergänzt  4,184  Knbikmeter  er- 
geben würde),  daneben  aber  finden  sich  Geschiebe  kleinen  und 
sehr  kleinen  Formats  zahlreicher  anderer  Gesteine,  welche  fluss- 
aufwärts oberhalb  des  Rammberg- Granits  anstehen,  so  z.  B.  die 
Gesteine  des  Bodeganges,  ferner  Kersantit  - Geschiebe  ans  der 
Gegend  von  Tresebnrg  oder  Altenln'aak,  Hornfels-  und  Schiefer- 
geschiebe, zum  Theil  nur  von  der  Grösse  einer  Alaudel  oder  Bolme, 
grünliche  schieferige  Eruptivgesteine  der  Diabas-  oder  Keratophyr- 
Familie,  die  aus  der  Elbiugeroder  Mulde  stammen  mögen,  etc. 
Die  Bewaldung  des  Hanges  gestattet  keine  übersichtlichen  zu- 
sammenhängenden Beobachtungen,  längs  des  Fahrweges  nach  dem 
Waldkater  und  in  den  von  da  aufwärts  führenden  Promeuade- 
wegen  kann  mau  jedoch  bei  einiger  Aufmerksamkeit  die  kleineren, 
bis  zu  1 Decimeter  etwa  an  Maximalgrösse  erreichenden  Geschiebe, 
die  nicht  aus  Granit  bestehen,  zwischen  dem  Granit-Schutte  leicht 
nachweiseu,  al.)er  nur  unterhalb  der  angegebenen  Höheugrenze; 
weiter  aufwärts  im  Hang,  wie  z.  B.  an  dem  vom  Steinl )achthale 
her  direct  nach  dem  Waldkater  oder  dem  Bodethale  oberhalb  des- 
selben führenden  Wege,  tiudet  man  nur  Granit  oder  Gangquarz, 
der  den  im  Granit  anfsetzendeu  Gängen  entstammt.  — Dass  die 
kleineren,  nicht  granitischen  Geschiebe,  welche  zwischen  den 
grossen  Granit-Blöcken  liegen,  wohlabgernndet,  platt  und  oval, 
also  durchweg  ohne  schärfere  Kanten  gefunden  werden,  im  Gegen- 
sätze zu  dem  kantio-ereu  Kleiuschntt  der  sogenannten  Brocken- 
moränen  im  Oderthal,  Holtemmethal  etc.,  rührt  daher,  dass  diese 
Geschiebe  hier  bei  Thale  von  Heimstätten  weit  oberhalb  des 
Granits  der  Rosstrappe -Schlucht  stammen,  während  der  Klein- 
schutt jener  Thäler  des  Brockengebietes  von  einem  Mnttergestein 
herrührt,  das  theils  nnterhall)  des  Granits  austeht,  theils  damit 
zusammen  vorkommt,  stets  also  ganz  benachbarten  Thalwäuden 
angehört. 

Die  Zeit,  um  nach  Schrammen  auf  den  Geschieben  zu 
sneheu,  mangelte;  es  wären  solche,  in  Anbetracht  der  stark  äb- 
gerollten  Geschiebeform,  hier  auch  kaum  zu  erwarten;  im  Klein- 


136  K-  A.-  Lossen  u.  F.  Wahnschaffe,  Beiträge  zur  Beurtheiliing  etc. 

Schutt  der  Holtemme  - Blockanhäufimgeu  fehlen  dagegen  nach 
eigenen  Untersuchungen  kantige,  geglättete  und  geschrammte  Ge- 
schiebe nicht  ganz,  ohne  dass  mir  daraus  allein  die  Moränennatur 
dieser  Anhäufungen  zuverlässig  nachgewieseu  scheint , da  sich 
Harnischflächen  mit  Kritzung  in  den  dortigen  Thalwänden,  so  z.  B. 
ausgezeichnet  an  der  im  Gehänge  des  Bielstein  aufsteigenden  Fahr- 
strasse,  sicher  als  Resultate  von  Verschiebungen  längs  Gaugklüfteii 
erkennen  lassen.  Dass  das  untere  Bode- Thal  aber  trotz  seiner 
Blockanhäufuugen  und  trotz  der  durch  kleine  Wasserfälle  im 
Granit  bewirkten  Strudellöcher  kein  Gletscherthal  sei,  hat  mir 
Herr  Hans  II.  Reusoh  aus  Christiania  bestätigt.  Damit  scheint 
mir  ein  Hauptgrund,  den  O.  Torell  1880  für  die  Moräneuuatur 
der  Blockanhäufungen  im  Holtemme-  nud  Ilse -Thal  geltend  ge- 
macht hat,  der  nämlich,  dass  Blöcke  von  solchen  Dimensionen 
auf  einer  Thalsohle  von  so  geringer  Neigung  durch  fliesseudes 
Wasser  oder  den  Eisgang  nicht  fortbewegt  werden  können,  ent- 
kräftet, insofern  eben  die  grossen  Blöcke  im  Thalschutte  und  im 
Bode  - Bett  unterhalb  der  Granit  - Grenze  bei  Thale  das  directe 
Gegentheil  beweisen  ^). 

Es  sind  in  den  vorstehenden  Mittheilungen  deutlich  zwei  ge- 
sonderte Höheustufen  in  den  Blockanhäufungen  des  Bodethals 
bei  Thale  zu  erkennen,  jene  auf  dem  linken  Ufer  bis  zu  6 Meter  über 
dem  Wasserspiegel  bei  trockenem  Wetter  höchstens  ansteigende, 
und  jene  andere  weiter  aufwärts  auf  dem  rechten  Ufer , die 
15,5  Meter  Höhe  über  dem  niedrigen  Wassei’stand  erreicht.  Erstere 
ist  auf  der  DAMES-LosSEN’schen  Karte  als  Alluvium,  letztere,  wie 
schon  bemerkt,  irrthümlich  als  anstehender  Granit  eingetragen. 
Ich  würde  die  untere  Blockanhäufung  am  liebsten  zum  Alluvium, 
die  obere  zum  Juugdiluvium  ziehen,  indem  ich  der  Höhenstufe 
folge. 


1)  Ganz  ähnliche  Beobachtungen  kann  man  im  Ockerthal  unterhalb  der 
Granitgrenze  bis  in’s  Dorf  Ocker  hinein  anstellen. 


Die  Rudisten  der  Oberen  Kreide 
am  nördlichen  Harzrande. 

Von  Herrn  G.  Müller  in  Berlin. 

(Hierzu  Tafel  XVIII.) 


Ewald  1)  verdanken  wir  die  erste  Kunde  über  das  Vorkommen 
von  Kudisten  am  nördlichen  Harzrande.  Derselbe  fand  diese 
Zweiscbaler  am  Sudmeiberg,  am  Fuss  der  Teufelsmaner  zwischen 
Weddersleben  und  Thale  und  am  südlichen  Fuss  der  Teufels- 
mauer zwischen  Timmenrode  und  Cattenstedt.  Ewald  beschrieb 
die  von  ihm  untersuchten  Stücke  als  BiradioHtes  hercynius. 

Vom  Sudmerberg  beschrieb  10  Jahre  später  A.  Roemek^) 
einen  RadioUfes  Gosae,  ohne  jedoch  weiter  auf  Ewald’s  Biradio- 
lites  hercynius  Bezug  zu  nehmen.  In  meiner  Abhandlung'^)  über 
die  Obere  Kreide  am  nördlichen  Harzrande  bezeichuete  ich  die 
im  Göttinger  geologischen  Museum  vorhandenen  Stücke  als  Radio- 
Utes  hercynius  (nicht  subliercynicus  ^ wie  es  dort  in  Folge  eines 
Druckfehlers  irrthümlich  steht),  da  ich  damals  auf  Grund  dieses 
Materials  Radiolites  hercynius  Ewald  und  Radiolites  Gosae  Roem. 
für  verschiedene  Namen  einer  und  derselben  Art  hielt. 

Bei  meinen  Ausflügen,  welche  ich  zur  Untersuchung  des  sub- 
hercyuischen  Seuons  im  Sommer  1887  unternahm,  entdeckte  ich 


b Monatsberichte  der  Kgl.  Akad.  der  Wissenschaften  zu  Berlin  185G,  S.  596. 
b Palaeontographica  Bd.  XIII,  S.  196,  Tafel  32,  Fig.  5. 
b Dieses  Jahrbuch  für  1887,  S.  425. 


138 


G.  Müller,  Die  Ruclisten  der  Oberen  Kreide 


noch  einen  neuen,  äiisserst  reichen  Fundort  für  Rudisten  in 
der  Nähe  des  Dorfes  Stapelburg  bei  Ilseuburg  a.  H.  Ungefähr 
700  Exemplare  habe  ich  daselbst  bei  einem  zweimaligen  Besuch 
der  Fundstelle  gesammelt.  Wie  ich  schon  früher mitgetheilt 
habe , liegt  die  Localität  nördlich  von  Stapelburg  am  rechten 
Ufer  der  »Stimmecke«  zwischen  dem  Dorf  und  der  Amtsmühle. 
D ie  Versteinerungen  sind  eingebettet  in  eiuen  »Trümmerkalk«,  wie 
ihn  Jasche^)  trefiend  bezeichnet  hat,  der  ausser  zahllosen  Fossilien 
aller  Art  aus  Kalkstückchen  und  kleinen  schwarzen  abgerollten 
Kieselschieferstücken  zusammengesetzt  ist.  Der  das  Hangende 
der  Coeloptychienkreide  bildende  Trümmerkalk  zerfällt  leicht  und 
man  kann  dann  die  zerstreut  umher  liegenden  Versteinerungen 
auf  lesen  bezw.  durch  Waschen  des  Detritus  in  einer  nicht  zu  weit- 
maschigen Siebvorrichtuug  in  dem  nahen  Bache  bequem  ge- 
winnen. 

Durch  das  reichlich  zusammengebrachte  Material  wurde  ich 
angeregt,  die  am  nördlichen  ITarzraude  in  der  Oberen  Kreide  anf- 
tretenden  Rudisten  zu  beschreiben.  Herr  Professor  B.  Lundgren 
war  so  gütig,  mir  Exemplare  der  von  ihm  beschriebenen  schwe- 
dischen Rudisten  zu  überlassen.  Durch  die  grosse  Liebens- 
würdigkeit der  Herren  Geheimrath  Prof.  Dr.  Beyrich  und  Geheim- 
rath Dr.  Hauchecorne  sind  mir  die  Sammlungen  des  naturhisto- 
rischen  Museums  und  der  geologischen  Landesanstalt  zugänglich 
gewesen.  Herr  Prof,  von  Koenen  stellte  mir  gütigst  die  im 
Göttinger  geologischen  Museum  vorhandenen  Stücke  zur  Verfügung. 
Die  Herren  SchuCiit  in  Oker  und  Reitemeyer  in  Goslar  über- 
sandten mir  freundliidist  ihre  am  Sudmerberg  gesammelten  Rudisten. 
Die  EwALu’schen  und  RoEMER’schen  Originale  habe  ich  leider  nicht 
ansehen  können. 


D ie  innere  Schalschicht  der  untersuchten  Arten  ist  zerstört, 
und  konnte  in  Folge  dessen  der  Schlossapparat  nicht  zur  Be- 
stimmung des  Genus  verwandt  werden.  Ausserdem  habe  ich 


')  Dieses  Jahrbuch  für  I8S7,  S.  3!)R. 

Gcbirgsformatioiien  in  der  Gralschaft  Wernigerode  a.  H.,  1858,  S.  88. 


am  nordlielieu  Harzraude. 


139 


Deckelschalen  trotz  eifrigen  Snchens  nicht  gefmulen.  Der  Gattung 
llippitrites  können  jedoch  die  Kudisten  vom  Harzrande  nicht  an- 
gehören, weil  die  durch  Einschnürung  der  äusseren  Schalschicht 
gebildeten  Kämme,  Pfeiler  oder  Säulchen  fehlen.  Ewald  ■)  wies 
die  von  ihm  bestimmfen  Formen  der  Gattung  BiradioUtea  d’Okb. 
zu.  Diese  Gattung  war  von  d’Orbiüny  für  diejenigen  Kadio- 
liten- Arten  aufgestellt,  die  auf  der  Aussenseite  der  Unterschale 
mit  zwei  durch  die  Sculptur  von  der  übrigen  SchalenoI)erfläche 
sich  abhebeuden  Längsbändern  versehen  sind.  Dieses  Merkmal 
ist  jedoch  von  Ew'aijU)  und  späteren  Autoren  als  ungenügendes 
Gattungsmerkmal  erkannt  worden,  da  die  Bänder  auch  l)ei  typi- 
schen Kadioliten  auftreten.  Vielmehr  sind  nach  Ewald  von  den 
echten  Radiolifen  jene  Formen  abzutrenneu,  bei  denen  1.  die 
Längsleiste  in  der  kleineren  Abtheiluug  der  inneren  Höhlung 
fehlt  und  2.  diese  kleinere  Abtheilung  von  der  grösseren  nicht 
vollständig  gesondert  ist,  vielmehr  nach  unten  mit  derselben  com- 
municirt.  Den  Gattungsnamen  ßiradiolites  trotz  der  Aenderuug 
seiner  Bedeutung  beizubehalteu , bewog  Ewald der  Umstand, 
dass  auf  mehrere  der  von  d'Obbigny  unter  Biradiolites  aufgeführten 
Arten,  so  namentlich  auf  Biradiolites  cormi-jjastoris , diese  um- 
geäuderte  Gattungscharakteristik  passt. 

IvOEJJER  stellt  (a.  a.  O.)  die  von  ihm  untersuchten  Stücke  vom 
Sudmerberg  zur  Gattung  Radiolites , ebenso  Lundgren  die  in 
den  Ignaberga-Schicliten  vorkommenden  Kudistenarten,  die  z.  Th., 
wie  später  uachgewiesen  werden  soll,  auch  am  nördlichen  Harz- 
raude Vorkommen. 

ZiTTEL  erklärt  mit  Bayle  Biradiolites  d’Orb.  für  synonym 
mit  Radiolites  (Kadioliten  ohne  Ligamentfalte  = Längsleiste 
Ewald’s)  und  weist  die  Mehrzahl  der  früher  unter  Radiolites  be- 
schriebenen Arten  zur  Gattung  Sphaendites  de  la  Metii.  emend. 
Bayle  (Kadioliten  mit  Ligameutfalte). 

>)  a.  a.  0.  S.  598. 

Terr.  cret.  IV,  S.  230. 

3)  Zeitschrift  d.  Deutschen  geol.  Gesellschaft  Bd.  IV,  S.  503. 

■*)  Monatsberichte  d.  Königl.  Akad.  d.  Wissensch.  zu  Berlin  S.  593. 

Ü Acta  Universitatis  Lundensis  1869. 

Handbuch  der  Palaeontologie  Bd.  1,  S.  86  ff. 


140 


G.  Müller,  Die  Rudisten  der  Oberen  Kreide 


Fischer  stellt  die  lladioliteu  mit  Ligameutfalte  zur  Gattung 
Radiolites  (=  Sphaeridites  bei  Bayle  und  Zittel),  während  er 
für  Radiolitideae  ohne  Ligainentfalte  den  Gattungsnamen  Biradiolites 
d’Orb.  (=  Radiolites  bei  Bayle  und  Zittel)  wieder  einführt. 

Neuerdings  hat  sich  Steinmann  ^)  ebenfalls  für  letztere  Auf- 
fassung entschieden,  jedoch  Biradiolites  als  Untergattung  zu  Radio- 
Utes  angenommen. 

Ich  ziehe  die  von  Bayle,  Zittel  u.  A.  angewandten  Gattungs- 
namen vor,  da,  nachdem  durch  Ewald  und  Bayle  eine  gänzlich 
von  der  D’ORBiGNY’schen  verschiedene  Gattungsbestimmnng  fest- 
gestellt war,  der  alte  Name  Biradiolites  nur  falsche  Vorstellungen 
in  Bezug  auf  die  Gattungsabgreuzung  hervorzurufen  geeignet  ist'*). 


Radiolites  liercyiiiiis  Ewald. 

Taf.  XVllI,  Fig.  3 u.  4. 

1856.  Biradiolites  hercynkis' MouatsbericLte  d.  Königl.  Akad.  d.  Wissen- 
schaften, S.  596. 

1887.  Radiolites  suecicus  Lundgr.  var.  costatus  de  Geer,  Geol.  Foren.  P'ör- 

handl.,  ßd.  IX,  S.  301. 

1888.  » hercynius  E\v.,  Müller,  dieses  Jahrbuch  für  1887,  S.  425. 
Ewald’s  Artbeschreibuug  lautet:  Sie  sind  von  conischer  Form, 

wo  diese  nicht  durch  das  Ansitzen  der  Schale  an  fremden  Körpern 
gestört  ist;  die  Oberfläche  ist  mit  stark  hervortretenden 
Längsrippen  besetzt,  deren  Zahl  zwischen  7 und  9 schwankt. 
Die  Grösse,  welche  diese  Species  erreicht,  übersteigt  gewöbnlich 
nicht  einen,  selten  1 Y‘2  Zoll. 

Da  am  Sudmerberg,  wie  ich  jetzt  feststellen  konnte,  zwei 
Arten  auftreten,  von  denen  die  eine  von  Roemer  als  Radiolites  Gosae 


')  Manuel  de  Conchyliologie  S.  1065  ff. 

Elemente  der  Palaeontologie  S.  278. 

Ewald  (Zeitsclir.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.,  Bd.  IV,  S.  504)  hielt  es  zunächst 
für  nothwendig,  einen  neuen  Namen  für  die  Radiolitideae  ohne  Ligamontfalte  ein- 
zuführen, behielt  jedoch  später  aus  dem  oben  angeführten  Grunde  die  Bezeich- 
nung Biradiolites  bei. 


am  nördlichen  Harzrande. 


141 


beschriebene  die  seltenere  Art  ist,  so  glanbe  ich,  dass  Ewald  ans- 
seliliesslich  nnr  Stücke  von  der  andern,  am  Sndinerberg  vorkonnnen- 
den  Art,  l)ei  der  die  Rippen  dnrebweg  stärker  liervortreten,  Vor- 
gelegen haben  und  bezeichne  deshalb  dieselbe  als  RacUoUtes 
hercynius  Ewald. 

Zn  der  Ew.\LD’schen  Artbeschreibnng  wäre  dann  noch  hinzn- 
zrifügen,  dass  die  Rillen  zwischen  den  namentlich  in  der  Jugend 
sehr  starken  nnd  scharten  Längsrippen  glatt  oder  wenigstens  nur 
mit  ganz  schwachen,  kaum  Ijemerkbaren  Anwachsstreifeu  versehen 
sind.  Die  Abstände  der  einzelnen  verschieden  stark  hervortreten- 
den Rippen  sind  ungleich  gross.  Die  Zwischenräume  sind  Itreiter 
als  die  Rippen.  An  ihrem  oberen  Ende  zeigen  die  Rippen  im 
angewitterten  Zustande  sehr  häutiiT  den  zelligren  Bau  der  äusseren 
Schalenschicht,  wodurch  die  Zimehöriokeit  zu  den  Radioliten  so- 
fort  klar  wird.  Im  Alter  verlieren  die  Rippen  die  Schärfe.  Die 
Alündung  ist,  wenn  nicht  verdrückt,  kreisförmig,  bei  jüngeren 
Exemplaren  häufig  ansgebogen,  nnd  überragt  die  Mantellinie.  Ab- 
gel)ildet  konnten  leider  nur  jüngere  Exemplare  von  R.  hei'ci/niiis 
werden,  da  die  Altersformen  in  Eolge  der  Erhaltung  sich  hierzu 
nicht  eigneten. 

Die  von  de  Geer  von  Barnakälla  (Schonen)  beschriebene 
Varietät  R.  suecicus  Lgn.  o.  costatus  de  Geer  ist  identisch  mit 
R.  hercynius  Ew.  Die  Rippen  sind  nach  einer  brieflichen  Mit- 
theilung Lundgren’s  mehr  oder  minder  scharf  ausgeprägt,  ebenso 
wie  an  den  Stücken  vom  Ilarzrande  die  Schärfe  der  Rippen 
innerhalb  gewisser  Grenzen  schwankt,  jedoch  stets  stärker  ist,  als 
bei  R.  pusülus  Lgn. 

Die  Art  findet  sich  am  Sudmerberg  nnd  bei  Stapelbnrg,  er- 
reicht jedoch  an  letzterem  Fundorte  bei  weitem  nicht  die  Grösse 
der  Sudmerbergformen  (über  40  Millimeter  gross),  da  das  grösste 
Exemplar  von  Stapelburg  nur  18  Alillimeter  misst. 


')  Unter  dom  in  der  Sammluno-  der  geologischen  Landesanstalt  liegenden 
Material  war  z.  B.  kein  einziger  Radiolites  Gosae  Roem.  vorhanden. 


142 


G.  Müli.er,  Die  Rudisten  der  Oberen  Kreide 


Radiolites  pusilliis  Lundgren. 

Taf.  XVIII,  Fig.  5-11. 

1870.  Radiolites  suecicus  var.  pusillus  Lgn.,  Acta  Universitatis  Lundensis,  S.  9, 

Fig.  8 — 15. 

Nach  einer  freundlichen  bi’ieflichen  Mittheilung  würde  Herr 
Professor  Lundgren,  da  er  sich  jetzt  iin  Besitz  eines  grösseren 
Materials  betindet,  die  früher  als  Varietäten  des  R.  suecicus  be- 
schriebenen Formen  als  besondere  Arten  von  R.  suecicus  abtreunen. 
Nachdem  ich  mehrere  hundert  Stück  von  R.  j^usillus  IjGN.  von 
Stapelburg  untersucht  habe,  halte  ich  die  neuere  Ansicht  Lund- 
GREn’s  für  die  richtige. 

Die  ausgewachsenen  Individuen  von  R.  'pusillus  zeigen  nur 
G — 9,  in  der  Jugend  durch  gleichmässige  Abstände  von  einander 
entfernte  Längsrippen,  während  R.  suecicus  im  Alter  12  — 15  Längs- 
rippen besitzt.  Die  conische  Unterschale  ist  stets  mit  deutlichen 
Anwachsstreifeu  bedeckt,  wodurch  sich  R.  pusillus  leicht  von 
R.  hercynms  trennen  lässt.  Ausserdem  sind  die  Läugsrippen 
weniger  kräftig,  als  die  der  letzteren  Art.  Die  Uebereiustimmung 
mit  den  schwedischen  Exemplaren  i)  dieser  Art  ist  eine  gute.  Zum 
Vergleich  habe  ich  einige  Formen  von  Östra  Kamp  (Hallaud)  mit 
abbilden  lassen.  (Taf.  XVIII,  Fig.  5a  — 5c.) 

Als  Vai'ietäteu  kann  man  zwei  Formen  ausscheiden,  von 
denen  die  eine  eine  kurze  ki’eiselförmige,  die  andere  eine  conisch- 
cylinderförmige  Gestalt  besitzt.  Die  erste  Varietät  benenne  ich 
R.  pusillus  var.  brecis  (Taf.  XVIII,  Fig.  8a  — 8 d)  und  die  ver- 
längerte R.  pusillus  var.  elongatus  (Taf.  XVIII,  Fig.  7a  — 7c). 
R.  brevis  zeigt  starke,  stellenweis  lamellöse  Anwachsstreifen.  Beide 
Abarten  sind  mit  der  Ilauptform  durch  zahlreiche  Uebergangs- 
formen  verbunden.  Die  Mündung  ist  bei  der  Stammform  häufig 
ausgebogen,  was  bei  der  schlanken  Varietät  jedoch  nur  selten  zu 
beobachten  ist. 


')  Lundgren’s  Beschreibung  lautet:  R.  valva  inferiore  coiiica,  7 — 9 costis 
longituclinalibus  plus  minus  emiuentibus,  striis  transversalibus  tenuibus  ornata; 
intervallis  quam  costis  majoribus.  Long.  8 — 20  Millimeter. 


am  nürdlichen  Harzrande. 


U3 


B.  imsiJlus  tritt  eiuzelu  und  in  Kolonien  auf.  Ich  fand  eine 
Kolonie  von  8 Individuen,  welche  von  dem  spitzen  Ende  der 
Unterschale  an  zusammengewachsen  waren,  ähnlich  wie  die  unter 
Fio-.  Hau.  11b  abo-ebildete  Kolonie.  Seltener  ist  der  Fall  zu 

Ö Ö 

beobachten,  dass  ein  jüngeres  Exemplar  sich  an  einem  älteren 
Individuum  festheftet,  äusserlich  vergleichbar  einer  Knospe,  welche 
seitlich  aus  dem  Mutterthier  hervorsprosst  (Fig.  10). 

R.  2^usilh(.s  Lgn.  ist  mir  bis  jetzt  im  nördlichen  Deutschland 
nur  von  Stapelburg  bekannt,  dort  ist  er  allerdings  die  häufigste 
Versteinerung. 


Radiolites  siihlaevigatiis  Lundgren. 

Taf.  XVIII,  Fig.  12  a — 12c. 

18G9.  Radiolites  suecici/s  var.  sublaeviyati/s  Lundgren,  Acta  Universitatis  Lun- 

densis,  S.  10,  Fig.  16  — 24. 

»Valva  inferiore  elongato-conica,  superne  elargita  et  saepius 
in  alam  producta  laevis  aut  costis  perpaucis  munita.  Long.  7 bis 
18  Millimeter«  lautet  die  LuNDGREN’sche  Beschreibung.  Nachdem 
ich  anfänglich  geneigt  war,  diese  Art  als  Varietät  der  vorigen 
zu  deuten , habe  ich  herausgefunden , dass  sie  zur  Zeit  als  selb- 
ständig anzusehen  ist.  Es  fehlen  die  Uebergänge,  welche  den  glatten 
R.  suhlaevigatus  mit  dem  längsgerippten  R.  'jtnisillus  verbinden.  Nicht 
zu  verwechselu  mit  dem  echten  R.  suhlaeoigatus  sind  angewitterte 
Exemplare  von  R.  imsillus,  bei  denen  dann  die  Schalstructur  er- 
kennbar wird.  Selbst  ganz  jugendliche  Individuen  von  R.  imsillus 
sind  mit  deutlichen  Längsrippen  versehen.  Anwachsstreifen  fehlen 
oder  sind  nur  schwach  angedeutet,  ähnlich  wie  l>ei  R.  hercynius 
Ewald. 

Selten  bei  Stapelburg. 

Radiolites  Rosae  Roem. 

Taf.  XYIII,  Fig.  1. 

1866.  Radiolites  Gosae  Roe.mer,  Palaeontogr.  Bd.  XIH,  S.  196,  Taf.  XXII,  Fig.  C. 

Diese  Art  ist  nahe  verwandt  mit  Radiolites  suecicus  Lgn. 
(Taf.  XVIII,  Fig.  2).  R.  Gosae  hat  wie  die  schwedische  Art  im 


144 


G.  Müller,  Die  Rudisten  der  Oberen  Kreide 


Alter  etwa  12  Längsrippeu,  die  durch  gleichmässige  und  ebenso 
breite  Zwischenräume  von  einander  getrennt  sind.  Ausserdem  ver- 
laufen An  wachsstreifen  im  Zickzack  über  die  Oberfläche  der 
conischen  Unterschale.  Bei  R.  suecicus  stehen  die  scharf  sich  ab- 
hebenden, parallel  der  Mündung  verlaufenden  Streifen  ge- 
drängter als  bei  der  subhercynischen  Art.  Die  Rippen  sind  bei 
der  schwedischen  Art  durchweg  gerundeter  als  bei  R.  Gosae. 
Die  Münduns  des  R.  suecicus  ist  häufio-  schwach  nach  aussen 
gebogen,  was  ich  bei  R.  Gosae  bis  jetzt  nicht  beobachtet  habe. 

Roemer  giebt  6 — 8 schmale  Längsrippen  an.  Das  auf 
Taf.  XVIII,  Fig.  1 abgebildete  Exemplar  ist  etwa  in  ein  Drittel  der 
Läuse  unten  abgebrochen.  An  dem  unteren  abgebrochenen  Ende 
waren  blos  9 Rippen  vorhanden,  die  durch  Einschiebung  von  3 oben 
auf  12  augewachseu  sind.  Ein  Jugendexemplar,  welches  sich  im 
Besitz  des  Herrn  Schucht  in  Oker  befindet,  zeigt  9 Längsrippen. 
Auch  bei  diesem  Stück  ragen  die  Anwachsstreifen  in  den  Zwischen- 
räumen zungeuförmig  nach  oben. 

RadioUt.es  Gosae  findet  sich  selten  am  Sudmerberg. 

Die  Beziehungen  der  eben  besprochenen  Arten  lassen  sich 
am  besten  durch  folgendes  Schema  deutlich  machen: 

R.  liercynius  Ewald.  R.  Gosae  Roem. 


R.  sublaevigatus  Lgn.  R,.  pusillus  Lgn.  R.  suecicus  Lgn". 

Was  nun  die  zeitliche  Verbreitung  der  eben  beschriebenen 
Arten  anbelangt,  so  treten  Radiolites  liercynius  Ew.  und  R.  Gosae 
Roem.  im  festen  Sudmerbergconglomerat  anf,  welches  ich  als 
gleichzeitige  Bildung  des  Quaders  bei  Blankenbui’g  auftasse. 
R.  liercynius  findet  sich  dann  noch  in  dem  Trümmerkalk  von 
Stapelburg,  wo  er  jedoch  nicht  mehr  so  gross  wird.  An  der 
letzteren  Localität  bilden  R.  pusillus  Lgn.  und  R.  sublaevigatus  Lgn. 
mit  R.  liercynius  die  gewöhnlichsten  Versteinerungen.  Da  diese  Ru- 
disten-Arten  nach  Angabe  von  Lundgren’)  nur  in  dem  Ignaberga- 


9 ÖlVersigt  af  Sveriges  Mesozoiska  Bildniiigar.  Lund  1888,  S.  30. 


am  nörcllichon  Harzranclo. 


145 


kalk  oder  der  Zone  mit  Actinocamax  mnmmillatufi  Nilss.  in  Schweden 
(nach  Schlüter  synchronistisch  mit  der  deutschen  Qnadrateu- 
kreide)  Vorkommen,  so  liegt  ein  Vergleich  des  Trümmerkalks  von 
Stapelburg  mit  dem  schwedischen  »Grus-  oder  Trümmerkalk« 
sehr  nahe. 

Sehen  wir  ganz  von  der  petrographischen  BeschaiFenheit  des 
Trümmerkalks  ab,  welcher  sich  unter  denselben  Bedingungen  ge- 
bildet hat  wie  der  Ignabergakalk,  so  wird  die  Möglichkeit,  dass 
beide  Bildungen  in  demselben  oder  wenigstens  annähernd  dem- 
selben geologischen  Zeitabschnitt  entstanden  sind,  durch  einen 
Vergleich  der  bezüglichen  Faunen  sehr  wahrscheinlich  gemacht. 

Lundgren  (a.  a.  O.)  führt  von  Versteinerungen  aus  den  Igua- 
bergakalken  folgende  Arten  au: 

Actinocamax  mammillatus  Nilss. 

Belemnitella  mucronata  Schltii. 

Ostrea  auricularis  Wahl. 

» sidcata  Blum. 

» laciniata  NiLSS. 

» acutirostris  NiLSS. 

» curvirostris  Nilss. 

» vesicularis  Lam. 

» diluviana  L. 

Pecten  subaratus  Nilss. 

» pidchellus  Nilss. 

Janira  qiiinqtiecostata  Sow. 

Radiolites  siiecicus  Lgn. 

Crania  Ignahergensis  Retz. 

» craniolaris  L. 

Magas  spathidatus  Wahl. 

» costatus  Wahl. 

Terebratidina  striata  Wahl. 

Ceriopora  stellatae  Golde,  aff. 

Caratomus  peltiformis  Wahl. 

cf.  Cyclolites  disco'idea  Mich. 

b Neues  Jahrbuch  für  Mineralogie  1870,  S.  9G3  und  Palaeontographica  Bei.  2t, 
S.  196. 


Jahrbuch  1889. 


10 


146 


G.  Müller,  Die  Rudislen  der  Oberen  Kreide 


Vou  den  aufgezählteu  Versteinerungen  haben  ausser  Radiolites 
suecmtü  Lgn.  ihre  Haiiptverbreitung  in  der  Mammillatus-Zoxie: 
Ostrea  auricidaris  Wahl,  und  Magas  spat/ndatus  Wahl.  Belem- 
oiitella  mucronata  Schloth.  tritt  schon  vereinzelt  in  der  Mammdlatus- 
Zoue  auf,  während  Actinocamax  mainmülaüis^ii.^^.  in  der  typischen 
Mucronateukreide  fehlt.  In  dem  Stapelburger  Trüinmerkalk  fand 
ich  ausser  zahlreichen  Foraminiferen,  Spongien,  Korallen,  Bryo- 
zoeu  und  6Vc7am-Stacheln , folgende  bekannte  Mollusken  nnd 
Brachiopoden : 

Ostrea  auricidaris  Wahl. 

» cancdiculata  Sow. 

» cf.  sigmoidea  Keüss. 

» vesicidaris  Lam. 

» hippopodium  Nilss. 

» pusilla  Nilss. 

Vola  quinquecostata  Sow. 

Radiolites  pusillus  Lgn. 

» sublaevigatus  Lgn. 

» hercynius  Ew. 

Orania  Ignahergensis^  var.  paucicostata  BoSQU. 

Rhynchonella  plicatilis  Sow. 

Terehratidina  striata  Wahl. 

Magas  spat/ndatus  Wahl. 

Thccdea  cf.  digitata  Sow. 

Ostrea  auricidaris  ist  bei  Stapelburg  eine  sehr  häufige  Art, 
vou  den  Austern  die  häufigste. 

Radiolites  pusillus  Lgn.  und  R.  sublaevigatus  sind  mir  bis  jetzt 
von  keiner  anderen  Localität  aus  dem  nördlichen  Deutschland  be- 
kannt. Magas  spat/ndatus  Wahl.  erreicht  die  Grösse  der  aus 
den  Ignaherga- Schichten  herrülirendeu  Formen  und  stimmt  auch 
sonst  mit  dem  schwedischen  Vorkommen  gut  überein.  Orania  Igna- 

b ScHLÖNBACH  (Palaeontogi'.  Bd.  XIII,  S.  305,  Taf.  39,  Fig.  9,  10,  12)  führt 
als  norddeutsche  Fundorte  für  M.  spatlnilatus  Gr.  Bülten,  Klosterholz  bei  llsen- 
burg  und  einen  Punkt  zwischen  Harzburg  und  Schlewecke  a.  H.  an.  An  den 
beiden  letzteren  Fundpunkten  hat  Beyrich  diese  seltene  Art  zuerst  gesammelt. 


am  nördlichen  Harzrande. 


147 


bergensis  var.  'paiicicostata  ist  bei  Stajiell^urg  eine  der  gewölmlicliereu 
Arten.  Thecideu  cf.  digitata^  welche  in  Schweden  sowolil  in  der  Zone 
des  Actinocumaw  mammillaüis'i^i'L'i^B.  als  auch  in  der  typischen  Mncro- 
nateukreide  auftritt,  ist  bei  Stapelbnrg  nach  den  lladioliten  die  am 
häufigsten  ?a\  findende  Versteinerung;  über  100  Exemplare  habe  ich 
dort  gesammelt.  Die  Stücke  von  Stapelburg  zeigen  die  grösste 
Uebereinstimmung  mit  den  von  Lundgren  abgebildeten  Formen. 

Allerdings  fehlt  bei  uns  Actinocamax  maimnillatus  Nilss.,  der 
zur  Zeit  mit  Sicherheit  nur  aus  der  baltischen  Kreide  bekannt  ist. 
Von  den  sonst  für  die  Bestimmung  des  Horizonts  so  wichtigen 
Cephalopoden  habe  ich  nur  unbestimmbare  Bruchstücke  von  Belem- 
nitideu  gefunden.  Jedoch  zählt  Jasche Belemnitella  mucronata 
ScHLOTH.  vom  Burgberg  bei  Stapelburg  auf,  wo  dieselben  Schichten 
wie  in  der  Wiese  nördlich  von  Stapelburg  aufgeschlossen  sind. 

Nach  den  Angaben  Griepenkerl’s^)  findet  mau  in  der  oberen 
Quadratenkreide  der  Umgegend  von  Königslutter  Actinocamax 
quadrahis  und  Belemnitella  mucronata  neben  einander  vor,  und  zwar 
so,  dass  unten  Actinocamax  quadratus,  nach  oben  hin  Belemnitella 
mucronata  in  überwiegender  Menge  aiiftritt. 

Wenn  mm  auch  somit  das  Vorkommen  von  Belemnitella  mu- 
cronata Schl,  kein  bestimmter  Beweis  dafür  ist,  dass  der  Trümmer- 
kalk von  Stapelburg  als  untere  Alucronatenkreide  zu  deuten-  ist, 
was  ich  früher  als  möglich  angesehen  hatte  •'*),  so  bilden  die  Stapel- 
burger Kalke  jedenfalls  die  jüngsten  Bildungen  der  oberen  Qua- 

1)  a.  a.  0.  S.  108. 

Yersteinerungen  der  senonen  Kreide  von  Königslutter  im  Herzogthum 
Braunschweig,  S.  10. 

Ich  hatte  mich  auf  die  Angabe  Schlüter’s  (Palaeontogr.  Bd.  24,  S.  203)  ver- 
lassen, wonach  B.  mucronata  Schloth.  in  der  Quadratenkreide  nur  vereinzelt  bei 
Osterfeld  in  Westfalen  gefunden  ist  und  die  früheren  Mittheilungen  über  das  ge- 
meinsame Vorkommen  beider  Arten,  auf  Verwechselung  beruhend,  sich  nicht 
bestätigt  hätten.  Mir  schien  die  ScHi.üxEE’sche  Ansicht  über  das  Auftreten  von 
B.  mucronata  die  richtige  zu  sein,  da  ich  selbst  in  der  Zone  der  Becksia  Soeke- 
landi  bei  Biewende,  Loehtuni  u.  s.  f.  kein  einziges  Exemplar  von  B.  mucronata 
angetroffen  habe,  dahingegen  Actinocamax  quadratus  in  grosser  Menge.  Bemerkt 
sei  noch , dass  ich  an  allen  von  mir  besuchten  Eundpunkten  der  oberen 
Quadratenkreide  am  nördlichen  Harzrande  die  Gattung  Coeloptgchium  gefunden 
habe. 


10* 


148 


G.  Mülleu,  Die  Riidisten  der  Oberen  Kreide  etc. 


dratenkreide  am  nördlichen  Harzrande  ^).  Dies  würde  jedoch 
nicht  mit  der  Annahme  im  Widersj^rnch  stehen,  dass  die  Ent- 
stehung der  Stapelbnrger  Trümmerkalke  und  der  Ignahergakalke 
mit  Actinocamax  7nanvmillatus  jileichzeiticr  vor  sich  o-ecrano-en  ist, 

O ö O O O 7 

da  letztere  unmittelbar  unter  der  typischen  Mncronateukreide  und 
über  der  Quadratenkreide  folgen. 


b Jasche  (a.  a.  0.  S.  92)  lässt  sich  über  die  Lager ungsverliältnisse  der 
Trümmerkalke  in  der  Grafschaft  Wernigerode  wie  folgt  aus;  Den  Trümmeikalk 
wird  man  wohl,  wo  nicht  als  die  jüngste,  doch  wenigstens  als  eine  der  jüngsten 
Bildungen  der  Kreideformation  anzusehen  haben.  Er  kommt  auf  den  von  Mergel 
gebildeten  Anhöhen,  z.  B.  auf  dem  Galgenberge  bei  Wernigerode  und  dem  Burg- 
berge bei  Stapelburg  vor.  Vor  dom  aus  Muschelkalk  bestehenden  Wienberge 
bei  Ilsenburg  kommt  er  ebenfalls  auf  der  grössten  Höhe  des  Mergels,  obwohl 
nur  in  losen,  abgerissenen  Stücken  vor. 


Der  baltische  Höhen  rücken  in  Hinterpommerii 
und  Westpreussen. 

Von  Herra  K.  Keilhack  in  Berlin. 

(Hierzu  Tafel  XXVI.) 


Zwisclien  den  gut  gekannten  Quartärgel)ieten  der  nördlichen 
Mark,  Mecklenl)urgs  und  Vorponinierns  einerseits,  des  nördlichen 
Ost-  und  Westpreussen  jenseits  der  Weichsel  andererseits  hegt 
zwischen  Oder  und  Weichsel,  Ostseeküste  und  Thoru-Eberswalder 
Ilauptthal  ein  ausgedehntes  Gebiet,  welches  geologisch  bisher  nur 
an  den  Rändern,  nämlich  an  der  Küste  und  an  den  Ufern  der 
beiden  grossen  Ströme  einigermaassen  durchforscht  war.  Aber 
auch  hier  hatte  die  Forschung  zunächst  an  die  interessantesten 
Punkte,  an  das  anstehende  tertiäre,  cretaceische  und  jurassische 
Gebirge  an  den  Odermündungen  und  einigen  Küstenpuidcten  an- 
geknüpft, wogegen  nur  erst  ganz  wenige  Mittheilungen  über  das 
Quartär  dieses  weiten  Gebietes  zu  nennen  sind.  Die  älteste,  aber 
gleichzeitig  bisher  die  umfassendste  und  mit  feinem  Verständniss 
geschriebene  Arbeit  ist  M.  v.  d.  Borne’s  »Zur  Geoguosie  der  Pro- 
vinz Pommern«  Q.  Ohne  Keuntniss  Hinterpommerns  ist  der  Auf- 
satz von  Kowaleswski  »Materialien  zur  Geologie  Pommerns«, 


')  Zeitsclir.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  Bd.  IX,  S.  473  f. 
Jahresber.  d.  Ver.  f.  Erdk.  zu  Stettin,  1887. 


150 


K.  Keilhack,  Der  baltische  Höhenriicken 


treschriebeu  und  bringt  iu  Folge  dessen  auch  so  gut  wie  gar 

o O O O O 

keine  neuen  Beiträge  znr  Kenntniss  unseres  Gebietes.  Für  die 
Neuinark,  speciell  für  den  Kreis  Königsberg,  hat  Zache  versucht 
die  GElNiTz’schen  sogenannten  »Geschiebestreifeu«  Mecklenburgs 
über  die  Oder  hinüber  nach  Südosten  weiter  zu  verfolgen.  Das 
Gezwungene  der  einzelnen  Schlussfolgerungen,  die  der  Autor  zieht, 
erklärt  sich  daraus,  dass  derselbe  ein  mit  Ueberschreiteu  der  Oder 
einsetzendes  Uitibiegen  der  Streichrichtuug  des  Höhenrückens  um 
fast  90®  und  damit  verbundenes  Umsetzen  der  Richtimg  eines 
Theiles  derjenigen  Bildungen,  die  hier  den  mauuichfach  zusammen- 
gesetzten GEiNiTz’schen  Geschiebestreifeu  entsprechen,  nicht  richtig 
erkannt  hat.  Im  übrigen  gielit  es  über  das  Quartär  dieser  Ge- 
biete nur  noch  einige  Mittheilnngeu  von  Jentzsch,  Ebert  und 
Berendt  über  das  Diluvium  der  hart  an  der  Weichsel  liegenden 
Blätter  der  Gegend  von  Mewe  und  Nenenbnrg.  Die  ofieubar  sehr 
zweifelhaften  Angaben  Friedel’s'^)  über  das  Auftreten  von  Schichten 
mit  reicher  mariner  Fauna  iu  der  Nähe  von  Colberg  am  Rande 
des  Persantethales  übergehe  ich  hier. 

Vor  zwei  Jahren,  1888,  von  der  Direetiou  der  Köuigl.  geol. 
Laudesaustalt  mit  der  Ausführung  von  Specialanfnahmeu  im  Maass- 
stabe 1 : 25000  in  der  Gegend  von  Nenstettin  und  Bnblitz,  süd- 
lich von  Cöslin,  beauftragt,  erhielt  ich  gleichzeitig  die  Anweisung, 
die  weitere  Umgebung  meines  xVufuahmegebietos,  soweit  es  für  ein 
Verständuiss  der  iu  jenem  anftreteudeu  Bildnugen  erforderlich 
wäre,  zu  bereisen.  So  habeich  es  mir  denn  angelegen  sein  lassen,  den 
Regierungsbezirk  Cöslin  und  die  an  densellien  im  Süden  und 
Osten  angrenzenden  Theile  der  Provinz  Westpreussen  auf  einer 
grossen  Alenge  von  Linien,  deren  Gesammtlänge  gegen  1200  Kilo- 
meter beträgt,  zu  bereisen,  um  einen  Ueberblick  über  den  Auf- 


')  lieber  Anzahl  und  Verlauf  der  Gescliieberücken  im  Kreise  Königsberg 
i.  Neumark.  Zeitschr.  f.  d.  ges.  Naturwiss.  Bd.  Gl,  S.  3D  — 59.  Halle  a.  S.  1888. 

2)  Meist  im  Jahrb.  d.  Königl.  preuss.  geol.  Landosanstalt  und  in  den  Ver- 
öffentlichungen der  physik. -Ökonom.  Ges.  in  Königsberg. 

Beitrag  zur  diluvialen  Nordseefauna  Hinterpommerns.  Zeitschr.  f.  Malaco- 
zool.  1884. 


in  Hinterpommern  und  Westpreussen. 


151 


bau  des  ganzen  Landes  von  der  Küste  bis  hinül)er  über  den  Höhen- 
rücken zu  gewinnen.  Die  Menge  der  Beobachtungen  gestattete 
mir,  in  kleinem  Maassstabe  ein  Uebersichtskärtchen  (Taf.  XXVI) 
des  Gebietes  zwischen  Colberg  und  Danzig  zu  geben,  welches  im 
Grossen  und  Ganzen  wohl  Anspruch  auf  Richtigkeit  machen  kann, 
während  im  Einzelnen  die  Grenzen  durch  die  Specialaufuahmeu 
zahlreiche  kleinere  Veränderuniren  erfahren  werden. 

O 

ln  den  folgenden  Blättern  erstatte  ich  über  die  auf  diesen 
Reisen  und  bei  Gelegenheit  der  Specialaufnahmen  gewonnenen 
Ergebnisse  Bericht.  Ich  werde  zunächst  den  zonenweisen  Auf- 

o 

bau  des  ganzen  Landes  beschreiben  und  sodann  zur  näheren  Schil- 
derung zweier  dieser  Zonen,  die  zusammen  die  baltische  Seenplatte 
bilden,  übergehen. 

Wie  in  Schleswig-Holstein  durch  Meyk  ein  parallel  zur  Küste 
verlaufender  zonenweiser  Aufbau  des  Landes  nachgewiesen  wurde, 
so  gelang  es  mir,  eine  ähnliche  Anordnung  auch  im  östlichen 
Hinterpommern  aufzufinden,  nur  dass  es  sich  hier  nicht  mehr  um 
3,  sondern  um  5 resp.  6 solcher  Zonen  handelt.  Dieselben  sind 
an  der  Küste  beginnend  folgende: 

1.  Das  Gebiet  der  Stranddünen,  Haffseen  und  aus  solchen 
hervorgegangenen  Moore.  Anf  der  gesammten,  263  Kilometer 
langen  Küstenstrecke  von  der  östlichen  Odermündung  bei  Dieve- 
now  l)is  Rixböft,  wo  die  Halbinsel  Heia  sich  abzweigt,  tritt  nur 
auf  einer  Linie  von  49  Kilometer  das  Diluvium,  darunter  auf 
15  Kilometer  mit  Steilufern,  an  das  Meer  heran.  An  der  ganzen 
übrigen  Küste  aber  liegt  zwischen  dem  Strande  und  der  diluvialen 
Hochtläche  ein  Dünenzug,  hinter  welchem  ausgedehnte,  1 — 4 Meter 
tiefe  Binnenseen,  die  Reste  alter  Haffe,  oder  durch  Vertorfung  aus 
ibneu  hervorgegaugene  Moore,  sowie  alluviale  oder  jungdiluviale 
ebene  Sandflächen  sich  finden.  Die  bedeutendsten  dieser  Haffseen 
sind,  von  Westen  nach  Osten  gezählt,  der  Kamp-,  Jamund’sche-, 
Buckow’sche-,  Vitter-,  Vietziger-,  Garde’sche-,  Leba-  und  Sarbsker 
See.  Der  Zarnowitzer  See  ganz  im  Osten  ist  in  nordsüdlicher  Rich- 
tung zwischen  diluvialen  Ufern  eingesenkt  und  gehört  einem  anderen 
Typus  an.  Diese  mehrfach  unterbrochene  Zone  ist  die  schmälste. 


152 


K.  Keilhack,  Der  baltische  Höhenrücken 


erreicht  aber  au  ihrer  breitesteu  Stelle  immerhin  einen  Durch- 
messer von  12  Kilometern,  während  derselbe  im  Durchschnitt  etwa 
3 — 4 Kilometer  beträgt  i). 

Die  einförmige,  völlig  ungegliederte  Küste  Hiuterpommerns 
gewinnt  ein  ganz  verändertes  Aussehen,  wenn  wir  alle  diese  Alln- 
vialbildnugeu  beseitigt  und  den  Dilnvialraud  als  Küsteuliuie  uns 
denken.  Daun  sehen  wir  eine  der  meckleubui'gischeu  und  schles- 
wigscheu ähnliche  Küste  mit  voi’gelagerten  Inseln,  flachen  B achten 
und  Audentnugen  von  Föhrdeu.  Auf  die  Inseln  oder  den  Süd- 
raud  dieser  Zone  fallen  alle  Punkte  oberflächlich  anstehenden 
älteren  Gebirges  der  Kreide-  und  Juraformation,  die  wir  im  nörd- 
lichen Theile  des  Landes  zwischen  Oder  und  Weichsel  kennen, 
das  Turon  bei  Lebbiu,  Jura  und  Senou  bei  Cammiu,  Seuon  bei 
Fiukenwalde,  das  jüngst  von  Dr.  Krause  anfgefuudene  Aequi- 
valeut  der  Arnager-Grüusande  auf  der  Horst -Kevahrschen  Dilu- 
vialiusel  und  der  Jura  von  Bartiu,  südlich  Colberg.  Weiter  nach 
Osten  ist  älteres  Gebirge  nur  erbohrt,  nicht  mehr  anstehend  beob- 
achtet. 

2.  Die  nächste  Zone  stellt  orographisch  ein  flaches  10  bis 
80  Meter  ü.  M.  gelegenes  Plateau  dar,  welches  nur  hier  und  da 
von  bedeutenderen  Erhebnugeu  überragt  wird.  Es  wird  durch- 
zogen von  ganz  flach  eingesenkteu,  meist  schmalen,  moorerfüllten 
Thälern,  in  denen  die  vom  Höhenrücken  nlederströmeudeu  Küsten- 
flüsse in  trägem  Laufe  den  letzten  Theil  ihres  A¥eges  znrücklegeii. 
In  geologischer  Beziehung  bestehen  diese  ansgedehnten  Ebenen 
zum  weitaus  grössten  Theile  aus  Geschiebemergel,  den  mau  ans 
mehreren  Gründen  als  zum  Oberen  Diluvium  orehörio-  rechnen 

O o 

muss;  er  ist  es,  der  die  hervorragende  Fruchtbarkeit  gerade  dieses 
Theiles  von  Pommern  bediugt.  In  dieser  Zone  liegen  8 von  den 
20  Städten  des  Kegiernngsbezirks  Cösliu  und  zwar  die  grössten, 
durch  sie  zieht  in  ihrer  ganzen  Länge  die  Hauptverkehrsstrasse 
Hiuterpommerns,  die  Stargard  - Dauziger  Eisenbahn,  sich  hin- 
durch. 


b Ausführliches  über  diese  Zone  siehe  F.  W.  P.  Lehma2<n,  Das  Küstengebiet 
Ilinterpommcrns.  Zeitschr.  d.  Ges.  f.  Erdk.  zu  Berlin,  Bd.  19,  S.  332 — 404. 


in  Hinterponimern  und  Wcstpreusson. 


153 


Die  z.  Th.  recht  beträchtlich  aufragenclen  ITölien  (Zitzower 
Berge  bei  Rügeuwalde,  Gollenberg  bei  Cösliu,  Kevekol  bei  Schmolsin 
am  Garde’schen  See,  die  Höhen  südlich  vom  Lebamoor)  bestehen 
ans  Banden  des  Unteren  Dilnvinms  und  enthalten  bisweilen,  wie 
die  beiden  zuerst  genannten,  einen  tertiären  Kern.  Wie  die 
Uebersichtskarte  zeigt,  ist  diese  Zone  von  grosser  räumlicher  Ver- 
breitung, da  sie,  nur  durch  unbedeutende  Thäler  unterbrochen, 
von  der  Weichsel  bis  zur  Rega  und  weiter  sich  erstreckt  und 
ausserdem  eine  wechselnde  Breite  bis  zu  40  Kilometern  besitzt. 

3.  Die  fbUende  Zone  stellt  bereits  eine  Vorstufe  zum  Höhen- 

O 

rücken  dar,  indem  sie,  au  vielen  Stellen  ziemlich  unvermittelt,  aus 
der  grossen  Geschiebemergelebeue  sich  heraushebt.  Orographisch 
ein  l)ergiges,  von  zahlreichen  oft  tief  eiugeschnitteneii  Erosious- 
thälern  und  breiten  alten  diluvialen  Thälern  durclifurchtes  Gelände 
darstellend,  ist  sie  in  geologischer  Beziehung  dadurch  ausgezeichnet, 
dass  grösstentheils  imterdiluviale  Schichten  an  ihrem  Aufbaue  sich 
betheiligeu.  Es  sind  in  den  Bergen  durchaus  die  Sande  des 
Unteren  Diluvium  vorherrschend,  während  an  die  Thäler  z.  Th. 
ausgedehnte  Abrasiousflächen  sich  auschliessen , auf  denen  die 
losen  Bildungen  bis  auf  den  widerstandsfähigen  Unteren  Geschiebe- 
mergel  fortgeführt  sind,  der  nun  im  Vereine  mit  Thalschottern  und 
Tlialsaudeu  diese  thalartigen  Ebenen  bedeckt.  Solche  Flächen 
schliessen  sich  an  das  Thal  der  Persaute  und  Raddüe  in  grosser 
Ausdehnung  au.  In  diese  Zone  fällt  die  grosse  Mehrzahl  der- 
jenigen  Punkte,  au  denen  im  Regierungsbezirk  Cösliu  das  Tertiär 
anstehend  bekannt  ist. 

4.  Haben  wir  von  Norden  nach  Süden  gehend  dieses  Gebiet 
überschritten,  so  kommen  wir,  meist  in  ziemlich  raschem  Aufstiege, 
auf  den  eigentlichen  Höhenrücken  und  damit  in  die  vierte  unserer 
Zonen.  Dies  ist  das  Gebiet  der  neuerdings  mit  dem  Namen  der 
»Moränenlaudschaft«  belegten  Landschaftsform.  Sie  ist,  abgesehen 
von  ihrer  Höhenlage  zwischen  120  und  300  Meter  ü.  M.,  charakte- 
risirt  durch  die  ungeheure  Menge  geschlossener  Depressionen,  die, 
ursprünglich  alle  mit  Wasser  gefüllt,  heute  zum  grösseren  Theile 
zugetorft  und  in  Moore  und  Wiesen  verwandelt  sind.  Das 
zwischen  diesen  rings  geschlossenen  Becken  liegende  Gelände  ist 


154 


K.  Keilhack  , Der  baltische  Höhenrücken 


iu  der  unregelmässigsten  Weise  bewegt  und  besteht  aus  lauter 
grösseren  und  kleineren  Kuppen,  Kegeln  und  kurzen  Rücken. 
Ebenen  fehlen,  von  den  Mooren  abgesehen,  dieser  Landschafts- 
foriii  fest  völlig  und  alle  dein  Terrain  sich  anschmiegenden  Wege 
zeigen  einen  ununterbrochenen  Wechsel  von  Anstieg  und  Gefälle. 
Die  Grösse  der  Depressionen  schwankt  innerhalb  der  weitesten 
Grenzen,  von  kleinen  Löchern,  die  man  fast  überspringen  kann, 
bis  zu  Mooren  und  Seen  von  mehreren  Kilometern  Durchmesser. 
Ein  charakteristisches  Bildchen  von  der  Massenhaftigkeit  dieser 
Kessel,  Sölle,  Moore  und  kleinen  Seen  giebt  der  folgende  Aus- 
schnitt aus  Blatt  Persanzig  in  1 : 25000 , worin  die  Höhen 
schraffirt,  die  mit  Alluvium  erfüllten  Einsenkungen  weiss  geblieben 
sind,  sowie  das  nebenstehende  Profil  durch  einen  Theil  der  Mo- 
ränenlandschaft bei  ATurchow.  (Fig.  1 u.  2.) 

In  die  Aloränenlandschaft  fallen  die  höchsten  Terrainerhebuiigen. 
Während  sie  unter  120  Meter  über  Meereshohe  kaum  zu  finden 
ist,  erhebt  sie  sich  im  östlichen  Hiuterpommern  bis  260  Meter,  im 
Thurmberg  in  W.  Pr.  soo;ar  liis  330  Meter  Höhe.  Die  Höhen- 
unterschiede  sind  oft  auf  kleinem  Raume  höchst  beträchtlich;  so 
beträgt  derselbe  zwischen  den  Breitenberger  Höhen  südlich  von 
Pollnow  und  der  Sohle  des  Kalkbachthales  bei  Drawehn,  die  nur 
1 Kilometer  entfernt  ist,  genau  150  Meter  und  zwischen  der  Spitze 
des  Thurmberges  und  dem  Spiegel  des  2 Kilometer  entfernten 
Ostritz-Sees  sogar  172  Meter. 

In  p^eoloKischer  Beziehung  ist  die  Aloränenlandschaft  durch 
das  Vorherrschen  des  Oberen  Geschiebemergels  charakterisirt,  der 
tast  allenthalben  zu  finden  ist,  da  beinahe  nur  an  den  Rändern 
der  in  die  Moränenlandschaft  einschneidenden  Thäler  Unteres 
Diluvium  zu  Tage  tritt.  Diese  Thäler  verlaufen  fast  alle  recht- 
winklig zur  Hauptrichtung  dieser  Zone  und  sind  an  ihren  Rändern 
häufiff  mit  Gehäimemooren  bedeckt.  Die  Moränenlaudschaft  ist 
in  ihrem  westlichen  Theile,  in  der  Gegend  zwischen  Neustettin 
und  Callies  in  zwei  Züge  getheilt,  die  ziemlich  parallel  verlaufen 
und  von  einander  durch  die  im  übrigen  Theile  die  südliche  Be- 
grenzung bildende  fünfte  Zone  getrennt  sind. 

5.  Diese  steht  zur  vorigen  in  einem  überaus  schrofien  Gegen- 


(1  : 25000.) 


15H 


K.  Keilhack,  Der  baltische  Hölienriicken 


Satze.  Ausjredehüte  Ebenen  mit  p-erino'er  ■wellenfönnio-er  Bewesima’-, 

O O O O O ö” 

von  vereinzelten  Sandbergen  durchragt,  durchschnitten  von  vielen 
oft  tief  eingeschnittenen  Rinnen,  in  welchen  zahlreiche  meist  lang- 
gestreckte Seen  liegen  — das  ist  das  orographische  Bild  dieser 
grösstentheils  in  der  Provinz  Westpreussen  liegenden  Zone.  Auf- 
gebaut ist  sie  fast  ausschliesslich  aus  Sauden  und  Schottern,  die, 
wenn  sie  feinkörnig  werden,  was  meist  im  südlichen  Theile  dieser 
Zone  der  Pall  ist,  Veranlassung  zur  Düneubilduug  geben.  Diese 
»Haidesandlaudschaft«  gehört  bereits  dem  Stromgebiete  der  Warthe 
lind  Netze  an,  während  die  unter  1 bis  4 genannten  Zonen  durch 
zahlreiche  kleine  Flüsse  direct  zur  Ostsee  entwässern. 

6.  Au  diese  gewaltigen  Sandtlächeu  schliesseu  sich  nach 
Süden  in  unregelmässiger  Weise  von  Neuem  Flächen  Oberen 
Geschiebemergels  an,  die  plateauartig  die  Sandebenen  überragen. 
Zwischen  diesen  eiuzeluen  Hochflächen  fliessen  in  breiten  schotter- 
erfüllten Thälern  das  Schwarzwasser,  die  Brahe,  die  Küddow,  die 
Drage  und  andere  Flüsse  nach  Süden  zur  Weichsel,  Netze  und 
Warthe.  Der  Parallelismus  des  Ganzen  aber  hört  schon  mit 
Zone  5 auf. 

Nach  diesen  einleitenden  AVorteu  wende  ich  mich  zu  einer 
speciellen  Beschreibung  der  Zonen  4 und  5,  die  in  ihrer  Gesammt- 
heit  die  baltische  Seenplatte  darstelleu. 


Die  Sloräiieiilaiidscliaft. 

Versetzen  wir,  um  ein  Bild  von  dieser  vielleicht  eigenthüm- 
lichsten  Landschaftsform  Norddeutschlands  zu  gewinnen,  uns  mitten 
in  dieselbe  hinein.  Wir  stehen  am  Hange  eines  Hügels  und  er- 
blicken vor  uns  ein  kleines  Moor.  Ringsum  ist  dasselbe  von 
ähnlichen  Hügeln  umgeben,  wie  der,  auf  dem  wir  stehen,  so  dass 
unser  Horizont  ein  ganz  eng  begrenzter  ist.  Wir  gehen  in  die 
Einsattelung  zwischen  zwei  dieser  Kuppen  und  erblicken  vor  uns 
von  Neuem  ein  Moor  in  gleicher  Umgebung  wie  das  erste.  Nun- 
mehr  besteigen  wir  den  höchsten  Punkt  unserer  nächsten  Um- 
gebuug;  jetzt  können  wir  unter  günstigen  Umständen  20  bis  30 
solcher  Aloore  überschauen,  die  inmitten  eines  regellosen  Gewirres 


in  Hinterpommern  und  Westpreussen. 


157 


von  Hügeln,  Kegeln  und  kleinen  Rücken  in  fast  immer  verschie- 
denen Niveaus  eingesenkt  sind.  Wenn  wir  uns  im  Jnni  befinden, 
so  erscheinen  inmitten  der  wogenden  grünen  Saaten  die  Moore 
wie  mit  weissem  Schleier  überzogen;  das  rührt  her  von  den 
Tausenden  und  aber  Tausenden  von  Wollgrasblüthen,  die  wie 
eine  leichte  Decke  alle  die  Moore  überziehen,  deren  Ober- 
fläche noch  nicht  von  Menschen  zur  Torfgewinnung  zerstört  ist. 
Wir  erblicken  in  einiger  Entfernung  bedeutende  Höhen  und  be- 
schliessen,  durch  den  Blick  aus  der  Höhe  noch  weitere  Gebiete 
in  unser  Gesichtsfeld  zu  fassen.  Auf  ununterbrochen  wellig  auf 
und  ab  steigcendem  Wee:e  streben  wir  unserem  Ziele  eutaesjen. 
Da  sehen  wir  uns  plötzlich  aufgehalten  durch  ein  tief  eiugesenktes 
Thal.  Kein  ebener  Thalboden  bezeichnet  seine  Sohle,  sondern 
vom  tiefsten  Punkte,  wo  der  Bach  fliesst,  steigen  die  Thalränder 
in  coucaver  Kurve  an  und  bis  hoch  hinauf  am  Gehänge  zieht 
sich  üppig  grüne  Wiese,  hervorgegangen  aus  künstlich  berieseltem 
Gehängemoore.  Prächtio-e  Buchenwälder  bekleiden  die  höheren 
Theile  des  Gehänges,  an  welchem  hier  und  da  starke  Quellen  hervor- 
sprudelu.  Nach  Ueberschreiteu  des  Thaies  auf  serpeutiueuartig  ge- 
wundenem Wege  erreichen  wir  bald  den  Fuss  der  steil  aufragenden 
Berge  und  sehen  uns  plötzlich  in  ein  ganz  verwandeltes  Bild  ver- 
setzt. Rings  um  uns  bedecken  gewaltige  Mengen  grosser  und 
kleiner  Geschiebe  das  noch  immer  stark  bewegte  Gelände;  bald 
sind  sie  zu  langen  und  breiten  Steinwällen  zusammengetrageu, 
bald  in  einzelnen,  stumpf  kegelförmigen  Hügeln  durch  den  Land- 
mann zusammengehäuft.  Oft  auch  haben  unsere  Vorfahren  im 
grauen  Alterthum  die  Gräber  ihrer  Angehörigen  durch  darüber 
gehäufte  Steine  vor  grabendem  Dachs  und  Fuchs  gesichert.  Wo 
der  Mensch,  vor  der  Menge  der  Geschiebe  verzagend,  noch 
nicht  Hand  an  dieselben  gelegt  hat,  da  sehen  wir  sie  in  mäch- 
tigen Packungen  oder  in  regelloser  dichter  Bestreuung  das  Ge- 
lände bedecken.  Nunmehr  besteig-en  wir  zwischen  Blöcken  und 
über  dieselben  hinweg  die  Höhe:  jetzt  ofluet  sich  ein  entzückender 
Blick  in  die  Weite  auf  breite  Thäler  mit  dunklem  Nadelwald,  auf 
grosse  und  kleine  hellgrüne  Buchenwälder,  auf  Hunderte  weiss- 
schimmernder Moore  in  grünem  Saatfelde  oder  auf  dunkler  Haide 


158 


K.  Keilhack,  Der  baltische  Höhenrücken 


und  auf  grosse  uud  kleine  Seen,  deren  klare,  blaue  Flutlien  von 
allen  Seiten  lieraufsclrinunern.  Solcher  Landscliaftsbilder  kann  man 
von  den  hohen  Bergen  der  Kassubei  bis  an  die  Grenzen  der  Neu- 
mark im  Gebiete  der  Moräuenlandschaft  viele  sehen  und  oftmals 
übertreften  sie  weitaus  an  Schönheit  die  vielgepriesenen  ITavelland- 
schaften  l:>ei  Potsdam  und  Werder. 

ln  geologischer  Hinsicht  fallt  der  Lövvenautheil  am  Aufbau 
der  Moränenlaudschaft  dem  Geschiebelehm  zu.  In  einem  sehr 
grossen,  vielleicht  dem  grössten  Theile  derselben  bildet  er,  nur 
von  geringfügigen  Verwitterungsschichten  bedeckt,  die  Oberfläche; 
im  anderen  Theile  ist  er  der  olierflächlichen  Beobachtung  durch 
jüngere  ihn  überlagernde  Schichten  entzogen,  unter  denen  aber 
zahlreiche  Bohrungen,  Gruben,  Einschuitte,  Gräben  u.  a.  ihn  an- 
getrofieu  haben.  Es  ist  dies  dasjenige  Gebilde,  welches  von  dem 
Landwirthe  der  pommerschen  Seenplatte  allgemein  mit  dem 
Namen  »Schlick«  bezeichnet  wird,  wohingegen  der  Name  Lehm 
für  den  später  zu  besprechenden  Deckthon  verwendet  wird.  Ich 
behalte  in  meiner  Auseinandersetzung  natürlich  die  in  die  Wissen- 
schaft eingeführten  Namen  bei.  Der  Geschiebelehm  fehlt  eigent- 
lich nur  an  den  wenigen  Stellen,  wo  das  Untere  Diluvium  in 
durchragender  Lagerung  auftritt,  und  da,  wo  Erosionsthäler  sich 
tief  in  dasselbe  eingeschnitten  haben.  Der  allgemeinen  Begriffs- 
bestimmung des  Geschiebelehmes  als  eines  ungeschichteten,  aus 
feinsten  bis  grölisteu  Gesteinsbruchstückeu  unregelmässig  ge- 
mischten Gebildes  (Reibungsbreccie)  schliesst  sich  auch  der  Obere 
Geschiebelehm  Ilinterpommerus  au.  In  einzelnen  untergeordneten 
Punkten  aber  zeigt  er  recht  beträchtliche  Abweichuno^en  von  dem- 
jenigen  der  früher  bekannten  Gegenden  Ostpreusseus  und  der 
Mark.  Der  hauptsächlichste  und  in  die  Augen  springendste 
Unterschied  drückt  sich  schon  in  der  von  mir  auofewendeten  Be- 
Zeichnung  Geschiebelehm  aus.  Denn  während  in  der  Berliner 
Gegend  auf  den  Plateaus  des  Oberen  Geschiebemergels  das  intakte 
Gestein,  eben  der  kalkhaltige  Mergel  in  zahlreichen  Gruben,  Gräben 
uud  Hohlwegen  sowie  bei  fast  jeder  Ilandbohruug  in  weniger  als  2, 
oft  in  weniger  als  1 Meter  Tiefe  angetroften  wird,  verhält  es  sich 
anders  mit  dem  gleichen  Gebilde  des  Höhenrückens  in  Hinter- 


in  Hinterpommern  und  Westpreussen. 


159 


poiiuneru.  Hier  ist  in  grossen  Gebieten  Gesc-liiebemergel  eine 
Seltenheit;  nur  ganz  ausnahmsweise  wird  er  in  besonders  tiefen 
Wegeeinschnitten,  wie  sie  das  stark  coupirte  Terrain  öfters  nöthig 
macht,  sowie  in  sehr  tiefen,  zur  Moorentwässerung  dienenden  Gräben 
oder  in  grösseren  Gruben  angetroften.  Ueber  ihm  liegt  allgemein 
eine  mächtige  Decke  eines  ganz  und  gar  kalkfreien  Lehmes,  die 
ihrerseits  wieder  oberflächlich  von  wenig  mächtigem  lehmigen  Ver- 
witterungssande überlagert  wird.  Bei  dieser  Seltenheit  des  uuver- 
witterten  Gebildes  erschien  es  angemessen,  für  einzelne  Blätter 
die  Bezeichnung  Geschiebe le hm,  für  andere,  wo  er  häufiger  auf- 
tritf,  diejenige:  Geschiebemergel  zu  verwenden.  Ueber  die  Mäch- 
tigkeit dieser  Verwitterungsriude  liegen  eine  grössere  Reihe  von 
Beobachtungen  von  7 genau  untersuchten  Blättern  der  Moränen- 
landschaft vor,  deren  ffegenseitUe  La^e  die  nachfolo;ende  Skizze 

" o Ö o o o 

zeigt : 


Bublitz 

Gr. 

Carzenburg 

Gramenz 

W urchow 

Bärwalde 

Persanzig 

Neustettin 

Im  Folgenden  gebe  ich  eine  nach  Sectionen  geordnete  Reihe 
von  Mächtigkeiten  der  Verwitterungsrinde,  in  welcher  alle  die- 
jenigen Punkte  angeführt  sind,  an  denen  der  Mergel  Ijeobachtet 
wurde,  sowie  alle  diejenigen,  an  denen  er  trotz  grosser  Mächtig- 
keit der  der  Beobachtung  zugänglichen  Schichten  nicht  aufgefundeu 
wurde.  In  letzterem  Falle  ist  der  Zahl,  die  immer  die  Mächtig- 
keit der  gesammten  Verwitterungsschicht  in  Decimetern  angiebt, 
ein  -H  angehängt.  Es  bedeutet  also  35  = 3’/2  Meter  Lehm,  dar- 


160 


K.  Keilhack,  Der  baltische  Höhenrücken 


unter  Mergel,  dagegen  35+  = 37-2  Meter  Lelnn,  ohne  dass 
sein  Ende  damit  erreiclit  wäre. 

1.  Gr.  Carzenbnrg:  50 + , 48 + , 46 + , 40 +,  40 +, 

40 +,  36 +,  36 +,  33 +,  32 +,  25 + ; 40,  35,  28, 
26,  22,  17,  13,  6. 

2.  Bublitz:  50 +,  50 +,  45 +,  45 +,  40 +,  35 +,  30 +, 

30+;  41,  30,  30,  28,  20,  15,  13,  10,  4. 

3.  Wurcbow:  36+,  30+,  30+,  80  + ; 50,  50,  36,  32, 

30,  30,  30,  29,  29,  27,  27,  25,  25,  25,  25,  25,  25, 

25,  22,  20,  20,  20,  20,  20,  19,  19,  18,  18,  16,  16, 
15,  15,  15,  13,  13,  11,  9,  9,  8. 

4.  Gramenz:  30+,  30 +,  24 + ; 40,  29,  28,  25,  24,  22, 

20,  20,  20,  19,  17,  17,  15,  14,  14,  12,  12,  0,  0. 

5.  Neustettin:  40 +,  40 +,  35 +,  30 +,  30 +,  30 +, 

25 +,  25 +,  25 + ; 32,  30,  25,  25,  24,  20,  20, 

20,  17,  17,  15,  15,  15,  15,  15,  12,  12,  11,  10, 

10,  10,  9,  8,  8,  8,  8,  5. 

6.  Persanzig:  36 + ; 35,  33,  21,  20,  18,  17,  17,  16,  15, 

15,  14,  14,  14,  12,  12,  11,  10,  10,  10,  10,  10,  10, 

8,  8,  8,  8,  6,  6,  6,  5,  5,  5,  5,  5,  5,  5,  4,  4,  0,  0. 

7.  Bärwalde:  70+,  40+,  30  + ; 40,  37,  30,  26,  20,  20, 

19,  17,  16,  16,  15,  15,  15,  15,  14,  13,  12,  10, 

10,  10,  10,  8,  7,  7,  5. 

Aus  dieser  Zusanunenstellung  gebt  zunächst  mit  Sicherheit 
hervor,  dass  von  Nord  nach  Süd  auf  den  einzelnen  Blättern  die 
Zahl  der  Stellen,  an  denen  der  kalkhaltige  unverwitterte  Ge- 
schiebemergel auftritt,  zuuimmt,  sowie  dass  Hand  in  Hand  damit 
die  Mächtigkeit  des  ihn  überlagernden  Lehmes  und  lehmigen  Sandes 
abnimmt.  Berechnet  man  nun  die  mittlere  Stärke  der  Ver- 
witterungsschicht für  die  Stellen,  an  denen  dieselbe  in  ihrer  vollen 
Mächtigkeit  beobachtet  werden  konnte,  so  ergiebt  sich  daraus  für 
die  beiden  nördlichen  Blätter  ein  Mittel  von  22,5,  für  die  beiden 
mittleren  ein  solches  von  20,7  und  endlich  für  die  drei  südlichen 
von  13,6  Decimetern.  Mit  der  Zunahme  der  Fundstellen  des 


in  Hinterpommern  und  Westpreussen. 


161 


Mercrels  nimmt  die  Zahl  der  Stellen  ab,  an  denen  er  bei  mebr 
als  2 Y2  Meter  Tiefe  nicht  nachgewiesen  werden  konnte. 

Worin  ist  nun  die  Ursache  dieser  so  sehr  verschiedenen 
Widerstandsfähigkeit  eines  annähernd  gleichartig  zusammenge- 
setzten Cxebildes  gegen  die  Einflüsse  der  Atmosphärilien  zu  suchen? 
Etwa  in  der  wechselnden  Menge  der  letzteren  in  verschiedenen 
Gebieten  oder  in  besonderen  Eigenschaften  des  Geschiebemergels 
auf  den  verschiedenen  Blättern?  Der  erste  Umstand  kann  bei 
der  verhältnissmässig  geringen  Entfernung  der  äussersten  Blätter 
von  einander,  sowie  bei  der  gleichartigen  Lage  aller  sieben  auf 
dem  Höhenrücken  und  in  gleicher  Entfernung  von  der  Küste  kaum 
geltend  gemacht  werden.  Wohl  aber  kommen  in  der  chemischen 
und  mechanischen  Zusammensetzung  Unterschiede  vor,  mit  denen 
mau  diese  Erscheinung  deuten  kann.  Diese  Difterenzen  treten 
hauptsächlich  in  dem  Gehalte  an  kohlensaurem  Kalke  und  in  der 
relativen  Menge  der  abschlämndiareu  thonhaltigen  Theile  hervor. 
Es  wurden  von  allen  oljigen  Blättern  mehrere  Proben  des  .Oberen 
Geschiebemergels  auf  ihren  Kalkgelialt  untersucht. 


Diese  Prüfung  ergab  folgendes: 

o o o 


Blatt 

Gefundene  Werthe  für  den  Kalkgelialt 
in  Procenten 

Mittel 

in  Procenten 

Gr.  Carzenburg  . . 

3,7;  1,7 

2,7 

Bublitz 

7,8;  6,2;  5,6;  6,5 

6,5 

Wurcbow  .... 

5,3;  5,7;  2,8;  5,4;  5,7;  6,0;  5,3;  8,4;  7,0 

5,7 

Gramenz  .... 

6,4;  6,7;  6,9;  7,5 

6,9 

Neustettin  .... 

7,6;  9,5;  8,6;  6,9 

8,2 

Persanzig  .... 

9,8;  8,8;  8,4;  7,3;  8,5 

8,6 

Bärwalde  .... 

8,4;  7,1 

7,8 

Mit  anderen  W^orten;  in  den  beiden  nördlichen  Blättern  be- 
trägt der  Kalkgehalt  im  Mittel  5,25  pCt.,  in  den  beiden  mittleren 
6,1  pCt.,  in  den  drei  südlichen  8,25  pCt.;  also  ist  ein  deutliches 
Steigen  des  Kalkgehaltes  in  der  liichtung  von  N.  nach  S.  un- 
verkennbar vorhanden. 


Jahrbuch  1889. 


11 


162 


K.  Keilhack,  Der  bnltisclie  HöheDrücken 


Zu  genau  dem  gleichen  Resultate  kommt  man  bei  Betrach- 
tung des  Gehaltes  der  einzelnen  Geschiebemergel  an  thonhaltigen 
Theilen.  Die  foDeude  Uebersicht  möne  dies  zeigen: 

Ö O Ö 


Section 

Menge  der  thonhaltigen  Theile 
in  Procenten 

Mittel 

in  Procenten 

Gr.  Carzenburg  . . 

25,1 

25,1 

Bublitz 

10,9;  25,0;  26,6 

20,8 

Wurcliow  .... 

37,2;  35,6;  27,3;  29,5;  32,2 

32,3 

Gramenz  .... 

31,4;  30,9 

31,1 

Neustettin  .... 

38,9;  64,6;  39,8 

47,8 

Persanzig  .... 

45,0 ; 34,9 

40,0 

Bärwalde  .... 

38,3 

38,3 

Stellen  wir  die  Mittelwerthe  für  die  einzelnen  Sectiousgrnppeu 
mit  den  oben  gewonnenen  Werthen  für  die  Mächtigkeit  der  Ver- 
witterungsrinde und  den  Kalkgehalt  zusammen,  so  ergiebt  sich 
ein  fast  gesetzmässiger  Zusammenhang  aller  drei  Eigenschaften 
daraus : 


Mittlere  Stärke 
der  Verwitterungs- 
schicht 

in  Decimetern 

Mittlerer 
Kalkgehalt 
in  Procenten 

Mittlerer  Gehalt 
an  thonhalligen 
Theilen 
in  Procenten 

Nördliche  Blätter 

22,5 

5,25 

21,9 

Mittlei'e  Blätter 

20,7 

6,1 

32,3 

Südliche  Blätter 

13,6 

8,25 

43,6 

Es  ist  durch  eine  grosse  Reihe  von  Geschiehemergel-Unter- 
suchungen  aus  andereu  Gebieten  festgestellt,  dass  im  Grossen 
und  Ganzen  der  Gehalt  an  kohlensaurem  Kalk  mit  demjenigen 
an  thonhaltigen  Theilen  ab-  und  zunimmt,  so  dass  mau  beide 
Erscheinungen  als  eng  mit  einander  verknüpft  lietrachten  kann. 
In  ihrer  Verbindung  erklären  sie  jenen  oben  auseinandergesetzten 
auffallenden  Unterschied  im  Grade  der  Verwitterung  vollkommen. 
Die  grössere  Menge  der  thonhaltigen  Theile  bedingt  eine  grössere 


in  Hinterpommern  und  Westpreussen. 


163 


Undvirclilässigkeit  des  Bodens  gegenüber  den  chemisch  zersetzenden, 
anslaugenden  Atmosphärilien,  und  die  grössere  Menge  des  Kalkes 
wieder  hat  eine  Verlangsamung  des  Entkalkungsprocesses  zur 
Folge.  So  kann,  da  beide  Faktoren  Hand  in  Hand  arbeiten,  ein 
Unterschied  im  Gehalte  au  kohleusaurem  Kalk  um  2 — 3 pCt.,  ein 
solcher  in  der  Menge  der  thoiihaltigen  Theile  um  10  — 20  pCt. 
auf  die  Stärke  der  Verwitteruugsrinde  von  grossem  Einfluss  sein. 

Um  zu  sehen,  ob  der  Kalkgehalt  des  Geschiebemergels  von 
ol)en  nach  unten  zunimmt,  wurden  4 Proben  von  der  oberen 
Grenze  des  kalkhaltigen  Gebildes  mit  4 solchen  der  gleichen  Auf- 
schlüsse aus  — 2 Meter  grösserer  Tiefe  verglichen.  Das  im 
Ganzen  negative  Resultat  zeigt  die  folgende  Zusammenstellung, 
aus  der  gleichzeitig  hervorgeht,  dass  auch  rücksichtlich  der  thou- 
haltigeu  Theile  keine  durchgehende  Zunahme  stattfindet. 


Ort 

der 

P robeeutnalime 

Kalkgehalt 
an  der 

oberen  Grenze 

Desgl.  in 
grösserer  Tiefe 

Gehalt 

an  thonhaltigen 
Theilen  an  der 
oberen  Grenze 

Desgl. 
in  grösserer 
Tiefe 

Grube  an  der 
Chaussee  nördlich 
Wurchow 

7,0 

37,2 

35,6 

1.  Chaussee- 
einschnitt von 
Zechendorf 
nach  Gramenz 

G,02 

5,34 

29,5 

32,2 

2.  Einschnitt 
daselbst 

G,35 

G,72 

— 

— 

3.  Einschnitt 
daselbst 

G,87 

7,50 

31,4 

30,9 

Der  Obere  Geschiebemergel  l>esitzt  auf  allen  Blättern  gleiche 
Farbe  in  seinen  oberen  Theilen,  die  durchweg  gelblich  gefärbt 
sind,  wie  in  der  Umgebung  von  Berlin ; dagegen  kann  mau  mehr- 
fach in  tieferen  Aufschlüssen  beobachten,  dass  diese  gelbe  Farbe 
auch  nur  Resultat  der  Verwitterung  ist,  dass  die  ursprüngliche 
Farbe  des  Oberen  Mergels  aber  eine  dunkele,  in  feuchtem  Zu- 
stande schwarzgrane , in  trockenem  mehr  hellgraue  ist.  In  meh- 


11 


164 


IC.  IvEiLHACK,  Dor  baltische  Höhenrücken 


rereii  tiefen  Einschnitten  der  Bnblitz-Gramenzer  Chaussee  liess 
sich  das  gut  sehen.  Diese  Verfärbung,  auf  der  Oxydation  von 
Eisenoxydulsalzen  beruhend,  reicht  im  Allgemeinen  bis  zu  einer 
Tiefe  von  6 — 7 Metern  herunter. 

Wie  mächtig  der  Obere  Greschiehemergel  im  Durchschnitte 
ist,  lässt  sich  nicht  sagen,  da  selbst  in  Tiefen  von  8 — 10  Metern, 
wie  sie  in  einzelnen  Wegeeinschnitten,  Gräben  und  Gruben  erreicht 
werden  konnten,  sein  Liegendes  noch  nicht  angetroften  wurde. 
Am  Rande  der  Erosionsthäler  und  in  der  Nähe  der  Durchragungen 
des  Unteren  Diluviums  ist  natürlich  seine  Mächtigkeit  viel  geringer, 
so  dass  man  hier  vielfach  mit  dem  2 Meter-Bohrer  den  ihn  unter- 
lagernden Sand  erreichen  kann. 

Der  Obere  Geschiebemergel  besteht  in  den  meisten  Fällen 
aus  nur  einer  Bank;  indessen  konnten  an  einzelnen  Stellen,  so 
auf  Blatt  Gr.  Carzenburg  östlich  von  Porst  und  auf  Blatt  Per- 
sanzig  nördlich  von  Eschenriege,  zwei  verschiedene  Bänke  von 
Geschiel)elehm  unterschieden  werden,  von  denen  die  obere  nur  in 
kleinen  dünnen  Decken  noch  vorhanden  und  von  der  unteren 
Bank  durch  eine  stellenweise  recht  beträchtliche  Sandfolge  ge- 
trennt ist.  Ein  Profil  dieser  Lagerungsverhältnisse  an  der  erst- 
genannten  Lokalität,  in  welchem  der  vermuthete  Zusammenhang 
der  unteren  Bank  durch  eine  puuktirte  Linie  angedeutet  ist,  möge 
hier  seinen  Platz  finden. 


Fig.  3.  (Länge  1 : 12  500.  Höhe  1 : 5000.) 


Oberer  Geschiebcmergel.  Gescblebesand.  Moor. 

Untere  Bank.  Obere  Bank. 


Eine  Erklärung  dieser  Erscheinung  wird  weiter  unten  im 
Zusammenhänge  mit  der  Entstehung  der  gesammten  Moränen- 

o O Ö 

landschaft  zu  geben  versucht  werden. 


in  Hinterponimern  und  Westpreussen. 


165 


Der  Gescliiebemergel  ist  das  Urspmngsproduct,  aus  dem  auf 
dem  Wege  einer  natürlicheu  uasseu  Aufbereitung  alle  übrigen 
diluvialen  Gebilde  der  Moränenlandschaft  hervorgegaugen  sind. 
Derartige  aus  dem  Gescliiebemergel  entstandene  Bildungen  finden 
sich  in  dem  von  mir  untersuchten  Geliiete  in  allen  Korn- 
grössen  als  Thone,  Sande,  Geschiebe-Sande  und  Grande,  Geröll- 
beschüttungen und  Blockanhäufungen.  Ich  werde  sie  der  Reihe 
nach  beschreiben  und  mit  den  Gebilden  geringster  Korngrösse 
beginnen. 

1 . Thon  resp.  Thonmergel.  Derselbe  tritt  in  zwei  überaus 
verschiedenartigen  Formen  der  Lagerung  auf: 

a.  dem  Geschiebelehm  aufgelagert,  ohne  Saudbedeckung 
oder  Sandzwischenlagerung; 

b.  dem  Geschiebesande  des  Oberen  Diluvium  eiuöfelajrert. 

Die  unter  a genannte  Form  des  Thones,  für  die  der  in  Ost- 
prenssen  gewählte  Name  »Deckthon«  als  ein  sehr  glücklicher  zu 
bezeichnen  ist,  gehört  durch  ihre  höchst  eigenthümliche  Lagerung 
zu  den  auffälligsten  und  vorläufig  auch  zu  den  räthselhaftesten 
Gebilden  der  Moränenlandschaft.  Er  tritt  auf  fast  allen  unter- 
suchten Blättern  in  zahlreichen  kleinen  Flächen  von  meist  rund- 
licher oder  elliptisclier  Begrenzung  auf,  ausserdem  aber  bildet  er 
im  südwestlichen  Theile  von  Blatt  Bublitz  und  der  Nordhälfte  von 
Blatt  Wurchow  grosse  zusammenhängende  Flächen,  die  bis  3 Kilo- 
meter Länge  und  1 Kilometer  Breite  besitzen.  Dieselben  liegen 
in  der  Regel  deckenartig  auf  den  Bergen  und  überkleiden  grade  die 
höchsten  Erhebungen  dieses  Gebietes.  Von  diesen  Höhen,  auf 
denen  sie  manchmal  ausgedehnte  Ebenen  bilden,  ziehen  sie  sich 
an  den  Gehängen  herunter,  aber  nicht  auf  allen  Seiten  gleich 
weit,  sondern  bald  tiefer,  bald  weniger  tief  am  Al)hange  hören 
sie  auf,  und  der  sie  imterlagernde  Geschiebelehm  tritt  überall  unter 
ihnen  hervor.  Zwei  solcher  charakteristischen  Thouberge  sind 
der  Lindenberg  und  der  Bahrenberg  auf  Blatt  Wurchow.  In 
den  folgenden  Darstellungen  ist  der  erstere  im  Querschnitt  und 
im  Kartenbilde,  der  letztere  nur  im  Querschnitt  gegeben. 


166 


K.  Keilhack,  Der  baltische  Höhenrücken 


Fig.  4.  (1:25000.) 


Oberer  Deckthon.  Moor. 
Geschiebemergel. 


Fig.  5.  (Länge  1 : 12  500.  Höhe  1 : 5000.) 

Der  Bahrenberg 


Deckthon.  Oberer  Geschiebemergel.  Moor. 


Die  Lagerung  des  Thoues  auf  zwei  weiteren  Tlionbergen, 
dem  Teiupelberg  und  Gruggelberg  nordwestlich  von  Wurchow, 
zeigt  Protil  No.  2,  Seite  155.  Dass  hier  überall  der  Gescliiebelehm 
in  der  That  den  unmittelbaren  Untergrund  des  Deckthones  bildet, 
geht  nicht  nur  aus  den  Beobachtungen  hervor,  die  man  in  jedem 
der  zahlreichen,  die  Flanken  der  Tlionberge  durchtürchenden,  tiefen 
Wasserrisse  machen  kann,  sondern  wird  auch  durch  Geschiebe- 


in  Hinterpommern  und  Westpreussen. 


167 


lehminseln  bewiesen,  die  den  Decktlion  durcbragen.  Mit  dem 
Bohrstocke  kann  mau  deutlich  ein  Auskeileu  des  Thoues  genen 

Ö o 

diese  Lehminseln  verfolgen. 

Der  Deckthon  ist  ein  ausserordentlich  feinkörniges  Gebilde, 
dessen  Sandgehalt  oft  auf  wenige  Proceute  herabsiukt,  während 
Kies  und  Steine  ihm  völlig  fehlen.  In  Folge  dieser  ausserordent- 
lichen Feinheit  des  Kornes  ist  er  sehr  undurchlässig,  der  Ver- 
sumpfung in  hohem  Grade  ausgesetzt  und  nur  wenig  mechanisch 
verwittert,  so  dass  von  einer  eigentlichen  Verwitteruugsriude,  wie 
bei  dem  Geschiebelehm,  kaum  die  Rede  sein  kann.  Ich  gebe  im 
Folgenden  die  mechanische  Zusammensetzung  des  Deckthoues  in 
einem  Profil  und  in  einigen  nnverwitterteu  Uutergrundsbilduugen: 


Ee 

Ort 

der 

t n a h m e 

Sand 

Thoiihalti 

Staub 

0,05- 

0,01“*™ 

ge  Theile 
Feinstes 
unter 
0,01™'“ 

Summa 

2- 

]^mrn 

1- 

0,5>imi 

0,5- 

0 

0,2- 
0,1  mm 

o 
5 1 

Profil  des  Deckthoues  bei 
Althütten,  Blatt  Bublitz 

0 — 2 Dec. 
2 — 5 » 
5—9  » 

25,9 

74,1 

100,0 

1,0 

3,2 

5,5 

8,6 

7,6 

24,4 

49,7 

10,1 

89,9 

100,0 

0,1 

0,6 

1,5 

1,5 

6,4 

20,6 

69,3 

2,3 

97,7 

100,0 

— 

0,1 

0,4 

0,2 

1,6 

11,2 

81,5 

Deckthon  vom 
Tempelberg 
bei  Wurchow 

9,5 

90,5 

100,0 

— 

— 

— 

1,8 

7,7 

44,6 

45,9 

Deckthon  vom 
Hüttentliess  südöstl. 
Schoofhütten, 
Blatt  Wurchow 

20,0 

80,0 

100,0 

0,2 

0,6 

1,6 

5,5 

12,2 

20,4 

59,6 

Auch  der  Decktlion  ist  ein  ursprünglich  kalkhaltiges  Gebilde; 
indessen  sind  die  oberen  Schichten  wieder  entkalkt,  aber  bei 
Weitem  nicht  bis  zu  der  Tiefe,  wie  bei  dem  Geschiebemergel,  viel- 
mehr wird  meist  schon  bei  8 — 12Decimeter  Tiefe  der  Thonmergel 


168 


K.  Keilhack  , Der  baltische  Höhenrücken 


augetrotten.  Der  Kalkgehalt  zweier  imtersuchter  Proben  betrug 
7,2  resp.  12,2  pCt.  Die  Mächtigkeit  der  Gesamintscbicbt  über- 
schreitet 3 Meter  wohl  nur  ausnahmsweise.  In  den  kleinen  Flächen 
beträgt  sie  sogar  selten  mehr  wie  1 Meter. 

Bei  dem  Mangel  einer  Drainage  und  der  Sitte  des  Abplaggeus 
der  Gras-  und  Haidekrautnarbe  auf  den  Deckthouflächen  gehören 
dieselben  heute  grössteutheils  zu  den  schlechtesten  Kulturflächeu. 
Nur  an  wenigen  Stellen  hat  mau  durch  sorgfältige  Behandlung 
des  Bodens  denselben  in  Kultur  gebracht  und  er  erweist  sich  in 
diesem  Falle,  wie  vorauszusehen,  als  Weizenboden.  In  den  mit 
Deckthon  überkleideten  Bergen  zwischen  Bublitz,  Wurchow  und 
Gramenz,  die  heute  sumpfige,  mit  Wachholder  und  Erica  be- 
standene grasarnie  Weiden  und  Haiden  darstelleu,  liegen  Schätze 
verborgen,  zu  deren  Hebung  allerdings  ein  beträchtliches  Anlage- 
kapital erforderlich  ist. 

In  der  zweiten  Form,  als  Eiidagerung  in  den  Sauden,  die 
über  dem  oberen  Geschiebelehm  lagern  oder  wenigstens  jünger 
sind,  wie  dieser,  findet  der  Thon  sich  meist  in  Becken  und 
Rinnen,  überhaupt  in  den  niedriger  gelegenen  Theilen  der  Moränen- 
laudschaft.  Seine  Mächtigkeit  ist  in  diesem  Falle  meist  unbe- 
trächtlich ; er  geht  bis  zu  wenige  Centimeter  starken  Einlagernngeii 
herab  und  kann  bis  auf  1 ^2  Meter  Mächtigkeit  anschwelleu.  Bald 
bildet  er  in  diesem  Falle  die  Oberfläche,  wie  zwischen  Grums- 
dorf  und  Porst,  bald  liegt  er  unter  dem  Saude  verborgen  und 
wirkt  dann  nur  durch  seine  physikalischen  Eigenschaften  ver- 
bessernd auf  ihn  ein. 

Eine  höchst  auffällige  Lagerung  zeigt  der  Thon  an  einer 
Stelle  südlich  von  Bublitz  unmittelbar  uelien  der  Wurchower 
Chaussee  in  der  Nähe  der  Neudorfer  Ziegelei.  Er  wird  hier  zur 
Ziegelfabricatiou  in  zwei  links  und  rechts  der  Chaussee  liegenden 
Gruben  abgebaut.  Beide  Aufschlüsse  stehen  in  verschiedenen, 
oberflächlich  nicht  zusammeuhängeuden  Thoulagern,  deren  Alters- 
und Lagerungsverhältnisse  aber  offenbar  die  gleichen  sind.  Das 
folgende,  entlang  der  Chaussee  von  Nord  nach  Süd  gelegte  Profil 
zeigt  diese  Lagerungsverhältnisse,  soweit  sie  sich  durch  Aufschlüsse 
und  Haudbohrungen  beobachten  Hessen. 


in  Hinterpommern  und  Westpreussen.  169 

Fiji.  6.  (Länge  und  Höhe  1 : 5000.) 


Steinbescliüttung. 

An  dem  nach  Norden  geneigten  Geliänge  legt  sich  ein  fein 
geschichteter  Thon  nnt  südlichem  Einfallen  direct  anf  den  Ge- 
schiel)elehm  auf,  welcher  noch  unter  51/2  Meter  mächtigem  Thone 
erhohrt  wurde.  Auf  den  letzteren  legen  sich  Sande  aid',  die  nach 
Süden  immer  mächtiger  werden  und  in  einer  von  der  Chaussee 
durchschnittenen  Kuppe  10  Aleter  stark  werden.  Diese  Kuppe 
wieder  ist  auf  ihrer  Spitze  und  an  ihrem  südlichen  Gehänge  mit 
zahlreichen  grossen  und  kleinen  Geschieben  bedeckt,  so  dass  sie  den 
Charakter  der  später  zu  besprechenden  Endmoränen  auuimmt.  Auch 
weiter  nach  Süden  beobachtet  mau  unter  diesen  Geschiebehilduugen 
wieder  den  Geschiebelehm,  der  dann  auch  bald  zu  Tage  tritt. 
Der  Thon  ist  in  seinen  oberen  Schichten  von  gellter,  in  den 
unteren  Schichten  von  blauer  Earbe;  während  der  oberste  Aleter 
entkalkt  ist,  zeigen  die  unteren  Schichten  einen  wechselnden 
Kalkgehalt  (8,8;  14,1;  14,7  pCt.)  In  Folge  eines  Wechsels  von 
thoureichereu  mit  mehr  felnsandigeu  Schichten  sieht  man  in  dem 
ganzen  Lager  eine  aussergewöhulich  feine  Schichtung.  In  der 
Grube  westlich  von  der  Chaussee  enthält  der  Thon  in  2 — 3 Meter 
Tiefe  zahlreiche,  leider  ausserordentlich  zerbrechliche  Schalen 
von  Süsswasserschneckeu  und  Aluscheln,  unter  denen  Planorbis 
marginatus^  ein  Limnaeus  und  ein  Pisidmrn  mit  Sicherheit  fest- 
gestellt wurden. 

2.  Geschiebefreie  Sande  treten  im  Oberen  Diluvium  der 
Moränenlandschaft  verhältnissmässig  selten  auf.  Sie  sind  in  den 
meisten  Fällen  an  die  Deckthone  geknüpft  in  der  Art,  dass  am 
Rande  einer  Thonplatte  gewöhnlich  eine  Stelle  sich  findet,  an 
welcher  der  Thon  durch  Saud  ei'setzt  ist.  Es  macht  fast  den 
Eindruck,  als  ob  in  diesen  Sauden  eine  Art  Alüudungsdelta  der- 


170 


K.  Keilhack,  Der  baltische  Höhenrücken 


jenigen  Gew^ässer  vorläge,  welche  den  Thoiischlainm  in  diese  alten 
Seebeckeu  liineiuführten.  Da  es  an  Aufschlüssen  an  der  Grenze 
von  Sand  und  Thon  fehlt,  so  ist  es  schwierig,  diese  Lagerungs- 
Verhältnisse  klar  zn  erkennen. 

3.  Geschieh  esande  und  Grande  sind  in  manchen  Theilen 
der  Moränenlandschaft  sehr  verbreitet,  während  sie  in  anderen 
wieder  nur  ganz  untergeordnet  anftreten.  Zn  ersteren  Gebieten 
gehören  beispielsweise  die  kartirten  Blätter  Gross-Carzenbnrg  und 
Persanzig,  sowie  die  Nordostecke  und  ein  Streifen  beiderseits  des 
Gotzelthales  anf  Blatt  Bnblitz,  zu  den  letzteren  dagegen  der  west- 
liche Theil  von  Bid:)litz,  sowie  die  Blätter  Grainenz  und  Wnrehow. 
Man  kann  im  Auftreten  des  Geschiebesaudes  zwei  Fälle  unter- 
scheiden: in  dem  einen  ist  er  von  geringer  Mächtigkeit,  6 bis 
15  Decimeter,  von  Geschiebelehm  nnterlagert,  meist  ziemlich 
lehmig,  so  dass  es  oft  schwer  wird,  ihn  von  dem  reinen  Ver- 
witternugssande  des  Lehmes  zu  unterscheiden.  In  dem  anderen 
Falle  wird  der  Saud  weit  über  2 Meter,  ja  sogar  5 — 6 Meter 
mächtig  lind  ist  nur  in  der  Ackerkrume  noch  etwas  lehmig,  im 
Untergründe  dagegen  sehr  rein  ausgewaschen.  In  der  mechanischen 
Zusammensetzung  sind  beide  noch  dadurch  unterschieden,  dass 
in  dem  ersteren  die  Geschiebe  ziemlich  häutig  sind,  während  in 
dem  letzteren  das  graudige  Element  überwiegt.  Dieser  wird  bei 
seiner  grösseren  Mächtigkeit  bisweilen  auch  noch  kalkhaltig  ange- 
troöen,  z.  B.  in  der  Kiesgrube  gegenüber  dem  alten  Chaussee- 
hanse, 5 Kilometer  südlich  von  Bnblitz  an  der  Nenstettiner 
Chaussee,  wohingegen  der  lehmige  Geschiebesand  immer  voll- 
kommen entkalkt  ist.  Dieser  zeigt  auch  in  seiner  Verbreitung 
keine  Gesetzmässigkeit,  wohl  aber  kann  man  eine  solche  in  der- 
jenigen der  mächtigen  grandigen  Sande  erkennen.  Dieselben 
lassen  sich  nämlich  mit  mehreren  Unterbrechungen  in  einigem  Ab- 
stande vom  Südraude  der  Moränenlaudschaft  von  der  Westgrenze 
des  Blattes  Gross-Carzenbnrg  bis  zu  derjenigen  des  Blattes  Bär- 
walde, also  anf  einer  Länge  von  ungefähr  40  Kilometer  ver- 
folgen und  stellen  hier  ein  bald  breiteres,  bald  schmäleres  Band 
dar,  dessen  grösste  Breite  südlich  von  Eschenriege  3 Kilometer 
beträgt.  Die  räumliche  Vertheiluug  dieser  Saude  gewinnt  an 


in  Hinterpommern  und  Westpreussen. 


171 


Interesse,  wenn  mau  sie,  wie  weiter  imteu  geschehen  wird,  iu 
ihrer  Verknüpfung  mit  dem  hinteren  Endmoränenzuge  betrachtet. 

Es  ist  in  hohem  Grade  wahrscheinlich , dass  auch  unter 
diesen  mächtigen  Sanden  der  Obere  Geschiehelehm  lagert,  aber 
beweisen  liess  sich  das  eben  wegen  dieser  Mächtigkeit  nur  au 
wenigen  Stellen,  so  südlich  von  Porst  und  Neuhof,  südlich  vom 
Papenzinsee,  am  Rande  des  Persantethales,  südlich  von  Eschen- 
riege und  in  der  Nähe  des  Gutes  Schmitz,  östlich  von  Bärwalde. 

Im  Folgenden  gebe  ich  die  mechanische  Zusammensetzung 
zweier  Saudprofile,  je  eines  von  jeder  Art: 


Tiefe  der 
Probe- 
entnahme 

Grand 

Sand 

Thonhalt. 

Theile 

unter 

0,05“''“ 

Summa 

über 

10'“'“ 

10- 

in 

5- 

0mm 

2- 

] mm 

1- 

0,5üim 

0,5- 

0,2'“™ 

0,2-  ' 0,1- 
0,1™'“  0,05'“™ 

Oberer  Geschiebesand  über 
Gesehiebelehm,  Vorwerk  Dra- 
wehn. Blatt  Gr.  Carzenburg 

0—2  Dee. 
2 — 5 » 
5—8  » 
0-2  » 
2-5  » 
5—15  » 

6,4 

77,3 

16,3 

100,0 

— 

— 

— 

6,6 

20,0 

25,4 

10,6 

14,7 

6,6 

80,4 

13,0 

100,0 

— 

— 

— 

8.2 

22,6 

23,2 

19,4 

7,0 

7,4 

79,3 

13,3 

100,0 

— 

— 

— 

8,4 

20,7 

25,5 

16,2 

8,5 

Oberer  Geschiebesand,  nahe 
dem  Dorfe  Persanzig. 
Blatt  Persanzig 

10,6 

77,9 

11,5 

100,0 

1 

i 

— 

8,7 

22,1 

27,8  j 15,4 

3,9 

22,9 

73,8 

3,3 

100,0 

11,2 

2,1 

9,6 

12,6 

33,6 

23,5 

3,5 

0,6 

25,0 

73,5 

1,5 

100,0 

14,7 

1,6 

12,5 

29,2 

25,3 

6,1 

0,4 

4.  Geschiebeb  eschüttu  ngeu  und  Packungen,  die 
gröbsten  Rückstaudsprodnete  bei  der  Zerstörung  des  Geschiebe- 
mergels, zeigen  sich  räumlich  eng  miteinander  verknüpft.  Durch 
West-Preussen,  Pommern  und  die  Neumark,  von  der  Weichsel 


172 


K.  Keilhack,  Der  baltisclie  Höhenrücken 


bis  zur  Oder,  zieht  sicdi,  im  Grossen  und  Ganzen  parallel  der 
Küste,  ein  schmaler  Streifen  Landes,  welcher  durch  die  Staunen- 
erregende  Fülle  der  in  ihm  auftretenden  Geschiebemengen  in 
hohem  Maasse  aufiallt.  Diese  Geschiebe  sind  entweder  in 
mächtigen  Packunsfeu  aimeordnet  oder  sie  l)edecken  die  Oberfläche 
des  Bodens  in  solcher  Menge,  dass  man  von  einer  Beschüttung 
desselben  mit  grossen  und  kleinen  Blöcken  reden  kann.  Im 
ersteren  Falle  stellt  die  Packumr  ihrer  äusseren  Form  nach  o-ewöhn- 
lieh  kleine  Kegel  oder  schmale,  in  die  Länge  gezogene  Rücken  dar. 
ln  diesen,  bisweilen  mehrere  Hundert  Meter  langen,  20 — 200  Meter 
breiten  Steinhügeln  liegen  Blöcke  von  allen  Grössen  , durch 
grandige  Zwischeumittel  verbunden,  so  dicht  auf  einander,  dass 
man  an  keiner  Stelle  mit  dem  Bohrer  in  dieselben  eiuzudringen 
vermag.  Diese  gewaltigen  Geschiebeanhäufungen  tragen  in  jeder 
Beziehung,  d.  h.  nach  Form,  Inhalt  und. Lagerung  auf  das  deut- 
lichste ihren  Charakter  als  ausgedehnte  Fnd-  oder  Stirnmoränen 
zur  Schau  und  stimmen  völlig  mit  denjenigen  Bildungen  überein, 
die  man  am  F.usse  der  heutigen  Gletscher  beobachtet,  wie  sie  sich 
auch  durch  nichts  von  den  als  Endmoränen  gedeuteten  Bildungen 
früher  vergletscherter  anderer  Gelüete  unterscheiden.  Ich  werde 
sie  daher  im  Folgenden  einfach  Endmoränen  nennen. 

In  dem  durch  seinen  Geschiebereichthum  ausgezeichneten 
Gebiete  nehmen  der  Fläche  nach  die  Endmoränen  den  kleineren 
Raum  ein.  Die  Hügel  und  Kammstücke  sind  entweder  kurz 
aueiuaudergereiht  oder  treten  in  grösseren  Entfernungen  von 
einander  auf.  Dann  sind  die  Flächen  zwischen  den  einzelnen 
Endmoränenstücken  mit  einer  oberflächlichen  Geschiebebeschüttung 
von  solcher  Massenhaftigkeit  versehen,  dass  es  erst  in  einem 
kleinen  Theile  derselben  dem  Menschen  gelungen  ist,  einiger- 
maassen  im  Kamjife  um  den  Boden  den  Sieg  über  die  Natur 
davouzutragen.  Da,  wie  wir  weiter  unten  sehen  werden,  die 
Lage  des  Geschiebezuges  eine  derartige  ist,  dass  ihn  auf  einer 
Seite  nur  spärlich  bewohnte  Gebiete  begrenzen,  da  fernerhin  die 
Eisenbahn  ihn  auf  seiner  ganzen  über  500  Kilometer  betragenden 
Länge  zwischen  Oder  und  Weichsel  nur  au  5 Stellen  schneidet, 
und  der  Verwerthung  der  Geschiebemengen  aus  beiden  Gründen 


in  Hinterpommern  und  Westpreussen. 


173 


grosse,  natürliche  Hindernisse  sieh  in  den  Weg  stellen,  so 
kommt  es,  dass  in  den  meisten  dieser  Gel)iete  der  lleichtlmm  an 
Geschieben  noch  als  eine  Last  empfunden  wird,  während  er 
anderwärts  unter  günstigen  Transportbedingungen  eine  Quelle 
lohnenden  Gewinnes  geworden  ist.  So  hat  denn  der  Mensch  in 
anderer  Weise  versucht,  den  Boden  zu  entsteinen  und  das  massen- 
hafte Steinmaterial  zu  beseitigen.  In  Folge  dessen  sieht  man  fast 
uireends  mehr  auf  <rrössereu  Flächen  die  Gebiete  der  Geschiebe- 
beschüttuno-  in  ihrem  uaturwüchsig:en  Zustande.  Bald  sind  viel- 
mehr  die  Geschiebe  zu  einzelnen  mächtigen  Steinhaufen  zusammen- 
getrageu , die  inmitten  der  Felder,  oft  mit  Buchen-  und  Hasel- 
gestrüpp  bewachsen,  sich  erheben,  bald  zu  gewaltigen,  l)is  1 ^2  Meter 
hohen,  bis  5 Meter  breiten  Steinmauern,  in  denen  viele  1000  Kubik- 
meter werthvoller  Geschiebe  für  zukünftige  Geschlechter  aufgestapelt 
liegen.  Oft  ziehen  diese  cyklopischen  Mauern  sich  mehrere  Hundert 
Meter  weit  in  die  Felder,  indem  sie  gleichzeitig  die  einzelnen  Schläge 
von  einander  trennen.  Ein  anderer  Theil  der  Geschiebe  ist  der 
Benutzung  durcdi  die  Nachwelt  dadurch  verloren  gegangen,  dass 
er  in  die  Tiefen  schwimmender  Moore  oder  in  Seen  oder  in 
eigfeus  zu  diesem  Zwecke  geo-rabeue,  gewaltigfe  Steingfruben  a’e- 
worfen  ist.  Von  der  uralten  künstlichen  Geschiebeauhäufuug  zum 
Gräberschntze  habe  ich  schon  oben  gesprochen.  Erst  der  kleinste 
Theil  der  Geschiebe  ist  zu  Bauwerken  oder  zu  Knnststrassen 
verwendet  worden.  Wenn  man  aber  das  mehr  und  mehr  sich 
ausdehneude  Chaussee-  und  Eisenliahnnetz  Hiuterpommerns  be- 
rücksichtigt, so  muss  mau  sich  sagen,  dass  die  Zeit  nicht  mehr 
fern  ist,  in  welcher  mit  dem  Geschiebereichthum  der  Moräuen- 
landschaft  gründlich  aufgeräumt  werden  wird.  Schon  jetzt  sind 
in  der  zweiten  von  mir  beschriebenen  Zone,  die  den  grössten 
Bedarf  au  Banmaterial  für  ihre  Häfen  und  tjrossereu  Städte  be- 
sitzt,  die  Geschiebe  zu  einer  Seltenheit  geworden,  schon  beginnt 
man,  au  der  Ostbahn  bei  Preussisch-Stargard,  au  der  Neustettiu- 
Stolprnünder  Bahn  südlich  von  Rummelslnirg  und  an  der  Nen- 
stettin- Belgarder  Bahn  bei  Dallenthin,  den  Iveichthnm  des  Ge- 
schiebezuges anszubeuten  und  Danzig  mid  das  Küstenland  mit 
Baumaterial  zu  versorg-en. 

O 


174 


K.  Kicilhack,  Der  baltische  Höhenrücken 


Ich  wende  mich  nunmehr  zn  einer  speciellen  Beschreibung 
der  in  den  Hauptzügen  ans  der  Uebersichtskarte  Taf.  XXVI  leicht 
ersichtlichen  Verbreitung  des  Eudmoräneuznges  von  Westpreussen 
bis  zur  Grenze  der  Nenmark  und  beginne  im  Osten  mit  derjenigen 
Stelle,  von  welcher  aus  mir  nach  Westen  hin  der  Zusammenhang 
überall  bekannt  geworden  ist.  Dieses  Gebiet,  welches  die  Er- 
scheinung nach  der  Menge  der  in  ihm  auftretenden  Geschiebe, 
sowie  nach  der  Fläche,  welche  dieselben  bedecken,  in  imponiren- 
der  Grossartigkeit  zeigt  und  durch  menschliche  Eingriffe  bisher, 
wenigstens  im  Vergleiche  mit  den  weiter  westlich  gelegenen  Ge- 
bieten, erst  wenig  Veränderungen  erlitten  hat,  liegt  in  der  Nähe 
des  Ursprungs  des  Stolpeflusses,  3 — 4 Meilen  nordöstlich  von 
Bütow  in  der  Ivichtung  auf  Carthaus.  In  diesem  weit  ah  von 
Eisenbahnen  und  Städten  gelegenen,  schwer  erreichbaren  Winkel 
der  Kassubei  entströmt  dem  südlichen  Theile  des  fast  eine  Meile 
langen  Gowidlinoer-Sees  der  Stolpetluss;  derselbe  durchtliesst  dann 
den  Weugorczin-See  ebeutälls  von  Norden  nach  Süden  und  wendet 
sich  hierauf  in  scharfem  Umbiegen  nach  Westen.  In  dem  auf  diese 
Weise  gebildeten  Winkel  zwischen  Snllenczyn , Friedrichsthal, 
Kistowo  und  Borrek,  sowie  auf  der  gegenüber  liegenden  östlichen 
Seite  dieser  Seeukette  zwischen  Bukowagora,  Podjass,  Tuchlin  und 
Vlischischewitz  besten  zwei  mächtiofe  Flächen  mit  Endmoränen 

O O 

und  Geschieliebeschüttungen  bedeckt , von  denen  die  westliche 
5 Kilometer  lang  und  3 Kilometer  breit,  die  östliche  7 Kilometer 
lang  und  bis  4 Kilometer  breit  ist.  Südlich  vom  Thale  des  Stolpe- 
tlusses,  der  wie  ein  brausender  Gebirgsbach  in  enger  Erosions- 
schlucht über  angehäufte  Geschicbemengeu  mit  Stromschnellen 
und  kleinen  Wasserfällen  den  Moränenzug  durchbricht,  findet 
man  beiderseits  des  Gr.  Mansch -Sees  die  Gehänge  noch  eine 
Strecke  weit  mit  Endmoränen  bedeckt,  die  sich  bis  zum  Seespiegel 
hinabziehen  und  dann  verschwinden.  Man  gewinnt  den  Eindruck, 
dass  das  Verschwinden  des  Zuges  von  hier  ab  nach  Süden  darin 
seinen  Grund  hat,  dass  er  unter  die  Finthen  des  Sees  unterge- 
taucht ist.  Erst  in  der  Nähe  der  Bütow  - Bereuter  Cli.aussee 
zwischen  Polzin  und  Nakel  begegnen  wir  wieder  grossen  Geschiebe- 
mengen, die  sich  l)is  in  die  Nähe  von  Lonken  nach  Westen  ziehen. 


in  Hinterponimern  und  Westpreiissen. 


175 


Hier  l)ie2't  der  Zua;  mn  und  Imd't  über  Grölieuzin  nach  Stüdnitz 

O ö 

aen  Süden.  Nördlich  von  Gröbenzin,  an  der  Westseite  des 
Czarndainerow-Sees  sind  die  Blockhügel  wieder  in  ausgezeichneter 
Schönheit  entwickelt.  Von  Stüdnitz  an  erlangt  der  Endinoränen- 
zng  eine  ziemlich  gleichniässige  Breite  bis  in  die  Gegend  zwischen 
Kuininelsl)urg  und  Bublitz.  Dieselbe  beträgt  iin  Durchschnitte 
600  Meter,  steigt  bis  1 Kilometer  und  geht  nicht  unter  200  Meter 
herunter. 

Meist  nur  als  sehr  starke  Geschiebebeschüttung  mit  ver- 
einzelten Endmoränenkuppen  ausgebildet,  zieht  sich  der  Zug  von 
Stüdnitz  über  die  Oberförsterei  Zerrin  und  das  Dorf  ßeckow  in 
mehreren  Bogen,  die  seine  Verfolgung  erschwerten,  nach  Pyaschen. 
Hier  biegt  er  kurz  um  den  Pyaschen- See  herum  und  zieht  sich 
auf  der  Ostseite  des  flussartig  schmalen  Camenz  - Sees  nach 
Süden  bis  Gllsno.  Gleich  westlich  des  Sees  setzt  der  Zug 
bei  Zemmen  wieder  ein  und  läuft  in  südwestlicber  Kichtuug  über 
Trzebiatkow  bis  an  die  lauge,  zum  Theil  mit  Seen  gefüllte  Süd- 
ost-Nordvvestrinne,  in  welcher  der  Wipperfluss  fliesst,  südlicli  von 
Cremerbruch.  Diese,  die  ganze  Moränenlandschaft  durchschneidende 
Senke  veranlasst  abermals  eine  vollständioe  Unterbrechuno-  des 
Zuges,  der  erst  D/2  Kilometer  weiter  westlich,  zwischen  Briesen 
und  Reinwasser  wieder  deutlich  wird.  Er  lässt  sich  weiter  ver- 
folgen über  Birkensteiu  und  Gr.  Peterkau  nach  Niederdorf,  wo 
die  Rinne  des  Deepei’-Sees  durchcpiert  wird,  dann  über  Schwessiu 
und  die  Darseuer-Mühle  nach  Hammer.  Hier  hat  der  Reichthum 
an  Geschieben  bereits  sehr  beträchtlich  abgenommen,  doch  ver- 
mochte mir  der  Pfarrer  von  Schwessiu,  von  dem  ich  manche 
daukenswerthe  Mittheilung  erhielt,  den  Verlauf  im  Einzelnen  noch 
genau  zu  zeigen.  Die  Baldeuburg  - Ruminelslnirger  Chaussee 
schneidet  den  Zug  an  einer  Stelle,  wo  er  etwas  spärlich  entwickelt 
ist,  zwischen  Kl.  Volz  und  Falkenhageu.  Gleich  nach  Westen 
hin  wird  er  aber  wieder  sehr  deutlich  und  neben  den  allenthalben 
reichlich  vorhandenen  einzelnen  Geschieben  wieder  durch  zahl- 
reiche Hügel  aus  Geschiebepackungen  angezeigt,  die  l)esonders 
f)ei  Höll  cewiese  und  Puppe  sich  häufen.  Wir  kommen  nunmehr 
in  das  speciell  kartirte  Gebiet.  Der  Geschiebezug  setzt  in  das- 


176 


K.  Keilhack,  Der  baltische  Höhenrücken 


selbe  ein  ivn  Gr.  Carzenbnrger  Walde  südlich  von  Marienbnrg 
und  2;elit  als  Steinbeschüttunp'  nach  Westen  über  den  Preirotz- 
See  zum  grossen  Vettrin-See.  Südlich  von  diesem,  beiderseits 
der  Gr.  Carzeuburg-Drawehner  Chaussee,  sind  die  eigentlichen 
Endmoränen  wieder  in  ganz  hervorragender  Menge  entwickelt. 
Sie  erreichen  hier  auch  in  Bezug  auf  Höhe  und  Breite  Maasse, 
die  ihnen  sonst  nicht  eigen  sind.  Von  hier  aus  zieht  sich  ein 
Ausläufer  nach  Nordwesten  in  der  Richtung  auf  Drawehn,  beider- 
seits der  tiefen  vom  Lenzbach  und  Angerbach  durchflossenen  Ein- 
senkung, während  der  Hauptzug  durch  das  Revier  Kl.  Carzenburg 
der  Königl.  Forst  Oberfier  bis  zum  Schlossberge  in  westlicher 
Richtung  weiter  verläuft.  An  dieser  mächtigen , mit  zahlreichen 
grossen  Blöcken  bedeckten  Endmoräne  biegt  er  scharf  nach  Süden 
um  und  verläuft,  wieder  nur  durch  grosse  Blockineugen  bezeichnet, 
östlich  von  den  Pinnow-Seen  in  den  Zul>berow,  einen  prachtvollen, 
oleichtälls  zur  Forst  Oberfier  ffohöreuden  Laubwald.  In  demselben 
treten  an  mehreren  Stellen  wieder  sehr  schöne  Endmoränen  auf 
Nun  folgt  eine  auftällende  Lücke  nördlich  und  westlich  von  dem 
grossen  Virchow-See,  die  nur  durch  einige  kleine  Steinkuppen  bei 
Grumsdorf  unterbrochen  wird.  Die  nordwestlich  von  Wurchow 
gelegenen,  mächtigen  Endmoränen  sind  jedenfalls  auf  den  zweiten, 
später  zu  besprechenden  Zug  zu  beziehen.  Erst  südlich  von 
Wurchow,  auf  dem  schmalen,  steil  abfallenden  Rücken,  der  sich 
parallel  der  Neustettiner  Chaussee  nach  Süden  zieht,  setzen  die 
Endmoränen  wieder  ein  und  können  mit  geringen  Unterbrechungen 
über  Gönne,  Steinforth  und  den  Pollakberg  nach  Gr.  Dallenthin 
an  der  Neustettin  - Belgarder  Bahn  verfolgt  werden.  Bei  letzt- 
genanntem Orte  werden  die  Geschiebe  in  grossen  Mengen  ge- 

o O O o 

Wonnen.  Es  ist  hier  sehr  auffällig,  dass  die  grossen  Geschiebe, 
die  sonst  überall  dem  Endmoränengebiete  ihren  charakteristischen 
Stempel  aufdrücken,  sehr  zurücktreten,  wogegen  solche  von  1 bis 
2 Kubikfuss  Grösse  und  darunter  weitaus  überwiegen.  Südlich 
von  Dallenthin  wird  durch  die  Persante  die  Moräueulandschaft 
vollständig  durchschnitten.  Wie  bei  dem  Wipperthale,  so  setzt 
auch  hier  der  Zug,  bis  auf  wenige  kleine  Steinkuppen,  auf  6 Kilo- 
meter Länge  von  Gr.  Dallenthin  bis  Raddatz  aus.  Von  da  an 


in  Hinterpommern  und  Westpreussen. 


177 


aber  besteht  ein  ummterbrocbeuer  Zusammenhang  nach  Westen 
hin  bis  an  die  breite  Einne  nördlich  von  Falkenberg,  in  welcher 
der  Zetzin-See  liegt.  Gleichzeitig  geht  der  Zng  wieder  in  seine 
alte  Hanptrichtnug  von  Ost-Nord-Ost  nach  West-Süd- West  über. 
Die  einzelnen  berührten  Orte  sind  von  Raddatz  an  Gissolk,  Cölpiu, 
Fried riclisberg,  Kriegstädt,  Oerden,  Klöpperfier  und  der  Südraud 
der  Clanshagener  Forst.  Fast  überall  markiren  ausgedehnte,  echte 
Endmoränen  hier  das  Auftreten  des  Gescliiehezuges.  Nach  einer 
kurzen  Unterbrechung  durch  das  tief  eiugeschnittene,  enge  Thal 
des  Drageflusses  liegt  die  Fortsetzung  südlich  von  Lehmanniugen, 
hei  Schmidtentliiu  und  Neu-Wuhrow.  Besonders  in  der  Umgehung 
des  letztgenannten  Ortes,  wo  ausserdem,  veranlasst  durch  den 
tiefen  Einschnitt  des  Tützfliesses  und  Zetziu-Sees  eine  scharfe, 
kn  rze  Umbiegung  nach  Süden  eintritt,  ist  die  Menge  der  Geschiebe 
wieder  eine  ganz  ungeheure.  Jenseits  der  Einseukuug  beginnt 
der  Zug  wieder  bei  Wusterwitz  und  geht  über  Dolgen  nach 
Sarrauzig. 

Bis  hierher,  d.  h.  von  Sirllenczyn  an  gerechnet  auf  einer  Linie 
von  '200  Kilometer  Länge,  stehen  die  Beobachtungen  im  Zusammen- 
hänge. Aber  auch  über  die  Fortsetzung  des  Geschiebeznges  nach 
Osten  und  Westen  habe  ich  bereits  eine  Reihe  von  Beobachtungen 
gemacht,  welche  den  Schluss  gestatten,  dass  auch  in  Westpreussen 
und  in  der  Neumark  der  Zusammenhang  des  Zuges  ein  ebenso 
vollkommener  ist,  als  in  dem  beschriebenen  pommerschen  Theile  des 
Höhenrückens.  Beginnen  wir  bei  der  Besprechung  der  einzelnen 
Punkte  wiederum  im  Osten.  Wie  die  Karte  zeigt,  liegt  zwischen 
Bütow  imd  Karthaus  der  nördlichste  Punkt,  welchen  der  Geschiebe- 
zng  erreicht.  Von  hier  ans  liegen  die  einzelnen,  als  Fortsetzung 
zu  l;etrachteuden,  beobachteten  Punkte  in  südlicher  Ins  südwest- 
licher Richtung.  Es  folgen  zunächst  beträchtliche  Geschiebe- 
anhänfuugei]  in  der  Umgebung  von  Skorzewo,  daun  ein  weiterer 
Punkt  bei  Bereut.  Nach  einer  grösseren  Lücke  in  der  Beob- 
achtung folgen  wieder  einige  Punkte  nordwestlich  von  Hochstüblan, 
einer  Station  der  Ostbahu,  kurz  vor  Preussisch-Stargard.  Südlich 
von  dieser  Stadt  fanden  sich  wieder  eudmoränenartige  Bildungen 
zwischen  den  Ortschaften  Bobau  und  Snmmin.  Als  zweifelhaft 


Jahrbuch  1889. 


12 


178 


K.  Keilhack,  Der  baltische  Höhenrücken 


muss  ich  es  vor  der  Hand  liiustelleu,  ob  die  weiter  im  Süden  im 
Unterlaufe  des  Schwarzwasserflusses  auftretenden  Geschiebe- 
anhäufunofen  zu  diesem  Zuo-e  oder  bereits  zu  einem  weiter  süd- 
lieb  gelegenen  gehören.  Dort  treten  nämlich  in  der  Umgebung 
der  Ortschaften  Osebe,  Bresiner  Mangel,  Splavie,  Wirri,  Groddeck 
und  Haltestelle  Osche,  beiderseits  der  tief  eingesebnittenen  Rinne 
des  Sebwarzwassers,  ansgedelmte  Gescbiebebeschttttungen,  wenn 
auch  ohne  eigentlichen  Endmoränenebarakter,  anf,  die  in  Folge 
der  Nähe  der  Laskowifz-Konitzer  Eisenbahn  bereits  massenhaft 
ausgebeutet  werden.  Die  Geschiebemassen  liegen  hier  zum  Theil 
beinahe  direct  auf  den  bekannten  Tertiärbildungen  des  Sebwarz- 
wassertbales. 

Mit  den  zuletzt  genanuteu  Bildungen  sind  wir  in  der  Nähe 
der  Weichsel  angelangt,  da  der  nächst  gelegene  Punkt  des  Thaies 
derselben,  die  Stadt  Sebwetz,  nur  noch  10  Kilometer  von  der 
Haltestelle  Osche  entfernt  ist. 

Nach  Westen  bin  scbliesst  sich  an  die  Endmoränen  am 
Sarranzig-See  nördlich  Dramburg  weiter  nach  Osten  bin  zunächst 
ein  Punkt  bei  Alt-Storkow  in  der  Nähe  von  Nörenberg  an.  Hier 
macht  der  Zug  abermals  eine  scharfe  Umbiegung  nach  Süden 
denn  das  nächste,  in  einer  Länge  von  einer  vollen  Meile  beob- 
achtete, sehr  schön  mit  typischen  Endmoränen  entwickelte  Stück 
des  Geschiebezuges  liegt  direct  südlich  von  Nörenberg  und 
verläuft  in  nordsüdlicher  Richtung  von  dem  Dorfe  Bütow  über 
Gross-Silber  nach  Steinberg  bei  Reetz.  Das  südliche  Ende  dieses 
Stückes,  in  welchem  die  höchste  Erhel)ung  der  Neumark,  der 
180  Meter  hohe  Luftberg  liegt,  gehört,  wie  alle  nuumebr  folgen- 
den Punkte  zum  neumärkischen  Theile  der  Provinz  Brandenburg. 
Von  solchen  weiter  nach  Westen  gelegenen  Punkten  gelang  es 
mir  noch  folseude  zu  beobachten  oder  zu  erkunden:  Bei  Auixust- 
wähle,  Station  der  Kreuz-Stargarder  Bahn,  bei  Hohengrape,  west- 
lich von  Bernstein  und  an  dei’  Stargard-Küstriner  Eisenbahn  süd- 
lich von  Soldin  1).  Wie  sich  der  Eudmoräneuzug  weiter  hinaus 


0 E.  Läufer,  Aufschlüsse  in  den  Einschnitten  der  Stargard-Küstriner  Eisen- 
bahn. Dieses  Jahrb.  für  1881,  S.  527. 


in  Hinterpom niern  und  Westpreussen. 


179 


erstreckt,  ob  und  in  welcher  Verbiiiclimg  er  mit  dem  Geschiebe- 
walle der  Uckermark  oder  der  vou  Berendt  gefuudeueu  südöst- 
lichen Verlängerung  desselben  steht,  bedarf  noch  der  weiteren 
Untersuchung  ^). 

Dieser  in  seinem  vollständig  beobachteten  Theile  200  Kilo- 
meter, einschliesslich  der  im  Osten  und  Westen  vermuthlich 
«■leichfälls  im  vollen  Zusammeuhauo:e  stehenden  Beobachtuucs- 
punkte  mehr  als  400  Kilometer  lange  Endmoräueuzug  hat  eine 
streng  gesetzmässige  Lage,  welche,  nachdem  ich  sie  einmal  er- 
kannt hatte,  mir  seine  Verfolgung  und  Aufsuchuug  ungemein 
erleichterte.  Er  liegt  nämlich  fast  überall  auf  der  Grenze  der 
Moränenlandschaft  gegen  das  südlich  austossende  Haidesaudge)>iet 
und  nur  au  wenigen  Stellen,  so  südlich  vou  Rummelsburg  und 
südöstlich  von  Bublitz  greift  die  erstere,  wie  auch  die  Karte  er- 
kennen lässt,  etwas  über  ihn  hinweg.  Aus  diesem  Grunde  bilden 
im  Grossen  und  Ganzen  die  unfruchtbaren  Steinfelder  des  Ge- 
schiebezuges  zugleich  eine  auffallende  Grenze  in  Bezug  auf  die 
Landeskultur.  Demi  während  das  fruchtbare  Lehmland  nördlich 
dieser  Grenze  fast  ausschliesslich  als  Acker  verwendet  wird  oder 
mit  Laubwald  bestanden  ist,  folgen  südlich  davon  ausgedehnte 
Haidegebiete,  in  welchen  die  menschlichen  Ansiedelungen  im  All- 
gemeinen auf  die  etwas  fruchtbareren  Thäler  und  Seenrinneii  be- 
schränkt sind. 

Neben  diesem  raudlichen  Hauptendmoränenzuge  aber  giebt 
es  in  der  Moräuenlandschaft  noch  einen  zweiten  weit  weniger 
vollständig  entwickelten,  aber  wohl  auch  au  viel  weniger  Punkten 
beobachteten  Geschiebezug.  Derselbe  liegt  innerhalb  der  Zone, 
ist  in  Folge  dessen  schwierig  zu  verfolgen  und  nur  in  dem  speciell 
kartirten  Gebiete  nördlich  vou  Neustettin  vollstäiidig  beobachtet 
worden.  Dieser  zweite  Zug  verläuft  eiuigermaasseu  parallel  mit 
dem  ersten.  Andeutungen  vou  ihm  fand  ich  bereits  in  West- 
preusseu  in  der  Gegend  vom  Thurml)erg  und  südlich  davon.  Auch 
die  auf  Blatt  Dirschau  der  geologischen  Karte  der  Provinz 
Preusseu  dargestellteu,  in  meine  Uel>ersichtskarte  aufgenommenen 


12* 


9 Siehe  den  Nachtrag  am  Schlnsse  dieser  Abhandlung. 


180 


K.  Keilhacic,  Der  baltisclie  Höhenrücken 


»Auliäuf’ungen  grossei'  Blöcke  in  lehmigem  Saude«  gehören  jeden- 
falls diesem  zweiten  Zuge  an.  Weit  vollständiger  konnte  ich  den- 
selben weiter  westlich  auf  den  Blättern  Gross-Carzenbnrg,  Bublitz, 
Wurchow  und  Persanzig  beobachten.  Hier  beginnt  derselbe  am 
Papeuzin -See  bei  Klein -Hütte  und  verläuft  über  Arnsberg  nach 
dem  Johannishofe.  In  der  gewaltigen,  steinbeschütteten,  240  Meter 
hohen  Erhebung  des  Steinberges  erreicht  er  hier  den  höchsten 
Punkt  einer  weiten  Umgebung.  Hinter  Breitenberg,  dem  höchst- 
gelegeneu Dorfe  Pommerns,  dessen  Besitzer  sich  selbst  den  stein- 
reichsten Manu  Pommerns  nennt , breiten  sich , nördlich  von 
Mühlenkamp,  zwischen  dem  steil  abfallenden  Gehänge  des  Raddüe- 
thales  und  dem  langgestreckten,  hohen  Rücken  der  Cammiulierge 
weite,  steiubesäete  Felder  von  mehreren  Hundert  Hektaren  Grösse 
ans.  Nach  Norden  hin  zieht  sich  dieser  Zug  noch  über  Sydow 
hinaus  bis  in  den  Polluower  Stadtwald  hinein. 

Ein  weiteres  Stück  dieses  oft  unterbrochenen,  rückwärts  ge- 
legenen Zno'es  bildet  die  Endmoräne  nördlich  von  Eriedenshof 

Ö O 

und  südlich  von  Neuhof  bei  Bublitz.  Ihre  grösste  Entfaltunff 
aber,  soweit  ich  bisher  beobachten  konnte,  erlangen  die  End- 
moränen dieses  Zuges  in  dem  Dreieck  zwischen  Wiu'chow,  Bublitz 
und  Schofhütten,  besonders  in  der  Umgebung  von  Neudorf,  südlich 
von  Wilhelmshöhe  und  in  der  Gegend  von  Bernsdorf.  Als  süd- 
liche Fortsetzung  sind  die  Moränen  am  Linkberge  zwischen  Bnch- 
wald  und  Küssow,  sowie  die  kolossalen  Geschiebe! leschüttuugeu, 
2 Kilometer  nordöstlich  von  Escheuriege,  und  auf  dem  Fnchs- 
und  Sanskenberge  westlich  von  Kliugbeck  zu  betrachten.  Auch 
zwischen  Neu -Valin  und  Bärwalde  liegende,  einzelne  Endmoränen- 
stücke sind  entschieden  diesem  Zim-e  zuznzählen.  Auch  nördlich 

O 

von  Drambnrg,  in  der  Gegend  von  Pritten  und  Dohnafelde  ist 
dieser  Zug  entwickelt,  der  ein  vollkommenes,  nur  ausserordent- 
lich viel  läna:eres  Seitenstück  zu  dem  zurücko[elea:enen  Endmoränen- 
znge  in  der  Uckermark  zwischen  Fürstenwerder  und  Gerswalde 
zu  bilden  scheint^).  Wie  bereits  oben,  S.  170,  erwähnt,  steht  die 


b G.  Berendt,  Die  beiderseitige  Fortsetzung  der  südl.  baltischen  Endmoräne. 
Dieses  Jahrb.  für  1881,  S.  110. 


in  Hinterpommern  und  Westpreussen. 


181 


Zone  mächtigen  Geschiebesandes , welche  grosse  Gebiete  der 
Moränenlandschaft  parallel  znm  Rande  derselben  durchzieht,  in 
räninlichen  Beziehungen  zn  diesem  zweiten  Geschiebezuge,  und 
zwar  liegen  beide  ebenso  zu  einander,  wie  der  Hauptendmoränen- 
zug  zur  Haidesaudlandschaft,  mit  anderen  Worten:  er  bildet  die 
nördliche  Grenze  des  Saudstreifens.  lieber  die  Wichtigkeit  dieser 
Vertheiliuig  der  Endmoränen  für  die  Erklärung  der  einzelnen 
Bildungen  s.  w.  u. 

Einem  noch  weiter  zurückliegenden  dritten  Zuge  scheint 
eine  Anzahl  von  kleinen  Geschiebegrandkuppen  endmoränen- 
artigen Aussehens  anzugehören,  die  sich  beiderseits  der  Bublitz- 
Grameuzer  Chaussee  zwischen  der  Stadt  und  dem  Stadtwalde 
finden  und  sich  über  Karlshof  bis  Doi’fstädt  weiter  verfolgen  lassen. 

Es  wäre  durchaus  irrig,  auznnehmeu,  dass  diese  Geschiebe- 
züge orograj:)hisch  in  ähnlicher  Weise  sich  in  der  Landschaft 
geltend  machen,  wie  dies  der  aus  diesem  Grunde  auch  Geschiebe- 
wall genannte  Eudmoräneuziig  der  Uckermark  thut.  Es  muss 
vielmehr  betont  werden,  dass  der  Charakter  der  Landschaft  und 
die  Verhältnisse  von  Berg  und  Thal  sich  nur  ganz  unbedeutend 
ändern  würden,  wenn  das  gesammte  Material  des  Geschiebeznges 
plötzlich  fehlte.  Wenn  auch  zahlreiche  der  bedeutendsten  Er- 
hebungen des  Höhenrückens  mit  Endmoränen  bedeckt  sind,  so 
sind  letztere  bei  aller  Mächtigkeit  doch  nur,  verglichen  mit  dem 
ganzen  Berge,  unbedeutende  Auflagerungen.  Auf  der  anderen 
Seite  aber  kümmert  sich  der  Geschiebezug  in  keiner  Weise  um 
die  Terraiuverhältuisse.  Hier  überschreitet  er  ein  tiefes  Thal, 
dessen  beide  Flanken  mit  mächtigen  Geschiebepacknngeu  l)edeckt 
sind,  au  anderen  Stellen  taucht  er  unter  Moore  und  Seen  unter, 
so  dass  dann  nur  die  dem  Torf  oder  Wasser  eiitrageudeu  Steiu- 
iuseln  von  dem  unterseeischen  Zusammenhänge  Zeugniss  ablegen. 

Es  erübrigt  unnmehr  noch,  mit  einigen  Worten  über  die  Art 
der  Geschiebe  zu  berichten,  die  sich  in  den  Geschiebe  führenden 
Geliilden  der  Moränenlandschaft  finden.  Dabei  muss  als  das 
Auffälligste  zuerst  die  Seltenheit  der  Kalksteine  erwähnt  werden. 
Dieselbe  erklärt  sich  indessen  leicht  aus  der  Auslangnug-  aiich 
der  Geschiebesande  und  Endmoränen  durch  die  x'ktmosphärilieu. 


182 


K.  Keilhack,  Der  baltische  Höhenrücken 


cleDen  durch  die  Durchlässigkeit  jener  Bikhmgen  eine  ausgedehnte 
Wirksamkeit  gestattet  war.  Dass  ursprünglich  auch  ihnen  der 
Gehalt  an  Kalksteinen  nicht  fehlte,  beweist  eine  besondere  Art 
von  ausgelaugten  Kalksteinen,  der  sogenannte  todte  oder  Backstein- 
kalk, der  gerade  in  den  Gebilden  der  Moränenlandschaft  sehr  häufia: 
angetrofien  wird.  Es  ist  das,  wie  der  bisweilen  noch  unverwitterte 
Kern  zeigt,  ein  durch  viel  Kieselsäure  und  Thon  verunreinigter, 
oft  sehr  versteinerungsreicher  Kalkstein  der  Silurfonnation,  welchem 
der  Kalkgehalt  entzogen  ist,  so  dass  nur  noch  ein  schwammartiges 
Kieselskelett  übrig  geblieben  ist.  Die  grosse  Häufigkeit  dieser 
Geschiebe  lässt  den  Schluss  zu,  dass  auch  andere  Kalksteine  früher 
häufig  vorhanden  waren,  und  in  der  That  konnte  ich  in  einem  Auf- 
schlüsse südlich  von  Bublitz,  in  einer  Kiesgrube,  die  bis  in  kalk- 
haltige Schichten  hinahging,  sehen,  dass  sibirische  Kalksteine 
darin  ungemein  häufig  Vorkommen.  Versteiuerungsführende  Ge- 
schiebe anderer  Formationen  gehören  zu  den  Seltenheiten.  Solche 
der  Juraformation  habe  ich  garnicht  gefunden;  ebenso  wenig  solche 
des  Tertiärs.  Aus  der  Kreideformation  begegnet  man  glaukonitischen 
Mergeln,  ln  dem  Geschiebelehm  tritt  stellenweise  recht  häufig 
Bernstein  auf.  Feuerstein  in  den  bekannten  bizarr  geformten 
Knollen,  wie  er  in  der  Schreilikreide  auftritt,  ist  eine  Seltenheit. 
Um  so  häufiger  aber  findet  man  jene  abgerollten  Feuersteine  von 
elllpsoidischer  Form,  welche  Meyn  Wallsteine  genannt  hat.  Sie 
sind  vielfach  geradezu  als  gemein  zu  bezeichnen,  und  ich  möchte 
die  Vermuthung  aussprechen,  dass,  wie  im  südlichen  England,  so 
auch  in  Ostpreussen  oder  angrenzenden  Theilen  Russlands  im 
Tertiär  Laser  solcher  Feuersteine  sich  fanden  oder  noch  finden, 
aus  deren  Zerstörung  durch  die  diluvialen  Gletscher  sowohl  die 
vereinzelten  Puddingsteingeschiebe  als  auch  die  unzähligen  Wall- 
steine Norddeutschlands  herrühren.  Ich  glaube,  dass  die  Wall- 
steine zur  Tertiärzeit  umgelagerte  Feuersteine  der  Kreideformation 
darstellen,  welche  durch  eine  heftige  Brandungswelle  ihre  Form 
erhalten  haben. 

Durchragungs-Zonen  und  Züge  im  Sinne  Schröder’s^)  fehlen 

h lieber  Durchragungszflge  und  -Zonen  in  der  Uckermark  und  in  Ost2ireussen. 
Dieses  Jabrb.  f.  1888,  S.  Iö6. 


in  Hinterpommern  und  Westpreussen. 


183 


zwar  der  Moräuealandschaft  Iliiiterpoiiunerus  uicht,  treten  aber  sehr 
zurück.  Eia  sehr  schönes  Beispiel  bietet  die  lange,  schmale  Berg- 
kette, die  südlich  und  südwestlich  von  Wurchow  einen  grossen  Theil 
der  ausgedehnten  Einsenkuug  des  Fig.  14  skizzirteu  alten  Sees  uni- 
raudet  und  nach  Süden  sich  bis  zu  der  beträchtlichen  Erhebung  der 
Pollaksberge  bei  Neustettin  verfolgen  lässt.  In  der  unistehendeu 
Skizze  (Fig.  7)  gebe  ich  einen  Querschnitt  durch  diesen  Durch- 
ragungszug,  aus  welchem  man  zugleich  erkennt,  dass  der  Zug, 
dessen  Dreitheiluug  übrigens  keineswegs  an  allen  Stellen  auftritt, 
genau  auf  der  Scheide  zwischen  Moränenlaudschaft  und  llaidesaud- 
gebiet  liegt.  Auf  seinem  Bücken  trägt  er  mächtige  Beschüttungen 
aus  Geschiebesand  und  au  vielen  Stellen  echte  Endmoränen.  Be- 
sonders im  nödlicheu  Theile  ist  er  vielfach  mit  Geschiebelehm 
überzogen,  der  in  seiner  Lagerung  dadurch  auffällt,  dass  er  gegen 
den  Saud  hin  bisweilen  mit  Grenzen  abschueidet,  die  quer  über 
alle  Höhenkurven  über  einen  Berg  hiuweggeheu. 

Auch  einzelne  Durchraguugeu  von  Unterem  Saude  durch  die 
allgemeine  Geschiebelehmdecke  sind  nicht  häufig.  Am  meisten 
noch  fand  ich  sie  östlich  von  Bublitz  zwischen  Ernsthof  und 
Friedrichsfelde,  wo  sie  eine  ganze  Anzahl  kleiner,  im  Terrain  sich 
gut  heraushebender  Kuppen  bilden.  Wie  vorsichtig  mau  übrigens 
l)ei  der  Beurtheiluug  solcher  Kuppen  ans  fein  geschichtetem  Saude 
sein  muss,  sah  ich  in  einer  Kies-  und  Steiugrube  bei  Bütow,  dei’en 
Anblick  ich  im  folgenden  Profile  (Fig.  8)  wiedergebe. 

Wäre  uicht  der  bis  tief  in  die  sehr  steinige  Grundmoräue 
niedergehende  Aufschluss,  so  könnte  mau  sich  durch  die  Form  der 
Kuppe  lind  durch  die  Feinheit  und  schöne  Schichtung  des  Sandes 
verleiten  lassen,  au  eine  Durchraguug  zu  denken,  während  doch 
thatsächlich  eine  Aufschüttung  auf  eben  gelagerter  Grundmoräue 
vorliegt.  Den  Beweis  einer  Auflagerung  oder  Durchraguug  mit 
Hilfe  von  Bohrungen  beizubringen,  ist  wegen  der  in  der  Kegel 
sehr  starken  Ueberrutschuugen  mit  Schwierigkeiten  verbunden. 

Nach  dieser  Aufzählung  und  Beschreibung  der  au  dem  Aul- 
baue der  Moränenlaudschaft  oberflächlich  betheiligteu  diluvialen 
Gebilde  wende  ich  mich  zunächst  einer  gleichen  Beschreibung  der 
nach  Süden  folgenden  Zone  der  Haidesandlaudschaft  zu,  um  hierauf 


Fig.  7.  (Länge  1 : 12  500.  Höhe  1 ; 5000.) 


184 


K.  Keilhack,  Der  baltische  Höhenrücken 


Geschiebesand.  Sand.  Steinig  grandige  Grundmoräne. 


iii  Hinterpomniern  und  Westpreussen. 


185 


eine  Anzahl  Beobachtungen  mitzutheilen,  die  sich  auf  den  Höhen- 
rücken als  Ganzes  beziehen,  und  zu  schliessen  mit  dem  Vei'suche, 
die  Bildung  der  Oberflächeuformeu  dieses  Landrückens  zu  er- 
klären. 


Die  Haidesamllamlscliaft. 

Meinen  weiter  oben  gegebenen  Ausführungen  über  den  oro- 
graphischeu  Charakter  dieses  Gebietes  habe  ich  nur  wenig  hinzu- 
zufügen. Unmittelbar  am  Bande  der  Moränenlandschaft  ist  das 
grosse  Haidesaudgebiet  noch  ziemlich  uneben,  al)er  je  weiter  man 
sich  von  derselben  entfernt,  um  so  flachwelliger  wird  es  und  geht 
schliesslich  nach  Süden  ganz  allmählich  in  ebene  Thäler  über,  in 
welchen  zwischen  den  einzelnen,  im  Süden  folgenden  Plateaus  die 
südwärts  fliessendeu  Gewässer  des  Höhenrückens  ihren  Weg 
nehmen.  In  der  gleichen  Weise  vollzieht  sich  von  Norden  nach 
Süden  ein  Wechsel  im  petrographischeu  CHiar;dcter.  Während 
nahe  au  der  Aloränenlaudschaft  grobe  Schotter  mit  zahlreichen 
kleinen  Geschieben  und  selbst  vereinzelten,  grösseren  Blöcken  vor- 
herrschen, tritt,  je  weiter  mau  nach  Süden  kommt,  das  grandige 
Element  um  so  mehr  zurück,  wird  der  Sand  um  so  feiner  und 
gleichkörniger,  bis  er  in  den  oben  erwähnten  Thälern  vom  echten 
Thalsande  nicht  mehr  unterschieden  werden  kann.  Nur  in  diesen 
südlichen  Theileu  treten  auch  Dünen  in  grösserem  Umfange  auf, 
während  dieselben  in  der  Moräneulaudschaft  und  in  den  Schotter- 
gel)ieteu  fast  ganz  fehlen.  Ich  möchte  nicht  unterlassen,  bei  dieser 
Gelegenheit  zu  erwähnen,  dass  ich  auf  der  hiuterpommerscheu 
Seenplatte  bisher  noch  nicht  ein  einziges  Kauteugeschiebe  gefunden 
habe,  in  einem  Gebiete  also,  in  welchem  die  Gletscher  der  Dilu- 
vialzeit alle  möglichen  Thätigkeiten  entfidtet  haben.  Es  spricht 
das  wenig  für  Mitwirkung  des  Eises,  sehr  für  die  des  Windes  bei 
ihrer  Bildung. 

Nur  au  wenigen  Stellen  begegnet  man  in  der  Haldesandland- 
schaft anderen  Bildungen,  als  den  Sauden  und  Schottern  des 
Oberen  Diluviums.  An  den  Bändern  der  Seen  und  Binnen  treten 
mehrfach  unterdiluviale  Sande  und  Geschiebemergel  zu  Tage,  und 


186 


K.  Keilhack,  Der  baltische  Höhenrücken 


in  künstlichen  Aufschlüssen  werden  hier  und  da  unter  der  Ge- 
schiebesanddecke lagernde,  technisch  nutzbare  Ablagerungen  ge- 
wonnen. Dahin  gehören  Thone,  wie  sie  am  Gramschsee,  und 
Kalke,  welche  in  der  neuen  Forst  nördlich  von  Klein- Carzen- 
burg, letztere  in  zahlreichen  kleineren  Gruben,  ausgebeutet  werden. 
Diese  Süsswasserkalke  liegen,  wie  die  folgenden  beiden  Profile 
zeigen,  entweder  direct  unter  dem  Geschiebesande  oder  sind  von 

O y 


Fig.  y und  10.  (1  : 1000.) 


■.A  “•  5 ••  ”>  ta  v°bv  ° 

v.s  •;  »\'’ 


r r-i“i  rJ  . L I b-J  p ÄA  n-ib  Lp  Tr L'“  ID-I I rj  [J  I 


Ljrjnrrjr|L 
r^uDp-lJ^n 


J '~lI 


Geschiebe-  Desgl.  Unterer 
grand.  sehr  steinig.  Sand. 


Süsswasser-  Eisen-  Lehmig 

kalk.  schlissige  steinige 

Schicht.  Schicht. 


demselben  durch  o-eschichtete  feine  Sande  des  Unteren  Diluviums 

O 

getrennt.  An  der  Basis  der  72—2  Meter  mächtigen  Kalklager  finden 
sich  undurchlässige  lehmige,  thonige  mid  eisenschüssige  Bildungen 
in  dünnen  Lagen,  die  zum  Theil  der  Eisenschale  im  Liegenden 
grosser  Thonlager  entsprechen.  Der  Kalk  ist  staubfein,  von  heller 
weisser  oder  gelblicher  Farbe  und  enthält  50  80  pCt.  kohlen- 

sauren Kalkes.  Organische  lieste  konnten  darin  ebenso  wenig  wie 


in  Hinterpomniern  und  Westpreusseo.  187 

iu  anderen  unterdiluvialen  Bildungen  des  Höhenrückens  nach- 
gewiesen werden. 

Parallel  der  Grenze  der  Moräneulandschaft  mit  dem  ITaide- 
sandgebiete,  in  geringem  Abstande  von  ersterer,  verläuft  auf  der 
Strecke  zwischen  Sullenczyn  und  Neustettin  die  Grenze  zwischen 
Pommern  und  Westpreussen.  Heute  nur  eine  Verwaltnngsgrenze 
hatte  sie  bis  zum  Jahre  1772  eine  hohe  Bedeutung  als  Ostgrenze 
Deutschlands  gegen  das  Polenreich.  Es  ist  sicher  kein  Zufall, 
dass  die  Grenze  zweier,  durch  Jahrhunderte  feindlicher  Völker  mit 
dem  Nordrande  der  Haidesaudlandschaft  zusammeufiel.  War  doch 
dieser  breite  Streifen  öden,  man  könnte  fast  sagen  wüsten  Landes 
eine  von  der  Natur  gebotene,  neutrale  Grenzzone  zweier  feind- 
licher Nationen.  Noch  heute  ist,  wenigstens  östlich  von  Balden- 
burg  die  Bevölkerung  nördlich  des  Endmoränenzuges  überwiegend 
protestantisch,  südlich  davon  katholisch  und  stark  mit  polnischen 
Elementen  durchsetzt. 

Sehr  charakteristisch  ist  der  Unterschied  in  der  Besiedehiuo: 
beider  Zonen.  Da  im  Haidesaudgebiete  die  Wiesen,  wie  im  Allge- 
meinen iu  ganz  Norddeutsc.hland,  in  grösseren,  zusammeuhängeuden 
Flächen  aufzntreten  pflegen,  so  ist  hier  die  Besiedehuigsform  zu- 
meist das  geschlossene  Dorf,  von  dem  aus  jeder  einzelne  Besitzer 
nach  Feld  und  Wiese  gleichen  Wen;  hat.  Anders  liej^en  dieVer- 
hältuisse  in  der  benachbai'ten  Aloräuenlandschaft;  der  stete  und 
kurze  Wechsel  von  Acker,  Wasser  und  Aloorflächen,  welche  letzteren 
dem  Besitzer  durch  ihren  Torfreichthum  den  Wald,  durch  ihre 
Vegetation  die  Wiese  ersetzen  müssen,  liess  die  Einzel-Besiedelnng 
des  Landes  als  das  Zweckmässigere  erscheinen.  So  kommt  es, 
dass  trotz  relativ  starker  Bevölkerung  die  Dörfer  dünn  gesäet  sind, 
die  einzelnen  Gemeinden  aber  eine  grosse  Fläche  bewirthschafteu 
und  eine  starke  Bevölkerung  zeigen,  indem  nämlich,  über  das  ganze 
Gebiet  hin  zerstreut,  zahllose  einzelne  Güter  und  Gehöfte,  soge- 
nannte Ausbaue,  sich  finden.  Da  dieselben  meist  ihren  eigenen 
Namen  haben,  so  vermag  eine  Karte,  die  dieselben  sämmtlich  ent- 
hält, ausschliesslich  durch  deren  Häufung  die  räumliche  Verbreitung 
einer  auch  geognostisch  gut  charakterisirten  Landschaftsform  an- 
zuzeiffeu. 

O 


188 


K.  Keilhack,  Der  baltische  Höhenrücken 


Ich  habe  bereits  oben  bemerkt,  dass  die  Seen])latte  im  All- 
gemeiueu  die  Wasserscheide  zwischen  den  zur  Ostsee  entwässernden 
Küstenflüsseu  und  den  zahlreichen  kleinen  Flüssen  bildet,  die 
ihre  Gewässer  nach  Süden  zur  Weichsel,  Warthe  und  Netze 
entsenden.  Betrachtet  man  aber  diese  hydrographischen  Verhält- 
nisse genauer  und  versucht  mau  auf  einer  Specialkarte,  die  Wasser- 
scheide eiuzutrageu,  so  stösst  man  auf  grosse  Schwierigkeiten  und 
erkennt  bald,  dass  mau  es  hier  oben  nicht  mit  einer,  sondern  mit 
zwei  Wasserscheiden  zu  thun  hat.  Diese  beiden  Linien  berühren 
sich  an  manchen  Stellen,  bisweilen  sogar  in  einer  seenerfüllteu  Rinne, 
während  sie  an  andern,  und  zwar  den  weitaus  meisten,  meilenweit 
auseinander  gehen.  Zwischen  ihnen  eingeschlosseu  liegt  ein  Gebiet, 
welches  weder  nach  Norden  noch  nach  Süden  entwässert,  sondern 
seine  Abwässer  in  geschlossene  Depressionen,  in  abflusslose  Seen 
und  Sümpfe  entsendet.  Derartige  Flächen  treten  inselartig  auch 
im  Stromo-e1)iete  der  Küsteuflüsse  und  der  südwärts  ziehenden 

O 

Gewässer  auf;  ich  werde  au  anderer  Stelle  versuchen,  ein  Karten- 
bild von  dieser  eigenthümlicheu  Erscheinung  zu  geben.  Die 
Wasserscheiden  halten  sich  nicht  streng  au  die  beiden  Zonen  der 
Aloräuenlandschaft  und  des  Haidesaudgebietes,  sondern  bald  greifen 
die  Ostseegewässer  nach  Süden  in  das  Haidesaudgebiet  ein,  wie 
der  Cameuzfluss,  Stieduitzfluss  und  die  Persante,  bald  die  anderen 
Flüsse  nach  Norden  über  die  Endmoräne  hinweg,  wie  die  Quell- 
gewässer der  Brahe  und  Drage.  In  dem  abflusslosen  Gebiete 
sammeln  sich  die  atmosphärischen  Wasser  in  ungezählten,  grossen 
und  kleinen  Bodensenken.  Der  Wasserstand  derselben  ist  uatur- 
gemäss  ein  schwankender  und  resultirt  selljstverständlich  aus  dem 
area’enseitiofeu  Verhältniss  von  Verduustuns:  und  Zufuhr.  In  dem 
Lehmgebiet,  ist  bei  dem  undurchlässigen  Untergründe  ein  anderes 
Entweichen  der  Wasser  als  durch  Verdunstung  sehr  unbedeutend; 
dafür  spricht  auch  die  so  sehr  verschiedene  Höhenlage  nahe  bei 
einander  gelegener  Seen  und  Sümpfe.  Im  Haidesandgebiete  aber 
ist  es  möglich,  dass  eine  Art  unterirdischen  Gruudwasserstromes, 
der  Oberflächen- Neigung  dieser  Zone  nach  Süden  folgend,  als 
natürlicher  Regulator  des  Wassex'staudes  dieser  Seen  functionirt. 

Die  nicht  sehr  zahlreichen  Thäler,  welche  die  Moräueulaud- 


in  Hinterpommei'n  und  Westpreussen. 


189 


Schaft  vou  Süd  nach  Nord  durchziehen,  haben,  so  weit  ich  sie 
uälier  kennen  zu  lernen  Gelegenheit  hatte,  einen  durchaus  ver- 
schiedenen Charakter.  Die  Persante,  deren  Ursprung  in  einem 
heute  mit  Kalkschlamm  ansgefüllten  See  westlich  vou  Nenstettin  zu 
suchen  ist,  fliesst  zuerst  mit  geringem  Gefälle  durch  eine  Anzahl 
Moore ; daun  durchbricht  sie  die  Moräueulandschaft  an  deren  jetzt 
schmälster  Stelle  in  einer  mehrere  Kilometer  langen,  tiefen  Ero- 
siousschlucht,  au  deren  beiden  Gehängen  eine  ganze  Anzahl 
Glieder  des  Unteren  Diluviums  zu  Tage  treten.  Nach  dem  Aus- 
tritt aus  der  Schlucht  breitet  sicli  das  Thal  breit  trichterförmig 
aus.  Auf  dieser  Abrasiousfläche  treten  die  widerstandsfähigen 
Geschiebemergel  des  Unteren  Diluviums  und  zwischen  denselben 
aufgeschüttete  Thalsande  und  Schotter  auf.  (Fig.  11.) 

Das  umstehende  Profil  von  den  oberdiluvialeu  Höhen  bei 
Rafteubero;  über  Grameuz  durch  das  erweiterte  Persautethal  gelegt, 
zeigt,  dass  jene  Schichten  des  Unteren  Diluviums,  die  in  der  Per- 
santeschlucht  dicht  über  einander  auftreteu,  hier  auf  eine  grosse 
Fläche  vertheilt  einzeln  nach  einander  zu  Tage  treten. 

Ganz  anders  verhält  sich  das  Gotzelthal,  dessen  Ursprung 
mitten  in  die  Moräueulandschaft  südlich  vou  Rublitz  fällt.  Wie  das 
Profil  (Fig.  12)  durch  den  oberen  Theil  desselben  zeigt,  ist 
dasselbe  älter  als  das  Obere  Diluvium,  da  der  Geschiebemergel 
desselben  sowohl  die  Flanken  der  Mulde  überkleidet,  als  auch  im 
Tiefsten  derselben  inselartig  zu  Tage  tritt.  Nördlich  der  Stadt 
dagegen  wird  das  Thal  zum  reinen  Erosionsthale,  so  dass,  wie  das 
Profil  (Fig.  1.3)  zeigt,  auch  hier  wieder  die  ganze  Schichtenfolge 
des  Diluviums  in  den  einzelnen  terrasseuartigen  Absätzen  an  die 
Oberfläche  gelangt.  Dass  der  ausgeprägte  Muldenbau  im  oberen 
Theile  des  Gotzelthales  bereits  in  tiefen  Schichten  des  Unteren 
Diluviums  ausgedrückt  ist,  dafür  spricht  ein  ganz  besonderer  Um- 
stand. In  der  Stadt  Bublitz  sind  nämlich  an  mehreren  Punkten 
in  Tiefen  vou  40 — 56  Mefer  unter  der  Oberfläche  sehr  stark  aus- 
fliesscude  Wasser  erbohrt  worden;  dieselben  geben  Zeugniss  vou 
dem  Vorhandensein  einer  unterirdischen  Midde  unter  der  tief- 
liegenden Stadt,  deren  unterdiluviale  Glieder  nach  Osten  hin 
stärker  als  das  heutige  Terrain  austeigen  müssen.  Wenigstens  hat 


Fig.  11.  (Länge  1:25000.  Höhe  1:5000.) 


190 


K.  Keilhack,  Der  baltische  Höhenrücken 


in  Hinterpommern  und  Westpreussen. 


191 


das  östlichste  der  Bohrlöcher  die  wasserführeude  Schicht  in 
geringster,  das  westlichste  sie  in  grösster  Tiefe  getrofien. 

Noch  anders  ist  das  Verhalten  des  vom  Kalkbache  durch- 
flossenen Thaies  zwischen  Drawehn  und  Mühlenkainp.  Auch 
dieses  Thal  ist  Erosiousthal;  dabei  ist  es  aber  auffällig,  dass  au 
der  östlichen  Thalseite  der  Geschiebemergel  bis  fast  zum  Wiesen- 
niveau sich  hinabzieht,  während  die  westliche  von  oben  bis  unten 
aus  Bildungen  des  Unteren  Diluviums  besteht.  Fast  macht  es 

O 

den  Eindruck,  als  wäre  nach  der  Ausfurchung  dieses  Thalzuges 
noch  einmal  von  Osten  her  ein  Vorrückeu  des  Eises  über  die 
Ostseite  des  Thaies  und  damit  verbundener  Absatz  der  Grund- 
moräne erfolgt,  als  hätte  aber  das  Eis  nicht  mehr  die  genügende 
Stärke  besessen,  auch  den  westlichen  Thalraud  noch  zu  über- 
schreiten. 


Zu  den  auffälligsten  Erscheinungen  in  den  Thälern  der 

O O 

Moräuenlandschaft  gehören  die  ausgedehnten  und  mächtigen  Kalk- 
tnffablagerungen,  die  man  hier  und  da  an  ihren  Gehängen  autrifl't. 
Dieselben  ziehen  sich  oft  aus  einer  Höhe  von  15 — 20  Metern  iiber 
der  Thalsohle  bis  zu  dieser  herunter,  sind  parallel  dem  Gehänge 
in  dickere  und  dünnere  Bänke  geschichtet  und  enthalten  bisweilen 
Eiulagernngen  von  moorigen  Bildungen.  Der  poröse  helle,  gelb- 
liche oder  dunkelbraune  Kalktnft',  der  in  seinem  Aeusseren  völlig 
mit  den  gleichen  Bildungen  Thüringens  übereinstimmt,  zeichnet 
sich  durch  ausserordentliche  Reiidieit  aus.  Mehrere  Pro1)eu  zeigten 
einen  Gehalt  an  kohleusaurem  Kalke  von  9.3 — 96  pCt. , also  weit 
mehr  als  die  kalkreichsten  Wiesenkalke.  Der  Kalktufl'  ist  stellen- 
weise reich  an  organischen  Resten,  er  enthält  zahlreiche  Moose, 
Rohrsteugel  und  andere  unkenntliche  pflanzliche  Reste  einge- 
schlossen; oft  ist  er  reich  au  Conchylieuschalen,  die  alle  noch 
heute  in  nächster  Nähe  lebenden  Arten  angehören.  Dieser  Kalk- 
tnfl'  ist  von  Quellen  abgesetzt,  die  mit  grossem  Wasserreichthume 
au  den  Gehängen  der  Thäler  hervorbrechen.  Ihren  Gehalt  an 
gelöstem  kohlensaurein  Kalke  und  Eiseuoxydul  verlieren  sie  grössten- 
theils,  sobald  sie  bei  ibrein  raschen  Laufe  den  Abhang  hinunter 


192 


K.  Keilhack,  Der  baltische  Höhenrücken 


mit  der  atmosphärischen  Luft  in  innige  Berührung  treten,  und 
setzen  ihn  auf  den  Pflanzen  ab,  die  diese  dauernd  überrieselten 
Gehänge  bekleiden.  Ein  Rest  des  Kalkes  bleibt  in  Lösung  und 
wii'd  mit  in’s  Thal  hinuutergeführt,  wo  er  in  mehr  oder  weniger 
stagnirendem  Wasser  durch  die  Thätigkeit  kalkabscheidender 
Pflanzen  und  Thiere  als  schlammiger  weisser  Wiesenkalk  aus- 
gefällt wird.  So  kommt  es,  dass  in  den  Wiesen,  die  an  kalk- 
tufl’bedeckte  Thalg:ehäu<re  ana:renzen,  gewöhnlich  in  o-rösseren 
Ivagern  oder  in  einzelnen  Nestern  Wieseukalke,  Wiesenmergel 
oder  Moormergel  sich  finden.  Die  Mächtigkeit  dieser  Gehänge- 
bilduugen  kann  auf  5 — 6 Meter  steigen.  Sie  wurden  beobachtet 
am  Gehänge  des  Kalkliachthales  im  Mühlenkamper  Kalkholze  und 
weiter  nördlich  au  den  Thalgehäugeu  bis  nahe  an  Sydow;  im 
Gotzelthale  unterhalb  Neuhof  in  einem  so  stark  geneigten  Gebiete, 
dass  der  aus  den  starken  Quellen  entstehende  Bach  in  einem 
richtigen  Wasserfalle  über  die  Kalktuff bänke  hinwegstürzt;  nörd- 
lich von  Bublitz  bei  Goldbeck  in  mehreren  seitlichen  Buchten  des 
Gotzelthales;  am  Rande  des  Persantethales  bei  Gramenz;  dort  sind 
die  Chaussee  und  die  Eisenbahn  bis  auf  5 Meter  Tiefe  in  die 
ziemlich  lockeren  Gehängekalke  eingeschnitten.  Letztere  sind  hier 
von  noch  heute  ausströmenden  Quellen  abgesetzt,  die  aus  einem 
zwischen  zwei  unteren  Geschiebemergelbäuken  eingeschalteten 
Sande  zu  Tage  treten  (siehe  dasProfilNo.il).  Die  heilkräftigen 
Quellen  des  vielbesuchten  Bades  Polziu  in  der  »pommerschen 
Schweiz«  sind  nichts  anderes,  als  solche,  Eisenocker  und  Kalktuff 
absetzende  Wasser,  die  ihren  Mineralgehalt  aus  den  oberen 
Schichten  der  Moränenlandschaft  ausgelaugt  haben.  Von  andern 
Orten,  so  von  Bütow  und  von  Reinfeld  bei  Schivelbein  beschreibt 
VON  DEM  Borne  in  seinem  Eiuo-angs  citirten  Aufsatze  ähnliche 
V orkommnisse. 


Die  volle  Mächtigkeit  des  Diluviums  ist  in  der  Moräuenland- 
schaft  noch  nicht  ermittelt  worden,  doch  lassen  eine  Anzahl  von 
Bohruimen  schliessen,  dass  dieselbe  eine  recht  beträchtliche  ist. 

Ö z 

So  theilt  VON  DEM  Borne  die  Resultate  einer  Bohrung  mit, 
die  man  in  der  thörichten  Hoffnung,  Steinsalz  zu  erbohren,  bei  Per- 


in  Hinterpommern  und  Westpreussen. 


193 


sauzig,  westlich  von  Neustettin,  am  Südraude  der  Moräneulaud- 
schaft  uiedergehracht  hat.  Bis  zn  einer  Tiefe  von  96  Metern 
unter  der  Oberfläche,  49  Meter  über  dem  Meeresspiegel  wurden 
hier  wechsellagernde  Saude,  Grande,  Thoue  und  Geschiebemergel 
des  Unteren  Diluvium  augetrofteu.  Weiter  nach  Norden  stehen 
in  der  Stadt  Bublitz  eine  Beihe  von  Bohrungen  auf  40 — 56  Meter 
Tiefe,  bis  53  Meter  ü.  M.,  im  Diluvium,  welches  ausschliesslich 
ans  Unterem  Sand  und  Grand  mit  eiugelagerten  Geschiebemergel- 
bänken besteht. 

Ein  weiteres  Bohrloch  steht  am  Nordrande  der  Moräuenlaud- 
schaft  bei  Zebliu  am  Bande  des  tief  eingeschnitteueu  Baddüethales. 
Die  erbohrte  Schichtenfolge  war  die  gleiche,  wie  in  Bublitz,  die 
Tiefe,  bis  zu  welcher  das  Dilnvium  durch  die  Bohrung  aufgeschlossen 
wurde,  betrug  83  Meter  und  reichte  bis  zn  76  Meter  ü.  M. 

Auch  in  den  Thäleru  fanden  sich  nirgends  Spuren  von  zn 
Tage  tretenden  Tertiärbilduugeu , die  jedenfalls  das  nächste 
Liegende  des  Diluviums  in  diesem  Gebiete  bilden,  wie  überhaupt 
im  ganzen  grossen  Umfange  der  Moräneulaudschaft  nirgends^)  ein 
Punkt  anstehenden  Tertiärs  bekannt  geworden  ist,  mit  Ausnahme 
des  Abfalls  gegen  die  Weichseluiederung  bei  Danzig.  Dies  alles 
znsammengenommeu  spricht  otfenbar  für  eine  ganz  ungewöhnliche 
Mächtio'keit  der  Dilnvialbilduug:en  und  macht  das  Vorhandensein 
eines  beträchtlich  aufrageudeu  Kernes  von  älterem  Gebirge  unter 
dem  Höhenrücken  sehr  problematisch. 


Die  auffälligste  Eigenthümlichkeit  des  baltischen  Höhenrückens, 
der  er  seinen  Namen  »Seenplatte«  verdankt,  besteht  in  seinem 
Beichthnnie  au  Seen.  Sie  allein  sind  es,  die  der  zu  ihm  gehörigen 
Plaidesaudlaudschaft  einige  freundliche  Beize  verleihen.  In  geo- 
guostischer  Beziehung  sind  mit  den  Seen  auf  das  engste  die  Moore 
verknüpft,  da  dieselben  sämmtlich,  wenigstens  soweit  sie  in  ge- 
schlossenen Becken  liegen,  xirsprünglich  Seen  waren.  Ein  wie 
falsches  Bild  von  Form  und  Grösse  der  ursprünglichen  Seen  mau 

0 C4anz  kürzlich  fand  ich  Septarienthon  nnd  oheroligocilne  Sande  in  einer 
Ziegeleigrube  unmittelbar  bei  Soldin  anstehend. 


Jahrbuch  1889, 


13 


194 


K.  Keiliiack,  Der  baltische  Höhenrücken 


unter  Niclitberücksichtigung  dieses  Umstandes  gewinnen  würde, 
leimt  die  folgende  Skizze  (Fig.  14),  die  dem  Gebiete  der  Moränen- 
landschaft zwischen  Neustettin  und  Bublitz  entnommen  ist: 


In  derselben  ist  das  feste  Land  (einschliesslich  einer  Anzahl 
kleiner  darin  gelegener  Moore)  mit  Schraffur  versehen,  während 
der  weisse  Grund  den  alten  See  bezeichnet.  Punktirte  Linien 
geben  den  Umfang  von  acht  kleineren  Seen  an,  die  den  heutigen 


in  Hinterpommern  und  Westpreussen. 


195 


spärlichen  Rest  des  grossen,  alten  Wasserbeckens  bilden.  Wie 
einfach  nnd  schlicht  sind  die  Umrisse  dieser  heutigen  kleinen 
Seen,  wenn  man  sie  mit  dem  insei-  und  buchtenreichen  nr- 
S2:>rünglicheu  See  vergleicht!  Hat  derselbe  doch  bei  einer  grössten 
Ausdehnung  von  9 Kilometer  ungefähr  100  Kilometer  Uferliuie 
besessen,  einschliesslich  der  30  in  ihm  liegenden  Inseln!  Pleute 
sieht  man  au  Stelle  des  grössten  Theiles  dieses  alten  Sees  aus- 
gedehnte, zum  Theil  schwimmende  Moore,  deren  Betreten  stellen- 
weise mit  Gefahr  verknüpft  ist  (Baggermösse,  Briesen’sche  Mösse). 
Um  eine  Vorstellung  von  der  gewaltigen  Zahl  der  in  der  normal 
entwickelten  Moräueulandschaft  vorhandenen,  ursprünglich  wasser- 
gefüllten Bodensenken  zu  geben,  führe  ich  an,  dass  in  vielen  Ge- 
bieten die  Zahl  derselben  auf  einer  Qnadratmeile  4 — 600  beträgt. 

Die  Seen  gehören  ihrer  Form,  noch  mehr  aber  dem  Relief 
ih  res  Untergrundes  nach  3 gut  unterscheidbaren  Typen  an. 

].  Grundmoräneu  - Seen  im  Sinne  Wahn.schaffe’s  ^). 
Das  Charakteristische  ihrer  Lage  besteht  in  ihrem  Auftreten  in 
rings  geschlossenen  Becken,  die  keinen  oder  höchstens  einen  von 
Menschenhand  geschafleuen  Abfluss  haben,  ferner,  wenigstens  bei 
den  grösseren  dersell^en,  in  der  complicirten  Gestaltung  der  Ufer 
durch  Buchten,  die  oft  selbst  wieder  verzweigt  sind  und  in  den 
Inseln,  die  dem  Spiegel  dieser  Seen  entragen.  Nicht  weniger 
bezeichnend  ist  die  Form  ihres  Untergrundes,  welcher  den  Typus 
der  Moräueulandschaft  auf  das  deutlichste  ausgeprägt  zeigt.  Diese 
Seen  sind  heute  nicht  mehr  häufig,  bilden  aber  ursprünglich  weit- 
aus die  Mehrzahl.  Ihre  geschlossene  Lage  macht  sie  offenbar 
für  den  Vertorfuugsprocess  besonders  geeignet,  so  dass  wir,  wie 
beispielsweise  besonders  schön  bei  dem  oben  beschriebenen  alten 
See  nordwestlich  von  Nenstettiu,  an  ihrer  Stelle  heute  fast  überall 
Moore  erblicken.  Ein  sehr  schönes  Beispiel  eines  solchen  Mo- 
ränensees ist  der  Dratzig  - See  sowie  der  Papeuziu  - See,  von 
dem  ich  weiter  unten  ein  Kartenbild  gebe  (Fig.  15).  Diese  Art 
Seen  ist  auf  die  Moränenlaudschaft  beschränkt. 


9 F.  Wahnsohafpb,  Zur  Frage  der  Oberfläcliengestaltung  im  Gebiete  der 
baltischen  Seenplatte.  Dieses  Jahrb.  für  1887.  Berlin  1888,  S.  IGl. 

13* 


196 


K.  Keilhack,  Der  baltische  Höhenrücken 


2.  Riuneuseen.  Diesell)en  sind  ausgezeichnet  dnrcli  eine 
langgestreckte  Form;  sie  liegen  einzeln  oder  perlsclinnrartig  an- 
einandergereiht in  Rinnen,  die  entweder  beiderseits  geschlossen 
sind,  wie  das  Rinnensystein  der  Pinnowseen  (Fig.  17),  oder  in 
einem  ausgebildeteu  Thalznge  liegen,  wie  der  Tessenthin-  nnd 
Labes-See  (Fig.  20).  In  ihrem  Untergründe  stellen  alle  diese 
Seen  einfache  Mulden  dar,  in  denen  der  tiefste  Punkt  zumeist  in 
der  Mitte  liegt.  Die  von  Ule  in  seinem  Aufsatze  ^)  über  die 
Masurischen  Seen  betonte  Abhängigkeit  der  Gestalt  des  Seegrundes 
von  derjenigen  der  Ufergehänge  ist  vielen  Ausnahmen  unter- 
worfen. Die  prägnanteste  derselben,  die  mir  bei  meinen  Unter- 
suchungen aufgestossen  ist,  stellt  der  Stepener  Mühlensee  dar 
(s.  unten  Fig.  22  und  2.3).  Dieser  Seentypus  ist  sowohl  in  der 
Moränenlandschaft  wie  im  Ilaidesandgebiete  vertreten.  Während 
er  aber  in  der  ersteren  gegenüber  den  Moränenseen  (einschliess- 
lich der  Moore)  znrücktritt,  überwiegt  er  weitaus  im  letzteren, 
da  neben  ihm  nur  noch  einige  Seen  des  3.  Typus  sich  finden. 

3.  Becken  seen.  Diese  dritte  Art  von  Seen,  die  ich  als 
Beckenseen  bezeichnen  will,  besitzt  sehr  einfache  Umrisse,  ohne 
tief  einschneidende  oder  weit  verzweigte  Buchten  und  einen  Unter- 
grund, welcher  im  Verhältniss  znr  Grösse  des  Sees  ein  ganz 
flaches  Becken  darstellt.  Als  einen  Typus  dieser  Seen  kann  man 
den  Vilmsee  bei  Nenstettin  und  den  Virchow-See  bei  Wurchow 
(Fig.  24)  anführen,  beide  im  Sandgebiete,  aber  nahe  dem  Rande 
der  Moränenlandschaft. 

Man  kann  zu  einer  klaren  Vorstellung  über  die  baltischen 
Seen  nur  gelangen,  wenn  man  genau  das  Relief  ihres  Unter- 

O O z o 

grundes  kennt,  eine  Kenntniss,  die  nur  diu’ch  eine  grosse  Reihe 
von  Ablothungen  zn  erlangen  ist.  Ich  habe  es  mir  deshalb  an- 
gelegen  sein  lassen,  selbst  oder  unter  Ilülfeleistuug  der  unter 
meiner  Leitung  bei  den  Anfnahmearbeiten  thätigen  Knlturtech- 
niker,  Herren  Pohlitz,  Burck  und  Baldus,  eine  Reihe  von 
Seen  meines  Aufnahmegebietes  so  genau  abzupeilen,  dass  ich 
ein  Bild  des  Untergnindes  mit  Hülfe  von  fünfmetrigen  Tiefen- 
curven  zu  geben  im  Stande  war.  Ich  gebe  im  Folgenden  eine 


9 Dieses  Jahrb.  für  1889,  Berlin  1890. 


in  Hinterpommern  und  Westpreussen. 


197 


Anzahl  derartige  Seeubilder  in  Ausschnitten  aus  der  CTeneralstal)S- 
karte  1 : 25000  (nur  der  Virchow-See  ist  seiner  Grösse  wegen  auf 
1 : 50000  i-educirt),  aus  welchen  in  Folge  dessen  zugleich  die 
Gestalt  des  den  See  umgebenden  Geländes  abgelesen  werden 
kann.  Die  Tiefenlinien  sind  auf  den  Seespiegel  bezogen  und 
schliessen  sich  in  Folge  dessen  nicht  au  die  Höhenlinien  des 
Landes  an.  Die  tiefsten  Punkte  eines  jeden  Sees  sind  mit  rückwärts 
liegender  Zahl  an  der  betreflendeu  Stelle  eingetragen,  während 
die  andere  stehende  Zahl  die  Höhe  des  Sees  über  dem  Meeres- 
spiegel angiebt.  Ich  beginne  mit  dem  bereits  oben  angeführten 
Papenzin-See. 


Das  Bild  zeigt  sehr  deutlich  den  unregelmässig  bewegten 
Seegruud  im  südlichen  Theile  des  Beckens,  mit  mehreren  Inseln, 
einer  Bucht  und  zwei  kesselartigen,  tiefen  Löchern  im  östlichen 


198 


K.  Keilhack,  Der  baltische  Höhenrücken 


Theile  des  Sees.  Geschiebelelim  reicht  auf  alleu  Seiten  bis  zum 
Spiegel  des  Sees  hinunter  und  aus  Geschiebelehm  bestehen  die 
beiden  grösseren  Inseln,  während  die  kleineren  eine  dichte  Stein- 
packung zeigen,  die  offenbar  als  ein  Auswaschungsrückstand  des- 
selben zu  betrachten  ist.  Nach  Angaben  der  Fischer  soll  der 
Seegruud  in  allen  Theilen  ausserordentlich  steinig  sein.  Der 
nach  Norden  folgende  Theil  des  Sees  besitzt  mehr  einen  Rinnen- 
charakter, bis  endlich  im  nördlichsten  Theile  unserer  Skizze  durch 
den  herausragenden  Werder,  auf  dessen  westlicher  Seite  zugleich 
die  grösste  ermittelte  Tiefe  sich  findet,  wieder  eine  doppelte 
Muldung  mit  einem  beträchtlich  aufragenden  Rücken  dazwischen 
herbeia;eführt  wird.  Besser  als  alle  Worte  zei2;t  die  Aehnlichkeit 
des  Seegrundes  mit  der  Moränenlaudschaft  ein  Profil  durch  den 
südlichen  Theil  des  Sees  von  Ost  nach  West,  wie  es  die  folgende 
Skizze  bietet. 


Fig.  16.  (Länge  1 : 25000.  Höhe  1 ; 5000.) 


Unter  den  Riunenseen  der  Moränenlandschaft  gehören  zu  den 
auffälligsten  die  am  äusseren  Rande  derselben  gelegenen  4 Pinnow- 
seeu,  von  denen  die  3 westlichen  auf  dem  folgenden  Kärtchen 
(Fig.  17)  dargestellt  sind. 

Dieselben  liegen  in  einer  im  südlichen  Theile  des  grossen 
Pinnow-Sees  sich  gabelnden  Rinne.  Der  südliche  Arm  schliesst  sich 
bereits  kurz  östlich  vom  kleinen  Pinnow-See,  während  der  nörd- 
liche sich  bis  in  die  Nähe  von  Kl.  Carzenburg  fortsetzt  und  neben 
dem  Höllen -Pinnow -See  noch  weiter  östlich  einen  auf  unserer 
Karte  nicht  mehr  sichtbaren  See,  den  Pinnow -See,  sowie  ganz 
am  Ende  der  Rinne  ein  tiefes  kesselartiges  Loch,  die  Pinnow- 
Kuhle^),  enthält.  Auch  nach  der  Moränenlaudschaft  zu  ist  die 
Rinne  des  Grossen  Pinnow-Sees  vollkommen  geschlossen  und  steht 


9 PoHuaerscher  Fundort  für  Nwphar  pumilum. 


in  Hinterpommern  und  Westpreussen. 


199 


mit  deu  Seeu  bei  Porst  heute  iu  keinerlei  Zusammenliaug.  Auch  bei 
diesen  Seen  zielit  sich  der  Geschiebelehm  au  den  steilen  Gehängen 
bis  zum  Ufer  herunter,  vielleicht  sogar  unter  deu  Seen  hindurch. 

Fig.  17.  (1:25000.) 


Auffallend  ist  der  gi’osse  Unterschied  iu  der  Tiefe  dieser  Seen, 
da  der  kleinste  und  schmälste  derselben  27  Meter,  der  grösste  nur 
die  Hälfte  dieser  Tiefe  besitzt. 

Mit  Abfluss  versehen  sind  die  in  deu  beiden  folgenden  Skizzen 
gegebenen  Seeu, 


Fig.  18.  (1:25000.) 


200 


K.  Keilhack,  Der  baltische  Höhenrücken 


der  Saat-See  zwischen  Drawehn  und  Gr.  Carzenburg,  der  sich 
durch  den  Kalkreichthiun  in  seinem  Untergründe  auszeichnet,  so- 
wie der  flache,  moorige  Lüters-See, 


Fig.  19.  (1:25000.) 


ein  Rest  des  in  Fig.  14  dargestellten,  alten,  grossen  Sees. 

Die  nunmehr  folgenden  Seen  liegen  sämmtlich  im  Haidesand- 
a;ebiete  und  zwar  im  Stromgebiete  des  Küddowflusses.  Zur  öst- 
liebsten  Gruppe  gehören  die  in  Fig.  20  dargestellten  beiden  Seen 
nördlich  von  Baldenburg,  der  Tessenthin-  und  Lahes-See.  Beide 
sind  mit  einander  durch  eine  alluviale  Rinne  verbunden.  Die 
ursprünglich  doppelte  Verbindung  ist  klar  ausgedrückt  durch  den 
Rücken,  der  den  nördlichen  Theil  des  Labes-Sees  in  zwei  Mulden 
scheidet,  und  durch  ein  nördlich  von  der  einen  derselben  liegendes 
altes  Thal,  welches  etwa  5 Meter  über  dem  Spiegel  des  Tessen- 
thin-Sees  liegt.  An  letzterem  ist  ganz  besonders  schön  die  Ab- 
hängigkeit der  Formen  des  Seeuntergrundes  von  denjenigen  der 
Gehänge  zu  erkennen.  Fig.  21  giebt  ein  Profil  durch  den  tiefsten 
Theil  des  Sees. 

Zwischen  sandigen  Ufern  von  geringer  Erhebung  liegen  der 
Gr.  Damen-See  und  der  Stepener  Mühlensee.  (Fig.  22.) 


in  Ilinterpommern  und  Westpreussen. 


201 


Fig.  20.  (1  : 25000.) 


202 


K.  Kbilhack,  Der  baltische  Höhenrücken 


Fig.  21.  (Länge  1 : 25000.  Höhe  1 : 5000.) 


Fig  22.  (1  : 25000.) 


Sie  sind,  wie  die  eingeschriebenen  Ciirven  zeigen,  von  recht  vei'- 
schiedener  Tiefe,  imd  ganz  besonders  bei  dem  Stepener  Mühlensee 
muss  man  mit  Kücksicht  auf  die  niedrigen  Ufer  über  die  unge- 
wöhnliche Tiefe  erstaunt  sein.  Ein  Querprotil  durch  den  tiefsten 
Theil  des  letzteren  giebt  Fig.  23. 

Fig.  23.  (Länge  1 : 25  000.  Höhe  1 : 5000.) 


in  Hinterpommern  und  Westpreussen. 


203 


Den  letzten  der  dargestellten  liinuenseeii,  den  Gr.  Stüduitz- 
See  gebe  ich  in  1 : 50000  znsainmeu  mit  dem  ihm  benachbarten 
ausgedehnten  Becken  des  Virchow-Sees. 


Ein  ausgezeichneter  Vertreter  des  Typus  der  Riuneuseen  in  diesem 
Gebiete  ist  der  über  2 Meilen  lange  Dolgen-See,  der  bisher  nur 
in  seiner  Nordhälfte  untersucht  ist.  14  Meter  ist  seine  grösste  bis- 
lang gefundene  Tiefe. 


204 


K.  Keilhack,  Der  baltische  Höhenrücken 


Iia  Folgenden  gebe  ich  eine  Zusaminenstelluu<2r  der  {refundeneu 


grössten  Tiefen  in  27  Seen  der  Nenstetti 


n-Bublitzer  Gebend: 

O 


1. 

Stepeuer  Mühlensee 

33  Meter 

2. 

Papeuziu-See 

32 

» 

3. 

Tessenthiu-See 

31 

» 

4. 

Höllen -Pinnow- See 

27 

» 

5. 

Gr.  Stüdnitz-See  .... 

23 

» 

6. 

Virchow-See  . . . • . 

22 

» 

7. 

Labes -See 

15 

» 

8. 

Dolgen -See 

14 

» 

9. 

Gr.  Pinnow -See  .... 

14 

» 

10. 

Kl.  Pinnow -See  .... 

13 

» 

11. 

Gr.  Klewe-See 

12 

» 

12. 

Gr.  Damen -See 

12 

» 

13. 

Saat -See 

12 

» 

14. 

Dainerow-See  bei  Stepen 

9 

» 

15. 

Lüters-See 

8 

» 

16. 

Dorf- See  bei  Sparsee 

5,5 

» 

17. 

Priebs-See 

4 

» 

18. 

Gr.  Sclnnaiiuz-See 

4 

» 

19. 

Kl.  » » ... 

4 

» 

20. 

Camp -See  ...... 

4 

» 

21. 

Schwarz -See  westl.  Stepen  . 

4 

» 

22. 

Dorf- See  bei  Stepen  . 

4 

» 

23. 

Kttter-See  südl.  Stepen  . 

3,5 

» 

24. 

Lanken -See 

3,5 

« 

25. 

Schärpen- See 

2,5 

» 

26. 

Wurchower  Dorf- See 

2,1 

» 

27. 

Plötscheu-See 

1,5 

» 

Die  Entstehuna:  der  Moore  aus  den  Seen  lässt  sich  in  allen 

O 

Stadien  verfolgen,  da  noch  heute  dieser  Eutwickelnngsprocess  in 


b nur  in  der  Südhiilfte  untersucht, 
b nur  in  der  Nordhälfte  untersucht, 
nur  in  der  Osthälfte  untersucht. 


in  Hinterpommern  und  Westpreussen. 


205 


allen  seinen  Stufen  in  der  Natur  sich  absjiielt,  von  dein  festen, 
fast  wasserlosen  Moore  bis  zum  schwimmenden  Moosteppich  mit 
offener  Wasserblänke  in  der  Mitte.  Die  Haupt-  und  Aufaugs- 
arbeit  bei  der  Vertorfung  führen  schwimmende  Moose,  unterstützt 
durch  andere  Wasserpflanzen,  aus.  Sobald  dieselben  eine  hin- 
reichend dicke  Decke  gebildet  haben,  siedeln  sich  darauf  andere 
dem  Wasser  entwachsende  Moose  an,  die  nun  ihrerseits  den 
Boden  abgeben  für  solche  höhere  Pflanzen,  die  einen  hohen  Grad 
von  Feuchtigkeit  verlangen,  Menijanthes  trifoliata,  6'arc.r -Arten, 
Eriophoru'm,  Drosera  rotundifolia,  Vaccinium  Owycocciis,  Andromeda 
polüfolia  u.  a.  In  diesem  Zustande  ist  das  Moor  noch  immer 
schwimmend,  seine  Decke  steigt  und  fällt  mit  dem  Wasserspiegel. 
In  besonders  nassen  Jahren  sind  derartige  Moore  von  einer  Wasser- 
rinue  von  mehreren  Metern  Breite  und  wechselnder  Tiefe  eiime- 
schlossen.  Dieselbe  entsteht  dadurch,  dass  der  Wasserspiegel 
ungewöhnlich  steigt  und  eine  grössere  Fläche  eiunimmt,  als  vorher. 
Die  mitsteigende  Moordecke  aber  muss  ihre  Grösse  bei  behalten, 
und  die  Differenz  beider  Flächenräume  ist  ausgedrückt  durch 
den  das  Moor  umziehenden  Wasserstreifen.  Mit  der  Zeit  wird 
dasselbe  fester,  es  siedeln  sich  andere  Sträucher,  Empetrum  nigrum^ 
Vaccinium  uHginosum^  V.  Myrtillus^  V.  Vitis  Idaea  und  Ledum 
palustre  darauf  au.  Manchmal  versuchen  sogar  in  dem  dichten 
Moosteppich,  in  welchem  der  Fuss  bis  zum  Knie  versinken  kann, 
Kiefern  ihr  Dasein  zu  fristen,  und  bringen  es  daun,  wie  z.  B.  in  der 
oben  erwähnten  Briesen’schen  und  Bagger-Mösse,  nach  öOjährigem 
Bemühen  auf  Stämme  von  2 Meter  Höhe  und  3 — 5 Centimeter 
Durchmesser. 

Wird  das  Moor  durch  Höher  wachsen  oder  durch  künstliche 
Vertiefung  des  Wasserspiegels  noch  trockener,  so  verschwinden 
allmählich  die  Moose  und  das  Haidekraut  und  die  verschiedenen 
Arten  des  Wollgrases  besorgen  nun  in  der  Hauptsache  das  Ge- 
schäft der  Torfbilduug.  Während  der  ältere  im  Wasser  gebildete 
Theil  der  Moore  aus  nichts  anderem  als  hellgefärbteu,  dicht  ver- 
filzten, in  trockenem  Zustande  federleichten  Moosmassen  besteht, 
ist  das  jüngere,  aus  Haide  und  sauren  Gräsern  gebildete  Moor 
darüber  dunkel  gefärbt  und  bedeutend  schwerer.  Uebrigens  nehmen 

C5  O 


206 


K.  Keilhack,  Der  baltische  Höhenrücken 


auch  reiue  Moostorfe  eine  dunklere  Färbung  an  iind  liefern  einen 
bedeutend  compacteren  Torf,  wenn  mau  dem  Moore  durch  künst- 
liclie  Abzapfung  möglichst  viel  Wasser  entzieht. 


lieber  die  Entstehung  der  Moränenlandschaft  ist  bereits  eine 
ganze  Ibeihe  von  Ansichten  ausgesprochen , die  MAhnsciiaffe 
übersichtlich  zusammengestellt  hat^).  Er  selbst  hält  die  Formen 
der  Moränenlandschaft  bereits  im  Untergründe,  in  den  Sanden, 
die  unter  dem  Oberen  Geschiebelehm  lagern,  für  vorgezeichuet 
und  glaubt,  dass  dieses  Sandgebiet  seine  complicirte  Gestalt  durch 
Wassererosion  erlangt  habe.  Er  beruft  sich  dabei  auf  die  von 
mir  selbst  beschriebenen  isländischen  Sandr^).  Indessen  würden 
dieselben,  mit  einer  Grundmoräue  überkleidet,  keineswegs  ein  der 
Moräneulandschaft  äbnliches  Bild  ergeben.  Auch  müsste  ja  dann 
das  Haidesandgebiet,  in  welchem  die  Schmelzwasser  eine  ausge- 
dehnte Thätigkeit  entfaltet  haben,  in  seiner  Oberflächenform  mit 
der  Moräuenlandschaft  gewisse  Aehnlichkeiten  besitzen,  während  ich 
oben  grade  auf  den  ausserordentlichen,  landschaftlichen  Gegensatz 
beider  Gebiete  aufmerksam  machen  musste.  Zu  einer  andern  Er- 
klärung kommt  man,  wenn  man  folgende  Umstände  berücksichtigt: 

1.  dass  die  Moränenlaudschaft  auf  verhältnissmässig  hohe,  ja 
die  höchsten  Theile  des  norddeutschen  Flachlandes  beschränkt  ist 
uud  im  Osten,  d.  h.  in  den  Provinzen  Pommern  und  Ost-  uud 
Westpreussen  kaum  unter  120  Meter  Meereshöhe  herabgeht,  wohl 
aber  bis  zu  mehr  als  300  Metern  ansteigt; 

2.  dass  am  Südrande  und  in  der  Mitte  der  Moräneulandschaft 
ausgedehnte  Endmoränenzüge  liegen,  und 

3.  dass  an  dieselben  nach  Süden  hin  ausgedehnte  Sandgebiete 

o O 

sich  anschliessen. 

Daraus  geht  zunächst  mit  Sicherheit  das  Eine  hervor,  dass 
hier  zeitweilig,  nach  der  Ausdehnung  der  Eudmoräneu  zu  schliessen, 
sogar  für  ziemlich  beträchtliche  Zeit,  ein  Stillstand  des  Eises  statt 
hatte.  Während,  wie  wohl  allgemein  augeuommeu  wird,  die  aus- 


b Dieses  Jahrb.  für  1887,  S.  150  f. 

b Vergleicliende  Beobacbtg.  u.  s.  w.,  dieses  Jabrb.  für  1883. 


in  Hinterpom mern  und  Westpreussen. 


207 


gedelmteii  ebenen  Gescliiebemergelgebiete  nördlicher  und  südlicher 
gelegener  Gegenden  dafür  sprechen,  dass  über  sie  hinweg  der 
Eisrand  beim  Vorrücken  und  beim  Rückzüge  ziemlich  schnell 
sich  bewegte,  muss  er  durch  besondere  Umstände  innerhalb  der 
Moränenlandschaft  zum  Stillstände  gebracht  worden  sein.  Der 
Grund  dafür  liegt  auf  der  Hand,  wenn  man  den  oben  unter  1 
auö'eführten  Punkt  ins  Arme  fasst:  die  hohe  Lage  bedingte  eine 
niedrigere,  mittlere  Jahrestemperatur,  dadurch  vernnnderte  sich  der 
Verlust  durch  Verdunstung  und  Abschmelzen,  der  Nachschub  und 
der  Verlust  hielten  einander  annähernd  die  Wage,  d.  h.  der  Eisraud 
kam  zum  Stillstände.  Eine  einfache  Betrachtung  lehrt,  dass  dieser 
Stillstand  nicht  in  die  Peidode  des  Vorrückens  des  Eises  hineinfiel, 
sondern  in  die  Zeit  des  Rückzuges  gefallen  sein  muss.  Denn  ein 
im  Vorrücken  begriffenes  mächtiges  Binneueis  muss,  nachdem  es 
vermöge  seiner  bedeutenden  Mächtigkeit  eine  tlöhe  erreicht,  die 
zurück  liegende  Niederung  ausgefüllt  hat,  mit  um  so  grösserer 
Leichtigkeit,  ohne  Aufenthalt,  jenseit  der  Höhe  wieder  in  tiefer 
gelegene  Gebiete  niedergehen  können.  Ein  im  Rückzuge  be- 
griffenes Eis  aber  findet  auf  der  Höhe  Bedingungen  vor,  die  ihm 
so  zu  sagen  noch  eine  Galgenfrist  gewähren:  nach  Ablauf  der- 
selben  muss  es  aber  seinen  Rückzug  über  die  tiefer  gelegenen 
rückwärtigen  Gebiete,  in  unserem  Falle  über  die  Küstenzone,  mit 
um  so  grösserer  Schnelligkeit  bewerkstelligen.  Daraus  erklärt 
sich  leicht  die  so  wenig  bewegte  Oberfläche  dieser  S.  152  von  mir 
beschriebenen  Zone. 

Welche  Wirkungen  aber  übt  nun  das  Eis  in  der  Periode  des 
Stillstandes  aus?  Aus  den  Mittheilungen  der  dänischen  Geologen 
über  das  gröidändische  Binneneis  wissen  wir,  dass  der  Stillstand 
desselben  niemals  ein  vollkommener  ist,  dass  vielmehr  fortdauernd 
der  Eisrand  durch  grössere  oder  kleinere  Oscillationen  bald  mehr, 
bald  weniger  in  negativem  oder  positivem  Sinne  sich  verschiebt. 
So  können  wir  uns  also  vorstellen,  dass  aid'  der  baltischen  Seen- 
platte der  Eisrand  während  eines  langen  Zeitraumes  au  den  ver- 
schiedensten Stellen  und  zu  wiederholten  Malen  gelegen  hat,  und 
dass  nur  durch  die  Endmoränen  die  Stellen  eines  längere  Zeit 
dauernden,  völligen  Verharrens,  durch  die  Gebiete  der  Geschiebe- 


208 


K.  Keii.hack,  Der  baltische  Höhenrücken 


bescliüttung  diejenigen  eines  ausserordentlich  langsamen  Rückzuges 
angedeutet  werden.  Der  fortdauernd  dein  Eisrande  zugeführte 
Geschiebemergel  wurde  dabei  ausgewaschen,  das  nicht  transportir- 
bare  Material,  d.  h.  die  grossen  und  kleinen  Steine,  blieben  am 
Eisrande  liegen,  das  übrige  wurde  mehr  oder  weniger  weit  ent- 
fernt wieder  abgelagert.  Wir  müssen  annehmen,  dass  das  Material, 
welches  an  der  einen  Stelle  zu  einer  richtigen,  aus  einer  Stein- 
packuug  bestehenden  Endmoräne  znsammengehäuft  wurde,  au  den 
meisten  andern  auf  eine  Fläche  von  etwas  grösserer  Breite  ver- 
theilt wurde,  so  dass  wir  die  Gebiete  der  Geschiebebeschüttuug 
gewissermaasseu  als  ausgebreitete  Endmoränen  zu  bezeichnen 
liaben.  Aus  dieser  Annahme  eines  mit  Oscillationeu  und  mehr- 
maligem , fast  völligem  Stillstände  des  Eises  verbundenen  Aufent- 
haltes in  der  Periode  des  Rückzuges  können  wir  in  ungezwungener 
Weise  eine  ganze  Reihe  derjenigen  Erscheinungen  ableiten,  die 
das  eigenartige  Aussehen  der  Moräueulandschaft  bedingen.  Wir 
wissen  — auch  wieder  aus  Grönland  — , dass  die  Gebiete , die  bei 
dem  Rückzuge  des  Eises  in  einem  Oscillationsgebiete  eben  eisfrei 
geworden  sind,  aussehen,  als  ob  sie  mit  einem  gewaltigen  Pfluge 
bearbeitet  wären  ').  Es  beruht  das  auf  der  mehrfach  beobachteten 
und  beschriebenen  aufstauchenden  und  zusammeufalteuden  Thätig- 
keit  des  als  einseitige  Belastung  wirkenden  Eisrandes.  Wiederholen 
sich  derartige  Einwirkungen  auf  den  Untergrund  während  einer 
mehrmaligen  Vorwärtsbewegung,  so  müssen  sie  sich  summireu  und 
der  Landschaft  jenes  eigenartige  Relief  verleihen,  welches  wir  unter 
dem  Namen  der  Moränenlandschaft  begreifen.  Ich  glaube,  dass  es 
nicht  richtig  ist,  wie  E.  Geinitz und  A.  Jentzsch^)  es  gethau 
haben,  mit  grossen  Wassermassen  — sei  es  ausstrudelud,  sei  es 
subglacial  thätig  — die  Formen  der  Moränenlandschaft  zu  erklären. 
Diese  Wassermassen  hätten  Wege  sich  zu  bahnen  gewusst,  die 
wir  in  Form  eines  besser  als  das  vorhandene  geordneten  Abfluss- 

*)  H.  Rink,  Das  Binneiieis  GrÖBlands  nach  den  neuesten  dänischen  Unter- 
suchungen. Zeitschr.  d.  Ges.  f.  Erdk.  zu  Berlin,  Bd. '23,  S.  418  f. 

2)  Fk.  E.  Geinitz,  Die  Seen,  Moore  und  Flussläufe  Mecklenburgs,  Güstrow  1886. 

2)  A.  Jentzsch,  Beiträge  zum  Ausbau  der  Glacial-IIypothese.  Dieses  Jahrb. 
für  1884,  Berlin  1885,  S.  519. 


in  Hinterpommern  und  Westpreussen. 


209 


systemes  sehen  würden.  Man  kann  es  in  der  Moränenlandschaft 
deutlich  sehen,  wo  gegen  das  Ende  der  Vergletscherung  grosse 
Wassermasseu  thätig  waren.  Das  war  überall  da  der  Fall,  wo 
wir  aus  dem  Lehm  in  das  Sandgebiet  tiefe  Kinnen,  moor-  oder 
wassererfüllt,  herausführen  sehen.  Wenn  aber  au  zahlreichen 
Stellen  des  Eisrandes  grosse  Schmelzwasserströme  demselben 
entflossen,  so  braucht  das  deswegen  durchaus  nicht  überall  der 
Fall  gewesen  zu  sein.  Ich  glaube  vielmehr,  dass  die  Beobachtungen 
am  Frederikshaabs  Isbliuk  in  Südgrönlaud,  w'elcher  auf  grosser 
Linie  schmelzwasserfrei  mit  seinem  Rande  verharrt,  indem  der 
Nachschub  vollkommen  durch  Verdunstung  an  der  wärmeren  Luft 
aufgezehrt  wiiaD),  den  Schluss  auf  analoge  Vorkommnisse  am 
Rande  des  diluvialen  Binneneises  gestatten.  Grosse  Wassermengen 
müssen  ofienbar  den  Charakter  der  Moräneulandschaft,  die  abfluss- 
losen Becken,  zerstören,  können  also  unmöglich  denselben  geschaften 
haben.  Wo  grosse  Schmelzwasserströme  unter  dem  Fisraude  her- 
vortrateu,  da  ist,  wie  z.  B.  in  der  Umgebung  der  Pinnowseeu, 
(Fig.  17)  der  Charakter  der  Moräneulandschaft  stark  verwischt, 
die  Menge  der  geschlossenen  Depressionen  wieder  zerstört  worden. 
Ich  glaube  demnach,  dass  das  Charakteristische  der  Moränenlaud- 
schaft,  ihr  Reichthum  an  abflusslosen  Becken,  nicht  sowohl  ein 
Resultat  erodirender  Wasser,  als  vielmehr  eine  Aeusseruug  mehr- 
fach summirter,  mechanischer  Arbeitsleistung  des  vorrückendeu 
Eises  auf  seinem  Untergründe  ist.  Lagerungsstörungeu  in  dem- 
selben, d.  h.  in  den  Unteren  Sanden  unter  dem  Geschiebelehm, 
vermaa:  ich  bei  dem  Mangel  au  Aufschlüssen  und  der  Mächtig- 
keit  des  Oberen  Diluvium  als  Stütze  meiner  Ansicht  nicht  anzu- 
führen, wohl  aber  den  Umstand,  dass  an  den  Rändern  der 
Depressionen  die  Decke  des  Geschiebelehmes  durchaus  nicht 
schwächer  ist  als  auf  den  Höhen,  was  doch  der  Fall  sein  müsste, 
wenn  eine  starke  Erosion  oder  gar  Evorsion  alle  diese  Becken 
ausgearbeitet  hätte. 

Mit  der  Bekleidung  der  so  umgestalteten  Oberfläche  mit 
der  Grundmoräne,  dem  Geschiebelehm,  war  die  Vorbedingung  für 


')  Meddelelser  om  Grönland,  Bd.  1,  Heft  1.  H.  Rink,  1.  c. 


Jahrbuch  1889. 


14 


210 


K.  Keilhack,  Der  baltische  Höhenrücken 


die  Entstellung  von  Seen  ans  diesen  Depressionen  gegeben,  indem 
durch  die  Undurchlässia:keit  desselben  ein  schnelles  Versickern 
des  Wassers  in  tiefer  liegende,  trockene  Schichten  unmöglich  ge- 
macht wurde.  Woher  das  Wasser  dieser  Seen  stammt,  ist  eine 
leicht  zu  beantwortende  Frage:  jedes  dieser  Becken  ist  von  einem 
liald  grösseren,  bald  kleineren  Gebiete  umgeben,  welches  bei  der 
allgemeinen  Undurchlässigkeit  des  Untergrundes  alle  Niederschläge 
ihm  zuführen  muss.  Dieser  Zufuhr  wirkt  einmal  die  Verdunstung 
entgegen,  dann  auch  der  wohl  nur  als  sehr  gering  zu  ver- 
anschlagende Verlust  durch  Eindringen  des  Wassers  in  tiefere 
Schichten.  Aus  dem  Wechsel  des  Verhältnisses  zwischen  Gewinn 
und  Verlust  resultirt  die  Grösse  des  jeweiligen  Wasserspiegels  der 
Seen,  welcher,  soweit  nicht  künstliche  Eingrifte  eingewirkt  haben, 
in  verschiedenen  Jahren  ein  verschiedener  ist. 

Der  Umfang  dieser  Seen  musste  natürlich  vollkommen  ab- 
hängig sein  von  Grösse  und  Gestalt  der  Depressionen  und  von 
höherer  oder  niedrigerer  Ivage  desjenigen  Punktes,  an  welchem 
das  steio'ende  Wasser  zuerst  einen  Abfluss  in  ein  anderes  Becken 
oder  in  ein  Fliesswassersystem  finden  konnte.  Manche  dieser 
Seen  haben  daher  auch  zeitweilige  Abflüsse,  wie  der  Kammin-See 
bei  Breitenberg,  der,  in  trockenen  Jahren  abflusslos,  in  nassen 
über  eine  niedrige  Stelle  seiner  Umrandung  hinweg  einen  Abfluss 
in  das  Kaddüe-Thal  besitzt. 

In  der  oben  ausgeführten  Art  denke  ich  mir  alle  Grund- 
moränenseen und  aus  denselben  hervorp'eg:an Irenen  Moore  ent- 
standen.  Eine  riesenkesselartige  Entstehung  zahlreicher,  kleiner, 
kesselartio'er  Pfuhle  a;if  ebenen  Mera;elflächen  will  ich  damit  durch- 
aus  nicht  in  Abrede  stellen.  Die  ausgedehnte  Rolle,  die  Geinitz 
den  ausstrudelnd  wirkenden  Schmelzwassern  zuschreibt,  vermag 
ich  dagegen  nicht  anzuerkennen , wenigstens  nicht  für  die  Seen 
der  hinterpommerschen  Moränenlandschaft. 

Was  nun  die  Entstehung  der  in  Rinnen  liegenden  Seen,  des 
zweiten  der  von  mir  beschriebenen  Seentypen,  betrifft,  so  herrscht 
wohl  kein  Zweifel  darüber,  dass  die  von  ihnen  ausgefüllten  Ver- 
tiefunofen  durch  nach  Süden  strömende  Schmelzwässer  des  Eises 

O 

ausgewaschen  sind.  Wo  diese  Rinnen  jetzt  noch  zu  einem  nor- 


in  Hinterpommern  und  Westpreussen. 


211 


mal  entwickelten  Fliesswassersystem  gehören,  kann  darüber  gar 
kein  Zweifel  sein.  Viele  dieser  Rinnen  sind  aber  heute  nur  in 
Stücken  vorhanden,  aus  ihrem  ursprünglichen  Zusammenhänge 
bis  zur  völligen  Unkenntlichkeit  desselben  losgelöst.  Diese  Er- 
scheinung lässt  sich  in  der  Weise  erklären:  jedenfalls  sind  die 
Rinnen  ursprünglich  alle  vollkommen  ausgebildet  gewesen,  aber 
nicht  neben,  sondeni  nach  einander,  und  bei  den  im  Vorlande 
der  Gletscher  so  häufigen  Stromverlegungen  theilweise  wieder 
zugeschüttet  worden,  so  dass  nur  die  jüngsten  dieser  Rinnen  bis 
heute  geblieben  sind.  Ich  habe  an  anderer  Stelle  derartige  Strom- 
bettverleguno-eu  und  dadurch  bewirkte  Zuschüttunoj  und  Ab- 
Schnürung  älterer  Rinnen  an  Beispielen  aus  heute  vergletscherten 
Gebieten  geschildert^),  welche  den  besten  Beweis  dafür  liefern,  dass 
bei  der  weit  grossartigeren  Vergletscherung  Norddeutschlauds  der- 
artige Erscheinungen,  noch  dazu  bei  den  auf  dem  Ilöheurückeu 
gebotenen  Gefällverhältnissen,  sich  noch  in  viel  hervorragenderer 
Weise  müssen  geltend  gemacht  haben. 

Ueber  die  Entstehung  der  Beckenseen  des  Sandgebietes  habe 
ich  ein  abschliessendes  Urtheil  noch  nicht  gewonnen. 

Von  hervorragender  Beweiskraft  für  die  Natur  der  Moräneu- 
landschaft  als  eines  Gebietes  des  Stillstandes  resp.  häufiger 
Oscillatlonen  beim  Rückzuge  des  Eises  ist  die  auf  viele  Meilen 
entlang  ihres  Südraudes  von  mir  festgestellte  Haidesandfläche. 
Dieselbe  ist  ein  genaues  und  typisches  Aequivalent  zu  den  von 
mir  beschriebenen  »Sandr«  vor  den  grossen  Gletschergebieten 
der  Insel  Island  und  spricht  auf  das  Klarste  für  die  Richtigkeit 
meiner  Auffiissuug.  Hier  der  lange , schmale  Endmoränenzug, 
hinter  ihm  die  vom  hin-  und  hergehenden  Eise  wie  ein  tobendes 
Meer  aufgepflügte  Gruudmoräneulaudschaft  und  vor  ihm  das  weite 
Gebiet,  auf  welchem  die  Schmelzwasser  des  Eises  die  traus- 
portirbaren  Theile  der  Gruudmoräne  nach  Süden  tragen,  während 
die  schweren  Blöcke  als  Endmoräne  oder  Geschiebebeschüttung 
liegen  bleiben.  Wie  dem  am  Südrande  der  Moränenlandschaft 
liegenden,  fast  ununterbrochenen  Endmoränenzuge  die  grosse  ebeu- 


U* 


*)  Dieses  Jahrb.  für  1883,  S.  159. 


212 


K.  Keii-hack,  Der  baltische  Höhenrücken 


folls  lückenlose  Haidesandebene  entspricht,  so  liegt  vor  dena 
S.  179  erwähnten,  rückwärtigen  Zuge  inmitten  der  Moränenland- 
schaft ein  oft  unterbrochener  bald  breiterer,  bald  schmälerer 
Streifen  von  Geschiebesand,  der  nur  dadurch  von  dem  des  grossen 
Saudgehietes  sich  unterscheidet,  dass  der  Obere  Geschiebemergel 
in  Tiefen  von  3 — 5 Metern  sein  Liegendes  bildet.  Dieser  Sand- 
streifen ist  also  entstanden  während  einer  kürzeren  Stillstands- 
periode des  Gletscherfusses  an  der  Stelle,  wo  jetzt  die  einzelnen 
Stücke  des  zweiten  Endmoränenzuges  sich  finden. 

Nun  erklärt  sich  auch  das  S.  164,  Fig.  3 dargestellte  und  er- 
wähnte Auftreten  zweier  Geschiebelehmbänke,  die  beide  dem 
Oberen  Diluvium  angeboren.  Bei  einer  Rückwärtsbewegung 
wurde  die  untere  derselben  abgelagert,  resp.  zurückgelassen;  die- 
selbe überzog  dabei  eine  tiefe  Depression;  nördlich  von  derselben 
kam,  w'orauf  die  Endmoränenstücke  bei  Friedenhof  hinweisen,  der 
Eisrand  wieder  zum  Stehen;  während  dieses  Stillstandes  wurde 
die  Depression  grösstentheils  mit  Sand  und  Kies  ausgefüllt,  w'obei 
die  in  den  Förster  Seen  heute  zum  Theil  noch  erhaltene  Schmelz- 
wasserrinne entstand.  Dann  erfoGte  wieder  ein  kurzes  Vorrücken 

o 

des  Eises,  bei  welchem  über  jenen  Geschiebesandeu  abermals 
eine  wenig  mächtige  Grundmoräne  abgelagert  wurde,  die  sogar 
grösstentheils  von  den  Schmelzwassern  wieder  zerstört  wurde. 

Räthselhaft  bleibt  vor  der  Hand  die  Entstehung  des  Deck- 
thones,  w'enigstens  derjenigen  Ablagerungen  desselben,  die  heute 
deckenartiff  auf  den  höheren  Erhebungen  lagern.  Ihr  ausser- 
ordentlicher  Reichthum  au  Thon,  der  Mangel  an  Saud  und  die 
Schichtung  sprechen  entschieden  für  Absatz  in  ruhigen  Becken. 
Da  diese  Thoue  aber  auf  den  Höhen  lagern,  so  können  die  Ränder 
der  Becken  nur  in  einem  Gebilde  bestanden  haben,  welches  seit- 
dem verschwunden  ist.  Da  die  Ei’osion  aber  in  diesen  Gebieten 
bisher  ersichtlich  so  wenig  gewirkt  hat,  dass  man  heute  noch 
annähernd  dieselbe  Terrainffestaltuno-  wie  kurz  nach  dem  Ver- 

Ö O 

schwinden  des  Eises  vor  sich  hat,  so  kann  eben  nur  das  Eis  jene 
Becken  eingeschlossen  haben.  Noch  fehlt  es  an  Beobachtungen 
von  Seen,  nicht  auf  dem  Eise,  sondern  im  Eise,  aber  mit  der 
Gruudmoräue  als  Untergrund,  Seen,  denen  ihre  jedenfalls  supra- 


in  Hinterpommern  und  Westpreussen. 


213 


glacialen  Zuflüsse  nur  Thon  und  feinsten  Sand  zuführen.  Solche 
Seen  aber  muss  es  am  Rande  des  Binneneises  auf  dem  nordost- 
deutschen Höhenrücken  an  vielen  Stellen  gegeben  haben. 

Ich  habe  absichtlich  nur  ülier  die  Entstehung  der  Ober- 
flächenformen der  Seenplatte  gesprochen  und  es  vermieden,  auf 
die  Frage  nach  der  Bildung  des  Höhenrückens  selbst  eiuzugehen. 
Ich  glaube,  dass  eine  Beantwortung  dieser  Frage  sich  nur  auf 
eine  leidlich  genaue  Kenntniss  der  Mächtigkeit  des  Diluviums  und 
des  Alters  der  unter  ihm  folgenden  älteren  Formationen  an  einer 
Anzahl  Stellen  des  Höhenrückens  stützen  darf. 

Zwischen  Oder  und  Weichsel  aber  ist  uns  Beides  bislang 
auch  nicht  von  einer  einzigen  Stelle  bekannt.  Es  kann  unmöglich 
zur  Erweiterung  unserer  Kenntniss  dienen,  über  die  Entstehung 
des  4 — 500  Kilometer  langen  Höhenrückens  zwischen  Oder  und 
Weichsel  hypothetische  Vermuthungen  auszusprechen,  ohne  die- 
selben durch  auch  nur  einen  einzigen  Beweis  stützen  zu  können. 

Ebensowenig  möchte  ich  jetzt  schon  aus  der  Verbreitung  der 
beschriebenen  Endmoräne  Schlüsse  ziehen,  sondern  lieber  damit 
warten,  bis  ihr  Zusammenhang  mit  der  von  Berbndt  so  genannten 
»südlichen  baltischen  Endmoräne«  sowie  die  östliche  Fortsetzung 
beider  auf  möglichst  Aveite  Strecken  genauer  festgestellt  sind. 


Nachschrift. 

Während  des  Druckes  des  vorstehenden  Aufsatzes  hatte  ich 
Gelegenheit,  die  als  Endmoränenzug  bezeichnete  Zone  grösster 
Geschiebeanhäufuug  von  der  pommersch- neumärkischen  Grenze 
in  der  Gegend  von  Nörenberg  an  auf  weitere  100  Kilometer  Länge 
durch  die  Neumark  bis  in  die  Geffend  von  Soldiu  zu  verfolgen. 
Der  Zug  verläuft  von  Alt- Storkow  bei  Nörenberg  fast  ununter- 
brochen über  Nörenberg,  Temnick  und  Gr.-Silber  nach  Steiuberg 
bei  Reetz.  Von  da  an  nach  Süden  wird  der  Zug  sehr  lückenhaft, 
nur  au  wenigen  Stellen,  bei  Cratzuick,  Rohrbeck  und  Augustwalde 


214 


K.  Keilhack,  Der  baltisclie  Höhenrücken  etc. 


begegnet  man  beträchtlichen  Geschiebeanhänfungen.  Nicht  zu 
bezweifeln  ist,  dass  noch  zahlreiche  Endmoränenstücke  bei  ge- 
nauer Kartirung  auch  hier  sich  finden  werden.  Erst  zwischen 
Gerzow  und  Krining  setzt  der  Zug  wieder  ein  mit  prächtigen, 
langgestreckten  Rücken  aus  mächtigen  Blöcken.  Von  hier  an 
lässt  er  sich  gut  verfolgen  über  Hasselbusch,  Herzfelde,  Eichwald, 
Brunken  (bei  Berlinchen),  Kerngrund,  Kienitz,  Gollin  und  Schoue- 
berg  a,uf  Woltersdorf  bei  Soldin  zu.  Dieser  letzte  Punkt  ist  nur 
noch  45  Kilometer  von  der  Oder  entfernt. 

Auch  in  der  Neumark  lieo;t  der  Geschiebezug  meist  hart  auf 
der  Grenze  der  aus  Geschiebemergel  bestehenden  Moränenland- 
schaft gegen  das  auch  hier  südlich  resp.  östlich  angrenzende  weite 
Sandgebiet.  Wo  die  Geschiebepackungen,  wie  südöstlich  von 
Soldin  oder  südlich  von  Nöi’enberg,  auf  Höhen  liegen,  die  ihre 
Umgebung  überragen,  da  kann  man  den  landschaftlichen  Gegen- 
satz prächtig  beobachten:  auf  der  einen  Seite  eine  weite,  höchstens 
schwach  wellige  Ebene  mit  spärlichen  Dörfern  und  ausgedehnten 
Kiefernwäldern;  auf  der  anderen  Seite  ein  stark  bewegtes  Hügel- 
land mit  zahllosen  Kuppen  und  Bergkegeln,  vielen  Mooren,  reich- 
licheren Ansiedelungen  und  schönen  Buchenwäldern. 

Die  Geschiebeanhäufungen  treten,  wie  erwähnt,  in  verschie- 
dener Weise  auf:  einmal  als  Packungen  von  mehreren  Metern 
Mächtigkeit,  ihrer  äusseren  Form  nach  dann  kleine  Hügel-  und 
Kammstücke  darstellend;  oder  als  Geschiebebeschüttungeu,  ge- 
wissermaassen  als  ausgebreitete,  über  grössere  Fläche  vertheilte 
Packungen.  Die  Unterlage  bildet  in  beiden  Fällen  entweder 
durchragender  Unterer  Sand,  wie  bei  Soldin  zwischen  Mietzelfelde 
und  Schöneberg  oder  südlich  Nörenberg  zwischen  Temnick  und 
Steinberg ; diese  Gebiete  entsprechen  auf  das  genaueste  den  von 
Schröder  beschriebenen  uckermärkischen  Durchragungszügen. 
Im  anderen  Falle  sind  die  Geschiebepackuugen  und  Beschüttungen 
dem  Oberen  Geschiebemergel  der  Moränenlandschaft  einfach  auf- 
gelagert, wie  das  besonders  schön  unmittelbar  nordöstlich  von 
Nörenberg  und  an  der  im  Bau  begriffenen  Chaussee  von  Alt- 
Storkow  nach  Wangerin  zu  sehen  war. 


Prestwicliia  (Euproops)  Sclieeleaiia  ii.  sp. 

Von  Herrn  Th.  Ebort  in  Berlin. 


Die  Gattung  Prestivicliia  wurde  von  IT.  Woodward  1866 
fiir  diejenigen  Xipliosueen  auf  gestellt , welche  den  allgemeinen 
Charakter  von  Belinurus  haben,  bei  denen  aber  die  Glieder  des 
Kumpfes  nicht  frei,  vielmehr  mit  dem  Abdomen  zu  einem  com- 
pacten Schild  verwachsen  sind,  insofern  also  den  himuU  sich 
nälieni.  Es  sind  bis  jetzt  vier  Arten  davon  bekannt  geworden; 
P.  owiCraa’ PßESTWiCH  sp.^),  P.  Birtwelli  H.  WoODW.  •'*),  P.  rotmi- 
data  Pkestwich  sp.  und  P.  Danae  Meek  et  Worthen  5). 
Während  die  ersten  beiden  sich  seither  nur  in  der  Steinkohlen- 
formation Englands  gefunden  haben,  die  letztgenannte  nur  in  der 
Steinkohlenformation  von  Illinois,  ist  P.  rotundata  aus  England 
und  Belgien  beschrieben  worden.  Zu  ihr  rechnete  auch  Bölsciie 
Prestwichien-Reste,  welche  in  der  Steinkohlenformation  des  Pies- 
berges  bei  Osnabrück  gefunden  worden  sind. 

Vor  Kurzem  wurde  nun  von  dem  Herrn  Bergingenieur  Scheele 
in  Recklinghausen  der  Directiou  der  Köuigl.  geologischen  Landes- 

b Quart.  Journ.  Geol.  Soc.  London  1867,  Bd.  XXIII,  S.  32. 

b Wood  WARD,  A Monograph  of  tlie  British  fossil  Crustacea.  Merostomata, 
1866-1878,  S.  244,  Taf.  XXXI,  Fig.  6 und  6a. 

3)  Ibid.,  S.  247,  Taf.  XXXI,  Fig.  7a-c. 

b Ibid.,  S.  246,  Taf.  XXXI,  Fig.  5. 

b Meek  and  Woethej«,  Geological  survey  of  Illinois,  Vol.  II,  S.  395,  Taf.  32, 
Fig.  2 und  Vol.  III,  S.  547. 

®)  Kokinck,  Notice  sur  le  Prestwicliia  rotundata,  Bull,  de  l’acad.  royale  de 
Belgique,  3 ser. , Bd.  I,  S.  479. 

b Jahresbericht  VI  des  naturwissenschaftlichen  Vereins  zu  Osnabrück  für 
die  Jahre  1883  und  1884.  Osnabrück,  1885,  S.  268  ff. 


216  Th.  Ebert,  Prestwichia  (Euproops)  Scheeleana  n.  sp. 

anstalt  für  die  Sammlung  ein  den  Umständen  nach  vorzüglich  er- 
haltenes Exemplar  einer  Prestxoicliia  zugesandt,  welches  von  ihm 
im  Jahre  1885  in  einem  Gesteinsstück  aus  dem  Hangenden  vom 
Leitflötz  der  Fettkohlenpartie  Röttgersbank  der  Zeche  Wolfs- 
bank in  der  Rheinprovinz  entdeckt  worden  ist. 

Das  Stück  ist  (Fig.  1)  bis  auf  den  fehlenden  Schwanzstachel 
ziemlich  vollständig  erhalten.  Das  Kopfschild  ist  aber  etwas  ver- 
drückt und  zwar  ist  der  Vorderrand  desselben  von  vorn  nach 
hinten  etwas  zusammengeschoben  und  die  linke  Seite  und  theil- 
weise  auch  die  Mitte  der  Glabella  sind  bei  der  Erzeugung  einer 
Rutschfläche  in  dem  verhältnissmässig  milden  Schieferletten,  in 
welchem  die  Versteinerung  liegt,  in  Mitleidenschaft  gezogen  und 
dadurch  die  charakteristischen  Züge  etwas  verwischt  worden. 
Immerhin  sind  sie  deutlich  genug,  um  in  Verbindung  mit  der 
besser  erhaltenen  rechten  Hälfte  ein  ziemlich  klares  Bild  der  Ge- 
stalt der  Glabella  zu  geben.  Uebrigens  ergänzt  der  ebenfalls  vor- 
liegende Abdruck  die  Versteinerung  in  manchen  Punkten. 

Das  Kopfschild  ist  an  der  breitesten  Stelle  40  Millimeter  breit 
und  misst  15  Millimeter  in  der  Länge,  doch  dürfte  die  letztere 
in  Anbetracht  der  Verdrückung  noch  1 oder  2 Millimeter  mehr 
betragen  haben.  An  den  beiden  Hinterecken  setzt  sich  der  breite 
Saum  desselben  in  je  einen  Stachel  fort,  der  sich  schnell  verjüngt, 
und  auf  der  linken  Seite  in  einer  Länge  von  12  Millimeter  vor- 
handen ist,  bei  erhaltener  Spitze,  welche  hier  fehlt,  wohl  14  bis 
15  Millimeter  lang  gewesen  sein  mag.  Während  der  Vorderrand 
des  Kopfschildes  gleichmässig  gebogen  ist,  ist  der  Hinterrand  an 
der  Glabella  gerade,  von  da  nach  den  Stacheln  jederseits  etwas 
eingebuchtet. 

Die  Glabella  hat  im  Allgemeinen  die  Form  eines  Vierecks, 
dessen  hinterer  Rand  gerade,  der  vordere  convex  und  die  beiden 
seitlichen  Ränder  concav  sind.  An  den  beiden  Vorderecken 
scheinen  die  Augen  gelegen  zu  haben.  Durch  einen  mittleren, 
kielartifiren  Länssstreifen , der  nach  hinten  sich  zu  verdicken 
scheint,  wird  die  Glabella  in  zwei  gleiche  Hälften  getheilt.  Das 
Vorderende  dieses  Streifens  bildet  den  Scheitel  eines  kleinen 
Sinus,  welcher  den  convexen  Vorderrand  der  Glabella  in  der 


Th.  Ebert,  Prestwichia  (Euproops)  Scheeleana  n.  sp, 


217 


218  Th-  Ebekt,  Prestwichia  (Euproops)  Scheeleana  n.  sp. 

Mitte  einbuclitet.  Etwa  in  der  halben  Entfernnusr  von  der 

o 

Mittelleiste  znin  seitlichen  Rand  entspringt  am  Hinterrand  jeder- 
seits  eine  weitere  Leiste,  welche  ähnlich  den  Seitenrändern  in 
concavem  Bogen  zunächst  nach  innen,  dann  nach  aussen  und 
vorn  läuft.  Der  zwischen  beiden  gelegene  Theil  der  Glabella 
war  wenigstens  hinten  offenbar  stärkei’  gewölbt,  als  die  seitlich 
gelegenen  Theile.  Die  Glabella  ist  10  Millimeter  lang,  an  den 
Vordereckeu  etwa  17  Millimeter  und  an  den  Hintereckeu  nnsfe- 
führ  13  Millimeter  breit.  In  einer  Entfernung  von  7 Millimeter 
vom  Hiuterraude  verbinden  undeutliche  Querleisten  die  Mittel- 
kaute mit  den  benachbarten  Läugskanten. 

Thorax  und  Abdomen  sind  zu  einem  Schild  verwachsen, 
dessen  Länge  excl.  des  Saumes  15  Millimeter,  die  grösste  Breite 
23  Millimeter  beträ<rt.  Er  ist  aus  7 Segmenten  zusammeua:esetzt. 
Der  Saum  ist  4 Millimeter  breit  und  ausserdem  mit  Dornen  ent- 
sprechend der  Anzahl  der  Leibes-Segmeute  versehen,  welche  nach 
hinten  gerichtet  und  au  den  vorderen  Segmenten  3 bis  4 Milli- 
meter  laug,  au  den  hinteren,  wie  aus  dem  Gegendruck  zu  ersehen 
ist,  noch  länger  sind.  Die  Axe  ist  vorn  6 Millimeter  breit,  ver- 
jüngt sich  bis  au  das  sechste  Segment  auf  4 Millimeter,  ver- 
breitert sich  dann  plötzlich  wieder  auf  reichlich  6 Millimeter,  um 
daun  in  einem  stumpfen  Winkel  zu  endigen.  Diese  knotige  Ver- 
breiterung der  Axe  erinnert  sehr  an  diejenige  der  P.  BirtioelU^ 
reicht  aber  nicht  bis  an  das  hintere  Ende  des  Rumpfschildes, 
bleibt  vielmehr  noch  etwa  1 Millimeter  von  demselben  entfernt. 
An  dem  hinteren  Rande  der  Verdickung  ist  eine  undeutliche 
Grube  sichtbar,  in  die  wohl  der  Stachel  eiugeleukt  war.  Die 
Segmente  der  Axe  scheinen  mit  je  einer  Wai’ze  versehen  gewesen 
zu  sein.  ^ 

Die  Stücke  von  Osnabrück,  welche  mir  Herr  Dr.  Bölsche 
zugänglich  machte,  wofür  ich  ihm  hiermit  nochmals  bestens  danke, 
zeigen  nun  eine  grosse  Uebereinstimmung  mit  dem  beschriebenen 
Individuum. 

Am  wichtigsten  ist  in  dieser  Beziehung  das  von  Bölsche 


b Jahresbericht  VI  des  naturwissenschaftlichen  Vereins  zu  Osnabrück. 


Th.  Ebert,  Prestwieliia  (Euproops)  Sclieeleana  n.  sp. 


219 


in  Fig.  2 abgebildete,  auf  unserer  Tafel  durch  Fig.  3 besser  wieder- 
gegebene Exemplar.  Wenn  auch  im  Allgemeinen  sehr  schad- 
haft, lässt  es  gerade  die  Charaktere  deutlich  erkennen,  welche  für 
die  neue  Art  charakteristisch  sind,  nämlich  die  dabella  und  die 
Verbreiterung  der  Axe  am  hinteren  Ende.  Die  letztere  ist 
weniger  eckig  als  bei  dem  der  Zeche  Wolfsbank;  die  Insertions- 
grube des  Stachels  ist  sehr  deutlich.  Das  Kopfschild  ist  seitlich 
stark  verdrückt,  von  der  dabella  ist  das  Mittel-  und  das  rechte 
Seitenstück  verhältnissmässig  gut  erhalten.  Man  sieht  hier  von 
dem  einspringenden  Winkel  des  Vorderrandes  eine  mediane, 
schmale,  kielartige.  Erhebung  des  sonst  concaven  Feldes  nach 
hinten  laufen,  die  sich  etwa  von  der  Mitte  des  Feldes  ab  schnell 
verbreitert  und  als  breiter  Wulst  hist  den  ganzen  hinteren  Theil 
des  Feldes  ausfüllt.  Das  Mittelfeld  ist  begrenzt  durch  kielartige, 
in  concavem  Bogen  nach  vorn  verlaufende,  schmale  Leisten.  Die 
übrigen  Körpertheile  stimmen,  soweit  sie  erhalten  sind,  genau 
mit  dem  zuerst  beschriebenen  Stücke  überein. 

An  dem  bei  Bölsche  Fig.  3 abgebildeteu  Exemplar  ist 
namentlich  die  Axe  gut  erhalten,  bis  auf  das  verbreiterte  Ende, 
welches  fehlt.  Die  Segmente  tragen  je  einen  deutlichen  Höcker 
auf  der  Mitte.  Die  Umrandung  der  Glabella  ist  genau  wie  bei 
dem  Exemplar  von  Wolfsbank.  Auch  die  mediane  Erhebung,  die 
sich  nach  hinten  verbreitert,  ist  deutlich.  Ich  habe  es,  da  es  liei 
Bölsche  im  Ganzen  richtig  wiedergegehen  ist,  nicht  abhilden 
lassen. 

Das  Fig.  1 in  der  Osnabrücker  Zeitschrift  abgebildete  Stück 
habe  ich  zunächst  weiter  präparirt;  dabei  ist  der  Saum  des  Kopf- 
schildes sichtbar  geworden  und  in  Folge  dessen  die  eigenthümlich 
eckige  Form  des  Kopfschildes  in  der  Zeichnung  der  Osnabrücker 
Zeitschrift  als  unrichtior  erkannt  worden.  Die  Verdrückung  der 
G labclla  ist  dort  wohl  im  Allgemeinen  richtig  wiedergegehen,  aber 
die  Ihgienzungslinien  der  einzelnen  Felder,  die  deutlich  erkeuubar 
sind,  fehlen.  Ich  habe  deshalb  auch  dieses  Stück  noch  einmal 
abbilden  lassen  (Fig.  2).  Man  sieht  an  demselben  trotz  der  Ver- 
drückung deutlich  den  Verlauf  des  Mediankieles,  den  der  beiden 
as  M ittelfeld  begrenzenden  Kiele  und,  allerdings  weniger  gut,  die 


220 


Th.  Ebeut,  Prestwichia  (Euproops)  Scheeleana  n.  sp. 


linke  Begrenzungskante  der  Glabella.  Sehr  deutlich  sind  die 
beiden  Querleisten,  welche  die  Mitte  des  Mediaukieles  mit  der 
Mitte  der  Seitenkiele  des  Mittelfeldes  verbinden.  Auch  der  rechte 
Stachel  des  Kopfschildes  ist  vollständig  erhalten,  im  Uebrigen  aber 
sämmtliche  Körpertheile  verdrückt,  oder  nicht  vorhanden.  Jedoch 
genügen  die  erkennbaren  Theile  des  Kopfschildes,  um  die  üeber- 
einstimmung  mit  dem  Exemplar  der  Zeche  Wolfsbaak  sicher  zu 
stellen. 

Die  bis  jetzt  aus  Deutschland  bekannten  Stücke  gehören  also 
sämmtlich  einer  neuen  Art  an,  die  ich  Scheeleana'^')  genannt  habe. 
Dieselbe  hat  den  breiten  Saum  des  Rumpfschildes  wie  P.  rotundata^ 
die  Verdickung  der  Axe  am  Abdomen  wie  P.  Birtwelli,  schliesst 
sich  aber  in  der  Form  des  Kopfschildes  am  nächsten  an  P.  Danae 
Meek  et  WoRTHEN  an.  Für  die  letztere  Art  haben  Meek  und 
WORTHEN  das  Genus  Euproops  aufgestellt  und  zwar  sowohl 
wegen  der  Lage  der  Augen,  als  der  Form  der  Glabella  und  ihrer 
Kiele^).  Woodward  will  diese  Unterschiede  nicht  als  genügend 
zur  Abtrennung  eines  neuen  Genus  anerkennen.  In  der  That 
sind  ja  von  den  Glabellen  der  5 Arten  der  Gattung  nur  diejenigen 
von  Danae  und  Scheeleana  nahe  übereinstimmend.  Selbst  diejenige 
von  P.  anthrax  ist  doch  nur  durch  die  drei  stachelartigen  Fort- 
sätze am  Hinterrand  mit  Danae  vergleichbar.  Im  Uebrigen  ist 
die  Glabella  dieser  Art  auch  zunächst  noch  unbekannt.  Die 
beiden  anderen  Arten  sind  ganz  abweichend  ausgebildet.  Man 
wäre  also  genöthigt,  mindestens  drei  Gattungen  aufzustellen.  Bei 
den  Trilobiten  würde  man  wohl  auch  kaum  zögern,  dies  zu  thun. 
Da  der  Erhaltungszustand  bei  sämmtlichen  bis  jetzt  bekannt  ge- 
wordenen Prestwichien  indessen  ein  mangelhafter  ist,  so  mag  die 
Frage  einer  weiteren  Abgrenzung  von  Gattungen  noch  offen 
bleiben.  Immerhin  kann  man  ja  Euproops  als  Untergattung  gelten 
lassen.  Es  würden  zu  derselben  ausser  Danae  noch  Scheeleana 
und  vielleicht  auch  anthrax  gehören. 


b SitzuDgsber.  d.  naturf.  Freunde  in  Berlin.  1890. 
b Geol.  Survey  Illinois,  Vol.  III,  S.  548. 


Der  Zeclistein  in  der  Gegend  von  Blanken- 
burg und  Königsee  am  Thüringer  Walde. 

Von  Herrn  H.  Loretz  in  Berlin. 


Bei  Gelegenheit  der  in  den  letzten  Jahren  erfolgten  Kartirnng 
der  Blätter  Schwarzburg  und  Königsee  für  die  geologische  Spe- 
cialkarte von  Prenssen  und  den  Thüringischen  Staaten  ist  wieder 
ein  Streifen  des  Zechsteius  am  Rande  des  Thüringer  Waldes  zur 
Specialaufnahme  gelangt.  Dem  Zechstein  von  Saalfeld  und  Kams- 
dorf, welcher  durch  den  dortigen  Erz-  und  Eisensteiubergbau  be- 
kannt  und  wiederholt  in  der  Fachliteratur  ausführlich  besprochen 
worden  ist,  schliesst  sich  jener  Streifen  westwärts  au,  und  findet 
seinerseits,  weiter  westlich,  doch  mit  Unterbrechung,  eine  Fort- 
setzung in  dem  Zechstein  von  Ilmenau  u.  s.  w. 

Das  Zechsteiuausstreicheu  der  hier  in  Frage  kommenden 
Gegend  ist  als  solches  schon  lange  bekannt  und  hat  bereits  seitens 
der  älteren  Geognosten  Erwähnung  gefunden  ^),  doch  ist  dasselbe, 

')  J.  C.  W.  Voigt:  Mineralogische  Reisen  durch  das  Herzogthum  Weimar 
und  Eisenach  und  einige  angrenzende  Gegenden,  Theil  I,  Leipzig  1794.  (Wird 
abgekürzt  M.  R.  W.  E.  citirt  werden.) 

Derselbe:  Mineralogische  Reise  ins  Schwarzburg- Rudolstädtische,  in  den 
Kleinen  mineralogischen  Schriften,  Theil  II,  Weimar  1800,  S.  122 — 154.  (Wird 
abgekürzt  M.  R.  S.  R.  citirt  werden.) 

V.  Hoff:  Beschreibung  des  Trümmergebirges  und  des  älteren  Flötzgebirges, 
welche  den  Thüringer  Wald  umgeben,  in  C.  C.  Leonhaud’s  Taschenbuch  für  die 
gesammte  Mineralogie,  Jahrg.  VHI,  1814,  S.  319— 43G. 

J.  C.  Freiesleben:  Geognostischer  Beitrag  zur  Kenntniss  des  Kupferschiefer- 
gebirges etc.,  Theil  HI,  Freiburg  1815. 


222 


H.  Lobetz,  Der  Zeclistein  in  der  Gegend  von  Blankenburg 


bei  seiner  unregelmässigen  und  zerstreuten  Lage,  und  der  Dürftig- 
keit seiner  Eisenstein-  und  Erzvorkoinmnisse,  iin  Vergleich  zu  den 
angrenzenden  Gegenden,  weniger  Gegenstand  eingehender  Unter- 
suchung gewesen.  Als  weiterer  Beitrag  zur  Kenutniss  des  thürin- 
gischen Zechsteius  mögen  daher  an  dieser  Stelle  die  Ergebnisse 
mitgotheilt  werden,  welche  sich  durch  die  Kartirnug  ergeben  haben. 

Auch  hier,  wie  weiterhin,  ist  die  gesammte  Zechsteinbildiiug 
dem  alten  Schiefergebirge  nugleichfürmig  aufgelagert.  Jeder  Auf- 
Schluss,  der  durch  den  untersten  Zeclistein  hinabgeht,  zeigt,  dass 
die  Unterlage  desselben  von  den  Schieferkopfeu  des  alten  Gebirges 
gebildet  wird,  und  zwar  gehören  die  Schiefer  hier  dem  Cambrium 
an.  Kothliegendes  kommt  in  dieser  Strecke  nicht  vor  ^).  Ueber- 
lagert  wird  das  Zechsteinsystem  in  gewöhnlicher  Weise  vom  Bunt- 
sandstein. 

Unterer  Zeclistein.  Die  unterste  Zechsteiuschicht  verhält  sich 
auch  hier  im  Allgemeinen  als  Couglomerat,  Zechsteinconglo- 
merat  (Weissliegeudes  der  älteren  Geognosten  zum  Theil),  welches 
aber  natnrgemäss  Abänderungen  unterworfen  ist,  und  theils  in 
Breccie,  theils  in  conglomeratischen  Sandstein,  theils  in  Sandstein 
selbst  verläuft;  allen  diesen  Gesteiusarten  ist  ein  kalkig-dolomitisches 
Bindemittel  eigen,  welches  in  sehr  verschiedener  Menge  von  fast 
gänzlichem  Verschwinden  bis,  jedoch  selten,  znm  Vorwalten  zu- 
gegen sein  kann,  und  im  äussersten  Falle  auch  zu  lagenförmigeu 
Ausscheidungen  oder  schwachen  Schichten  eines  meist  eisen-  und 
mangaureichen  Carbonates  wird.  Häufig  ist  iudess  durch  Ver- 
Witterungsvorgänge  das  verbindende  Carbonat  zerstört,  und  statt 

o o o ~ 

in  Form  festen  Gesteins  erscheint  dann  die  unterste  Zechstein- 
Ijildnug  als  lockere  oder  zerfallene  Masse,  selbst  nur  in  Form 
zerstreuter  Trümmer.  Die  verbundenen  Gemengtheile  des  Con- 
glomerats  sind  Schiefer  (phyllitischer  Schiefer),  Quarzit,  seltener 
graphitischer  bezw.  graphitoidischer  Quarzit  und  Quarz.  Die  Form 
der  grösseren  Einschlüsse  betrefieud,  finden  sich  alle  Zwischeu- 


b Dies  hat  schon  v.  Hoff  ausgesprochen ; a.  a.  0.  S.  323  f.  Von  anderer 
Seite  dagegen  ist  das  Zechsteinconglomerat , oder  doch  Theile  desselben,  für 
Rothliegendes  angesehen  worden;  vergl.  J.  C.  W.  Voigt,  M.  R.  S.  R.  pag.  127. 


Uebepsichtskärtchen  des  Zechsteins  bei  Blankenburg  und  Königsee  am  Thüringer  Walde. 


und  Königsee  am  Thüringer  Walde. 


223 


224  H.  Loretz,  Der  Zechstein  in  der  Gegend  von  Blankenburg 

stufeu  von  scharfeckigen  Schiefer-,  Quarzit-  nnd  Qnarzbrocken  an 
bis  zu  völlig  abgerollten  Stücken.  Doch  sind  solche  Gerolle  von 
Quarzit  nnd  Quarz  viel  seltener,  als  die  nicht  oder  unvollkommen 
gerundeten  Trümmer,  und  finden  sich  in  grösserer  Menge  nur  an 
gewissen  Oertlichkeiten,  jedoch  auch  dort  mit  scharfeckigen  Bruch- 
stücken untermischt;  in  geringer  Zahl  kommen  sie  auch  ander- 
wärts vor.  Ueberdies  ist  die  Grösse  der  durch  das  Carbonat  ver- 
kitteten Schiefergebirgstrümmer  selbst  in  ein  und  demselben  Haud- 
stück  recht  verschieden,  was  ja  auch  darin  seinen  Ausdruck  findet, 
dass,  wie  schon  angegeben,  conglomeratische  Sandsteine,  d.  h. 
solche  Vorkommen,  welche  grobe  Bruchstücke  neben  Sand  ent- 
halten. Es  bleibt  nur  noch  hinzuzufügen,  dass  auch  in  hiesiger 
Gegend  Einsprengungen  von  Malachit  und  Kupferlasur,  sowie 
Durchsetzung  mit  Schwerspathadern,  in  dieser  Zechsteiustufe,  als 
auf  secundärer  Lagerstätte,  recht  häufig  sich  finden,  bis  in  die, 
das  Zechsteiuconglomerat  tragenden  Schiefer  des  Grundgebirges 
hinein.  Die  Mächtigkeit  dieser  untersten  Zechsteinschicht  wechselt, 
sie  ist  nirgends  bedeutend,  und  scheint  sich  allenthalben  im  Spiel- 
raum von  einigen  Metern,  bald  einige  mehr  bald  weniger,  zu 
halten. 

Im  Bereiche  des  Blattes  Schwarzburg  kommt  das  Zechstein- 
conMomerat  nur  an  wenig-en  Stellen  dentlich  anstehend  zum  Vor- 
schein,  so  am  Wege  von  Watzdorf  nach  Böhlscheiben,  zwischen 
1000  und  1100  Decimalfuss  Höhe,  in  Form  von  Conglomerat  aus 
Schiefer,  Quarzit  und  Quarz;  weiterhin  ist  es  bei  Cordobang, 
Bechstädt  und  der  Schwarzburger  Fasanerie,  wenn  auch  nicht  im 
Zusammenhang  anstehend,  sondern  nur  in  letzten,  von  der  Ab- 
witteruDg  verschont  gebliebenen  Besten,  nnd  in  lose  gewordenen 
Quarzitgeröllen  zu  erkennen.  Ausgedehnter  und  zusammenhän- 
gender ist  diese  Bildung  auf  Blatt  Köuigsee  zu  beobachten,  wo 
sie  sich  meist  als  dolomitisch  kalkiger  Sandstein  verhält,  der 
Schiefergebirgstrümmer  einschliesst;  im  Dorfe  Aschau  geht  der- 
selbe zum  Theil  in  eine  Art  Schieferbreccie  über,  die  sich  durch 
Verwitterung  röthet;  SW.  von  Königsee,  nach  dem  Querlingberg 
und  nach  Garsitz  hin,  erscheint  der  unterste  Zechstein  sowohl  in 
Form  von  Sandstein  mit  wenig  grösseren  Trümmern,  als  auch  in 


ntu]  Kölligsee  am  Thüringer  Walde. 


225 


Form  von  Breccie  mit  wenig  sandiger  Zwisclienmasse,  nnd  zwar 
zeigen  die  Aufschlüsse  hei  dem  genannten  Dorfe,  dass  zu  unterst 
jener  Sandstein  i),  darauf  jene  Breccie  Hegt.  Auf  der  Abflachung, 
welche  sich  vom  Langen  Berge  her  bis  an  das  Dorf  Pennewitz 
erstreckt,  gelien  sich  Reste  des  Zechsteinconglomerates  in  einer 
auffällig  grossen  Zahl  loser  Quarzit-  nnd  Quarzge  rolle  und  in 
Spuren  des  Carbonatantheils  zu  erkennen,  welcher  durch  Ver- 
witterung eine  fast  schwarze  Farbe  angenommen  hat,  auch  ist 
Färlmng  und  sonstige  Beschaffenheit  des  Bodens  durch  die  Reste 
der  ZechsteinbedecknnsT  bedingt.  Nur  au  wenigen  Stellen  zeigt 
sich  das  Conglomerat  noch  in  festem  Zusammeidiang,  Gerölle  und 
kantige  Stücke,  grosse  und  kleine  Schiefer-  und  Quarzsplitter  ver- 
bunden durch  braun  verwittei’tes  Carbonat;  letzteres  kann  sogar, 
ziemlich  grobkrystallinisch  werdend,  etwas  reinere  Zwischenmassen 
und  -lagen  bilden.  An  manchen  der  Gerölle  finden  sich  die  be- 
kannten Erscheinungen  der  Berstung  mit  Verschiebung  und  Wieder- 
verkittnng  getrennter  Theile,  sowie  der  oberflächlichen  Eindrücke. 
An  einer  Stelle,  in  der  Nähe  des  Fahrwegs  von  Pennewitz  nach 
Herschdorf,  bei  etwa  1500  Decimalfuss  IRihe,  wurde  auch  eine 
vollkommene  Verk i e s el  u ng  dieses  Conglomerates  beobachtet,  in 
der  Art,  dass  das  kalkige  Bindemittel  durch  ein  kieseliges  ersetzt 
war;  die  Oberflächen  der  eingeschlosseneu  GeWdle  zeigen  in  Folge 
der  Neubildung  krysfallisirter  Kieselsäure  das  bekannte  »kandirte 
Aussehen«. 

Eine  Schwierigkeit  für  die  Kartenverzeichnung  kann  sich  dort 
ergeben,  wo,  wie  in  der  letztbezeichneteu  Gegend,  die  Zechstein- 
bedeckung bis  auf  Reste  des  Conglomerats  abgewittert  ist,  und 
so  die  Oberfläche  des  Schiefergebirges  zu  Tage  tritt,  dessen 
Trümmer  ja  einen  wesentlichen  Antheil  zum  Conglomerat  geliefert 
hahen;  je  weniger  dann  von  dem  Carbonat  des  JH'ndemittels  mehr 
vorhanden  ist,  je  weniger  die  lose  gewordenen  Trümmer  der 
untersten  Zechsteinbildnng  gerundete  Formen  besitzen,  desto 
schwieriger  wird  zwischen  Schiefergebirge  (Cambrinm)  und  uuter- 


b Am  Feldweg,  der  vom  Querlingberg  nach  der  Landstrasse  vor  Königsee 
führt,  steht  er  mehrere  Meter  stark  an. 


Jahrbuch  1889. 


15 


226 


H.  Loretz,  Der  Zechstcin  in  der  Gegend  von  Blankenburg 


stem  Zechstein  eine  Grenzlinie  zn  ziehen  sein.  Dies  macht  sich 
eben  in  der  letztbezeichneten  Gegend,  noch  mehr  vielleicht  zwischen 
Aschau  nnd  Allendorf  und  an  anderen  Stellen  geltend. 

Ein  guter  Aufschluss  über  die  Auflagerung  der  folgenden 
Zechsteinschicht,  nämlich  des  Kupferschiefers,  auf  das  Con- 
glonierat,  bietet  sich  am  Fahrweg  von  Lichte  nach  Unterschöb- 
lino-en  bei  Könin^see,  in  den  kleinen  daselbst  befindlichen  Stein- 
biücheu  ').  Zn  unterst  liegt,  in  einer  Mächtigkeit  von  last 
3 Meter,  ohne  dass  der  cambrische  Schiefer  erreicht  wäre,  Kalk- 
sandstein mit  vielen  Scherben,  Splittern  und  auch  mehr  abgerun- 
deten Stücken  von  Schiefer,  Qiiarz,  Kieselschiefer  bezw.  Graphi- 
toid- Quarzit,  Einsprengungen  und  Beschlägen  von  Kupferlasnr 
nnd  Malachit,  und  hier  nnd  da  mit  schlecht  erhaltenen,  kohligeu 
Abdrücken  von  kleinen  Coniferenzweigen ; darauf  liegt  eine  0,1  bis 
0,2  Meter  dicke  Lage  eines  dichten,  dunklen,  bituminösen  Kalk- 
steins, hierauf  bis  zur  Oberfläche,  etwa  1 Meter  mächtig  dünn- 
geschichteter, dunkler,  bituminöser  Mergelschiefer,  der  Kupfer- 
schiefer, mit  zahlreichen  Exemplaren  von  Lingiäa  Creclneri  Gein., 
kleinen  Fischresten,  Pflanzenspureu  und  Kupfererz.  Dieselbe 
Bank  dunklen,  bituminösen  Kalkes,  zwischen  Conglomerat  xind 
Kupferschiefer  eingelagert,  wurde  in  einem  Hohlweg  SO.  von 
Lichte  beobachtet,  sie  enthält  hier  viel  Bleiglanz;  eine  entsprechende 
Bank  in  derselben  Lao;e  ist  im  Hohlweo;  dicht  beim  Dorf  Garsitz 
aufgeschlossen.  Es  entspricht  diese  Kalkbank  nach  Lage  und 
Gestein  ofleubar  ganz  jener,  meist  etwas  stärkeren  Bank  des 
Kamsdorfer  Reviers,  jenseits  Saalfeld,  welche  dort  als  »Mutter- 
flötz«  bezeichnet  wird  Auch  die  weiter  oben  erwähnten,  dunkel 


b Die  Stelle  ist  bereits  von  Geisitz,  Dyas , Bd.  II,  1862,  S.  223  erwähnt 
worden;  vom  Verfasser  auch  schon  in  diesem  Jahrbuch  für  1886,  p.  LII. 

~)  Gioinitz  führt  (a.  a.  0.,  im  Verzeichiiiss  der  geologischen  und  geographi- 
schen Verbreitung  der  Versteinerungen)  von  dieser  Stelle  an:  Utlnianiüa  Bronni 
Göpp.,  Pijyopterus  Humboldti  Ag. 

Ueber  die  Verhältnisse  des  in  der  Fachliteratur  so  oft  erwähnten  Kams- 
dorfer  Reviers,  vergl.  besonders  die  neueste  Bearbeitung  von  F.  Bevschlag: 
»Die  Erzlagerstätten  der  Umgebung  von  Kamsdorf  in  Thüringen«,  Dieses  Jahr- 
buch für  1888,  S.  329— 377:  sowie  die  Erläulerungen  zu  Blatt  Saatfeld  der  geo- 
logischen Spccialkarte  von  Preussen  und  den  Thüringischen  Staaten,  .von  Liebe 
und  Zimmermann. 


und  Königsoe  am  Tliüringer  Walde. 


227 


verwittenulen  Ansscheiduugen  von  reinerem  Carbonat  zwischen 
dem  Conglomerat  sind  als  Andeutungen  dieser  Schicht  zn  erachten, 
wie  denn  überhaupt  in  allen  diesen  Gegenden  die  Verbindung  nnd 
der  Wechsel  von  Conglomerat  und  Carbonat  im  untersten  Zech- 
stein, unter  dem  Kupferschiefer,  vielgestaltig  und  von  Ort  zu  Ort 
etwas  anders  entwickelt  ist. 

Aleisthin  fehlt  es  an  grösseren  und  zusammenhängenden  Auf- 
schlüssen in  dieser  Schichtengruppe;  das  Vorhandensein  des  Kujifer- 
schiefers  ist  aber,  wenigstens  auf  der  Section  Königsee,  von  Ort 
zu  Ort  durch  eine  Anzahl  alter  Schürfe  und  Bergbauversuche 
nachgewiesen,  die  theils  dem  Schiefer  selbst,  theils  den  daraus 
herrührenden  und  bereits  auf  secuudärer  Lagerstätte  befindlichen 
Erzen  galten;  so  SSW.  von  Allendorf,  und  weiterhin  bei  Aschau, 
Lichte,  LTiiterschöblingen,  Königsee,  Garsitz  iind  Pennewitz.  Von 
irgend  welcher  Reichhaltigkeit  an  Kupfer-  oder  sonstigen  Erzen 
kann  aber  nirgends  die  Rede  sein,  was  schon  die  Angaben  der 
älteren  Geoguosten  bestätigen;  alle  derartigen  Versuche  mussten 
aufgegeben  werden.  Auf  Blatt  Schwarzburg  sind  die  Stellen, 
wo  Kupferschiefer  vorkommt,  weniger  zahlreich.  Er  findet  sich 
hier  südlich  und  südöstlich  von  Beulwitz  unweit  Saalfeld,  in  dem 
den  Rand  des  alten  Gebiro-es  bereitenden  Zechsteinzug,  wie  alte 
Halden  bezeugen.  Ferner  ist  er  in  den  Zechsteinschollen  süd- 
wärts von  Watzdorf  nachgewiesen,  weniger  durch  deutliches  Aus- 
streichen als  durch  Bergbauversuche;  und  zwar  sowohl  unten,  im 
Rinnthal,  in  der  Nähe  des  Dorfes,  wo  der  Fusssteig  nach  Cordo- 
bang in  den  Wald  eintritt  und  eine  Strecke  lang  sich  nahe  am 
Waldsanm  hält,  als  auch  oben,  am  Fnss  des  durch  die  Rauh- 
wacke  des  Mittleren  Zechsteins  gebildeten  felsigen  Steilrands,  der 
in  einer  Höhe  von  etwas  weniger  als  1000  Decimalfuss  dem  cain- 
Ijrischeu  Schiefergebirge  aufgesetzt  ist  ^). 


b Auf  diese  Stelle  dürfte  sich  das  beziehen,  was  J.  C.  W.  Voigt  (M.  R.  W.  E. 
p.  5'.))  über  den  alten  Bergbau  bei  Blankenburg  an  führt.  Es  sollen  dort  vor- 
gekommen sein:  Kupferkies,  Fahlerz,  Kupferlasur,  Kupfergrün,  Erd-  und  Glanz- 
oder Speiskobalt,  Kalkspath,  Schwerspath  und  Eisenspath,  und  zwar  auch  hier 
auf  »Rücken«  (verwerfenden  Spalten).  Nach  Voigt  hätte  man  es  dort  mit  nur 
einem  »Schieferflötz«  (KupferschioferÜotz)  zu  thun  gehabt,  nicht  mit  zweien,  wie 

15* 


228 


H.  Loretz,  Der  Zeclistein  in  der  Gegend  von  Blankenlmrj 


Die  Scliichtengi'uppe  des  eigentlichen  Zechsteins  oder 
Zechsteins  im  engeren  Sinn  erscheint  mit  besonderer  Dent- 
lichkeit  in  der  zuletzt  genannten  Gegend,  bei  Watzdorf  und 
Böhlscheiben.  Bei  letzterem  Ort  ist  das  hierher  gehörige  Gestein 
ein  dichter,  ehenplattiger,  und  zwar  durch  Zerhill  dickerer  Lagen 
meist  dünnplattiger  Kalk,  von  dunkel-  oder  hellgrauer  bis  gelblicher 
Färbung,  je  nach  dem  Grade  der  Frische  oder  der  Verwitterung. 
Verl)iinden  damit  sind  etwas  mein’  mergelige  Lagen  von  erdigem 
Bruch  mit  feinen  Glimmerschüppchen,  ln  diesen  Schichten  wurde 
das  Vorkommen  von  Foraminiferen  und  Brachiopoden  (^Camaro- 
jjhoria,  Strophalosia),  auch  wohl  vereinzelten  Bryozoen  (Acantho- 
cladici)  beobachtet.  Hierher  gehörige  Scdiichten,  nämlich  dunkle, 
bituminöse,  wie  auch  gelb  verwitterte  Kalkbänke,  in  gestörter 
Lagerung  und  steil  gestellt,  iiberschreitet  man  ferner  im  untersten 
Theil  des  obengeuaniiten  Waldsteigs,  SO.  bei  Watzdorf  Noch 
bessere  Aufschlüsse  in  dieser  Zechsteiustufe  hleteu  die  beiden 
Schluchten  südöstlich  von  der  Heukertskupjae,  SW.  von  Watzdorf, 
welche  sich  abwärts  in  die  am  Ostfuss  dieser  Höhe  mündende 
Schlucht  vereinigen.  Die  in  Rede  stehende  Schichtenfolge  zeigt 
sich  hier  in  mauerartig  plattiger  Aufeinauderschichtuug  in  einer 
Mächtigkeit  von  6 bis  vielleicht  10  Meter;  das  Gestein  ist  ein 
dunkelblaugrauer  bis  dunkelbrauner  Kalk  oder  dolomitischer  Kalk, 
in  etwa  0,2  bis  0,.3  Meter  starken  Platten,  von  dichter  Structur, 
dabei  indess  zum  Theil  etwas  luckig,  hier  und  da  mit  Eiuspren- 
gtingen  von  Bleiglanz;  etwas  mehr  thonige  oder  mergelige,  glimmer- 
haltige, dünne  Zwischenlagen,  mit  undeutlichen,  kohligen,  vege- 
tabilischen Spuren,  trenueu  die  Kalkbäuke.  In  der  westlicheren 
Seiteuschlucht  gelaugt  man  auch  in  die  LTebergangsb äu ke  zu m 
Mittleren  Zechstein;  dieser  Uebergang  vollzieht  sich  all- 
in der  Gegend  östlich  von  Saalfeld,  hei  Kamsdorf  u s.  w.,  von  vpelclien  das 
obere,  der  sogenannte  »Obere  Schiefer«,  einige  Fuss  oder  mehr  über  dem  anderen, 
schon  im  Bereiche  des  »eigentlichen  Zcchsteius«  liegt.  Ans  eigenen  Beobach- 
tungen kann  ich  über  diesen  Punkt  nicht  sicher  entscheiden,  da  der  dortige 
Bergbau  auflässig  ist,  und  die  Aufschlüsse  an  der  Erdoberfläche  nicht  genügen. 
Nach  einer  anderen  Notiz  von  Voigt  (M.  R.  S.  R.  p.  127  f.)  lägen  dagegen  weiter 
westlich,  hei  Pennewitz  u.  s.  w.,  zwei  Flötze  von  bituminösem  Mergelschiefer 
übereinander. 


und  Königsee  am  Thüi-iuger  Walde. 


229 


iiiälilich,  indem  das  Gestein  aufwärts  poröser  und  dadurch  rauli- 
wackeälinliclier  wird.  In  der  augegeheueii  Mäclitigkeit  kann 
übrigens  diese  Schichteugrnppe  nicht  weit  fortsetzen,  denn  unweit 
der  genannten  Schluchten,  auf  der  Höhe,  NW.  von  Böhlscheihen, 
Avird  aus  Schurfschächten,  die  iin  Mittleren  Zechstein  angesetzt 
sind  und  bis  auf  den  cambrischen  Schiefer  irehen,  nur  wenijx 
Gestein  mehr  gefördert,  welches  petrographisch  dem  beschriebenen 
Kalkstein  der  Stufe  des  eigentlichen  Zechsteins  gleicht  i). 

An  anderen  Orten  tiudet  sich  eine  dem  Anschein  nach  mehr 
dolomitische  Entwicklung  dieser  Stufe.  Damit  ist  eine  weniger 
ebenflächige  Schichtung  des  mit  braungelber  Farbe  verwitternden 
raidi  und  etwas  erdig  anzufühlenden  Gesteins,  und  ein  Zerfall 
weniger  in  Platten,  als  in  unebene  Scherben  verbunden.  In  dieser 
w eise  sind  hierher  gehörige  Schichten  z.  B.  im  Thalgrunde  SSO. 
von  Allendorf,  an  der  Fahrstrasse  nach  ScliAvarzburg,  aufgeschlossen  ; 
die  braungell)en  Scherben  sind  hier  mit  schlecht  erhaltenen  kleinen 
Bivalveu,  vorzugsweise  Schizodus  und  GerviUia,  bedeckt.  — Auch 
weiter  westlich,  in  der  Umgebung  von  Königsee,  lässt  sich  eine 
gesondert  hervortretende  Schichteiigruppe  des  Zechstcins  im  engeren 
Sinn  au  verschiedenen  Orten  in  die  Karte  eiutrageu,  au  Avelchen 
sich  eine  theils  mehr  kalkige,  theils  mehr  dolomitische  Ausbildung 
zu  erkennen  giebt,  ohne  dass  jedoch  diese  Unterscheidung  scharf 
genommen  werden  könnte.  Hierher  gehörige  Schichten  sind  bei 
Pennewitz,  am  Eierberg  bei  Garsitz,  zwischen  Königsee  und  dem 
Spitzberg,  südwärts  von  Königsee,  und  zwischen  Lichte  und  Aschau 
beobachtet  und  kartirt  worden. 

Wieder  in  etwas  anderer  Eutwicklunn:  findet  sich  diese  Zech- 
steinstufe  in  der  Stadt  Königsee  selbst.  An  dem  ziemlich  steilen 
Rande  des  Rinnthals,  bei  der  Kirche  und  den  ausgedehnten  Bier- 
brauerei-Anlagen ^),  liegt  unmittelbar  auf  dem  cambrischen  Schiefer 
ein  weisser  bis  gelblich  grauer,  poröser  Zechsteiukalk.  Er  ragt 

')  In  dieser  Scbichtenfolge  muss  nun  das  enthalten  sein,  was  dem  »Horn- 
flötz«  des  Kamsdorfer  Eeviers  entspricht.  Ueber  das  etwaige  Vorhandensein 
eines  »oberen  Kupfei’schiefers«  habe  ich,  wie  bemerkt,  keine  Gewissheit  erlangt. 

Oestlich  von  der  Stadt  kommt,  auf  Schiefer  aufsitzend,  nochmals  ein 
kleiner  Fleck  desselben  Zechsteinkalkes  vor. 


230 


H.  Loektz,  Der  Zeclistein  in  der  Gegend  von  Blankenburg 


liier  iiud  da  als  klotzige  Felsiiiasse  aus  dem  Boden  und  erinnert 
an  Ranhwacke,  ohne  doch  die  petrographische  Beschaffenheit  der- 
selben zu  besitzen;  das  Gestein  ist  weniger  fest  als  jene,  gross- 
löcherig  und  durch  Verwitterung  in  den  äusseren  Theilen  wohl 
ganz  schwammig  porös.  Die  Verwitterung  bringt  an  den  Felsen 
eine  schräg  abwärts,  etwa  unter  20^  nach  N.  eiufallende  SchiiFt- 
streifung  hervor,  auch  tlieilt  sich  das  Gestein,  wo  es  nur  mehr 
schwach  auf  dem  Schiefer  liegt,  in  dünne  Scherben.  Ein  gelegent- 
licher Aufschluss  in  einer  grösseren  Kelleranlage  zeigte  ebenfalls 
Auflagernug  der  hier  geschichtet  erscheinenden,  nördlich  ein- 
fallenden, etwa  2 Meter  stark  anstehenden  Kalkmasse  auf  die 
Köpfe  des  cambrischen  Schiefers;  dieser  enthielt  Malachitautlüge, 
auch  kamen  Schieferbreccienstücke  mit  Malachit  vor,  also  eine 
Andeutung  von  Zechsteiiicouglomerat.  Durch  Verwitterung  wird 
der  Kalk  locker,  erdig  auf  dem  Bruch,  zerreihlich  und  ab  färbend, 
fast  kalktnffartig,  dabei  treten  die  in  grosser  Zahl  aber  trümmer- 
haft  eiugeschlossenen  Versteinerungen  hervor,  meistens  Brachio- 
poden  und  unter  diesen  besonders  Productus  horridus,  daneben 
auch  Arten  von  Oi-tkis,  Strophalosia  und  fSpirifer^  sowie  kleine 
Zweige  von  Stenopora  und  Acanthocladia.  Obwohl  das  Vorkommen 
in  seiner  äusseren  Erscheinungsform  an  Mittleren  Zechstein  er- 
innert, glauben  wir  dasselbe,  namentlich  mit  Rücksicht  auf  die 
genannten  Brachiopoden,  zum  Unteren  Zechsteiu,  nämlich  zu  dessen 
oberer  Stufe,  stellen  zu  müssen;  es  entspricht  wohl  den  aus  dem 
östlichen  Thüringen  von  Liebe  erwähnten  und  zum  Unteren 
Zechstein  gestellten,  auf  Cuhnklippen  aufgesetzten  Brachiopoden- 
kalken. 

Wie  bei  vorwiegend  dolomitischer,  dabei  w^enig  gegliederter 
und  reducirter  Entwicklung  des  eigentlichen  Zechsteins  nicht  nur, 
sondern  des  ganzen  Unteren  Zechsteins,  Schichteufolge  und  Auf- 
lagerung auf  das  Schiefergebirge  sich  gestalten  können,  das  sieht 
man  in  dem  Aufschluss,  den  der  Hohlweg  etwas  östlich  vom  süd- 
lichen Ausgang  von  Alleudorf  (Fnssweg  zur  Schwarzbnrger  Fasa- 
nerie), bietet.  Der  Weg  führt  aus  hangenden  in  liegende  Schichten, 
und  zwar  zunächst  durch  Raidiwacke  des  Mittleren  Zechsteins, 
daun  durch  mürberen,  branuen  Dolomit,  dessen  dünner  geschichtete, 


und  Königsee  am  Thüringer  Walde. 


231 


doch  nicht  ebenplattige  Lagen  sich  ohne  erkennl)are  Grenze  an 
die  Ranhwacke  anschliesseu  und  als  Vertreter  der  oberen  Schicliteii- 
folge  im  Unteren  Zechstein  gelten  können  ^);  indem  diesen  Lagen 
nach  abwärts  dünnspaltende,  schiefrige,  durch  kohlige  Reste 
schwarz  gefärbte  Zwischenschichten  sich  einschalten,  ist  hier  eine 
Andeutung  der  bituminösen  Schichten  gegeben,  welche  sonst  im 
Unteren  Zechstein  Vorkommen,  nändich  des  Kupferscliiefers  und 
des  ihn  begleitenden  bituminösen  Kalksteins.  Zunächst  ihrer 
unteren  Grenze  an  den  Köpfen  des  alten  Schiefergebirges,  welche 
im  Grunde  des  Hohlwegs  zum  Vorschein  kommen,  nehmen  die 
dolomitischen  Lagen  Schieferbröckchen  auf  und  deuten  dadurch 
das  Zechsteinconglomerat  au. 

Au  diesen  Fall  reihen  sich  nun  weiter  jene,  wo  der  Untere 
Zechstein  noch  mehr  bis  fast  ganz  redneirt  ist,  so  dass  er  so  zu 
sagen  nur  als  unbedeutendes  Anhängsel  an  der  Basis  des  Mittleren 
erscheinen  kann;  der  letztere  liegt  daun  fast  unvermittelt  auf  dem 
Schiefergebirge  ^).  So  verhält  es  sich  zwischen  den  Orten  \V atz- 
dorf,  Leutnitz,  Cordobang  und  Böhlscheiben,  sowie  weiter  süd- 
westlich in  der  Gegend  von  Bechstädt  und  der  Schwarzburger 
Fasanerie;  dabei  ist  bemerkeuswerth,  dass  Punkte,  wo  der  Untere 
Zechstein  so  gut  wie  fehlt,  in  beträchtlicher  Nähe  von  solchen 
liegen  können,  wo  derselbe  sehr  gut  entwickelt  ist.  Während 
z.  B.  bei  Böhlscheiben  und  NW.  von  da,  wie  oben  beschrieben 
wurde,  der  Untere  Zechstein,  zum  mindesten  seine  obere  Schichteu- 
folge,  eine  gewisse  Mächtigkeit  erreicht,  giebt  es  in  geringer  Ent- 
fernung davon  Punkte,  wo  Schürfe  unter  dem  Alittlei'en  Zechstein 
nur  wenig  Unteren  Zeclisteiukalk  mehr  treffen,  und  wieder  andere 
Stellen,  wo  die  Ranhwacke  des  Mittleren  Zechsteins  auf  dem 
Schiefergebirge  selbst  ruht,  und  nur  dadurch  eine  Andeutung  von 

')  Es  sind  dieselben,  welche  an  einer  benachbarten,  bereits  erwähnten  Stelle, 
am  Fahrweg  von  Allendorf  nach  Schwarzburg,  kleine,  undeutliche  Bivalven  ent- 
halten. 

Auch  im  östlichen  Thüringen  kommt  es,  nach  den  Angaben  von  Liehe 
(in  den  Erläuterungen  zu  den  betreffenden  Blättern)  vor,  dass  der  Untere  Zech- 
stein mehr  oder  minder  reducirt  auftritt.  Für  ähnliche  Reductionen,  die  sich 
aber  auch  noch  auf  den  Mittleren  Zechstein  erstrecken  können,  finden  sich  über- 
haupt an  verschiedenen  Stellen  Thüringens  Beispiele. 


232 


H.  Loketz,  Der  Zeclistein  in  der  Gegend  von  Bkinkenburj 


Unterem  Zeclistein,  liezw.  Zechsteinconglomerat,  gegeben  ist,  dass 
die  Ranliwacke  zunächst  der  Grenze,  in  ihrer  untersten  Bank 
Schiefergebirgsbrocken  einscliliesst,  dabei  auch  wohl  kleine  Ein- 
sprengungen vou  Malachit  und  Schwerspath  enthält.  Ganz  ähn- 
liche Verhältnisse  kehren  auch  in  der  Cordoban£;er  Gemarkumr 
und  auf  den  Feldern  bei  Bechstädt  und  bei  der  Sehwarzbura;er 
Fasanerie  wieder.  Die  allgemeine  Ab  Witterung  hat  hier  das 
Schiefergebirge  zum  Theil  schon  freigelegt,  auf  dem  dann  mir 
mehr  zerstreute  Reste  des  ohnehiu  schwachen  Unteren  Zechsteins, 
und  von  Ranliwacke,  sowie  von  solchen  Kalk-  und  Dolomitbänken 
liegen,  welche  ihrem  petrographischeu  Charakter  nach  an  der 
Grenze  von  eigentlichem  Zechstein  und  Ranliwacke  stehen  i). 

Die  betrachteten  Fälle,  nämlich  die  Reductiou  des  Unteren 
Zechsteins  in  der  Weise,  dass  Conglonierat  und  Kupferschiefer 
höchstens  angedeutet  sind  und  sofort  dolomitische  Schichten,  wie 
bei  Alleiidorf  oder  kalkige,  wie  in  Königsee,  oder  endlich  gleich 
Rauhwacke  auf  das  Schiefei’gebirge  sich  auflegeu,  ist  eine  Art  von 
übergreifender  Lagerung.  Dabei  scheint  Zerstörung  etwa  schon 
abgelagerter  Zechsteinschichten  keine  oder  keine  bedeutende  Rolle 
gespielt  zu  haben,  insofern  sich  Trümmer  von  solchen  in  den  vor- 
handenen, das  Cambrium  bedeckenden  Schichten  nicht  vorfiuden; 
man  kann  sich  dagegen  mit  K.  Tu.  Liebe  denken,  dass  einzelne 
Theile  des  Grundgebirges  immer  noch  als  Klippen  oder  Untiefen 
vorragten,  während  seitwärts  davon  schon  der  unterste  Zechstein 
abgelagert  war;  daher  darf  auch  nicht  etwa,  wie  Liebe  bemerkt, 
der  Kupferschiefer  als  Tiefseebildung  im  Sinne  der  jetzigen  der- 
artigen Bildungen  aufgefasst  werden  ^). 

Zwischen  der  Stufe  des  Zechsteins  im  engeren  Sinne  und 
der  der  Rauhwacke  ist  die  Grenze  in  der  Regel  uicht  scharf, 

b Es  ist  ersichtlich,  dass  unter  diesen  Umständen  die  geologische  Kartirung 
etwas  schwierig  wird.  Vereinzelte  Blöcke  und  Brocken  von  Zechsteinconglomerat, 
oder  lose  gewordene  Gerolle  und  abgerundete  Stücke  von  Quarzit  deuten  auf 
untersten  Zechstein.  Kupferschiefer  fehlt  hier  oder  ist  ganz  verschwunden, 
Malachiteinsprengungen  nebst  Schwerspath  kommen  jedoch  vor.  Gewisse  gelb- 
liche, dolomitische,  zum  Theil  poröse  bis  löcherige  Bänke,  oder  deren  Reste, 
bleiben  in  ihrer  Zutheilung  zum  Unteren  oder  Mittleren  Zechstein  etwas  zweifelhaft. 

b Vergl.  Liede,  Dieses  Jahrbuch  für  1884,  S.  381. 


und  Königsee  am  Thüringer  Walde. 


233 


lässt  sich  iiidess  mit  Kücksicht  auf  die  beiderseits  verschiedene 
Gesteinsausbildung  mindestens  construiren.  Es  kann  sich  jedoch 
örtlich  der  enge  Zusammenhang  beider  Stufen  soweit  steigern, 
dass  sie  in  Eins  verschmelzen  und  auf  der  Karte  kaum  mehr  zu 
trennen  sind.  Dies  ist  z.  B.  bei  dem  Zechsteinstreifeu  der  Fall, 
welcher  sich  nahe  dem  östlichen  Kaiide  des  Blattes  Schwarzl)urg 
von  Blatt  Saalfeld  her  läims  der  Grenze  des  Schieferfrebirnes 

O O ö 

nach  Beulwitz  hin  erstreckt  ^),  und  in  den  beiden  Steinbrüchen 
bei  der  Färb  wasche  südwestlich  von  diesem  Dorfe  aufgescldossen 
ist;  es  stehen  hier  in  dünne  Lagen  sich  trennende  Bänke  eines 
anscheinend  dolomitischen,  z.  Th.  etwas  luckigen  Kalksteins  in 
vollkommen  ebener  Schichtung  an;  Gesteiiisbeschaifenheit  und  Art 
der  Schichtung  sprechen  hier  mehr  für  Unteren  als  für  Mittleren 
Zechstein.  Ebenso  verhält  es  sich  in  den  benachbarten  Farb- 
gruben,  an  einigen  Stellen  derselben  jedoch  erinnern  die  hängen- 
deren, dunkelbraun  verwitterten,  stärkeren  Bänke  mehr  an  Alittleren 
Zechstein. 

Wie  in  den  weiter  östlich  folgenden  Gegenden  von  Saalfeld, 
Kamsdorf  u.  s.  f.,  so  führt  auch  hier  der  Zechstein  eisenreichere 
Zwischenlager,  welche  zwar  nicht  mehr  in  der  Gegenwart,  doch 
in  alten  Zeiten  Gegenstand  bergmännischer  Gewinnung,  oder 
wenigstens  Versuchsarbeit  gewesen  sind.  Dies  ist  besonders  auf 
der  Höhe  nordwestlich  von  Böhlscheiben,  in  der  Kichtung  nach 
der  ITenkertskuppe,  der  Ikall,  wo  sich  alte  Schürfe  und  Halden 
in  beträchtlicher  Zahl  und  Ausdehnung  aneinander  reihen,  die  im 
Mittleren  Zechstein  angesetzt  sind.  Das  geförderte  Material  ist 
ein  fein-  bis  grobkrystallinisches,  durch  Verwitterung  dunkelbraun 
gewordenes,  eisenreicheres  Carbonat,  in  Form  von  Scherben, 
Schalen  und  derberen  JVIassen,  zum  Theil  auch  Brauneisenstein. 
Wie  in  den  o-euanuten  Geffeuden  dürfte  auch  hier  dies  Vorkommen 
als  secundäre,  au  die  Gegenwart  von  Sprüngen  oder  »Kücken« 
gebundene,  lagerartige  Anreicherung  ursprünglich  eisenärmeren 
Carbonats  zu  erachten  sein,  bleibt  jedoch  an  Gehalt,  Mächtigkeit 


')  Die  Stelle  liegt  östlich  ausserhalb  unserer  kleinen  Textkarte.  — ^hrgl. 
dazu  Erläuterung  zu  Blatt  Saalfeld  von  Liebe  und  Zimmekmann,  S.  3 >. 


234 


H.  Loretz,  Der  Zechstein  in  der  Gegend  von  Blankenburi 


und  Erstreckung  weit  liiuter  den  hekannten,  reichen  Lagern  jener 
(regend  zurück.  Im  Ganzen  scheint  überhaupt  hier  nur  derjenige 
Grad  von  Umwandlung  erreicht  worden  zu  sein,  der  dort  die  Be- 
zeichnung »Eisenkalk«  erhalten  hat.  Die  Arbeiten  sind  wie  ge- 
sagt meist  im  Mittleren  Zechstein  angesetzt  und  gehen  durch  den- 
selben bis  in  den  Unteren,  wenn  nicht  bis  auf  den  Schiefer.  Zur 
Zeit  reichen  aber  die  Aufschlüsse  nicht  mehr  aus,  um  die  Stelle 
der  eisenreicheren  Schicht  im  Profil  genau  anzugeben,  ob  sie 
nämlich  noch  innerhalb  des  Mittleren,  bezw.  an  seiner  Basis,  oder 
im  oberen  Theil  des  Unteren  Zechsteins,  entsprechend  dem  unteren 
Eisensteinflütz  oder  »Glimmerflötz«  l)ci  Kamsdorf,  auftreten;  noch 
weniger  natürlich,  um  ihren  etwaigen  Zusammenhang  mit  »Rücken« 
oder  Sprüngen  darzuthun.  Für  die  Kartirung  kommen  diese  Fragen 
nicht  in  Betracht;  überhaupt  ist  dei'  fragliche  Spielraum  im  Profil 
bei  der  hiesigen  geringeren  Mächtigkeit  der  unteren  Zechstein- 
abtheilung nicht  gross.  Jedenfalls  wird  man  nicht  fehl  gehen, 
wenn  man  die  hiesigen  Verhältnisse  als  eine  Wiederholung  in 
kleinerem  Maassstabe  derjenigen  von  Kamsdorf  u.  s.  w.  auffasst 

Mittlerer  Zechstein.  (Rauhwacke,  Hauptdolomit.)  Die 
Abtheilung  des  Mittleren  Zechsteius,  nach  Gestein  und  äusserer 
Erscheinung  im  Ganzen  gut  kenntlich,  und  hier  nicht  weiter  in 
Unterabtheiluugen  trennbar,  zeigt  doch  in  ihrer  Entwicklung  von 
Ort  zu  Ort  eine  gewisse  Veränderlichkeit;  sehr  bedeutend  wechselt 
sie  in  ihrer  Mächtigkeit,  ausserdem  aber  kommen  auch  besondere 
Gesteiusabänderungen  vor. 

In  seiner  Hauptmasse  besteht  auch  in  hiesiger  Gegend  der 
Mittlere  Zechstein  aus  einem  krystallinischeu,  mitunter  grobkry- 
stallinischen,  dabei  mehr  oder  minder  porösen,  oft  löcherigen, 
d.  h.  von  drusenartig  oder  sonstwie  gestalteten  Hohlräumeu  durch- 
setzten  Kalkstein  bezw.  Dolomit,  dessen  Farbe  zwischen  weiss, 
gelblich,  hell-  bis  dunkelgrau  und  braun  sich  zu  halten  pflegt, 
und  der  gewöhnlich  als  Raidiwacke  (auch  Rauchwacke)  bezeichnet 

b Dass  auch  in  unseien  Gegenden  der  Bergbau  an  »Rücken«  gebunden  war, 
glebt  wenigstens  J.  C.  W.  Voigt  an.  Den  (Braun-)  Eisenstein  unseres  Zechsteins 
setzt  er  über  das  obere  bituminöse  Morgelschiefer-  bezw.  Kupferschiefertlötz,  also 
in  die  Nähe  der  Basis  des  Mittleren  Zechsteins. 


und  Königsee  am  Thüringer  Walde. 


235 


wird.  Wo  immer  das  Gestein  zu  stärkerer  Eutwickluug  gelangt, 
bildet  es  die  bekannten  felsigen  Wände,  Vorsprünge  und  Abstürze, 
unter  Umständen  auch  mehr  vereinzelt  anftretenden,  klotzigen 
Felsmasseu,  die  meistens  ganz  ungescbichtet  erscbeinen,  in  ein- 
zelnen Fällen  dagegen  Anzeichen  von  Schichtung  erkennen  lassen’), 
dabei  vielfach  von  Klüften  und  Spalten  durchzogen  und  in  ein- 
zelne, unregelmässig  gestaltete  Blöcke  und  grössere  Gesteinskörper 
getrennt  sind.  (Kauhkalk,  llöhlenkalk  der  älteren  Geognosteu.) 
Die  gerundeten  Formen  derselben  kehren  auch  an  den  kleineren, 
ans  dem  endlichen  Zerfall  hervorgehemlen  Blöcken  wieder  und 
dienen  in  Verhindunc:  mit  der  sonstiGieu  Gesteinsheschafteidieit 
zur  Unterschciduua:  vom  Kalkstein  des  Unteren  und  des  (.Iberen 
Zechsteins. 

In  dieser  Weise,  als  felswandhildeude  liauhwacke,  tritt  der 
Mittlere  Zechstein,  wie  schon  in  älteren  Schriften  erwähnt  wird, 
auf  zwischen  Watzdorf,  Böhlscheiben,  Cordobang  und  Leutnitz, 
sowohl  auf  den  Höhen  als  weiter  abwärts  bis  iu’s  liiiiuthal,  und 
an  beschränkteren  Stellen  auch  nordöstlich  und  südwestlich  von 
Fröbitz;  ferner  hei  Aliendorf  und  endlich  am  Spitzherg,  (^uerling- 
berg  und  Eierherg  hei  Dörnfeld  und  Garsitz  in  der  Nähe  von 
Königsee.  An  vielen,  wenn  nicht  den  meisten  Punkten  der  ge- 
nannten Strecken  ist  der  mittlere  Zechsteiukalk  von  seiner  Basis 
ah  aufwärts  als  Rauhwacke,  zum  wenigsten  in  einer  ähnlichen 
petrographischeu  Beschaflenheit  entwickelt,  gleichviel  oh  er  auf 
unterem  Zechsteiukalk  lagert,  oder  hist  unvermittelt  dem  Schiefer- 
gehirge  aufgesetzt  ist;  doch  tiudet  diese  gleichmässige  Entwicklnug 
nicht  überall  statt.  So  eröfihet  am  Eierherg,  Querliugherg  und 


')  So  erkennt  man  bei  Allenclorf,  da  wo  der  Holilwog  beim  südlicben  Aus- 
gang des  Dorfes  beginnt,  und  an  dem  von  liier  aus  in  nordöstlicher  Riclitung 
ansteigenden  Feldweg,  trotz  der  klotzigen  Felsbildungen,  doch  eine  nach  NNW. 
mit  ca.  30*^  einfallende  Bankschichtung  in  der  Kauliwacke.  Auch  an  der  Fels- 
wand im  Rinnthal  an  der  Landstrasse  unterhalb  Leutnitz  dürfte  eine  etwa  süd- 
westlich gerichtete  Schichtung  angedeutet  sein.  Deutliche  Schichtung  zeigt  sich 
im  Mittleren  Zechstein  in  dem  Steinbruch  südwestlich  von  Garsitz,  am  Wege 
nach  Herschdorf,  wo  ein  sehr  fester,  grauer,  poröser  Kalkstein  zu  Fundament- 
und  Sockelcjuadern  verarbeitet  wird;  die  Schichtung  verläuft  unregelmässig,  etwas 
wellig,  die  einzelnen  Lagen  spitzen  sich  oft  aus. 


236 


H.  Lohktz,  Der  Zeclistein  in  der  Gegend  von  Blankenburg 


Spitzberg  der  Mittlere  Zeclistein  mit  einem  weissen,  dicliten  bezw. 
sehr  feinkrystallinisclien,  in  dicke  Bänke  geschichteten  Kalkstein, 
auf  welchen  erst,  ohne  scharfe  Grenze,  die  eigentliche  ßauhwacke 
folgt,  welche  den  bei  weitem  grössten  Theil  der  Mächtigkeit  dieser 
Zechsteinalitheilung  einnimmt.  Poröse  Structur  ist  bei  ieuem 
weissen  Kalkstein  immerhin  nicht  ganz  ausgeschlossen,  aber  er 
wird  dabei  nicht  grosslöcherig  und  unterscheidet  sich  auch  daun 
hinlänglich  von  der  höher  gelegenen  Kauhwacke.  In  seiner  Folge 
auf  den  Unteren  Zeclistein  kann  man  diesen  weissen  Kalk  in  dem 
Hohlweg  sehen,  welcher  am  westlichen  Ausgang  des  Dorfes  Gar- 
sitz beginnt 

Von  Köuigsee  bis  Ascliau  und  noch  eine  Strecke  weiter  süd- 
östlich längs  dem  Gebirgsrand  ist  der  Mittlere  Zeclistein  schwach 

Ö O 

entwickelt  und  so  zu  sagen  nur  durch  eine  Bank  vertreten.  Das 
Gestein  derselben  ist  im  Allgemeinen  rauhwackeartig,  kommt  aber 
stellenweise  noch  mehr  auf  jenen  weissen,  porösen,  dem  Schaum- 
kalk des  Muschelkalkes  ähnlich  werdenden  Kalkstein  hinaus,  welchen 
wir  vom  Hohlweg  bei  Garsitz  erwähnt  haben.  Manchmal  enthält 
solcher  weisser,  poröser  Kalk  kleine,  eckige  Bröckchen  von  grauem 
Schieferletten  eiugeschlossen  (Uuterschöblingen,  Aschau).  Ganz 
dieselben  Verhältnisse,  schwache  Entwicklung  des  Mittleren  Zech- 
steins als  poröser,  weisser,  schaumkalkähnlicher  Kalkstein,  zum 
Theil  mit  Einschluss  kleiner  Schieferlettenbröckcheu,  wiederholt 
sich  bei  der  Zechsteiuscholle,  die  nahe  bei  Watzdorf,  am  untersten 

')  Es  ist  liier,  vom  Dorfe  beginnend,  ein  Profil  aufgeschlossen,  welches  die 
Schiclitenfolge  vom  untersten  Zechstein  bis  ziim  Beginn  des  mittleren  zeigt,  die- 
selbe ist  so:  Zechsteinsandstein,  durch  Verwitterung  gelblich  gefärbt,  mit  ein- 
zelnen grösseren  Quarzstückchen  und  Malachitpartikeln;  Conglomeratbank,  etwa 
1 Meter  stark,  mit  grossen,  unvollkommen  abgerundeten,  Quarzitstücken  und 
dolomitisch  sandigem  Bindemittel;  dunkle,  bituminöse  Mergel  (Kupferschiefer- 
äquivalent);  ebenschichtige,  braun  verwitterte  dolomitische  bezw.  mergelige  Platten 
(Vertreter  des  eigentlichen  Zechsteins),  nicht  gut  aufgeschlossen;  weisser,  poröser, 
dem  Schaumkalk  des  Unteren  Muschelkalkes  ähnlicher  Kalk,  der  den  Mittleren 
Zeclistein  eröffnet;  hier  wird  das  Profil  durch  eine  Verwerfung  abgeschnitten,  in 
der  wieder  etwas  Zechsteinsandstein  steckt,  und  jenseits  welcher  cambrischcr 
Schiefer  folgt.  Zu  beachten  ist  in  diesem  Profil  die  Trennung  in  Zechstein- 
sandstein und  Zechsteinconglomerat , sowie  die  Reduction,  resp.  geringe  Gliede- 
rung der  darauf  folgenden  Schichten  des  Unteren  Zechsteins. 


nud  Küiiigsee  am  Tliüringer  Walde. 


237 


Theil  des  Al)han2;s  der  südlichen  llinnthalseite  sfeleofeii  ist. 
Üebrigeus  koniint  diese  an  Schauinkalk  erinnernde  Strnctnr  nicht 
nur  in  den  untersten  Bänken  des  Mittleren  Zechsteins,  oder  bei 
ganz  geringer  Mächtigkeit  desse]l)en  vor,  sondeiai  man  bemerkt 
sie  gelegentlich  auch,  bei  viel  grösserer  Mächtigkeit,  in  höheren 
Theilen  der  Ranhwacke  ^).  Eigentliche  oolithische  Strnctnr  (wie 
z.  B.  bei  Leumnitz  bei  Gera)  habe  ich  hier  zu  Lande  nicht  be- 
obaclitet.  Lockerung  des  Gesteins  bis  zu  schliesslichem  Zerfall 
zu  dolomitischem  Sand  oder  Pulver  findet  sich,  besonders  in  Folge 
von  mechanischen  Zerrüttungen,  hier  und  da,  wenn  auch  nirgends 
in  grosser  Ausdehnung  ^). 

Ob  in  den  zum  Mittleren  Zechstein  zu  stellenden  Theilen 
unseres  Zechsteinzuges  auch  Analoga  zu  den  ostthüringischeu 
Rifi'bildungen  enthalten  sind,  oder  nicht,  darüber  bin  ich  nicht  zu 
völliger  Gewissheit  gelangt.  Lagerungsverhältnisse  wie  Gesteins- 
l)eschaftenheit  scheinen  mir  die  Annahme  von  solchen  Bildungen 
nicht  nothwendig  zu  verlangen.  Die  häufig  auftretenden  felsigen 
Steilwände  an  sich  sprechen  ja  noch  nicht  zu  Gunsten  einer 
solchen  Annahme:  bei  reo'elmässio-er  Lagerung  können  sie  einfach 
nur  Stufen  im  Zechsteinprofil,  bei  gestörter  durch  Verwerfungen 
hervorgerufen  worden  sein.  Wichtig  für  die  Entscheidung  der 
Frage  ist  die  Gesteinsbeschaftenheit.  Diese  nun  dürfte  nur  in  den 
wenigsten  Fällen  der  typischen  Beschafienheit  des  Riftgesteins 
von  Pössneck  u.  s.  w.  gleich  werden,  manchmal  indess  sich  der- 
selben nähern;  an  keiner  Stelle  fand  sich  jener  Reichthum  an 
kleinen  Versteinerungen  in  Verbindung  mit  der  charakteristischen 
petrographischeu  Ausl)ildung  des  »Rifigesteins «.  Hier  und  da 

’)  Die  schaumkalkähnliche  Structur  kommt  auch  weiterhin  im  thüringischen 
Mittleren  Zechstein  vor;  vergl.  Liebe  und  Zi.mmekmann,  Erläuterung  zu  Blatt 
Saalfeld  S.  35.  — Ferner  Zimmermann,  Dieses  Jahrbuch  für  1887,  S.  XLVllI. 
(Zechstein  des  Blattes  Crawinkel). 

Bekanntlich  findet  bei  diesem  Vorgang  eine  Art  Dolomitisirung  in  Folge 
Wegführung  gCösten  Calciumcarbonats  statt.  In  diese  Klasse  von  Erscheinungen 
gehört  auch  die  Erzeugung  von  eisen-  und  manganlialtigen  Farberden,  als  Rück- 
ständen von  Zechsteinkalkbänken,  die  bei  stark  geneigter  Stellung  die  losende 
Wirkung  der  Tagewässer  erfahren  haben.  (Farberdegruben  bei  Beulwitz  unweit 
Saalfeld.) 


238 


H.  Loretz,  Der  Zeclistein  in  der  Gegend  von  Blankenbur; 


kommen  Stücke  vor,  die  ziemlich  viel  Bryozoeu,  besonders  FenesteUa^ 
enthalten,  letztere  liegen  jedoch,  worauf  mich  Herr  Dr.  Zimmermann 
anfmerksam  machte,  mehr  zerstreut  nach  verschiedenen  Richtungen 
im  Grestein,  nicht,  wie  im  echten  Ritfgestein,  nach  derselben 
Richtung. 

Die  Mächtigkeit  unseres  Mittleren  Zechsteins  ist  nach  dem 
Gesagten  sehr  wechselnd.  Während  sie  in  einigen  Strecken  die 
einer  starken  Bank  nicht  überschreitet,  erhebt  sie  sich,  wo  die 
Rauhwacke  stark  entwickelt  ist,  vielleicht  auf  60  Meter  und  mehr^). 
Zur  systematischen  Aufsammlung  von  Versteinerungen  des  Mitt- 
leren Zechsteins  boten  unsere  geologischen  Aufnahmen  keine  Ge- 
legenheit ^). 

AVeiter  oben  haben  wir  die  Erscheinung  der  Verkieselung 
aus  Unterem  Zechstein  erwähnt;  sie  wiederholt  sich  in  etwas 
stärkerem  Grade  im  Mittleren.  Zwischen  Allendorf  und  dem 
Rabenhügel  auf  der  Verebnung  nördlich  von  dem  letzteren,  un- 
weit Schwarzburg,  liegen  im  Bereich  des  Mittleren  Zechsteins 
viele  Blöcke  eines  dunkelgrauen  bis  graubraunen,  drüsig  jiorösen, 
vollkommen  quarzigen  Gesteins,  welches,  wie  mir  scheint,  mit 
dem  von  Zimmermann 3)  im  Bereich  von  Blatt  Crawinkel,  weiter 
nordwestlich  im  Thüringer  Walde  gefundenen,  ebenfalls  in  Blöcken 
vorkommenden,  verkieselten  Zeclistein  übereiustimmt;  der  dort 
durch  Versteinerungen  gelieferte  vollgültige  Beweis  für  die  Um- 

0 Dieser  Wechsel  in  der  Mächtigkeit  war  den  älteren  Geologen  schon  wohl 
bekannt.  Vergl.  v.  Hoff  a.  a.  0.  S.  h75  f. 

Gf.initz  führt  (Dyas,  Bd.  II,  1862,  im  Yerzeichniss  der  geologischen  und 
geographischen  Verbreitung  der  Versteinerungen)  aus  dem  Mittleren  Z 'chstein 
unseres  Gebietes  Folgendes  an:  Turbo  helicinus  Schloth.  sp.  vom  Ottenbiel,  von 
Fröbitz  und  Watzdorf;  Pleurophorus  costatus  Brown,  sp.  von  Fröbitz;  Avieula 
spehincaria  Schloth.  vom  Ottenbiel;  GerviUia  ceratophaga  Schloth.  sp.  eben- 
daher; Gervillia  antiqua  Mün.  von  Leutnitz  und  Fröbitz;  Terehratula  elongata 
Schloth.  vom  Ottenbiel;  Spirifer  cristatus  Schloth.  ebendaher;  Stroplialosia 
excavata  Gein.  vom  Ottenbiel  und  von  Watzdorf;  Fenestella  retiformis  Schloth.  sp. 
vom  Ottenbiel;  AcanthoTadia  anceps  Schloth.  sp.  ebendaher.  — Gelegentlicli 
der  Specialaufnahme  fand  sich  ausser  einigen  der  genannten  Formen  auch  noch 
Camarophoria  Scklofkeimi  (Eierberg  bei  Königsee)  und  Acanthocladia  dubia 
(Gegend  von  Watzdorf). 

^)  Dieses  Jahrbuch  für  188G,  S.  XLVlIff. , 1887,  S.  LII  f.  — Blöcke  ver- 
kioselton  Zechsteindolomits  vom  Odenwald  erwähnt  Ciielius,  Notizblatt  d.  Vereins 
f.  Erdkunde  etc.  1888,  IV.  Folge,  9.  Heft,  S.  38f. 


und  Konigsee  am  Thüringer  Walde. 


239 


Wandlung  aus  Zechstein  steht  allerdings  hier  noch  ans.  Unweit 
dieser  Stelle  wurde  auch  an  anstehendem  weissein  mittleren  Zech- 
steinkalk von  rauhwackeartiger  Beschaflenheit  theilweise  erfolgte 
Verkieselung  beobachtet,  die  dann  auch  mikroskopisch  und  chemisch 
bestätigt  werden  konnte. 

Oberer  Zeclistein.  Ueber  den  Unteren  Letten  ist  wenig 
7Ai  bemerken.  Bedeutendere,  abbauwürdige  Gypslager  kommen 
in  demselben  vor  bei  Dörnfeld  und  Königsee,  sowie  am  Kalkberg 
bei  Alleudorf;  an  einigen  Stellen  finden  sich  nur  geringere  der- 
artige Einlagerungen  oder  Spuren  davon,  grossentheils  mag  auch 
wie  anderwärts  der  Gyps  durch  Auswaschung  entfernt  sein.  Am 
Gypshügel  bei  Dörnfeld  stehen  die  Gypsmergel  wohl  40  — 50  De- 
cimalfuss  mächtig  au  und  reichen  bis  fast  an  den  Plattendolomit, 
von  welchem  sie  nur  durch  wenige  Schichten  grauer  Alergel  ge- 
trennt  werden;  kaum  weniger  mächtig  dürften  die  Gypsschichteu 
am  Kalkberg  sein,  doch  wird  diese  Stärke  gewiss  nicht  überall 
erreicht.  Hier  und  da,  doch  ziemlich  spärlich,  sind  in  dem  Letten 
Knollen  eines  grauen  thonigen  Kalkes  oder  Dolomites  eingelagert; 
nur  eine  Abänderung  bezw.  ein  Umwandlungsproduct  derselben 
dürften  Knollen  und  Rinden  thonigen  Brauneisensteins  sein,  welche 
bei  Allendorf  früher  sogar  als  Eisenerz  gewonnen  worden  sind. 
Sandige  Lagen  habe  ich  zwischen  den  Letten  und  Mergeln  dieser 
Stufe  in  unserer  Gegend  nicht  beobachtet.  An  einem  gelegent- 
liehen  Aufschluss  hei  Leutnitz  zeigte  sich  an  der  oberen  Grenze 
der  Stufe  deutliche  Wechsellageruug  des  roth  und  grau  nach  der 
Schichtung  gestreiften  Lettens  mit  den  untersten  Bänken  des 
Plattendolomits. 

Oestlich  von  Bechstädt  und  südlich  von  da,  in  der  Gegend 
des  Trippsteins,  findet  allem  Anschein  nach  directe  Auflagerung 
des  Unteren  Lettens  auf  das  Schiefergebirge  statt.  Der  Letten 
ist  zwar  stark  mit  Schieferschutt  vermischt  und  durch  solchen 
verdeckt,  meistentheils  wohl  auch  schon  abgewittert  und  entfernt, 
an  einigen  Stellen  indess  ist  er  deutlich  zu  erkennen  i).  Es  ist 

b Am  Feldweg  östlich  von  Bechstädt,  etwas  oberhalb  der  Horizontalen  von 
1 100  Decimalfuss;  besser  noch  in  der  Lettengrube  etwas  nördlich  vom  Fahrweg 
von  der  Fasanerie  nach  dem  Trippstein,  wo  auch  die  Mergelknollen  im  Letten 
Vorkommen.  An  dem  genannten  Fahrweg  finden  sich  im  Bereiche  des  auch  hier 


240 


H.  Loretz,  Der  Zechstein  in  der  Gegend  von  Blankenbur' 


dies  also  eine  Fortsetzuno-  der  oben  schon  bemerkten  überg-reifen- 
den  Auflagerung  einzelner  Zechsteinstnfen  auf  das  alte  Gebirge, 
die  allerdings  nicht  weiter  aufwärts  reicht,  insofern  directe  Auf- 
lagerung des  Plattendoloniits  auf  dasselbe  hier  nicht  beobachtet 
worden  ist. 

Oberer  Zech  st  ein  kalk  und  -Dolomit.  Der  typische 
Plattendolomit  des  Oberen  Zechsteins  kommt  in  unserer  Gegend 
ganz  so  vor,  wie  man  ihn  auch  anderwärts  zu  sehen  gewohnt  ist. 
Seine  Lager  trennen  sich  in  mässig  starke,  ^/5  Meter  in  der  Dicke 
oft  nicht  überschreitende  und  kaum  durch  thonio’e  Zwischenlao-en 

O o 

geschiedene  Platten.  Das  Gestein  ist  dicht,  spröde,  kaum  porös, 
dunkelrauchgrau  in  frischem,  gelblich  in  verwittertem  Zustand, 
oft  auch  in  der  Schichtrichtung  etwas  streifig;  die  Platten  sehen 
auf  der  Oberfläche  nicht  selten  unregelmässig  grnbig  aus.  Die- 
selben sind  vielfach  gesprungen  und  zerklüftet,  insoweit  die  Lage- 
rung in  der  bekannten  A¥eise,  welche  auf  die  Entstehung  unter- 
lagernder Gypsflötze  aus  Anhydrit,  und  spätere  Auslaugung  sich 
zurückführen  lässt,  gestört  worden  ist;  zerrüttete  Bänke  können 
durch  Wiederverkittung  ein  breccieuartiges  Aussehen  erlangt  haben, 
in  anderen  Fällen  hat  diu’ch  AMrherrschen  auslaugeuder  Einflüsse 
Zerfall  zu  Dolomitsand  stattgefundeu.  Der  obere  Zechsteinkalk 
ist  aber  nicht  durchweg  als  Plattendolomit  entwickelt,  sondern  es 
kommt  auch  in  o-ewissen  Strecken  eine  Ausbilduna;  als  Zellenkalk 
bezw.  -Dolomit  vor,  so  besonders  in  der  Gegend  zwischen  Eröbitz, 
Quittelsdorf  und  Watzdorf.  In  dieser  Form  bildet  das  Gestein 
hier  und  da  klotzige  Felsmauern,  und  erlangt  eine  gewisse  äusser- 
liche  Aehnlichkeit  mit  der  Ilauhwacke  des  Mittleren  Zechsteius; 
bei  näherer  Vergleichung  sieht  man  aber,  dass  dasselbe  in  seiner 
feinkrystallinischen  bis  dichten  Structur,  den  hier  und  da  hervor- 
treteuden  schichtia:en  Streifen  und  der  hellen  Färbun«:  des  Ver- 


stark  durch  Scliiefei’schutt  bedeckten  und  mit  solchem  vermischten  Lettens  recht 
viel  Stücke  einer  aus  kleinen  Schieferstückchen  bestehenden,  mürben  Breccie; 
nur  vermuthungsweise  kann  angenommen  werden,  dass  dieselbe  die  Unterlage 
des  Lettens  bildet  und  unmittelbar  dem  Schiefergebirge  aufliegt,  indem  sie  so 
zugleich  eine  Andeutung  von  Zechsteinconglomerat  darstellt,  während  allerdings 
die  Kalkbildungen  des  Unteren  und  Mittleren  Zechsteins  hier  fehlen  würden. 


nnd  Königsee  am  Thüringer  Walde. 


241 


witteningsbodens  entscliiodeu  mehr  dem  Plattendolomit  als  dem 
Hauptdolomit  oder  der  Ilauhwacke  gleicht,  und  dass  auch  die 
die  Gesteinsmasse  durchziehenden  Höhlungen  in  beiden  Fällen 
etwas  verschieden  gestaltet  sind.  Soweit  diese  Entwicklung  des 
oberen  Zechsteinkalkes  reicht,  pflegt  sie  den  unteren  Theil  dieser 
Stufe  zu  bilden,  der  zunächst  auf  den  Unteren  Letten  folgt ^); 
aufwärts  g:eht  sie  in  den  eigentlichen  Platteudolomit  über.  Der 
letztere  kann  übrigens  auch  ohne  jene  Zellenkalk -Entwicklung 
sofort  das  Hangende  des  Unteren  Lettens  bilden;  es  ist  dies  von 
Strecke  zu  Strecke  verschieden.  — An  Versteinerungen  ist  der 
Plattendolomit  wie  gewöhnlich  arm  und  liefert  nur  die  bekannten 
Steinkerne  von  Schizodus  und  A^icella. 

Der  eigenthümliche  Vorgang  der  Verkieselung,  den  wir  schon 
beim  Unteren  und  Mittleren  Zechstein  erwähnt  haben,  scheint  bei 
dem  oberen  Zechsteinkalk  in  noch  grösserer  Verbreitung  stattge- 
funden zu  haben.  Nachdem  diese  Erscheinung  zunächst  an  gelb- 
braunen Plattendolomitstücken  von  Pennewitz  in  verschiedenen 
Stadien,  bis  zu  völliger  Verkieselung  bemerkt  worden  war  ^),  kam 
in  Frage,  ob  nicht  die  in  grosser  Zahl  vorhandenen  Blöcke  eines 
gelbbraunen  dichten  Quarzits,  wie  sie  besonders  in  der  Cordo- 
banger  Gemarkung  zerstreut  Vorkommen,  und  sich  auch  noch 
weiter  westlich  finden,  für  verkieselten  oberen  Zechsteinkalk  an- 
gesehen werden  müssen,  statt  für  Braunkohlenquarzit,  wie  an- 
fänglich die  Meinung  war,  umsomehr  als  sie  mit  sonstigen  Braun- 

b Auch  weiterhin  ini  thüringischen  Zechstein  wiederholt  sich  dies;  vergl. 
Weiss,  dieses  JahrlDuch  für  1885,  S.  XXXVI. 

b In  Dünnschliffen  dieser  Vorkommnisse  giebt  sich  der  Zustand  der  theil- 
weise  erfolgten  Verkieselung  in  kleinen  Anhäufungen  von  krystallinischem  Quarz- 
mosaik zu  erkennen , welche  das  Gewebe  der  Carbonatkryställehen  unterbrechen 
und  durchziehen;  bei  völliger  Verkieselung  ist  von  letzteren  nichts  mehr  vor- 
handen. In  den  Dünnschliffen  fällt  auf,  dass  die  Brauneisenpartikelchen,  welche 
bei  mangelnder  Verkieselung  das  Ganze  gleichmässig  durchstäuben,  bei  einge- 
tretener Verkieselung  in  kleinen  Flecken  oder  sonstigen  Anhäufungen  von  ver- 
schiedener Form  sich  angesammclt  haben,  zwischen  denen  die  krystallinische 
Quarzmasse  desto  reiner  hervorlritt.  — Präparate  der  früher  erwähnten  ver- 
kieselten Vorkommnisse  von  Allcndorf  (aus  Mittlerem  Zechstein),  sowie  auch  der 
von  Cordobang,  lieferten  ähnliche  Bilder,  bei  den  letztgenannten  war  die  Con- 
centrirung  der  Brauneisenpartikelchen  weniger  ausgesprochen. 


Jahrbuch  1889. 


16 


242 


H.  Lorhtz,  Del'  Zoclistein  in  der  Gegend  von  Blankenburg 


kolilenquarzitprobeu  aus  Tliüringen  petrograpliisch  nicht  übereiu- 
stiinmen.  Der  Structur  nach  würden  sie  sieb  znm  Tbeil  auf  lunge- 
wandelteu  Plattendoloniit,  znin  Tbeil  aber  auch  auf  nmgewandelteu 
caveruöseu,  oberen  Zecbsteiukalk  beziehen  lassen,  mit  welchem  ganz 
besonders  manche  jener  Quarzitblocke  grosse  Formälmlicbkeit  be- 
sitzen. Es  ist  namentlich  eine  Stelle  nordöstlich  von  Cordobang, 
wo  sich  für  diese  Erklärnng  der  genannten  Blöcke  noch  ein 
anderer  Wabrscbeinlicbkeitso'rnnd  geltend  machen  lässt.  Dort 
häuft  sich  nämlich  auf  einer  vom  Unteren  Letten  des  Oberen 
Zechsteins  eingenommenen  Fläche  die  Zahl  der  Qnarzitblöcke 
ganz  bedeutend,  und  an  einer  Stelle  dermaassen,  dass  von  dem 
Lettenboden  gar  nichts  mehr  zu  sehen  ist  und  die  Blöcke  ein 
wahres  Haufwerk  bilden,  welches  recht  wohl  der  zerfallene  Rest 
einer  verkieselten,  ehemaligen  Auflagerung  von  oberem  Zechstein- 
kalk sein  könnte;  man  müsste  denn  ein  künstliches  Zusammen- 
tragen annehmen,  was  ich  nicht  für  wahrscheinlich  halte.  Die 
Ursache  der  vermutheten  Verkieselung  bleibt  aber  auch  hier  un- 
aufgehellt. 

Die  Stufe  des  Oberen  Lettens  ist  selten  einmal  deutlich 
aufgeschlossen  und  zeigt  dann  nur  eine  geringe  Vläehtigkeit,  die 
sich  auf  einige  Meter,  mitunter  noch  weniger,  veranschlagen  lässt; 
meistens  scheint  auf  den  obersten  Plattendolomit  so  gut  wie  un- 
mittelbar Bröckelschiefer  und  die  ersten  sandigen  Lagen  des  Bunt- 
Sandsteins  zu  folgen,  so  dass  eine  besondere  Ausscheidung  von 
Oberem  Letten  auf  der  Karte  nur  constructiv  auszuführen  ist  ^). 
Au  den  wenigen  Stellen,  wo  diese  Stufe  deutlich  vorhanden  ist, 
zeigt  sie  sich  gebildet  aus  rothen  oder  graublauen  oder  noch 
dunkleren  Letten,  welche  Bänkchen  und  Platten  dolomitischen 
Gesteins  mit  unebener,  knolliger  Oberfläche  enthalten. 

Die  Lagerung  des  Zechsteins  in  der  hier  besprochenen 
Gegend  ist  nichts  weniger  als  regelmässig.  Das  Ausstreichen 
seiner  Schichten  stellt  sich  vielmehr  als  ein  sehr  unregelmässig 

0 Wenn  man  die  ersten  sandigen  Lagen  als  Beginn  des  Buntsandsteins  an- 
nimnit,  fällt  der  Streifen,  der  den  Oberen  Letten  darstellt,  auf  der  Karte  in  der 
Tbat  meist  verschwindend  schmal  aus. 


und  Königsee  am  Thüringer  Walde. 


243 


verlaufendes,  aus-  uud  eiuspriugeudes,  mit  Zacken  und  liallünsel- 
artigen  Vorsprüngen  versehenes  Band  von  ganz  ungleicher  Breite 
dar,  welches  sich  zwischen  dem  alten  Schiefergebirge  des  südöst- 
lichen Thüringer  Waldes  einerseits  uud  den  ihm  uordwärts  vorge- 
lagerten Buntsandsteinschichten  andererseits  hiuzieht  uud  dabei 
noch  vielfach  zerschuitteu,  getrennt  uud  verschoben  ist;  obendrein 
treten  einzelne  Zechsteinausstriche  iuselartig  im  Gebiet  des 
Schiefergebirges  und  in  dem  des  Buntsandsteins  auf.  Diese  Art 
von  Lagerung  hängt  damit  zusammen,  dass  das  Gebiet  von  einer 
ofrösseren  Zahl  verschieden  «gerichteter  uud  auch  ihrem  Wirkungrs- 
grade  nach  ungleicher  Verwerfungen  durchschnitten  wird,  an 
welchen  die  Schichten  Verschiebungen  erlitten  haben,  so  dass 
nun  die  getrennten  Theile  eiuer  uud  derselben  Schicht  ganz  ver- 
schiedenes Streichen  uud  Fallen  erhalten  haben  uud  verschiedene 
absolute  Höhenlagen  einnehmen. 

Geht  man  die  Umgreuzungsliuieu  der  Zechsteinausstriche 
einzeln  durch,  so  findet  sich,  dass  sehr  viele  davon  deu  genannten 
Störungen  augehöreu,  während  die  übrigen  in  der  ursprünglichen 
Auflagerungsfläche  des  Zechsteius  auf  das  alte  Gebirge,  oder 
andererseits  in  der  Auflafferunj^sfläche  des  Buutsaudsteins  auf  den 
Zechstein  gelegen  sind.  Es  sind  indess  nicht  nur  wirkliche 
Sprünge  oder  Verwerfungen,  sondern  auch  sattel-  uud  gewölbe- 
artige Biegungen,  theils  flachere,  theils  schärfere,  welche  auf  die 
Lageruug  von  Einfluss  gewesen  sind;  diese  Art  von  Störungen 
spricht  sich  besonders  aus  in  dem  Auftaucheu  der  oberen  Zech- 
steiuschichteu  im  Gebiet  des  Buutsaudsteins,  so  namentlich  bei 
Alleudorf  uud  nordwestlich  von  da  ^). 

Einige  der  genannten  Verwerfungen  liegen  in  der  Hauptver- 
werfungsrichtuug  des  Thüringer  Waldes,  nämlich  in  SO.,  NW.; 

b Es  ist  hierbei  nicht  nur  an  die  bekannte  Aufwölbung  und  Berstung  der 
Plattendolomitschichten  in  Folge  Entstehung  der  darunterliegenden  Gypslager  aus 
Anhydrit  zu  denken,  sondern  auch  an  Bewegungen,  welche  umfassende  Theile 
des  Schichtengebäudes  in  gewisser  Richtung  ergriffen  haben  und  welche  ihrer- 
seits mit  den  Verwerfungen  in  ursächlichem  Zusammenhang  stehen,  wie  z.  B.  eben 
in  der  Strecke  bei  Aliendorf  und  weiter  NW.;  mögen  ja  doch  oft  genug  solche 
Bewegungen  und  die  durch  sie  bewirkten  Sprünge  erst  Anlass  und  Einleitung 
gewesen  sein  zu  jenem  grossentheils  chemisch  sicli  abspielenden  Vorgang. 

IG* 


244 


H.  Loretz,  Der  Zeclistein  in  der  Gegend  von  Blankenbur' 


SO  melirere  Störimgsliuien  im  mittleren  Gebiet,  bei  Bechstädt, 
Aliendorf,  Köditz,  Horba,  kleinere  auch  weiter  östlich  und  west- 
lich 1);  andere  ziehen  qner  zn  dieser  llichtnng,  so  ans  der  Gegend 
von  Allendorf  gegen  Qnittelsdorf  hin,  wieder  andere  befolgen  noch 
andere  Richtungen.  Die  Lagerung  in  unserer  Gegend  steht  über- 
haupt in  merklichem  Gegensatz  zn  der  Lagerung  in  jenen  Strecken, 
wo  der  Rand  des  eigentlichen  Thüringer  Waldes  bezw.  die  Grenze 
des  älteren  Gebirges  gegen  das  jüngere,  ziemlich  geradlinig  SO., 
NW.  hinzieht,  wie  das  weiter  östlich,  zwischen  Blankenburg,  näm- 
litdi  dem  Rinnthal  znnächst  oberhalb  Blankenbni’g,  und  Saalfeld, 
sowie  weiter  westlich,  bei  Ilmenau,  Elgei’sbnrg  n.  s.  w.  der  Fall 
ist.  Dort  ei’schöpften  sich  die  Bewegungen  der  Erdkruste, 
welche  der  Entstehung  dieses  Gebirges  zu  Grunde  liegen,  mehr 
in  der  Anlage  einer  grossen,  SO. — NW.  ziehenden  Verwerfung, 
und  die  Zechsteinschichten  begleiten  dieselbe  als  ein  einfacher, 
ziemlich  regelmässig  verlaufender  Streifen;  hier  bethätigten  sie 
sich  in  der  Ausbildung  zahlreicher,  weniger  starker  und  weniger 
richtnngsbeständiger  Störungen,  und  dementsprechend  erscheinen 
die  Zechsteinschichteu  gleichsam  wie  verzettelt^).  Damit  steht 
auch  das  orographische  Verhalten  im  Zusammenhang;  dort  er- 
hebt sich  das  alte  Gebirge  in  weithin  sichtbarem  Steilabfall  und 
trennt  sich  in  ihm  deutlich  von  den  jüngeren  Schichten,  hier  ver- 
flacht es  sich  allmählicher  ohne  in  die  Augen  fallende  Grenze. 

Was  die  Lage  der  Zechsteinschichteu  in  unserem  Gebiete 
des  Näheren  betriflft,  so  liegen  sie  auf  der  Höhe  des  Gebirges 
zwischen  Böhlscheiben,  Cordobang  und  der  Heukertskuppe  ziem- 
lich flach,  von  da  gegen  das  Rinnthal  hin  fallen  sie  im  Allge- 
meinen nordöstlich,  nördlich  und  nordwestlich  ein,  je  nachdem  wir 
von  Osten  westwärts  vorschreiteu.  Dieselben  bald  mehr  bald 

b Diese  kleineren  werden  erst  bei  grösserem  Maassstab  der  Karte  deutlich, 
wenn  die  einzelnen  Stufen  des  Zechsteins  getrennt  zur  Darstellung  kommen. 

b ZiMMERMANM  (Dicscs  Jahrbucli  für  1887,  S.  LIII  ff.)  hat  diesen  Unterschied 
bereits  hervorgehoben  und  näher  beleuchtet.  — Zunächst  S.  bei  Blankenburg  er- 
scheint in  unserem  Gebiete  ein  solcher  schmaler  Zechsteinstreifen  an  der  von 
Saalfeld  herkommenden  Hauptverwerfung , welche  dann  weiter  eine  Strecke  lang 
im  Rinnthal  liegt  und  deren  Wirkungen  noch  weiterhin  nach  NW.  bemerk- 
bar sind. 


und  Königsee  am  Tbüringer  Walde. 


245 


weniger  von  N.  abweichenden  Einfallrichtungen  kehren  auch 
weiterhin  gegen  Königsee  und  darüber  hinaus  wieder,  sie  sind 
aber  iin  Einzelnen  so  sehr  von  den  zahlreichen  Verwerfungen  und 
Aufwölbungen  abhängig,  dass  sich  eine  allgemeine  Kegel  in  dieser 
Beziehung  nicht  geben  lässt. 

Ifass  die  geringe  Erzführung,  welche  im  Unteren  Zechstein 
unserer  Gegend  in  früheren  Zeiten  bergbauliche  Unternehmungen 
vei’anlasst  hat,  aller  Wahrscheinlichkeit  nach,  wie  im  Kamsdorfer 
Revier,  an  Störungen  (Rücken,  Sprünge)  gebunden  ist,  wurde 
weiter  oben  schon  erwähnt.  Nicht  anders  verhält  es  sich  mit  dem 
Schwerspath,  welcher,  abgesehen  von  ganz  untergeordneten  Vor- 
kommnissen, im  Bereiche  des  Vlittleren  und  Unteren  Zechsteius 
an  verschiedenen  Stellen  unweit  Pennewitz,  Dörnfeld,  Alleudorf, 
Leutnitz,  in  etwas  grösserer  Menge  auftritt,  und  au  einigen  der- 
selben noch  jetzt  Gegenstand  der  Gewinnung  ist.  Wiederholt 
konnte  aus  der  Lage  der  Schürfe  oder  Schächte  geschlossen 
werden,  dass  die  schwerspathführeudeu  Klüfte  im  Allgemeinen 
sich  in  Richtung  SO. — NW.  halten,  und  umgekehrt  wurde  wieder- 
holt auf  deutlich  nachzuweiseuden,  in  dieser  Richtung  streichen- 
den Verwerfungen  das  Vorkommen  jenes  Minerals  in  grösseren 
Ausscheidungen  beobachtet.  Nicht  immer  jedoch  scheinen  es 
regelmässig  verlaufende,  einfache  Klüfte  zu  sein,  welche  dasselbe 
führen;  vielmehr  scheint  das  Verhalten  oft  so  zu  sein,  dass  das 
Gestein  in  der  genannten  Richtuuo;:  auf  eine  gewisse  Breite  hin 
von  kürzeren  Gängen  und  Gaugtrümeru  des  Schwerspaths  durch- 
schwärmt wird  ^). 

b Vergl.  Erläuterung  zu  Blatt  Saalfeld,  von  Liebe  und  Zimjierjiamn,  S.  (14, 
wonach  der  Schwerspath  im  Kamsdorfer  Revier  nur  auf  den  Spalten  in  h.  9 vor- 
kommt. 


Der  im  Lichtliof  der  Königl.  geologischen  Laiides- 
anstalt  und  Bergakademie  aufgestellte  Baumstumpf 
mit  Wurzeln  aus  dem  Carbon  des  Piesberges. 


Von  Herrn  H.  Potonie  in  Berlin. 
(Hierzu  Tafel  XIX-XXII.) 


Im  Piesberger  Steinkohlenbergwerk  bei  Osnabrück  sind  — 
wie  ans  einer  kurzen  Mittheiluug  aus  der  Feder  des  früheren 
Directors  des  in  Rede  stehenden  Bergwerkes,  Herrn  Karl  Temme, 
hervorgeht  — häufig  mächtige,  stammälmliche  Steinkenie  beob- 
achtet und  zu  Tage  gefördert  worden,  die  vornehndich  dem 
Haugeuden  der  Oberbauk  des  Flötzes  »Zweibänke«  entstammen. 
Das  Museum  der  Königl.  geologischen  Laudesanstalt  besitzt  ein 
solches  etwa  4 Meter  langes  Petrefact  vom  Piesberge,  das  bisher 
— wohl  wegen  seiner  an  die  S/^i7fan’«-Unterabtheiluug  Rhjtidolepis 
erinnernden  aber  uureffelmässi«:en  Läu^sfurchnua:  — für  eine 
Sigillaria  gehalten  worden  ist  und  welches  sich  zur  Zeit  in  der 
nordöstlichen  Ecke  der  Gallerie  befindet,  die  sich  in  der  Höhe 
des  ersten  Stockwerkes  um  den  Liehthof  herumzieht.  Herr  Temme 


h Temme,  »Der  am  Piesberg  gefundene  und  aufgestellte  Wurzelstock  einer 
»Siyillaria«  S.  2G6  u.  267  des  sechsten  Jahresberichtes  des  naturwissenschaftlichen 
Vereins  zu  Osnabrück.  Osnabrück  1885. 


H.  PoTosiii,  Der  im  Liclitliof  der  Königl.  geologischen  Landosanstalt  etc.  247 


sagt  ’)  über  diese  Gebilde:  »Man  hielt  die  fossilen  Ueste  seither 
für  Lepidodeudron-  oder  Sigillarien- Stämme,  ohne  sie  jedoch 
näher  bestimmen  zu  können«. 

»Beim  Aufzimmern  einer  zu  Bruche  gegangenen  Wetter- 
streckc  im  Flötz  Zweibänke  ■ — fahrt  unser  Autor  fort  — wurde 
lieobachtet,  dass  die  Stämme,  mit  der  Spitze  nach  unten  gerichtet, 
in  den  umgebenden  Schieferthon  eingelagert  sind  und  dass  die 
dicker  werdenden  Theile  nach  oben  sich  zu  einem  gemeinsamen 
Stamme  vereinigen,  der  rechtwinklig  gegen  das  Fallen  der  Gebirgs- 
schichten  in  die  übergelagerten  Schieferthon-,  Sandstein-  und 
Conglomerat  - Schichten  fortsetzt.  Mau  hat  es  also  nicht  mit 
Stämmen  sondern  mit  Wurzeln  von  Stämmen  zu  thnn,  welche  in 
dem  über  dem  Flötz  abgelagerten  Schieferthon  gewachsen  si)id 
und  sich  noch  au  der  ursprünglichen  Vegetationsstelle  befinden«. 

Bei  dem  erhöhten  Interesse,  welches  die  Petrefacten  durch 
diesen  Befund  gewannen,  wurden  auf  Veranlassung  des  Herrn 
Temme  und  unter  umsichtigster  Leitung  des  Herrn  Obersteigers 
Theodor  ScHAEFER  in  den  Jahren  1884 — 1886  vier  derartig  voll- 
ständige Petrefacten  im  Bergmittel  verfolgt  und  mühsam  stück- 
weise zu  Tage  gefördert. 

Das  erste  (jetzt  Berliner)  Exemplar  wurde  nach  Mittheiluugen 
des  Herrn  Schaeeer  auf  der  Wetterstrecke  Bremsberg  V,  16  Meter 
flach  über  der  Grundstrecke  des  Flötzes  Zweibänke  am  Südflügel 
anfgefunden.  In  circa  35  Meter  nordwestlicher  Entfernung  von 
diesem  Fundpunkte  fand  sich  im  Pfeiler  über  West  No.  2 das 
zweite  (jetzt  Osnabrücker)  Exemplar.  In  etwa  7 Meter  weiterer 
nordwestlicher  Eutferuuuf»  von  dem  letzteren  wurde  in  demsell)cn 
Pfeiler  das  dritte  und  wiederum  in  demselben  Pfeiler  ca.  20  Meter 
nordwestlich  vom  zweiten  das  vierte  Exemplar  gefunden.  Alle 
standen  mit  ihren  Stämmen  senkrecht  auf  den  Schichtungstlächeu. 
Leider  haben  die  beiden  letzten,  kleineren  Exemplare  keine  Ver- 
werthnug  gefunden;  sie  haben  lange  im  Freien  gelegen  und  sind 
verwittert.  Innerhalb  der  Fundstellen  von  diesen  vier  Exem- 
plaren in  einer  Längenausdehuung  von  etwa  60  Meter  und  einer 


1)  1.  c.  S.  266. 


248  H.  PoTONiK,  Der  im  Liclithof  der  Kocigl,  geologischen  Landesanstalt 


Breiteuausdelmuiig  von  etwa  50  Meter,  insbesondere  im  Pfeiler 
West  1 , ausserdem  im  Ostpfeiler  3,  ca.  50  Meter  vom  Brems- 
schacbte  entfernt,  sind  daun  noch  viele  Wnrzelreste  gefunden,  die 
aber  nicht  weiter  beachtet  und  verfolgt  worden  sind,  weil  die  vor- 
erwähnten beiden  kleineren  Exemplare  noch  keine  Liehhaher  ge- 
funden hatten.  Auch  an  anderen  Stellen  im  Hangenden  des 
Flötzes  Zweibänke  sind  mächtige  Wurzeln  gefunden  worden. 
Nach  alledem  scheinen  also  hier  zahlreiche  Stämme  gestanden  zu 
haben. 

Von  den  Stammtheilen  sind  nur  Stümpfe  erhalten  geblieben, 
beziehungsweise  gefördert  worden.  Die  beiden  zuerst  gefundenen, 
besten  Exemplare  wurden  zunächst  — das  eine,  später  (1885)  ge- 
förderte vor  dem  alten  Osnabrücker  Museum,  dem  ehemaligen 
Amts-Gerichtsgebäude,  das  andere,  1884  gefundene  unweit  des 
Schachtes,  jedes  unter  einem  besondei’s  errichteten,  hölzernen 
Pavillon  aufgestellt.  Das  erstere  hat  nunmehr  im  neuen  Osua- 
brttcker  Museum  seinen  definitiven  Platz  gefunden , das  zweite 
ist  im  Jahre  1889  in  den  Besitz  der  Köuigl.  geologischen  Landes- 
austalt  und  Bergakademie  in  Berlin  gelangt.  Dieses  letztere 
Exemplar  ist  das  wissenschaftlich  werthvollere;  ich  gebe  im  Fol- 
genden seine  ausführliche  Beschreibung. 

Zur  Orientiruug  über  das  äussere  Aussehen  des  Fossils  bietet 
Tafel  XIX  eine  phototypische  Darstellung  desselben  und  zur 
Würdigung  der  Grösseuverhältnisse  die  nachfolgende  von  Herrn 
Prof.  A.  Schneider  verfasste  Tabelle  mit  genauen  Maassaugabeu, 
bei  deren  Studium  der  zugehörige  geometrische  Grundriss  des 
Petrefactes  auf  Tafel  XX  zu  vergleichen  ist. 

Es  geht  aus  den  Zahlen  hervor,  dass  unser  Petrefact  das 
grösste  palaeozoische  des  Kontinentes  ist.  Das  in  Osnabrück  ge- 
bliebene Exemplar  nimmt  zwar  einen  grösseren  Flächenraum  ein, 
weil  die  Längenausdehuungeu  der  Wurzelenden  die  des  Berliner 
Exemplares  übei’trefieu ; aber  bei  dem  Berliner  Exemplar  sind  die 
Wurzeln  viel  mächtiger  entwickelt  und  von  dem  Stamm  ist  ein 
tüchtiger  Stumpf  erhalten,  der  bei  dem  Osnabrücker  vollständig 
fehlt. 


und  Bergakademie  aufgestellte  Baumstumpf  mit  Wurzeln  etc.  249 


In  dem  Cxrimdriss  Tafel  XX  ist 


a das  Centrum  des  Stammes  im  Niveau  der  ersten  Dichotomie 


ab 
a c 
a d 
ae 
b e 
b d 
cd, 
ce 
fk 
bA 

h m 
in 


= 0,56  Meter  | 

= 0,54  » i 

= 0,63  » i 

= 0,61  » i 

= 0,72  Meter  ; 

= 0,87  » ; 

= 0,97  » ; 

= 0,74  » ; 

= 1,00  » \ 

- 0,6 1 » f 

= 0,43  » 1 

= 0,70  » ) 


Maasse  vom  Centrum  bis  zu  den  Endpunkten 
der  Gabellinie  bac  der  ersten  Dichotomie. 
Maasse  vom  Centrum  nach  den  Gabelpunkten 
der  Dichotomieen  2.  Ordnung, 
zugehöriger  oberer  Umfang  = 0,85  Meter 

» » » = 1 , 1 2 s 

» » » = 1,27  » 

» » » = 0,94  » 

Ilorizontalmaasse  Itis  zu  den  Dichotomieen 
3.  Ordnung. 


kk'  = 

0,29 

» 

; zugehöriger 

oberer 

Umfaug 

= 0,35  Meter^), 

kk"  = 

0,31 

» 

; » 

» 

» 

= 0,41 

» 

IV  = 

0,59 

» 

; » 

» 

» 

= 0,80 

» 

IV'  = 

0,55 

» 

; » 

» 

» 

= 0,71 

» 

mm  = 

0,51 

» 

; » 

» 

» 

= 0,62 

» 

mni'  = 

0,46 

» 

; » 

» 

» 

= 0,62 

» 

n n = 

0,32 

» 

; » 

» 

» 

= 0,55 

» 

tf 

n n = 

0,35 

» 

; » 

» 

» 

= 0,47 

» 

0 

k2p 


kq  = 


1.29 
1,28 
1,31 

1.30 
1,51 

1,58 


Ilorizontalmaasse  von  der  Dichotomie  3.  Ord- 
nung k bis  zu  den  Enden  der  Wurzelstiicke, 
= zugehörige  geneigte  Länge  nach  o, 

= » » » » p, 

, Ilorizontalmaass  von  der  Dichotomie  3.  Ord- 
nung l zur  Dichotomie  4.  Ordnung 
— zugehörige  geneigte  Länge, 


9 Nach  meinen  Angaben  sind  in  der  Tabelle  als  1.  Dichotomie  die  Theilung 
des  Petrofactes  in  die  beiden  Hauptstücke,  die  durch  die  Linie  hac  getrennt 
werden,  als  Dichotomieen  2.  Ordnung  die  Punkte  d und  e,  als  Dichotomieen 
3.  Ordnung  die  Punkte  klmn  u.  s.  w.  bezeichnet.  Wir  werden  weiter  hinten 
sehen,  welche  Gründe  zu  diesen  Deutungen  veranlasst  haben.  Potonie. 

9 Die  gemessene  obere  ümfangslinie  weicht  im  Grundriss  entsprechend  seit- 
lich von  der  punktirten  geraden  Verbindungslinie  ab.  Die  Zahlen  dienen  dazu,  das 
Maass  der  Wölbung  der  betreffenden  Wurzeln  zu  veranschaulichen.  Schneiuer. 


250  H.  PoToxiK,  Der  im  Lichthof  der  König!,  geologischen  Landesanstalt 


/2f  = 2,20  Meter, 


2,38 

TOj  S = 

0,83 

0,96 

W?  2 t — 

1,01 

1,11 

Ultl  = 

1,13 

1,20 

0,94 

0,99 

qq  = 

0,18 

II 

0,22 

SS  = 

0,35 

s s"  = 

0,30 

vv  ~ 

0,18 

vv”  — 

0,20 

qi  w = 

0,53 

qo  X = 

0,49 

= 

1,22 

s^z  — 

1,06 

1,25 

1,11 

— 

0,24 

^^2^2  = 

0,55 

b Die  in  der 

Ilorizoiitalmaass  von  der  Dichotomie  3.  Ord- 
nung/ bis  zum  Ende  des  Wurzelstückes  r^), 
= zugehörige  geneigte  Länge, 

Horizontalmaass  von  der  Dichotomie  3.  Ord- 
nung m zur  Dichotomie  4.  Ordnung  s, 

= zimehörio;e  efeueijxte  Läntre, 

Horizontalmaass  von  der  Dichotomie  3.  Ord- 
nung m bis  zum  Ende  des  Wurzelstückes  t, 
= zugehörige  geneigte  Länge, 

Horizontalmaass  von  der  Dichotomie  3.  Ord- 
nung n bis  zum  Ende  des  Wurzelstückes 
= zutrehöritre  ffeneiirte  Län<re, 

Horizontalmaass  von  der  Dichotomie  3.  Ord- 
uuua:  n bis  zur  Dichotomie  4.  Orduunn;:  v. 
= zugehörige  geneigte  Länge, 
zugehöriger  oberer  Umfang  = 0,21  Meter, 


= 0,24 
= 0,39 
^ 0,35 
= 0,20 
= 0,22 


H orizontalmaasse  von  der  Dichotomie  4.  Ord- 
nung q nach  den  Enden  der  Wurzelstücke 
w und  a-, 

Horizontalmaasse  von  der  Dichotomie  4.  Ord- 
nung s nach  den  Enden  der  Wnrzelstücke 
y und  s, 

= zugehörige  geneigte  Länge  nach 

= » » » » äT, 

Horizoutalmaasse  von  der  Dichotomie  4.  Ord- 
nung V nach  den  Enden  der  W urzelstücke 
und  C2, 


wegen  Fehlens  des  einen  Zweiges  derselben  — der  nach  mündlicher  Mittheilung 
des  Herrn  Bergdirectors  Temme  bei  der  Zutagefördorung  noch  dagewesen,  dann 
aber  verloren  gegangen  ist  — in  der  obigen  Tabelle  ausser  Acht.  Potoxie. 


und  Bergakademie  aufgestellte  Baumstumpf  mit  Wurzeln  etc.  251 


4,00  Meter  = Umfung  des  Stammes  im  Niveau  der  ersten  Dicho- 
tomie, 

2,53  » = Umfang  des  Stammes  0,82  Meter  über  der  ersten 

Dichotomie, 


2,45 

» 

= 

Umfaug  des  Stammes  am  oberen 

Ende. 

1,30 

» 

Höhe 

des  Baumstumpfes  über 

1,25 

» 

- 

» 

» » » 

0,71 

» 

Höhe  des  höchsten  Wurzeleudes 

über  dem 

Boden, 

0,02 

» 

- 

» 

» niedriofsteu  » 

O 

r 

» 

» 

» 

0,88 

» 

- 

» 

der  Dichotomie  1 . Ordnung  h 

» 

» 

» 

0,87 

» 

= 

» 

» » » » 

c 

» 

» 

» 

0,79 

» 

= 

» 

» » 2.  » 

d 

» 

» 

» 

0,99 

» 

» 

» » » » 

e 

» 

» 

» 

0,61 

» 

- 

» 

» » 3.  » 

k 

» 

» 

» 

0,46 

» 

= 

» 

» » » » 

l 

» 

» 

» 

0,49 

» 

» 

» » » » 

m 

» 

» 

» 

0,69 

» 

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Was  nun  zunächst  die  »Wurzel«')  uns('res  Petrefactes  hin- 
sichtlich ihrer  Gestalt  betrifft,  so  zeigt  sich  diese  streng  dichotom 
verzweigt,  scheinbar  allerdings  zunächst  viertheilig  und  erst  jeder 
dieser  Theile  dichotom.  Das  zeigt  ohne  Weiteres  der  Grundriss 
Tafel  XX.  Dieser  Grundriss  demonstrirt  sogar,  dass  sich  die 


b Ich  bezeichne  den  unterirdischen  Theil  des  Petrefactes  in  dieser  Abhandlung 
stets  kurz  als  Wurzel,  womit  ich  aber  nur  sagen  will,  dass  der  in  Rede  stehende 
Theil  in  physiologischer  Hinsicht  eine  Wurzel  ist;  in  morphologischer  Hinsicht  ist 
er  ein  Rhizom.  Denn  die  Narbenform,  die  z.  B.  durchaus  der  von  den  Nadeln  auf 
den  Stengeltheih  n der  Wciss-  oder  Edeltanne  {Ahies  alha  Mili.ek)  hinterlasscnen 
gleicht,  ihre  quincunciale  Stellung  und  die  exogene  Entstehung,  sowie  die  damit 
in  Zusammenhang  stehende  Abfälligkeit  der  Appendices  spricht  durchaus  für  die 
Blattnatur  der  letzteren.  — Vergl.  diesbezüglich  W.  C.  Wn,Li.\MSON : »A  monograph 
on  the  morphology  and  histology  of  Stigmaria  fico'ides«  in  »The  palaeontogra- 
phical  society«.  liOndon  1887.  Ferner  z.  B.  auch  H.  Gisaf  zu  Solms-Lauhach : 
»Einleitung  in  die  Palacophytologie«  p.  295  ff.  (Leipzig  1887)  oder  A.  Schenk: 
»Die  fossilen  Pflanzenreste«  p.  97  ff.  (Breslau  1888). 


252  H.  PoTONiit,  Der  im  Liclithof  der  Königl.  geologischen  Landesanstalt 

Wurzel  ohne  jede  Deutelei  als  vou  vorn  herein  dichotom  betrachten 
lässt.  Denn  die  gegenüber  befindlichen  Buchten  h und  c liegen 
dein  in  derselben  Ebene  genommenen  Stamm- Mittelpunkt  a am 
uäcbsten;  sie  sind  besonders  stumpf  und  machen  aus  diesen  beiden 
Gründen  den  Wurzelkörper  von  vorn  herein  zweitheilig.  Durch  die 
Jjiuie  h a c wird  also  die  Achsel  der  ersten  Dichotomie  markirt. 
Es  erinnert  das  an  das  gewöhnlich  »zweilappige«  /soctes-Stämm- 
chen.  Das  Osnabrücker  Exemplar  zeigt  eine  solche  deutliche 
Sonderung  in  zwei  Theile  nicht:  hier  erscheinen  von  vorn  herein 
vier  gleichmässig  entwickelte  Abzweignngen,  die  gleichwerthig  zu 
sein  scheinen,  die  aber  gewiss  auch  als  zweifach  dichotom  zu 
deuten  sind,  derartig,  dass  die  beiden  Dichotomieen  zweiter 
Ordnunw  sofort  nach  Bilduno-  der  ersten  zur  Eutwickluua:  ffe- 
kommen  sind.  Auch  andere  Figuren  in  der  Litteratur  sprechen 
dafür,  dass  die  Wnrzelverzweiguug  der  mit  dem  unserigeu  zu  ver- 
gleichenden Carboustämme  auch  vom  ersten  Beginn  au  streng 
dichotom  ist');  alle  Fälle,  wo  eine  Viertheilnng  vorzuliegeu  scheint, 
lassen  sich  wie  das  Osnabrücker  Exemplar  deuten  , und  bei 
den  Stämmen  mit  Wurzeln,  die  sich  au  der  Basis  in 

viele  (mehr  als  vier),  scheinbar  gleichwerthige  Theile  gliedern, 
mögen  die  Dichotomieen  noch  schneller  auf  einander  gefolgt 
sein  ; so  z.  B.  bei  dem  SigillariaSiAmm^  den  Rich.  Brown  be- 
schreibt ^).  Im  Allgemeinen  werden  aber  — das  lehren  die 
Objecte  — besonders  die  beiden  Dichotomieen  2.  Ordnung  nn- 
inittelbar  nach  Entstehung  der  ersten  zur  Entwicklung  gekommen 
sein,  sodass  die  Basis  des  Stammes  gewöhnlich  jene  charakteristi- 
schen Kreuzfnrcheu  zu  erkennen  giebt,  die  — nach  mündlicher 
Alittheiluug  des  Herrn  Temme  — auch  bei  unserem  Petrefact  sehr 
deutlich  bemerkt  worden  sind.  Ich  kann  es  nicht  unterlassen, 

b Vergl.  z.  B.  die  Zeichnung  Otto  Webee’s  — auf  Tafel  XII  in  Bd.  III 
der  Zeitschrift  der  Deutschen  geologischen  Gesellschaft.  Berlin  1851  — in 
Göppeut’s  Abhandlung:  »lieber  die  Stigmaria  ficöides  Brongn.«  — Ferner  Fig.  14 
auf  Tafel  B und  Fig.  2 auf  Tafel  IV  im  Atlas  zu  Goldenbbrg:  »Die  Pflanzen- 
versteinerungen des  Steinkohlengebirges  zu  Saarbrücken«.  Saarbrücken  1855  u.  ff. 

b Rich.  Brown:  »Description  of  erect  Sigillariae  with  conical  Tap  Roots, 

found  in  the  roof  of  the  Sidney  Main  Goal«  in  Proceed.  geol.  Soc.  Quart.  Journ. 
1849,  p.  393. 


und  Bergaliudemie  aufgostellte  Baumstumpf  mit  Wurzeln  etc. 


253 


liier  noclinials  an  hohes  zu  erinnern , deren  Stamm  bei  allen 
Arten  der  Länge  nach  von  2 oder  3,  in  Aiisnalnnefällen  4,  ja  sogar 
5 auf  der  Unterseite  des  Stammes  sieb  vereinigenden  Furchen 
durchzogen  wiiaU).  Auch  A.  Schenk z.  B.  meint  mit  Anderen, 
dass  die  Viertheilung  auf  rasch  wiederholter  Dichotomie  beruhe. 

Die  wieder  gegenüber  liegenden  Buchten  d und  e unseres 
Grundrisses  Tafel  XX  sind  die  von  a nächst  entfernten  und 
gleichen  sich  wieder  ihrem  äusseren  Ansehen  nach,  aber  wir  sehen 
sie  hier  verhältnissmässig  spitze  Winkel  bilden:  es  sind  diese 
Buchten  — wie  leicht  ersichtlich  — die  Achseln  der  beiden  Dlcho- 
tomieeu  zweiter  Ordnung.’  Die  übrigen  Dichotomieeu  sind  ohne 
Weiteres  klar.  Die  Buchten  Ä’,  /,  /»,  n sind  demnach  Dichotomieen 
dritter,  die  Buchten  s,  v Dichotomieen  vierter  Ordnung. 

Die  Wurzeln  zeigen,  wie  die  Tafel  XIX  zu  erkennen  giebt, 
eine  unregelmässige  Längsfurchuug,  die  wohl  nicht  dem  lebenden 
Individuum  angehört  hat,  sondern  erst  während  der  Verwesung 
oder  der  Fossilisatiou  zu  Staude  gekommen  ist. 

An  den  auf  Tafel  XX  markirteu  Stellen  der  Wurzel,  also  an 
ihren  horizontal  verlaufenden  Enden  sind  zweifellose  Stigmaria- 
Narbeu  zu  sehen,  die  auf  dem  Ende  bei  y am  deutlichsten  sind, 
wie  unsere  in  natürlicher  Grösse  hergestellte  Figur  1,  Tafel  XXII 
veranschaulicht.  Diese  Figur  stellt  ein  Theilchen  der  Oberfläche 
dieses  Endes  dar.  Die  genaue  Bestimmung  ist  Stigmaria  fiedides 
Brongn.  var.  inaequalis  Göpp.  Dass  auch  das  auf  der  Galerie 
des  Museums  für  Berg-  und  Hüttenwesen  befindliche,  bereits 
S.  246  dieser  Abhandlung  erwähnte  Stück  eine  Stigmaria  ist,  be- 
weisen ebenfalls  deutliche  Stigmaria-^üvhen  (derselben  »Varietät« 
wie  oben),  die  ich  au  der  Spitze  des  Stückes  gefunden  habe.  Dieses 
Stück  muss  einem  sehr  mächtigen  Baume  augehört  haben,  da  das- 
selbe — wie  schon  gesagt  — die  Länge  von  etwa  4 Meter  hat; 
die  übrigen  wissenswerthen  Maasse  desselben  sind: 


b Vergl.  H.  Potonie:  »Aus  der  Anatomie  lebender  Pteriduphyteii  und  von 
Cycas  revoliiia«,  S.  30D  (15  des  Separatabzuges)  in  den  Aljliandl.  zur  geolog. 
Specialkarto  von  Preussen  und  den  Thüringischen  Staaten,  Bd.  XVII,  Heft  3. 
Berlin  1887. 

b A.  Schenk:  »Die  fossilen  Pflanzenreste«  S.  91.  Breslau  1888. 


254  H.  PoTONiE,  Der  im  Lichtliof  der  Königl.  geologisclien  Landesanstalt 


Umfaug  der  Spitze  0,14  Meter 
» in  der  Mitte  0,70  » 

» am  Grunde  0,96  » 

Auch  der  Stammstrunk  zeigt  an  mehreren,  ebenfalls  auf  dem 
Grundriss  Tafel  XX  angegebenen  Stellen  deutliche,  durch  die 
Pflanze  bedingte  Oberflächenstructur,  die  jedoch  nicht  der  Kinden- 
sonderu  der  Holzoberfläche  unter  der  Ivinde  entspricht.  Die 
Rinde  ist  hier  und  da  als  kohliger  Rest  erhalten,  so  unten  auf 
Tafel  XXI,  welche  ein  Stück  der  Stammoberfläche  bei  5,  Tafel  XX, 
veranschaulicht,  die  der  auf  der  Phototypie,  Tafel  XIX,  dem  Be- 
schauer zugekehrteu  Fläche  entspricht.  Auf  den  jetzt  noch  vor- 
handenen kohligen  Resten  habe  ich  leider  auch  nicht  eine  Spur 
von  Narben  entdecken  können,  und  die  genaue  Bestimmung 
unseres  Stammes  ist  somit  — bei  dem  Stande  der  heutigen  palaeo- 
phytologischeu  Systematik  — leider  unmöglich.  Es  ist  daher 
sehr  zu  bedauern,  dass  auf  die  kohlige  Bedeckung  des  Strunkes 
bei  der  Zutageförderuug  nicht  peinlich  Acht  gegeben  worden  ist. 
Es  lässt  sich  aber  wenigstens  — trotz  des  erwähnten  Mauo-els  — 

Ö Ö 

im  höchsten  Grade  walu’scheinlich  machen,  dass  das  Fossil  eineni 
Lepidophyten  angehört  hat,  was  übrigens  aus  nahe  liegenden 
Gründen  auch  ohnedies  angenommen  werden  müsste;  denn  die 
Oberflächenstructur  des  Holzes  unter  der  Rinde  tritt  in  ähnlicher 
Weise  bei  einigen  Sigillarien  und  Lepidodendren  auf,  namentlich 
bei  Sigillaria  rimosa  Gold.  (=  SigUlaria  camytotaenia  Wood.), 
die  auch  im  Piesberge  vorkommt.  Bekannt  sind  vom  Piesberge 
Sigdlarie7i,  Lepidodendren  — beide  auch  in  Stücken  aus  dem 
Hangenden  des  Flötzes  Zweibänke  in  der  Sammlung  der  Königl. 
geol.  Eaudesanstalt  vertreten  — und  Lepidophloios  — in  der 
Sammlung  der  Landesanstalt  ohne  speciellere  Fundortsangabe  ^). 

9 In  der  Sammlung  der  geologisclien  Landesanstalt  befinden  sich  aus  dem 
Hangenden  des  Flötzes  Zweibänke  vertreten  die  Gattungen : 

Pinnu/aria,  Annularia,  Splienopliyllum,  Lepidodemiron,  Sigillaria  (Rln/tidokpis), 
Sphenopteris,  Neuropteris,  Cyclopteris,  C'orrfaVtes- Blätter,  Corddianthus.  F.  A.  Roemer 
giebt  in  seiner  in  der  Palaeontograjihica  Bd.  IX,  Cassel  18G2  bis  1864,  ei'- 
schienencn  Arbeit  »Beiträge  zur  geologischen  Kenntniss  des  nordwestlichen  Harz- 
gebirges« (2.  Abtheilung:  die  Pflanzen  des  productiven  Kohlengebirges  am  süd- 
lichen Harzrande  und  am  Piesberge  bei  Osnabrück)  auf  p.  16  vom  Flötz  Zwei- 
bänke nur  »Calamilen  und  schilfartige  Blätter«  an. 


und  Bergakademie  aufgestellte  Baumstumpf  mit  Wurzeln  etc. 


255 


Das  erwähute  Relief  der  Holzoberfläche  imseres  Fossils  zeigt  — 
wie  wir  auf  Tafel  XX  uud  XXI  sehen  — im  Grossen  und 
Ganzen  in  Schrägzeilen  angeordnete,  spindelförmige,  in  der  Längs- 
aclisc  des  Stammes  gestreckte,  schwach  hervortretende  Wülste,  die 
als  die  Anfänge  der  aus  dem  Holz  tretenden  primären  Mark- 
strahlen iu  der  Rinde  zu  deuten  sind. 

Bei  dem  Holz  der  Buche  {Fagus  silcatica)  z.  B.  sind  auf  der 
Holzoberfläche  die  primären  Markstrahlen  mit  blossem  Auge  be- 
sonders deutlich  zu  sehen  und  zeigen  auch  dieselbe  Form,  wie  bei 
unserem  Petrefact,  sind  aber  natürlich  bedeutend  kleiner,  uändich 
3 bis  höchstens  5 Millimeter  lan".  Sie  bilden  Vertiefuimen,  in 
welche  die  »Kämme«  der  Rindenoberfläche  hineinpassen. 

Durch  jeden  der  in  Rede  stehenden  Markstrahleii  unseres 
Petrefactes  verlief  eine  Blattspur,  da  sich  bei  Lepiclodendron-  und 
Stamm -Abdrücken  und  -Steinkeruen,  welche  primäre 
Alarkstrahlwülste  zeigen  und  bei  welchen  auch  die  Blattnarben  auf 
der  Kohlebedeckung  erhalten  sind,  stets  zeigt,  dass  den  Blatt- 
narben die  Wülste  anf  der  Holzoberfläche  entsprechen.  Man 
findet  also  in  diesen  Fällen  unter  den  Blattnarben,  nach  Entfernung 
derselben,  d.  h.  nach  Entfernung  der  kehligen  Rinde,  je  einen 
Markstrahl -Wulst,  oder  — in  Anlehnung  an  den  Namen  für  die 
entsprechenden  Erhebungen  auf  der  Innenseite  der  Buchenrinde  — 
je  einen  »Kamm«  auf  der  Holzoberfläche.  An  seltenen  Stücken 
kann  man  allerdings  beobachten,  dass  die  Kämme  nicht  mehr 
genau  unter  den  Narben  liegen,  aber  dann  lässt  sich  mit  Leichtig- 
keit erkennen,  dass  dies  nur  durch  eine  Verschiebung  der  Rinde 
auf  dem  Steinkeru  zu  Stande  gekommen  ist.  An  einem  in  der 
Sammlung  der  Königl.  geologischen  Landesanstalt  befindlichen 
Stück  einer  Leiodermarie  ans  Niederschlesien  {^SigiUaria  reticidata 
Lesq.  var.  fusiformis  Weiss  ined.)  liegt  die  eine  Narben -Ortho- 
stiche  genau  über  einer  Orthostiche  der  Kämme,  während  die 
rechts  und  links  von  der  erst  bezeichneten  Nailjen  - Orthostiche 
befindlichen,  hiermit  parallelen  gleichnamigen  Zeilen  über  ihre 
zugehörigen  Orthostichen  der  Kämme  hinausgreifen,  sodass  also 
die  Narben- Orthostichen  auf  der  rechten  Seite  der  ersten  Ortho- 
stiche weiter  rechts,  anf  der  linken  Seite  der  ersten  Orthostiche 


256  H.  PoTONiK,  Der  im  Lichthof  der  Königl.  geologischen  Landesanstalt 


weiter  links  als  ihre  zu<rehörio;en  Orthostirhen  der  Kämme  zu 
finden  sind.  Auch  diese  Erscheinung  ist  leicht  zu  begreifeu,  wenn 
inan  die  dicke  Rinde  der  Lepidophyten  berücksichtigt,  deren  epider- 
male Fläche  wesentlich  o-rösser  ffe wesen  sein  muss,  als  die  zuo’e- 

O o / O 

hörige  Holzoberfläche,  sodass  bei  der  Umwandlung  der  ersteren  zu 
Kohle,  mit  welcher  ein  Zusammenschrutnpfen,  uamcntlich  in  radialer 
Richtung  verbunden  war,  die  beiden  genannten  Flächen  sich  nicht 
mehr  in  ihren  entsprechenden  Punkten  decken : genau  ebenso,  wie 
die  Spurpunkte  eines  Strahlenbündels  durch  zwei  in  senkrechter 
Richtung  zum  Bündel  gelegte,  parallele  Ebenen,  sobald  die  — ur- 
sprünglich in  einiger  Entfernung  befindlich  gewesenen  — Ebenen 
übereinander  gelegt  werden,  sich  ebenfalls  nicht  decken  können. 
Die  Strahlen  des  Bündels  würden  den  Blattspuren,  die  Spurpunkte 
der  deni  Strahlenmittelpunkt  am  nächsten  gelegenen  Ebene  den 
Kämmen,  die  Spurpunkte  der  anderen  Ebene  den  Blattnarben  ent- 
sprechen; es  würde  die  erstgenannte  Ebene  die  Holzoberfläche, 
die  andere  die  epidermale  Fläche  vorstellen. 

Wenn  auch  im  Gi’ossen  und  Ganzen  die  Kämme  quincunciale 
Anordnung  zeigen,  erscheint  diese  doch  durch  das  spätere  Wachs- 
thum des  Stammes  hier  und  da  bedeutend  verwischt;  an  einigen 
Stellen  ■ — wie  Taf.  XXII,  Fig.  3 erläutert  — erscheinen  sie  da- 
her in  ganz  unregelmässiger  Stellung. 

Die  zuletzt  citirte  Figur,  dem  Stamme  bei  d Taf.  XX  ent- 
nommen, zeigt  noch  eine  bemerkenswerthe  Längssti’eifung,  die 
sich  au  einer  ziemlich  grossen  Stelle  des  Stammes  bei  d wieder- 
findet: sie  hat  ihre  Ursache  in  den  in  der  Längsrichtung  des 
Stammes  uestreckt  gewesenen  Zellen  des  Holzes  und  kehrt  bei 

O O 

vielen  Lepidodendron-  und  Sf^«7Ln'a-Stamm-Resten  wieder.  Auch 
die  auf  Taf.  XXI  abgebildete  Fläche  zeigt  die  iu  Rede  stehende 
Streifung  in  ihrem  unteren  Theil,  wenn  auch  vielleicht  niclit  ganz 
so  deutlich  wie  die  Fig.  3 und  4,  Taf.  XXII.  Ich  möchte  für 
diese  Streifung  den  Namen  Holzstreifung  vorschlagen,  weil  sie 
bei  der  systematischen  Beschreibung  der  Stücke  immer  l>erück- 
sichtigt  werden  muss,  indem  sie  je  nach  der  Ausbildung  der  sie 
bewirkenden  Zellen  etwas  verschiedenartig  ausfalleu  muss,  und  es 


und  Bergakademie  anfgostellte  Baumstumpf  mit  Wurzeln  etc.  257 


daher  bequem  ist,  einen  kurzen,  prägnanten  Ausdruck  für  das 
Merkmal  zu  haben  ^). 

Die  Qnerstreifung  auf  Taf.  XXI,  sowie  Fig.  2,  Taf.  XXII, 
und  die  schräge  Streifung  der  Stücke  Fig.  3 und  4,  Taf.  XXII, 
haben  ilu’e  Begründung  nicht  im  Ban  der  Pflanze : es  sind  Ein- 
drücke, welche  die  in  diesen  Richtungen  zerspaltene  Kohlenrinde 
hinterlassen  hat. 

Bezüglich  der  Grössenverhältnisse  der  Kämme  nnd  ihrer  Ent- 
fernnng  von  einander  bitte  ich  die  Figuren  und  die  Tafelerklärnngen 
zu  vergleichen;  die  Figuren  auf  Taf.  XXII  sind  in  natürlicher 
Grösse. 

Der  Vollständigkeit  halber  muss  ich  noch  ein  Narbenfeld  er- 
wähnen, das  auf  Taf.  XX  zwischen  g und  l angedeutet  worden 
ist  und  nicht  wie  alle  übrigen  auf  dem  Stamm  angegel)enen  Felder 
von  Markstrahl -Kämmen  gebildet  wird.  Das  fragliche  Feld  stellt 
eine  Knorrien-ä\m\\c\\e  Oberfläche  dar:  dicht  an  einander  gedrängte, 
schwache  Erhebuno-en  mit  etwa  kreisförmiger  Basis  in  Schräg- 
Zeilen,  etwa  wie  die  rindenlosen  Steinkerne  von  Lepidodendron 
Veltheimianum.  Diese  Stelle  ist  gewiss  eine  schlecht  erhaltene 
Rinden-  oder  Ilolz-Oberfläche  einer  fremden  Pflanze,  die  während 
des  Verwesungsprocesses  in  den  Stamm  hineingeschwemmt  nnd 
an  der  bezeiclmeten  Stelle  zum  Abdruck  gelaugt  ist.  Aehnliche 
Fälle  habe  ich  mehrmals  gesehen;  in  einigen  dersellmu  war  ein 
Zweifel  über  die  Deutung  überhaupt  nicht  möglich. 


b In  der  Sammlung  der  geol.  Landesanstalt  finden  sich  Bernsteinstücke  vom 
Samlande,  die  ebenfalls  Holzstreifung,  Abdrücke  der  Holzobertläcbe  (der  Hydro- 
Stereiden,  Tracbe'iden)  unter  der  Rinde,  zeigen. 


Jahrbuch  1889. 


17 


Vergleicliende  Studien  über  die  Gesteine  des 
Spieinonts  und  des  Bosenbergs  bei  St.  Wendel  und 
verwandte  benachbarte  Eruptivtypen  aus  der  Zeit 
des  Rotliliegenden. 

Von  HeiTU  K.  A.  Lossen  iu  Berlin. 


Die  Gesteine  des  Spiemonts  und  Bosenbergs  bei  St.  Wendel 
setzen  Intrusivlagerstöcke  in  den  Ottweiler  und  den  Oberen 
Cuseler  Scbichten  zusanunen  und  wurden  ehedem  Trapp  oder 
Melaphyr  genannt,  doch  zählte  schon  Steininger  i)  das  Spie- 
mont-Gesteiu  zu  den  »harten«  Trapparten,  die  zum  Strassenbau 
benutzt  werden;  auch  Kosmann ‘^),  der  zwei  Varietäten  des  Spie- 
monts analysirt  xmd  Haarmann  ''),  der  das  Gestein  des  Bosen- 
bergs mikroskopisch  untersucht  hat,  haben  den  Namen  Melaphyr 
nicht  abgeändert,  obwohl  der  Letztere  Quai’z  in  ziemlicher  Menge 
darin  nachixewiesen  hatte  und  von  der  Nothwendio-keit  der  Zer- 
legung  lies  Begriffes  Melaphyr  überzeugt  war.  H.  Rosenbusch 
hat  dagegen,  gestützt  auf  die  mikroskopischen  Untersuchungen  an 
dem  ihm  durch  II.  Grebe  übermittelten  authentischen  Material, 
in  seinen  Massigen  Gesteinen  in  erster  und  zweiter  Auflage  die- 

')  Geognostische  Boscbreibung  des  Landes  zwischen  der  unteren  Saar  und 
dem  Rheine  1840,  S.  100. 

Geognostische  Beschreibung  des  Spiernont  bei  St.  Wendel.  Verhandl.  d. 
naturhistorischen  Vereins  der  preuss.  Rheinlande  und  Westfalens  XXV,  1868, 
S.  239  ff. 

Mikroskopische  Untersuchung  über  die  Struktur  und  Zusammensetzung 
der  Melaphyre.  Zeitsclir.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  XXV,  1873,  S.  436  ff. 
b Massige  Gesteine,  1.  Aufl.  S.  348  und  351;  2.  Aufl.  S.  200. 


K.  A.  Lossen,  Vergleicbonde  Studien  über  die  Gesteine  des  Spiemonts  etc.  259 

selben  Gesteine  nebst  denen  vom  ITirscbt  bei  Marpingen  nnd  von 
der  Grnbe  Hofliiung  bei  Rntbweiler  znm  Diabas  nnd  zwar  zn 
V.  Gümbel’s  Lenkopbyr  gestellt.  Nach  der  nns  gelänflgen,  die 
verschiedenen  Ernptionszeitalter  der  Rhyotaxite  berncksiebtigen- 

9 Die  Bezeiclinnng  Rhyotaxite  ist  in  meiner  Abhandlung  über  die  An- 
forderungen der  Geologie  an  die  petrographische  Systematik  1884  (dieses  Jahr- 
buch f.  1883,  S.  513)  angewandt  für  »die  tuft-  und  mandelsteinfülu’enden , meist 
grundmasse-  oder  basishaltigen  Massengesteine  (Quarzporphyr,  Rhyolith,  Trachyt, 
Porphyrit,  Melaphyr,  Diabas,  Dolerit  etc.)«  im  Gegensatz  zu  »den  vorwiegend 
holo-phanerokrystallinen,  tuff-  und  mandelstein  freien  Eugraniten  (Granit,  To- 
nalit,  Syenit  und  Gabbro  etc.)«  Nachdem  ich  den  Beweis  angetreten  hatte, 
dass  die  Struktur  der  Gesteine  uns  deren  geologische  Rolle  treuer  vermittelt, 
als  die  mineralisch -chemische  Zusammensetzung,  war  es  mir  richtig  erschienen, 
nach  den  charakteristischen  vorherrschenden  Strukturen  die  beiden 
Ordnungen  der  Klasse  der  Massengesteine  zu  benennen.  Dass  diese 
Benennungen  nicht  alle  Massengesteine  genau  decken,  dass  es  mit  anderen 
Worten  Massengesteine  giebt,  die  weder  strukturell  im  strengen  Sinne  des  Wortes 
isometrisch  granitisch  körnig,  noch  auch  durch  Flussstruktur  ausgezeichnet  er- 
scheinen, dessen  bin  ich  mir  dabei  wohl  bewusst  geblieben.  Zwar  will  ich  unter 
Rhyotaxis  oder  Flussstruktur  nicht  nur  das  Gefüge  der  geflossenen  Lava  ver- 
standen wissen,  sondern  jede  Struktur,  welche  einen  Bewegungsakt  der  noch 
nicht  oder  zumal  der  nur  zum  Theil  erstarrten  Gesteinsmasse  widerspiegelt. 
Gleichwohl  erschöpft,  auch  so  gefasst,  der  Ausdruck  weder  die  Mannigfaltigkeit 
der  nicht  eugranitischen  Strukturen,  noch  auch  ist  er  für  jedes  nicht  eugrani- 
tische  Gestein  bezeichnend.  Soll  es  indessen,  um  mit  Vogelsang  zu  reden,  Auf- 
gabe der  Petrographie  sein,  die  geologischen  Massen  zu  charakterisiren , so  ist 
dem  Satze  »nominatio  fit  a potiori«  für  die  Charakteristik  der  grossen  Ordnungen 
Genüge  geschehen,  wenn  die  Strukturen  der  am  meisten  verbreiteten  geologischen 
Massengesteine  in  den  Vordergrund  gestellt  werden.  Nim  ist  es  aber  sichtlich 
der  Gegensatz  von  Granit  und  Lava  (vergl.  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges. 
Bd.  XXIV,  1872,  S.  785),  der  die  geologischen  Massen  innerhalb  der  Klasse  der 
Massengesteine  beherrscht,  wie  dies  der  althergebrachte  Unterschied  der  pluto- 
nischen  und  vulcanischen  Gesteine  sattsam  bezeugt.  Da  der  Uebergang  zum 
Wesen  der  Gesteine  gehört,  haftet  auch  der  Unterscheidung  in  Eugranite  und 
Rhyotaxite  etwas  Künstliches  an,  wie  sieh  klar  daraus  ergiebt,  dass  sich  rhyo- 
taxitische  Strukturen  als  Rand-  oder  Apophysen  - Facies  u.  dergl.  an  den  vor- 
herrschend eugranitisch  entwickelten  Massen  finden  und  umgekehrt  Rhyotaxite 
local  innerhalb  desselben  geologischen  Körpers  eugranitisch  ausgebildet  erscheinen. 
Die  Künstlichkeit  wird  aber  meines  Erachtens  nicht  verringert,  sondern  eher 
vergrössert  und  die  Uebersichtlichkeit  des  Lehrstoffs  gemindert,  wenn  wir  Ueber- 
gangsstrukturen,  deren  Betonung  an  richtiger  Stelle  innerhalb  der  Hauptordnungeu 
für  den  natürlichen  Zusammenhang  der  ganzen  Klasse  der  Massengesteine  nicht  ge- 
nug empfohlen  werden  kann,  den  classificatorischen  Werth  von  Ordnungscha- 
rakteren beilegen  und  darnach  eine  dritte  Ordnung  schaffen,  wie  Rusenbuscii 

17* 


260 


K.  A.  Lossen,  Vcrgloiehende  Studien  über  die  Gesteine 


den  Ausdrncksweise  würde  der  Name  Leukophyr,  welcher  in 
V.  Dechen’s  Geologischer  und  Palaeontologischer  Uebersicht  der 
Rheinprovinz  und  der  Provinz  Westfalen  etc.  (1884)  bereits  AnP 
nähme  gefunden  hat  ^),  iu  diesem  Falle  wenigstens  Aleso-Len- 
kophyr  heissen  müssen,  insoweit  es  sich  nm  ein  Eruptivgestein 
ans  dem  Flotzgebirge  handelt.  Da  indessen  Ti-i.  Liebe,  der 
gründliche  Kenner  der  Diabase  jener,  dem  Uebergangsgebiige 
angchörigen  Gegenden,  für  welche  v.  Gümbee  den  Begriff  Len- 
kophyr  zunächst  anfgestellt  hatte,  in  seiner  Uebersicht  über  den 
Schichtenanfban  Ostthüringens  diesem  Begriff  eine  petrographisch- 
geologische  Selbständigkeit  nicht  znerkaunt  hat,  so  muss  doch 
wohl  der  Uebertragimg  des  letzteren  von  einem  palaeovnlcanischen^) 
Diabas  im  Silur  (oder  in  den  ihrer  Alterstellnng  nach  zwar 

eine  solche  zwischen  seinen  Teuf  engesteinen  und  seinen  Ergussgesteinen  in  den 
Ganggesteinen  geschaffen  hat.  Gänge  können  mit  Granit  und  mit  Glaslava  er- 
füllt sein;  sie  sind  nachweislich  bald  ^ipophysen  typhonischer,  eugranitischer 
(bathylithischer)  Stock -Massen,  bald  die  Zufuhrkanäle  der  ausgesprochensten 
lavischon  Rhyotaxite,  stets  aber  relativ  geringfügig  an  Masse;  allgemein  ge- 
nommen, fehlt  jede  gesetzliche  Beziehung  zwischen  ihrer  Körperform  und  ihrer 
Füllmasse;  der  specielle  Nachweis  dieser  Beziehung  ist  zwar  sehr  lehrreich, 
aber  er  gehört  nicht  mehr  zur  systematischen  Charakteristik  der  grossen 
geologischen  Massen.  Daran  ändert  meines  Erachtens  auch  nichts  die  Beschrän- 
kung auf  die  den  Eugraniten  strukturell  am  nächsten  stehenden  Gangmasseu 
oder  kleineren  Intrusivmassen  (Lakkolithe),  welche  Rosenbusch,  sichtlich  im  Inter- 
esse der  Hervorhebung  von  Uebergangsstrukturen,  üben  will:  sein  »Granophyr«, 
den  er  uns  von  vornherein  so  recht  als  einen  Uebergangstypus  zwischen  Granit 
und  Quarzporphyr  hingestellt  hat,  findet  strukturell  trotzdem  unter  seinen 
Teufengesteinen,  Ganggesteinen  und  Ergussgesteinen  jedesmal  Erwähnung  und 
seine  Hauptstelle  doch  als  Strukturart  bei  den  Quarzporphyren,  womit  ich  gern 
übereinstimme,  ebendahin  stelle  ich  den  Granitporphyr,  während  ich  den  Aplit 
zum  Granit  zähle,  Syenitporphyr,  Dioritporphyrit  und  die  Lamprophyre  zu  den 
Orthophyren  beziehungsweise  Porphyriten. 

h Vergl.  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1886,  Bd.  XXXVIII,  S.  921  ff.  und 
Erläuterungen  zu  den  Messtischblättern  Lebach,  Wahlen,  Wadern,  Abschnitt 
Eruptivgesteine,  in  der  XXXI II.  Lieferung  der  geologischen  Karte  von  Preussen 
und  den  Thüringischen  Staaten. 

a.  a.  0.  S.  34  und  35. 

Abhandl.  zur  geologischen  Specialkarte  von  Preussen  und  den  Thürin- 
gischen Staaten  Bd.  V,  Heft  4. 

*)  Die  Begriffe  platonisch  und  vulcanisch  haben  einen  bald  weiteren,  bald 
engei'en  begrifflichen  Inhalt.  Ich  habe  ehedem  das  Wort  vulcanisch  nur  für  die 
im  Allgemeinen  postcretaceischen  Rhyota.xite  (Quarztrachyte — Basalte)  gebraucht, 
weil  hier  allein  in  vielen,  aber  keineswegs  in  allen  Fällen  der  exacte  Nachweis 


des  Spiemonts  und  des  Boseubergs  bei  St.  Wendtd  etc. 


261 


einigermaassen  uubestiiiimten  aber  doch  damit  vergleichbaren 
Steiger  Schiefern)  auf  einen  inesovulcanischen  i)  »Melaphyr«  im 
obersten  Carbon  oder  im  Unter- Uothliegendeu  eine  eingehendere 
Prüfung  des  petrographischen  Werths  der,  nach  dem  Wortlaute 
der  Nomeuclatur  jedenfalls  gegensätzlichen,  Begriffe  Leukophyr 
und  Melaphyr  vorausgeheu. 

Nach  dem  in  der  Petrographie  herkömmlichen  wissenschaft- 
lichen Sprachgebrauche  muss  mau  doch  unter  dem  Namen  Leu- 
kophyr zunächst  ein  porphyrisches  Gestein  von  lichter  Färbung 
vermuthen.  Versteht  man  nun  unter  Melaphyr  nach  der  von  mir 
gegebenen  Erläuterung  des  Begriffes^)  das  mesovulcauische 
d.  h.  in  der  RegeU)  postculmische  und  autetertiäre,  chemisch- 
mineralische und  auch  vielfach  strukturelle  Aequivalent 
der  brouzit-  oder  ol i v i uh alti ge n oder  -freien  ueovulca- 
nischen  Dolerite  und  Plagioklas-Basalte  einerseits  und 
palaeovulcauischen  Diabase  andererseits,  indem  mau  die 
brouzit-,  hyperstheu-  oder  oliviuhaltigen  oder  -freien  Aequivalente 
der  Augit  (Pyroxen)-Andesite  und  Augit  (Pyroxeu)- Dacite  als 
Augit  ( Pyroxeu) -Porphyrite  oder  Augit  (Pyroxeu)- Quarzporphy- 
rite  vom  Melaphyr  unterscheidet,  so  hat  ein  frisches  un zer- 
setztes lichtes  Porphyrgestein  innerhalb  des  so  abgegrenzten 
Begriffes  Melaphyr  sichtlich  keine  rechte  Stelle.  Denn  die  lichte 
Farbe  eines  solchen  kann  doch  nur  vom  feldspäthigeu  Gemeng- 
theil herrühren,  dessen  Einfluss  in  so  basischen  Gesteinen  aber, 
und  zwar  je  feinkörniger  das  Gestein  ist,  tun  so  mehr,  durch  die 
eisenhaltigen  Bisilicate,  durch  Olivin  und  freies  Eisenerz  auf- 
gewogen wird.  Ein  Leukophyr  von  porphyrischer  Struktur  in 
der  Melaphyr -Formation  zählt,  wenn  frisch,  jedenfalls  zu  den 
weissen  Raben. 

Aber  v.  Gümbel’s  und  Rosenbuscii’s  palaeovulcanische  Leu- 
kophyre  sind  nach  Ausweis  der  von  beiden  Autoren  publicirten 

für  Vulcane  im  geläufigen  Sinne  des  Wortes  gegeben  ist;  ich  scliliesse  mich  aber 
gern  der  Erweiterung  des  Begriffs  für  alle  Rhyotaxite  an,  welche  Rosenbusch, 
V.  Fritsch,  v.  Richthofen  u.  A.  üben, 
h Siehe  vorstehende  Anmerkung. 

Vergl.  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1883,  S.  212  bis  213;  1886,  S.  921 
bis  926  und  dieses  Jahrbuch  für  1883,  S.  XXI  bis  XXXIV. 

im  Old -Red -Gebiet  postsilurische. 


262 


K.  Ä..  Lossen,  Vei'gleicliende  Studien  über  die  Gesteine 


mikroskopischen  und  chemischen  Analysen  keineswegs  frische, 
unveränderte  1),  im  Uehrigen  aber  strukturell  nicht  so  sehr 
porphyrische,  als  vielmehr  normale,  sichtlich  divergentstrahlig- 
köruige,  Diabas -Gesteine  ohne  eigentliche  Grundmasse, 
obgleich  zuweilen  submikroskopisch  fein  gefugt,  mit  Hinneigung 
zur  PorphyrstridAur  (porphyrartig).  Hiernach  wird  die  lichte 
Färbung  etwas  besser  verständlich,  denn  in  voll-  und  deutlich- 
krystallinischen  Gesteinen  kommt  die  helle  Farbe  des  feldspäthigen 
Gemeugtheils  zur  relativ  wirksamereu  Geltung.  Die  Glanzlosig- 
keit des  Plagioklas  zufolge  starker  Umbildung  (saussuritischer 
nach  V.  Gümbel,  psendophitischer  nach  Rosenbusch)  erhöht  im 
vorliegenden  Falle  den  Eindruck,  namentlich  aber  verursacht  dies 
ein  ständiger  Gehalt  von  Carbonat  (nach  Ausweis  der  unten  mit- 
getheilten  Analysen  ca.  8 bis  13pCt.,  wenn  auf  Kalkcarbouat  aus- 
gerechnet, was  indessen  nicht  alle  Analysen  gestatten,  so  dass 
geringere  Procente  von  Magnesia  und  Eiseuoxydul  ebenfalls  an 
dem  Carbonat  Antheil  haben  müssen);  auch  die  kräftige  Um- 
wandlung des  in  v.  Gümbel’s  (Loretz’)  Analysen  diu’ch  hohen 
procentischen  Titansäuregehalt  ^)  hervortretenden  Titaneisenerzes  in 
Leukoxen  trägt  sicher  nicht  wenig  zur  Bleichung  des  Gesteins 
bei,  endlich  noch  die  sehr  weit  vorgeschrittene  Umbildung  eines 
au  und  für  sich  schon  licht  gefärbten  Diabas- Auo-its  in  einen 
hellgrünen  Chlorit  (im  weiteren  Sinne  des  Wortes).  Der  Leuko- 
phyr  zählt  zu  den  oliviufreien  schlichten  Diabasen,  auch  Biotit 
und  Hornblende,  wenigstens  als  primärer,  in  der  Regel  aber  auch 
als  seeuudärer  Gemengtheil  (Uralit),  gehen  ihm  ab;  den  Quarz, 
der  übereinstimmend  von  den  beiden  genannten  Forschern  als  in 
geringen  Mengen  vorhanden  bezeichnet  wird,  hat  Rosenbuscii  in 
seiner  Originalabhandlnug  über  die  Steiger  Schiefer  ausdrücklich 3) 
sowohl  für  die  vogesischen,  als  für  die  fichtelgebirgischeu  und 

b vergl.  auch  J.  Roth,  Beiträge  zur  Petrographie  der  plutonisehen  Gesteine 
1879,  S.  33. 

b 4,81 — 3,82  pCt.!  auch  der  Harz-Leukophyr  (Analyse  d)  weist  immerhin 
1,71  pCt.  auf,  während  Ungee’s  von  Rosenbuscii  mitgetheilte  Analysen  der  Titan- 
säurebestimmung entbehren. 

b In  den  Massigen  Gesteinen  2.  Aull.  a.  a.  0.  wird  die  Schwierigkeit  einer 
Entscheidung,  ob  primär  oder  seeundär,  betont. 


des  Spiemonts  und  des  Bosenbergs  bei  St.  Wendel  etc. 


263 


thürinmscheu  Vorkommnisse  als  Neuhildims:  zul'ole:e  der  tlieil- 
weisen  Zerlegung  der  primären  Silicate  erklärt.  Jedenfalls  deuten 
die  Analysen  allerhöchstens  nur  geringe  Mengen  davon  an. 

Indem  ich  solche  Harzer  Diabase  aus  der  oberen  Hälfte 
der  Unteren  Wieder  Schiefer  im  Liegenden  des  Hauptquarzits, 
welche  ganz  unverkennbaren  Leukophyr-Zustand  zeigen, 
wie  das  der  Analyse  unterworfene  Vorkommen  aus  dem  west- 
lichen Forstort  Untei’e  Lehmwege  im  Wendefurter  Oberforst,  im 
Handstück  und  unter  dem  Mikroskop  mit  typischen  Leukophyr- 
Proben  vergleiche,  welche  ich  der  Güte  des  Herrn  Obei’berg- 
direktor  v.  Gümbel  und  meiner  Collegen  Loretz  und  E.  Zimmer- 
mann verdanke,  finde  ich  eine,  anch  durch  die  quantitative  Analyse 
bestätigte,  wesentliche  Uebereinstimmung,  und  zwar  ist  dieselbe 
noch  grösser,  als  diejenige  der  chemisch  mehr  abweichenden  und 
durch  vorwiegenden  Magneteisen-Gehalt  an  Stelle  des  Titaneiseus 
ausgezeichneten  vogesischen  Leukophyre.  Gestützt  auf  die  eigenen 
Beobachtungen,  gleichwie  auf  diejenigen  der  Vorgänger  komme 
ich  zum  Schluss,  Leukophyr  sei  nicht  so  sehr  eine  beson- 
dere Diabas-Spielart,  als  vielmehr  eine  eigenartige 
Umbildungsweise  der  normalen  Diabase  mit  lichtge- 
färbtem Augit. 

Für  die  chemische  Durchschnittszusammensetzung  erkennt 
das  V.  Gümbel  ja  auch  an  mit  den  Loretz’  Analysen  seinerseits 
beigefügten  Worten:  »Die  Zusammensetzung  ist  diesem  nach  im 
Allgemeinen  der  aller  Diabase  in  hohem  Grade  ähnlich  ^).«  Wenn 
dagegen  Rosenbusch  (Massengesteine  1.  und  2.  Aufl.  a.  a.  O.)  »den 
Grujipencharakter  der  Leukophyre  in  dem  auffallend  starken  Zu- 
rücktreten des  Augits  sehen«  möchte  und  v.  Gümbel  dem  neuer- 
dings in  seiner  Geologie  von  Bayern,  I.  Th.  S.  133  beizuptlichten 
scheint,  indem  er  das  »Zurücktreten  der  Pyroxenite«  als  Charakte- 


')  Die  Paläoiith.  Eruptivgesteine  dos  Fichtelgebirges  S.  34.  Es  kann  daher 
nur  zu  weiteren  Missverständnissen  führen,  wenn  Herr  Michel -Liivy  in  seinen 
Structures  et  Classification  des  Koches  eruptives  1889,  p.  49  vom  Leukophyr  als 
von  einem  »tvpe  acide«  der  Diabases  proprement  dites  Rosicnbusch’s  spricht,  wo- 
bei ihn  freilich  eher  das  Bosenberg  - Gestein , als  das  Originalgestein  des 
v.  GüMBEL’schen  Begriffs  geleitet  haben  mag. 


264 


K.  A.  Lossen,  Vorgleicliencle  Studien  über  die  Gesteine 


ristik  angiel)t,  so  steht  dem,  soweit  diese  Charakteristik  für  den 
ursprünglichen  Mineralbestand  des  Gesteins  gelten  soll,  meines 
Erachtens  der  mikroskopisch -chemische  Befund  entgegen. 

Geht  man  zur  Beurtheilung  auch  dieses  Punkts,  wie  billig, 
von  den  Originalgesteinen  v.  Gümbel’s  aus,  so  sagt  dieser  Autor 
darüber  wörtlich:  »der  durchweg  blassgrüue  augi tische  Gemeng- 
theil scheint  vor  allem  dem  ersten  Angriffe  der  Zersetzuntr  unter- 
legen  zu  sein,  so  dass  nur  wenige  Proceute  als  mehr  oder  weniger 
erhalten  angesehen  werden  können,  obwohl  den  äusseren  Um- 
rissen in  den  Dünnschliffen  nach  beurtheilt,  dieser  Gemengtheil 
ursprünglich  mindestens  in  gleicher  Menge,  wie  der  Plagioklas 
vorhanden  war.«  Auch  in  dem  zunächst  vergleicht) areii  Vor- 
kommen vom  Harz  ist  bei  der  Betrachtung  des  mit  Säure  ge- 
ätzten Splitters,  wie  des  Dünnschliffs  im  auffallenden  und  durch- 
falleudeu  Licht  ein  besonderes  Zurücktreteu  der  als  Augit-Pseudo- 

o 

inorphosen  charakterisii’ten  Structur- Antheile  nicht  zu  bemerken. 
Von  dem  weniger  typischen  vogesischen  Leukophyr  besitze  ich 
keine  Probe;  doch  darf  man,  da  kein  Olivin  oder  Bronzit,  sondern 
nur  monokliner,  also  kalk-,  magnesia-  und  eisenhaltiger  Augit 
vorliegt,  aus  dem  hohen  Magnesiagehalt  (8,8  pCt.  in  dem  relativ 
weniger  umgebildeten  der  beiden  durch  Unger  aualysirten  Ge- 
steine, e = V in  KosenbüSCh’s  Originalabhandlung)  meines  Er- 
achtens nicht  auf  eine  geringe  Antheilnahme  des  Augits  au  dem 
ursprünglichen  Mineralaggregat  des  Leukophyr  schliessen,  zumal 
lichtgrünlicher  Diabas- Augit  nach  Loretz’  Analyse  ^)  des  Augits 
aus  dem  porphyrischen  Diabas  von  Hempla  bei  Bad  Stehen  nicht 
mehr  Magnesia  und  weniger  Kalkerde  aufweist,  als  mancher 
andere  thouerdehaitige  Fassait  oder  thonerdefreie  bis  -arme  Mala- 
kolith.  Der  geringere  Gehalt  an  Augit  gehört  also  wohl 
zu  den  secundären,  durch  Verwitterung,  nicht  aber  zu 

b Geognostische  Beschreibung  des  Fichtelgebirges  S.  195. 

b Geognost.  Beschreibung  d.  Fichtelgebirges  S.  209.  Man  vergleiche  z.  B. 
diese  Analyse  (a)  mit  derjenigen  des  dunklen,  hellgrünlichgelb  durchsichtigen 
Fassaits,  den  Lincu  aus  der  Augitglimmerminette  von  Weiler  bei  Weissenburg 
analysirt  hat  (ß);  etwas  mehr,  doch  nicht  allzu  sehr  abweichend  dagegen  sind 
die  Verhältnisse  von  CaO  und  MgO  in  0.  Sciiilling’s  Analysen  des  braun  durch- 
sichtigen Diabas-Angits  von  Hohegeiss  (y)  und  von  Mägdesprung  (3)  im  Harz, 
in  Merian’s  Analyse  des  Malakolith  aus  dem  Augilbiotitgranit  von  Laveline  (s) 


des  Spienionfs  und  des  Bosenbergs  bei  St.  Wendel  etc. 


265 


den  primären,  durch  die  ursprüngliche  A nsk  r y s t al  1 i- 
sirnng  hervorgernfenen  Eigentliümlichkeiten  des  Len- 
ke p h y r - D i a h a s. 

Lichtgrünlicligelhe  bis  weingelbe  Angite  sind  ja  auch  in 
anderen  Gesteinen  sehr  der  Umbildung  in  Carbonat,  cbloritiscbe 
oder  serpentinöse  Snbstanz  ansgesetzt,  so  z.  II.  in  den  Kersantiten 
und  Minetten  und  in  verwandten  Augitporpbyriten  und  Angit- 
glimmerporpbyriten ; es  ist  nicht  nnmöglicb,  dass  die  ursprüng- 
liche Molecidarconstitution  dieser  Angite  zu  einer  derartigen  Ver- 
witterung besonders  stark  hinneigt,  jedenfalls  ist  in  den  nach- 
folgenden Bauschanalysen  (Lenkophyre:  «,  Z»,  c von  Unter- 
kotzau bei  Hof,  von  der  Wartleite  hei  Köditz  und  aus 
dem  Steinachthal  I)ei  Stadt  Steinach  nach  LouETZ;  d von 
Lehmwege  bei  Wendefurt  im  Harz  nach  Gremse;  e uud  f 
von  lvauru[)t  und  Steige  in  den  Vogesen  nach  Unger)  die 
weit  fortgeschrittene  Umlnldung  der  »Lenkophyre«  deutlich  aus- 
gesprochen : 


und  in  Osann’s  Analyse  desjenigen  aus  dem  grünen  dichten  »Labradorporpbyr« 
aus  der  CulinCormation  der  Südvogesen  bei  Murbach  (C).  Alle  diese  Angite  sind 
relativ  kalkrcich  und  keineswegs  ist  der  Augit  aus  dem  sauersten  Ge- 
stein, dom  Granit,  kalkrcicher  als  der  Augit  aus  dem  Diabas,  die 
Angite  der  typischen  Diabase  des  Harzes  sind  die  kalkreichsten, 
Mukia.n’s  und  Hawes’  Diabas-Augite  mit  hohem  Eisengehalt  und  relativ  niedrigem 
KallJgclialt  entstammen  untypischen  Quarz -führenden  Diabasen,  die  in  <lio 
Gruppe  der  Dioritporphyrite  hinüberspielen,  z.  Th.  deutliche  Proterobase  oder 


Hysicrobase  sind;  diese  eisenreichen  Fassaite 

oder  Malakolithe  gehören 

viel  eher 

deu  Gesteinen  der  dioritisch-porphyritisch- andesitischen  Mischung  an. 

a 

ß 

T 

0 

e 

C 

Si02  . . 

49,43 

48,23 

48,15 

48,04 

50,63 

49,53 

AI2O3  . 

3,53 

5,28 

4,32 

8,43 

0,87 

5,53 

FeaOs  . 

9,50 

4,83 

— 

2,20 

3,33 

4,15 

FeO  . . 

— 

5,01 

7,23 

7,65 

8,39 

6,50 

CrsOs.  . 

1,01 

— 

0,42  Mn  0 — 

0,79  Ti02 

— 

MgO  . . 

1 5,(i0 

15,84 

14,29 

12,52 

13,01 

13,89 

CaO  . . 

20,34 

19,85 

24,92 

21,70 

21,30 

19,59 

NaaO  . . 

— 

0,G7 

— 

— 

1,02  ) 

1,33 

ICO  . . 

— 

0,52 

— 

— 

0,50  ) 

H2O  . . 

— 

0,45 

1,24 

0,63 

— 

— 

Summe: 

99,41 

100,G8 

100,58 

101,17 

99,84 

100,52 

Loketz. 

Lincic. 

Schilling. 

Schilling. 

Meuian. 

O.SANN. 

266 


K.  A.  Lossex,  Vergleichende  Studien  über  die  Gesteine 


a 

b 

c 

d*  ') 

e 

/ 

SiO.2  . . . 

41,48 

47,06 

47,12 

44,70 

48,28 

51,44 

Tio^rzroo 

4,81 

4,50 

3,92 

1,71 

— 

— 

AI2O3  . . 

12,43 

12,25 

15,23 

14,12 

20,25 

21,19 

F Co  O5 

4,15 

3,62 

2,79 

0,97 

2,75 

3,07 

FeO  . . . 

8,16 

9,23 

7,06 

8,85 

6,13 

5,52 

Mn  0 

0,17 

0,08 

Spur 

— 

0,03 

Spur 

Mg  0 

3,99 

5,31 

2,85 

6,07 

8,82 

4,47 

CaO  . . . 

8,48 

6,53 

7,83 

10,20 

4,38 

4,00 

NaoO  . . 

2,76 

2,32 

2,41 

2,34 

2,06 

1,88 

KoÖ  . . . 

1,44 

0,81 

2,00 

0,14 

Spur 

0,78 

IF.0  . . . 

3,22 

3)  3,56  2) 

2,92  2) 

4,79 

4,76 

2,79 

P2O5.  . . 

0,34 

0,35 

— 

0,15 

— 

— 

COo  . . . 

5,40 

4,29 

5,65 

5,50 

3,73 

5,82 

S03  . . . 

— 

— 

— 

0,24 

— 

— 

Org.  Subst. 

— 

— 

— 

0,08 

— 

— 

Sinn  me : 

99,83 

99,91 

99,78 

99,86 

101,19 

100,96 

Vol.-Gew. 

— 

— 

— 

2,84 

2,742 

2,748 

Loretz. 

LoRE'I'Z. 

Loretz. 

Grbmse. 

Üncek. 

Unger.. 

f 

Ä*  i 

k* 

r 

n* 

0* 

SiO.2  . . . 

57,12 

55,47  51,62 

56,69 

57,28 

57,35 

54,55 

55,49 

TiÜ2(Zr02) 

1,17 

1,19  0,96 

1,34 

1,01 

0,81 

0,96 

1,78 

AI2  O3 

15,40 

13,86  20,44 

14,99 

15,98 

14,61 

15,44 

14,57 

F e-2  O3 

2,80 

5,98  0,81 

3,39 

2,35 

2,18 

3,48 

8,68 

FeO  . . . 

4,39 

2,64  5,56 

4,38 

5,06 

3,99 

0,80 

0,66 

AIuO.  . . 

— 

— Spur 

■ — 

— 

— 

— 

— 

MgO  . . 

5,13 

3,65  4,38 

3,39 

5,52 

3,96 

4,41 

3,61 

CaO  . . . 

2,24 

2,75  1,39 

5,92 

2,84 

3,51 

7,85 

0,68 

NaoO 

2,84 

3,63  5,81 

3,30 

2,37 

2,93 

2,45 

1,86 

K2Ö  . . . 

3,77 

4,35  4,22 

2,05 

3,42 

1,92 

4,09 

7,87 

II2O  . . . 

4,35 

2,94  3,91 

3,43 

4,22 

4,08 

3,75 

3,96 

P2O5.  . . 

0,2 1 7 

0,22  Spur  4) 

0,22 

0,18 

0,25 

0,45 

0,27 

COo  . . . 

0,75 

3,25  0,08 

1,00 

0,41 

4,16 

2,16 

— 

S03  . . . 

0,08 

0,14  0,86 

0,15 

Spur 

0,20 

0,10 

Spur 

Org.  Subst. 

— 

— — 

— 

— 

0,02 

Spur 

— 

Summe : 

100,25 

100,07  100,04 

100,25 

100,64 

99,97  100,49 

99,43 

Vol.-Gew. 

2,625 

2,683  2,65 

2,67 

2,653 

2,666  2,67 

2,839 

Jacobs. 

Böttcher.  Kosmanx. 

Böttcher. 

Hesse. 

Bärwald.  Hesse. 

Fischer. 

*)  Sämmtliclie  mit  einem  Sternchen  versehenen  Analysen,  also  d,  (/,  /i , und  die  weiterhin 
folgenden  k,  l,  vi,  n,  o,  p,  s,  t,  u,  v,  vi,  w,  x,  y,  z,  1,  2,  3,  4,  5,  6,  8,  9,  10,  II,  12,  13,  14,  15,  16 
sind  neu  ausgeführt  im  Laboratorium  der  Konigl.  Geologisi-hen  Landcsanstalt  und  Bergakademie. 
Da,  wo  in  diesen  Analysen  SO3  in  ganz  geringen  Mengen  angegeben  ist,  liegt  ein  wenig  Schwefel- 
eisen oder  Kupferkies  etc.  beigemengt  vor. 

Eingerechnet  den  Glühverlust. 

Dazu  Spuren  von  BaO  und  SrO. 

Ueberdies  eine  Bpur  CI. 


des  Spiemonts  und  des  Bosenbergs  bei  St.  Wendel  etc. 


267 


Vergleicht  niao  mit  tlieseu  »Leiikopliyr« -Analysen  zunächst 
die  Analysen  If'  mul  i (Gestein  vom  Bosenberg  nach  Jacobs, 
vom  Spiemout,  aus  dem  Steiubruche  an  dem  W.- Abhang 
gegen  die  Fahrstrasse,  nach  Böttcher  und  vom  Spiemout, 
Bruch  in  der  Sey  nach  Kosmann),  welche  sich  auf  jene 
Eruptivmassen  des  Rothliegenden  beziehen,  die  Herr  v.  Dechen 
auf  Rosenbusch’s  Vorschlag  als  Leukophyr  aus  der  Umgebung 
von  St.  Wendel  bezeichnet  hat,  so  ergiebt  der  Vergleich  un- 
mittelbar die  Zugehörigkeit  der  drei  letztgenannten 
Gesteine  zu  einer  ganz  anderen  Mi  sch  uiigsrei  he,  als  zu 
der  Diabas-Reihe,  welcher  die  sechs  ersten  thatsächlich 
angehören:  hier  in  der  Diabas-Reihe  41,48  bis  51,44  pCt.  SiO-2; 
8,47  l)is  16,27  pCt.  alkalische  Erden  nnd  2,06  bis  4,41  pCt.  Alkalien, 
dort  dagegen  51,62  bis  57,12  pCt.  Si02;  5,77  bis  7,37  pCt.  alkalische 
Erden  und  6,61  bis  10,03  pCt.  Alkalien.  Diese  letzteren  Ana- 
lysen weisen  vielmehr  sehr  deutlich  auf  die  Zugehörig- 
keit der  aualysirten  Gesteine  zu  der  porphyri tischen 
Reihe  hin,  der  Name  Leukophyr  empfiehlt  sich  dafür  demnach 
nicht,  mag  man  seine  Verwendbarkeit  im  Uebrigen  lieurtheilen, 
wie  man  will. 

LTiiter  den  Porphyr iten  im  engsten  Sinne  des  Wortes, 
d.  h.  Grundmassen -Gesteinen  mit  herrschendem  Kalknatronfeld- 
spath  und  mit  beibrechender  Hornblende  oder  Biotit  an  deren  Stelle, 
also  r hy o tax i tischen  D io rif- A e qn i v al e nte n , oder  da  etwas 
Quarz  oder  Ueberschuss  an  SiO-2  nebst  Orthoklas  häutig  vorhanden 
ist,  Tonalit-  (=  Quarzdiorit-)  Aequ ival  ente n schlechthin, 
wird  man  gleichwohl  den  fraglichen  Gesteinen  ihre 
Stelle  nicht  an  weisen  dürfen.  Dagegen  spricht  ihr  durch- 
weg m ehr  feinkörniges  b i s f e i n k ö r n i g - p o r p h y r i s c h e s 
Aussehen,  sowie  der  Umstand,  dass  ein  A ngit-Mineral,  und 
zwar  allem  Anschein ‘Q  nach  ein  monokliner  kalkhaltiger 
Malakolith  oder  Fassait,  als  wesentlicher  Gemengtheil  neben 

*)  Die  gröbsten  Krystallkörnchen , die  aber  schon  zu  den  porphyrartigen 
Einsprenglingen  zählen,  messen  2 Millimeter;  gewöhnlich  geht  das  Korn  nicht 
über  1 Millimeter  hinaus. 

Vergl.  weiter  unten  S.  278. 


268 


K.  A.  Lossen,  Vergleichende  Studien  über  die  Gesteine 


dem  vorlieiTScliendeii  Feldspatli  auftritt.  Frischer  Augit  ist  frei- 
lich am  Boseuljerg  und  Spiemont  bislang  nicht  beobachtet  worden, 
ebensowenig  am  Hirscht  bei  Marpingen  oder  am  Steinberg  in  der 
Fortsetzung  des  Spiemonts.  Alle  diese  Vorkommen  lassen,  auch 
unter  dem  Alikroskop,  nur  mit  Chlorit  und  Carbonat  ange- 
füllte  Pseudomorphoseu  nach  Augit  erkennen,  indem  sehr 
häufig  achteckige  Basalschnitte  durch  das  mit  beiden  Vertikal- 
Pinakoiden  abgestumpfte  Augit- Gruudprisma  beobachtet  werden 
oder  auch  domatisch  beo-reuzte  zimehöriire  Länrrsschnitte,  während 
andererseits  unregelmässig  begrenzte  Pseudomorphosen  gleicher  Art, 
zwischeneingeklenunt  zwischen  das  divergentstrahlige  Feld- 
spath  - Leistenwerk  nicht  fehlen.  Dieses  in  der  divergent- 
strahligen  Anordnung  des  Feldspaths  der  typischen  Diabas-Struktur 
angenäherte,  in  der  gedrungeneren  Leistenform  der  Feldspathe  und 
in  der  selbständigen  Formausbildung  vieler  Augit -Krystalle  je- 
doch davon  abweichende,  zu  diorit-porphyritischoi  Strukturen  hin- 
neigende Gefüge  ebensowohl  als  die  leichte  Zersetzbarkeit  des 
xVugits  unter  Carbonat-Ausscheidung,  weisen  auf  die  Kersantone 
oder,  wie  jetzt  fast  allgemein  gesprochen  wird,  Kersautite  als 
n ächst verwandte  diorit-porphyritische  Gesteine  hin. 
In  der  That  würde  man,  wenn  nicht  der  Name  Kersantit  von 
vornherein  an  ein  sichtliches  Hervortreten  von  Biotit  ge- 
bunden wäre,  Kersantit  = Quarz  führender  bis  Quarz- Glimmer- 
augitdioritporphyrit , Lamprophyr  e.  p.,  so  dass  mit  dem  Fehlen 
dieser  Eigenschaft  der  uneingeschränkte  Begriff  (insoweit  es 
sich  nicht  um  ein  locales  Zurücktreten  handelt)  auf  hört,  kaum 
eine  zweckentsprechendere  Bezeichnung  für  die  Gesteine  des 
Bosenbergs,  Spiemonts  u.  s.  w.  wählen  können  als  die  »Augit- 
Kersantit«. 

Dafür  würde  ausser  den  bereits  angegebenen  Eigenschaften  der 
Umstand  sprechen,  dass  mikroskopisch  in  allen  den  hierher- 
gehörigen untersuchten  Gesteinen  aus  der  Gegend  von  St.  Wendel 
Biotit  thatsächlich  nachgewiesen  worden  ist,  theils  in 

*)  Automorphen  (Rohrbach),  idiomorphen  (Rosenbusch). 

-)  Dioritporphyrit  etc.  in  der  älteren  weiteren,  nicht  in  der  engeren  Fassung 
Rosenbusch’s. 


des  Spicmonts  und  des  Bosenbergs  bei  St.  Wendel  etc. 


269 


ganz  tadellos  frisclieii  Blättchen  und  leistformigen  Schnitten  durch 
dieselben,  theils  in  grösstentheils  chloritisirteu  Partieen.  Wie  viel 
Chlorit  seine  Entstehung  dem  Augit  verdankt  und  wie  viel  dem 
Biotit,  ist  streng  genommen  nicht  sicher  festzustellen;  da  aber 
der  Biotit  deutlich  sichtbar  nicht  hervortritt  und  auch 
unter  dem  Mikroskop  nicht  auffällig  bemerkt  wird  im 
Gegensatz  zu  den  sicher  auf  Augit  zurückzuführenden  Pseudo- 
morphosen,  so  fällt  das  Gestein  trotzdem  nicht  unter  den  ein- 
fachen Begriff  Kersantit,  wie  er  gebräuchlich  ist. 

Eine  andere  Eigenschaft,  welche  ebenfalls  die  Verwandtschaft 
desselben  mit  dem  Kersantit,  allerdings  aber  auch  mit  derjenigen 
Abtheilung  der  Diabase  liekundet , welche  sich  den  Diorit- 
porphyriten  nähert,  immerhin  also  eine  Eigenschaft,  die  Po  r p h y r i t - 
Typen  im  weiteren  Sinne  des  Wortes  und  uächstver- 
wandten  Gesteinen  eignet,  typischen  Diabasen  dagegen 
abgeht,  ist  die  Anwesenheit  von  primären  C^uarz-  und 
Orthoklas  - Aggregaten  ln  G r u n dm ass en  z wi ekel  n.  Die 

vortrefflich  klaren  Photographien , welche  Michel  - Levy  und 
Douville  1876  von  Dünnschliffen  des  Kersanton  von  Hopifal- 
Camfront  veröffentlicht  haben,  stimmen  in  allen  wesentlichen 
Punkten  überein  mit  der  Art  des  Vorkommens  und  der  Ver- 
theilungsweise des  Quarzes  in  den  Gesteinen  des  Bosenbergs  u.  s.  w.; 
Rosenbusch’s  Angaben  (2.  Aufl.  Massige  Gesteine,  S.  326)  »in 
(miarolitischen)  Interstltien  dieser  (der  Plagioklase)  entwickelte 
sich  zuletzt  ein  ungestreifter  Feldspath  (Orthoklas)  und  Quarz, 
theils  einzeln  und  nacheinander,  theils  in  granophyrischer  Durch- 
dringung « , die  sich  auf  den  Kersantit  beziehen , können  ebenso 
direct  auf  die  in  Rede  stehenden  Gesteine  übertragen  werden, 
jedoch  mit  dem  Zusatze,  dass,  zumal  in  kalireicheren  Gesteinen 
der  Orthoklas  bereits  unter  den  mehr  kurz  gedrungenen,  als 
gestreckten  Feldspatheu  des  Leisteumaschenuetzes  erscheint,  welches 

b Bullet,  de  la  soc.  geol.  de  France,  3 scr.  tom.  V,  pag.  51,  pl.  1. 

b Das  Wort  miarolitisch  habe  ich  geklammert,  da  ich  die  sauren  Best- 
eck chen  als  solche  nicht  für  nachträglich  erfüllte  Drusen  ansche,  obwohl  eine 
secundäre  Drusenbildung  im  Innern  einer  zum  normalen  Gesteinsgewebe  gehörigen 
primären  in  der  Bestecke  auftreten  kann. 


270 


K.  A.  Lossen,  Vergleichende  Studien  über  die  Gesteine 


die  dreieckigen  und  nicht  selten  drüsigen  Restzwickelclien  des  zu- 
letzt erstarrten  kieselsänre-  und  kalireichsten  Mao-meu  -Antheils 

O 

nmschliesst. 

Dabei  kann  es  wenig  verschlagen,  dass  man  jene  von  Kosen- 
BUSCH  als  » granoj^hyrisch « (aber  nicht  im  Sinne  der  Vogel- 
SANG’schen  ursprünglichen  Definition  des  Wortes)  bezeichueteu, 
meines  Erachtens  zntreflender  »pegmatophyrisch«  zu  be- 
nennende ^),  gesetzmässige  gegenseitige  Dnrchdringuugsweise  von 


0 Mit  diesem  meinem  Vorschläge  möchte  ich  nicht  sowohl  eine  Prioritäts- 
frage, als  -vielmehr  eine  sachlich  praktische  und  namentlich  für  den  Lernenden, 
wie  mir  scheint,  der  Vereinfachung  bedürftige  Frage  zu  lösen  versuchen.  Vogel- 
sang hat  seiner  Zeit  1873  mit  dem  Worte  Granophyr  einen  sachlichen  Inhalt  be- 
legt, welcher  der  Wortbildung  genau  entspricht;  seine  Granophyre  sind  die 
Porphyre  (Quarz-  oder  Pelsitporphyre),  deren  Grundmasse  sich  mikroskopisch 
io  ein  granitisches  Quarz -Feldspath -Aggregat  mit  oder  ohne  Glimmer  auf  löst. 
Rosenbusch  hat  1877  diese  VoGELSASG’schen  Granophyre  Mikrogranite  genannt, 
was  man  von  seinem  damaligen  Standpunkte  aus,  welcher  nur  basishaltige 
Grundmassengesteine  als  echte  Porphyre  anerkennen  wollte,  gern  würdigt:  er 
nannte  eben  die  Gesteine,  welche  er  nicht  als  Porphyre,  sondern  als  Granite 
werthete,  folgerichtig  nicht  mehr  Granophyr,  sondern  Mikrogranit;  von  dem 
Standpunkte  aus  dagegen,  welchen  wir  stets  festgehalten  haben,  müsste  man 
mikrogranitiseher  Quarzporphyr  oder  Mikrogranitporphyr  sagen.  Die  Rückkehr 
zu  Vogelsang’s  Ausdrucksweise  ist  uns  leider  verschlossen,  weil  sich  unterdessen 
der  Gebrauch  des  Wortes  Granophyr  nach  Rosenbusch’s  Vorschlag  (1876)  für 
einen  anderen  Begriff  eingebürgert  hat:  für  diejenigen  Quarzporphyre,  deren 
Grundmasse  eine  submikroskopische  bis  mikroskopische  Verwachsungsweise  von 
Quarz  und  Feldspath  nach  Art  des  Schriftgranits  (Pegmatit  Hauv)  aufweist,  also 
die  Mikropegmatit-Struktur  Michel-Levy’s  (1875).  Diese  Einbürgerung  ist  heut- 
zutage eine  so  weitgreifende,  dass  der  Versuch,  das  Wort  Granophyr  seiner  ur- 
sprünglichen zweckdienlicheren  Bestimmung  zurückzugeben,  zu  fortwährenden 
Missverständnissen  führen  müsste.  Billigerweise  sollte  es  darum  ganz  aus  der 
wissenschaftlichen  Terminologie  zuiückgezogen  werden;  denn  auch  der  nach 
Rosenbusch  eingebürgerte  Gebrauch  muss  bei  dem  Lernenden  wenigstens  Miss- 
verständniss  hervorrufen,  da  Rosenbusch  selber  für  die  Granosphaerite  Vogel- 
sang’s, ebenfalls  Strukturelemente  der  Quarzporphyre,  der  Sylbe  g7'ano  die 
einfache  sprachliche  Bedeutung  belässt,  für  seinen  Granophyr  dagegen  derselben 
Sylbo  die  Bedeutung  von  -krijij.ci,  d.  h.  das  Tneinandergefügte  oder  Zusamnien- 
krystallisirte , die  Hauy  seiner  Wortbildung  so  glücklich  zu  Grunde  gelegt  hatte, 
beizumessen  scheint.  Die  ältere  Generation  der  Petrographen  weiss  ja  aller- 
dings, dass  dieser  Schein  trügt,  dass  Rosenbusch  vielmehr  lediglich  den  durch 
seine  eigene  Wortbildung  Mikrogranit  ins  Freie  gefallenen  VooELSANG’schen  Namen 
Granophyr  für  die  von  ihm  in  Deutschland  zuerst  bildlich  erläuterte  Struktur 


des  Spiemonts  und  des  Bosenbergs  bei  St.  Wendel  etc. 


271 


Quarz  und  Feldspath  mehr  in  rechtwinkligen , als  in  spitz- 
rhombischen oder  dreieckigen  Durchdringungsformen  Q wahr- 
nimmt; es  hängt  dieser  Umstand  sichtlich  damit  zusammen,  dass 
hier  Orthoklas  oder  Feldspath  schlechthin  im  vorwaltenden  Quarz 
gesetzmässig  abgeformt  ist,  in  den  uns  geläufigeren  Verwachsungs- 
formen dagegen  umgekehrt  Quarz  in  vorwalteudem  Feldspath. 
Mau  kann  bei  sehr  sorgfältiger  Untersuchung  wahrnehmen,  dass 
einer  der  dem  Ilauptmaschenuetz  der  gröberen  divergentstrahlig- 
krystallkörnigen  Gesteinsmasse  angehörigen  Feldspathe  in  die 
mit  pegmatophyrischem  Krystallisationsrest  erfüllte  Zwiekelecke 
hineinragt  und  dabei  das  hiueiuragende  verjüngte  Ende  aus  der 
schlichten  Ijeistenform  in  skelettartig  gewachsene,  bald  parallel 
bald  senkrecht  zur  Leistenaxe  ausgedehnte,  durchweg  untereinander 
und  mit  der  Leiste  optisch  gleich  orieutirte  Ilieroglyphen- 
oder  ä la  grecque-Formen  übergeht,  die  scharf  aus  der  sie  um- 
gebenden Quarzmasse  des  Zwickels  hervortreten.  Oft  ist  die 
Mitte  des  Zwickels  reiner  Quarz  oder  es  wird  die  ganze  Aus- 
dehnung, wie  sie  von  der  Schliflebene  getrotfen  ist,  von  diesem 
Mineral  allein  erfüllt.  Oder  aber  die  kleinen  Zwischeneckehen 
sind  z.  Th.  mit  Carbonat  erfüllt,  in  dem  sich  dann  scharf  ge- 
schnittene wohlbegrenzte  Drusenkrystalle  abformen,  unter  welchen 
besonders  wiukelrechte  Quarzhexagone  (Basalschnitte)  auffallen, 
wie  sie  bereits  aus  den  Kersantonen  bekannt  und  z.  B.  in  den 
obengenannten  Photographien  der  Kersanton  - Düunschlifie  abge- 


aufgriff,  um  einmal  die  Wissenschaft  nicht  mit  einem  neuen  Namen  zu  belasten, 
das  andei’e  Mal  Zwischenglieder  zwischen  Granit  und  Porphyr  mit  einem  Namen 
zu  belegen,  der  an  den  Namen  der  beiden  Endglieder  gleichen  Antheil  hat.  Der 
Name  Pegmatophyr  wird  dieser  Absicht  und  überhaupt  der  Bezeichnungsweise 
von  Vogelsang,  Michel-Llvy  und  Rosenuuscii  ebenmässig  gerecht  und  deckt 
sprachgerecht  den  Begriff  nach  seiner  sachlichen  Bedeutung. 

')  Diese  fehlen  indessen  keineswegs,  sind  vielmehr  in  gewissen  Struktur- 
varietiiten  des  Spieraont- Gesteins  sehr  ausgezeichnet  entwickelt  und  gehen 
darin  anscheinend  in  reinere  Feldspathbüschel  über,  die  schliesslich  in  einen  durch 
Krystallitenstaub  getrübten  schwach  polarisirenden  Feldspathgrund,  eine  Art 
Basis  hinüberspielen,  wie  eine  solche  auch  in  den  Gesteinen  von  Marpingen  beob- 
achtet wurde. 

'*)  = divergentstrahlig- automorph -körnig  oder  -idiomorph-körnig. 


272 


K.  A.  Lossen,  Vergleichende  Stadien  iiber  die  Gesteine 


bildet  worden  sind  i)  imd  die  recht  wohl  secuudäre  Bildungen 
wie  das  Carbonat  sein  mögen  (Miarolit- Struktur  Rosenbüsch’s)_ 
Auch  Zirkel’s  scharf  geschuitteue  Carbo natx’honiboeder  mitten  im 
Chlorit  2)  fehlen  nicht. 

Die  nur  in  geringen  Procenteu  anwesende  oder  nachweisbare 
b ran  n dnr  chsi  chtige  Hornblende  (frisch  bis  jetzt  nur  ein- 
mal in  dem  Giesteiu  des  Steinbergs  beobachtet,  nach  dem  Umriss 
einiger  chloritischen  Psendomorphoseu  aber  auch  für  den  gegen- 
überliegenden Spiemont  wahrscheinlich)  vervollständigt  die 
Verwandtschaft  mit  den  Dior itporphyriten  und  Ker- 
santiten  oder  den  untypischen,  den  Dioritporphyriteu  substanziell 
und  durch  pegmatophyrische  Zwickel  auch  strukturell  angenäherteu 
IT  yster ob  äsen.  Apatit  und  Eisenerze,  octaedrischer  M agnetit, 
Titan  eis  en  erz,  das  sehr  häufig  prächtige  Spheu  - Pseudo- 
morphoseu  mit  hohen  Interfereuzfarben  geliefert  hat,  und  ein  in 
fuchsbrauuen,  ganz  dünnen  Täfelchen  anskrystallisirter,  nngleich- 
mässig  vertheilter  Eiseuglimmer,  nach  Dr.  Max  Koch’s  ver- 
gleichenden Beobachtungen  au  den  Alichaelsteiner  Kersautiten  Ti- 
taneisenglimmer, dazu  etwas  Schwefeleisen,  dessen  Zerset- 
zung den  von  Kosmann  seiner  Zeit  in  dem  sehr  zersetzten  von  ihm 
analysirten  Gestein  (i)  beobachteten  Gyps  geliefert  haben  wird, 
alle  diese  nutergeordnetereu  Massen,  unter  welchen  indessen  die 
Gesammtheit  der  oxydischeu  Eisenerze  beachtenswerth  hervortritt, 
sprechen  zum  wenigsten  nicht  gegen  die  Zugehörigkeit  zur  diorit- 
porphyritischen  Gruppe  im  weiteren  Sinne  des  Wortes. 

Eine  fei’uere  Bestätigung  dieser  Zugehörigkeit  ergiebt  der 
Vergleich  mit  denjenigen  Ernp  tivgesteiustypen,  mit  welchen 
die  Gesteine  des  Bosenbergs  und  Spiemonts  u.  s.  w.,  die  als 
Intrnsivlagerstöcke  den  Oberen  Ottweiler  (allerjüngst 

h Dass  ein  Theil  des  Quarzes  im  Kersanton , aber  auch  nur  ein  Theil , se- 
cundärer  Entstehung  ist , hat  in  Uebereinstimmung  mit  deutschen  Autoren 
Ch.  Barrois  in  seiner  verdienstreichen  Abhandlung  iiber  dieses  Gestein  (Annales 
de  la  soc.  geolog.  du  Nord,  t.  XIV,  p.  31  ff.)  noch  kürzlich  hervorgehoben. 

Zirkel  hat  solche  in  den  Biotiten  der  Kersantone  beobachtet. 

T Herr  Dr.  Koch  hat  sich  in  liebenswürdigster  Weise  mir  zur  Verfügung  ge- 
stellt, wenn  es  galt,  mikroskopische  Diagnosen  durch  Controlbeobachtungen  zu 
verschärfen  oder  zu  vervollständigen. 


des  Spiemonts  und  des  Bosenborgs  bei  St.  Wendel  etc. 


27.3 


c a r b o n i s c h e 11 ) oder  den  Oberen  C u s e 1 e r Schichten  i m 
Unter- Ivothliegenden  angeboren,  in  nächster  Nähe  von 
St.  Wendel  oder  etwas  entfernter  iin  Saar-Nahe -Wassergehiet 
veriresellschaftet  erscheinen.  Die  nächste  Veranlassniui:  zu  diesem 
Vergleich  ergab  die  Nothwendigkeit  eine  Anzahl  sogenannter 
»Melaphyre«  zu  untersuchen,  die  theils  unter  den  gleichen  Lage- 
rnngs Verhältnissen  anftretcn,  theils  aber  in  lehrreicher  Weise 
als  Ansfülluug  schmaler  Quer-Gänge  (dykes),  welche  einige 
Kilometer  weit,  wenn  auch  nicht  stets  über  Tag  in  nnunter- 
lirocheuem  Zusammenhang,  quer  durch  die  Schichten  des  obersten 
Carbons  und  des  Unteren  Rothliegenden  hindurchsetzen.  Nicht 
wenige  dieser  Gangspalten  sind  bereits  auf  der  Wriss-La.speyues’ 
sehen  Uebersichtskarte  und  v.  Deciien’s  Specialkarte  verzeichnet, 
wie  z.  B.  der  Gang  der  Labach-Grube  bei  Werschweiler  oder  der 
Gang  bei  Wiuterbach,  den  der  Weg  von  St.  Wendel  nacli  Tholey 
kreuzt;  die  neueren  Anfnahmen  der  geologischen  Landesanstalt 
haben  das  Bild  vervollständigt,  namentlich  aber  ist  dies  durch  die 
parallel  gehenden  Anfnahmen  unserer  bayerischen  Herrn  Collegen 
geschehen,  da  die  meisten  dieser  Quergänge  auf  dem  linken  Ufer 
der  Bl  ies  lind  hier  vorzüglich  im  bayerischen  Anthcil  des  Westrich, 
der  politisch  zur  Rheiupfalz  zählt,  aufsetzen.  Herr  Oberberg- 
director  v.  Gümbel  bat  die  Güte  gehabt,  uns  über  das  gruud- 
rissliche  räundiche  Verhalten  dieser  Ei’uptivgäuge  nach  den 
bayerischen  Karten  zu  unterrichten,  Herr  Landesgeolog  Grebe 
hat  Proben  davon  eingesendet,  von  den  meisten  Gängen  habe  ich 
1883  und  1889  selbst,  theils  in  seiner  Gesellschaft,  theils  allein, 
Handstücke  gesammelt.  Die  Analysen  A*,  l*,  n\  o*  in  der  oben 
mitgetheilteu  Tabelle  beziehen  sich  auf  solche  Gauggesteine,  und 
zwar  ist  U die  Analyse  des  Gesteins  von  der  Labach-Grube 
bei  Werschweiler  (Böttcher),  V"  diejenige  des  Ganggesteius 
vom  Steinhübel  in  der  Gehrenheck  (Publheck)  zwischen 
II  oof  und  Osterbrücken  (Hesse),  m*  die  des  Gangkuppen- 
gesteins von  Gronig,  im  Qnellgebiet  der  Blies  zwischen 


')  Die  letztere  Reise  fand  erst  nach  der  ursprünglichen  Abfassung  dieser 
Abhandlung  behufs  weiterer  Orientirung  über  einzelne  Punkte  statt. 

18 


Jalirbuch  18Sy. 


274 


K.  A.  Lossen,  Vergleiclieiulo  Studien  über  die  Gesteine 


Wasser  imd  Dorf  (Hesse)  und  o*  die  des  Ganges  bei  Winter- 
bach zwischen  St.  Wendel  und  Tholey  (Fischer);  die  Ana- 
lyse m*  (Bärwald)  betrifft  dagegen  ein  Intrusivlager,  das  am 
Litzelkopf  bei  Bnhlenberg  nächst  Birkenfeld  in  den 
Cnseler  Schichten  anfsetzt,  seinem  Vorkommen  nach  also  zunächst 
mit  den  Bosenberger  Intrusivlagern  in  denselben  Schichten  nberein- 
stimmt,  während  seine  Struktur  durch  Einsprenglinge  von  Plagio- 
klas, von  Psendomorphosen  nach  Bronzit,  von  Quarz  und,  örtlich 
wenigstens,  auch  von  Biotit  in  einer  recht  feinkörnigen  Grnnd- 
masse  von  der  der  Dioritporphyrite  änsserlich  mehr  abweicht  und 
sich  der  porphyritischen  mehr  nähert. 

Betrachtet  man  die  einschlägigen  Zahlenwerthe : SiO-2  54,55  bis 
57,35,  Summe  der  alkalischen  Erden  4,29  — 12,26,  Summe  der 
Alkalien  4,85  — 9,73,  so  ergiebt  der  Vergleich  mit  den  oben  mit- 
getheilten  Zahlenwerthen  ans  den  Analysen  a bis  i alsobald  die 
Zugehörigkeit  zur  porphyritischen  (dioritporphyri- 
ti sehen)  und  nicht  zur  diabasischen  Mischnngsstnfe,  nur  o*  ge- 
hört sichtlich  zu  den  kieselsänrearmen  Kaliporphyren  und 
verdient  daher  zunächst  unsere  besondere  Aufmerksamkeit.  Viel- 
leicht sind  andere  Proben  des  Winterbacher  Ganges  nicht  so 
einseitig  kalireich,  auch  war  die  analysirte  Probe,  weil  schon 
oxydirt  und  des  Carbonats  beraubt,  von  Hans  ans  jedenfalls  reicher 
an  Kalk,  doch  hat  der  weggefidirte  Kalkgehalt  ganz  vorzugsweise 
dem  erst  chloritisch  und  carbonatisch,  alsdann  oxydisch  nmgebildeten 
Bisilicat  angehört,  denn  die  Feldspathe  erweisen  sich  im  Dünn- 
schliffe relativ  frisch  und  zeigen  auch  im  Handstück  oft  noch 
spiegelnde  Spaltflächen.  Vergleicht  man  unter  diesem  Gesichts- 
punkte die  Dünnschliffe  der  Gesteine  vom  Winterbacher  Gange, 
vom  Spiemont  und  vom  Bosenlicrg  untereinander,  so  kann  man 
sich  bei  vorherrschend  gleicher  Struktur  trotz  gewisser  noch  kurz 
zu  besprechender  Strukturuuterschiede  leicht  überzeugen,  dass  im 
Einklano;  mit  den  Alkali-  und  insbesonders  den  Kali -Wertheu 
der  Analysen  o*,  7,  A*  und  g*  unverkennbare  Plagioklas-Krystalle 
am  spärlichsten  im  analysirten  Winterbacher  Ganggestein,  am  vor- 
herrschendsten dagegen  im  Bosenberg  - Gestein  auftreten ; das 
Spiemont- Gestein  hält  die  Mitte  ein,  es  enthält  mehr  Orthoklas 


des  Spiemonts  und  des  Bosenbergs  bei  St.  Wendel  etc. 


275 


als  das  letztere,  mehr  Plagioklas  als  das  orstere,  das  zufolge 
seines  entschieden  vorherrschenden  Orthoklasgehalts  Augit- 
Syenitporphyr  mit  Kersantit-ähnlicher  Struktur  heissen 
kann. 

Unabhängig  von  der  chemischen  und  physikalischen  Molecular- 
constitntion  des  Feldspaths  ist  derselbe  in  allen  drei  Gesteins- 
typen durch  eine  Erscheinung  ausgezeichnet,  die  an  dem  Gestein 
des  Winterbacher  Gangs  besonders  deutlich  hervortritt  und  darum 
hier  zuerst  erwähnt  wird:  das  ist  die  theilweise  oder  euänz- 

O 

liehe  Erfüllung  des  Eeldspathkerns  durch  eine  grüne 
chloritähnliche  Substanz.  Man  findet  diese  Erscheinung  an 
den  grösseren  Plagioklas -Krystallen,  die  sich  ein  klein  wenig 
porphyrartig  aus  der  feinkörnigen  Gesteinsmasse  hervorheben,  an 
den  Eeldspathen  des  eigentlichen  Gesteiusgeripps , endlich  auch 
an  den  ganz  kleinen  mikroskopischen  Plagioklasen  odei-  den  Ortho- 
klasen, welche  mit  Quarz  in  verschränkter  oder  verzahnter  Struktur 
in  den  Grundmassen -Zwickeln  (saueren  Resteckchen)  auftreten; 
oft  ist  der  grüne  Kern  scharf  abgegrenzt  von  dem  wasserhell 
durchsichtigen  Eeldspathrahmen , dessen  Form  er  wiederholt,  wie 
das  Fenster  im  Rahmen;  in  vielen,  ja  wohl  in  den  meisten  Fällen 
dao’enen  liegen  nur  grüne  Partien  kern-  oder  zonenartig  zusammen- 
gedrängt  im  Feldspath;  ob  dazu  auch  jene  mascheuartige  Ver- 
l)reitung  chloritischer  Substanzen  im  Plagioklas  gehört,  welche 
II.  Rosenbuscii  als  » pseudophitische  « Umbildung  aus  diesen 
» Leukophyren « angiebt,  wage  ich  nicht  zu  entscheiden;  echter 
Psendophit  scheint  mir  nach  dem  Pleochroismus  und  der  relativen 
Höhe  der  Interferenzfarben  nicht  vorzuliegen,  sondern  ein  eisen- 
haltiges, wahrscheinlich  sogar  etwas  eisenoxydhaltiges  Chlorit- 
mineral, dessen  Sphärolithe  (Krystallsphären)  ein  Interferenzkreuz 
von  optisch -positivem  Charakter  erkennen  lassen.  Auf  die  Natur 
des  Viridits,  um  ganz  allgemein  zu  sprechen,  kommt  es  zunächst 
anch  weniger  an,  als  auf  die  Art  und  Weise,  in  der  er  die  Feld- 
spathsubstanz  durchdringt,  w o n a c h hier  nicht  b e 1 i e 1 j i g e F e 1 d - 
spaththeilchen  durch  die  grüne  Substanz  im  Wege  der 
Ps e udom orph  OS  enbil dun g ersetzt  schein en,  als  vielmehr 
solche  Stellen,  innerhal b welche  r der  Feldspath  zufolge 

IS* 


27G 


K.  A.  Lossex,  Vergleichende  Studien  über  die  Gesteine 


eines  ni’spi’ünglicheu  raschen  A nskvy  stallisirens  fremde 
Theilchen,  verkrü pp  eite  A ngite,  Basisautheile  oder  Erz- 
stanb,  in  sich  beherbergte.  Wie  die  Peginatophyr-Strnktur 
gehört  anch  diese  an  änsserlich  wohlbegrenzte,  innerlich  aber  mehr 
oder  weniger  skelettartig  gehöhlte  Feldspathe  gebundene  Strr.ktnr 
zur  Charakteristik  einer  Erstarrnngsweise,  welche  von 
derjenigen  typischer  Engranite  abweicht,  echten  Rhyo- 
taxiten  dagegen  unter  Umständen  eignet  ('»Casettenfeld- 
spathe  «). 

Flnid  a 1 st r n ktnr  oder  Ivhyotaxis  ist  denn  auch  in  diesen 
zum  Vergleich  herangezogenen  (xanggesteinen  und  porphyritischen 
Intrnsivlagermassen  theilweise  ganz  deutlich  entwickelt:  Im  ana- 
lysirten  Vorkommen  bei  Winterbach  mit  relativ  grossen  ^2 
1 Ceutimeter  messenden  Feldspäthen  von  sehr  schmalem  Leist- 
schnitt und  ^/2  Ceutimeter  grossen  Titaneisenerztafelu,  die  aiif  den 
ersten  Anblick  -ein  doleritisches  Melaphyr  - Gestein  vermnthen 
lassen,  ist  die  stromartige  Anordnung  dieser  Gemengtheile  mit 
blossem  Auo'e  vortrefflich  zu  sehen:  wären  die  bald  selbstäudia; 
begrenzten,  bald  xenomorphen  Angite  frisch,  anstatt  dessen  sie 
chloritisirt  oder  schon  vererzt  erscheinen,  man  würde  eiuigermaassen 
an  denjenigen  rhyo-diabasischeiC)  und  dabei  porphyrartigeu  Typus 
des  Löwenbnrg- »Dolerits«  erinnert,  der  eines  der  schönsten  Bei- 
spiele der  Flussstrnktur  vollkrystallinischer  Struktnrelemente'^)  dar- 


b Der  Ausdruck  ist  leicbt  verständlich  und  soll  den  annähernden  Parallelis- 
mus  der  Plagioklas -Leisten  in  solchen  Diabasen  treffen,  -welche  zwar  auch  vor- 
herrschend vollkrystallinisch  strahlig-kornig  sind,  aber  nicht  mehr  vorherrschend 
clivergentstrahlig- körnig  oder  typisch  ophitisch  mit  frei  in  den  xenomorphen 
Angitkörnern  endend  eingezapften  automorphen  divergentstrahligen  Plagioklas- 
Leisten.  An  und  für  sich  ist  der  augitische  Bindekitt  der  ophitischen  Struktur 
einer  schwach  entwickelten  Flussstruktur  der  Plagioklas-Leisten  nicht  hinderlich. 
Vorgl.  auch  die  einschlägigen  Erfahrungen  Judd’s  und  Teall’s  (British  Petro- 
graphie Taf.  X,  Fig.  II  und  Artikel  »Dolerit«). 

b In  der  Sammlung  der  Königl.  Bergakademie  liegt  ein  durch  H.  Laspe-thes  eti- 
kettirtos  Dolerit- Handstück  vom  Kühlsbrunnen  nahe  der  Löwenbui'g,  das  auf  Grund 
dieses  mit  blossem  Auge  wohlerkennbaren  Planparallelismus  als  »schiefrig«  bezeich- 
net ist.  Auch  in  RosE.Niäuscn’s  Abbildung  der  »hypidiomorph-körnigen  Struktur  am 
Basalt  der  Löwenburg  im  Siebongebirgc«,  Massige  Gesteine  (2.  Aufl.)  Taf.  VI,  Fig.  I, 


des  Spiemonts  und  des  Bosenbergs  bei  St.  Wendel  etc. 


277 


stellt.  Andere  Ilandstücke  des  Winterbucher  Ganges,  wie  ein 
solches  ans  den  Fnchslöcliern,  W.  vorn  Kirchhof,  sind  feinkörniger 
nnd  dabei  porphyrartig  durch  einzelne  grössere  Feldspathe  und 
scheinen  thatsächlich  au  Stelle  der  im  analysirten  Gestein  ans 
Orthoklas,  Quarz  (Mikropeginatit),  Plagioklas,  Chlorit,  Titau- 
eisengl immer,  Apatit  zusammengesetzten  Zwickel  eine  braun- 
bestäubte grauliche  Basis  zu  enthalten,  die  vorzugsweise  feld- 
sjräthiger  Natur  sein  mag,  da  andererseits  auch  hier  die  für  Ker- 
santite  so  charakteristischen  Qnarzzwickelchen,  z.  Th.  mit  Biotit- 
Einwachsnugen,  nicht  fehlen.  Für  diese  Deutung  spricht  die 
mehrfache  Beobachtung  radialstrahliger  Anordnung  in  der  Basis 
mit  Interfereuzkrenzchen  von  optisch  negativem  Charakter;  Erz- 
stanb  oder  opake  Wachsthnmsformen  trüben  solchen  Feldspath- 
grnnd  nur  wenig ^).  Noch  andere  Ilandstücke  des  Ganges,  wie 
solche  vom  Ileiligenberg,  2 — 3 Kilometer  nordwestlich  des  Dorfes 
Winterbach,  führen  rnndblasige  Maudelräume,  was  den  rhyotaxi- 
tischen  Eindruck  dieses  chemisch  und  mineralisch  dem  Angit- 
syeuit  und  Angittrachyt  vergleichbaren  Ganggesteius  erhöht. 

Auch  sol che  Cran ggesteln e,  welche  chemisch  wesent- 
lich mit  dem  Boseuberg-Gestein  ül)ere instimmen,  wie 
das  von  dem  Steinhübel  bei  Osterbrnckeu  (/D  nnd  das  zwar 


fehlt  die  Andeutung  der  Flussstruktur  nicht.  Besonders  lehrreich  sind  noch  die- 
jenigen Stellen  des  rhyo-diabasischen  Strukturgewebes,  die  ein  tangentiales  Um- 
schiniegen  der  leistförmigen  Plagioklase  uni  die  porphyrartig  eingewachsenen 
grösseren  Olivin-  oder  Augit  - Einsprenglinge  erkennen  lassen.  Biese  Gesteine 
sind  also  doch  nicht  vorherrschend  rein  »hypidioniorphkörnig«  im  Sinne  der 
Eugranite.  Die  Gabbro-Gesteine  der  Hebriden  dagegen,  welche  Kosenbusch  mit 
den  Basalt- Gesteinen  vom  Löwenburg- Typus  glaubt  vereinigen  zu  dürfen,  sind 
nach  dem  mir  vorliegenden  durch  v.  Dkchen  und  Oeynhausen  gesammelten 
Material,  echte  Eugranite.  Gelegentliche  Uebergänge  dieser  Eugranite  in  die  Rhyo- 
taxite  zufolge  der  Ausbildung  langgest; ecktcr  Strukturelemente  (leistförmiger 
Feldspathe  etc.)  und  der  mehr  oder  weniger  parallelen  Anordnung  derselben 
fehlen  selbstverständlich  nicht,  denn  der  Uebergang  gehört  zum  Wesen  der  Ge- 
steine, charakterisiren  aber  nicht  die  vorherrschend  eugranitischen  Gabbro- 
Massen. 

')  Vergl.  dazu  die  Beobachtungen  an  den  Gesteinen  vom  Spiemont  und  von 
Marpingen.  S.  271,  Anm.  b- 


278 


K.  A.  Lossen,  Vergleicliende  Studien  über  die  Gesteine 


etwas  kalk-  und  natroureicliere,  kali-  imd  maguesiaärinere  des 
laugen  Ganges,  der  sich  von  W erschweiler  (Labacligrube , k*) 
bis  in  die  Gegend  SO.  von  Leitersweiler  erstreckt,  zeigen 
in  ein  und  demselben  Präpai-at  bald  ein  mehr  divergentstrahliges, 
bald  ein  sicbtlicli  mehr  flnidal  (rhyotaxitiscb)  augeordnetes  Ver- 
halten der  Hauptstrukturelemente  (Rbyo-Kersantit-Struktnr).  Siebt 
man  davon  ab,  so  liegt  der  Unterschied  gegenüber  dem  Bosenberg- 
Typus  nach  den  mir  vorliegenden  Ilaudstückeu  in  einem  etwas 
feineren  Korn  und,  doch  nur  z.  Tb.,  in  dem  häufigen  sichtlich 
porpbyriscben  Ilervortreten  voutbeils  isolirten,  tbeils  gruppen- 
weise zusammengebäuften  Plagioklas-Einsprenglingen  und 
Augit-Pseudomorphoseu,  d.  b.  der  glimmerarme  Angit- 
Kersautit  ist  porplij^r artig  entwickelt;  örtlich  treten  wohl 
auch,  wie  in  dem  Intrusivlager  südlich  des  Osterbaches 
unterhalb  Osterbrückeu,  kleine  Biotit-Blättchen  por- 
phy risch  hervor,  aber  doch  zu  spärlich,  um  darauf  einen  reinen 
Kersautit- Typus  begründen  zu  können,  während  im  Dünnschliff 
mikroskopische  Biotitblättcheu  oder  Chlorit -Pseudomorphoseu  da- 
nach niemals  fehlen.  Solche  Pseudomorphoseu,  welche  zufolge 
ihrer  Umrisse  sicher  auf  ein  augitisches  Mineral  zurückgeführt 
werden  können,  walten  aber  stets  vor;  nach  den  Umrissen  zu 
schliessen  könnte  rhombischer  Augit  (Bronzit)  ebensowohl  als 
Malakolith  oder  Fassait  vorhanden  sein;  im  unzersetzten 
Zustande  zuverlässig  nachgewiesen  ist  jedoch  nur  der 
letztere  in  dem  Gestein  d er  L abach- Grube  (U),  das  unter 
den  auch  hier  vorherrschenden  Pseudomorphosen  noch  frische 
automorphe  und  noch  häufiger  xenomorphe  Krystallkörner  von 
licht  gelblicher  bis  licht  gelblichbräunlicher  Durchsichtigkeit,  gleich 
denjenigen  des  Kersautit- Augits  besitzt.  Auch  in  den  z.  Th.  durch 
Quarz  oder  Quarzfeldspathaggregat  eingeuommeueu  Zwickeleckchen 
dieses  letzteren  Gesteins  fehlen  andererseits  daneben  oder  an  dessen 
Stelle  kleinste  Augitpseudomorphoseu  und  Erzwachsthumsformeu 
nicht,  so  dass  mau  schon  einigermaassen  au  die  Basis  Q saurer 


b Z wisch eDklemmungsmasse,  Mesostasis. 


des  Spiemonts  und  des  Bosenbergs  bei  St.  Wendel  etc.  279 

Meso-Dolerite  (saurer  Glieder  der  Tlioleyite  Steininger’s)  erinnert 
wird. 

Diese  Anklänge  sind  um  so  interessanter,  als  ein  benaeli- 
barter  Quergang  weiter  gegen  NO.,  der  im  Karstreche  NW. 
von  Unter- Selchenbach,  und  ein  zweiter,  der  au  der  Strasse, 
ungefähr  in  der  Mitte  zwischen  diesem  letzteren  Dorfe  und  Oster- 
brücken im  Distrikt  »Au  der  Haide«  hiudnrchstreicht,  der 
Melaphyr-For m ation  in  der  Hingangs  dargelegten  Fassung  des 
Jlegritfs  und  zwar  in  den  untersuchten  Proben  als  olivinfreier 
Typus  thatsächlich  augehört.  Das  Gestein  dieser  Gänge  ist  por- 
phyrisch  von  Ansehen  durch  sehr  stark  glasglänzende,  scharf  und 
geradlinig  nach  dem  Albit-Gesetz,  auch  wohl  einmal  zugleich  nach 
dem  Periklin-Gesetz  lamellirte  bezw.  gegitterte  kalkrciche  Plagio- 
klase, die  manchmal  gruppenförmig  vereint  auftreteu  und  hier 
und  da  Basis  (mikrokrystallitische  Mesostasis)  in  oder  zwischen 
sich  einschliessen,  sowie  durch  Pseudomorphoseu  nach  einem  Augit- 
Mineral,  die  aus  eckigen  Carbonatköruern  oder  aber  aus  solchen 
und  aus  Chlorit  bestehen.  Die  dichte  elseugraue,  stark  rost- 
braun verwitternde  Grundmasse  besteht  unter  dem  Mikroskop 
aus  relativ  locker  gelagerten,  divergent  strahlig  geordneten  Plagio- 
klasleistchen,  dazwischen  gestreuten  zahlreichen  Maguetitkryställ- 
chen  und  mikroskopischeu  Pseudomorphoseu  nach  Augit,  ent- 
sprechend den  makroskopisch  sichtbaren,  und  einer  glo  bulitisch 
schwarz  geköruelten  lichten  Glasbasis,  die  auch  Erz- 
wachsthumsforiuen  allerfeiuster  Art  enthält  und  örtlich  in  einen 
mikrokrystallltisch  getrübten  Feldspathgrnud  übergeht.  Biotit  in 
sehr  feinen  Blättchen  fehlt  daun  nicht  (Karstrech).  Sehr  spär- 
liche, sehr  kleine  Quarzköruchen , welche  in  einem  Präparate  in 
der  Grundmasse  beobachtet  wurden,  sind,  ganz  abgesehen  von 
ihrer  primären  oder  sekundären  (?)  Natur  procentisch  ganz  be- 
langlos für  das  basische  Gestein,  dessen  Analyse,  ausgeführt  durch 
Dr.  Fischer  au  einer  Probe  des  Ganges  au  der  Strasse 
zwischen  Unter-Selchenbach  und  Osterbrücken  unter 
p*  folgt. 


280 


K.  A.  Lossex,  Vergleicliende  Studien  über  die  Gesteine 


P"" 

C 

810*2  . . . . 

48,27 

47,12 

TiO-2  .... 

0,99 

3,92 

AI2O3.  . . . 

17,13 

15,23 

Fe2Ü;2 .... 

1,85 

2,79 

FeO  .... 

4,89 

7,06 

Mg  O .... 

3,06 

2,85 

CaO  .... 

9,77 

7,83 

Na.2  0.  . . . 

3,06 

2,41 

K2O  .... 

2,42 

2,00 

H2O  .... 

1,59 

2,92 

F2O5  .... 

0,19 

— 

CO2  .... 

6,90  t) 

5,65 

SOa  .... 

0,09 

— 

Organ.  Snbst.  . 

— - 

— 

Summe : 

100,21 

99,78 

Vol.-Gew.  . . 

2,7326 

— 

Fisch  EU 

Loretz 

•echend  i): 

FeCOs  . . . 

2,60 

MgCOs  . . . 

4,30 

CaCOa  . . . 

8,35 

FiscHEn. 


Die  zum  Vergleich  beigefügte  Analyse  (c)  des  ähnlich  car- 
houatreich  und  chloritreich  umgebildeten  »Leukophyr«- Diabases 
V.  Gümbel’s  aus  dem  Steinachthaie  bei  Stadt  Steinach  lässt,  wenn 
man  den  in  dem  letzteren  Gestein  sehr  hohen  Gehalt  an  Titan- 
eisenerz berücksichtigt,  sehr  deutlich  erkennen,  dass  in  der  Tliat 
in  dem  Gestein  p ein  echtes  porphyrisches  Diabas- Aecpüvalent, 
ein  oliviufreier  Melaphyr  (Vleso-Basalt)  und  kein  porphyritisches 
Aequivalent  eines  dioritischen  oder  andesitischen  Gesteins  (Augit- 
diorits,  Augitandesits)  vorliegt.  Will  inan  also  von  Meso-Leuko- 


')  Nach  einem  mit  stark  verdünnter  Salpetersäure  rasch  gemachten  Auszug 
des  Carbonats,  woraus  das  Verhältniss  der  an  die  Kohlensäure  gebundenen  Hasen 
besonders'  ermittelt  wurde. 


des  Spiemonts  und  des  Bosenbergs  bei  S(.  Wendel  etc. 


281 


phyren  reden,  so  Hegt  dieser  Vergleich  hier  nahe  — oI)endrein 
ist  das  Gestein  wirklich  von  porpliyrischer  Stridctur  — , für  den 
Bosenberg  etc.  trifi’t  er  nicht  zu. 

Dagegen  stehen  dem  Bosenberg-Gestein  sid^stanziell  und  der 
Lagerung  nach  und  in  vieler  Hinsicht  auch  strukturell  wieder 
uanz  nahe  die  als  lutrusivlacrer  in  den  Oberen  Cuseler 
Schichten  nahe  a m S ü d r a u d e d e s Bh e i n i s c h e n S c h i e f er- 
geh ir  ge  s in  der  Gegend  von  Birken  fei  d am  Litzel  köpfe, 
Geisberge,  Mooshübel  und  in  deren  Nachbarschaft  bei  Buhleu- 
berg,  Ellenberg,  Gollenberg  anstehenden  Gesteine,  welche 
jedoch  eine  noch  ausgesprochener  porphyritische  Tracht 
zeigen,  als  die  vorher  besprochenen  Qnergänge  von  nahezu  gleicher 
Zusammensetzung  östlich  der  Blies  zwischen  St.  Wendel  und  Cusel. 
Immerhin  ist  die  Ausbildung  der  Gruudmasse  noch  nicht  so 
feinkörnig,  als  bei  gewissen  porphyritischeu  Kandgesteinen  längs 
des  Intrusivcoutacts  des  Bosenberg- Gesteins  gegen  die  Oberen 
Cuseler  Schichten.  Die  ( pseudomorphosirten ) a ug i ti  sehen  Ein- 
sprenglinge dieser  Gesteine  sind  in  sehr  schmalen  und  im  Ver- 
hältniss  dazu  langen  Säulcheu  ausgebildet  bis  zu  3 Millimeter  Länge, 
deren  Querschnitt  ein  Rechteck  mit  gerade  abgestutzten  Ecken 
darstellt;  sowohl  diese  Formausbildung,  als  die  Gruppirnugsweise 
zusammengehänfter  Pseudomorphoseu  und  schliesslich  die  häufige 
Erfüllung  derselben  mit  Serpentin  statt  mit  Chlorit,  erinnern 
ausserordentlich  an  Pseudomorphoseu  nach  Brouzit  aus  Bron- 
zit-Porphyriten,  doch  konnten  Bronzit- Reste  oder  Schillerspath- 
Pseudomorphosen  bislang  nicht  aufgefnuden  werden.  Solcher 
Serpentin  (optisch  negativ  mit  der  Axenebene  in  der  Faseraxe)  hat 
relativ  hohe,  leuchtende  Interferenzfarben,  die  bei  günstiger  Schnitt- 
lage aus  Gelb  in  Roth  überspielen,  und  pflegt  freier  von  Carbonat- 
Einwachsnngen  zu  sein,  während  mit  der  Erfüllung  der  Psendo- 
morphosen  durch  die  matt  polarisireudeu  Chlorit-Aggregate 
sich  gern  Carbonat  einstellt.  Möglicherweise  entsprechen  die 
beiden  Umbildnngswelsen  zwei  verschiedenen  Muttermiueralien, 
Bronzit  und  Malakolith,  die  ja  in  ganz  ähnlichen  Krystallformen 
des  rhombischen  und  monoklinen  Systems  gemeinsam  auftreten. 

Wie  dem  auch  sei,  die  langgestreckte  Form  dieser 


282 


K.  A.  Lossen,  Vergleichende  Studien  über  die  Gesteine 


Pseudomorphosen , die  auch  den  zahlreichen  mikroskopischen 
Grimdmassenkryställchen  derselben  Substanz  eignet,  bringt  mit- 
sammt  den  spärlicheren,  aber  garnicht  so  seltenen  makroskopischen 
oder  mikroskopischen,  frischen  oder  chloritisirten  Biotitblättchen 
tind  leistenförmigen  Feldspathen,  welche  letztere  vor 
gedrungeneren  Formen  auffallend  zurücktreten,  die 
llhyotaxis  im  Dünnschliff  häufig  zur  Anschauung  und  dieser 
entspricht  dann  wohl  auch  die  ungefähre  Lage  der  mit  blossem 
Auge  sichtbaren  ein-  oder  zweiseitig  ausgedehnten  Einsprenglinge 
in  linear-  oder  planparalleler  Anordnung.  Quarz-Feldspath- 
Alasseu,  bald  jenen  hieroglypheuartigen  Wachsthumsformen  aus 
dem  Bosenberg-Gestein,  bald  typischem  Mikropegmatit  gleichend, 
füllen  die  Zwischenräume  zwischen  den  gestreckten  Struktur- 
elementen, setzen  aber  auch  selbständigere,  relativ  grobkörnige 
nach  der  Flussrichtuug  ausgedehnte  Gruudmasseupartieen  für  sich 
allein  zusammen  oder  erscheinen  mit  Carbonat- Pseudomorphosen 
alsUmrinduugen  haselnussgrosser  und  grösserer  Fettquarz-Massen  ^). 
Dabei  ist  auch  in  diesen  Gesteinen,  wie  in  denen  des  Bosenbergs 
oder  Spiemonts  etc.  oder  in  verwandten  Ganggesteinen  des  Mittel- 
harzes der  Uebergang  aus  der  einen  in  die  andere  pegmatophyrische 
Stridtturform  und  ihr  Zusammenhang  mit  reinen  Quarzkörnern  oder 
Orthoklaskrystallen  nachweisbar.  Dass  auch  Plagioklas  au  sol- 
chen pegmatophyrischen  Aggregaten  theilnimmt,  ist  nach  seinem 
Vorkommen  in  deutlichen  Krystallen  in  diesen  Quarz -Feldspath- 
inassen  zu  schliessen  nicht  unwahrscheinlich,  aber  zunächst  nicht 
erwiesen.  Er  tritt  im  Uebrigeu  ganz  deutlich  in  Einspreng- 
lingen, welche  3 bis  4 Millimeter  Grösse  erreichen  können,  aus  der 
Grundmasse  hervor,  häufig  sind  dieselben  schon  umgebildet,  in 

b Die  höchst  lehrreichen  Erscheinungen , welche  sich  an  diese  fraglich  als 
Einschlüsse  zu  deutenden  Massen  und  ihr  Verhältniss  zum  Eruptivgestein  knüpfen, 
müssen  Gegenstand  einer  Detailsludio  bleiben.  Nur  sei  kurz  erwähnt,  dass  in 
den  Hüllen  um  diese  Quarzmassen  gleichartig  mit  denselben  orientirte  Quarz- 
dihexaeder mit  libellenführenden  Glaseinschlüssen  in  der  Form  des  Wirths  auf- 
trelen,  zwischen  welche  sich  von  Aussen  her  Glas,  Mikrofelsit  oder  an  deren 
Stelle  ganz  unzweifelhafter  Mikropegmatit  eindrängt:  eine  Erscheinung,  welche 
für  die  geologische  Rolle  des  Mikropegmatits  recht  beachtenswerth  genannt 
werden  muss. 


des  Spienionis  und  des  Bosenbergs  bei  St.  Wendel  etc. 


283 


aiidereu  Fällen  weist  ihr  optisehes  Verhalten  auf  Oligoklas  hin. 
Aber  auch  Quarz  tritt  in  kleinen  einheitlichen,  inuner  abgerun- 
deten, nie  scharf  dihexaedrisch  begrenzten,  einsjn'cnglingsartigen 
Körnchen  spärlich,  aber  doch  mit  einer  gewissen  Kegehnässigkeit 
auf.  Sie  zeigen  jene  Umrandungen  von  Augit,  hier  in  car- 
bonatischen  oder  serpentinösen  oder  chloritischen  Pseudomorphoseu, 
die  als  Zeichen  der  Einwirkung  des  Alagmas  auf  einen  (J,uarz- 
Einschluss  oder  aber  auf  ein  frühzeitig  ausgeschiedenes  porphyrisches 
Korn  aufgefasst  zu  werden  ptlegeu,  und  führen  G 1 as  e i ns chlü  s se 
oder  entglaste  Partikel  neben  Flüssigkeitseinschlüssen. 
Auch  der  Biotit  betheili!J:t  sich  cfelea-entlich  an  diesen  aimitreichen 
Hüllen,  so  zwar,  dass  er  gleich  den  Pseudomorphosen  des  letzteren 
Alinerals  in  das  augezehrte  Quarzkorn  hineinragt.  Um  die  ein- 
seitig augitreiche  Hülle,  welche  in  tangentialer  Sclmittlage  als 
Augit-Häufchen  erscheint,  zeigt  sich  dabei  häufig  nach  Aussen 
eine  einseitig  A'orwiegend  aus  Quarz  und  Feldspath  aidgebaute, 
mit  pegmatophyrischen  Aggregaten  untermischte  Zone.  Diese 
Gesteine  mögen  Bronzit  - Porphyrit  mit  K er santit- ähn- 
licher Struktur  heissen. 

Besonderes  Interesse  behufs  vergleichender  Betrachtungen 
verdienen  dann  noch  die  Gang-Kuppen  bei  Gronig,  welche 
einem  Olivinführenden  Kersautit  - Porphyrit  angehören. 
ItOSENBUSCii  hat  in  der  ersten  Ausgabe  seiner  Alassengesteine  auf 
S.  288  u.  289  einen  Porphyrit  von  Gronig  aiitgeführt,  der  nach 
der  speciellen  Ortsangabe  »an  einer  Kuppe  auf  der  linken  Seite 
der  Blies,  S.  von  Gronig«,  nur  hierher  gehören  kann.  Er  führt 
nur  ganz  kurz  braundurchsichtige  Horn  1)1  ende  und  Magnesia- 
gl  immer  in  braunen  Tafeln  aus  dem  Gestein  an.  Erstere  habe 
ich  nicht  wieder  auftinden  können,  was  indessen  nichts  gegen 
lioSENBUSCii’s  Beobachtung  beweist,  die  Bisilicate  sind  in  diesen 
Gesteinen  aller  Erfahrung  nach  wenig  regelmässig  vertheilt  und 
oft  bis  auf  die  letzte  Spur  umgebildet;  im  Kersautit  von  Laugen- 
schwalbach  und  Markirch  war  seiner  Zeit  auch  keine  Hornblende 
bemerkt  worden  und  dennoch  fand  ich  dieselbe  darin.  Im  Gro- 
niger  Gestein  habe  ich  umgekehrt  frischen  Malakolith  aufge- 
fuudeu  in  zahlreichen  Kryställchen  in  einem  Düuuschlitle  von  der- 


284 


K.  A.  Lossen,  Vergleichende  Studien  über  die  Gesteine 


selben  Kuppe  (Analyse  «*),  welebe  Rosenbusch  citirt;  bastitisclie 
oder  richtiger,  da  Schillerspathglauz  fehlt,  serpentinöse  und  Car- 
bonat-Pseudoinorphoseu  fehlen  daneben  nicht  und  oft  liegen  die 
Aiigitkryställcheu  gruppenweise  zusammen.  Dem  blossen  Auge 
deutlich  sichtbar  treten  diese  Kryställchen  kaum  hervor,  während 
der  braune  (z.  Th.  grün  chloritisirte)  Glimmer  überall 
sichtbar  hervortritt  oder  doch  nur  ganz  local  mehr  in  die 
Gruudmasse  zurücktritt,  in  welcher  er  nirgends  fehlt  und  um  die 
grösseren  porphyrischen  Einsprenglinge  von  umgebildetem  Olivin 
tangential  geordnet  besonders  augehäuft  getroffen  wird.  Frischer 
Olivin  ist  nirgends  mehr  erkennbar,  es  ist  die  Krystallform, 
welche  die  Pseudoinorphoseu  als  diesem  Mineral  augehörig  er- 
kennen lässt;  meistens  sind  die  Olivine  in  Carbonat  umgewandelt, 
in  dem  Steinbruche,  nordöstlich  vom  Dorfe  Gronig,  dagegen  in 
ein  strahlig  wirrfaseriges  Aggregat,  das  grünlich,  wie  Serpentin 
aussieht  oder  wie  Chlorophaeit,  ähnlich  diesen  Substanzen  in  leuch- 
tenden Interferenzfarben  polarisirt  und  an  luterferenzkreuzcheu 
sphärolithisch  geordneter  Blättchen  optisch  positiven  Charakter  zu 
erkennen  giebt,  was  recht  gut  mit  dem  Chlorophaeit  vom 
Hockenberge  bei  Neurode  stimmt.  Kleine  octaedrische  Kryställ- 
cheu  eines  Minerals  der  Magnetit -Spinell -Gruppe  liegen  sowohl 
in  diesen  als  in  den  Carbonat -Pseudoinorphoseu  nach  Olivin. 
Im  Uebrigeu  enthält  das  Gestein  sowohl  Titaneisenerz,  als 
Magnetit.  Auch  der  Apatit  fehlt  nicht.  Feldspath  ist  so- 
wohl in  Leisten  von  divergeutstrahliger  bis  rhyotaxitischer  An- 
ordnung vorhanden,  als  auch  in  breiteren  Krystalloiden, 
welche  vor  den  Leistschnitten  vorherrschen  können  und  auf  be- 
schränkterem Kaum  in  eine  F üllniasse  von  Feldspath  oder  in  eine 
Quarz-Feldspath-Zwischenmasse  übergehen.  Die  Leisten 
lassen  sich  als  ein  kalkreicherer  Plagioklas  au  der  Aus- 
löschuugsschiefe  ihrer  Zwillingslamelleu  erkennen,  breitere  ver- 
zwillingte  Plagioklase  treten  spärlich  wohl  auch  einmal  aus  der 
Grundmasse  etwas  mehr  sichtlich  porphyrisch  hervor.  Der  der 
Hauptsache  nach  wohl  als  Orthoklas  anzusprechende  uulamellirte 
Feldspath  der  breiteren  Krystalloide  oder  der  Füllmasse  zwischen 
den  anderen  hineiurageuden  Gemeugtheilen  tritt  für  sich  allein 


des  Spienionts  und  dos  Bosenbergs  bei  St.  Wendel  etc. 


285 


oder  mit  wasserklarem  Quarz  gepaart  auf  iu  gauz  älmlicdier 
Weise,  wie  bei  dem  Gestein  des  Boseubergs;  nur  scheint  hier 
der  Quarz  mehr  zurückzutreteu , grössere  einheitliche  Quarz- 
körnchen  fallen  nicht  auf  und  die  iu  einander  verschräukteu 
Verwachsungen  von  Quarz  und  Feldspath  in  regelmässiger  Aus- 
bilduugsweise  kommen  seltener  vor  (Mosaik).  — In  dem  Ge- 
stein aus  dem  Bruche  im  NO.  von  Gronig  scheint  neben  den 
deutlich  auskrystallisirteu  Gruiidmassenelementen  iu  geringen 
Mengen  Basis  anwesend  zu  sein;  dasselbe  Gestein  zeigt  ver- 
einzelte grössere  Mandeln,  welche  mit  Carl)onat  erfüllt  sind  und 
Nussgrösse  übersteigen.  — Noch  andere  K ersantit  - Por- 
phyrite,  welche  durch  ihren  Gehalt  au  Qu  arz- E 1 n s pro  u g- 
liugen  mit  G 1 asei n s chlü s s e ii  und  mit  Au git-U m h ü 1 1 u n - 
gen  ihre  Verwandtschaft  mit  den  Gesteinen  vom  Litzelkopf  und 
Geisherg  hei  Birkenfeld  bekunden,  andererseits  aber  auch  mit  ge- 
wissen zur  Porphyritstruktur  neigenden  Olivin-Melaphyreu  (Olivin- 
AV'^eiselhergiten  nach  Rosknbusch’s  Namengebung),  kommen  weiter 
gegen  NO.  zwischen  Vollmershach  und  Regulshausen  und 
hei  dem  erste  ren  Dorfe  seihst  auf  Blatt  Oberste  in  vor. 
In  diesen  letzteren  Vorkommen  ist  Olivin  oder  vielmehr  sind 
Pseudomorphosen  nach  demselben  nur  ganz  spärlich  odei’  gar  nicht 
vorhanden;  der  Augit,  soweit  frisch  erhalten,  ist  abermals  Malako- 
lith  oder  PAssait,  der  Biotit  tritt  als  porphyrischer  Einsprengling 
sichtlich  hervor. 

Aus  dem,  was  wir  nach  den  vorstehenden  Mittheilungen 
wissen  (die  sich  allerdings  nicht  auf  ein  so  umfaugreiches  Ma- 
terial, als  au  und  für  sich  erwünscht  wäre,  immerhin  al)er  wohl 
auf  ein  umfangreicheres,  als  das  von  anderer  Seite  bislang  benutzte, 
stützen),  geht  hinreichend  die  nahe  Verwandtschaft  aller  der  aus 
der  Gegend  von  St.- Wendel,  Ottweiler  und  Birkenfeld  darin  be- 
sprochenen Gesteinstypen  hervor,  abgesehen  von  den  beiden 
Quergängen,  die  zwischen  Osterbrückeu  und  Selchenbach  durch- 
streichen und  als  (olivinfreier  ^)  Meso-Basalt  ihre  nächsten  Ver- 
wandten unter  den  Melaphyren  der  Dachgesteiuszoue  des  Greuz- 

*)  Olivinfrei,  soweit  die  untersuchten  Proben  reichen,  anderweitig  fehlt  der 
Olivin-  oder  auch  der  Bronzit- Gehalt  neben  dem  Augit  nicht. 


286 


K.  A.  Lossen,  Vergleichende  Studien  über  die  Gesteine 


lagei’s  und  unter  den  meist  intrusiven  Palatiniten  und  Tholeyiteu 
besitzen.  Alle  anderen  Gesteine  mit  einer  Ausnahme ‘^)  gehören 
für  unsere  Auflassung  in  diejenige  Reihe  mehr  oder  weniger 
deutlich  feiustrahligkörniger  bis  feinstrahligkörnig-porphyrischer 
Porphyrite,  die  man  als  vermittelnde  Glieder  zwischen  den 
Dioriten,  als  ausgesprochenen  Eugraniten,  und  den  Porphyriteu 
im  engeren  strukturellen  Sinne  des  Wortes,  als  ausgesprochenen 
Rhyotaxiteu  , D iorit  - Po  rph yri  te  , bezw.  Quarzdioritpor- 


b Hier  mag  ein  Versehen  in  Rosenbusch’s  2.  Auflage  der  Massigen  Gesteine 
bericliligt  werden.  Von  den  Olivin-Tholeyiten  heisst  es  S.  515  daselbst:  »Dieser 
Typus  hat  im  Saar-Nahe-Gebiet  eine  sehr  grosse,  nach  Lossen’s  Untersuchung 
wesentlich  der  Dachzone  des  Grenzlagers  angehörige  Verbreitung«.  Alsdann 
werden  einige  Fundorte  aufgeführt  als  Beispiele,  12  im  Ganzen,  von  welchen 
indessen  nur  einer,  Erzweiler,  dem  eigentlichen  Grenzlager  in  seiner  uns  ge- 
läufigen Ausdehnung  und  möglicherweise,  was  ich  dahin  ge.stellt  lassen  muss, 
der  Dachzone  desselben  angehört.  Zwei  weitere,  das  Vorkommen  10  Minuten 
S.  von  Brauushausen  und  das  6 Minuten  N.  von  Selbach  (nicht  »Salbach«), 
liegen  in  jener  südwestlichen  Fortsetzung  des  Grenzlagers,  die  sich  von  der 
oberen  Nahe  nach  der  Prims  erstreckt  und  die  fast  ganz  ausschliesslich  aus 
Melaphyr-Gesteinen  besteht,  wie  sie  im  Hauptgrenzlager  erst  in  der  Dachzono 
entwickelt  zu  sein  pflegen.  Diese  Gesteine  sind  der  Hauptsache  nach  aber, 
wie  dies  der  Vergleich  meiner  Beschreibung  (dieses  Jahrbuch  für  1883  S.  XXX 
ff.)  mit  den  1887  von  Rosenbusch  aufgestellten  Melaphyr-Typen  ergiebt,  »Navite« 
und  »Olivin-Weiselbergite«;  »Olivin-Tholeyite«  fehlen  darunter  nicht  ganz  und 
sind  zumal  strichweise  ausgebildet,  wie  in  jener  Gegend  des  Wasserscheidegebiets 
zwischen  Nahe  und  Prims,  der  die  obengenannten  beiden  Fundpunkte  angehören; 
im  eigentlichen  Grenzlager  treten  sie  jedenfalls  sehr  zurück.  Die  Tholeyite 
und  Olivin-Tholeyite,  die  man  kartographisch  weder  von  einander,  noch 
auch  von  den  basisfreien  Meso-Diabasen  (Palatiniten)  und  Meso-Olivindiabasen 
trennen  kann,  sind  ihrer  Hauptverbreitung  nach  vielmehr  intrusive 
Lager-  und  Stockmassen  in  den  Oberen  Cuseler,  den  Lebacher  und 
Tboloyer  Schichten  unterhalb  den  normal  zwischen  den  Söterner  Schichten 
eingeschalteten  Ergussdecken  des  Grenzlagers.  So  gehören  denn  auch 
9 von  den  12  von  Rosenbusch  angezogenen  Fundpunkten  solchen  Intrusivmassen 
an  und  zwar  mit  einer  Ausnahme,  S.  von  Odernheim  (nicht  »Obernheim«)  und 
W.  vom  Bauwald,  aus  der  Umgebung  von  St.  Wendel  und  des  benachbarten 
Sebaumberges  bei  Tholey.  — Beiläufig  sei  noch  bemerkt,  dass  das  Molaphyr- 
Gestein,  w'elches  in  der  1.  und  2.  Auflage  der  Massengestoine  unter  »Kreuznach« 
erwähnt  wird,  von  einem  anderen  Fundpunkt  stammen  muss,  weil  Melaphyr  dort 
ganz  fehlt. 

2)  Ueber  den  Winterbacher  Gang  vergl.  weiter  unten  S.  292,  S.  312  f.,  so- 
wie schon  oben  S.  271  ff. 


des  Spiemonts  und  des  Bosenbergs  bei  St.  Wendel  etc. 


287 


pliyrite  zu  neimen  pflegt.  Wenn  wir  trotz  des  neben  dein 
vorwaltenden  Plagioklas  herrschenden  Augit- Gehalts  nicht  von 
Diabas -Porphyriten  reden  oder,  soweit  die  mehr  feinkörnigen, 
bezw.  körnigstrahligen,  als  porphyrischen  Gesteine  des  Bosenbergs, 
Spiemonts  n.  s.  w.  in  Betracht  kommen,  von  » Quarzdiabasen  « ^), 
so  steht  einer  solchen  Ausdrucksweise  nicht  nur  die  dem  Kersantit 
nahestehende  Struktur  der  Gesteine  entgegen,  sondern  überdies  ihre 
chemische  Durchschnittszusammensetzung  und  das  procentische  Ver- 
hältniss  von  Erz,  Bisilicat  und  Glimmer  gegenüber  den  Feldspath- 
und Quarzprocenten,  ihr  constauter  Gehalt  an  Kalifeldspath  und 
ihr  gelegentliches  Uebergehen  in  Syenit- Porphyre  (Winterliacher 
Gang),  endlich  ihr  geologischer  Zusammenhang  mit  noch  alkali- 
nnd  auch  kieselsäurereicheren  Gesteinen. 

Was  den  bisher  noch  nicht  erörterten  letzteren  Punkt  an- 
langt,  so  hat  Rosenbuscii  selbst  bereits  den  Zusammenhang 
der  Gesteine  vom  Remigiusberg  bei  Cusel  mit  den  Ge- 
steinen vom  Spiemont  und  Bosenberg  dahin  ausgedrückt, 
die  ersteren  (»Cuselite«)  seien  »vielleicht  die  porphyrische 
Form  der  hypidiomorph  körnigen  Icukophyrischen  Gesteine  des 
Spiemont«  (Massengest.  2.  Aull.,  S.  503).  In  der  That  ist  allem 
Anschein  nach,  wenu  ich  Leppba’s  eingehende  Untersuchungen 
über  das  Gestein  vom  Remigiusberg  und  die  eigenen  Beobach- 
tungen an  den  durch  Weiss  und  Laspeybes  und  meinerseits  ü;e- 
sammelten  Gesteinen  aus  der  Gegend  zwischen  Wolfstein  mul 
St.  Wendel  (Remigiusberg,  Potschberg,  Blaubach,  Diedelkopf  bei 
Cusel  etc.)  meinem  Urtheil  zu  Grund  lege,  ein  wesentlicher  Unter- 
schied zwischen  den  Gesteinen  bei  St.  Wendel  und  bei  Cusel-Wolf- 
stein  nicht  zu  finden.  Die  ersteren  sind  eben  keine  hypidiomorph- 
körnigen  Leukophyre  im  Sinne  der  leidtophyrischen  Diabase.  Die 
leitende  »diabasisch -körnige«,  »divergentstrahlig- körnige«  oder 
»ophitische«  Strnktur,  wonach  man  Diabase  auch  wohl  kurz 
als  modificirte  Dolerite  (Typus  Meissner)  mit  abweichend 
voll-  und  deutlichkrystallinische  r Mesostasis  (Krystalli- 
sationsrest- Masse)  von  vorwiegend  augitischer  Natur  be- 


0 Vergl.  weiter  unten  S.  294,  Anm.  ^). 


288 


K.  A.  Lossen,  Vergleichende  Studien  über  die  Gesteine 


zeichnen  kann^),  fehlt  ihnen  (wenn  auch  Anklänge  nicht 
mangeln)  als  herrschende  Leitstrnktur,  die  Augite  sind 
vielmehr  grosseutheils  automorph  (oder  idiomorph  Rosen- 
busch),  d.  h.  krystallographisch  selbständig  begrenzt,  und 
der  letzte  Krystallisationsrest  ist  der  Hauptsache  nach 
Quarz  und  Orthoklas,  z.  Th.  deutlicher  Mikropegmatit. 
Die  Striditnr  der  Gesteine  des  Spiemonts  und  Bosenbergs  ist  also 
zwar  keine  rein  krystallkörnige  (panidiomorph-körnige  Rosen- 
ituscii),  d.  h.  aus  wohlbegrenzteu  Krystallkörnern  und  -Ijeisten 
anfgebaute,  weil  auch  Uebergänge  in  die  Strukturen  der  weniger 
typischen,  quarzhaltigen  Diabase  nicht  fehlen,  aber  doch  viel  eher 
Kersantit-Struktur,  als  Diabas-Struktur. 

D ie  Struktur  der  Hauptmasse  des  Gesteins  vom  Remi- 
giusberg ist  die  eines  mikroskopisch  noch  etwas  vollkommener 
krystallkörnigen  (pauidiomorph-körnigen)  Grnndmassengesteins  mit 
Quarz-  oder  Quarzfeldspath- Restzwickelchen  zwischen  den  vor- 
herrschenden Feldspath- Leisten,  langgestreckten  Plagioklas-  und 
kürzer  gedrungenen  Orthoklas  - Leisten ; zahlreiche  porphyrische 
LinspreugTinge  von  Plagioklas  bis  zu  3 Millimeter  Grösse 
finden  sich  in  der  Gruudmasse  ausgeschieden,  während  der  theils 
selbstständig  begrenzte,  theils,  aber  seltener,  zwischen  den  Grund- 
masseiifeldspath  eiugeschlossene  wasserhell  durchsichtige  Mala- 
kolith  sich  meistens  nicht  bis  zu  einer  mit  blossem  Auge  oder  der 
Lupe  deutlich  sichtbaren  Grösse  erhebt,  ebensowenig  als  Biotit 
und  Hör  üble  ude  (Amphibol);  letztere  kann  ich  in  einem 
Präparat  eines  sehr  frischen,  von  E.  Weiss  gesammelten  grauen 
Handstücks  nach  äusserer,  z.  Th.  in  der  Säuleuzoue  wohlbegreuzter 
Form,  wie  nach  dem  Verbandverhältniss  mit  Quarz  und  Feld- 
spath gleich  dem  braunen  Glimmer  und  den  sauren  Zwickelmasseu 
nur  für  primär 2)  anseheu;  im  Maximum  der  farbigen  Absorption 


b Vergl.  weiter  unten  S.  300,  sowie  ZeitscLr.  d.  Deutsch.  Geol.  Gesellsch. 
Bd.  XXXVIII,  Jahrg.  1886,  S.  926  Aura.'). 

-)  Das  scbliesst  selbstverständlich  das  Vorhommen  von  Uralit-Hornblende 
als  secundärer  Pseudomorphosenfüllung  nach  Augit,  wie  Leppla  beobachtet  hat, 
nicht  aus;  er  sah  aber  selbst  auch  primäre  Hornblende.  Auch  ist  secundärer 
Quarz  nicht  ausgeschlossen  neben  primärem. 


des  Spiemonts  und  des  Bosenbergs  bei  St.  Wendel  etc. 


289 


ist  diese  Hornblende  bräunlicligrün.  Es  sind  also  aneb  hier 
wieder  alle  die  für  den  Kersantit  charakteristisclieu  Mineralien 
in  einer,  besonders  durch  die  Plagioklas- Einsprenglinge  etwas 
niodificirten  Kersantit-Struktnr  beisammen,  nur  tritt  abermals  der 
für  Lamprophyre  überhaupt  und  den  Kersantit  speciell  charak- 
teristische Biotit  in  die  Grundmasse  zurück  und  proceutisch  wenig 
hervor.  In  anderen  hierbergehörigen  Vorkommen,  Blaubach  z.  B., 
erreichen  auch  die  Augit-Pseudomorphosen  die  Grösse  deutlich 
sichtbarer  Einsprenglinge.  Hier,  wie  am  Potschberg  fehlt  aueb 
das  Carbonat  nicht.  Auch  vereinzelte  Zirkou-Kryställchen 
nimmt  man  im  Gestein  des  Potschbergs  wahr.  Die  Umwandlung 
des  neben  etwas  Magnetit  spärlicher,  als  im  Bosenberg-  und 
Spiemont-Typus  vorhandenen  Titaneisenerzes  zu  Sphen  ist  in 
allen  diesen  Gesteinen  in  sehr  deutlicher  Weise  zu  erkennen. 
Apatit  fehlt  nicht. 

Die  Analyse  der  frischesten  Gesteinsvarietät  vom  Remigius- 
berg (q)  nach  Leppla  (E.  v.  Schneider)  und  diejenige  desselben 
Gesteins  nach  Laspeyres  (r),  verglichen  mit  den  in  der  umstehenden 
Tabelle  enthaltenen  Analysen  des  Bosenberg-Gesteins  (q*)  und  des 
Gesteins  vom  Steinhübel  zwischen  Hoof  und  Osterbrücken  (l*)-, 
ergeben  keinen  erheblichen  Unterschied ; nur  ist  das  mehr  körnige 
Bosenbei’g-Gestein  sichtlich  reicher  an  titansäurehaltigem  Eisenerz, 
liezw.  dessen  Umwaudlungsprodukteu,  das  gilt  aber  auch  schon 
von  dem  porphyrartigen  Gestein  (/*),  das  im  Uebrigeu  mit  dem 
Crestein  der  Blaubach  nahezu  übereinstimmt;  charakteristisch  für 
sämmtliche  Gesteine  bleibt  der  relativ  hohe  Magnesia-Gehalt  im 
Verhältniss  zum  relativ  niedrigen  Kalkgehalt.  Mit  dem  mikro- 
skopischeu  Befund  und  mit  dem  hohen  Wassergehalt  zusammen 
spricht  dieser  Umstand  für  Verlust  au  Kalkerde  durch  Umbildung 
der  Bisilicate  zu  einem  Chlorit,  aber  darüber  hinaus  wird  man 
einen  von  Haus  aus  magnesiareichen  Malakolith  oder  Fassait^) 

b Monokline  Augite  mit  relativ  hohem  Magnesia-  und  Eisen-Gehalt,  be- 
ziehungsweise relativ  niedrigem  Kalkgehalt  sind  die  irrthnmlich  von  Merian  als 
typi.sche  Diabasaugite  betrachteten,  ferner  der  Angit  des  Whin  Sill,  den  Teali. 
untersucht  hat,  vergl.  Neues  Jahrbuch  für  Min.  etc.  Beilageband  ITI,  S.  289  und 
daselbst  1885,  Band  II,  S.  84 — 85;  vergl.  auch  Anra.b  S.  2G4  dieser  Abhandlung. 

19 


Jahrbuch  188P. 


SiOs  . . . 58,02  58,54  57,12  57,28  57,69  58,06  59,94  56,23  59,32  57,64 


290 


K.  A.  Lossen,  Vergleichende  Studien  üher  die  Gesteine 


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;.  Laspeyp.es.  Jacobs.  Hesse.  Böttcheb.  Böttcher.  Gremse.  Gremse.  Gremse.  Steffen. 


des  Spiemonts  und  des  Bosenbergs  bei  St.  Wendel  etc. 


291 


vernintlien  dürfen,  denn  solche  Magnesia -Wertlie  stellen  sieh  in 
porphyritischen  Gesteinen  mit  angitischein  Geinengtheil  sonst  in 
der  Regel  nur  bei  hronzithaltigen  Porphyriten  ein ; rhombischer 
Angit  ist  indessen  bislang  nirgends  frisch  sicher  nachgewiesen, 
Biotit  und  Hornblende  mochten  den  Magnesia-Gehalt  auch,  aber 
ihrer  geringen  procentischen  Menge  zufolge  doch  nur  weniger 
mitbedingen. 

Zum  weiteren  Vergleich  sind  Analysen  l)eigesellt,  die  zunächst 
sich  auf  echte  lavenartig  ergossene  Porphyrit-Gesteine 
aus  dem  Saar-Nahe-Gebiet  beziehen,  und  zwar:  die  Analyse 
eines  auf  der  NW. -Seite  des  Peterberg’s  bei  Brauns- 
hausen zwischen  dem  Oberen  Thonstein  Grebe’s  und  den  Wa- 
derner  Schichten  noch  im  Hangenden  des  Eruptivgrenzlagers 
lagernden  Bastit  (Bronzit)  - Porphyr  it  - Erg  u sses  nach 
Böttcher  (s*),  ferner  die  Analyse  des  Bronzit-Porphyrit- 
Pechsteins  aus  der  Mittelzone  des  Eruptivgrenz  lagers 
oberhalb  der  Eisenbahnstation  Kronweiler  zwischen 
Oberstein  und  Birkenfeld  nach  Böttcher  (r),  die  eines  alkali- 
reichen  Porphyrits  mit  Pseudomorphosen  nach  einem 
iVugit-Mineral  aus  derselben  Mittelzone  im  Fischbach- 
thale,  Gerach  gegenüber,  nach  Gremse  (m*)  und  endlich  die 
eines  Meso  - Keratophyrs  mit  denselben  Pseudomor- 
phosen nach  einem  Augit-Mineral,  der  bei  der  Nam- 
borner  Mühle  über  dem  groben  Porphyr-Conglomerat  (Grebe’s 
Unterer  Thonstein- Horizont)  vicariirend  für  den  Bastit- 
Porphyrit  der  Mittelzone  des  Grenzlagers  eintritt, 
nach  Gremse  (c*).  Schliesslich  ermöglichen  die  Analysen 
zweier  Harzgestein  e eine  weitere  Ausdehnung  des  Vergleichs, 
und  zwar  betrifft  die  von  Gremse  ausgefidirte  Analyse  (tv*)  einen 
dem  Bosenberg-Gestein  sehr  nahe  verwandten,  nur  etwas  kiesel- 


9 Bei  der  Station  Namborn  steht  Bastit-Porphyrit  an,  der  ebenfalls  im 
Laboratorium  der  Kgl.  Bergakademie  analysirt  worden  ist  durch  Herrn  Jacobs 
und  dessen  Zusammensetzung  (ri*)  SiOo  56,32;  Ti02  (ZrO-j)  1,11;  ALOs  15,83; 
Fe2  03  8,04;  FeO  0,24;  MgO  4,19;  CaO  5,19;  NasO  2,90;  K2O  2,25;  H2O  3,43; 
P2O5  0,217;  CO2  0,12;  SO3  0,14  = 99,97  bei  einem  Volumen-Gewicht  von  2,673 
mit  Analyse  s recht  gut  übereinstimmt. 


19 


292 


K.  A.  Lossen,  Vergleichende  Stadien  über  die  Gesteine 


säure-,  kalk-  imd  eisenreichern  und  kali-  und  magnesiaärineren 
pegmatopbyrischeu  Quarz-Augitdioritporphyrit  aus  dem 
mittelharzer  postculmischeu,  frühestens  spätcarbonischen  Eruptiv- 
gangspalteusystem,  der  die  Mitte  einer  der  breiteren  Gang- 
spalten im  Iberger  Kalk^)  des  Bielstein’s  an  der  Bode 
oberhalb  Iv  übel  and  erfüllt;  die  von  Steffen  ausgeführte  Ana- 
lyse (.!■*)  dagegen  bezieht  sich  auf  einen  Eugranit  des  Ost- 
randes der  Brocken  - Gruppe  von  verwandter  Mischung, 
den  Q u a r z - A u g i t - B i o t i t - D i o r i t oder  A u g i t - T o n a 1 i t 
zwischen  P o r s t h a u s II  ohne  u n d D u m k u h 1 e n k o p f a u s 
dem  Forstorte  Oie  Padde. 

Die  vier  Analysen  aus  den  Ergussdecken  des  Grenz- 
lagers u.  s.  w.  zeigen,  dass  die  augitischen  Porphyrite  der  Mittel- 
zone dieser  allergrössten  Eruptivgesteinsausbreitung  an  der  Nahe 
(f'‘,  V*)  und  verwandte  Vorkommen  im  Prims-Gebiete  (V)  ganz 

ähnlich  zusammengesetzt  sind,  wie  die  augitischen  Diorit-Porphyrite 
der  Intrusivlager  und  Quergänge;  sind  dieselben  auch  meistens 
kalkreicher,  wie  namentlich  aus  der  Analyse  des  am  wenigsten 
veränderten  pechsteiuartigen  Bronzit-Porphyrits  (fQ,  sowie  aus 
noch  anderen  hier  in  dieser  Talielle  nicht  abgedruckten  Analysen^) 
hervorgeht,  so  fehlen  doch  auch  andererseits  alkalireichere  und 
kalkärniere  Typen  (?P)  nicht  und  der  Meso-Kerato]-)hyr  von 
Namborn  (c*),  der  durch  einfache  oder  nach  dem  Karlsbader 
Gesetz  binär  oder  auch  repetirt  verzwilliugte  Orthoklase  mit 
mikroperthitischer  sehr  feinfaseriger  Struktur  und 
schwarzgrüne  Serpeutin-Pseudomorphosen  nach  Bron- 
zit  oder  Augit  porphy risch  nud  dabei  bas is haltig  und  auch 
etwas  m and  eiste  in  artig  entwickelt  ist,  lässt  ganz  deutlich  das 
örtliche  IT  iu  üb  erspielen  in  die  Orthophyr-KeiheQ  erkemieu, 
ganz  so  wie  der  S y e n i t - P o r p h y r d es  W i u t e r b a c h e r Ganges 
unter  den  dioritporphyritischen  Intrusivlager-  und  Gaugmassen. 

')  Längs  des  verdichteten  Salbandes  des  Ganges  ist  der  Oberdevonkalk 
lichter  und  körniger  Marmor  geworden,  der  jedoch  noch  die  Umrisse  der  Korallen 
erkennen  lässt. 

Vergl.  al)er  die  Analyse  i’i*  Anm.  '),  S.  291,  sowie  Analyse  y*  auf  S.  293. 

Ueber  andere  locale  Vorkommen  von  Augit- Orthophyren  vergl.  weiter 
unten  S.  313. 


des  Spiemonts  und  des  Bosenbergs  bei  St.  Wendel  etc. 


293 


Der  ausgezeichnet  pegmatophyrische  Qtiarz-Augitdio- 
ritporphy  rit  aus  dem  mittelharz  er  Eruptivgang- 

spaltensystem (w*),  der,  obzwar  etwas  alkali-  und  namentlich 
kali-  und  magiiesiaärmer,  etwas  kalk-,  eisen-  und  kieselsäurereicher, 
als  das  Boseuherg-Gestein,  der  Hauptsache  nach  zu  demselben  diorit- 
porphyritischen  Typus  zählt,  hat  wiederum  andererseits  fast  genau 
dieselbe  chemische  Durchschnittszusammensetzung  wie  der  varioli- 
tische  A u g i t p o r p h y r i t aus  der  M i 1 1 e 1 z o n e des  Eruptiv- 
greuzlagers  von  Niederbrom  hach  bei  Oberstein  (y*),  der 
dasell^st  zusammen  vorkommt  mit  Angit-Pechsteinporphyrit,  ähnlich 
dem  Bronzit-Pechsteinporphyrit  von  Kronweiler  (t*),  und  von 
Böttcheu  analysirt  ist.  Demselben  Analytiker  verdanken  wir  auch 
die  Anadyse  (s*)  des  Hysterol)as  vom  Garkenholze  bei 
Kübelaud,  die  ich  schon  an  anderer  Stelle  neben  der  eines 
malakolithhaltigen  submikropegmatitischen  porphyrartigen  Grani- 
tits  vom  Meiueckenberg  aus  der  Brockengrnppe  veröffentlicht 
habe  (Zeitschr.  d.  Deutsch.  Geol.  Ges.  Bd.  XL.  1888,  S.  204). 


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Si02  . . . . 

59,32 

59,60 

49,03 

Ti02(Zr0.2)  . . 

1,04 

1,12 

2,06 

■^laO;^  . . . . 

13,33 

14,30 

12,63 

EesOs  . . . . 

1,36 

1,49 

3,68 

EeO  . . . . 

7,32 

6,43 

10,94 

MgO  . . . . 

1,79 

1,49 

1,64 

CaO 

4,37 

4,54 

7,76 

Na20  . . . . 

2,58 

2,90 

2,33 

K2O 

2,30 

1,84 

2,40 

H2O 

3,34 

4,63 

3,42 

P2O5  . . . . 

0,18 

0,24 

0,54 

CO2 

2,91 

2,02 

3,45 

SO3 

0,14 

0,19 

0,51 

Organ.  Subst. 

0,02 

0,02 

— 

Summe : 

100,00 

100,81 

100,39 

Vol.  Gew.  . . . 

2,736 

2,646 

2,82 

Grejise. 

Böttcher. 

Böttcher 

')  Auf  der  Geognostischen  Uebersiclitskarte  des  Harzes  findet  man  diesen 
Gang  nebst  verwandten  und  dem  Hysterobas  noch  als  »Gangmelaphyr«  verzeichnet; 
vergl.  jedoch  Zeitsehr.  der  Deutsch.  Geol.  Ges.  18S3,  Bd.  XXXV,  S.  212,  Anm.  *)■ 
Dieser  Gang  speciell  war  F.  A.  Roemek  und  Streng  noch  nicht  bekannt. 


294 


K.  A.  Lossen,  Vergleicliende  Studien  über  die  Gesteine 


Damals  galt  es  mir  zu  zeigen,  dass  Augit  und  Mikro- 
pegmatit  zusammen  in  Gesteinen  von  sehr  verschie- 
denem Kieselsäuregehalt,  in  gr anitischen,  wie  in  dia- 
basischen  Gesteinen  (von  74,97  bis  zu  49,03  pCt.  SiOo) 
gefunden  werden.  Aus  dem  seither  erschienenen,  durch  seinen 
Keichthum  au  Analysen,  nicht  nur  au  mikroskopischen,  sondern 
auch  an  fpiautitativeu  chemischen,  ausgezeichneten  und  überdies 
mit  ganz  vortrefflichen  Abbildungen  der  Dünnschliftpräparate  ausge- 
statteten Werke  Teall’s  »British  Petrography«  können  ganz 
ähnliche  Beispiele  beigebracht  werden  : man  vergleiche  z.  B.  den 
Augit-Granophyr  (Augit-Pegmatophyr)  von  Mull  auf  Taf.  XXXIII, 
Fig.  1,  S.  327  mit  dem  grobkörnigen  Gestein  des  Whin  Sill  von 
Cauldrou  Suout  (Hysterobas  mit  51,22  pCt.  SiÜ2  und  Alikro- 
pegmatit  - Zwickelcheii)  S.  207  — 209  ^),  dessen  eigenthümlicher 
nach  100  (oo  P go)  verzwilliugter  und  nach  001  (oP)  diallagartig 
blätternder  Augit  in  den  mittelharzer  Gängen,  z.  B.  von  der  Zu- 
sammensetzung des  Gesteins  wiederkehrt  und  bei  niedrigem 
Kalk-,  aber  relativ  hohem  Eisengehalt  ganz  ersichtlich  kein 
typischer  Diabas -Augit  ist,  wie  ihn  O.  Schilling  aus 
Hausmann’s  Normal -Diabasen  analysirt  hat'^). 

Gleichwohl  unterscheidet  sich  dieser  p egmatophy rische 
Quarz- Augitdioritporphyrit  von  Rübelaud,  den  wir  nach  seiner 
chemischen  Zusammensetzung  und  seinem  hauptsächlichen  Mineral- 
bestaud  mit  dem  variolitischen  Augit-Porphyrit  von  Niederbrombach 
vergleichen  konnten,  von  jenen  Mikropegmatit  und  Quarz  führenden-'^) 


9 Bezüglich  der  höchst  lehi’reichen  Abhandlung  Teael’s  über  das  lagergang- 
förmig auftretende,  im  Uebrigen  unseren  Hysterobas-Quergängen  zunächst  ver- 
gleichbare Whin  Sill- Gestein  vergl.  auch  mein  Koferat  im  Neuen  Jahrb.  f.  Mineral. 
1885,  Bd.  II,  S.  81  ff. 

9 Vergl.  Anm.  2 auf  S.  264  dieser  Abhdl. 

Ich  kann  mich  nicht  entschliessen,  »Quarzdiabas«  zu  sagen.  Die  wesent- 
liche Rolle,  welche  der  Quarz  oder  Kieselsäureüberschuss  im  Quarzporphyr  und 
Quarzporphyrit,  im  Quarztrachyt  und  Dacit  spielt,  trägt  er  in  diesen  Diabasen  sicht- 
lich nicht.  E.  Dathe,  der  in  seiner  sehr  verdienstlichen  Abhandlung  über  Diabase 
den  Begriff  Quarzdiabas  gebildet  hat,  hat  denselben  doch  nicht  durch  eine  einzige 
quantitative  Analyse  gesichert.  Da  ich  den  Begriff  Augitporphyrit  als  chemisches 


des  Spienionts  und  des  Bosenbergs  bei  St.  Wendel  etc. 


295 


Diabasen  (Meso-Diabasen)  Englands  und  des  Harzes  durch  einen 
rund  lOpCt.  höheren  Kieselsäuregehalt  und  eine  dementsprechende 
sonstige  verschiedene  Durchschnittsiniscliung:  eine  weitere  Bestäti- 
gung des  Vorkommens  von  Mikropcgmatit  neben  Augit  in  Gesteinen 
von  sehr  verschiedenem  Kieselsäuregehalt.  Legt  man  kein  allzu  hohes 
Gewicht  auf  den  Umstand,  ob  ein  rhondjisches  Glied  der  Augit- 
Keihe  an  Stelle  oder  neben  dem  monoklinen  anwesend  ist,  so  ist 
nach  Teall’s  Abbildung  und  Beschreibung  und  nach  Phillips’ 
und  Waller’s  Analysen  das  als,  z.  Th.  pegmatophyrischer,  Quarz- 
Bronzitdioritporphyrit  zu  bezeichnende  Gestein  von  Penniaenuiawr^), 
wenn  auch  nicht  dem  Alter,  so  doch  seiner  Natur  nach  mit  dem 
dioritporphyritischeu  Ganggestein  aus  dem  Oberdevonkalk  des 
Bielstein  bei  Kübelaud  vergleichbar.  Teall  selbst  giebt  an^),  er 
habe  das  Gestein  aus  Wales  früher  Brouzit-Diabas  genannt,  ziehe 
aber  heute  in  Anbetracht  seiner  Grundmischung  (58,45  — 65,1  pCt. 
SiOo)  vor,  den  Namen  Diabas  gegen  Diorit  umzutauschen,  was 
mir  zu  aufrichtiger  Befriedigung  gereicht.  Der  Umstand,  dass 
Teall  diesen  Bronzitdioritporphyrit  mit  Teller  und  v.  Joiin’s 
»Quarz-Norit«  von  Klausen  vergleicht,  also  denselben  Vergleich 
hier  anwendet,  welchen  Rosenbuscm  seinerseits  für  die  dem  Biel- 
steiner Gang  nächstverwaudten  mittelharzer  Bronzit-haltigen  Augit- 
porphyrite  von  Elbingerode,  Wernigerode  und  llübeland  in  ihrer 

Acquivalent  von  Augitanclesit  einerseits  und  Augitdiorit  andererseits  zu  gebrauchen 
vorgesclilagen  habe  (vergl.  Zeitschr.  d.  Deutsch.  Geol.  Ges.,  Bd.  XXXV,  1883, 
S.  212),  die  Begriffe  Diabasporphyr(it)  und  Diabas  dagegen  als  Aecpnvalente  von 
Melaphyr,  Basalt  und  Gabbro,  so  gehören  danach  Gesteine  mit  vor  herrschen  dem 
Plagioklas- Gehalt,  welche  daneben  oft  Orthoklas  und  Quarz  führen,  trotz  eines 
allein  oder  mit  Biotit  und  Hornblende  boibrechenden  Augit- Gehalts  (gleich- 
viel ob  von  monoklinem  oder  rhombischem  Augit),  Gesteine  also,  die  demnach 
auch  Kieselsäureprocente  durchschn  ittlich  über  55  pCt.  SiOs  zu  besitzen  pflegen, 
wie  z.  B.  die  Gesteine  von  Bosenberg  und  Itemigiusberg  oder  die  Porphyrite  des 
Grenzlagers  (darunter  Rosenbusch’s  » Weiselbergite«  und  »Enstatitporphyrite«, 
die,  bald  mehr  augithaltig,  bald  mehr  bronzithaltig,  gar  nicht  von  einander  ge- 
trennt werden  können)  in  die  porphyritisehe  oder  dioritpo  rphyritische 
Reihe,  können  also,  wenn  Quarz  und  Orthoklas  an  Stelle  von  saurem  Glas  oder 
von  saurer  Basis  darin  vorkommt,  nicht  Quarzdiabas  heissen. 

^)  Vergl.  British  Petrography  S.  272 — 276.  Taf.  XXXV,  Fig.  2. 

3)  a.  a.  0.  S.  273. 


296 


K.  A.  Lossen,  Vergleichende  Studien  über  die  Gesteine 


vollkrystalliuiscli  und  deutlich  krystallinisch  pegmatophyrischeu 
Ausbildungsweise  gebraucht  ^),  überhebt  mich  jeden  Zweifels. 

Dass  diese  tyrolischeu,  mit  vorherrscheudem  Quarzglimmer- 
diorit  iuuigst  verbundenen  quarzhaltigen  Hypersthen-,  Bronzit-  und 
Diallag-  oder  Augit-Gesteine,  denen  übrigens  nach  meinen  Präpa- 
raten primäre  Hornblende  auch  nicht  ganz  abgeht,  keine  Norite 
(im  Sinne  Rosenbusch’s)  sein  können,  haben  J.  Roth^)  und  ich'^’) 
1884  bereits  hervorgehoben.  Auch  haben  die  Autoren,  welchen 
die  Wissenschaft  diese  vortrelf  liehe  Monographie  des  Klausen  er 
Diorit-Gebiets  verdankG),  zum  Vergleich  unter  Anderem  bereits  auf 
die  Gesteine  des  Brockens  hingewiesen  ®),  von  welchen  ich  da- 
mals eben  nur  eine  Analyse  des  sauersten  quarzhaltigen  Gabbro’s 
mitgetheilt  hatte *^),  während  ich  für  die  saureren  Quarzaugit- 

')  Massige  Gest.  2.  Aufl.  1887,  S.  479.  Mit  Recht  macht  mein  sehr  ver- 
ehrter Freund  wiederholt  auf  die  grosse  ȟberraschende  Mannichfaltigkeit  in  der 
Struktur  und  im  mineralogischen  Charakter  dieser  geologisch  einheitlichen  Gang- 
forniation«  aufmerksam.  Man  kann  in  der  That  nicht  leicht  lehrreicheres  Material 
zu  petrographischen  Studien  gewinnen,  als  diese  Gänge  bieten.  Wenn  aber 
Rosenbusch  S.  492  hinzufügt,  dieser  Umstand  »lässt  mit  grosser  Wahrscheinlich- 
keit auf  zeitlich  verschiedene,  wenn  auch  der  gleichen  Periode  zugehörige  Ent- 
stehung der  Gangspalten  und  auf  sehr  verschiedenen  intratellurischen  Entwick- 
lungszustand des  injicirten  Magmas  schliessen«,  so  trägt  er  dabei  einen  guten 
Tlieil  seiner  Theorie  in  die  Natur  hinein;  greift  man  an  Ort  und  Stelle  zu,  so 
fasst  man  aus  der  Gangmitte  breiterer  Gänge  den  pogmatophyrischen  bronzithaltigen 
Augitdioritporphyrit,  vom  Salband  oder  aus  ganz  engen  Spalten  dagegen  bringt 
man  glasreiche  Gesteine  mit,  zwischen  diesen  Extremen  giebt  es  mannichfaltige 
Zwischenstufen. 

Beiträge  z.  Petrograph.  d.  pluton.  Gest.  1884,  S.  20. 

0 Dieses  Jahrbuch  für  1883,  S.  XXVIl — XXVIII. 

'b  F.  Teller  u.  C.  v.  John,  Geolog,  petrograph.  Beiträge  z.  Kenntniss  der 
dioritischen  Gesteine  v.  Klausen  in  Südtyrol,  Jahrb.  d.  k.  k.  geol.  Reichsanst. 
1882,  S.  589  ff. 

0 a.  a.  0.  S.  673,  Anm.  b. 

®)  Zum  Vergleich  sei  die  seiner  Zeit  (Zeitschr.  d.  Deutsch.  Geol.  Ges.  Bd.  XXXIl 
1880,  S.  212)  mitgetheilte  Analyse  hier  nochmals  abgedruckt:  SiO'2  53,39;  Ti02 
(ZrOa)  1,89;  AI3O3  12,18;  Fc203  6,18;  FeO  6,70;  MgO  6,17;  CaO  6,80;  NaaO 
2,70;  K2O  1,76;  H2O  2,09;  P3O5  0,25;  CO2  0,28;  SO3  0,24  : 100,13  (Pufahl). 
Die  Darstellung,  die  Rosenbusch  (Massengest.  2.  Aufl.  S.  37  u.  38)  vom  flasse- 
roder  Gabbro  und  den  saureren  dioritischen  Eugraniten  am  Ostrande  des  Brockens 
als  einer  zur  Granitformation  des  Brockens  gehörigen  Randzone  giebt,  ent- 
spricht nicht  getreu  meinen  Erfahrungen , die  ich  in  dem  Satze  zusammengefasst 


des  Spiemonts  und  des  Bosenbergs  bei  St.  Wendel  etc. 


297 


hiotitd  iorito  (Augit-Tona  lite)  auf'  die  älteren  Analysen  von 
Keibel  und  C.  W.  C.  Fuchs  verwies.  Die  hier  unter  a;  veröftent- 
lichte  Analyse  entspricht  einem  mittleren  Kieselsäuregehalt  dieses 
iuteressauten  dioritischen  Typus,  wie  er  sich  speciell  zum  an- 
nähernden Vergleich  für  nicht  allzu  glimmerreiche  und  quarzarme 
Kersantite  empfiehlt,  deren  Kieselsäurewerthe  in  der  zweiten  Hälfte 
der  Fünfzig  liegen,  wie  di(qenigen  der  in  diesem  Aufsätze  be- 
sprochenen dioritporphyritischen  Gruppe;  es  gehen  andererseits 
die  Si 0-2 -Procente  der  dioritischen  Eugrauite  in  der  Brocken- 
gruppe bis  nahezu  65  pCt.  hinauf  und  lös  zu  50’/2pCt.')  hin- 
unter; das  sind  die  Berühruuofswerthe  mit  den  auofithaltisren 
Granititen  und  mit  den  quarzhaltigen  Gabbros,  die  sich  zufolge  der 
chemisch  gliedweise  nicht  angrenzenden,  sondern  übergreifenden 
Verkettung  der  Eriqjtivgesteinstypen^)  bereits  innerhall)  der  Kiesel- 
säurewerthe dieser  Nachbartypen  befinden.  Es  liegt  auf  der  Hand, 
dass,  abgesehen  von  dem  Einflüsse  der  saureren  oder  basischeren 
Natur  des  Plagioklases,  dieser  überhaiqot  als  das  wesentlichste 
Vlineral  in  der  Dioritgruppe  das  gleichmässigste  und  die  Striditiir 
beherrschende  Element  in  deren  Zusammensetzung  ausmacht; 
Quarz  und  Orthoklas  zumal,  aber  auch  Biotit  und  eventuell  pri- 
märe Hornl)lende  auf  der  einen,  Augit  nebst  dem  Eisenerz  auf 
der  anderen  Seite  bedingen  dem  gegenüber  den  Grad  der  An- 
näherung an  den  Granitit  oder  au  den  Gal)l)ro.  Es  hat  nun  ein, 
wie  mir  scheint,  nicht  geringes  Interesse  für  die  Stridcturenlehre 
der  Erstarrungsgesteine  und  für  den  Zusammenhang  zwischen  den 
Strukturen  der  Eugrauite  und  der  Rhyotaxite,  dass  der  Plagio- 
klas, das  herrschende  Strukturelement  dieser  Quarz- 


liabe,  dass  die  Gabbro-Eruption  eine  besondere  Phase  inmitten  der  Eruption  der 
Granite  des  Westliarzos  darstolle.  Man  vergleiche  die  ausführlicheren  Mittheilungen 
in  diesem  Jahrbuch  f.  1887,  S.  XXV  ff.  u.  f.  1888,  S.  XXV  ff, 

fl  Ein  noch  geringerer  Kiesclsäurewerth,  den  ich  a.  a.  0.  S.  208  mit  44,7  jiCt. 
SiO'2  für  einen  »aphanitischen  Diorit«  angegeben  hatte,  bezieht  sich,  wie  ich 
nachträglich  bei  sorgfältigerer  Detailkartirung  und  miliroskopischcr  Untersuchung 
erkannt  habe,  auf  ein  Diabas-Gestein,  das  im  Contact  mit  den  Qiiarzdioriten 
»epidioritisirt«  ist. 

Vergl.  »Ueber  die  Anforderungen  der  Geologie  an  die  pctrograpliische 
Systematik«,  dieses  Jahrb.  für  1883  (1884)  S.  4D3. 


298 


K.  A.  Lossen,  Vergleichende  Studien  über  die  Gesteine 


aiigitbiotitdioi’ite  der  Brockengrnppe  (welche  ja  keine 
grosse  Masse  darstelleu,  sondern  nur  eine  Zone  von  geringer 
Breite  neben  und  zwischen  dem  Granitit  oder  aber  rundliche  oder 
ovale  Ausscheidungen,  seltener  concentrische  Schalen  iin  Granitit) 
vorherrschend  leistenförmig  wohlbegrenzt  airsgebildet 
und  divergentstrahlig  angeordnet  ist,  ähnlich  wie  iu  Ker- 
santiten  oder  Diabasen,  und  dass  in  der  Regel,  und  zwar 
von  den  sauersten  bis  zu  d e u basischsten  Typen  bis  in 
die  Grnjipe  der  quarzführeud  eu  Gabbros  hinein,  der 
Quarz  und  daneben  z.  Th.  auch  der  Orthoklas  und 
manchmal  iu  ganz  ausgezeichneter  Weise  der  Biotit^), 
also  die  im  Granitit  vorherrschenden  Mineralien,  nach 
Art  der  »Ophit«- (Miciiel-Levy)  oder  Diabas-  Struktur 
im  engeren  Sinne  des  Worts  ohne  eigene  selbstständige 
Begrenzung  von  dem  Plagioklasleisteuwerk  eiugezapft 
oder  d u r c h s p i c k t oder  z w i c k e 1 f ö r m i g e i n g e s c h 1 o s s e u 
erscheinen.  Der  Augit  dagegen,  welcher  im  typischen 
Diabas  und  Dolerit  die  abformende  Zwischenmasse  des  Leisten- 
werks ausmacht,  ist  iu  diesen  Diorit-Typeu  zwar  wenig 
regelmässig  begrenzt,  vorwiegend  aber  eher  vor  und 
mit,  als  nach  dem  Plagioklas  auskrystallisirt;  in  den 
basischsten  darunter  kann  man  aber  beobachten,  dass 
Quarz  und  Augit  dem  Plagioklas  gegenüber  dieselbe 
Rolle  der  ophitischen  Matrix  spielen. 

Von  nicht  minderem  Interesse  ist  ferner,  dass  Teall’s  über- 
aus sorgfältige  Beschreibungen  Quarz  als  »ophitic  plates«,  »matrix« 
oder  in  »the  röle  of  groundmass«  im  Verhältniss  zum  wohl- 
krystallisirteu  Plagioklas  zahlreicher  dioritischer  Gesteine  angeben 
und  ganz  speciell  solcher,  die,  wie  die  »Augit- Diorite«  (Quarz- 
Gal  )bros  autorum)  des  Carrok  Fell,  direct  mit  unseren  Ilohne- 
Dioriten  vergleichbar  und  wie  diese  mit  saureren  Gesteinen,  »acid 
augite-beariug  granophyre«,  verknüpft  sind,  oder  solcher,  welche 


b E.  Dathe  giebt  aus  dem  Kersantit  von  Wüstewaltersdorf  ein  ähnliches 
Struhturverhältniss  zwischen  Biotit  und  Plagioklas,  sowie  zwischen  Hornblende 
und  Plagioklas  an  (dieses  Jahrb.  für  1884,  S.  570  u.  571). 


des  Spiemonts  und  des  Bosonbergs  bei  St.  Wendel  etc. 


299 


wie  das  oben  citirte  Gestein  von  Penmaeninawr  den  Vergleich 
mit  unseren  pegmatophyrisclien  Quarzaugitdioritporpbyriten  er- 
lauljen  ’). 

In  doleritisclien  Gesteinen,  die  ich  im  Gegensatz  zu  den 
englischen  Autoren  u.  A.  den  dialiasischen  niclit  stridcturell  irleich- 
werthig  erachten  kann  (—  IIaüy’s  leitender  Meissner  - Dolerit  ist 
nicht  holokrystallin  trotz  seines  groben  Korns,  sondern,  wie  wir 
seit  F.  Zirkel’s  bahnbrechenden  Untersuchunii'en  über  die  mikro- 
skopische  Zusammensetzung  und  Striddur  der  Basaltgesteiue  (1870) 
wissen,  in  den  Zwickeln  (Resteckchen)  basishaltig  — ),  sehen  wir 
in  ein  und  demselben  mikroskopischen  Präparat  an  Stelle  der  ophi- 
tischen  Augitkrystalloide  Zirkp:l’s  mikrokrystallitisehe  Zwischen- 
klemmungsmasse (Mesostasis)  treten  (so  z.  B.  recht  lehireich  im 
Meso-Dolerit  des  Unterrothliegenden  von  ITohfeld  bei  St.  WendeG)): 
das  divergentstrahlige  Plagioklasleistenwerk  formt  sich  an  der  einen 
Stelle  des  Dünnschlifls  im  Augit,  an  einer  anderen  in  jener  aus 
Skeletfeldspathmikrolithen , verkrüppelten  Augitchen^),  Erzkrystal- 
liten  und  glolnditischem  Glas  zusammengesetzten  Basis  ab.  Ganz 
analog  giebt  es  zwischen  den  in  obgedachten  sauren  Augit-Diorit- 
Typeu  über  grössere  Flächen  optisch  einheitlich  ausgedehnten,  in 
basischen  dagegen  wie  in  den  nächstverwaudten  Quarz-haltigen  Gab- 
bros  spärliche